Johann Gottlieb Fichte (Die Gartenlaube 1862/10)

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Autor: Johannes Scherr
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Titel: Johann Gottlieb Fichte
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10–11, S. 155–158, 164–167
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[155]

Johann Gottlieb Fichte.[1]

Von Johannes Scherr.
Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels

Glanz, und die, so Viele zur Gerechtigkeit weisen, wie

die Sterne immer und ewiglich. Daniel XII. 3.

„Fichte heißt dieser Mann, dem selbst seine entschiedensten Widersacher Nichts nachzusagen wissen, was den leisesten Flecken auf seinen Charakter würfe, sondern über den das ganze unterrichtete Deutschland sich längst vereint hat, daß er die Redlichkeit und Reinheit selbst war. Es verlohnt sich wohl, über diesen Mann, der ebenso wenig alle Tage geboren wird, als man einen schon geborenen dazu, was er war, machen kann, noch einige Worte zu sagen.“ ... So eine deutsche Zeitung im September 1822, als jene riesige Giftspinne, im Nest der heiligen Allianz ausgebrütet und genannt „Mainzer Centraluntersuchungscommission“, das Andenken des großen Todten in die Maschen ihres unheilvollen Netzes zu verstricken gewagt hatte.

Ja wohl lohnte es sich damals, zu einer Zeit stupider Brutalität von oben und feiger Erschlaffung von unten, der Mühe, wieder an einen Gelehrten zu erinnern, der nicht nur ein solcher, sondern ein Mann gewesen war, ein Charakter vom edelsten Metall, in jeder Beziehung einer der besten Männer deutscher Nation, und wahrlich nicht im Sinne der „besten“ Männer von 1848. Auch heutzutage wieder, wo die Charakterlosigkeit als anerkanntes Zubehör praktischer Lebensweisheit sich breitmacht und so Viele, Viele mittelst Redensarten mit ihrem Gewissen und ihrer patriotischen Pflicht sich abfinden zu können glauben, – ja, auch heutzutage dürfte es wieder der Mühe sich lohnen, an einen Mann vom Schlage Fichte’s zu erinnern. Es liegt in der Betrachtung solcher Gestalten, welche, von dem Hauche des Ideals „umwittert“, gegenüber dem gemeinen alltäglichen Gedräng und Getriebe das Ewige, das Göttliche repräsentiren, Etwas, das die moralische Atmosphäre reinigt, etwas Stärkendes und Erhebendes.

Verdeutlichen wir uns daher Fichte’s Persönlichkeit. Vergegenwärtigen wir uns seinen Lebenslauf; denn dieser ist zugleich die Charakteristik des Mannes.

[156] Die Geschlechtsregister der wahrhaft großen Menschen muß man nicht im Almanac de Gotha suchen. Es ist Ausnahme, nicht Regel, wenn auf den sogenannten „Höhen der Gesellschaft“ ein tüchtiger, geschweige ein wirklich edler und großer Mann sich entwickelt. Eher noch gedeihen dort bedeutende Frauen. Nicht die Gunst, sondern vielmehr die Ungunst der Verhältnisse schmiedet den Mann. Die Kinder des Glücks, und nun gar vollends die „im Purpur geborenen“, erfahren nur selten oder nie jenen schmerzlichen, aber heilsamen Druck der Noth, welcher die Muskeln der Seele stählt und ihre Federkraft erhöht. Ja, die „große Meisterin“, die Noth, sie ist es, welche den kategorischen Imperativ der Pflicht lehrt und willensstärke Charaktere bildet. Man braucht fürwahr kein Schmeichler der Menge zu sein, um Herder’s Ausspruch, daß alles wahrhaft Gute und Große aus dem Volke komme, als vollkommen gerechtfertigt anzuerkennen. Nur muß man dabei sich hüten, nach dem Vorgang französischer und deutscher Scribenten, welche die Worte Socialisten und Narren zu gleichbedeutenden gemacht haben, Volk und Proletariat zu identificiren.

Im Dorfe Rammenau in der Oberlausitz wurde am 19. Mai 1762 dem Bandweber Christian Fichte ein Sohn geboren, Johann Gottlieb Fichte, der zu einem stillen, träumerischen, nachdenklichen Knaben heranwuchs, nicht eben besondere, glänzende Fähigkeiten verrathend, in keiner Weise zu den „Wunderkindern“ gehörend, aus welchen gewöhnlich nur sehr ordinäre Menschen werden. Man sagt, ein uralter Großoheim habe dem Kinde in der Wiege einen bedeutenden Namen prophezeit; gewiß ist, daß in dem weichen, gern einsam durch Wald und Flur schweifenden, die Blicke in vager Sehnsucht nach der Ferne richtenden Knaben Niemand den Mann von unbeugsamem Willen, den Begründer der tapfersten aller Philosophieen ahnen konnte. Aber das Feuer der Widerwärtigkeit und der Hammer der Armuth härten edles Metall, während unedles dabei allerdings oft in die Brüche geht.

Es war keine Aussicht vorhanden, daß der junge Johann Gottlieb in der Welt einen andern Platz würde einnehmen können, als den an einem der Webstühle, die unter dem Dache seines Vaterhauses klapperten. Er war, wie gesagt, kein Wunderkind, doch mitunter blitzte ein Funkenschlag des Genius aus der Seele des Weberjungen. Dem Ortspfarrer entging das nicht, und der würdige Mann begann nicht nur den Knaben zu unterrichten, sondern lenkte auch die Aufmerksamkeit eines wohlwollenden Edelmanns, des Freiherrn von Miltitz, auf denselben. Die Güte dieses Gönners erschloß unserm Johann Gottlieb die wissenschaftliche Laufbahn, denn Herrn von Miltitz’s Fürsorge machte es möglich, daß sein junger Schützling die Stadtschule zu Meißen, dann Schulpforta und zu Michaelis 1780 die Universität Jena beziehen konnte, zunächst in der Absicht, Theologie zu studiren. Da aber unser der Gottesgelahrtheit Beflissener mit der schon damals ihm eigenen Energie daran ging, das Glauben mit dem Wissen, die Offenbarung mit der Vernunft in Uebereinstimmung zu bringen oder, mit anderen Worten, sich eine „haltbare Dogmatik“ zu schaffen, so ging sein Theologismus erst langsam, dann rasch und rascher bergab. Eine „haltbare Dogmatik“, gerechter Himmel, wo ist die zu finden, wenn nicht im Lande des absoluten Denknichts?

Auf diesem Boden sich anzusiedeln war Fichte nicht gemacht. In Wahrheit, er hatte die Linksschwenkung von der Theologie zur Philosophie bereits vollzogen, während er noch von dem idyllischen Glück eines dorfpfarrherrlichen Daseins träumte. Träumen war sonst zu dieser Zeit, wo der Jüngling sein philosophisches Talent in die strenge Schule Spinoza’s gab, nicht eben mehr seine Sache. Aber seine Lage in der Gegenwart war so, daß man begreift, wie er zu seinem Trost ein Zukunftsidyll der erwähnten Art sich ausmalen mochte. Denn zu den inneren Bedrängnissen des Strebenden, der unter hartem Ringen zwischen Glauben und Zweifel den Kern seiner nachmaligen Philosophie, die freie Selbstbestimmung, in seiner Seele reifen fühlte, kamen äußere, da der gütige Freiherr von Miltitz inzwischen gestorben war. Von jetzt an hat der junge Fichte lange Jahre sein Brod, und zwar häufig im herbsten Wortsinne das trockene Brod, dem Leben abkämpfen müssen. Das Ergebniß dieses Kampfes war jene herrliche Mannhaftigkeit, die wir an Fichte so sehr zu bewundern und leider an so vielen Gelehrten so sehr zu vermissen haben. Es gab von jeher und giebt noch heute in Deutschland eine Menge von armen und bitterarmen Studenten- und Candidaten-Existenzen, aber kaum dürfte eine zweite mit solcher Kraft und solchem Stolz sogar getragen worden sein, wie die Fichte’sche.

Zu den geplagtesten Sterblichen damaliger Zeit gehörten die Hauslehrer. Wen nicht etwa, was freilich häufig der Fall war, eine angeborene und lakaienhaft entwickelte Gemeinheit darüber wegbrachte, der konnte in einem solchen Magisterdasein den Unterschied von Ideal und Wirklichkeit in seiner bittersten Schroffheit kennen lernen. Es war das auch Fichte’s Loos, denn vom Jahre 1784 an that er in verschiedenen sächsischen Familien Hauslehrerdienste. Er machte auf dieser Laufbahn kein Glück. Seine Orthodoxie, d. h. Nichtorthodoxie, erregte „höheren Ortes“ Bedenken und zudem war er nicht der Mann, welcher sich, wie Thümmel’s Magister Sebaldus, vorkommenden Falls dazu hergegeben hätte, ein abgetragenes Kammermädchen zu heirathen. Im Jahre 1788 finden wir unsern angehenden Philosophen in einem elenden Dachkämmerchen zu Leipzig, ohne Stelle, ohne Aussicht, am Hungertuche nagend. In dieser Noth wird ihm durch den wackeren Steuereinnehmer Weiße, den „Kinderfreund“, eine Hauslehrerstelle in Zürich angetragen, und im August g. J. macht sich Fichte zu Fuß auf den Weg nach der Schweiz.

In dem an der alten Limmatbrücke gelegenen Gasthof „zum Schwert“, damals und noch etliche vierzig Jahre lang nachher dem ersten Zürichs, hat Fichte die Kinder des Besitzers Ott, einen Knaben und ein Mädchen, unterrichtet und nebenbei, weil dies nöthig, auch die Mutter seiner Zöglinge erzogen. Vorübungen zur Schriftstellerei füllten die kärglich zugemessenen Mußestunden des Hauslehrers, der sich zugleich auch wieder als Candidat der Theologie sehen ließ, da ihm Lavater’s Verwendung den Zutritt zur Kanzel im Münster eröffnete. Auch in der Gemeinde Flaach und in sonstigen Ortschaften des Cantons hat er etliche Male gepredigt. Klarheit und Kraft, wie sie später seinen akademischen Vortrag so vortheilhaft auszeichneten, wurden auch diesen Kanzelreden nachgerühmt.

Fichte’s damalige Lage war nicht ohne geselliges Behagen. Zürich hat sich vor den meisten übrigen Schweizerstädten von jeher durch ein lebhafteres Interesse für geistige Regung und Bewegung hervorgethan. Im vorigen Jahrhundert war die Stadt sogar eine Weile lang einer der vortretendsten Mittelpunkte deutscher Culturentwicklung. Einige sehr interessante, selbst an’s Pikante streifende Capitel unserer Literaturgeschichte spielten in Zürich. Auf der Höhe über dem Hirschengraben, wo sich zur Zeit, wo ich dieses schreibe, der Prachtbau des eidgenössischen Polytechnicums allmählich erhebt, stand und steht noch heute das Haus, welches Bodmer bewohnte und in welches am 23. Juli 1750 der fünfundzwanzigjährige Klopstock als Gast eintrat. Aus den Fenstern desselben genoß er des ersten entzückenden Ausblicks über die Stadt hinweg auf den See und den Kranz der Hochalpen. Wenige Tage darauf fand jene Fahrt nach der Au statt, welche, von dem Messiassänger in der herrlichen Ode „der Zürichsee“ verewigt, eine der anmuthigsten Episoden der Sittengeschichte des Jahrhunderts ausmacht. Zwei Jahre später war Wieland Bodmer’s Gast, und das lebhafte gesellige Getriebe, in welches er während seines Aufenthalts in Zürich verwickelt wurde, hat zweifelsohne mitgewirkt, den nachmaligen deutschen Ariost und Lucian von der seraphischen Schwindel- und Schwarmgeisterei, an welcher er damals noch laborirte, zu heilen. Später, in der Sturm- und Drangperiode, zog Lavater, der es bekanntlich liebte, sein Christenthum mit Kraftgenialität wunderlichst zu verquicken, durch die seltene Anziehungskraft seiner Persönlichkeit manchen Stürmer und Dränger zeitweilig nach seiner Vaterstadt. Es kam der wirkliche Titan Goethe, es kamen auch die Pseudotitanen Stolberg. Mit den Letztern, die ihr Bischen Kraft in allerhand burschikosen Auslassungen verteilten, hatte Sanct Lavatus seine liebe Noth. Man zeigt noch jetzt die Stelle hinter dem „Sihlhölzli“, wo der Gute die Züricher Bauern nur mit Mühe abhielt, die gräflichen Dioskuren, welche nach genommenem Bade in griechisch-bacchantischer Nacktheit am Flußufer umherpäanten, auf gut „züribieterisch“ an landesüblichen Anstand zu erinnern. …

Zur Zeit, als Fichte in Zürich im Schwert hauslehrte, war freilich der Most seraphischer und kraftgenialer Ueberschwänglichkeit daselbst bereits nicht so fast zu Wein, als vielmehr zu Essig geworden. Indessen hatte sich doch immer noch ein Kreis von Männern erhalten – Lavater, Pfenninger, Tobler, Steinbrüchel, Hottinger – deren Umgang für Fichte anziehend und anregend sein [157] mußte. Geradezu geschickbestimmend für ihn aber ward es, daß er durch Lavater in das Haus des Waagmeisters Rahn eingeführt wurde. Rahn hatte Klopstock’s Schwester Johanna geheirathet und von dieser im Jahr 1758 eine Tochter erhalten, Johanna Maria, welche Fichte’s Gattin werden sollte – eine jener Gelehrten-Frauen, nicht gelehrten Frauen, wie sie zum Glück in den Lebensgeschichten deutscher Geisteshelden nicht selten vorkommen. Wieland, Voß, Schiller, Jean Paul, Fichte erfuhren die ganze Segensfülle solcher Hausfräulichkeit, während ein gut Theil von der geistigen Verlotterung, um nicht zu sagen Verluderung der Romantiker, wie ich glaube, auf Rechnung ihres sehr zweideutigen oder vielmehr sehr unzweideutig frivolen Verhältnisses zu den Frauen zu setzen sein dürfte. Man weiß ja, wie die Herren Schlegel, Schelling, Werner, Brentano zu den Weibern – ich vermeide absichtlich den Ausdruck Frauen – sich stellten, und gewiß heißt auch die Wurzel von gar vielem Unerquicklichen in Goethe’s späterem Leben Christiane Vulpius … Fichte’s Herzensbund mit Johanna Maria Rahn war nicht das Resultat leidenschaftlicher Erregung. „Beide“ – erzählt Fichte’s Sohn – „schon in einem Alter, wo leidenschaftliche Verblendung ernste Gemüther nicht mehr täuscht und verwirrt, gründeten ein Verhältniß, das, durch genauere Kenntniß und innigere Achtung immer tiefer sich befestigend, endlich für das ganze Leben geschlossen wurde.“

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Fichte’s Geburtshaus in Rammenau in der Oberlausitz.

Zu Ostern 1790 löste Fichte sein Verhältniß zu Herrn Ott; er war der Hauslehrerei gründlich überdrüssig geworden, gerieth aber auf den bei seiner ganzen Charakteranlage höchst sonderbaren Gedanken, eine Stelle als Prinzenerzieher oder als Vorleser bei Hofe zu suchen. Daß sein wahrer Beruf der eines akademischen Lehrers sei, scheint er damals noch gar nicht geahnt zu haben. Außerdem gehörte es ja zu den Lieblingstendenzen der Epoche, durch persönliche Einwirkung auf die vornehmen Kreise den zeitbewegenden Ideen Bahn zu brechen. Die guten, idealgläubigen Menschen von damals! Sie wußten noch nicht, daß es eine sociale Grenzlinie giebt, wo die Wirksamkeit der Ideen überhaupt aufhört.

Ueber Stuttgart und Frankfurt in sein Heimathland Sachsen zurückgegangen, schrieb Fichte im Mai 1790 von Leipzig aus an Lavater, daß seine vorhin erwähnten Pläne keine Aussicht auf Verwirklichung hätten und er sich daher mit schriftstellerischen Arbeiten werde durchzubringen versuchen müssen. Eine traurige Aussicht, zumal Fichte eine eigentlich productive Natur niemals gewesen ist! Sein Talent war ein sprödes, brüchiges; er arbeitete sehr langsam und ruckweise, es wäre denn, daß, wie mitunter geschah, die mächtig in ihm arbeitenden Gedanken in einer plötzlichen Eruption sich entluden. Wie arm er damals war, erkennt man, wenn er sich bei seiner Braut entschuldigt, daß er jetzt nicht die Mittel habe, sein ihr versprochenes Portrait machen zu lassen. Er mußte sich sein kärgliches Brod durch Privatunterricht erwerben, den er Studenten ertheilte. Einem gab er Lectionen über die Kantische Philosophie, und „dies war“ – schreibt er an seine Braut – „die Gelegenheit, die mich zum Studium derselben veranlaßte.“ Mit diesem Studium hatte Fichte’s Leben erst seinen wahren geistigen Inhalt bekommen. An der Philosophie des großen Weisen von Königsberg bildete seine eigene sich empor, die consequenteste Gestaltung des deutschen Idealismus, die kühnste Manifestation des germanischen Princips der freien Persönlichkeit, aber zugleich auch die strengste Concentration der Forderungen germanischer Sittlichkeit. Fichte’s Philosophie war, um das gleich hier zu sagen, eine Parallele, eine Ergänzung zu Schiller’s Poesie. Beide lehrten und forderten die Freiheit des Individuums, aber Beide forderten und förderten auch die Fortbildung der Deutschen von freien Menschen zu freien Staatsbürgern.

Im Frühling von 1791 war Fichte entschlossen, nach Zürich zurückzugehen, um sich mit seiner Verlobten zu verbinden. Allein wie bisher so ziemlich alle seine Pläne, scheiterte auch dieser, und zwar an dem Umstand, daß Johanna’s Vater gerade damals sein Vermögen durch den Bankerott eines Bankierhauses verlor. Erst später konnte ein Theil desselben gerettet oder wiedererlangt werden. So reiste denn Fichte zu Ende Aprils nicht südwärts, sondern ostwärts, um eine ihm angebotene Erzieherstelle im Hause des Grafen v. P. zu Warschau anzutreten. Unterwegs hatte er zu Bischofswerda eine Zusammenkunft mit seinem Vater, und es charakterisirt ihn vortrefflich und schön, wenn er in sein Reisetagebuch schrieb: „Der gute, brave, herzliche Vater! Mache mich, Gott, zu einem so guten, ehrlichen, rechtschaffenen Mann und nimm mir alle meine Weisheit, und ich habe immer gewonnen.“ Dies Reisetagebuch ist übrigens sehr interessant, voll Anschaulichkeit und [158] Leben. Es beweist sehr hübsch, wie treu und frisch der Mann, welcher der kühnste aller Abstractoren, der sicherste aller speculativen Wolkenwandler gewesen ist, das wirkliche Leben aufzufassen verstand.

Aber die Reise nach Warschau erwies sich als ein Fehlgang, sowie Fichte in den Palast des Grafen v. P. getreten war und diesem Herrn und Madame sich vorgestellt hatte. Der gegenseitige Eindruck war ein „unvortheilhafter“. Der ernste, gediegene, wohl auch etwas deutschviereckige Fichte und die französisch lackirte polnische Frivolität, wie paßte das zusammen? Gar nicht. Für den polnischen Adel war damals und ist noch jetzt der nächste beste französische Windbeutel der beste, d. h. der wahlverwandteste und willkommenste Pädagog. Das Verhältniß löste sich also, noch bevor es wirklich begonnen hatte, und Fichte pilgerte von Warschau nach Königsberg, weil es ihn drängte, Kant’s persönliche Bekanntschaft zu machen. In Königsberg angelangt, setzte er sich hin, um sich selber einen Empfehlungsbrief an den berühmten Mann zu schreiben, nämlich eine „Kritik aller Offenbarungen“, eine Arbeit, mit deren Veröffentlichung Fichte in der philosophischen Welt debütirte. Kant nahm diesen Empfehlungsbrief und dessen Schreiber „mit ausgezeichneter Güte“ auf, und auch außerdem gewann er sich in Königsberg warme Freunde, deren Empfehlung ihm eine Erzieherstelle im Hause des in der Nähe von Danziq begüterten Grafen von Krokow verschaffte. Also abermals Hauslehrer! Aber diesmal war er es wenigstens unter anständigen Bedingungen und in einer Familie, welche seinen Werth zu schätzen wußte.

Unterdessen wurde der „Versuch einer Kritik aller Offenbarungen“ bei Hartung in Königsberg gedruckt, und die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Kreise, welche damals durch die Kantische Philosophie so hoch bewegt waren, lenkte sich rasch auf das zuerst anonym erschienene Buch. Man hielt Kant selbst für den Verfasser desselben, bis der große Philosoph durch eine Erklärung in der Allg. Literatur-Zeitung Fichte als Autor nannte und diesen damit so zu sagen dem gelehrten Publicum vorstellte. Es begannen hiermit für Fichte die vielen Leiden und wenigen Freuden deutscher Autorschaft und litterarischer Berühmtheit. Auch das orthodoxe Halloh der Ketzerriecher begann sofort, wie das ganz folgerichtig immer geschieht, so oft ein Stück Wahrheit in die Welt tritt.

Im Sommer von 1793 finden wir unsern jetzt schon ehrenvoll genannten Philosophen abermals in Zürich, wo die Verhältnisse im väterlichen Hause seiner Braut sich wieder so leidlich günstig gestaltet hatten, daß Hochzeit gemacht werden konnte. Sie wurde den 22. October in Baden bei Zürich wirklich gefeiert, und Lavater gab den Neuvermählten auf ihren Flitterwochenausflug in die welsche Schweiz den Denkspruch mit:

„Kraft und Demuth vereint wirkt nie vergängliche Freuden,
Lieb’ im Bunde mit Licht erzeugt unsterbliche Kinder.“

Auf dieser Fahrt machte Fichte die Bekanntschaft und gewann die Freundschaft von Baggesen und Fernow, und er führte, nach Zürich zurückgekehrt, die Beiden den See hinauf nach Richterswyl zu Pestalozzi. Der treffliche Verfasser des unübertroffenen Volksbuchs von Lienhard und Gertrud, der große Reformator der Volkserziehung, meines Erachtens neben Ulrich Zwingli der beste und größte Mann, welchen die Schweiz hervorgebracht hat, war damals, wenig oder gar nicht beachtet, mit Vorübungen auf das große Werk seines Lebens beschäftigt, – nach einer brieflichen Aeußerung Fernow’s „ein Mann zwischen 40 und 50, häßlich und blatternarbig von Gesicht, simpel in seiner Kleidung und seinem Aeußeren wie ein Landmann, aber so voll Gefühl, wie ich wenig Menschen kenne, und dabei voll trefflicher praktischer Philosophie.“

Zunächst in glücklicher Muße im Hause seines Schwiegervaters lebend, brachte Fichte, auf der Grundlage der Kantischen Philosophie weiterbauend, den Um- und Aufriß seines philosophischen Systems, wie sich dasselbe in der „Wissenschaftslehre“ (1794) zuerst darstellte, in sich mehr und mehr zur Klarheit und Reife. Auch trug er auf die Bitte Lavater’s und mehrerer Freunde denselben einen vollständigen Cursus der Lehre Kant’s vor. Wie bedeutend Fichte als philosophischer Lehrer schon damals auf seine Zuhörer wirkte, bezeugen verschiedene enthusiastisch-dankbare schriftliche Aeußerungen Lavater’s, der freilich, nebenbei gesagt, kaum im Stande war, den eigentlichen Kern von Fichte’s Speculation zu erfassen. Neben diesen Arbeiten betheiligte sich unser Philosoph, dessen ganzes Wesen ja auf die That, auf das Handeln, auf die Bethätigung menschlicher Kraft im Staatsleben gestellt war, unmittelbar an dem großen Kampfe der Zeit, indem er, unbeirrt durch das wüthende Gekläff der reactionären Meute über die Ausschreitungen der französischen Staatsumwälzung, seine „Beiträge zur Berichtigung der Urtheile des Publicums über die französische Revolution“ schrieb, sowie seine „Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten.“ Fichte gehört mit Georg Förster bekanntlich zu den wenigen, sehr wenigen deutschen Gelehrten und Literaten, welche die Nothwendigkeit der Revolution und ihren Entwicklungsgang wirklich begriffen, während z. B. ein Goethe über eine mehr als naive Anschauung dieser weltgeschichtlichen Tragödie niemals hinauskam. Natürlich gelangte Fichte zu dem Ruf eines „Demokraten“, und wie nachtheilig dieser Ruf später vielfach auf sein äußeres Glück wirken mußte, kann man sich leicht denken, da ja auch heutzutage noch das Wort Demokrat allen politischen Fibelschützen oder, schweizerisch gesprochen, Häfelischülern graulich macht.

[164] So viel war klar, Fichte hatte nicht die kleinste Ader weder von einem Hofrath noch von Einem, der es werden wollte. Aber zum Ruhme der deutschen Regierungen von damals muß gesagt werden, daß es wenigstens etliche gab, welche bei Berufungen akademischer Lehrer das Vorhandensein der Hofrathsader nicht als conditio sine qua non statuirten. Zu Ausgang des Jahres 1793 erhielt nämlich Fichte einen Ruf nach Jena als Professor der Philosophie „supernumerarius“ an die Stelle des nach Kiel berufenen Reinhold. Daß er den Ruf annahm, erregte in Jena bei Männiglich große Freude, nur nicht beim dortigen professor numerarius pilosophiae. Wie weltbekannt sind, die professores ordinarii pilosophiae wirklich meist sehr ordentliche, d. h. sehr

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Johann Gottlieb Fichte.

ordinäre Philosophen, welche Grund haben, die Concurrenz der außerordentlichen zu fürchten. Der liebe akademische Brodneid, in diesem Falle, wie so oft, das Mäntelchen orthodoxer Wissenschaftlichkeit umhängend, machte unserm Fichte schon vor dessen Ankunft in Jena den Krieg, in welchem aber nicht er zu kurz kam.

Sein Auftreten in Jena, wo er im Mai 1794 seine Vorträge eröffnete, war überhaupt ein sieghaftes. Seine Persönlichkeit machte sich überall geltend, wo er auftrat. Nicht leicht hat in einem andern Manne die geistige Potenz auch äußerlich so mächtig sich dargestellt. Denn Fichte’s leibliche Erscheinung war an sich unansehnlich. Von Wuchs eher unter als über Mittelgröße, war er von untersetzter, muskulöser Statur. Aus dem scharfmarkirten, charaktervollen, adlernasigen Gesicht leuchtete unter buschigen Brauen hervor das intensive Feuer dunkler Augen. Schritt und Gang prägten die Festigkeit und Entschiedenheit seines Wesens aus. Nicht minder verkündigte der stolze, gebieterische Klang und Ausdruck seiner Stimme und Sprechweise einen unbeugsamen Willen. Es war etwas Imponirendes, etwas im besten Sinne Cäsarisches in dem Manne, dessen Wirkung auf die akademische Jugend sofort sich bemerkbar machte.

Die Universität Jena hatte, wie bekannt, zu jener Zeit gerade ihre Glanzperiode angetreten, und Fichte’s Lehrtätigkeit trug zur Erhöhung dieses Glanzes nicht wenig bei. Die kleine Stadt an der Saale war damals in Wahrheit bis zum Ausgang des Jahrhunderts die geistige Hauptstadt Deutschlands, wohin nicht nur aus allen deutschen, sondern so ziemlich aus allen europäischen Ländern die Musenjünger strömten. Fichte behagte sich in seiner erfolgreichen Wirksamkeit um so mehr, als derselben, wie überhaupt seiner Art und Weise, von Seiten des Herzogs Karl August die freundlichste Anerkennung zu Theil ward und er in dem freundschaftlichen Entgegenkommen von Männern wie Goethe, Wieland und Schiller eine noch werthvollere Schätzung seines Talents und seines Eifers erkennen mußte. Ein Beobachter von Fichte’s damaligem Gebahren, Forberg, hat in scharfen Zügen ein Bild desselben entworfen. Entlehnen wir einige Striche dieser Zeichnung. „Der Grundzug von Fichte’s Charakter ist die höchste Ehrlichkeit. Ein solcher Charakter weiß gewöhnlich wenig von Delicatesse und Feinheit. In seinen Schriften kommen auch wenige eigentlich schöne Stellen vor, sein Trefflichstes hat immer den Charakter der Größe und Stärke. Auch spricht er eben nicht schön, aber alle seine Worte haben Gewicht. Sein Vortrag rauscht daher wie ein Gewitter, das sich seines Feuers in einzelnen Schlägen entladet. Fichte’s Auge ist strafend, und sein Gang ist trotzig. Er ist wirklich gesonnen, durch seine Philosophie auf die Welt zu wirken. Bei jeder Gelegenheit schärft er ein, daß Handeln! Handeln! die Bestimmung des Menschen sei.“

Ein Mann und Lehrer dieses Schlages war ganz dazu angethan, Allem, was er für thöricht oder schlecht ansah, rücksichtslos zu Leibe zu gehen. So stieß sich denn seine bis zum Rigorismus gehende sittliche Energie an das damalige studentische Ordenswesen, in welchem er die Wurzel aller akademischen Uebel sah. Er wollte diese Wurzel durchschneiden und zwar zunächst mittelst seiner Vorträge über „die Bestimmung des Gelehrten“, die er später nach einem erweiterten Plane hielt und zwar, weil nur an diesem Tage dazu Raum und Zeit war, am Sonntag. Dies war nun der Orthodoxie gerade recht, welche dem kühnen Philosophen, der nicht an das Credo von Nikäa glaubte und, schrecklich zu sagen! noch dazu im Geruche des Demokratismus stand, schon lange auf den Dienst gelauert hatte. Flugs ging eine Denunciation nach Weimar, daß Fichte „die bisherige gottesdienstliche Verfassung untergraben wolle.“ Damit begann die Hatz, welche unsern Philosophen glücklich aus Jena weghetzte … Es ist eine trübselige Geschichte. Die Dunkelmänner schlugen gegen Fichte Lärm zu Weimar, zu Dresden und an allen den umliegenden Höfen. Auch [166] gelang es, einen Theil der Studentenschaft gegen ihn zu verhetzen, obgleich die Autorität seines Wortes so groß gewesen, daß beim Beginne dieser Wirrsale die Mitglieder der drei zu Jena bestehenden Orden dem verehrten Lehrer feierlich hatten erklären lassen, sie seien ihm zu Liebe bereit, ihre Verbindungen aufzulösen. Nun kam noch ein Anlaß, welchen Fichte’s Feinde zu benutzen sich beeilten. Er veröffentlichte nämlich in dem von ihm und Niethammer herausgegebenen philosophischen Journal seinen Aufsatz: „Ueber die Gründe unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung.“ Hierauf basirten seine Feinde die Anklage auf Atheismus, und sie agirten so geschickt, daß der Dresdner Hof, obscur wie er war, diese Anklage zu seiner Sache machte und zu Weimar drohende Schritte that. Fichte ließ gegen diese Machinationen eine „Appellation an das Publicum“ ausgehen, worin er klar darthat und unumwunden, vielleicht zu unumwunden, aussprach, daß nicht sein wirklicher oder angeblicher Atheismus der Grund der Anklage sei, sondern vielmehr der Geist der Freiheit und Selbstständigkeit, zu welchem seine Philosophie erziehe. Die Weimarsche Regierung suchte den Handel in einer Weise beizulegen, die, wie sie glaubte, für Fichte so schonend als möglich wäre. Er sollte sich nur einen Verweis „wegen Unvorsichtigkeit“ gefallen lassen. Allein Fichte, den Kampf für Geistes- und Lehrfreiheit mit stolzer Entschiedenheit durchfechtend, war nicht so Einer, der einen Verweis hinnimmt, wo er von seinem Recht überzeugt ist. Er drang auf eine ehrenvolle Freisprechung von der gegen ihn erhobenen Anklage oder auf seinen Abschied. Den letztern erhielt er und zwar in ziemlich brüsker Weise.

Man muß, um der Weimarer Regierung nicht Unrecht zu thun, unbedenklich zugestehen, daß in dem ganzen Handel Fichte’s oben berührter Mangel an „Delicatesse und Feinheit“ sich sehr bemerkbar gemacht hat. Aber bei alledem war er doch unzweifelhaft in seinem Rechte, und darum ist es schmerzlich, sagen zu müssen, daß sich Goethe und Schiller in dieser Angelegenheit nicht benahmen, wie sie gesollt hätten. Goethe’s höfischer Quietismus macht freilich das bedauernde Achselzucken, womit er dem Ausgang der Sache zusah, erklärlich; die Verehrer Schiller’s aber müssen lebhaft wünschen, daß derselbe den, milde gesagt, sehr unschillerschen Brief, worin er sich am 14. Juni 1799 gegen Goethe über Fichte’s „Unklugheit“ und „incorrigible Schiefheiten“ ausließ, nicht geschrieben haben möchte. Hier geziemte sich fürwahr nicht nörgelnde Wiederholung feindseligen Klatsches, sondern herzliche Theilnahme.

Mit Wegweisung aus Jena bedroht und vom Fürsten von Rudolstadt, in dessen „Staaten“ er eine Zuflucht suchen wollte, abschlägig beschieden, ging Fichte im Juli 1799 auf Gerathewohl nach Berlin, wohin er Frau und Kind – es war ihm zu Jena ein Sohn geboren worden – nachkommen ließ, als seinem Aufenthalt in der preußischen Hauptstadt kein Hinderniß in den Weg gelegt wurde und seine Existenz daselbst mehr sich befestigt hatte. Es gereicht Friedrich Wilhelm III., der damals noch nicht, wie später geschah, in Leuten wie Kamptz, Schmalz und Tzschoppe Stützen von Thron und Altar erblickte, zu hoher Ehre, daß er, nicht im Sinne der Bischoffswerder-Wöllner’schen Periode, sondern im Geiste der Zeit Friedrich’s des Großen, dem verfolgten, auch in Berlin gehörig denuncirten Philosophen den Aufenthalt in seiner Hauptstadt gestattete und zwar mit der Aeußerung: „Ist es wahr, daß Fichte mit dem lieben Gotte in Feindseligkeiten begriffen ist, so mag das der liebe Gott mit ihm abmachen. Mir thut das Nichts.“ … Auf die damaligen Berliner Zustände werfen die Briefe, welche Fichte während der ersten Zeit seines dortigen Aufenthaltes an seine Frau schrieb, mitunter ein sehr eigenthümliches Licht. Wir sehen da ein Gemisch von Bettelhaftigkeit, Prätension und Unsittlichkeit, das zuweilen einen Anstrich von Komik hat, z. B. wenn Fichte erzählt, wie Beamte mit 300 Thalern jährlicher Besoldung lebten. Brief vom 17. August 1799: „Ich kenne einen Kriegsrath, der einen Bedienten in prächtiger Livree hält. Dieser kochte verwichenen Sonnabend für die Familie ein halbes Pfund Rindfleisch und für sechs Pfennige Kartoffeln und Mohrrüben zum Mittagsessen. Es findet sich, daß das Fleisch nicht weich gekocht ist, es wird sonach nur das Gemüse verspeist und das halbe Pfund Fleisch, den andern Tag wieder gekocht zum Sonntagsessen. Seine Frau wäscht das Hemd, das sie den Sonntag tragen will, Sonnabends selbst in ihrer Stube und geht indeß ohne Hemd. So sollen viele Berliner leben.“

Fichte’s Sohn hat mit Grund bemerkt, daß die Uebersiedelung seines Vaters nach Berlin auch „innerlich einen wichtigen Abschnitt“ in dessen Leben bezeichne. Die Richtung seines Philosophirens auf praktische Ziele blieb dieselbe, ja sie erhöhte sich sogar noch, wie wir sehen werden; allein sein System erfuhr eine völlige Erneuerung und Umbildung, dadurch nämlich, daß er in demselben, wie früher die moralische, jetzt die religiöse Weltanschauung zur Geltung zu bringen suchte. Daß übrigens die Religiosität Fichte’s eine lichte und helle war und blieb, ist selbstverständlich. Dieser Kopf war nicht dazu organisirt, sich à la Schelling mystisch benebeln zu lassen. Er hatte, ohne eine amtliche Stellung zu besitzen, in Berlin bald eine zahlreiche Zuhörerschaft für seine Vortrage gewonnen. Die hervorragendsten Männer besuchten sein Auditorium, welches für eine Weile auch das Curiosum darbot, daß daselbst die Todfeinde A. W. Schlegel und Kotzebue friedsam neben einander saßen. Fichte erkannte, daß sich ihm auf dem Boden der Hauptstadt Preußens eine bedeutende Wirksamkeit eröffne; er fühlte, daß er hier eine Mission zu vollziehen habe. In diesem Bewußtsein trug er tapfer, wie er ja all sein Schicksal getragen hat, das Prekäre seiner Existenz und schlug erst einen an ihn ergangenen Ruf nach Charkow in Rußland und dann einen zweiten nach Landshut aus.

Zum Dank erhielt er auf Beyme’s, Altenstein’s und Hardenberg’s Betreiben die Bestallung als Professor der Philosophie an der (damals noch preußischen) Universität Erlangen, und zwar mit der besondern Vergünstigung, nur im Sommersemester dort lesen zu müssen, den Winter aber in Berlin zubringen zu dürfen. Im Mai von 1805 trat er sein neues Lehramt an. Allein im Spätherbst des folgenden Jahres erfolgte die Schlacht bei Jena und mit ihr der Zusammensturz des „Staates Friedrich’s des Großen“, an welchem von oben bis unten Alles morsch und faul geworden war. Nicht gewillt, es zu machen, wie es z. B. Johannes von Müller machte, d. h. dem übermüthigen Sieger so oder so sich zu unterwerfen und dann etwa nach Art des Genannten ein westphälischer Figurant am Lenkseil bonapartischer Polizei zu werden, verließ Fichte vor dem Einrücken der Franzosen Berlin und begab sich nach Königsberg, von wo er am 4. Mai 1807 an seine in Berlin zurückgebliebene Frau, die ihm gemeldet hatte, daß Müller sich zu Napoleon bekehrt habe und von diesem zu Gnaden angenommen worden sei, die Worte schrieb: „Müller beneide ich nicht, sondern freue mich, daß mir die schmachvolle Ehre nicht zu Theil geworden, wie ihm; auch daß ich frei geathmet, geredet, gedacht habe und meinen Nacken nie unter das Joch des Treibers gebogen.“… Er schiffte sich dann, da bei der trostlosen Lage Preußens zunächst nach dem Frieden von Tilsit kein Raum zu gewünschter Wirksamkeit für ihn sich finden wollte, zu Memel nach Kopenhagen ein, wo seiner jedoch nur Enttäuschungen warteten. Um sich darüber, wie über den Kummer der Zeit, hiuwegzuheben, studirte er in jenen trüben Tagen eifrigst das Pestalozzi’sche Erziehungssystem, ein Studium, aus welchem der große Gedanke der Begründung einer nationalen Erziehung des deutschen Volkes erwuchs, dem Fichte bald so beredte Worte leihen sollte.

Denn gegen Ende Augusts 1807 kehrte er nach Berlin zurück, wo damals jenes glorreiche Werk der Wiedergeburt des preußischen Staats an die Hand genommen wurde, welches zu kennzeichnen man nur die Namen Stein und Scharnhorst zu nennen braucht. Sogar dem stumpfsten Verstande hatte das Unglück die Einsicht aufgedrungen, daß mittelst des Junkerthnms, mittelst jenes Junkerthums, welches bei Jena commandirt, bei Prenzlau capitulirt und die stärksten Festungen unerhört schmachvoll dem Feinde überliefert hatte, Preußen aus seiner tiefen Erniedrigung nicht wieder aufzurichten sei. Man mußte sich schon bequemen, es ging nicht anders, man mußte „den Geist anrufen in der Noth“. Der Geist ist aber ein gutmüthiger Geselle; er hilft auch solchen aus der Patsche, von denen er weiß, daß sie ihn eben nur in der Noth anrufen und nachmals wieder verleugnen werden.

Noch im Laufe des Jahres 1807 faßten erleuchtete Patrioten den Plan der Gründung einer Hochschule zu Berlin ins Auge, und Fichte arbeitete einen Entwurf aus, welcher den alten Universitätsschlendrian, den mittelalterlichen Formalismus ganz bei Seite warf. Dieser Entwurf ist freilich selber bei Seite gelegt worden, weil mit Stein’s Entfernung vom Staatsruder die preußische Staatsreform überhaupt ihren energischen Schwung einbüßte. Die Berliner Universität wurde dann bekanntlich ganz in der gewohnten Weise gestaltet, aber da Lehrer wie Fichte an sie berufen wurden, so hat sie wenigstens in der ersten Zeit ihres Bestehens im [167] „Ist denn Euer Pastor zu Hause?“ fragte ich eine alte Frau, welche einige Minuten ausruhte, um nach Westen zu sehen und die Wolkenberge zu beobachten, die eine immer drohendere Gestalt anzunehmen schienen.

„Der Pastor ist im Wurtdorfe. Er muß im Pfarrhause sein; Sie wollen ihn wohl besuchen? Unser Pastor ist erst seit zwei Monaten auf der Hallig. Er war früher auf Silt. Da haben die Dänen ihn hierher geschickt; er ist ein großer Deutscher.“

„Er ist ein großer Deutscher,“ wiederholte mein Freund. „Sehen Sie, nun sind wir auf einmal im Klaren, weshalb der Pastor Müller nach Oland verbannt ist. Oland ist das Cayenne für die Deutschen aus den friesischen Inseln.“

Und dann erzählte uns die alte Frau, daß sie noch nie auf dem Festlande gewesen, daß sie noch niemals einen Berg, nie ein Pferd, nie einen Fluß oder einen Baum gesehen habe. Die alte Frau sprach das Hochdeutsch recht rein und gut. Plattdeutsch verstand hier Niemand. Das Hochdeutsche ist die Sprache des Predigers und der Bibel. Die gewöhnliche Sprache ist das Friesische. Auf den kleinen Inseln, welche an der schleswigschen Westküste wie Brocken im unendlichen Weltmeere schwimmen, hat sich die friesische Nationalität am reinsten bewahrt. So fand ich es auch in den schleswigschen Marschen. In den Marschen an der Elbe, an der Weser, im Bremischen und Oldenburgischen giebt es dagegen nur wenige Striche, wo Friesisch gesprochen wird. Dort haben die Friesen Plattdeutsch gelernt, was hier Niemand verstand.

In Gesellschaft der Halligbewohner, welche ihre Arbeit beendigt und das Heu geborgen hatten, gingen wir nun in das Wurtdorf. Ein aus einem Baumstamme bestehender Steg führte über den letzten, breiten Schlot, welcher von dem einen Ende der Insel zum andern reichte, und durch den die Wellen des Meeres lustig hiudurchplätscherten.

Ich muß jetzt für einige Momente meine Darstellung unterbrechen, um das Wurtdorf zu beschreiben. Ueberall an der Nordsee findet man Wurtdörfer; sie hängen mit dem Leben am Meere eng zusammen, und haben viel Sonderbares und Eigenthümliches. Ich erwähnte, daß die Halligen, aus der Ferne gesehen, schmalen Streifen Landes gleichen, welche auf dem Meere zu schwimmen scheinen, und über deren Flächen sich Burgen und Vesten erheben. Die Burgen und die Vesten sind die hochgelegenen Wurtdörfer. Die Wurten sind künstlich angelegte, längliche Hügel, 20, 30, 40 Fuß hoch. Die Höhe der Hallige ist die mittlere Höhe der Meeresfluthen. Bei jeder Fluth überströmt das Meer die ganze Insel, und nur die Wurt ragt mit ihren Häusern und mit ihrem Kirchthurm über die Wasserfläche hervor. Deshalb giebt es auch auf

  1. Das deutsche Volk hat am 19. Mai 1862 das hundertjährige Jubelfest der Geburt dieses großen Mannes zu begehen; zu dieser Feier bietet hiermit die Gartenlaube ihren Ehrenzoll.