Der Edle von Handschuchsheim

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Autor: Unbekannt
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Titel: Der Edle von Handschuchsheim
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 451–457
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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[451]
Der Edle von Handschuchsheim.

Ein Ritter fromm, von edlem Muth,
An Sitten hochgeehrt und gut,
Ging täglich in die Kirch zur Zeit,
Von seiner Burg nicht sonder weit.

5
Und einmal trug es sich da zu,

Daß er sich niedersetzt in Ruh,
Und einschläft betend vor’m Altar,
Der Sanct Kathrina heilig war.
Ein’ Jungfrau sah er vor sich stehn,

10
Mit einer Krone blinkend schön,

Wie Spinngeweb’ voll Himmelsthau,
Wenn Morgenlicht auf Rosen schaut,
Von Diemant schien es eine Laube,
Voll Strahlen schien hindurch der Glaube.

15
An ihrer Seite konnt’ er schauen

Zwei schöne schwebende Jungfrauen,
Doch wie viel schöner die Gekrönte!
Aus tausend bunten Vögeln tönte.

Der Jüngling fürcht’ sich vor dem Wunder,

20
Er neigt sich, schlägt die Augen unter;

Sie sprach: „Da du doch edel bist,
Wie zeigst du dich unadelich,
Wir kommen darum, wie wir sollen,

[452]

Daß wir dich jetzt ansehen wollen,

25
So deckst du deine Augen zu,

In dieser deiner müden Ruh;
Willst du dir ein Gemahl gern freien
Hier unter uns erwähl von dreien!“

Da er nun diese Wort’ gehört,

30
Aus seinem Schlaf geschwind auffährt.

Erwacht mit himmlischer Lieb durchgossen,
Seine Augen rannen von ihm erschlossen.
Ein’ Jungfrau sprach zu ihm da gnädig:
„Nimm Die, so jetzt mit dir geredet,

35
Denn, wie sie schöner ist als wir,

Kann ich jetzund versprechen dir,
Also ist sie vor Gott auch höher,
Und deiner Bitt Gewährung näher;
Ihr Namen ist dir wohlbekannt,

40
Sanct Katharina ist sie genannt.“


Darauf der Jüngling sie thät grüßen
Und fiel der Jungfrau still zu Füßen,
Hub an zu weinen inniglich,
Und bat die Heilige demüthiglich,

45
Sie wolle seiner sich, des Armen,

Allzeiten über ihn erbarmen.
Sie setzt’ ihm auf einen Rosenkranz,
Der gab von sich ein’n Sonnenglanz,
Und sprach: „Nimm diesen Kranz der Liebe

50
Von mir, die sollst du stetig üben!“

Verschwand also vor seinen Augen,
Mit ihren zweien Beijungfrauen.

Da nun der Ritter jetzt erwacht,
Hat er des Rosenkranz gedacht;

55
Auf seinem Haupt thät er den finden,

Thät ihn mit Wohlgeruch umwinden.

Nachdem es aber sich begab,
Daß man dem Ritter sehr oblag,

[453]

Und wider Willen muß er freien,

60
Das ihm doch übel thät gereuen! –

Ihm ward in seinem jungen Leben
Ein’ schöne, edle Jungfrau geben;
Ließ doch von der Gewohnheit nit,
All Tag er Kathrinen bitt’,

65
Daß sie darum ihn nicht woll’ hassen,

In seinen Nöthen nicht verlassen.

Da nun sein’ Hausfrau schwanger ging,
Sie einen Argwohn auch empfing,
Wenn er ging nach Kathrinen Kirche,

70
Thät sie in ihrem Herzen fürchten,

Er möcht’ vielleicht in diesen Tagen
Ein’ Andre lieber, dann sie, haben.

Einsmals bestellt sie eine Magd,
Zu der sie diese Worte sagt:

75
„Wo geht mein Herr allmorgen hin?“ –

Die Magd sagt ihr aus bösem Sinn:
„Ich weiß wohl, wo er hingegangen;
Hat nach des Pfaffen Schwester Verlangen.“

Die Frau ward ob dem Wort betrübt,

80
Weil sie der Ritter allein nicht liebt.

Da nun der Herr zurücke kam,
Der Frauen Traurigkeit vernahm,
Fragt er, warum sie traurig wär?
Sie sagt, sie hörte böse Mähr,

85
Wie er ging täglich umher buhlen,

Zu des Pfarr’s Schwester in die Schulen.
Er sagt: „Du hast nicht recht gehört,
Oder bist sonst worden bethört,
Die ich lieb hab in meiner Pflicht,

90
Die ist des Pfarres Schwester nicht,

Es ist ein’ Andere zur Frist,
Die tausendmal viel schöner ist.“ –
Stand also auf von seinem Bett,

[454]

Als wenn er noch zu buhlen hätt,

95
Ging doch nur wieder von ihr hin,

Wie vor auch zu Sanct Katharin.

Ob dieser Antwort das Gemüth
Der edlen Frau war tief betrübt,
Sie sprang im Zorn vom Bett herab,

100
Und stach sich selbst die Kehle ab.


Der Ritter vom Gebet heim kam,
Die Trauerbotschaft nun vernahm,
Sah sein Gemahl des Tods verschieden,
Und dort im Blut umwälzet liegen,

105
Erschrack er sehr, sein Herz ward kühl,

Daß er in ein Ohnmacht hinfiel.

Da er nun wieder zu sich kam,
Hub bitterlich zu weinen an,
Klopft an sein Herz, rauft aus sein Haar,

110
Und sprach zu sich in der Gefahr:

„O heilge, heilge Katharin,
Sieh an, in welcher Noth ich bin!
Ach, ich hab’ meine Treu verloren,
Und bin meineidig an dir worden!“

115
Mit diesen Worten lief er hin

Zur Kirche der Sanct Katharin,
Mit Seufzen er sein’ Bitt vorbracht,
Bis um ihn her war dunkle Nacht,
Und traurig prächtig Stern bei Stern

120
Durch’s Kirchenfenster sah von fern.


Mit ihren Jungfrau’n da erschien
Die heilge Jungfrau Katharin,
Dem Ritter, der vor dem Altar
Da lag und halb entschlafen war;

125
Ging zu ihm hin, wischt seine Augen,

Mit ihren beiden Beijungfrauen.

[455]

Sie sprach zu ihm: „Haft Unrecht than,
Daß du mich so verlassen, Mann!
Auf dich genommen andre Last,

130
Dein’ Treu an mir gebrochen hast;

Doch hast du mich zierlichermaßen
Geliebt und doch nicht ganz verlassen.
Steh’ auf und geh mit Freuden heim,
Dir soll diesmal geholfen seyn.

135
Dein’ Hausfrau ist lebendig worden,

Hat eine Tochter dir geboren.
Die wird dir lange Zeit nachleben,
Der sollst du meinen Namen geben.
In ihrem Gebet wird sie sich üben,

140
Daß Gott der Herr sie sehr wird lieben:

Also, daß sie in einem Jahr
Den Großvater aus großer Gefahr
Des Fegfeuers erlösen wird,
Der immer noch im Feuer irrt.“ –

145
Sie neigt sich ihm, wischt seine Augen,

Die Thränen ihre Hand’ einsaugen.
Doch wie der Birken weiße Rinde,
So wächst ein Handschuh davon geschwinde
Auf ihren Händen weiß wie Schnee,

150
Den streift sie ab und schwebt zur Höh;

Der fällt und weckt ihn am Altar,
Da er vor Kummer schlafen war.
Da findet er den Handschuh weiß,
Wie Niemand ihn zu weben weiß.

155
Ein Bote kam: „Herr, kommt herüber,

Denn Euer Gemahl, die lebet wieder,
Und hat in diese Welt geboren,
Ein’ schöne Tochter auserkoren.“
Ob dieser fröhlichen Botschaft

160
Erhielt er schnell zurück die Kraft,

Stand auf und dankte Katharin,
Den Handschuh steckt zum Helme kühn,

[456]

Zog wiederum zu seiner Frauen,
Die er mit Freuden an thut schauen,

165
Und küßt das Kind, umfängt das Weib,

Drückt sie zu sich an seinen Leib,
Fing an zu weinen gleich dem Kind,
Bat um Verzeihung seiner Sünd.

Drauf sprach die Frau: „Wir sollen loben

170
Sanct Katharin im Himmel droben,

Denn da ich mich vor Leid getödtet,
Und lag in allen meinen Nöthen
Zu mir schon kamen höll’sche Knaben,
Mein’ Seel sie wollten genommen haben,

175
Da hat die heilge Katharin

Für mich gebeten; Gott verziehn,
Daß er den Leib der Seel noch ließe,
Daß sie in ihm noch konnte büßen.“

Die Frau ließ drum ein Kloster bauen,

180
Die Heilge im Gebet zu schauen;[1]

Der Ritter zog in’s heilge Land,
Vom Handschuh große Kraft empfand;
Den Rosenkranz, den Handschuh weiß
In’s Kloster gab nach seiner Reis’;

185
Ein Dorf thät sich um’s Kloster bauen,

Dort ist der Handschuh noch zu schauen,[2]
Und manch ein Lied und manch ein Reim
Preißt noch die Herrn von Handschuchsheim.[3]

[457] Obige alte Legende nebst den Anmerkungen ist mitgetheilt in J. Baader’s „Sagen der Pfalz, der Bergstraße und des Odenwalds.“ (Mannheim, Verlag von Bassermann, S. 307. u. f.)


  1. An der Westseite der Kirche im „Nonnengarten“ trifft man Fundamente und Gewölbe des Frauenklosters, welches einst hier bestand und unter dem Namen der „Jungfrauen in der Klause,“ so wie der „Mutter und Schwestern in der Klause“ in alten Weißthümern des sechszehnten Jahrhunderts und im Lorscher Judicialbuche vorkommt.
    (Leonhords „Freundenbuch für Heidelberg etc.“ S. 189).
  2. In der Kirche zu Handschuchsheim befinden sich viele Grabsteine, Monumente, Wappen etc. welche sich auf die Edlen von Handschuchsheim beziehen und durch das Familienwappen, einen silbernen Handschuh im blauen Felde, kenntlich sind.
  3. [457] Ueber 500 Jahre hindurch stand das uralte Geschlecht der Handschuchsheimer in Blüthe und großem Ansehen, bis der Letzte des Stammes, Johann von Handschuchsheim, im Jahr 1600 von Friederich von Hirschhorn in einem Zweikampfe auf dem Marktplatze zu Heidelberg erstochen wurde. Ein Denkmal in der Handschuchsheimer Kirche, den letzten Herrn von Handschuchsheim in voller Kriegsrüstung darstellend, mit einem Löwen zu Füßen, hat folgende, auf jene That bezügliche Inschrift:

    „Als man zählt 1583 Jahr,
    In der Nacht den 25. Juni zwar,
    Ward geboren Hanns von Hantschuchsheim.
    Auf Einen stunde der Adeliche stamm allein.

    5
    Von Kurfürst Friedrichen Pfalzgraven bei Rhein

    Ward beschrieben gen hoffe zu reiten ein.
    Zu dienen stellt er sich gehorsamlich dar,
    Sein’s Alters fünfzehn und ein halbes Jahr.
    Zu Heidelberg auf dem Markt bei Nacht

    10
    Friedrich von Hirschhorn in hardt stach

    Den 14. Decembris im sechzehnhundertsten Jahr.
    Ueber siebenzehn Tag hernach sein Leben endet gahr.
    Alles ist gegeben in des Herrn handt.
    Er lößt keine Uebelthat ohnbelandt.

    15
    Ob ich schon zeitlich werde gerücket hin,

    Sterben ist meines lebens gewinn.“