Der Geisterseher – Teil 3

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Textdaten
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Autor: Friedrich Schiller
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Titel: Der Geisterseher.
Untertitel: Fortsetzung
aus: Thalia - Zweiter Band,
Heft 6 (1789), S. 84–164
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1789
Verlag: G. J. Göschen’sche Verlagsbuchhandlung
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Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Von Anfang 1787 bis Ende 1789 in fünf Lieferungen in Schillers Zeitschrift „Thalia“ erschienenes Romanfragment.
Fortsetzung: Der Geisterseher – Teil 4
Text auch als E-Book (EPUB, MobiPocket) erhältlich
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[84]
IV.
Der Geisterseher.

Fortsetzung.
(Siehe das fünfte Heft der Thalia.)
Zweites Buch.

Nicht lange nach diesen leztern Begebenheiten – fährt der Graf von O*** zu erzählen fort – fieng ich an, in dem Gemüth des Prinzen eine wichtige Veränderung zu bemerken, die theils eine unmittelbare Folge des letztern Vorfalles war, theils auch durch den Zusammenfluß mehrerer zufälliger Umstände hervorgebracht worden. Bis jezt nehmlich hatte der Prinz jede strengere Prüfung seines Glaubens vermieden, und sich damit begnügt, die rohen und sinnlichen Religionsbegriffe, in denen er auferzogen worden, durch die bessern Ideen, die sich ihm nachher aufdrangen, zu reinigen, oder mit diesen auszugleichen, ohne die Fundamente seines Glaubens zu untersuchen. Religionsgegenstände überhaupt, gestand er mir mehrmals, seien ihm jederzeit wie ein bezaubertes Schloß vorgekommen, in das man nicht ohne Grauen seinen Fuß setze, und man thue nicht besser, [85] man gehe mit ehrerbiethiger Resignation daran vorüber, ohne sich der Gefahr auszusetzen, in seinen Labyrinthen zu verirren. Eine bigotte, knechtische Erziehung war die Quelle dieser Furcht; diese hatte seinem zarten Gehirne Schreckbilder eingedrückt, von denen er sich während seines ganzen Lebens nie ganz losmachen konnte. Religiöse Melancholie war eine Erbkrankheit in seiner Familie; die Erziehung, welche man ihm und seinen Brüdern geben ließ, war dieser Disposition angemessen, die Menschen, denen man sie anvertraute, aus diesem Gesichtspunkte gewählt, also entweder Schwärmer oder Heuchler. Alle Lebhaftigkeit des Knaben in einem dumpfen Geisteszwange zu ersticken, war das zuverlässigste Mittel, sich der höchsten Zufriedenheit der fürstlichen Aeltern zu versichern. Diese schwarze nächtliche Gestalt hatte die ganze Jugendzeit unsers Prinzen; selbst aus seinen Spielen war die Freude verbannt. Alle seine Vorstellungen von Religion hatten etwas Fürchterliches an sich, und eben das Grauenvolle und Derbe war es, was sich seiner lebhaften Einbildungskraft zuerst bemächtigte und sich auch am längsten darin erhielt. Sein Gott war ein Schreckbild, ein strafendes Wesen; seine Gottesverehrung knechtisches Zittern oder blinde, alle Kraft und Kühnheit erstickende Ergebung. Auf allen seinen kindischen und jugendlichen Neigungen, denen ein derber Körper und eine blühende Gesundheit um [86] so kraftvollere Explosionen gab, stand ihm die Religion im Wege; mit allem, woran sein jugendliches Herz sich hing, lag sie im Streite, er lernte sie nie als eine Wohlthat, nur als eine Geißel seiner Leidenschaften kennen. So entbrannte allmählig eine stille Indignation gegen sie in seinem Herzen, welche mit einem respektvollen Glauben und blinder Furcht in seinem Kopf und Herzen die bizarreste Mischung machte – einen Widerwillen gegen einen Herrn, vor welchem er zitterte.

Kein Wunder, daß er die erste Gelegenheit ergriff, einem so strengen Joche zu entfliehen – aber er entlief ihm wie ein leibeigener Sclave seinem harten Herrn, der auch mitten in der Freiheit das Gefühl seiner Knechtschaft herumträgt. Eben darum, weil er dem Glauben seiner Jugend nicht mit ruhiger Wahl entsagt, weil er nicht abgewartet hatte, bis seine reife gereinigte Vernunft sich gemächlich davon abgelös’t hatte, weil er ihm als ein Flüchtling entsprungen war, auf den die Eigenthumsrechte seines Herrn immer noch fortdauern – so mußte er auch nach noch so großen Distractionen immer wieder zu ihm zurückkehren. Er war mit der Kette entsprungen, und eben darum mußte er der Raub eines jeden Betriegers werden, der sie entdeckte und zu gebrauchen verstand.

[87] Die Geständnisse des Sicilianers ließen in seinem Gemüth wichtigere Folgen zurück, als dieser ganze Gegenstand werth war, und der kleine Sieg, den seine Vernunft über diese schwache Täuschung davon getragen, hatte die Zuversicht zu seiner Vernunft überhaupt erhöht. Die Leichtigkeit, mit der es ihm gelungen war, diesen Betrug aufzulösen, schien ihn selbst überrascht zu haben; in diesem Kopfe hatten sich Wahrheit und Irrthum noch nicht so genau von einander gesondert, daß es ihm nicht oft begegnet wäre, die Stützen der einen mit den Stützen des andern zu verwechseln, daher kam es, daß der Schlag, der seinen Glauben an Wunder stürzte, das ganze Gebäude seinen Glauben zugleich zum Wanken brachte. Es ergieng ihm hier, wie einem unerfahrnen Menschen, der in der Freundschaft oder Liebe hintergangen worden, weil er schlecht gewählt hatte, und der nun seinen Glauben an diese Empfindungen überhaupt sinken läßt, weil er bloße Zufälligkeiten für wesentliche Kennzeichen derselben aufnimmt. Ein entlarvter Betrug machte ihm auch die Wahrheit verdächtig, weil er sich die Wahrheit unglücklicherweise durch gleich schlechte Gründe bewiesen hatte.

Dieser vermeintliche Triumph gefiel ihm um so mehr, je schwerer der Druck gewesen, wovon er ihn zu befreien schien. Von diesem Zeitpunkt an regte [88] sich eine Zweifelsucht in ihm, die auch das Ehrwürdigste nicht verschonte.

Es halfen mehrere Dinge zusammen, ihn in dieser Gemüthslage zu erhalten und noch mehr darin zu bevestigen. Die Zurückgezogenheit, in der er bisher gelebt hatte, hörte jezt auf, und mußte einer zerstreuungsvollen Lebensart Platz machen. Sein Stand war entdeckt. Aufmerksamkeiten, die er erwiedern mußte, Etikette, die er seinem Rang schuldig war, rissen ihn unvermerkt in den Wirbel der großen Welt. Sein Stand sowohl als seine persönlichen Eigenschaften öffneten ihm die geistvollesten Zirkel in Venedig; bald sah’ er sich mit den hellsten Köpfen der Republik, Gelehrten sowohl als Staatsmännern in Verbindung. Dieß zwang ihn, den einförmigen, engen Kreis zu erweitern, in welchem sein Geist sich bisher bewegt hatte. Er fieng an, die Armuth und Beschränktheit seiner Begriffe wahrzunehmen, und das Bedürfniß höherer Bildung zu fühlen. Die altmodische Form seines Geistes, von so vielen Vorzügen sie auch begleitet war, stand mit den gangbaren Begriffen der Gesellschaft in einem nachtheiligen Kontrast, und seine Fremdheit in den bekanntesten Dingen sezte ihn zuweilen dem Lächerlichen aus; nichts fürchtete er so sehr, als das Lächerliche. Das ungünstige Vorurtheil, das auf seinem Geburtslande haftete, [89] schien ihm eine Aufforderung zu seyn, es in seiner Person zu widerlegen. Dazu kam noch die Sonderbarkeit in seinem Charakter, daß ihn jede Aufmerksamkeit verdroß, die er seinem Stande und nicht seinem persönlichen Werth danken zu müssen glaubte. Vorzüglich empfand er diese Demüthigung in Gegenwart solcher Personen, die durch ihren Geist glänzten, und durch persönliche Verdienste gleichsam über ihre Geburt triumphirten. In einer solchen Gesellschaft sich als Prinz unterschieden zu sehen, war jederzeit eine tiefe Beschämung für ihn, weil er unglücklicherweise glaubte, durch diesen Namen schon von jeder Concurrenz ausgeschlossen zu seyn. Alles dieses zusammen genommen überführte ihn von der Nothwendigkeit, seinem Geist die Bildung zu geben, die er bisher verabsäumt hatte, um das Jahrfünftel der witzigen und denkenden Welt einzuhohlen, hinter welchem er so weit zurückgeblieben war. Er wählte dazu die modernste Lektüre, der er sich mit allem dem Ernste hingab, womit er alles, was er vornahm, zu behandeln pflegte. Aber die schlimme Hand, die bei der Wahl dieser Schriften im Spiele war, ließ ihm unglücklicherweise immer auf solche stoßen, bei denen seine Vernunft und sein Herz wenig gebessert war. Und auch hier waltete sein Lieblingshang vor, der ihn immer zu allem, was nicht begriffen werden soll, mit unwiderstehlichem [90] Reize hingezogen hatte. Nur für dasjenige, was damit in Beziehung stand, hatte er Aufmerksamkeit und Gedächtniß; seine Vernunft und sein Herz blieben leer, während sich diese Fächer seines Gehirns mit verworrenen Begriffen anfüllten. Der blendende Stil des Einen riß seine Imagination dahin, indem die Spizfindigkeiten des andern seine Vernunft verstrickten. Beiden wurde es leicht, sich einen Geist zu unterjochen, der ein Raub eines jeden war, der sich ihm mit einer gewissen Dreistigkeit aufdrang. Eine Lektüre, die länger als ein Jahr mit Leidenschaft fortgesezt wurde, hatte ihm beinahe mit gar keinem wohlthätigen Begriff bereichert, wohl aber seinen Kopf mit Zweifeln angefüllt, die, wie es bei diesem Charakter unausbleiblich folgte, bald einen unglücklichen Weg zu seinem Herzen fanden. Daß ich es kurz sage – er hatte sich in dieses Labyrinth begeben, als ein glaubenreicher Schwärmer, und er verließ es als Zweifler, und zulezt als ein ausgemachter Freigeist.

Unter den Zirkeln, in die man ihn zu ziehen gewußt hatte, war eine gewisse geschlossene Gesellschaft, der Bucentauro genannt, die unter dem äußerlichen Schein einer edeln vernünftigen Geistesfreiheit die zügelloseste Lizenz der Meinungen wie der Sitten begünstigte. Da sie unter ihren Mitgliedern viele [91] Geistliche zählte, und sogar die Namen einiger Kardinäle an ihrer Spitze trug, so wurde der Prinz um so leichter bewogen, sich darin einführen zu lassen. Gewisse gefährliche Wahrheiten der Vernunft, meinte er, könnten nirgends besser aufgehoben seyn, als in den Händen solcher Personen, die ihr Stand schon zur Mäßigung verpflichtete und die den Vortheil hatten, auch die Gegenparthei gehört und geprüft zu haben. Der Prinz vergaß hier, daß Libertinage des Geists und der Sitten bei Personen dieses Standes eben darum weiter um sich greift, weil sie hier einen Zügel weniger findet. Und dieses war der Fall bei dem Bucentauro, dessen mehreste Mitglieder durch eine verdammliche Philosophie, und durch Sitten, die einer solchen Führerinn würdig waren, nicht ihren Stand allein, sondern selbst die Menschheit beschimpften. Die Gesellschaft hatte ihre geheimen Grade, und ich will zur Ehre des Prinzen glauben, daß man ihn des innersten Heiligthums nie gewürdigt habe. Jeder, der in diese Gesellschaft eintrat, mußte, wenigstens so lange er ihr lebte, seinen Rang, seine Nation, seine Religionsparthei, kurz alle conventionelle Unterscheidungszeichen ablegen, und sich in einen gewissen Stand universeller Gleichheit begeben. Die Wahl der Mitglieder war in der That streng, weil nur Vorzüge des Geists einen Weg dazu bahnten. Die Gesellschaft rühmte sich des feinsten Tons und des ausgebildetsten [92] Geschmacks, und in diesem Rufe stand sie auch wirklich in ganz Venedig.

Dieses sowohl als der Schein von Gleichheit, der darin herrschte, zog den Prinzen unwiderstehlich an. Ein geistvoller durch feinen Witz aufgeheiterter Umgang, unterrichtende Unterhaltungen, das Beste aus der gelehrten und politischen Welt, das hier, wie in seinem Mittelpunkte zusammenfloß, verbargen ihm lange Zeit das Gefährliche dieser Verbindung. Wie ihm nach und nach der Geist des Instituts durch die Maske hindurch sichtbarer wurde, oder man es auch müde war, länger gegen ihn auf seiner Hut zu seyn, war der Rückweg gefährlich, und falsche Schaam sowohl als Sorge für seine Sicherheit zwangen ihn, sein innres Mißfallen zu verbergen. Aber schon durch die bloße Vertraulichkeit mit dieser Menschenklasse und ihren Gesinnungen, wenn sie ihn auch nicht zur Nachahmung hinrissen, ging die reine, schöne Einfalt seines Charakters und die Zartheit seiner moralischen Gefühle verloren. Seine durch so wenig gründliche Kenntnisse unterstüzte Vernunft konnte ohne fremde Beihülfe die feinen Trugschlüsse nicht lösen, womit man sie hier verstrickt hatte, und unvermerkt hatte dieser schreckliche Corrosiv alles – beinahe alles verzehrt, worauf seine Moralität ruhen sollte. Die natürlichen und nothwendigen Stützen seiner [93] Glückseligkeit gab er für Sophismen hinweg, die ihn im entscheidenden Augenblick verließen, und ihn dadurch zwangen, sich an den ersten besten willkührlichen zu halten, die man ihm zuwarf.

Vielleicht wäre es der Hand eines Freundes gelungen, ihn noch zur rechten Zeit von diesem Abgrund zurückzuziehen – aber, außerdem daß ich mit dem Innern des Bucentauro erst lange nachher bekannt worden bin, als das Uebel schon geschehen war, so hatte mich schon zu Anfang dieser Periode ein dringender Vorfall aus Venedig abgerufen. Diejenigen, in deren Händen ich den Prinzen ließ, waren zwar redliche aber unerfahrene Menschen, denen es sowohl an der Einsicht in das Uebel, als an Ansehen bei dem Prinzen fehlte. Den andern, die sich in der Folge seines Vertrauens bemächtigten, war es vielmehr darum zu thun, ihn immer tiefer darein zu versenken. Als ich im folgenden Jahre wieder nach Venedig zurückkam – wie anders fand ich da schon alles!

Der Einfluß dieser neuen Philosophie zeigte sich bald in des Prinzen Leben. Je mehr er zusehends in Venedig Glück machte, und neue Freunde sich erwarb, desto mehr fieng er an, bei seinen ältern Freunden zu verlieren. Mir gefiel er von Tag zu Tage weniger, auch sahen wir uns seltener, und überhaupt [94] war er weniger zu haben. Der Strom der großen Welt hatte ihn gefaßt. Nie wurde seine Schwelle leer, wenn er zu Hause war. Eine Lustbarkeit drängte die andre, ein Fest das andre, eine Glückseligkeit die andre. Er war die Schöne, um welche alles buhlt; der König und der Gott aller Zirkel. So schwer er sich in der vorigen Stille seines beschränkten Lebens den großen Weltlauf gedacht hatte, so leicht fand er ihn nunmehr zu seinem Erstaunen. Es kam ihm alles so entgegen, alles war trefflich, was von seinen Lippen kam, und wenn er schwieg, so war es ein Raub an der Gesellschaft. Man verstand die Kunst, ihm die Gedanken mit einer angenehmen Leichtigkeit von der Seele gleichsam abzulösen, und durch eine feine Nachhülfe ihn selbst damit zu überraschen. Auch machte ihn dieses ihn überall verfolgende Glück, dieses allgemeine Gelingen wirklich zu etwas Mehr, als er in der That war, weil es ihm Muth und Zuversicht zu ihm selbst gab. Die erhöhte Meinung, die er dadurch von seinem eignen Werth erlangte, gab ihm Glauben an die übertriebene und beinahe abgöttische Verehrung, die man seinem Geist wiederfahren ließ, die ihm, ohne dieses vergrößerte und gewissermaßen gegründete Selbstgefühl, nothwendig hätte verdächtig werden müssen. Jezt aber war diese allgemeine Stimme nur die Bekräftigung dessen, was sein selbstzufriedener Stolz ihm im Stillen sagte – ein [95] Tribut, der ihm von Rechtswegen gebührte. Unfehlbar würde er dieser Schlinge entgangen seyn, hätte man ihn zu Athem kommen lassen, hätte man ihm nur ruhige Muße gegönnt, seinen eigenen Werth mit dem Bilde zu vergleichen, das ihm in einem so lieblichen Spiegel vorgehalten wurde. Aber seine Existenz war ein fortdaurender Zustand von Trunkenheit, von schwebendem Taumel. Je höher man ihn gestellt hatte, desto mehr hatte er zu thun, sich auf dieser Höhe zu erhalten; diese immerwährende Anspannung verzehrte ihn langsam, selbst aus seinem Schlaf war die Ruhe geflohen. Man hatte seine Blößen durchschaut, und die Leidenschaft gut berechnet, die man in ihm entzündet hatte.

Bald mußten es seine redlichen Kavaliers entgelten, daß ihr Herr zum großen Kopf geworden war. Ernsthafte Empfindungen und ehrwürdige Wahrheiten, an denen sein Herz sonst mit aller Wärme gehangen, fiengen nun an Gegenstände seines Spotts zu werden. An den Wahrheiten der Religion rächte er sich für den Druck, worunter ihn Wahnbegriffe so lange gehalten hatten; aber weil eine nicht zu verfälschende Stimme seines Herzens die Taumeleien seines Kopfes bekämpfte, so war mehr Bitterkeit als fröhlicher Muth in seinem Witze. Sein Naturell fieng an, sich zu ändern, Launen stellten [96] sich ein. Die schönste Zierde seines Charakters, seine Bescheidenheit verschwand, Schmeichler hatten sein treffliches Herz vergiftet. Die schonende Delikatesse des Umgangs, die es seine Kavaliers sonst ganz vergessen gemacht hatte, daß er ihr Herr war, machte jezt einem gebietherischen entscheidenden Tone Platz, der um so empfindlicher schmerzte, weil er nicht auf den äußerlichen Abstand, worüber man sich mit leichter Mühe tröstet, sondern auf eine beleidigende Voraussetzung seiner persönlichen Erhabenheit gegründet war. Weil er zu Hause doch öfters Betrachtungen Raum gab, die ihn im Taumel der Gesellschaft nicht hatten angehen dürfen, so sahen ihn seine eigenen Leute selten anders als finster, mürrisch und unglücklich, während daß er fremde Zirkel mit einer erzwungenen Fröhlichkeit beseelte. Mit theilnehmendem Leiden sahen wir ihn auf dieser gefährlichen Bahn hinwandeln, aber in dem Tumult, durch den er geworfen wurde, hörte er die schwache Stimme der Freundschaft nicht mehr, und war jezt auch noch zu glücklich, um sie zu verstehen.

Schon in den ersten Zeiten dieser Epoche forderte mich eine wichtige Angelegenheit an den Hof meines Souverains, die ich auch dem feurigsten Interesse der Freundschaft nicht nachsetzen durfte. Eine unsichtbare Hand, die sich mir erst lange nachher entdeckte, [97] hatte Mittel gefunden, meine Angelegenheiten dort zu verwirren, und Gerüchte von mir auszubreiten, die ich eilen mußte, durch meine persönliche Gegenwart zu widerlegen. Der Abschied vom Prinzen ward mir schwer, aber ihm war er desto leichter. Schon seit geraumer Zeit waren die Bande gelös’t, die ihn an mich gekettet hatten. Aber sein Schicksal hatte meine ganze Theilnehmung erweckt; ich ließ mir deswegen von dem Baron von F*** versprechen, mich durch schriftliche Nachrichten damit in Verbindung zu erhalten, was er auch auf’s Gewissenhafteste gehalten hat. Von jezt an bin ich also auf lange Zeit kein Augenzeuge dieser Begebenheiten mehr; man erlaube mir, den Baron v. F*** an meiner statt aufzuführen, und diese Lücke durch Auszüge aus seinen Briefen zu ergänzen.


[98]
Baron von F*** an den Grafen von O***.
Erster Brief.
5. Mai. 17 –

Dank Ihnen, sehr verehrter Freund, daß Sie mir die Erlaubniß ertheilt haben, auch abwesend den vertrauten Umgang mit Ihnen fortzusetzen, der während Ihres Hierseyns meine beste Freude ausmachte. Hier, das wissen Sie, ist niemand, gegen den ich es wagen dürfte, mich über gewisse Dinge herauszulassen – was Sie mir auch dagegen sagen mögen, dieses Volk ist mir verhaßt. Seitdem der Prinz einer davon geworden ist, und seitdem vollends Sie uns entrissen sind, bin ich mitten in dieser volkreichen Stadt verlassen. Z*** nimmt es leichter, und die Schönen in Venedig wissen ihm die Kränkungen vergessen zu machen, die er zu Hause mit mir theilen muß. Und was hätte er sich auch darüber zu grämen? Er sieht und verlangt in dem Prinzen nichts, als einen Herrn, den er überall findet – aber ich! Sie wissen, wie nahe ich das Wohl und Weh unsers Prinzen an meinem Herzen fühle, und wie sehr ich Ursache dazu habe. Sechszehn Jahre sind’s, daß ich um seine Person lebe, daß ich nur für ihn lebe. Als ein neunjähriger Knabe kam ich in seine Dienste, und seit dieser Zeit hat mich kein Schicksal von ihm getrennt. Unter seinen [99] Augen bin ich geworden; ein langer Umgang hat mich ihm zugebildet; alle seine großen und kleinen Abenteuer hab’ ich mit ihm bestanden. Ich lebe in seiner Glückseligkeit. Bis auf dieses unglückliche Jahr hab’ ich nur meinen Freund, meinen ältern Bruder in ihm gesehen, wie in einem heitern Sonnenscheine hab’ ich in seinen Augen gelebt – keine Wolke trübte mein Glück, und alles dieß soll mir nun in diesem unseligen Venedig zu Trümmern gehen!

Seitdem Sie von uns sind, hat sich allerlei bei uns verändert. Der Prinz von **d** ist vorige Woche mit einer zahlreichen und glänzenden Suite hier angelangt und hat unserm Zirkel ein neues tumultuarisches Leben gegeben. Da er und unser Prinz so nahe verwandt sind und jezt auf einen ziemlich guten Fuß zusammen stehen, so werden sie sich während seines hiesigen Aufenthalts, der, wie ich höre, bis zum Himmelfahrtsfest dauren soll, wenig von einander trennen. Der Anfang ist schon bestens gemacht; seit zehen Tagen ist der Prinz kaum zu Athem gekommen. Der Prinz von **d** hat es gleich sehr hoch angefangen, und das mochte er immer, da er sich bald wieder entfernt; aber das Schlimme dabei ist, er hat unsern Prinzen damit angesteckt, weil der sich nicht wohl davon ausschließen konnte, und bei dem besondern Verhältniß, das zwischen beiden Häusern [100] obwaltet, dem bestrittenen Range des seinigen hier etwas schuldig zu seyn glaubte. Dazu kommt, daß in wenigen Wochen auch unser Abschied von Venedig herannaht; wodurch er ohnehin überhoben wird, diesen außerordentlichen Aufwand in die Länge fortzuführen.

Der Prinz von **d**, wie man sagt, ist in Geschäften des *** Ordens hier, wobei er sich einbildet, eine wichtige Rolle zu spielen. Daß er von allen Bekanntschaften unsers Prinzen sogleich Besitz genommen haben werde, können Sie sich leicht einbilden. In den Bucentauro besonders ist er mit Pomp eingeführt worden, da es ihm seit einiger Zeit beliebt hat, den witzigen Kopf und den starken Geist zu spielen, wie er sich denn auch in seinen Correspondenzen, deren er in allen Weltgegenden unterhält, nur den Prince philosophe nennen läßt. Ich weiß nicht, ob Sie je das Glück gehabt haben, ihn zu sehen. Ein vielversprechendes Aeußre, beschäftigte Augen, eine Miene voll Kunstverständigkeit, viel Prunk von Lektüre, viel erworbene Natur (vergönnen Sie mir dieses Wort) und eine fürstliche Herablassung zu Menschengefühlen, dabei eine heroische Zuversicht auf sich selbst, und eine alles widersprechende Beredsamkeit. Wer könnte bei so glänzenden Eigenschaften einer K. H. seine Huldigung versagen? Wie indessen der stille, wortarme [101] und gründliche Werth unsers Prinzen neben dieser schreienden Vortrefflichkeit auskommen wird, muß der Ausgang lehren.

In unsrer innern Einrichtung sind seit der Zeit viele und große Veränderungen geschehen. Wir haben ein neues prächtiges Haus, der neuen Prokuratie gegenüber, bezogen, weil es dem Prinzen im Mohren zu eng wurde. Unsre Suite hat sich um zwölf Köpfe vermehrt, Pagen, Mohren, Heiducken, u. dgl. m. – Alles geht jezt in’s Große. Sie haben während Ihres Hierseins über Aufwand geklagt – jezt sollten Sie erst sehen!

Unsre Lage ist noch die alte – außer, daß der Prinz, der durch Ihre Gegenwart nicht mehr in Schranken gehalten wird, wo möglich noch einsilbiger und frostiger gegen uns geworden ist, und daß wir ihn jezt außer dem An- und Auskleiden wenig haben. Unter dem Vorwand, daß wir das Französische schlecht und das Italienische gar nicht reden, weiß er uns von seinen mehresten Gesellschaften auszuschließen, wodurch er mir für meine Person eben keine große Kränkung anthut; aber ich glaube, das Wahre davon einzusehen: er schämt sich unsrer – und das schmerzt mich, das haben wir nicht verdient.

[102] Von unsern Leuten (weil Sie doch alle Kleinigkeiten wissen wollen) bedient er sich jezt fast ganz allein des Biondello, den er, wie Sie wissen, nach Entweichung unsers Jägers, in seine Dienste nahm, und der ihm jezt bei dieser neuen Lebensart ganz unentbehrlich geworden ist. Der Mensch kennt alles in Venedig, und alles weiß er zu gebrauchen. Es ist nicht anders, als wenn er tausend Augen hätte, tausend Hände in Bewegung setzen könnte. Er bewerkstellige dieses mit Hülfe der Gondoliers, sagt er. Dem Prinzen kommt er dadurch ungemein zu Statten, daß er ihn vorläufig mit allen neuen Gesichtern bekannt macht, die diesem in seinen Gesellschaften vorkommen, und die geheime Notizen, die er gibt, hat er immer richtig befunden. Dabei spricht und schreibt er das Italienische und das Französische vortrefflich, wodurch er sich auch bereits zum Sekretair des Prinzen aufgeschwungen hat. Einen Zug von uneigennütziger Treue muß ich Ihnen doch erzählen, der bei einem Menschen dieses Standes in der That selten ist. Neulich ließ ein angesehener Kaufmann aus Rimini bei dem Prinzen um Gehör ansuchen. Der Gegenstand war eine Beschwerde über Biondello. Der Prokurator, sein voriger Herr, der ein wunderlicher Heiliger gewesen seyn mochte, hatte mit seinen Verwandten in unversöhnlicher Feindschaft gelebt, die ihn auch, wo möglich, noch überleben sollte. Sein ganzes Vertrauen hatte Biondello, [103] bei dem er alle seine Geheimnisse niederzulegen pflegte; dieser mußte ihm noch am Todbette angeloben, sie heilig zu bewahren, und zum Vortheil der Verwandten niemals Gebrauch davon zu machen; ein ansehnliches Legat sollte ihn für diese Verschwiegenheit belohnen. Als man sein Testament eröffnete und seine Papiere durchsuchte, fanden sich große Lücken und Verwirrungen, worüber Biondello allein den Aufschluß geben konnte. Dieser läugnete hartnäckig, daß er etwas wisse, ließ den Erben das sehr beträchtliche Legat, und behielt seine Geheimnisse. Große Erbiethungen wurden ihm von Seiten der Verwandten gethan, aber alle vergeblich; endlich um ihrem Zudringen zu entgehen, weil sie drohten, ihn rechtlich zu belangen, begab er sich bei dem Prinzen in Dienste. An diesen wandte sich nun der Haupterbe, dieser Kaufmann, und that noch größre Erbiethungen, als die schon geschehen waren, wenn Biondello seinen Sinn ändern wollte. Aber auch die Fürsprache des Prinzen war umsonst. Diesem gestand er zwar, daß ihm wirklich dergleichen Geheimnisse anvertraut wären, er läugnete auch nicht, daß der Verstorbene im Haß gegen seine Familie vielleicht zu weit gegangen sei, aber, sezte er hinzu, er war mein guter Herr und mein Wohlthäter, und im festen Vertrauen auf meine Redlichkeit starb er hin. Ich war der einzige Freund, den er auf der Welt verließ – um so weniger darf [104] ich seine einzige Hoffnung hintergehen. Zugleich ließ er merken, daß diese Eröffnungen dem Andenken seines verstorbenen Herrn nicht sehr zur Ehre gereichen dürften. Ist das nicht fein gedacht und edel? Auch können Sie leicht denken, daß der Prinz nicht sehr darauf beharrte, ihn in einer so löblichen Gesinnung wankend zu machen. Diese seltene Treue, die er gegen einen Todten bewies, hat ihm einen Lebenden gewonnen!

Leben Sie glücklich – liebster Freund. Wie sehne ich mich nach dem stillen Leben zurücke, in welchem Sie uns hier fanden, und wofür Sie uns so angenehm entschädigten! Ich fürchte, meine guten Zeiten in Venedig sind vorbei, und Gewinn genug, wenn von dem Prinzen nicht das Nehmliche wahr ist. Das Element, worin er jezt lebt, ist dasjenige nicht, worin er in die Länge glücklich seyn kann, oder eine sechszehnjährige Erfahrung müßte mich betriegen.


[105]
Baron von F*** an den Grafen von O***.
Zweiter Brief.
18. Mai.     

Hätt’ ich doch nicht gedacht, daß unser Aufenthalt in Venedig noch zu irgend etwas gut seyn würde! Er hat einem Menschen das Leben gerettet, ich bin mit ihm ausgesöhnt.

Der Prinz ließ sich neulich bei später Nacht aus dem Bucentauro nach Hause tragen, zwei Bediente, unter denen Biondello war, begleiteten ihn. Ich weiß nicht, wie es zugeht, die Sänfte, die man in der Eile aufgerafft hatte, geht entzwei, und der Prinz sieht sich genöthigt, den Rest des Weges zu Fuße zu machen. Biondello geht voran, der Weg führte durch einige dunkle abgelegene Straßen, und da es nicht weit mehr von Tages Anbruch war, so brannten die Lampen dunkel, oder waren schon ausgegangen. Eine Viertelstunde mochte man gegangen seyn, als Biondello die Entdeckung machte, daß er verirrt sei. Die Aehnlichkeit der Brücken hatte ihn getäuscht, und anstatt in S. Markus überzusetzen, befand man sich in Sestieri von Kastello. Es war in einer der abgelegensten Gassen und nichts lebendes weit und breit, man mußte umkehren, um sich in einer Hauptstraße zu [106] orientiren. Sie sind nur wenige Schritte gegangen, als nicht weit von ihnen in einer Gasse ein Mordgeschrei erschallt. Der Prinz, unbewaffnet wie er war, reißt einem Bedienten den Stock aus den Händen, und mit dem entschlossenen Muth, den Sie an ihm kennen, nach der Gegend zu, woher diese Stimme erschallte. Drei fürchterliche Kerls sind eben im Begriff, einen Vierten niederzustoßen, der sich mit seinem Begleiter nur noch schwach vertheidigt; der Prinz erscheint noch eben zu rechter Zeit, um den tödlichen Stich zu hindern. Sein und der Bedienten Rufen bestürzt die Mörder, die sich an einem so abgelegnen Ort auf keine Ueberraschung versehen hatten, daß sie nach einigen leichten Dolchstichen von ihrem Manne ablassen und die Flucht ergreifen. Halb ohnmächtig und vom Ringen erschöpft, sinkt der Verwundete in den Arm des Prinzen; sein Begleiter entdeckt diesem, daß er den Marchese von Civitella, den Neffen des Kardinals A***i, gerettet habe. Da der Marchese viel Blut verlor, so machte Biondello, so gut er konnte, in der Eile den Wundarzt, und der Prinz trug Sorge, daß er nach dem Pallast seines Oheims geschafft wurde, der am nächsten gelegen war, und wohin er ihn selbst begleitete. Hier verließ er ihn in der Stille, und ohne sich zu erkennen gegeben zu haben.

[107] Aber durch einen Bedienten, der Biondello erkannt hatte, ward er verrathen. Gleich den folgenden Morgen erschien der Kardinal, eine alte Bekanntschaft aus dem Bucentauro. Der Besuch dauerte eine Stunde, der Kardinal war in großer Bewegung, als sie herauskamen, Thränen standen in seinen Augen, auch der Prinz war gerührt. Noch denselben Abend wurde bei dem Kranken ein Besuch abgestattet, von dem der Wundarzt übrigens das Beste versichert. Der Mantel, in den er gehüllt war, hatte die Stöße unsicher gemacht und ihre Stärke gebrochen. Seit diesem Vorfall verstrich kein Tag, an welchem der Prinz nicht im Hause des Kardinals Besuche gegeben oder empfangen hätte, und eine starke Freundschaft fängt an, sich zwischen ihm und diesem Hause zu bilden.

Der Kardinal ist ein ehrwürdiger Sechziger, majestätisch von Ansehn, voll Heiterkeit und frischer Gesundheit. Man hält ihn für einen der reichsten Prälaten im ganzen Gebiethe der Republik. Sein unermeßliches Vermögen soll er noch sehr jugendlich verwalten, und bei einer vernünftigen Sparsamkeit keine Weltfreude verschmähen. Dieser Neffe ist sein einziger Erbe, der aber mit seinem Oheim nicht immer im besten Vernehmen stehen soll. So wenig der Alte ein Feind des Vergnügens ist, so soll doch die Aufführung [108] des Neffen auch die höchste Toleranz erschöpfen. Seine freien Grundsätze und seine zügellose Lebensart, unglücklicherweise durch alles unterstützt, was Laster schmücken und die Sinnlichkeit hinreißen kann, machen ihn zum Schrecken aller Väter und zum Fluch aller Ehmänner; auch diesen lezten Angriff soll er sich, wie man laut behauptet, durch eine Intrigue zugezogen haben, die er mit der Gemahlinn des ***schen Gesandten angesponnen hatte. Anderer schlimmen Händel nicht zu gedenken, woraus ihn das Ansehen und das Geld des Kardinals nur mit Mühe hat retten können. Dieses abgerechnet wäre lezterer der beneidetste Mann in ganz Italien, weil er alles besizt, was das Leben wünschenswürdig machen kann. Mit diesem einzigen Familienleiden nimmt das Glück alle seine Gaben zurücke, und vergällt ihm den Genuß seines Vermögens durch die immerwährende Furcht, keinen Erben dazu zu finden.

Alle diese Nachrichten habe ich von Biondello. In diesem Menschen hat der Prinz einen wahren Schatz erhalten. Mit jedem Tage macht er sich unentbehrlicher, mit jedem Tage entdecken wir ein neues Talent an ihm. Neulich hatte sich der Prinz erhizt und konnte nicht einschlafen. Das Nachtlicht ward ausgelöscht, und kein Klingeln konnte den Kammerdiener erwecken, der außer dem Hause bei einer Operistinn [109] schlafen gegangen war. Der Prinz entschließt sich also, selbst aufzustehen und einen seiner Leute zu errufen. Er ist noch nicht weit gegangen, als ihm von ferne eine liebliche Musik entgegen schallt. Er geht wie bezaubert dem Schall nach und findet Biondello auf seinem Zimmer auf der Flöte blasend, seine Kameraden um ihn her. Er will seinen Augen, seinen Ohren nicht trauen, und befiehlt ihm fortzufahren. Mit einer bewundernswürdigen Leichtigkeit extemporiert dieser nun dasselbe schmelzende Adagio mit den glücklichsten Variationen und allen Feinheiten eines Virtuosen. Der Prinz, der ein Kenner ist, wie Sie wissen, behauptet, daß er sich getrost in der besten Kapelle hören lassen dürfe.

„Ich muß diesen Menschen entlassen,“ sagte er mir den Morgen darauf, „ich bin unvermögend, ihn nach Verdienst zu belohnen.“ Biondello, der diese Worte aufgefangen hatte, trat herzu. Gnädigster Herr, sagte er, wenn Sie das thun, so rauben Sie mir meine beste Belohnung.

„Du bist zu etwas Besserm bestimmt, als zu dienen,“ sagte mein Herr. „Ich darf dir nicht vor deinem Glücke seyn?“

Dringen Sie mir doch kein andres Glück auf, gnädigster Herr, als das ich mir selbst gewählt habe.

[110] „Und ein solches Talent zu vernachlässigen – Nein! Ich darf es nicht zugeben.“

So erlauben Sie mir, gnädigster Herr, daß ich es zuweilen in Ihrer Gegenwart übe.

Und dazu wurden auch sogleich die Anstalten getroffen. Biondello erhielt ein Zimmer, zunächst am Schlafgemach seines Herrn, wo er ihn mit Musik in den Schlummer wiegen und mit Musik daraus erwecken kann. Seinen Gehalt wollte der Prinz verdoppeln, welches er aber verbath, mit der Erklärung: der Prinz möchte ihm erlauben, diese zugedachte Gnade als ein Kapital bei ihm zu deponiren, welches er vielleicht in kurzer Zeit nöthig haben würde, zu erheben. Der Prinz erwartet nunmehr, daß er nächstens kommen werde, um etwas zu bitten; und was es auch seyn möge, es ist ihm zum voraus gewährt.

Leben Sie wohl, liebster Freund. Ich erwarte mit Ungeduld Nachrichten aus K***n.


[111]
Baron von F*** an den Grafen von O***.
Dritter Brief.
4. Junius.     

Der Marchese von Civitella, der von seinen Wunden nun ganz wieder hergestellt ist, hat sich vorige Woche durch seinen Oncle, den Kardinal, bei dem Prinzen einführen lassen, und seit diesem Tage folgt er ihm, wie sein Schatten. Von diesem Marchese hat mir Biondello doch nicht die Wahrheit gesagt, wenigstens hat er sie weit übertrieben. Ein sehr liebenswürdiger Mensch von Ansehn und unwiderstehlich im Umgang. Es ist nicht möglich, ihm gram zu seyn, der erste Anblick hat mich erobert. Denken Sie Sich die bezauberndste Figur, mit Würde und Anmuth getragen, ein Gesicht voll Geist und Seele, eine offne einladende Miene, einen einschmeichelnden Ton der Stimme, die fließendste Beredsamkeit, die blühendste Jugend mit allen Grazien der feinsten Erziehung vereinigt. Er hat gar nichts von dem geringschätzigen Stolz, von der feierlichen Steifheit, die uns an den übrigen Nobili so unerträglich fällt. Alles an ihm athmet jugendliche Frohherzigkeit, Wohlwollen, Wärme des Gefühls. Seine Ausschweifungen muß man mir weit übertrieben haben, nie sah’ ich ein vollkommeneres, schöneres Bild der Gesundheit. Wenn [112] er wirklich so schlimm ist, als mir Biondello sagt, so ist es eine Sirene, der kein Mensch widerstehen kann.

Gegen mich war er gleich sehr offen. Er gestand mir mit der angenehmsten Treuherzigkeit, daß er nicht am besten bei seinem Oncle angeschrieben stehe, und es auch wohl verdient haben möge. Er sei aber ernstlich entschlossen, sich zu bessern, und das Verdienst davon würde ganz dem Prinzen zufallen. Zugleich hoffe er durch diesen mit seinem Oncle wieder ausgesöhnt zu werden, weil der Prinz alles über den Kardinal vermöge. Es habe ihm bis jezt nur an einem Freunde und Führer gefehlt, und beides hoffe er, sich in dem Prinzen zu erwerben.

Der Prinz bedient sich auch aller Rechte eines Führers gegen ihn, und behandelt ihn mit der Wachsamkeit und Strenge eines Mentors. Aber eben dieses Verhältniß gibt auch ihm gewisse Rechte an den Prinzen, die er sehr gut geltend zu machen weiß. Er kommt ihm nicht mehr von der Seite, er ist bei allen Parthieen, an denen der Prinz Theil nimmt, für den Bucentauro ist er – und das ist sein Glück! bis jezt nur zu jung gewesen. Ueberall, wo er sich mit dem Prinzen einfindet, entführt er diesen der Gesellschaft, durch die feine Art, womit er ihn zu beschäftigen und auf sich zu ziehen weiß. Niemand, sagen sie, habe ihn bändigen können, und der Prinz [113] verdiene eine Legende, wenn ihm dieses Riesenwerk aufbehalten sei. Ich fürchte aber sehr, das Blatt möchte sich vielmehr wenden, und der Führer bei seinem Zögling in die Schule gehen, wozu sich auch bereits alle Umstände anzulassen scheinen.

Der Prinz von **d** ist nun abgereis’t, und zu unserm allerseitigen Vergnügen, auch meinen Herrn nicht ausgenommen. Was ich voraus gesagt habe, liebster O***, ist auch richtig eingetroffen. Bei so entgegengesezten Charakteren, bei so unvermeidlichen Kollisionen konnte dieses gute Vernehmen auf die Dauer nicht bestehen. Der Prinz von **d** war nicht lange in Venedig, so entstand ein bedenkliches Schisma in der spirituellen Welt, das unsern Prinzen in Gefahr sezte, die Hälfte seiner bisherigen Bewunderer zu verlieren. Wo er sich nur sehen ließ, fand er diesen Nebenbuhler in seinem Wege, der gerade die gehörige Dosis kleiner List und selbstgefälliger Eitelkeit besaß, um jeden noch so kleinen Vortheil geltend zu machen, den ihm der Prinz über sich gab. Weil ihm zugleich alle kleinlichen Kunstgriffe zu Gebothe standen, deren Gebrauch dem Prinzen ein edles Selbstgefühl untersagte, so konnte es nicht fehlen, daß er nicht in kurzer Zeit die Schwachköpfe auf seiner Seite hatte, und an der Spitze eine Parthei prangte, die seiner würdig war. Das Vernünftigste wäre freilich wohl [114] gewesen, mit einem Gegner dieser Art sich in gar keinen Wettkampf einzulassen, und einige Monate früher wäre dieß gewiß die Parthei gewesen, welche der Prinz ergriffen hätte. Jezt aber war er schon zu weit in den Strom gerissen, um das Ufer so schnell wieder erreichen zu können. Diese Nichtigkeiten hatten, wenn auch nur durch die Umstände, einen gewissen Werth bei ihm erlangt, und hätte er sie auch wirklich verachtet, so erlaubte ihm sein Stolz nicht, ihnen in einem Zeitpunkte zu entsagen, wo sein Nachgeben weniger für einen freiwilligen Entschluß, als für ein Geständniß seiner Niederlage würde gegolten haben. Das unselige Hin- und Wiederbringen vernachlässigter, schneidender Reden von beiden Seiten kam dazu, und der Geist von Rivalität, der seine Anhänger erhizte, hatte auch ihn mit ergriffen. Um also seine Eroberungen zu bewahren, und sich auf dem schlüpfrigen Platz zu erhalten, den ihm die Meinung der Welt einmal angewiesen hatte, glaubte er die Gelegenheiten häufen zu müssen, wo er glänzen und verbinden konnte, und dieß konnte nur durch einen fürstlichen Aufwand erreicht werden, daher ewige Feste und Gelage, kostbare Konzerte, Präsente und hohes Spiel. Und weil sich diese seltsame Raserei bald auch der beiderseitigen Suite und Dienerschaft mittheilte, die, wie Sie wissen, über den Artikel der Ehre noch weit wachsamer zu halten pflegt als ihre Herrschaft, so [115] mußte er dem guten Willen seiner Leute durch seine Freigebigkeit zu Hülfe kommen. Eine ganze lange Kette von Armseligkeiten, alles unvermeidliche Folgen einer einzigen ziemlich verzeihlichen Schwachheit, von der sich der Prinz in einem unglücklichen Augenblick überschleichen ließ!

Den Nebenbuhler sind wir zwar nun los, aber was er verdorben hat, ist nicht so leicht wieder gut zu machen. Des Prinzen Schatulle ist erschöpft; was er durch eine weise Oekonomie seit Jahren erspart hat, ist dahin, wir müssen eilen, aus Venedig zu kommen, wenn er sich nicht in Schulden stürzen soll, wovor er sich bis jezt auf das sorgfältigste gehütet hat. Die Abreise ist auch fest beschlossen, sobald nur erst frische Wechsel da sind.

Möchte indeß aller dieser Aufwand gemacht seyn, wenn mein Herr nur eine einzige Freude dabei gewonnen hätte! Aber nie war er weniger glücklich als jezt! Er fühlt, daß er nicht ist, was er sonst war – er sucht sich selbst – er ist unzufrieden mit sich selbst und stürzt sich in neue Zerstreuungen, um den Folgen der alten zu entfliehen. Eine neue Bekanntschaft folgt auf die andre, die ihn immer tiefer hineinreißt. Ich sehe nicht, wie das noch werden soll. Wir müssen fort – hier ist keine andre Rettung – wir müssen fort aus Venedig.

[116] Aber, liebster Freund, noch immer keine Zeile von Ihnen! Wie muß ich dieses lange hartnäckige Schweigen mir erklären?


Baron von F*** an den Grafen von O***.
Vierter Brief.
12. Junius.     

Haben Sie Dank, liebster Freund, für das Zeichen Ihres Andenkens, das mir der junge B***hl von Ihnen überbrachte. Aber was sprechen Sie darin von Briefen, die ich erhalten haben soll? Ich habe keinen Brief von Ihnen erhalten, nicht eine Zeile. Welchen weiten Umweg müssen die genommen haben! Künftig, liebster O***, wenn Sie mich mit Briefen beehren, senden Sie solche über Trient und unter der Adresse meines Herrn.

Endlich haben wir den Schritt doch thun müssen, liebster Freund, den wir bis jezt so glücklich vermieden haben. – Die Wechsel sind ausgeblieben, jezt in diesem dringenden Bedürfniß zum erstenmal ausgeblieben, und wir waren in die Nothwendigkeit gesezt, unsre Zuflucht zu einem Wucherer zu nehmen, weil der Prinz das Geheimniß gern etwas theurer bezahlt. [117] Das Schlimmste an diesem unangenehmen Vorfalle ist, daß er unsre Abreise verzögert.

Bei dieser Gelegenheit kam es zu einigen Erläuterungen zwischen mir und dem Prinzen. Das ganze Geschäft war durch Biondellos Hände gegangen, und der Ebräer war da, eh’ ich etwas davon ahndete. Den Prinzen zu dieser Extremität gebracht zu sehen, preßte mir das Herz und machte alle Erinnerungen der Vergangenheit, alle Schrecken für die Zukunft in mir lebendig, daß ich freilich etwas grämlich und düster ausgesehen haben mochte, als der Wucherer hinaus war. Der Prinz, den der vorhergehende Auftritt ohnehin sehr reizbar gemacht hatte, ging mit Unmuth im Zimmer auf und nieder, die Rollen lagen noch auf dem Tische, ich stand am Fenster und beschäftigte mich, die Scheiben in der Prokuratie zu zählen, es war eine lange Stille, endlich brach er los.

„F***! fieng er an. Ich kann keine finstern Gesichter um mich leiden.“

Ich schwieg.

„Warum antworten Sie mir nicht? – Seh’ ich nicht, daß es Ihnen das Herz abdrücken will, Ihren Verdruß auszugießen? und ich will haben, daß Sie reden. Sie dürften sonst wunder glauben, was für weise Dinge Sie verschweigen.“

[118] Wenn ich finster bin, gnädigster Herr, sagte ich, so ist es nur, weil ich Sie nicht heiter sehe.

„Ich weiß, fuhr er fort, daß ich Ihnen nicht recht bin – schon seit geraumer Zeit – daß alle meine Schritte mißbilligt werden – daß – Was schreibt der Graf von O***?“

Der Graf von O*** hat mir nichts geschrieben.

„Nichts? Warum wollen Sie es läugnen? Sie haben Herzensergießungen zusammen – Sie und der Graf. Ich weiß es recht gut. Aber gestehen Sie mir’s immer. Ich werde mich nicht in Ihre Geheimnisse eindringen.“

Der Graf von O***, sagte ich, hat mir von drei Briefen, die ich ihm schrieb, noch den ersten zu beantworten.

„Ich habe Unrecht gethan, fuhr er fort. Nicht wahr? (eine Rolle ergreifend.) Ich hätte das nicht tun sollen?“

Ich sehe wohl ein, daß dieß nothwendig war.

„Ich hätte mich nicht in die Nothwendigkeit setzen sollen?“

Ich schwieg.

„Freilich! Ich hätte mich mit meinen Wünschen nie über das hinauswagen sollen, und darüber zum [119] Greis werden, wie ich zum Mann geworden bin! Weil ich aus der traurigen Einförmigkeit meines bisherigen Lebens einmal herausgehe und herumschaue, ob nicht irgend anderswo eine Quelle des Genusses für mich springt – weil ich –“

Wenn es ein Versuch war, gnädigster Herr, dann hab’ ich nichts mehr zu sagen – dann sind die Erfahrungen, die er Ihnen verschaft haben wird, noch mit dreimal soviel nicht zu theuer erkauft. Es that mir wehe, ich gestehe es, daß die Meinung der Welt über eine Frage, die nur für Ihr eigenes Herz gehört, die Frage, wie Sie glücklich seyn sollen, zu entscheiden haben sollte.

„Wohl Ihnen, daß Sie verachten können die Meinung der Welt! Ich bin ihr Geschöpf, ich muß ihr Sklave seyn. Was sind wir anders als Meinung? Alles an uns Fürsten ist Meinung. Die Meinung ist unsre Amme und Erzieherinn in der Kindheit, unsre Gesezgeberinn und Geliebte in männlichen Jahren, unsre Krücke im Alter. Nehmen Sie uns, was wir von der Meinung haben, und der Schlechteste aus den untersten Klassen ist besser daran als wir, denn sein Schicksal hat ihm doch eine Philosophie seines Schicksals geschaffen. Ein Fürst, der die Meinung verlacht, hebt sich selbst auf, wie der Priester, der das Daseyn eines Gottes läugnet?“

[120] Und dennoch, gnädigster Prinz –

„Ich weiß, was Sie sagen wollen. Ich kann den Kreis überschreiten, den meine Geburt um mich gezogen hat – aber kann ich auch alle Wahnbegriffe aus meinem Gedächtniß herausreissen, die Erziehung und frühe Gewohnheit darin gepflanzt, und hundert tausend Thoren von euch immer fester und fester darin gegründet haben? Jeder will doch gerne ganz seyn, was er ist, und unsre Existenz ist nun einmal, glücklich scheinen. Weil wir es nicht seyn können auf Eure Weise, sollen wir es darum gar nicht seyn? Wenn wir die Freude aus ihrem reinen Quell unmittelbar nicht mehr schöpfen dürfen, sollen wir uns auch nicht mit einem künstlichen Genuß hintergehen, nicht von eben der Hand, die uns beraubte, eine schwache Entschädigung empfangen dürfen?“

Sonst fanden Sie diese in Ihrem Herzen.

„Wenn ich sie nun nicht mehr darin finde? – O wie kommen wir darauf? Warum mußten Sie diese Erinnerungen in mir aufwecken? – Wenn ich nun eben zu diesem Sinnentumult meine Zuflucht nahm, um eine innere Stimme zu betäuben, die das Unglück meines Lebens macht – um diese grübelnde Vernunft zur Ruhe zu bringen, die wie eine schneidende Sichel in meinem Gehirn hin und her fährt, und mit jeder neuen Forschung einen neuen Zweig meiner Glückseligkeit zerschneidet?“

[121] Mein bester Prinz! – Er war aufgestanden, und ging im Zimmer herum, in ungewöhnlicher Bewegung.

„Wenn alles vor mir und hinter mir versinkt – die Vergangenheit im traurigen Einerlei wie ein Reich der Versteinerung hinter mir liegt – wenn die Zukunft mir nichts biethet – wenn ich meines Daseyns ganzen Kreis im schmalen Raume der Gegenwart beschlossen sehe – wer verargt es mir, daß ich dieses magre Geschenk der Zeit, feurig und unersättlich wie einen Freund, den ich zum leztenmale sehe, in meine Arme schließe? Wenn ich mit diesem flüchtigem Gute zu wuchern eile, wie der achtzigjährige Greis mit seiner Tiare? – O ich hab’ ihn schätzen lernen den Augenblick! Der Augenblick ist unsre Mutter und wie eine Mutter laßt uns ihn lieben!“

Gnädigster Herr, sonst glaubten Sie an ein bleibenderes Gut –

„O machen Sie, daß mir das Wolkenbild halte, und ich will meine glüenden Arme darum schlagen. Was für Freude kann es mir geben, Erscheinungen zu beglücken, die morgen dahin seyn werden, wie ich? – Ist nicht alles Flucht um mich herum? Alles stößt sich und drängt seinen Nachbar weg, aus dem Quell des Daseyns einen Tropfen eilends zu trinken und lechzend davon zu gehn. Jezt in dem Augenblick, [122] wo ich meiner Kraft mich freue, ist schon ein werdendes Leben an meine Verwesung angewiesen. Zeigen Sie mir ein Wesen, das dauert, so will ich tugendhaft seyn.“

Was hat denn die wohlthätigen Empfindungen verdrängt, die einst der Genuß und die Richtschnur Ihres Lebens waren? Saaten für die Zukunft zu pflanzen, einer hohen ewigen Ordnung zu dienen –

„Dienen! Dienen gewiß, so gewiß als der unbedeutendste Mauerstein der Simmetrie des Pallastes, die auf ihm ruhet! Aber auch als ein mitbefragtes, mitgenießendes Wesen? Lieblicher gutherziger Wahn des Menschen! deine Kräfte willst du ihr widmen? Kannst du sie ihr denn weigern? Was du bist und was du besitzest, bist du ja nur, besitzest du nur für sie. Hast du gegeben, was du geben kannst, und was du allein ihr geben konntest, so bist du auch nicht mehr, deine Gebrechlichkeit spricht dir das Urtheil, und sie ist es auch, die es vollziehet. Aber wer ist denn diese Natur, diese Ordnung, wider welche ich klage? Immerhin! Möchte sie, wie der Griechen Saturn, ihre eigenen Kinder verzehren, wäre sie selbst nur, überlebte sie auch nur die vergangne Sekunde! – Ein unermeßlicher Baum steht sie da im unermeßlichen Raume. Die Weisheit und die Tugend ganzer Generationen rinnen wie Säfte in seinen [123] Röhren, Jahrtausende und die Nationen, die darin Geräusch machten, fallen wie welke Blüthen, wie verdorrte Blätter von seinen Zweigen, die er mit innrer unvergänglicher Zeugungskraft aus dem Stamme treibt. Kannst du von ihr verlangen, was sie selbst nicht besitzet? Du eine Furche, die der Wind in die Meeresfläche bläßt, deines Daseyns Spur darin zu sichern verlangen?“

Diese trostlose Behauptung widerlegt schon die Weltgeschichte. Die Namen Lykurg, Sokrates, Aristides haben ihre Werke überdauert.

„Und der nützliche Mann, der den Pflug zusammensezte – wie hieß der? Trauen sie einer Belohnerinn, die nicht gerecht ist? Sie leben in der Geschichte, wie Mumien in Balsam, um mit ihrer Geschichte etwas später zu vergehen.“

Und dieser Trieb zur ewigen Fortdauer? Kann oder darf ihre Nothwendigkeit verschwenden? Durfte in der Kraft etwas seyn, dem nichts in der Wirkung entspräche?

„O in dieser Wirkung eben liegt alles. Verschwenden? Steigt nicht auch der Wasserstrahl in der Cascade mit einer Kraft in die Höhe, die ihn durch einen unendlichen Raum schleudern könnte? Aber schon im ersten Moment seines Aufsprunges zieht die Schwerkraft an ihm, drücken tausend Luftsäulen auf [124] ihn, die ihn, früher oder später, in einem höhern oder niedrigern Bogen zur mütterlichen Erde zurücktreiben? Um so spät zu fallen, mußte er mit dieser üppigen Kraft aufsteigen – gerade eine elastische Kraft, wie der Trieb zur Unsterblichkeit, gehörte dazu, wenn sich die Menschenerscheinung gegen die herandrückende Nothwendigkeit Raum machen sollte. Ich gebe mich überwunden, liebster Freund, wenn Sie mir darthun, daß dieser Trieb zur Unsterblichkeit im Menschen nicht ebenso vollkommen mit dem zeitlichen Zweck seines Daseyns aufgehe, als seine sinnlichsten Triebe. Freilich verführt uns unser Stolz, Kräfte, die wir nur für, nur durch die Nothwendigkeit haben, gegen sie selbst anzuwenden, aber hätten wir wohl diesen Stolz, wenn sie nicht auch von ihm Vortheile zöge? Wäre sie ein vernünftiges Wesen, sie müßte sich unsrer Philosophien ohngefähr eben so freuen, wie sich ein weiser Feldherr an dem Muthwillen seiner kriegerischen Jugend ergötzet, der ihm Helden im Gefechte verspricht.“

Der Gedanke diente nur der Bewegung? Das Ganze wäre todt und die Theile lebten? Der Zweck wäre so gemein, und die Mittel so edel?

Zweck überhaupt hätten wir nie sagen sollen. Um in Ihre Vorstellungsart einzutreten, entlehne ich diesen Begriff von der moralischen Welt, weil wir hier gewohnt sind, die Folgen einer Handlung ihren Zweck [125] zu nennen. In der Seele selbst geht zwar der Zweck dem Mittel voran; wenn ihre innern Wirkungen aber in äußre übergehen, so kehrt sich diese Ordnung um, und das Mittel verhält sich zu dem Zwecke wie die Ursache zu ihrer Wirkung. In diesem lezten Sinne durfte ich mich uneigentlich dieses Ausdrucks bedienen, der aber auf unsere jezige Untersuchung keinen störenden Einfluß haben darf. Setzen Sie statt Mittel und Zweck Ursache und Wirkung – wo bleibt der Unterschied von Gemein und Edel? Was kann an der Ursache edel seyn, als daß sie ihre Wirkung erfüllet? Edel und Gemein bezeichnen nur das Verhältniß, in welchem ein Gegenstand gegen ein gewisses Principium in unserer Seele stehet – es ist also ein Begriff der nur innerhalb unsrer Seele, nicht außerhalb derselben anzuwenden ist. Sehen Sie aber, wie Sie schon als erwiesen annehmen, was wir erst durch unsre Schlüsse herausbringen sollen? Warum anders nennen Sie den Gedanken im Gegensatz von der Bewegung edel, als weil Sie das denkende Wesen schon als den Mittelpunkt voraussetzen, dem Sie die Folgenreihe der Dinge unterordnen? Treten Sie in meine Gedankenreihe, so wird diese Rangordnung verschwinden, der Gedanke ist Wirkung und Ursache der Bewegung und ein Glied der Nothwendigkeit, wie der Pulsschlag, der ihn begleitet.

[126] Nimmermehr werden Sie diesen paradoxen unnatürlichen Satz durchsetzen. Beinahe überall können wir mit unserm Verstande den Zweck der physischen Natur bis in den Menschen verfolgen. Wo sehen wir sie auch nur einmal diese Ordnung umkehren, und den Zweck des Menschen der physischen Welt unterwerfen? Und wie wollen Sie diese auswärtige Bestimmung mit dem Glückseligkeitstriebe vereinigen, der alle seine Bestrebungen einwärts gegen ihn selbst richtet?

„Lassen Sie uns doch versuchen. Um mich kürzer zu fassen, muß ich mich wieder Ihrer Sprache bedienen. Setzen wir also, daß moralische Erscheinungen nöthig waren, wie Licht und Schall nöthig waren, so mußten Wesen vorhanden seyn, die diesem besondern Geschäfte zugebildet waren, so wie Ether und Luft gerade so und nicht anders beschaffen seyn mußten, um derjenigen Anzahl von Schwingungen fähig zu seyn, die uns die Vorstellung von Farbe und Wohlklang geben. Es mußten also Wesen existiren, die sich selbst in Bewegung setzen, weil die moralische Erscheinung auf der Freiheit beruhet; was also bei Luft und Ether, bei dem Mineral und der Pflanze die ursprüngliche Form leistet, mußte hier von einem innern Principium erhalten werden, gegen welches sich die Beweggründe oder die bewegenden Kräfte dieses Wesens ohngefehr eben so verhielten, als die bewegenden [127] Kräfte der Pflanze gegen den beständigen Typus ihres Baues. Wie sie das bloß organische Wesen durch eine unveränderliche Mechanik lenkt, so mußte sie das denkendempfindende Wesen durch Schmerz und Vergnügen bewegen.“

Ganz richtig.

„Wir sehen sie also in der moralischen Welt ihre bisherige Ordnung verlassen, ja sogar mit sich selbst in einen anscheinenden Streit gerathen. In jedem moralischen Wesen legt sie ein neues Centrum an, einen Staat im Staate, gleichsam als hätte sie ihren allgemeinen Zweck ganz aus den Augen verloren. Gegen dieses Centrum müssen sich alle Thätigkeiten dieses Wesens mit einem Zwange neigen, wie sie ihn in der physischen Welt durch die Schwerkraft ausübt. Dieses Wesen ist auf die Art in sich selbst gegründet, ein wahres und wirkliches Ganze, durch diesen Fall zu seinem Centrum dazu gebildet, ebenso wie der Planet der Erde durch die Schwerkraft zur Kugel ward, und als Kugel fortdauret. Bis hieher scheint sie sich selbst ganz vergessen zu haben.“

„Aber wir haben gehört, daß dieses Wesen nur vorhanden ist, um die moralischen Erscheinungen hervorzubringen, deren sie bedurfte; die Freiheit dieses Wesens, oder sein Vermögen sich selbst zu bewegen, mußte also dem Zweck unterworfen werden, zu welchem [128] sie es bestimmte. Wollte sie also über die Wirkungen Meister bleiben, die es leistete, so mußte sie sich des Principiums bemächtigen, wornach sich das moralische Wesen beweget. Was konnte sie daher anders tun, als ihren Zweck mit diesem Wesen an das Principium anschließen, wodurch es regiert wird, oder mit andern Worten, seine zweckmäßige Thätigkeit zur nothwendigen Bedingung seiner Glückseligkeit machen?“

Das begreif ich.

„Erfüllt also das moralische Wesen die Bedingungen seiner Glückseligkeit, so tritt es eben dadurch wieder in den Plan der Natur ein, dem es durch diesen abgesonderten Plan entzogen zu seyn schien, eben so wie der Erdkörper durch den Fall seiner Theile zu ihrem Centrum fähig gemacht wird, die Ekliptick zu beschreiben. Durch Schmerz und Vergnügen erfährt also das moralische Wesen jedesmal nur die Verhältnisse seines gegenwärtigen Zustandes zu dem Zustande seiner höchsten Vollkommenheit, welcher einerlei ist mit dem Zwecke der Natur. Diesen Weiser hat und bedarf das organische Wesen nicht, weil es sich durch sich selbst dem Zustand seiner Vollkommenheit weder nähern noch von ihm entfernen kann. Jenes also hat vor diesem den Genuß seiner Vollkommenheit, d.i. Glückseligkeit voraus, mit dieser aber auch die Warnung, [129] wenn es davon abweicht, oder das Leiden. Hätte eine elastische Kugel das Bewußtseyn ihres Zustandes, so würde der Fingerdruck, der ihr eine flache Form aufdringt, sie schmerzen, so würde sie mit einem Gefühle von Wollust zu ihrer schönsten Ründung zurückkehren.“

Ihre elastische Kraft dient ihr statt jenes Gefühles.

„Aber eben so wenig Aehnlichkeit die schnelle Bewegung, die wir Feuer nennen, mit der Empfindung des Brennens oder die kubische Form eines Salzes mit seinem bittern Geschmacke hat, eben so wenig Aehnlichkeit hat das Gefühl, das wir Glückseligkeit nennen, mit dem Zustand unsrer innern Vollkommenheit, den es begleitet, oder mit dem Zweck der Natur, dem es dienet. Beide, möchte man sagen, seyen durch eine ebenso willkührliche Koexistenz mit einander verbunden, wie der Lorbeerkranz mit einem Siege, wie ein Brandmal mit einer ehrlosen Handlung.“

So scheint es.

„Der Mensch also brauchte kein Mitwisser des Zwecks zu seyn, den die Natur durch ihn ausführt. Mochte er immerhin von keinem andern Principium wissen, als dem, wodurch er in seiner kleinen Welt sich regiert, mochte er sogar im lieblichen, selbstgefälligen Wahn die Verhältnisse dieser seiner kleinen Welt der großen Natur als Gesetze unterlegen – [130] dadurch daß er seiner Struktur dienet, sind ihre Zwecke mit ihm gesichert.“


Und kann etwas vortrefflicher seyn, als daß alle Theile des großen Ganzen nur dadurch den Zweck der Natur befördern, daß sie ihrem eignen getreu bleiben, daß sie nicht zu der Harmonie beitragen wollen dürfen, sondern daß sie es müssen. Diese Vorstellung ist so schön, so hinreissend, daß man schon dadurch allein bewogen wird –

„sie einem Geiste zu gönnen, wollen Sie sagen? weil der selbstsüchtige Mensch seinem Geschlechte gern alles Gute und Schöne zutragen möchte, weil er den Schöpfer so gern in seiner Familie haben möchte. Geben Sie dem Krystalle das Vermögen der Vorstellung, sein höchster Weltplan wird Krystallisation, seine Gottheit die schönste Form von Krystall seyn. Und mußte dieß nicht so seyn? Hielt nicht jede einzelne Wasserkugel so getreu und fest an ihrem Mittelpunkte, so würde sich nie ein Weltmeer bewegt haben.“

Aber wissen Sie auch, gnädigster Prinz, daß Sie bisher nur gegen Sich Selbst bewiesen haben? Wenn es wahr ist, wie Sie sagen, daß der Mensch nicht aus seinem Mittelpunkte weichen kann, woher Ihre eigene Anmaßung, den Gang der Natur zu bestimmen? Wie können Sie es dann unternehmen, die Regel festsetzen zu wollen, nach der sie handelt?

[131] „Nichts weniger. Ich bestimmte nichts, ich nehme ja nur hinweg, was die Menschen mit ihr verwechselt haben, was sie aus ihrer eignen Brust genommen und durch pralerische Titel aufgeschmünkt haben. Was mir vorherging und was mir folgen wird, sehe ich als zwei schwarze undurchdringliche Decken an, die an beiden Gränzen des menschlichen Lebens herunterhängen, und welche noch kein Lebender aufgezogen hat. Schon viele hundert Generationen stehen mit der Fackel davor und rathen und rathen, was etwa dahinter seyn möchte. Viele sehen ihren eigenen Schatten, die Gestalten ihrer Leidenschaft, vergrößert auf der Decke der Zukunft sich bewegen, und fahren schaudernd vor ihrem eigenen Bilde zusammen. Dichter, Philosophen und Staatenstifter haben sie mit ihren Träumen bemahlt, lachender oder finstrer, wie der Himmel über ihnen trüber oder heiterer war; und von weitem täuschte die Perspektive. Auch manche Gauckler nuzten diese allgemeine Neugier, und sezten durch seltsame Vermummungen die gespannten Phantasien in Erstaunen. Eine tiefe Stille herrscht hinter dieser Decke, keiner, der einmal dahinter ist, antwortet hinter ihr hervor, alles was man hörte, war ein hohler Wiederhall der Frage, als ob man in eine Gruft gerufen hätte. Hinter diese Decke müssen alle, und mit Schaudern fassen sie sie an, ungewiß, wer wohl dahinter stehe, und [132] sie in Empfang nehmen werde; quid sit id, quod tantum morituri vident. Freilich gab es auch Ungläubige darunter, die behaupteten, daß diese Decke die Menschen nur narre, und daß man nichts beobachtet hätte, weil auch nichts dahinter sei: aber um sie zu überweisen, schickte man sie eilig dahinter.“

Ein rascher Schluß war es immer, wenn sie keinen bessern Grund hatten, als weil sie nichts sahen.

„Sehen Sie nun, lieber Freund, ich bescheide mich gern nicht hinter diese Decke blicken zu wollen – und das weiseste wird doch wohl seyn, mich von aller Neugier zu entwöhnen. Aber indem ich diesen unüberschreitbaren Kreis um mich ziehe, und mein ganzes Seyn in die Schranken der Gegenwart einschließe', wird mir dieser kleine Fleck desto wichtiger, den ich schon über eiteln Eroberungsgedanken zu vernachlässigen in Gefahr war. Das, was Sie den Zweck meines Daseyns nennen, geht mich jezt nichts mehr an. Ich kann mich ihm nicht entziehen, ich kann ihm nichts nachhelfen, ich weiß aber und glaube fest, daß ich einen solchen Zweck erfüllen muß und erfülle. Aber das Mittel, das ihre Natur erwählt hat, um ihren Zweck mit mir zu erfüllen, ist mir desto heiliger – es ist alles, was mein ist, meine Moralität nehmlich, meine Glückseligkeit. Alles übrige werde ich niemals erfahren. Ich bin einem Bothen gleich, [133] der einen versiegelten Brief an den Ort seiner Bestimmung trägt. Was er enthält kann ihm einerlei seyn – er hat nichts als sein Bothenlohn dabei zu verdienen.“

O wie arm lassen Sie mich stehn!

„Aber wohin haben wir uns verirret? rief jezt der Prinz aus, indem er lächelnd auf den Tisch sah’, wo die Rollen lagen. Und doch nicht so sehr verirret! sezte er hinzu – denn vielleicht werden Sie mich jezt in dieser neuen Lebensart wieder finden. Auch ich konnte mich nicht so schnell von dem eingebildeten Reichthum entwöhnen, die Stützen meiner Moralität und meiner Glückseligkeit nicht so schnell von dem lieblichen Traume ablösen, mit welchem alles, was bis jezt in mir gelebt hatte, so fest verschlungen war. Ich sehnte mich nach dem Leichtsinne, der das Daseyn der mehresten Menschen um mich her so erträglich macht. Alles, was mich mir selbst entführte, war mir willkommen. Soll ich es Ihnen gestehen? Ich wünschte zu sinken, um diese Quelle meines Leidens auch mit der Kraft dazu zu zerstören.“

Ich konnte das Gespräch noch nicht abgebrochen sehen.

Gnädigster Prinz, fieng ich von neuem an, hab’ ich Sie auch recht verstanden? Der lezte Zweck des [134] Menschen ist nicht im Menschen, sondern außer ihm? Er ist nur um seiner Folgen willen vorhanden.

„Lassen Sie uns diesen Ausdruck vermeiden, der uns irre führt.

Sagen Sie, er ist da, weil die Ursachen seines Daseyns da waren, und weil seine Wirkungen existiren, oder, welches eben soviel sagt, weil die Ursachen, die ihm vorhergiengen, eine Wirkung haben mußten, und die Wirkungen, die er hervorbringt, eine Ursache haben müssen.“

Wenn ich ihm also einen Werth beilegen will, so kann ich diesen nur nach der Menge und Wichtigkeit der Wirkungen abwägen, deren Ursache er ist?

„Nach der Menge seiner Wirkungen. Wichtig nennen wir eine Wirkung bloß, weil sie eine größre Menge von Wirkungen nach sich ziehet. Der Mensch hat keinen andern Werth als seine Wirkungen.“

Derjenige Mensch also, in welchem der Grund mehrerer Wirkungen enthalten ist, wäre der vortrefflichere Mensch?

„Unwidersprechlich.“

Wie? So ist zwischen dem Guten und Schlimmen kein Unterschied mehr! So ist die moralische Schönheit verloren!

[135] „Das fürcht’ ich nicht. Wäre das, so wollte ich sogleich gegen Sie verloren geben. Das Gefühl des moralischen Unterschiedes ist mir eine weit wichtigere Instanz als meine Vernunft – und nur alsdann fieng ich an, an die Leztere zu glauben, da ich sie mit jenem unvertilgbarem Gefühle übereinstimmend fand. Ihre Moralität bedarf einer Stütze, die meinige ruht auf ihrer eigenen Achse.“

Lehrt uns nicht die Erfahrung, daß oft die wichtigsten Rollen durch die mittelmäßigsten Spieler gespielt werden, daß die Natur die heilsamsten Revolutionen durch die schädlichsten Subjekte vollbringt. Ein Mahomed, ein Attila, ein Aurangzeb sind so wirksame Diener des Universums, als Gewitter, Erdbeben, Vulkane kostbare Werkzeuge der physischen Natur. Ein Despot auf dem Thron, der jede Stunde seiner Regierung mit Blut und Elend bezeichnet, wäre also ein weit würdigeres Glied ihrer Schöpfung, als der Feldbauer in seinen Ländern, weil er ein wirksameres ist – ja was das Traurigste ist, er wäre eben durch das vortrefflicher, was ihn zum Gegenstande unsers Abscheues macht, durch die größre Summe seiner Thaten, die alle fluchwürdig sind – er hätte in eben dem Grade einen größern Anspruch auf den Namen eines vortrefflichen Menschen, als er unter die Menschheit herabsinkt. Laster und Tugend –

[136] „Sehen Sie, rief der Prinz mit Verdrusse, wie Sie Sich von der Oberfläche hintergehen lassen, und wie leicht Sie mir gewonnen geben! Wie können Sie behaupten, daß ein verwüstendes Leben ein thätiges Leben sei? Der Despot ist das unnüzlichste Geschöpf in seinen Staaten, weil er durch Furcht und Sorge die thätigsten Kräfte bindet, und die schöpferische Freude erstickt. Sein ganzes Daseyn ist eine fürchterliche Negative; und wenn er gar an das edelste, heiligste Leben greift und die Freiheit des Denkens zerstöret – hunderttausend thätige Menschen ersetzen in einem Jahrhunderte nicht, was ein Hildebrand, ein Philipp von Spanien in wenig Jahren verwüsteten. Wie können Sie diese Geschöpfe und Schöpfer der Verwesung durch Vergleichung mit jenen wohlthätigen Werkzeugen des Lebens und der Fruchtbarkeit ehren!“

Ich gestehe die Schwäche meines Einwurfs – aber setzen wir anstatt eines Philipps einen Peter den Großen auf den Thron, so können Sie doch nicht läugnen, daß dieser in seiner Monarchie wirksamer sei, als der Privatmann bei dem nämlichen Maß von Kräften und aller Thätigkeit, deren er fähig ist. Das Glück ist es also doch, was nach Ihrem Systeme die Grade der Vortrefflichkeit bestimmt, weil es die Gelegenheiten zum Wirken vertheilet!

[137] „Der Thron wäre also nach Ihrer Meinung vorzugsweise eine solche Gelegenheit? Sagen Sie mir doch – wenn der König regieret, was thut der Philosoph in seinen Reichen?“

Er denkt.

„Und was thut der König, wenn er regieret?“

Er denkt.

„Und wenn der wachsame Philosoph schläft, was thut der wachsame König?“

Er schläft.

„Nehmen Sie zwei brennende Kerzen, eine davon stehe in einer Bauerstube, die andre soll in einem prächtigen Saale einer fröhlichen Gesellschaft leuchten. Was werden sie beide?“

Sie werden leuchten. Aber eben das spricht für mich – Beide Kerzen, nehmen wir an, brennen gleich lang und gleich helle, und verwechselte man ihre Bestimmung, so würde niemand einen Unterschied merken. Warum soll die eine darum vortrefflicher seyn, weil der Zufall sie begünstigte, in einem glänzenden Saal Pracht und Schönheit zu zeigen, warum soll die andre schlechter seyn, weil der Zufall sie dazu verdammte, in einer Bauernhütte Armuth und Kummer sichtbar zu machen? Und doch folgte dieß nothwendig aus ihrer Behauptung?

[138] „Beide sind gleich vortrefflich, aber beide haben auch gleichviel geleistet?“

Wie ist das möglich? Da die in dem weiten Saale so viel mehr Licht ausgegossen hat, als die andre? Da sie soviel mehr Vergnügen verbreitet hat, als die andre?

„Erwägen Sie nur, daß hier nur von der ersten Wirkung die Rede ist, nicht von der ganzen Kette. Nur die nächstfolgende Wirkung gehört der nächstvorhergegangenen Ursache; nur so viele Theile der Lichtmaterie, als sie unmittelbar berührte, sezte die brennende Kerze in Schwung. Und was sollte nun die eine vor der andern voraus haben? Können Sie aus einem jeden Centralpunkt nicht gleichviel Strahlen ziehen? Eben soviel aus Ihrem Augensterne, als aus dem Mittelpunkt der Erde? Entwöhnen Sie Sich doch, die großen Massen, die der Verstand nur als solche Ganze zusammenfaßt, in der wirklichen Welt auch als solche existirende Ganze vorauszusetzen. Der Feuerfunke, der in ein Pulvermagazin fällt, einen Thurm in die Luft sprengt und hundert Häuser verschüttet, hat darum doch nur ein einziges Körnchen gezündet.“

Sehr gut, aber –

„Wenden wir dieses auf moralische Handlungen an. Wir gehen spazieren und zwei Bettler sollen uns [139] begegnen. Ich gebe dem Einen ein Stück Geld, Sie dem andern ein gleiches; der Meinige betrinkt sich von dem Gelde und begeht in diesem Zustande eine Mordthat, der Ihrige kauft einem sterbenden Vater eine Stärkung und fristet ihm damit das Leben. Ich hätte also durch eben die Handlung, wodurch Sie Leben gaben, Leben geraubet? Nichts weniger. Die Wirkung meiner That hörte mit ihrer Unmittelbarkeit, so wie die Ihrige, auf, meine Wirkung zu seyn.“

Wenn aber mein Verstand diese Folgenreihe übersiehet, und nur diese Uebersicht mich zu der That bestimmt – wenn ich dem Bettler dieses Geld gab, um einem sterbenden Vater das Leben damit zu fristen, so sind doch alle diese Folgen mein, wenn sie so eintreffen, wie ich sie mir dachte.

„Nichts weniger. Vergessen Sie nur nie, daß Eine Ursache nur Eine Wirkung haben kann. Die ganze Wirkung, die Sie hervorbrachten, war, das Geldstück aus Ihrer Hand in die Hand des Bettlers zu bringen. Dieß ist von dieser ganzen langen Kette von Wirkungen die einzige, die auf Ihre Rechnung kommt. Die Arznei wirkte als Arznei u.s.f. – Sie scheinen verwundert. Sie glauben, daß ich Paradoxe behaupte, ein einziges Wort könnte uns vielleicht mit einander verständigen, aber wir wollen es lieber durch unsre Schlüsse finden.“

[140] Aus dem Bisherigen, sehe ich wohl, folgt, daß eine gute That an ihrer schlimmen Wirkung nicht Schuld ist, und eine schlimme That nicht an ihrer vortrefflichen. Aber zugleich folgt auch daraus, daß weder die gute an ihrer guten Wirkung, noch die schlimme an ihrer schlimmen Schuld ist, und daß also beide in ihren Wirkungen ganz gleich sind. – Sie müßten denn die seltenen Fälle ausnehmen wollen, wo die unmittelbare Wirkung zugleich auch die abgezweckte ist.

„Eine solche unmittelbare gibt es gar nicht, denn zwischen jede Wirkung, die der Mensch außer sich hervorbringt, und deren innre Ursache, oder den Willen, wird sich eine Reihe gleichgültiger einschieben, wenn es auch nichts als Muskularbewegung wäre. Sagen Sie also dreist, daß beide in ihren Wirkungen durchaus moralisch einerlei, d. i. gleichgültig sind. – Und wer wird dieses läugnen wollen? Der Dolchstich, der das Leben eines Heinrichs IV. und eines Domitians endigt sind beide ganz die nehmliche Handlung.“

Recht, aber die Motive –

„Die Motive also bestimmen die moralische Handlung. Und woraus bestehen die Motive?“

Aus Vorstellungen.

„Und was nennen Sie Vorstellungen?“

[141] Innre Handlungen oder Thätigkeiten des denkenden Wesens, die äußern Thätigkeiten correspondiren.

„Eine moralische Handlung ist also eine Folge innrer Thätigkeiten, welche äußern Veränderungen correspondiren?“

Ganz richtig.

„Wenn ich also sage, die Begebenheit ABC ist eine moralische Handlung, so heißt dieß so viel, als der Reihe äußrer Veränderungen, welche diese Begebenheit ABC ausmachen, ist eine Reihe innrer Veränderungen abc vorhergegangen?“

So ist es.

„Die Handlungen abc waren also bereits beschlossen als die Handlungen ABC anfiengen.“

Nothwendig.

Wenn also ABC auch nicht angefangen hätte, so wäre abc darum nicht weniger gewesen. War nun die Moralität in abc enthalten, so blieb sie auch, wenn wir ABC ganz vertilgen.“

Ich verstehe Sie, gnädigster Herr – und so wäre dasjenige, was ich für das erste Glied in der Kette gehalten, das lezte darin gewesen. Als ich dem Bettler das Geld gab, war meine moralische Handlung [142] schon ganz vorbei, schon ihr ganzer Werth oder Unwerth entschieden.“

„So mein’ ich’s. Trafen die Folgen ein, wie Sie sie dachten, d. i. folgte ABC auf abc, so war es nichts weiter als eine gelungene gute Handlung. In diesem äußern Strome hat der Mensch nichts mehr zu sagen, ihm gehört nichts als seine eigene Seele. Sie sehen daraus auf’s neue, daß der Monarch nichts dem Privatmanne voraus hat, denn auch er ist so wenig Herr jenes Stromes als dieser; auch bei ihm ist das ganze Gebieth seiner Wirksamkeit bloß innerhalb seiner eigenen Seele.“

Aber dadurch wird nichts verändert, gnädigster Herr; denn auch die böse Handlung hat ihre Motive wie die Gute, d. i. ihre innern Thätigkeiten, und nur um dieser Motive willen nennen wir sie ja böse. Setzen Sie also den Zweck und den Werth des Menschen in die Summe seiner Thätigkeiten, so sehe ich immer noch nicht, wie Sie die Moralität aus seinem Zwecke herausbringen, und meine vorigen Einwürfe kehren zurück.

„Lassen Sie uns hören. Schlimm oder Gut, sind wir übereingekommen, seyen Prädikate, die eine Handlung erst in der Seele erlange.“

Das ist erwiesen.

[143] „Lassen wir also zwischen die äußere Welt und das denkende Wesen eine Scheidewand fallen, so erscheint uns die nehmliche Handlung außerhalb derselben gleichgültig, innerhalb derselben nennen wir sie schlimm oder gut.“

Richtig.

„Moralität ist also eine Beziehung, die nur innerhalb der Seele, außer ihr nie gedacht werden kann, so wie z. B. die Ehre eine Beziehung ist, die dem Menschen nur innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zukommen kann.“

Ganz recht.

„Sobald wir uns eine Handlung als in der Seele vorhanden denken, so erscheint sie uns als die Bürgerinn einer ganz andern Welt, und nach ganz andern Gesetzen müssen wir sie richten. Sie gehört einem eigenen Ganzen zu, das seinen Mittelpunkt in sich selbst hat, aus welchem alles fließt, was es gibt, gegen welchen alles strömt, was es empfänget. Dieser Mittelpunkt oder dieses Principium ist, wie wir vorhin übereingekommen sind, nichts anders als der inwohnende Trieb alle seine Kräfte zum Wirken zu bringen, oder was eben soviel sagt, zur höchsten Kundmachung seiner Existenz zu gelangen. In diesen Zustand setzen wir die Vollkommenheit des moralischen [144] Wesens, so wie wir eine Uhr vollkommen nennen, wenn alle Theile, woraus der Künstler sie zusammensezte, der Wirkung entsprechen, um derentwillen er sie zusammensezte, wie wir ein musikalisches Instrument vollkommen nennen, wenn alle Theile desselben an seiner höchsten Wirkung den höchsten Antheil nehmen, dessen sie fähig und um dessentwillen sie vereinigt sind. Das Verhältniß nun, in welchem die Thätigkeiten des moralischen Wesens zu diesem Principium stehen, bezeichnen wir mit dem Namen der Moralität; und eine Handlung ist moralisch gut oder moralisch böse, je nachdem sie sich jenem nähert oder von ihm entfernet, es befördert oder hindert. Sind wir darüber einig?“

Vollkommen.

„Da nun jenes Principium kein andres ist, als die vollständigste Thätigkeit aller Kräfte im Menschen, so ist eine gute Handlung, wobei mehr Kräfte thätig waren, eine schlimme, wobei weniger thätig waren?“

Hier, gnädigster Herr, lassen Sie uns inne halten. Diesem nach käme eine kleine Wohlthat, die ich reiche, in der moralischen Rangordnung sehr tief unter das jahrlange Komplott der Bartholomäusnacht zu stehen, oder die Verschwörung des Cueva gegen Venedig.

[145] Der Prinz verlor hier die Geduld. „Wann werd’ ich Ihnen doch begreiflich machen können, fieng er an, daß die Natur kein Ganzes kenne? Stellen Sie zusammen, was zusammen gehört. War jenes Komplott eine Handlung, oder nicht vielmehr eine Kette von hunderttausenden? – und von hunderttausend mangelhaften, gegen welche ihre kleine Wohlthat noch immer im Vortheile stehet. Der Trieb der Menschenliebe schlief bei allen, der bei der Ihrigen thätig war. Aber wir kommen ab. Wo blieb ich?“

Eine gute Handlung sei, wobei mehr Kräfte thätig waren, und umgekehrt.

„Und dadurch also, daß weniger Kräfte bei ihr thätig waren, wird eine schlimme Handlung schlimm, und so umgekehrt?“

Ganz begreiflich.

„Bei einer schlimmen Handlung wird also nur verneinet, was bei einer guten bejahet wird?“

So ist’s.

„Ich kann also nicht sagen, es gehörte ein böses Herz dazu, diese That zu begehen, so wenig als ich sagen kann, es gehörte ein Kind und nicht ein Mann dazu, diesen Stein aufzuheben?“

[146] Sehr wahr. Ich sollte vielmehr sagen, es mußte so viel gutes Herz fehlen, um diese That zu begehen.

„Laster ist also nur die Abwesenheit von Tugend, Thorheit die Abwesenheit von Verstand, ein Begriff ohngefähr, wie Schatten oder Stille?“

Ganz richtig.

„So wenig also, als man logisch-richtig sagen kann, es ist Leere, Stille, Finsterniß vorhanden, so wenig gibt es ein Laster im Menschen, und überhaupt also in der ganzen moralischen Welt?“

Das ist einleuchtend.

„Wenn es also kein Laster im Menschen gibt, so ist alles was in ihm thätig ist, Tugend, d. i. es ist gut, eben so wie alles tönt, was nicht still ist, alles Licht hat, was nicht im Schatten steht?“

Das folgt.

„Jede Handlung also, die der Mensch begeht, ist also dadurch, daß es eine Handlung ist, etwas Gutes?“

Nach allem Vorhergegangenen.

„Und wenn wir eine schlimme Handlung von einem Menschen sehen, so ist diese Handlung gerade [147] das einzige Gute, was wir in diesem Augenblick an ihm bemerken.“

Das klingt sonderbar.

„Lassen Sie uns ein Gleichniß zu Hülfe nehmen. Warum nennen wir einen trüben, neblichten Wintertag einen traurigen Anblick? Ist es darum, weil wir eine Schneelandschaft an sich selbst widrig finden? Nichts weniger, könnte man sie in den Sommer verpflanzen, sie würde seine Schönheit erheben. Wir nennen ihn traurig, weil dieser Schnee und dieser Nebelduft nicht da seyn könnten, wenn eine Sonne geschienen hätte sie zu zertheilen, weil sie mit den ungleich größern Reizen des Sommers unvereinbar sind. Der Winter ist uns also ein Uebel, nicht weil ihm alle Genüsse mangeln, sondern weil er größere ausschließt.“

Vollkommen anschaulich.

„Eben so mit moralischen Wesen. Wir verachten einen Menschen, der aus dem Treffen fliehet und dem Tode dadurch entgeht, nicht, weil uns der wirksame Trieb der Selbsterhaltung mißfiele, sondern weil er diesem Triebe weniger würde nachgegeben haben, wenn er die herrliche Eigenschaft des Muthes besessen hätte. Ich kann die Herzhaftigkeit, die List des Räubers bewundern, der mich bestiehlt, aber [148] ihn selbst nenne ich lasterhaft, weil ihm die ungleich schönere Eigenschaft der Gerechtigkeit mangelt. So kann mich eine Unternehmung in Erstaunen setzen, die der Ausbruch einer jahrlang verhaltenen thätigen Rachsucht ist, aber ich nenne sie verabscheuungswürdig, weil sie mir einen Menschen zeigt, der ganze Jahre leben konnte, ohne seinen Mitmenschen zu lieben. Ich schreite mit Unwillen über ein Schlachtfeld hinweg, nicht weil so viele Leben hier verwesen – Pest und Erdbeben hätten noch mehr thun können, ohne mich gegen sich aufzubringen – auch nicht weil ich die Kraft, die Kunst, den Heldenmuth nicht vortrefflich fände, die diese Krieger zu Boden streckten – sondern, weil mir dieser Anblick so viele tausend Menschen in’s Gedächtniß bringt, denen die Menschlichkeit fehlte.“

Vortrefflich.

„Dasselbe gilt von den Graden der Moralität. Eine sehr künstliche, sehr fein ersonnene, mit Beharrlichkeit verfolgte, mit Muth ausgeführte Bosheit hat etwas Glänzendes an sich, das schwache Seelen oft zur Nachahmung reizt, weil man so viele große und schöne Kräfte in ihrer ganzen Fülle dabei wirksam findet. Und doch nennen wir diese Handlung schlimmer als eine ähnliche bei einem geringeren Maß von Geist, und strafen sie strenger, weil [149] sie uns jenen Mangel der Gerechtigkeit in ihrer größern Motivenreihe häufiger erkennen läßt. Wird sie vollends noch an einem Wohlthäter verübet, so empört sie darum unser ganzes Gefühl, weil die Gelegenheiten, den Trieb der Liebe in Bewegung zu setzen, in diesem Falle häufiger waren, und wir also die Entdeckung, daß dieser Trieb unwirksam geblieben, häufiger dabei wiederhohlen.“

Klar und einleuchtend.

„Auf unsre Frage zurück zu kommen. Sie geben mir also zu, daß es nicht die Thätigkeiten der Kräfte sind, die das Laster zum Laster machen, sondern ihre Unthätigkeit.“

Vollkommen.

„Die Motive sind aber solche Thätigkeiten; es ist also unrichtig geredet, eine Handlung ihrer Motive wegen lasterhaft zu nennen. Nichts weniger! Ihre Motive sind das einzige Gute das sie hat, sie ist nur böse um derjenigen willen, die ihr mangeln.“

Unwidersprechlich.

„Aber wir hätten diesen Beweis noch kürzer führen können. Würde der Lasterhafte aus diesen Motiven handeln, wenn sie ihm nicht einen Genuß gewährten? Genuß allein ist es, was moralische [150] Wesen in Bewegung sezt; und nur das Gute, wissen wir ja, kann Genuß gewähren.“

Ich bin befriedigt. Aus dem bisherigen folgt unwidersprechlich, daß z. B. ein Mensch von hellem Geist und wohlwollendem Herzen nur darum ein besserer Mensch ist als ein andrer von eben so viel Geist und einem minder wohlthätigen Herzen, weil er sich dem Maximum innrer Thätigkeit mehr nähert. Aber eine andre Bedenklichkeit steigt in mir auf. Geben Sie einem Menschen die Eigenschaften des Verstandes, des Muths, der Tapferkeit u. s. f. in einem vorzüglich hohen Grade, und lassen Sie ihm nur die einzige Eigenschaft, die wir gutes Herz nennen, mangeln – werden Sie ihn einem andern vorziehen, der jene Eigenschaften in einem niedrigem Grade, dieß leztere aber in seinem größten Umfang besitzet? Unstreitig ist jener ein weit thätigerer Mensch als dieser, und da nach Ihnen die Thätigkeit der Kräfte den moralischen Preis bestimmet, so würde also Ihr Urtheil für ihn ausfallen, und mit dem gewöhnlichen Urtheil der Menschen in einem Widerspruche sich befinden.

„Es würde ohnfehlbar sehr übereinstimmend damit seyn. Ein Mensch, dessen Verstandeskräfte in einem hohen Grade thätig sind, wird eben so gewiß [151] auch ein vortreffliches Herz besitzen, als er das, was er an sich selbst liebet, an einem andern nicht hassen kann. Wenn die Erfahrung dagegen zu streiten scheint, so hat man entweder zu freigebig von seinem Verstande, oder von moralischer Güte zu eingeschränkt geurtheilt. Ein großer Geist mit einem empfindenden Herzen steht in der Ordnung der Wesen eben so hoch über dem geistreichen Bösewicht, als der Dummkopf mit einem weichen, man sagt beßer, weichlichen, Herzen unter diesem stehet.“

Aber ein Schwärmer und einer von der heftigen Art ist doch offenbar ein thätigeres Wesen, als ein Alltagsmensch mit phlegmatischem Blut und beschränkten Sinnen?

„Bei einem noch so phlegmatischen beschränkten Alltagsmenschen kommt doch jede Kraft zum Wirken, weil keine von der andern verdrängt wird. Er ist ein Mensch in gesundem Schlafe; der Schwärmer ist einem Phrenetischrasenden gleich, der sich in wüthenden Konvulsionen wirft, wenn die Lebenskraft bereits in den äußersten Arterien aufhört. – Haben Sie noch eine Einwendung?“

Ich bin mit Ihnen überzeugt, daß die Moralität des Menschen in dem Mehr oder Weniger seiner innern Thätigkeit enthalten ist.

[152] „Erinnern Sie Sich nun, fuhr der Prinz fort, daß wir diese ganze Untersuchung im geschlossenen Bezirk der menschlichen Seele angestellt haben, daß wir sie von der äußern Reihe der Dinge durch eine Scheidewand getrennt, und innerhalb dieses nie überschrittenen Kreises den ganzen Bau der Moralität aufgeführt haben. Wir haben zugleich gefunden, daß seine Glückseligkeit vollkommen mit seiner moralischen Vortrefflichkeit aufgehe, daß ihm also für die leztere eben so wenig etwas zu fordern bleibe, daß ihm auf eine erst zu erreichende Vollkommenheit eben so wenig ein Genuß voraus zugetheilt werden könne, als daß eine Rose, die heute blühet, erst im folgenden Jahre dadurch schön sei, als daß ein Mißgriff auf dem Klavier erst in das nächstkommende Spiel seinen Mißlaut einmischen kann. Es wäre ebenso denkbar, daß der Glanz der Sonne in den heutigen Mittag und ihre Wärme in den folgenden fiele, als daß die Vortrefflichkeit des Menschen in diese Welt und seine Glückseligkeit in die andre fallen könnte – Ist Ihnen dieses erwiesen?“

Ich weiß nichts dagegen zu antworten.

[153] „Das moralische Wesen ist also in sich selbst vollendet und beschlossen, wie das, welches wir zum Unterschied davon das organische nennen, beschlossen durch seine Moralität, wie dieses durch seinen Bau, und diese Moralität ist eine Beziehung, die von dem, was außer ihm vorgeht, durchaus unabhängig ist.“

Dieß ist erwiesen.

„Es umgebe mich also was da wolle, der moralische Unterschied bleibt.“

Ich ahnde, wo Sie hinauswollen, aber –

„Es sei also ein vernünftiggeordnetes Ganze, eine unendliche Gerechtigkeit und Güte, eine Fortdauer der Persönlichkeit, ein ewiger Fortschritt – aus der moralischen Welt läßt sich dieses wenigstens nicht mit größerer Bündigkeit erweisen, als aus der physischen. Um vollkommen zu seyn, um glücklich zu seyn, bedarf das moralische Wesen keiner neuen Instanz mehr – und wenn es eine erwartet, so kann sich diese Erwartung wenigstens nicht mehr auf eine Forderung gründen. Was mit ihm werde, muß ihm für seine Vollkommenheit gleichviel seyn, so wie [154] es der Rose – um schön zu seyn – gleichviel seyn muß, ob sie in einer Wüste oder in fürstlichen Gärten, ob dem Busen eines lieblichen Mädchens oder dem verzehrenden Wurm entgegen blühet.“

Paßt diese Vergleichung?

„Vollkommen; denn ich sage hier ausdrücklich um schön zu seyn, dort um glücklich zu seyn – nicht um vorhanden zu seyn! Dieß lezte gehört für eine neue Untersuchung, und ich will das Gespräch nicht verlängern.“

Ich kann Sie doch noch nicht ganz losgeben, gnädigster Prinz. Sie haben – und mir däucht unumstößlich – bewiesen, daß der Mensch nur moralisch sei, insofern er in sich selbst thätig sei – aber Sie behaupteten vorhin, daß er nur Moralität habe, um außer sich zu wirken.

„Sagen Sie, nur außer sich wirksam sei, weil er Moralität hat. Ihre Damit verwirren uns. Ich kann Ihre Zwecke nicht leiden.“

Hier kommt es auf eins. Es hieße also, daß er nur in so fern den Grund der meisten Wirkungen [155] außer sich enthalte, in so fern er den höchsten Grad seiner Moralität erreiche. Und diesen Beweis sind Sie mir noch schuldig.

„Können Sie ihn aus dem Bisherigen nicht selbst führen? Der Zustand der höchsten innern Wirksamkeit seiner Kräfte, ist es nicht derselbe, in welchem er auch die Ursache der meisten Wirkungen außer sich seyn kann?“

Seyn kann, aber nicht seyn muß – denn haben Sie nicht selbst zugestanden, daß eine unwirksam gebliebene gute That ihrem moralischen Werth nichts benehme?

„Nicht bloß zugestanden, sondern als höchstnothwendig festgesezt! – Wie schwer sind Sie doch von einer irrigen Vorstellung zurückzubringen, die sich einmal Ihrer bemächtigt hat. Dieser anscheinende Widerspruch, daß die äußern Folgen einer moralischen That für ihren Werth höchst gleichgültig seyn, und daß der ganze Zweck seines Daseyns dennoch nur in seinen Folgen nach außen liege, verwirrt sie immer. Nehmen Sie an, ein großer Virtuose spiele vor einer zahlreichen aber rohen Gesellschaft, ein [156] Stümper komme dazwischen und entführe ihm seinen ganzen Hörsaal – Welchen werden Sie für den Nützlicheren erklären?“

Den Virtuosen, versteht sich, denn derselbe Künstler wird ein andermal feinere Ohren ergötzen.

„Und würde er dieses wohl, wenn er die Kunst nicht besäße, die damals verloren gieng, und die er damals übte?“

Schwerlich.

„Und wird sein Nebenbuhler jemals diejenige Wirkung hervorbringen, die er hervorbrachte?“

Diejenige nicht, aber –

„Aber vielleicht eine größre bei seinem größern Haufen wollen Sie sagen? Können Sie im Ernste zweifelhaft seyn, ob ein Künstler, der einen Kreis fühlender Menschen und geistreicher Kenner zu bezaubern gewußt hat, mehr gethan habe, als jener Stümper in seinem ganzen Leben? Daß eine Empfindung vielleicht, die er erweckte, in einer feinen Seele sich zu Thaten erhöhte, die nachher für eine Million nützlich wurden? Daß sie sich vielleicht als das einzige [157] noch fehlende Glied an eine wichtige Kette anschloß, und einem herrlichen Vorhaben die Krone aufsezte? – Auch jener Stümper, das räume ich ein, kann fröhliche Menschen machen – auch der Mensch, der seine moralische Krone verlor, wird noch wirken, eben so wie eine Frucht, an welcher die Fäulniß nagt, noch ein Mahl für Vögel und Würmer seyn kann, aber sie wird nie mehr gewürdigt, einen reizenden Mund zu berühren.“

Lassen Sie aber jenen Künstler in einer Wüste spielen, dort leben und sterben. Ich darf sagen, seine Kunst belohnt ihn; auch wo kein Ohr seine Töne auffängt, ist er sein eigner Hörer, und genießt in den Harmonien, die er hervorbringt, die noch herrlichere Harmonie seines Wesens. Dieß dürfen Sie aber nicht sagen. Ihr Künstler muß Hörer haben, oder er ist umsonst da gewesen.

„Ich verstehe Sie – aber Ihr gegebener Fall kann nie Statt finden. Kein moralisches Wesen ist in einer Wüste, wo es lebet und webet berührt es ein umgränzendes All. Die Wirkung, die es leistet, wär’ es auch nur diese einzige, wissen wir, konnte nur dieses Wesen und kein anderes leisten, und es konnte [158] diese Wirkung nur vermöge seiner ganzen Beschaffenheit leisten. Wenn unser Virtuose auch nur einmal zum Spielen gelangte, so gestehen Sie mir doch ein, daß er gerade dieser Künstler seyn müßte, der er war, daß er, um dieses zu seyn, gerade durch so viele Grade der Uebung und Kunstfertigkeit gegangen seyn mußte, als er wirklich durchwandert hatte, und daß also sein ganzes vorhergegangenes Künstlerleben an diesem Augenblick des Triumphes Theil nimmt. War jener erste Brutus zwanzig Jahre unnützlich, weil er zwanzig Jahre den Blödsinnigen spielte? Seine erste That war die Gründung einer Republik, die noch jezt als die größte Erscheinung in der Weltgeschichte dasteht. Und so wäre es denkbar, daß meine Nothwendigkeit oder Ihre Vorsehung einen Menschen ein ganzes Menschenalter lang schweigend einer That zubereitet hätte, die sie ihm erst in seiner lezten Stunde abfordert.“

So scheinbar dieses klingt – mein Herz kann sich nicht an die Idee gewöhnen, daß alle Kräfte, alle Bestrebungen des Menschen nur für seinen Einfluß in dieser Zeitlichkeit arbeiten sollen. Der große patriotische erfahrene Staatsmann, der heute vom Ruder [159] gestürzt wird, trägt alle seine erworbenen Kenntnisse, seine geübten Kräfte, seine zeitigenden Plane in sein vergeßnes Privatleben hinein, worin er stirbt. Vielleicht hatte er nur noch den lezten Stein an die Pyramide zu setzen, die hinter ihm zusammen stürzt, die seine Nachfolger ganz von dem untersten Steine wieder anfangen müssen. Mußte er in funfzig Lebensjahren, mußte er während seiner anstrengenden Reichsverwaltung nur für die unthätige Stille seines Privatlebens sammeln? Daß er durch diese Verwaltung seine Wirkung erfüllt habe, dürfen Sie mir nicht antworten. Wenn der Einfluß in diese Welt die ganze Bestimmung des Menschen erschöpft, so muß sein Daseyn zugleich mit seiner Wirkung aufhören.

„Ich verweise Sie an das sprechende Beispiel der physischen Natur, von der Sie mir doch einräumen müssen, daß sie nur für die Zeitlichkeit arbeite. Wie viele Keime und Embryonen, die sie mit so viel Kunst und Sorgfalt zum künftigen Leben zusammensezte, werden wieder in das Elementenreich aufgelös’t, ohne je zur Entwicklung zu gedeihen. – Warum sezte sie sie zusammen? In jedem Menschenpaare schläft, wie in dem ersten, ein ganzes Menschengeschlecht, warum ließ sie [160] aus so viel Millionen nur ein einziges werden? So gewiß sie auch diese verderbenden Keime verarbeitet, so gewiß werden auch moralische Wesen, bei denen sie einen höhern Zweck zu verlassen schien, früher oder später in denselbigen eintreten. Ergründen zu wollen, wie sie eine einzelne Wirkung durch die ganze Kette fortpflanzt, würde eine kindische Anmaßung verrathen. Oft, sehen wir, läßt sie den Faden einer That, einer Begebenheit plötzlich fallen, den sie drei Jahrtausende nachher eben so plötzlich wieder aufnimmt, versenkt in Kalabrien die Künste und Sitten des achtzehnten Jahrhunderts, um sie vielleicht im dreißigsten dem verwandelten Europa wieder zu zeigen, ernährt viele Menschenalter lang gesunde Nomadenhorden auf den tartarischen Steppen, um sie einst dem ermattenden Süden als frisches Blut zuzusenden, wie sie auf ihrem physischen Gange das Meer über Hollands und Seelands Küsten wirft, um vielleicht eine Insel im fernen Amerika zu entblößen! Aber auch im Einzelnen und im Kleinen fehlt es an solchen Winken nicht ganz. Wie oft thut die Mäßigkeit eines Vaters, der längst nicht mehr ist, an einem genievollen Sohne Wunder, wie oft ward ein ganzes Leben vielleicht nur [161] gelebt, um eine Grabschrift zu verdienen, die in die Seele eines späten Nachkömmlings einen Feuerstral werfen soll! – Weil vor Jahrhunderten ein verscheuchter Vogel auf seinem Fluge einige Saamenkörner da niederfallen ließ, blüht für ein landendes Volk auf einem wüsten Eiland eine Aerndte – und ein moralischer Keim gieng in einem so fruchtbaren Erdreich verloren!“

O bester Prinz! Ihre Beredsamkeit begeister mich zum Kampfe gegen Sie selber. So viel Vortrefflichkeit können Sie Ihrer fühllosen Nothwendigkeit gönnen, und wollen nicht lieber einen Gott damit glücklich machen! Sehen Sie in der ganzen Schöpfung umher. Wo irgend nur ein Genuß bereitet liegt, finden Sie ein genießendes Wesen – und dieser unendliche Genuß, dieses Mahl von Vollkommenheit, sollte durch die ganze Ewigkeit leer stehen!

„Sonderbar! sagte der Prinz nach einer tiefen Stille. Worauf Sie und Andere ihre Hofnungen gründen, eben das hat die meinigen umgestürzt – eben diese geahndete Vollkommenheit der Dinge. Wäre nicht alles so in sich beschlossen, säh’ ich auch nur einen einzigen verunstaltenden Splitter aus diesem schönen [162] Kreise herausragen, so würde mir das die Unsterblichkeit beweisen. Aber alles, alles was ich sehe und bemerke, fällt zu diesem sichtbaren Mittelpunkt zurück, und unsre edelste Geistigkeit ist eine so ganz unentbehrliche Maschine, dieses Rad der Vergänglichkeit zu treiben.“

Ich begreife Sie nicht, gnädigster Prinz. Ihre eigne Philosophie spricht Ihnen das Urtheil, wahrlich, Sie sind dem reichen Manne gleich, der bei allen seinen Schätzen darbet. Sie gestehen, daß der Mensch alles in sich schließe, um glücklich zu seyn, daß er seine Glückseligkeit nur allein durch das erhalten könne, was er besitzet, und Sie selbst wollen die Quelle ihres Unglücks außer Sich suchen. Sind Ihre Schlüsse wahr, so ist es ja nicht möglich, daß Sie auch nur mit einem Wunsche über diesen Ring hinausstreben, in welchem Sie den Menschen gefangen halten.

„Das eben ist das Schlimme, daß wir nur moralisch vollkommen, nur glückselig sind, um brauchbar zu seyn, daß wir unsern Fleiß, aber nicht unsre Werke genießen. Hunderttausend arbeitsame Hände trugen die Steine zu den Pyramiden zusammen – [163] aber nicht die Pyramide war ihr Lohn. Die Pyramide ergözte das Auge der Könige, und die fleißigen Sclaven fand man mit dem Lebensunterhalt ab. Was ist man dem Arbeiter schuldig, wenn er nicht mehr arbeiten kann, oder nichts mehr für ihn zu arbeiten seyn wird? Was dem Menschen, wenn er nicht mehr zu brauchen ist?“

Man wird ihn immer brauchen.

„Auch immer als ein denkendes Wesen?“

Hier unterbrach uns ein Besuch – und spät genug werden Sie denken. Verzeihung, liebster O*** für diesen ewig langen Brief. Sie wollten alle Kleinigkeiten des Prinzen erfahren, und darunter kann ich doch wohl auch seine Moralphilosophie rechnen. Ich weiß, der Zustand seines Geistes ist Ihnen wichtig, und seine Handlungen, weiß ich, sind Ihnen nur wegen jenes wichtig. Darum schrieb ich alles auch getreulich nieder, was mir aus dieser Unterredung im Gedächtniß geblieben ist.[1] Künftig werde ich Sie von [164] einer Neuigkeit unterhalten, die Sie wohl schwerlich auf ein Gespräch, wie das heutige, führen dürfte. Leben Sie wohl.

(Die Fortsetzung im nächsten Hefte.)

  1. Und auch ich bitte meine Leser num Verzeihung, daß ich dem guten Baron F*** so getreulich nachgeschrieben habe. Wenn mir schon die Entschuldigung, die Lezterer bei seinem Freund hatte, bei dem Leser nicht zu Gute kommt, so hab’ ich dafür eine andre, die der Baron F*** nicht hatte, und die mir bei dem Leser alles gelten muß. Der Baron F*** konnte nehmlich nicht vorhersehen, was für Einfluß die Philosophie des Prinzen einmal auf sein künftiges Schicksal haben könnte, das weiß ich aber; und darum ließ ich auch alles weislich so stehen, wie ich’s fand. Dem Leser, der Geister hier zu sehen gehoft hat, versichre ich, daß noch welche kommen; aber er sieht selbst, daß sie bei einem so ungläubigen Menschen, als der Prinz von *** dermalen noch ist, gar nicht angewandt seyn würden.