Der Bergsturz bei Schandau

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Autor: M. M. von Weber
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Titel: Der Bergsturz bei Schandau
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10-11, S. 151-153; 170-173
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Bergsturz bei Schandau.

Von M. M. von Weber.

Fast verticale Felswände, auf deren Vorland und Kamm kräftiger, duftreicher Forst von kerzengeraden Tannen und hellgrünen Buchen und Birken sich emporstreckt, in deren kühlen, quellenreichen Schluchten, von keinem Windzuge berührt, das edle Farrnkraut seine tropischen Formen in üppiger Fülle aus tiefem Moose austreibt und Wald von zauberischem Grün seine sonndurchglitzerte Wölbung gegen einen schmalen Streifen blauen Himmels abschließt, begleiten links und rechts den mäandrischen Lauf der Elbe von Pirna bis zur böhmischen Grenze. Das tausendfache Echo dieser Felswände, an deren barocken, bald gnomenhaft hockenden, bald langgedehnt in die Luft strebenden Formen der Schall sich wunderlich bricht, leiht dem engen Stromthale eine wohllautvolle, nie ermüdende Stimme. Das tiefe, wandernde Sausen des Waldes mischt sich hier mit dem rauschenden Ruderschlage fernherkommender Dampfböte, dem weithinschallenden monotonen Rollen der Eisenbahnzüge, dem Murmeln des Stromes und dem Brausen der Mühlen in den Gründen zu einer melancholisch tönenden, aber beredten Sprache unendlichen Lebens. Zuweilen durchbricht dies ewige sonore Sausen und Murmeln der hellere Ton der fällenden Axt im Forst, der Anschlag der Hunde in den Gehöften, der Knall einer Büchse oder eine rufende Menschenstimme als lautere Accente in dieser ewigen Rede der Natur, ohne daß sich deshalb das Haupt des träge auf dem hinsiechenden Dampfboote ausgestreckten Reisenden erhöbe, oder der Ackersmann sein Gespann anhielte, um zu lauschen.

Aber dann und wann kracht, bei blauem Himmel, furchtbarer Donner durch das leise tönende Flußthal! Nicht groß und voll Majestät wie der des Himmels, sondern polternd, schütternd, mit tiefem Knirschen und Krachen gemischt, von dem die Erde bebt und unwillkürlich das Herz sich zusammenzieht. Dann fahren die Reisenden auf den Schiffen empor, die Wanderer stehen still, der Arbeismann richtet sich von seiner Arbeit auf; so weit man diesen Donner hört, stockt einen Augenblick jede Thätigkeit, und so manchen Mund hört man die Worte murmeln: „Gott geb’ es gnädig!“ -

Diejenigen aber, welche sich in jenem Augenblicke einer gewissen jener kahlen, grell beleuchteten Stellen der Felswände gegenüber befanden, die durch ihre harte, glänzende Farbe die Harmonie des Thalbildes so empfindlich stören und von denen aus sich gewaltige Sandhalden bis an den Strom strecken, sahen plötzlich den Wald auf dem Kamme der Felswand wanken, dann reihenweis die mächtigen Stämme, mit Felsblocken und Geröll und Schutt gemischt, in die Tiefe stürzen, und dann endlich die eben noch wie für die Ewigkeit gegründete, thurmhohe Felswand sich mit gähnenden Rissen bedecken, mit furchtbarem Donner in einzelne Blöcke auflösen und, Staubsäulen aufwirbelnd und wie ein Vulcan Gestein und Schutt weit umher schleudernd, in sich selbst zusammenbrechen. - -

Es ist dann in einem Steinbruche der sächsischen Schweiz „eine Wand“ gefallen. Seit den Jahrhunderten, in denen aus dem berühmten, schönen Steine, der „Pirnaischer Sandstein“ heißt, in Nähe und weiter Ferne Kirchen und Brücken, Paläste und Festungsmauern, Museen und Wohnhäuser gebaut worden sind, wird dieser Stein in unveränderter, unverbesserter, gefahrvoller Weise gewonnen.

In mehr oder minder mächtigen, fast ganz horizontal gelagerten Bänken, die unter einander so gut wie gar nicht verbunden sind, thürmt sich dieser Thonsandstein zu den Felsen der sächsischen Schweiz auf. In höchst unregelmäßiger Vertheilung durchfahren diese Bänke Verticalklüfte, die meist mehrere derselben mit scharfen. glatten Flächen durchschneiden. In der Steinbrechersprache heißen diese Klüfte „Lose,“ d. h. Stellen, wo der Stein selbst losbricht, wenn ihm seine Unterstützung genommen wird. Auf diese Formation des Sandsteins der sächsischen Schweiz gründet sich die Methode von dessen Gewinnung.

Man sucht eine Felsmasse guter, bauwürdiger Beschaffenheit aus, die durch „Lose“ von der Gesammtmasse genügend getrennt erscheint. Einen solchen Felsenkörper nennen die Steinbrecher „eine Wand.“ Man arbeitet die unterste Felsenbank desselben so lange und so tief heraus, bis die Masse sich in verticaler Richtung in den Losen, in horizontaler, vermöge des Durchbrechend der festen Bänke, vom Felsen trennt, das Uebergewicht nach vorn bekommt und, sich selbst in leichter behandelbare Stücke zertrümmernd, zusammenstürzt. Die so mit einem Male herabgeworfenen Massen variiren an Gewicht von zehntausend bis mehrere hunderttausend Centner.

Wie nahe der Augenblick des Ueberstürzens an den des Feststehens grenzt, wie schwer sich alle Einwirkungen von Nässe, Temperatur, wechselndem Anquellen und Zusammentrocknen des Erdreichs, der Wechsel der Cohäsion und Reibung des Gesteins, Angesichts so ungeheurer, unregelmäßiger Massen, deren Schwerpunkt nur ganz ungefähr zu taxiren ist, abschätzen lassen, liegt auf der Hand, und damit tritt auch das ganze, ungeheure Maß der Gefahr, das mit den letzten Arbeiten beim „Hohlmachen“, so heißt in der Steinbrechersprache das Unterminiren der Felswände, verknüpft ist, vor die Seele. Aber diese Gefahr wird noch wesentlich durch die Form, in der die Arbeit ausgeführt wird, vermehrt.

Meist wird, um Gestein, Material und Arbeitslohn zu sparen, die „Höhlung“, welche oft 20 und 30 Ellen tief, bei einer Breite von 30-100 Ellen, in den Felsen hineinreicht, so niedrig gemacht, daß der Arbeiter nur liegend arbeiten kann, indem er auf einem Strohkissen mir der linken Schulter ruht und nur kriechend die furchtbare, grabähnliche Kluft zu verlassen im Stande ist. An ein schnelles Entfliehen ist daher, wenn „die Wand“ Zeichen von Bewegung geben sollte, nicht zu denken.

Die ersten dieser Zeichen bestehen in dumpfen, kanonenschußähnlichen Knallen im Innern der Felsmasse, wodurch sich das Durchbrechen der Gesteinbänke zu erkennen giebt. Die Steinbrecher sagen, wenn diese schauerlichen Warnungssalven aus dem Innern des Gebirgs heraus erschallen: „die Wand schreit“. Stählerne Nerven gehören dazu, um es bei diesen Dröhnungen in der Nähe einer solchen Wand auszuhalten!

Meist aber dauert dies Knurren im Felsenstocke Tage und Wochen lang, ehe sich eine merkliche Bewegung der Wand zeigt. In Steinbrüchen, welche mit einiger Vorsicht betrieben werden, [154] unterstützt man, vom ersten Schreien der Wand an, dieselbe mit einer großen Anzahl mannsstarker Stempel von kräftigem Holz, um dem allzuplötzlichen Sturze vorzubeugen.

Sorgsam legt der gewissenhafte Bruchmeister zwischen einige dieser Stempel und die Felsendecke, alte Tassen, Pfeifenköpfe oder die Scherben des Bierseidels, das bei der letzten Flucht von stürzendem Gestein zerschlagen wurde. Das allergeringste Herabrücken der „Wand“ zerdrückt diese Scherben dann mit lautknirschendem Klirren. Dies ist den in der Höhlung Arbeitenden dann das Signal zu eiliger Flucht. Kaum aber haben die Symptome der Bewegung wieder aufgehört, hat die Wand sich wieder „gesetzt“, so sieht man auch die. tollkühnen Steinbrecher wieder in die schauerliche Gruft der „Höhlung“ kriechen, und auf’s Neue hört man, tief hinten in der feuchten, niedrigen, lichtlosen Kluft, allenthalben Eisen auf Stein klingen, beschäftigt, die Höhlung tiefer zu machen.

Nach den ersten deutlichen Bewegungen der „Wand“ hört das Knacken, Knallen und zornige Poltern im Innern des in seiner Ruhe gestörten steinernen Riesen nicht auf. Da hört man Sand rieseln, Kiesel in Spalten kollern; Gesteinschalen lösen sich und schlagen klatschend herab, Felsbänke verschieben sich mit tiefem, mächtigem Knirschen, und in den oben erwähnten Losen lockert sich Geröll und Lehm und zeigt die tief hineingehenden, trennenden Spalten. Und endlich löst sich auch der moosige Waldboden auf dem. Kamme der Wand! Die alten Stämme, die seit hundert Jahren die Zweige im Sturme kämpfend verschränkten, rücken auseinander; die uralt verschlungenen Wurzeln zerren sich wundgerungen aus dem dichten Geflecht, das zerrissene Moos hängt in Festons in der neuentstandenen Kluft, und ein Stück duftender, rauschender Wald neigt mit der sinkenden „Wand“ dem kahlen steinigen Abgrunde zu.

Ist es aber so weit nun mit dem sterbenden Felsgliede, dann werden, von vorsichtigen Brechern, Reihen von mächtigen Holzkeilen auf der Höhe in die gebildeten Spalten getrieben, ein Theil der stützenden Stempel wird dünn gehackt und der Rest mit tiefen Bohrlöchern versehen, die man mit Pulver füllt und mit langsam brennenden Zündern versorgt. Mit gewaltigen Holzschlägeln wird, von colonnenweis aufgestellten Leuten, oben auf die Keile geschlagen und Keil vor Keil gesetzt, wie der Spalt sich weitert und der Felskoloß sich neigt. Ununterbrochener wird Knallen, Prasseln, Rieseln und Kollern im Innern – jetzt neigen sich die ersten Stämmchen auf dem Kamme und stürzen mit einem mächtigen Gusse von Schutt in die Tiefe, jetzt folgen ihnen große Geröllsteine und donnern, in Staub zerberstend, auf das Holz herab – jetzt lösen sich Schalen, Hunderte von Centnern an Gewicht, und erfüllen das Thal mit hallendem Donner. Immer leichter ziehen die Keile! Jetzt wird von einem beherzten Manne Feuer an die Zünder in den stützenden Stempeln gelegt. Weit hinaus weckt der Knall des zersplitternden Holzes das Echo der Waldberge, der leichte, blaue Pulverrauch wirbelt empor. – – Jetzt der zweite Schuß, der dritte, fünfte, zehnte – das Echo braust ununterbrochen – die Wand hüllt sich in blaue Pulverschleier! – Da schüttelt sie plötzlich die Krone von Wald von ihrer hohen Stirne – mit stöhnendem Sausen stürzen die Reihen der Fichten, in der Luft wirbelnd, mit Grund und Boden, Schutt und Land in die Tiefe. Ein Katarakt von Geröll folgt! – „Die Wand kömmt!“ Die Erde scheint sich zu spalten, denn riesige Risse schießen, so weit und breit der Blick die Felswand umfaßt, über die hohe Steinmasse dahin. – Dem Zuschauer schwindelt – die Grundfeste der Erde scheint in Bewegung – die Wand neigt sich – und nun ist nichts als Erdezittern und Donnern und Durcheinanderwälzen von Felsblöcken und unermeßliches Staubgewölk, über das, wie vulcanisch geschlendert, Baumstämme und Felsen emporspringen und aus dem hervor eine Anzahl hausgroßer, unförmlicher Blöcke, wie eine Heerde wildgewordener Elephanten, den Wald wie Gras zerquetschend, hinunter nach dem Strome setzen. – Und die ganze Atmosphäre ist nur eine Sturmesbewegung von Schall und Luftdruck – und dann wieder vollkommene Todesstille. Die erschütterten Menschen schweigen, wie die erschrockenen Vögel. – Alles ist vorüber, und nur der Fels sieht so ganz anders aus, wie seit zehntausend Jahren. –

So fällt die vorsichtig gefällte, glücklich stürzende Wand.

Wehe aber, wenn sie mit ihrem Falle die unglücklichen Arbeiter in der Höhlung überrascht und sie entweder, fast muß man dies Glück nennen, im Nu erdrückt, oder in entsetzlichen, niedrigen, unter dem gestürzten Berge übrig bleibenden -Steinsärgen lebendig begraben, dem furchtbarsten Tode des Erstickens, Verhungerns oder Verdurstend, oder, selbst im Falle sie durch unerhörte Anstrengungen gerettet werden sollten, der entsetzlichsten Todesangst preisgiebt!


Wer von dem reizenden kleinen Badeorte Schandau aus gemächlich am rechten, waldigen Ufer der Elbe hin stromaufwärts wandert, erreicht bald eine links in die Felswände hineinschneidende, enge Schlucht, die wegen Gott weiß welchen glücklichen Gebräu des in einem der Dörfer, zu dem der Weg durch die Schlucht leitet, im Volksmunde den drolligen Namen „zum guten Bier“ führt. Das Thor der Schlucht bilden hohe Wände von trefflichem Gestein, und rechts und links sind daher die stolzen Felsenmassen durch zwei gewaltige Steinbrüche defigurirt, deren mächtige Halden, zwischen denen der umbuschte Grundweg empor gewunden ist, sich bis an das Ufer der Elbe strecken. An der thalwärts gekehrten Ecke des Grundes liegt der größte der beiden Steinbrüche, dessen Hauptfronte, in einer Länge von 250–300 Ellen, nach der Elbe zu gekehrt ist. In dieser Richtung wurden auch in dem Bruche die Wände gefällt. Die Halde des Bruchs erhebt sich, dicht vom Elbufer, circa 60 Ellen hoch steil empor, dann nimmt ein ungefähr 100 Ellen breites, horizontales Vorland das fallende Gestein auf. Von diesem kleinen Plateau aus erhebt sich dann die eigentliche Bruchwand wieder ungefähr 70 Ellen hoch vollkommen vertical. Nach der Schlucht „zum guten Biere“ hin war die Felsmasse so gut wie gar nicht angebrochen.

Dieser Steinbruch, der sehr schönen, besonders sehr weißen Stein lieferte, gehörte seit geraumer Zeit einem, leider nun verstorbenen, wackern Industriellen, G. Quandt mit Namen, dessen Thätigkeit mit Oelmühlen, Schifferei, Steinbruchbetrieb, Flößerei das obere Elbthal belebte. Während fünf Jahren wandte dieser wohlhabende Mann bedeutende Summen auf das „Hohlmachen“ einer außerordentlich großen Wand in diesem Bruche, die in einer Länge von 150 Ellen und einer Höhe von durchschnittlich 40 Ellen fallen sollte. Die Stärke und der feste Zusammenhang der Bänke widerstand aber in außerordentlicher Weise den Bestrebungen, so daß die „Höhlung“ schon 25 und 27 Ellen tief hineingedrungen war, ohne daß sich irgend welche Anzeichen, die auf den baldigen Fall der Wand gedeutet hätten, kund gaben. Bloß ein Theil der unteren Bank, von trefflichem Gestein, brach im vorigen Herbste nieder, wodurch die „Höhlung“ an einigen Stellen über mannshoch wurde. Als die jetzigen Besitzer des Bruchs, die Herren Fröde und Pieschel, den Bruch nach Quandt´s Tode kauften, beschlossen sie, den schönen Stein der gefallenen untern Bank während des Winters zu Steinwaaren verarbeiten zu lassen und dieselben, zu verwerthen, während dieser Zeit aber die Arbeiten am Hohlmachen einzustellen, damit der Sturz der Wand nicht etwa die fertigen Steinwaaren zerstören möchte.

Niemand dachte somit an den Fall der Wand, die, wie gesagt, noch keinerlei Anzeichen gegeben hatte, daß sie demselben nahe sei.

So hatten sich denn die Arbeiter auch in der anscheinend völlig sicheren Hohlung selbst einen Schutz vor den scharfen Thalwinden geschaffen, indem sie in der zumeist stromauf gekehrten Ecke derselben Geröll, sogenannte Horzeln, und sonstigen Bruchabfall, zu einer Art dicken Mauer zusammenhäuften, die, fast bis an die untere Platte der Höhlung reichend, mit den Felswänden der Höhlung selbst zusammen, eine Art geschlossenen Raum herstellte, dessen Decke die genannte Felsplatte bildete, der sein Licht durch einen zwischen Platte und Schuttmauer gelassenen Spalt erhielt und in und aus welchem man durch eine freigelassene, große Oeffnung in der Schuttwand verkehrte.

Der innere Raum dieser Art von Steinhütte war ungefähr acht Schritt in’s Geviert groß und so hoch, daß ein Mann gerade darin stehen konnte. Die Platte der Wand ragte über denselben fast noch 10 Ellen weit horizontal, elbwärts hinaus. Es war ein ganz behaglicher Winkel da für die armen Steinbrecher; wie in einem Keller, kühl im Sommer, lauwarm im Winter. – Lustig knisterte hier am Morgen des 25. Jan. ein. Feuerchen, an dem ein 14jähriger Knabe, Sohn eines der 24 Steinbrecher draußen, deren Eisen im muntern Klingklang auf dem Gestein seit Tagesgrauen erschallt war, den Kaffee zum zweiten Frühstücke der Männer bereitete. Sie ließen sich nicht zweimal rufen, als, nach [155] Steinbrechersitte, aus weittönendem Signalhorn das Frühstückzeichen gegeben wurde, und das langnachplaudernde Echo hatte den letzten halben Takt noch nicht ausgesungen, als Alle um das Feuerchen saßen und mit warmem Trank und, nach Steinbrecherart, sehr fetter Kost von Brod und Speck, die Kälte ans den steifgefrorenen Gliedern, die das kalte Eisen kaum mehr halten mochten, zu treiben suchten. Die karg zugemessene, halbe Stunde des Frühstücks wird vom Arbeiter ausgenutzt. Er plaudert gerne, wenn er ißt. Am liebsten aber von allen Arbeitern der Steinbrecher, dem seine Arbeit selbst das Sprechen verbietet, weil dies das Einschlucken des Steinstaubes befördert, welches ja ohnehin, wie bekannt, das Leben des Steinbrechers in so grausamer Weise verkürzt, daß ein Fünfziger unter diesen Armen ein Greis genannt wird.

Hier gab ein Wort das andere. Die kurz vorher in Sachsen verspürten Erdstöße hatten das Interesse der ihr halbes Leben im Geripp der Erde zubringenden Leute lebhaft angeregt. Um den Nestor der Steinbrecher, den alten Linke, einen Mann, dessen eisenfeste Gesundheit den erwähnten, verderblichen Einflüssen des Gewerbes doppelt so lange als andere rüstige Naturen widerstanden hat, saßen sie, roth vom Feuer angeglüht, während blaue Strahlen der schrägen Wintersonne den Rauch durchführen. Linke liest die Zeitungen allsonntags auf der Ostra-Scheibe bei Schandau, er ist auch bibelfest, der hohlwangige, graue, hustende Achtundsechzigjährige. Er spricht vom Ausbruch des Vesuv, vom Lissaboner Erdbeben. – Man lauscht und hat die Zeit vergessen – draußen tritt der Signalist vor die im Sonnenschein liegende Felswand und richtet das Horn nach der leuchtenden Fläche, um es recht lustig klingen zu lassen – da schwindelt ihn – es bewegt sich Alles, so weit er sieht – die Bäume droben nicken – die Felsen neigen sich – „Hilf, großer Gott! die Wand stürzt!“ – Weit von sich wirft er das Horn – die bleiernen Füße wollen nicht wie sein Hirn – ein böser Traum – und hinter ihn: ist Donnern, Krachen und Knirschen, an ihm vorüber, über ihn weg, setzen, wie wilde Eber und Hirsche, hundert Centner schwere Blöcke brüllend in die Tiefe, wie riesige, pfeifende Fledermäuse umschwirrt ihn Gestein, Sand bedeckt und blendet ihn – er stürzt und glaubt sich verloren – da ist es still um ihn – grabesstill – er wagt, das Haupt zu erheben – da steht die Felswand – weit zurück -– und vor ihm liegt, thurmhoch titanisch ausgeschüttet, die furchtbarste Felsengrab-Pyramide im hellen Sonnenglanz. – Mannsstarke Tannen sind als Grabespalmen darauf gestreut, wie ein Kind Grashalme auf den Hügel des Lieblingsvogels wirft. Sinnverwirrt denkt der Mann an Nichts, als sein Signalhorn unter den Trümmern zu suchen.[1] – – –

Drinnen aber hatte, gerade als der Greis vom Erdbebenrollen sprach, ein dumpfschwerer, markerschütternder Knall im Felsen die Sitzenden emporgejagt – da dröhnt ein zweiter, und mächtiges Geprassel, wie von losen Gesteinsmassen, die aus großen Höhen fallen, folgt. „Ein Erdbeben!!“ – schreien einige Stimmen. – „Helf uns Gott ja!“ ruft der alte Linke, „aber von oben! “ – und im selben Augenblicke zittert der Fels um sie her in den Grundfesten. Die Stehenden fühlen den Druck der sinkenden Decke auf den Köpfen – grabfinster wird’s im Nu – und um sie kracht es und donnert und zittert – – Dann gleich ist’s todesstill – mir dann und wann noch – fern draußen – außerhalb des Berges – der dröhnende Sturz eines Felsblocks – ein leises Schieben im Gestein. – Sie sind lebendig begraben. – Sie schweigen Alle – als fürchte Jeder die furchtbare Ueberzeugung, allein zu leben; dann beginnen sie mit leiser Stimme zu rufen, wie um die Grabesstille nicht zu stören: „Petters! Heckel! Kühn! Linke! Löser!“ – „Hier! hier!“ tönt’s bei jedem Namensruf aus der dumpfen Finsterniß – vierundzwanzigmal. – Alle sind da, Alle leben. – Jetzt erst löst sich der Schreck in Worte und Thränen. Die steinernen Männer weinen. Es ist Nichts als Schluchzen in dem gemeinsamen Grabe. – Aber Naturen, wie die solcher gefahrenharten Leute, reagiren stark gegen die unthätige Muthlosigkeit. Des alten Linke Stimme, die Alle kennen, wird zuerst laut: „Vertraut Gott, Kinder! Wer weiß, ob es so schlimm ist, als es aussieht. Richter (der wackere Bruchmeister) lebt! Wir werden nicht im Stiche gelassen werden. Vor Allem müssen wir sehen, wie das Gestein um uns liegt und ob wir uns nicht selbst durcharbeiten können. Wer weiß, ob die Masse, die uns deckt, groß ist?“

„Ist kein Kien da, um Lichtspähne zu machen? Die Bank ist kienig!“ – Spähne werden geschlissen, und eine Minute darauf erhellt die rothe aufflackernde Flamme die furchtbare, niedrige Höhle, zu deren Eingang das entsetzliche Schuttgeröll hereingequollen ist, und die bleichen, angstfahlen Gesichter. Man leuchtet umher – doch da ist Alles fest geschlossen, wie vermauert. Eine Platte, von der sie alle wissen, daß sie mindestens 13 Ellen von massivem Stein dick ist,, deckt sie von oben, und das ist ihr schauerliches Glück. Geschlossen ist die Höhle felsentief gegen Leben und Tod von außen – aber da steht nur ein Krug mit Wasser, da sind höchstens noch 10 Pfund Brod, da sind noch einige Schnitte Wurst und Speck – der Tod braucht nicht von außen zu kommen, der ist sicher genug mit ihnen eingeschlossen, wenn es Gott nicht gefällt zu retten und Menschen nicht retten können! – Und es ist so todesstill da unten, kein kleiner Laut dringt von außen her; sie müssen recht, recht tief begraben sein. –

[170] [171] und Lage der Massen geleitet, bekletterte der Leiter der Arbeiten in den Fröde-Pieschelschen Brüchen, der wackere Bruchmeister Richter, trotz bröckelnden Gesteins und nachstürzenden Gerölls, mit fünf unerschrockenen Männern den Trümmerberg, um sich einen Plan für die Rettungsarbeiten zu bilden. Mit ängstlicher Spannung verfolgte das versammelte Volk den Weg der Braven, die bald auf Geröllhügeln auftauchten, bald zwischen riesigen Felsblöcken verschwanden. Plötzlich sah man sie, fast auf der höchsten Höhe des Trümmerbergs, Halt machen und einen von ihnen versinken. Fast unmittelbar an der Felswand hatte sich zwischen zwei gebrochenen, fast 16 Fus; dicken Steinbänken eine Kluft gezeigt, die weit in der Richtung, in der man die Verschütteten liegend wußte, hinabzuführen schien. In diese entsetzliche Kluft, kaum so breit, daß ein Mensch sich durchzwängen konnte, kroch ein junger Steinbrecher, Linke mit Namen, der Sohn des Alten drunten in der Gruft, trotz nachstürzenden Gesteins, trotzdem, daß die noch in Bewegung befindliche Masse jeden Augenblick ihn in der verengerten Kluft erdrücken konnte, hinein – drei Viertelstunden lang harrte man ans seine Rückkunft, ja gab ihn verloren – da tauchte er unter freudigem Zuruf wohlbehalten wieder auf; die Männer stiegen herab, und der Kampfplan war nun gemacht!

Auf drei Wegen wollten die Retter versuchen vorzudringen. Zunächst sollte, und davon hoffte man den schnellsten Erfolg, ein Stollen an der Felswand selbst hin, durch die Sturzmasse getrieben werten. Dieser mußte fast 40 Ellen lang sein, um bis zu den Verschütteten zu reichen. Eine zweite, kleinere, aber aus besonders muthigen, freiwilligen Leuten bestehende Abtheilung, wurde beordert, den Weg durch die hohlen Räume, der Sturzmasse von oben her zu verfolgen, auf dem Linke, wie er behauptete, bis auf 20 Ellen Distanz zu den Verschütteten niedergedrungen war. Eine dritte Abtheilung sollte endlich, von Westen her, versuchen, sich durch einen, anscheinend besonders lockergefallenen, Theil des Schuttkegels durchzuarbeiten. Letzterer Versuch wurde bald als zu weitaussehend aufgegeben.

Zeitig brach die tiefe Nacht ein. Unheimlich glühte im Licht der Fackeln und Kienkörbe, mit tiefen Schlagschatten, die Felswand und die gewaltige Grabpyramide in die dunkle Gegend hinaus. Der Regen goß in Strömen herab. Der Sturz neuer Schutt- und Steinmassen machte jede Annäherung an die Stelle, wo die Arbeiten beginnen sollten, lebensgefährlich.

Die Nacht wurde dazu verwendet, Schutz gegen dieses vernichtende Batteriefeuer von oben zu schaffen. Im nächsten Forste, gleichviel wem er gehörte, schlug man ein halbes Hundert Stämme, die, in mannsstarke Hölzer von 8–10 Ellen Länge getrennt, so, Stamm an Stamm, gegen die Felswand gelehnt wurden, daß sich ein fast bombenfestes schräges Dach bildete, das die herabstürzenden Gesteine weit von sich schleuderte und in dessen Schutz die Leute rüstig zur Stollenarbeit vorgehen konnten. Schwieriger war für die Wackern, die von oben in die Klüfte dringen sollten, ein Schirm gegen den Steinschlag zu schaffen, und ungenügender fiel er aus, da der Transport von wirklichen Stämmen auf die Höhe der so tief zerklüfteten Schuttmasse unmöglich war. Nur aus Stangen gelang es endlich, ein dürftiges Schild herzustellen, durch das hindurch sie oft genug mit Sand, Schlamm und Geröll überschüttet wurden.

Keiner der wackern Arbeiter wich, trotz Kälte und Nässe, vom Platze. Wärmende Getränke und Speisen langten von Schandau, Königstein, Pirna an, der Arbeitsplatz wurde zum ernsten Feldlager vor einer Schlacht. Und welcher Schlacht!! Keiner solchen, in der Fanatismus, Nationaleitelkeit, Völkerzwietracht oder Fürstenlaunen mit einander streiten und verblendete Kämpfer zusammenjagen, sondern einer Schlacht, wo Menschenliebe mit der todten Naturgewalt um das Leben des Nächsten ringt.

Welcher Kampf ist des Schweißes und Blutes der Edeln werther?!

Weit rings umher saßen, frostzitternd in sich gebeugt, die Angehörigen der Verschütteten, kleine Kinder schmiegten sich weinend an die Erwachsenen, die kraftlos waren wie sie.

Der Tag graute, der Ton der Frühglocken zitterte von Schandau herauf. Da begann die Thätigkeit aus allen Theilen. Heut war heiße Arbeit Sabbathfeier und das Keuchen der Anstrengung das Gott wohlgefälligste Gebet. Die Hoffnung, mit dem Stollen am Felsen hin zuerst ans Ziel zu kommen, erwies sich trügerisch. Das Geröll war zu mächtig und dabei zu lose.

Theilweise Auszimmerung ward nöthig, welche die Arbeit verzögerte. Nichts desto weniger kroch der Stollen, getrieben von Wackern, die weder das Zusammenrollen der Schuttmassen, noch den tückischen Fall der deckenden Felsstücke fürchteten, stündlich tiefer in’s Gestein.

Ueberraschend hingegen förderte sich die Arbeit von der Höhe herab in die Klüfte zwischen den gestürzten Bänken des Felsens. Hier arbeiteten sich fünf der allerwackersten und todesmuthigsten Steinbrecher in einem gewundenen, vielfach gebrochenen, dunkeln, engen Schachte in die Tiefe hinab. Was kümmerte es diese Tapfern, daß das Gestein um sie knirschte und sie in ihrer engen Kluft jeden Augenblick, weit furchtbarer als die da drunten, zu begraben drohte? Das Geröll wurde in Klüfte gestopft, die größeren losgearbeiteten Steinstücke von Hand zu Hand zu Tage hinausgereicht. Um das Aus- und Einfahren zu begünstigen, wurde eine Webe Segeltuch von einem Schiffsherrn im Thale geholt und in den schrägen Schacht gehängt, so daß die Leute, ohne Geröll mit fortzureißen, Hinabrutschen konnten. Gefährlich liegendes Gestein wurde mit Stempeln abgespreizt, hindernde Ecken wurden abgeschlagen; dennoch war der Schacht an vielen Stellen so eng, daß ein Mann sich kaum durchzwängen konnte.

Die Wackern, die in dieser Kluft, deren Befahrung schon eine That großen Muthes war, fast 50 Stunden lang, ohne Rast arbeiteten, waren der junge Linke, Hardig aus Postelwitz, Winkler, der Muthigste und Beste von Allen, und der treffliche Bruchmeister Richter, der, vom Stollen zum Schacht und vom Schacht zum Stollen eilend, auch immer ein Wort des Trostes für die armen Weiber und Kinder draußen, hatte.

Schon will, von fast zwanzigstündiger Anspannung der Kräfte, der Muth sinken, die Schläge werben matter, die Aufgabe bewältigt die Leute – da quillt es zwischen den Geklüftspalten bläulich empor – es ist Rauch ans dem Innern der Schuttmasse – Nicht Alle sind todt – sie haben Feuer – sie leben! – Diese Gewißheit haucht alle Müdigkeit weg und kühlt die brennenden Hände. Am Sonntag Nachmittag ist der Schacht volle 40 Ellen tief. Die rastlosen Vier da unten lassen in kurzer Pause die Flasche kreisen – da – tick – tick – tick – klingt es ans der Tiefe – Hammerschläge – sie arbeiten von unten!! - -

Die Freudenpost fliegt durch das ganze Thal, und nur die Angehörigen fragen doppelt bange: Wer lebt?


Drunten in der Gruft schlich die Nacht grabesstill. Träumen war so schlimm wie Wachen, und Wachen ein böser Traum. Sonntag Morgen! Die Uhr zeigt Kirchgangzeit – Glockengeläut – Ob man es je wieder hört? – Der alte Linke ruft: „Kinder, jetzt beten sie in der Kirche für uns, laßt uns mit beten!“ Und die zitternden, heisern Stimmen erheben sich im dunkeln Felsengrabe zu „Befiehl Du Deine Wege,“ und „Auf Dich, mein lieber Gott, ich traue,“ und verhallen zwar dumpf in der niedrigen Gruft, aber dringen durch Felsen und thurmhohes Gestein hinauf zu dem großen Gotte der Liebe, der die Berge aufbaut und versinken macht.

Und kaum ist der Gesang verhallt, als Petters, der mit dem Rücken am Felsen lehnt, aufspringt und ruft: „Kinder, still! still! hört! – „Es klang aus dem Berge heraus, als ob ein kleiner Gnom drin scharre. – Der erste Ton der Außenwelt - Gott sei gelobt! da ist die Hoffnung!“ Und wieder sangen sie und hatten schon klingendere Stimmen. Mit der Hoffnung aber kehrt auch die volle Empfindung der Entbehrung zurück. Man versucht ein Feuerchen anzumachen, der Rauch zieht emsig durch die Spalten ab und kündet oben das Leben. Kaffee wird gekocht und zunächst dem einen von Schreck, Weinen und Kälte halb todten Knaben eingeflößt, der in einem Winkel auf Stroh liegt – dann feuchten sich die Männer die Lippen an und essen einen Mundvoll Brod. – Dann und wann halten sie den Athem an, um das leise Nagen zu hören, das da stets zu ihnen herabflüstert. – Wie ringt nun Hoffnung und Angst miteinander!–-„Werden wir aushalten, bis sie zu uns durchdringen? Sind sie auf dem rechten Wege? Gott wird sie leiten!“ Und Er that es. – Von Stunde zu Stunde wird das Nagen lauter, bald klingt es dumpf, wenn die Arbeit am Geröll wühlt, bald hell, wenn sie feste Bänke durchbricht. Mit dem Ohr am Boden, an den Wänden, an der Decke der Höhle lauschen die Männer der himmlischen Musik der Arbeit, die so oft ihre Pein und Plage war. Immer bestimmter wird die

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Die Gartenlaube (1862) b 172.jpg

Das Grab der Verschütteten.
Nach der Natur aufgenommen von August Reinhardt.


Richtung der erst diffusen Töne unterscheidbar. – Mit gewaltigen Hammerschlägen gegen die Felswand sucht man sich nach oben kund zu geben. – Jetzt beginnt es auch von Osten her nagend zu bröckeln – die Arbeit im Stollen wird hörbar – die Hoffnung steigt und die Todesangst beginnt fieberischer, verzehrender Spannung Raum zu geben. – Beim Abendgottesdienste mischt sich schon Lauschen auf den Ton der irdischen Rettung in die Erhebung zum himmlischen Erlöser. – Und die Hoffnungsreichen lassen sich durch das Geknirsch der Gnomenarbeit in einige Stunden unruhigen Schlummers wiegen.




Weit und breit hatte während des Sonntags das Elbthal geschwiegen! Keine Musik, kein Tanz in den lebenslustigen Städtchen ringsumher. Wer hätte jubeln mögen während der Todesqual der Brüder! Aber hinausgeströmt war die Menge, für die wackeren Arbeiter Erquickungen mit sich führend, und umstand das gewaltige Felsengrab schweigend – die Nacht unterbrach die Arbeiten nicht. Bänke wurden durchsetzt, Leitern in Klüfte gesenkt, immer neue nach unten gehende Spalten zeigten sich, die, schnell erweitert, den Weg förderten. Mehr als einmal trieb es freilich auch den Allermuthigsten aus dem furchtbaren Schlotte, in dem sie weilten, wenn das Gestein, das sie berührten, knackte und knirschte, aber kaum schwieg der grauenhafte Ton, waren sie wieder in der Tiefe, bei der Arbeit. Auf den luftigen Höhen des berühmten Basteifelsens steht ein Sprachrohr, mit dem der Reisende dem auf sonniger, ferner Höhe stehenden Genossen einen Jubelruf zuzutönen pflegt; das war herbeigeschafft worden, um Menschenlaute hier in das Grab hinab dringen zu lassen. Als sich beim Wegräumen einer Schuttmasse ein tief hineingehender Spalt zeigte, setzt es Richter an den Mund und hinab dröhnt’s: „Lebt Ihr?“ Und sie hören es drunten, die lebendig Begrabenen – die Menschenstimme von draußen, und fallen auf die Kniee und schreien wie aus einem Munde: „Ja, wir leben Alle!“ Aber das Geräusch da draußen verschlingt den leisen Ton aus der Tiefe. – Vierzig Stunden unablässig hatten die schlichten, tapfern, wackeren Retter gewirkt, da erreichte der Schacht die 16 Ellen dicke, massive Platte, die das Grab der Verschütteten deckt, und ein gütiger Gott hatte Meißel, Brecheisen und Spaten gelenkt, der Schacht traf genau die Kante der ungeheuren Steinmasse, so daß man sie nicht zu durchbrechen brauchte, sondern in einer Kluft leicht an ihrer Seite hinab gelangte.

Plötzlich hörten die Eingeschlossenen die Arbeitstöne nicht mehr über sich, sondern deutlich stromwärts, fast in gleicher Höhe mit der Höhle, in genau zu bestimmender Richtung. „Jetzt drauf und dran, Freunde!“ rief Linke „kaum zwanzig Ellen von uns, da drüben müssen sie schon sein! Die letzten Kräfte zusammengenommen! Wir wollen ihnen entgegen.“ Und der Knabe schleißt Spähne und hält sie in Brand, und unter der Felsplatte hin wühlen die Leute emsig den Schutt weg, den draußen Arbeitenden entgegen. [173] Jetzt leitet auch die Platte den Ton, und auf den Ruf: „Lebt Ihr?“ dringt die Menschenstimme aus dem Grabe: „Alle vier und zwanzig.“ Leider verstand der wackere Bruchmeister „vierzehn“, und die Kunde, daß nur vierzehn lebten, lief daher von Munde zu Munde den Schacht empor und hinaus unter Weiber und Kinder, und den erschütterten Gemüthern war es gerade, als könnte Vater, Gatte, Bruder nicht unter den Lebenden sein.

Nicht lange sollte die Ungewißheit dauern. Da drunten dröhnte nun von außen und innen Stoß um Stoß, Schlag um Schlag. Das Blut quoll den wackern Rettern unter den Nageln vor. Sie arbeiteten, um schnell vorwärts zu kommen, einen so niedrigen Stollen aus, daß sie auf dem Bauche liegen mußten; Einer schob dem Andern das Losgerissene zu, daß sie sich fast selbst den Ausgang vermauert hätten.

Wer sollte denen da drinnen zuerst die Hand drücken?!

Jetzt nur einen Augenblick Pause, um Athem zu schöpfen! – Da frug Richter wieder: „Wie steht’s drinnen?“ „Wir sind alle 24 wohl und gesund!“ Da schreien die Leute vor Jubel auf, und der Schrei hallt von da hinaus und kündet ein Wunder, ein hohes Wunder Gottes! Eine Felsenlast von über zweimalhunderttausend Centnern stürzt über 24 Männer herab, begräbt sie 56 Stunden lang lebendig, und keinem wird ein Haar auf dem Scheitel gekrümmt! ! –

Und Weib und Kind hören’s und weinen fort und können’s nicht glauben und zweifeln noch immer.

Und drunten wieder Stoß auf Stoß, rechts und links – jetzt rollt Schutt und Sand und – eine Menschenhand faßt die andere – die sich in Liebe durch Felsen zu einander gearbeitet haben. „Hier sind sie!“ ruft der wackere Winkler, indem er des Verschütteten August Petters Hände faßt – dann herrscht einen Augenblick tiefes Schweigen in den Klüften – denn Retter und Gerettete weinen. – Doch im Nu ist die Bewegung, die die Thätigkeit lähmt, bemeistert. Die Oeffnung wird erweitert und Petters herausgezogen. „Seile herunter!“ ruft Richter, und eine Minute darauf kniet der erste Gerettete, zusammengebrochen, unter Gottes Himmel, den er nie wieder zu sehen gehofft hatte. Ihm folgte der alte Linke und so alle 24 dem Alter nach.

Die große versammelte Menschenmasse, welche die Halden, das Thal und die Nachbarhöhen bedeckte, und deren vorderste Reihen die Angehörigen der Verschütteten bildeten, hatte stumm zugeschaut, wenn einer nach dem andern aus dem Schacht emporgezogen auf der Höhe des Trümmerberges, den niemand besteigen durfte, erschien, und nur hie und da kündete ein heller Aufschrei: „Der Vater! der Bruder! der Sohn!“ daß Kind, Bruder, Mutter oder Vater den Lieben erkannt hatten. Aber als der letzte der 24 gesund und wohl emporgezogen war, da brach das Volk in nicht enden wollenden Jubel aus, und die braven Gensd’armen und Beamten, in deren Augen selbst Thränen glänzten, konnten es nicht hindern, daß der Strom sich nach dem Schuttberge hin ergoß und die von ihren Rettern, halb geführt und halb getragen, herabgeleiteten, matten, glücklichen Verunglückten im Triumphe nach dem breiten Strohlager führte, das in der Eile für sie bereitet war, und wo Aerzte, stärkende Weine und Nahrungsmittel ihrer harrten.

Aber sie aßen nicht und tranken nicht, weinend saßen sie mit gefalteten Händen im Kreise, weinend hingen die Ihrigen an ihnen, weinend umstand sie die erschütterte Menge – – Da hebt plötzlich eine Stimme aus derselben an, den schönen Choral zu singen: Nun danket alle Gott! und grade als habe jede Brust diesen Ausdruck für ihr Empfinden gesucht, lief der Klang auseinander, wie die Welle auf der Fläche des Teiches, Stimmen auf Stimmen gesellten sich hinzu, voller und voller hob sich der Ton zum Himmel, im Thal und auf den Höhen, am Ufer und auf den Halden, auf den Barken und jenseits des Stroms sangen die Menschen aus voller Seele mit. – – Es war ein Gottesdienst, wie ihn größer und schöner nie ein Dom umschloß. – Es ist nicht der Zweck dieser Zeilen, weiter zu schildern, wie die Geretteten sorgsam heim gebracht, verpflegt und gespeist wurden, wie wackere Beamte und ein würdiger Geistlicher den erschütternden Empfindungen, die in allen Herzen lebten, Worte zu leihen suchten, nicht Zweck dieses Aufsatzes, die Verdienste aufzuzählen, die sich Behörden, Gemeinden, der Besitzer des Steinbruchs, hohe und niedere Beamte und viele wackere Privatpersonen durch Eifer, Selbstverleugnung, Muth und Opfer aller Art um das Rettungswerk erwarben, es ist ferner nicht am Platze, auszuführen, wie weit die Mildthätigkeit der Bewohner Sachsens für die Verschüttetgewesenen die Hand öffnete, wie reich man zu Ehrengeschenken für die wackern Retter steuerte, – aber es ist heilige Pflicht für den Augenzeugen, davon Kunde zu geben, wie edel sich die innere Natur des Mannes der Arbeit bei diesem furchtbaren Ereignisse bewährte, mit welchem anspruchlosen Heldenmuthe schlichte Arbeiter fünfzig Stunden lang unablässig mit Todesgefahren rangen, bloß weil Nebenmenschen in Gefahr waren. Hier feuerte den Kämpfer kein Trompetengeschmetter, kein Schlachtgewühl, kein Blick auf Lohn und Ehre an; sie wußten nicht, wer für die Ihren sorgen würde, wenn sie in diesem Kampfe mit Elementargewalten unterliegen sollten; ja nicht einmal, wo sie das tägliche Brod hernehmen würden, während sie retteten – aber sie wußten, was sie als Menschen und Christen zu thun hatten, und – thaten es!

Bessere Kränze, als sie in ihrem schlichten Sinne ahnen mögen, ruhen auf ihren anspruchslosen, von schwerer Arbeit gebeugten Stirnen!


  1. Wunderbarerweise sollte der so glücklich dem Felsensturz entgangene Signalist doch noch der einzige bei diesem Ereignisse Verletzte werden. Am 25. Januar Nachmittags traf den, neben dem Bruchmeister Richter anscheinend an ganz sicherer Stelle Stehenden, ein Stein, der von der Höhe des Felsens herabbröckelte und schräg von einem Blocke abprallte, fast tödtlich am Vorderhaupt. Er liegt noch darnieder.


PS: Siehe auch späteren Gartenlaubenartikel Bestrafter Vandalismus in Heft 33 des Jahres 1877.