Der Dicke in Rußland

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Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Ignaz Wrobel
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Titel: Der Dicke in Rußland
Untertitel:
aus: Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 4, Seite 132–135
Herausgeber: Siegfried Jacobsohn
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 26. Januar 1926
Verlag: Verlag der Weltbühne
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Die Weltbühne. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978. Scan auf Commons
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[132] Der Dicke in Rußland von Ignaz Wrobel

Henri Béraud, der Verfasser des entzückenden ‚Martyre de l’Obèse‘ und andrer guter Bücher, ist Journalist und hat jüngst im Auftrag des ‚Journal‘ Rußland besucht. Was er da gesehen hat, steht nicht nur in dem kleinen Buch ‚Ce que j’ai vu à Moscou‘ (Les Editions de France, 20 Avenue Rapp, Paris), sondern war auch, Artikel für Artikel, im ‚Journal‘ abgedruckt. Die Auflage des ‚Journal‘ wird auf etwa 800–900 000 geschätzt, das Blatt kann also mit 3 Millionen Lesern rechnen. Daher scheint mir Bérauds Reisebericht einer Betrachtung wert zu sein – nicht Bérauds wegen, sondern um zu erfahren, wie eine so breite Schicht des französischen Bürgertums über fremdes Land informiert wird.

Im ersten Kapitel fährt Béraud in die Pariser Russische Gesandtschaft. „Gibt es in ganz Paris einen Chauffeur, der nicht wüßte, wo Herr Krassin wohnt? Nein. Das kommt sicherlich daher, daß alle Taxi-Chauffeure mehr oder weniger Russen sind.“ Der ‚Progrès Civique‘ hat ein famoses ‚Schwarzes Buch‘ von Paul Allard erscheinen lassen, worin – getreu nach dem Vorbild Flauberts – die Assoziationen aufgestellt sind, die das französische Durchschnittsgehirn auf Reizworte automatisch produziert. Da findet sich unter „Chauffeurs (de taxi)…: Sont tous d’anciens colonels russes.“ Gut. Wohlversehen mit den nötigen Papieren, tritt nun der Informator seine Reise an. Mit der Kenntnis Rußlands und seiner politischen Geschichte scheints weniger gut bestellt zu sein. „Ich erwartete etwas Außerordentliches, etwas Unmenschliches, eine Art von städtischem und sozialem Futurismus.“ Hat der Dicke nichts über Rußland gelesen, vorher? Weiß er nicht, daß die pathetische und heroische Epoche des Bolschewismus vorbei ist? Er scheint es nicht zu wissen.

Lenin. „Lenin, der ehemalige Geächtete, der herumirrende pauper, spielte in seinen letzten Tagen die Rolle des Zaren… Welch ein Weg vom möblierten Zimmer auf Montparnasse bis zum Kreml!“ Und welch ein Journalist, der zwar weiß, woher Lenin stammt, der aber keine Schlußfolgerungen aus der Tatsache zieht, daß Lenin – im Gegensatz zu den deutschen Sozialdemokraten, die heraufgekommen sind – heruntergestiegen ist, Alles aufgegeben hat, das blanke Nichts für die mögliche wohlsituierte Lebensstellung eintauschte, um einer Idee willen.

Und nun spaziert Herr Béraud in Moskau umher. Die typischen Cliché-Beschreibungen fremder Städte, unplastisch, glatt, gleichgültig – und hierbei kommt nun zu Tage, daß der Journalist kein Wort Russisch kann. Das ist kein Vorwurf – ich kanns nicht, viele Leser auch nicht, und viele Reisende, die nach Rußland gegangen sind, erst recht nicht. Aber man muß das doch abziehen – man muß doch immer fühlen, wieviel einem entgeht, und nun noch in einem Lande, dessen Wandlung so auf geistige Vorgänge gestellt ist. Von dieser Bescheidenheit ist hier nichts zu merken. Er sieht Alles, versteht Alles, weiß Alles, zieht aus Allem seine Folgerungen. Meist die falschen.

[133] „Die Kutscher sind ausnahmslos Konterrevolutionäre.“ Bum. Wahrscheinlich haben sie, wie alle Proletarier in der ganzen Welt, auf die Regierung geschimpft – Schimpfen ist eine Lebensnotwendigkeit wie Atmen –; aber Béraud weiß: Konterrevolutionäre. Und nun kommt er mit Kommunisten in Berührung; soweit die französisch sprechen können, erzählen sie ihm etwas, er gibt es wieder… Wie verachtungsvoll erzählt er dieses hier, welches Achselzucken setzt er bei seinen Lesern voraus! Einer sagt ihm, dem Franzosen: „Aber selbst eure Kommunisten – was sind denn das für Kerls! Weiße. Sie singen die Internationale im Parlament, aber beim Abendessen erzählen sie mit Heldenmiene vom Krieg und von ihrer guten Führung, von ihren Kriegsorden…“ Gemein, diese Russen. Aber sie scheinen mir mehr von Paris (und Berlin) zu wissen als Herr Béraud von Moskau.

Der Kenner der russischen Literatur spricht von einem so platten Kleinbürger wie Mereschkowski, den die Revolution schonungslos enthüllt hat – er nennt ihn den „Großen“. Ja, über Renaissance schreiben und Renaissance erleben, das ist freilich zweierlei…

Einer der Höhepunkte des Buches scheint mir das sechszehnte Kapitel: ‚Sur le toit‘. Es handelt sich um das Dachrestaurant Na Kryche. Da erzählen dem Forscher zwei jüdische Kommunisten, wie es in Rußland zugeht, und das hat die Welt noch nicht gehört. Ich weiß nicht, wen er da zu Tisch gehabt hat – entweder haben die Beiden schlecht französisch gesprochen, oder Béraud hat sie nicht verstanden, oder er hat sich auf dem Dach etwas dazugeschrieben… aber ein so ausgemachtes Geschwätz über russische Zustände soll man sich nochmal suchen. Die vollkommene Verständnislosigkeit, mit der über die Neue Oekonomische Politik gefaselt wird, der Mangel an jeglicher Dokumentation… es gibt in Paris eine kleine Bar, die Herr Béraud kennen wird. An sie habe ich gedacht, als ich dieses Kapitel las. Die Bar heißt: ‚Le Boeuf sur le Toit‘.

Herausgerissene Fetzen aus Trotzkis Büchern würzen das Heftchen. Und Herr Béraud ist so klug – ihm macht man keine Potemkinschen Dörfer vor. Ihm nicht. Die andern Besucher – er hat das selbst gesehen – werden in Autocars herumgefahren, denen zeigen die Sowjet-Beamten das Rußland, wie sie es aufgefaßt wissen wollen, Alles Betrug und Lüge, gestellt, arrangiert… Daß man aber den Pariser Journalisten unbehelligt überall herumlaufen ließ, fällt ihm nicht auf, und auf den Gedanken, auch Andre könnten wohl von dieser Freiheit Gebrauch machen, kommt er nicht. „Die Leute, die an diesen Fahrten teilnehmen, sind meist Arbeiter und Lehrer aus Westeuropa, zum größten Teil gute, anständige Leute, aber doch schließlich durch ihren Beruf durchaus nicht qualifiziert, eine Untersuchung anzustellen.“ Man muß wohl schon am ‚Journal‘ mitarbeiten… Dann weiß man Alles ganz genau.

Zum Beispiel, daß diese lächerliche russische Kommunisten-Partei ganz klein ist – was sagen Sie nun? „An diesem Granitblock zerschellen alle Erklärungen.“ Sogar die, daß die Kommunistische Partei den Anhängern, die eintreten wollen, [134] die ärgsten Schwierigkeiten macht, daß sie die Eingetretenen siebt, siebt, daß sie klein bleiben will, um ihre Intensität zu erhalten… nein, das ist gewiß keine Erklärung. Das ist eine Ausrede.

Der Pariser in Moskau… Sonntag in der Vorstadt und plötzlicher Regenguß. „Da sehe ich nun, in welchem Maß die Fröhlichkeit in Rußland verschwunden ist. Man stelle sich vor, was bei uns geschähe, wenn dergleichen etwa in Robinson (Paris-Treptow) vor sich ginge: wie die geputzte Menge davonläuft, Alle lachen, singen, machen Dummheiten, die Munterkeit des Volks, das sich den Teufel um den Himmel und seine geöffneten Schleusen kehrt, sich selbst und seine Wasserpartie verspottet…“ Und das gibt es nun Alles in Rußland nicht! Ja, dann ist dem Lande nicht zu helfen.

Ein Kenner. Er hat Herriot gelesen, und was Herr de Monzie über Rußland geschrieben hat – aber bei aller schuldigen Sympathie: es wäre vielleicht nicht falsch gewesen, nun auch noch andre Autoren zu Rate zu ziehn. Welcher Plattkopf! Der französische Arbeiter würde nicht mit dem russischen tauschen! Aber mit dem deutschen auch nicht – denn grade der Franzose hängt an seiner Heimat, an den kleinen Nichtigkeiten, an jener Summe von winzigen Sachen, die eine Atmosphäre ausmachen… Und die Russen sind keine Franzosen. Eine Teilstrecke auf der elektrischen Bahn in Moskau kostet 1 Franc 20 Centimes… Womit denn also Trotzki endgültig erledigt sein dürfte.

Herr Béraud nennt sich einen Sohn des Volkes. Er hat da seinem Papa keinen guten Dienst erwiesen. „Vielleicht haben unsre Arbeiter noch nicht Alles, was man ihnen wünschen könnte…“ Nein, doch wohl vielleicht nicht durchaus Alles. Aber man muß den fettgedruckten Erlösungsschrei im ‚Journal‘ gesehen haben, das einen Satz seines dicken Korrespondenten als Schlagzeile am Kopf des Blattes abdruckte – so erfreut war es. Endlich! „Dieser Volksstaat, das gelobte Land der Arbeiter, dessen Bild man unsre Leute in Puteaux und Saint-Denis (Arbeiterviertel von Paris) bewundern läßt, dieser Staat ist in der Tat nichts als ein kapitalistisches Regime, das, genau wie die andern, auf der Ungleichheit der Menschen fundiert ist, auf der Verzichtleistung der Schwachen… Das ist die Wahrheit.“ Gottseidank! sagen 3 Millionen. Also auch in Rußland: Ungleichheit, Resignation der Bedrückten… dann ist ja Alles in schönster Ordnung. Aber so einfach ist das Ding wohl nicht.

Herr Béraud fühlt, daß bei ihm etwas nicht in Ordnung ist, denn er verteidigt sich. Im Vorwort. (In dem übrigens der schöne Satz steht: „Bei uns haben die Arbeiter die einzige Revolution gemacht, die mitzählt: die Revolution der Löhne.“) Er verteidigt sich, stellt sich mit der ganzen Breitseite hin und sagt, ihm wären die faulen Äpfel ganz gleich. Wenn er die Sowjets gelobt hätte, dann würde ihn eben die ‚Action Française‘ angreifen… Ach nein.

Daß ein westlicher Demokrat die Unfreiheit der russischen Presse tadelt, ist schon komisch genug – ist Herr Béraud immer [135] nur in den Redaktionsräumen des ‚Journal‘ gewesen und nie in der kaufmännischen Abteilung? Daß der Reisende die Duplizität zwischen dem Wirken der Internationale in Europa und der Tätigkeit der kommunistischen Regierung im Innern Rußlands anmerkt, ist verständlich. Daß er aber nichts weiß, nichts gelesen hat, nichts kennt – so hält er die russische Doktrin für pazifistisch und zuckt jedesmal zusammen, wenn er das Wort „Marokko“ schreiben muß –, daß er nichts gelernt, nichts scharf gesehen, nichts verstanden hat: das ist bitter. Es ist eine Frechheit, eine Studie über die russische Presse zu schreiben, wenn man nicht russisch lesen und schreiben kann; es ist eine dumme feuilletonistische Oberflächlichkeit, mit ein paar angeleimten Worten einem so komplizierten Land das Urteil sprechen zu wollen. Man sehe sich daraufhin die bescheidenen und anständigen Berichte des Generals Schoenaich an: der kann auch kein Russisch, aber er sagts; er ist vorsichtig, er gibt meist die Quellen an, aus denen er geschöpft hat, und die ganze Reinlichkeit und saubere Menschlichkeit des Mannes spricht aus diesen lehrreichen Beschreibungen – die ebenso gut zu einem negativen Resultat hätten kommen können. Meinungen gelten hier gar nichts. Tatsachen Alles. Béraud kennt sie nicht.

Die Komik, daß der Angehörige einer Geistesrichtung, die das entsetzlichste Morden der Welt geduldet hat, andern Leuten Moralität lehren will, geht gar nicht in meine kleine Arbeit – die Abwehr wird über das Ende hinausschäumen, und ich werde noch ein Postscriptum ansetzen müssen. Der Sohn des Volkes, der nichts, nichts, nichts von dem Wenigen, was er an Lektüre über Rußland zu sich genommen, begriffen hat – nicht einmal der kundige, klardenkende und gescheite Jules Moch, der Sohn Gaston Mochs, hat reinigend auf ihn gewirkt –, er ist ein Reporter, der seiner eigentlichen Aufgabe, viel zu sehen, zu hören, zu riechen, untreu wird, der Mann, der vom Hotel aus ein Land beurteilt… aber wenn das Buch sowjetfreundlich wäre, taugte es auch nichts. Von der russischen Seele, von den wirtschaftlichen Vorgängen, von den innenpolitischen Ereignissen, von den Versuchen, den heldenhaften Niederlagen – kein Wort. Was würde Béraud sagen, wenn Einer, der kein Französisch kann, in den Verlag der Nouvelle Revue Française ginge und von da aus ein Buch ‚Frankreich‘ in die Welt setzte. Und von so etwas beziehen Millionen Franzosen ihre Kenntnis über Rußland.

Auf dem Dachrestaurant in Moskau gehts folgendermaßen zu:

„Der zweite Mann am Tisch stimmte düster zu. Er hatte, vom ersten Glase Wodka an, kein Wort gesprochen, ganz vertieft, sich ein merkwürdiges Essen zusammenzubauen: er ließ die Butter im Rotwein schwimmen, schmierte Käse auf die Birnen, begoß den Braten mit Zitronenlimonade…“

Ich weiß nicht, ob Herr Béraud eine Waschfrau hat. Wenn er aber eine hat, tut er gut, ihr das zu erzählen.

*

P.S.: Auch sie wird es nicht glauben.