Der Freischuß

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ernst Moritz Arndt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Freischuß
Untertitel:
aus: Mährchen und Jugenderinnerungen. Zweiter Theil. S. 332–339
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1843
Verlag: G. Reimer
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]

[332]

Der Freischuß.

Es sind viele Geheimnisse in der Natur und viele geheime Künste. Wer sie hat und sie zu guten Werken und zum Lobe Gottes anwendet, dem bringen sie die Seligkeit; wer sie aber mit vorwitziger Lust gebraucht und einbildisch und hochmüthig darauf wird, der geräth in die schwarze Nacht des Aberglaubens und der Verblendung und verliert den hellen und graden Weg des Himmels. Gefährlich ist es dem Menschen überhaupt, Geheimnisse zu suchen, wenn er nicht Gott sucht. Gottes tiefe Geheimnisse mag er immer und immer wieder suchen mit stillem und gläubigem Herzen und mit züchtigen und verschwiegnen Lippen; und anders wird er sie auch nicht finden.

Zu den verbotenen Künsten gehört auch der Freischuß. Ich habe die Jäger und Förster mancherlei darüber flüstern gehört, auch habe ich Jäger gesehen – mein Vater hatte selbst einmal einen solchen – die sie Freischützen nennen und vor welchen alle andern Jäger ein Grauen haben, und in deren Gesellschaft, wenn sie mit ihnen zusammen auf der Jagd sind, sie sich wie behext fühlen, daß ihnen entweder das Gewehr versagt oder sie nichts treffen können. Ich will nun erzählen, was die Leute hievon erzählen.

[333] Nur Freischützen können den Freischuß verleihen. Unter ihnen ist aber immer ein verborgener und geheimer Altmeister, den sie laden, wenn ein frischer grüner Jägerbursch Freischütz werden will. Dieser Altmeister und zwei Freischützen, die den Neuling mitbringen, versammeln sich bei Mondschein im grünen Walde. Dort feiern sie ihre Einweihung um die verbotene Mitternacht zwischen Zwölf und Eins. Der Jüngling wird splinterfasernackt hingestellt, wie Adam im Paradiese stand, damit sie ihn untersuchen und zusehen mögen, ob er einen Fehl habe. Denn ein mit irgend einem Fehl Behafteter und der nicht mehr Junggesell ist mag nimmermehr Freischütz werden. Wann er untadelig erfunden worden und sich rein bekannt hat, lassen sie ihn niederknieen und halten gräuliche Gebete und Beschwörungen über ihn, die ich nicht wieder erzählen darf. Und er selbst muß ähnliche Gebete thun und schreckliche Gelübde und Flüche und Schwüre nachsprechen. Kann er dies nicht freien Muthes vollenden sondern verstummt oder stottert und stammelt in Verzagtheit und giebt sonst Zeichen von Furcht und Angst von sich, so geißeln sie ihn unbarmherzig bis aufs Blut durch und lassen ihn als einen Feigen und Untüchtigen laufen. Es sind aber, wiewohl Viele bei der fürchterlichen Einweihung so durchgepeitscht und weggejagt sind, diese gräulichen Dinge fast nie zur Klage gekommen noch Freischützen gerichtet worden, weil sie sich wohl in Acht zu nehmen wissen. Denn wenn einer sich an einen Freischützen wendet, das heißt an einen, von welchem die Leute sagen, daß er die geheime Kunst habe, und ihn fragt oder Lust bezeigt, in den [334] geheimen Orden aufgenommen zu werden, so hütet dieser sich wohl, mit dabei zu seyn, sondern läßt kaum einzelne geheimnißvolle Worte und Winke fallen, thut sehr verlegen und heimlich, und nimmt fast die Gebärde eines Erschrockenen an, sagt ihm kaum halbe Dinge und macht einige abgerissene und durchschnittene Andeutungen, als: Ich weiß nicht recht, oder: ich weiß wohl Einiges, darfs aber nicht sagen, oder: ich habe wohl sagen gehört, bin aber nie dabei gewesen, da an dem und dem Kreuzwege, unter dieser und jener Eiche und Buche im Walde, an dem oder jenem Stein sollen die Freischützen um Mitternacht zusammenkommen, und wer eingeweiht und aufgenommen seyn will, der muß drei oder vier Neumonde hinter einander um zwölf Uhr des Nachts mit Büchse Kugel und Schrot sich an einer solchen Stelle einfinden und warten, ob ein Altmeister kommt. Denn dreimal hinter einander müssen sie gehen und kommen und ihre Stunde abwarten, und gegen alle Schrecken der Nacht und gegen Gespenster und den Teufel und sein Heer und gegen das eigene Gewissen sich fest zeigen. Darauf erscheint den vierten Neumond der Altmeister nebst zwei Freischützen. Das sind aber gewöhnlich solche, die der Lehrling nimmer gesehen hat und die er auch nicht leicht bald wieder sehen wird. Und wie sollte er sie auch kennen? denn sie erscheinen fast immer vermummt; und ließe er sich merken, daß er je einen gekannt habe, so würde er heimlich erschossen und nimmer wieder gesehen. Und weil die Freischützen solche stummen Gerichte halten, darum verschwindet so mancher frische junge Jägersmann, und weiß kein Mensch [335] endlich, wo er gestoben und geflogen ist. Gewöhnlich sagen dann die Leute: er ist in die Welt gegangen, sich in der Fremde etwas zu versuchen; sie sollten aber sagen: er ist aus der Welt gegangen, sich in einer andern Welt etwas zu versuchen.

Wenn nun der Altmeister und seine beiden Beisitzer die erste Vorbereitung gemacht haben und wenn mit vielen heimlichen und entsetzlichen Worten und Gebärden die Beschwörung und Verlobung im Namen des höllischen Fliegenkönigs Beelzebub geschehen ist, muß der junge Schütz sein Gewehr ordentlich laden. Darauf nehmen sie ein Tuch und binden ihm die Augen fest zu, drehen ihn dreimal im Kreise herum, und sprechen abermal manche dunkle und gräuliche Worte. Ist das geschehen, so hört er dreimal mit dem Ausruf Schieß ihn!, und mit Andeutungen, als gelten ihm die Schüsse. Und zittert er dabei oder zuckt aus Furcht nur Einen Finger, so geißeln sie ihn bis aufs Blut und jagen ihn sogleich weg. Hat er aber dies auch tapfer bestanden, so wird ihm die Binde von den Augen genommen, und was sehen diese Augen dann? An einem Baum sieht er eine Laterne hangen, und unter der Laterne ein großes weises Kreutz frisch in die Rinde gehauen. Dahin aber muß er mit scheußlichen Verfluchungen und Verwünschungen zielen und schießen einmal und zweimal; bei dem dritten Schuß aber, den er thun will, erscheint das Jesuskindlein an der Stelle, wo das Kreutz war, und lächelt so freundlich und holdselig, als wolle es bitten: Schieß mich doch nicht, du Verblendeter! ich bin ja das unschuldigste und reinste aller Kinder [336] die jemals geboren sind, der Heiland der Welt, den du anbeten sollst. Hat er diesen dritten Schuß, der nie fehlt, aus seinem Gewehr geschossen, so gehen die Drei mit ihm zu dem Baum, und er muß das schöne Kind in seinem Blute liegen und sich zu Tode ächzen und zappeln hören und sehen. Die Drei aber lachen und singen schändliche Lieder dazu; und er muß mitlachen und mitsingen. Fällt ihm da das Herz zusammen oder versagt ihm die Stimme, so wird er weggejagt. Bei dieser letzten und grausamsten Probe entlaufen viele, und können sie nicht vollbringen; manche aber, die sich auch des letzten schwersten Schusses unterstanden, sind bei dem Gewimmer des geschossenen Kindes wahnsinnig geworden und wie Rasende davon gelaufen. Gewiß manche von den nackten Menschen, welche bei nächtlicher Weile so häufig in Wäldern gesehen werden und welche die Leute für wilde Wald- und Berg-Menschen halten, welche auch zuweilen durch Städte und Dörfer laufen und die Menschen erschrecken, sind wohl solche verunglückte Freischützen. Das göttliche Kind aber, das mit dabei ist, das wißt ihr wohl, ist nicht das wirkliche göttliche Kind, sondern der alte höllische Affe und Seelenfänger gaukelt so ein Bild hin und läßt den armen lüsternen Menschen in der alten Apfelluft an dem Geheimen sich daran verfangen und versündigen.

Wer nun eine rechter Freischütz ist, der die fürchterlichen Ceremonien ganz durchgemacht und bestanden hat, der besitzt freilich ganz besondere Jägergaben, aber seine andern Gaben will ich nicht mit ihm theilen. Freischütz wird er wohl vorzüglich deswegen genannt, weil niemand [337] ihm sein Gewehr besprechen oder behexen kann, oder auch wohl deswegen, weil kein Gefrorner oder Behexter oder durch die siebenfache und siebenundsiebenzigfache Passauer Kunst Gehärteter vor seiner Kugel stehen bleibt. Andre sagen, Freischütz heißt er wegen der drei freien Schüsse, die er für jede vierundzwanzig Stunden hat. Er kann nämlich jede vierundzwanzig Stunden drei Stück Wildpret oder Geflügel, was er eben haben will, mit seinen drei Freischüssen fällen, ohne daß sie auf dem Felde oder im Walde sichtbar da sind. Denn die müssen kommen und fallen, so wie er sie in Gedanken aufs Korn nimmt, er schieße bei Tage oder in der Nacht, ins Weiße oder in die leere Luft; ja wenn er in den Mond hinein hielte, so würden sie aus dem Mond herunterfallen. Das ist nun allerdings eine angenehme und einträgliche Kunst, und solche Jäger, die immer Wild schaffen können, sind deswegen bei großen Herren sehr willkommene und begehrte Leute. Das ist aber auch wahr, daß vor einem rechten Freischützen alles Wild fallen muß, das ihm in Schußmal kommt; denn keine Kugel kein Hagelkorn fehlt, die aus der Mündung seines Gewehrs fliegen. Für die andern Jäger ist es daher in Gesellschaft mit einem Freischützen eine böse Jagd, weil diesem das meiste Wild wie von selbst in den Schuß läuft, oder auch, weil die meisten solcher höllischen Freibeuter tückisch und boshaft sind und den andern die Gewehre behexen, und sie auslachen, wenn sie pudeln. Eine eigne Gräulichkeit wohnt ihnen aber noch bei, und die muß ich zuletzt erzählen.

[338] Man hat oft gesagt: wäre Satans Reich einig, so müßte Gottes zerstreutes Häuflein lange untergegangen seyn; aber was durch Neid und Bosheit so mächtig ist, kann durch Eintracht und Liebe nicht verbunden seyn. Daher sind die meisten satanischen Gesellen und Gesellinnen und die Hexen und Hexenmeister bei aller ihrer Listigkeit und Schlauheit doch durch die Bosheit und Lüge verblendet, daß sie einander meistens nicht erkennen ja wohl in dieser Verblendung der eine des andern Arbeit zerstören müssen. Welcher ehrliche Waidmann könnte bestehen und wie sollte es mit dem Wildpret werden, wenn jeder Freischütz seine drei Schüsse täglich gebrauchen dürfte? Das ist ihnen aber von dem Obermeister in der Finsterniß verboten, weil sie sein eignes Reich dadurch mit zerstören würden.

Alle Menschen wissen, daß viele Hexen und Hexenmeister bei Tage und Nacht in ihren Geschäften in Gestalt von Vierbeinen rundlaufen oder im gefiederten Rock der Vögel herumfliegen. Nicht bloß als Affen Katzen Füchse Wölfe Marder Iltisse Wiesel und Hamster laufen sie durch Feld und Wald und schleichen um Häuser Ställe und Scheunen; nicht bloß als Eulen Krähen Raben Tagschläfer und Elstern fliegen sie umher – sondern häufig auch dürfen sie in Gestalt frommer und unschuldiger Thiere und Vögel erscheinen, und man sieht sie wohl als Hirsche Rehe und Hasen laufen, als Ziegen und Ziegenböcke springen, als ehrbare Esel und Eselinnen mit philosophischer Ruhe einherschreiten und als bunte und zierliche Meischen und Zaunkönige flattern. Da ist es nun ganz besonders, daß eine gewisse höllische Heimlichkeit, daß ein gewisser [339] süßer höllischer Geruch, der frommen Christen als ein süßlich widerlicher Gestank in die Nasen steigt, kurz daß eine eigne höllische Witterung, auch bei der Unwissenheit, was Gefährliches dahinter stecken könne, solche Genossenschaft des satanischen Bundes oft mit unwiderstehlicher Gewalt zusammenlockt. So muß zum Beispiel solche verkappte Satansgilde, wo sie Freischützen wittert, ihnen in den Schuß laufen und fliegen, und auch die Freischützen werden von einem heftigsten Gelüst verlockt, grade solche verkleidete Thiere und Vögel zu schießen, und können es oft nicht lassen, einen Freischuß auf sie abzuknallen, wie streng und hart der schwarze Obermeister es seinen Leuten auch verboten und verpönt hat. Welche Hexe oder Hexenmeister so von ihrem Schuß getroffen werden, die müssen, wenn sie nicht gleich auf den Tod verwundet sind, ihr Lebenlang in der Gestalt rundlaufen oder rundfliegen, die sie trugen, als der bezauberte und mächtige Schuß sie traf. Daher sind manche Wölfe Füchse und Katzen, solange sie leben, Hexen und Hexenmeister, weil sie nach solchem Schuß aus der verwandelten Gestalt nicht wieder herausspringen können. Wenn sie aber von gewöhnlichen Jägern geschossen und verwundet werden, müssen sie zwar die Wunde oder Verstümmelungen an dem Gliedetragen, das getroffen und verletzt ward, aber sie können sich wieder in die Menschengestalt zurück verwandeln. So hat auch das listigste und klügste Regiment seine Gebrechen, und Satans Reich muß sich selbst Zaum und Gebiß anlegen.