Das heimliche Gericht - Teil 2

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Textdaten
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Autor: Ludwig Ferdinand Huber
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Titel: Das heimliche Gericht
Untertitel: Fortsetzung
aus: Thalia – Zweiter Band,
Heft 6 (1789), S. 72–83
Herausgeber: Friedrich Schiller
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Erscheinungsdatum: 1789
Verlag: Georg Joachim Göschen
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: UB Bielefeld bzw. Commons
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[72]
III.
Das heimliche Gericht.
Fortsetzung.
(Siehe das fünfte Heft der Thalia.)




Zehnter Auftritt.

Der Erzbischof, der Truchseß, Dieterich von Arlheim, drei vermummte Richter, Heinrich von Westhausen.

Erzbischof. Brüder des unterirdischen Rechts, warum habt Ihr heute verlassen das helle Sonnenlicht, und seid herabgestiegen in das Reich der Nacht? Habt Ihr einen gefunden, der in dieser Finsterniß leuchten wolle?

Dieterich und Truchseß. (aufstehend.) Wir haben.

Erzbischof. Wie zeugt Ihr für ihn? Hat er sich losgerissen von der allgemeinen Buhlerei und dem Schwarm von Ohnmächtigen, die in ihrem Schooße sich wiegen?

[73]

Dieterich. Ja. Er will werden ein Liebling der Nacht, daß sie ihren königlichen Schatz ihm öffne.

Erzbischof. So werde heute sein irdischer Name zum letztenmale in der Unterwelt genannt, und führt ihn näher an ihren königlichen Schatz.

Dieterich. Heinrich von Westhausen ist sein irdischer Name; er hat gethan, was einer thun kann, der im Licht der Thoren arbeitet.

Erzbischof. Wohlbekannt sind seine Thaten; er lerne sie vergessen – Und mögen künftig seine Stralen hinaufschlagen, dem Weltauge zum Spott! Tretet hieher und redet. (Er legt die rechte Hand auf den Tisch.) Wehe, wehe, wehe dem Lügner!

Alle (aufgestanden und die rechte Hand auf dem Tisch.) Wehe, wehe, wehe dem Lügner! –

Erzbischof. (setzt sich nieder, die andern folgen ihm. Zu Heinrich, der vor ihm steht.) Was brachte Euch in diesen Kreis, den die Menschen hassen und scheuen?

[74]

Heinrich. Die Hoffnung wieder zu finden, was ich verloren hatte. Ich wußte nicht mehr warum ich war. Lehrt Ihr mich’s wieder begreifen. Der Gehalt des Lebens ist mir verloren gegangen.

Erzbischof. Und warum hofft Ihr ihn hier wieder zu finden?

Heinrich. Weil Ihr Ungeheuer wäret, wenn Euch dasselbe Band nicht an einander knüpfte, das mich an Euch binden wird.

Erzbischof. Wohl. Aber Ihr müßt Euch bereiten Verbindung anzuerkennen, auch wo Ihr sie nicht begreift.

Heinrich. Das kann ich, so lange meine Meinung von Euch bleibt.

Erzbischof. Und wovon hängt diese ab?

Heinrich. Von Eurer Verwandtschaft mit mir.

Erzbischof. Stolz dürft Ihr seyn; daß Ihr Euch hier sehet, berechtigt Euch dazu. Um zu uns zu kommen, mochtet

[75]

Ihr so denken; aber forthin dürft Ihr Eure eigne Seele nicht mehr zum Maßstab unsers Bundes machen. Der nächste Seraph am Thron übersieht das Weltall so wenig als der Wurm im Staube. Der die Kette hält, kennt ihren Zusammenhang allein. – (Nach einer Pause, worin er auf Antwort zu warten scheint.) Es ist nicht Befriedigung, was aus Eurer Miene spricht? – (Indem er ihn bei der Hand faßt, und bis an’s Ende hält.) Schön sind die Geburten der hellen Augenblicke, wenn der entfesselte Geist abgeschüttelt hat, was seine himmlischen Fittige lähmte. Nur überleben sie den Punkt ihres Werdens nicht. Ihr unkörperlich Gewebe verraucht in der schweren Luft des Erdenlebens. Aber es war nicht genug ihr frühes Ende und das wachsende Elend der Menschheit zu bejammern. Hatte die geizige Natur ihnen auch den Himmelsstrich versagt, wo sie gedeihen konnten, er wurde, ihren widrigen Gesetzen zum Trotz, doch erfunden. Zum zweitenmal, und glücklicher, bestehlen Menschen den Himmel; und diese Riesentochter der Begeisterung nährt und säugt jezt ihre Schwestern. – (Er läßt ihn sanft wieder los.) Der Druck Eurer Hand sagt mir, daß er verstanden ist, der hohe Gedanke!

Heinrich. (sehr feurig.) Bei meinem Herzen ja! Ich verstehe ihn.

[76]

Erzbischof. So seid denn vorsichtig. Glaube und Hoffnung söhnen Euch mit scheinbaren Widersprüchen aus. Es kömmt eine Zeit, da wir sie selbst lösen, und in dem lezten Heiligthum hebt sich jeder Zweifel.

Heinrich. Und Ihr sagt mir, daß ich in dieses gelange?

Erzbischof. Mancher ist gefallen, und nicht wieder aufgestanden. Doch kann Einer stehen, so seid Ihr’s. Dieses Auge ward geschaffen, unverrückt und sicher auf Ein Ziel loszugehen. Meiner Tage werden nicht viel mehr seyn. Dich aber, Sohn, Dich sehe ich noch als Sieger die große Laufbahn vollenden.

Heinrich. Mann, den ich nicht zu nennen weiß, meine Seele erkennt Euch durch die Larve. Jede Prüfung, die Ihr mir auferlegt –

Erzbischof. Nein. Wir bedurften Eurer, weil wir Euch kannten. Eure Prüfung sei Euer Leben unter uns. Bestündet Ihr sie nicht, wir wären selbst bestraft. – Aber vergeßt nicht, daß vielfältige Opfer unsre schwere Arbeit begleiten. Ordnung herzustellen in den verworrnen

[77]

Gängen der Menschen, sie zu leiten auf Eine Heerstraße, zu tilgen all die Kreuz- und Nebenwege: so heißt unsre schwere Arbeit. Zögling der ernsten Weisheit, lernet glauben und opfern. Ein eisernes Gesetz, – Zusammenhang ist sein Name – zieht uns unabänderlich zu Einem Punkt hinab, und Verbrechen ist hier die Tugend, die seine Satzungen bricht. Weine, Jüngling, weine die lezte Thräne jenen Erholungen, womit Du den faulen schleichenden Gang des Daseyns würztest. Droben standen sie Dir schön; hier taugen sie nicht mehr. Du wirst Dich schwer von ihnen entwöhnen. Aber die großen Plane, denen Du sie opferst, werden Deine Seele entzünden. Kein sterbliches Geschöpf wird Dir das Wohl seines unsterblichen Geschlechts aufwiegen. Du wirst die Menschenliebe begreifen lernen – die Menschenopfer gebietet.

Heinrich. Vater, Euch darf ich es sagen. In Eurer Gegenwart schrecken mich diese Männer nicht. Ich hoffe, ich werd’ es, ich werd’ es durch Euch. Sollte ich nicht –!

Erzbischof. Hier, noch an der Schwelle, ist Euch der tiefe Abschiedsseufzer vergönnt. Aber erinnert Euch, wie

[78]

wenig Euer eignes Leben Euch galt, das in der Gemeinschaft mit Euerm Geschlecht seinen Werth verloren hatte. Verachtet den elenden Stolz der Menschen, die das besudelte verfälschte Konterfei des Lebens geheiligt haben und hochhalten, um endlich auch das Gedächtniß des ächten Kleinods zu vernichten. Sie haben es tausendfach mit Gesetzen umzäunt. Sie haben die Gerechtigkeit zur Helfershelferinn ihrer Verderbniß gemacht. Jezt aber lernen sie zittern vor unsichtbaren Verfolgern, die kühn diese Verschanzungen ersteigen. Noch konnten sie bloß auf ihre Feigheit wirken. Einst werden sie auch das strenge Gericht verstehen, vor dem sie sich jezt sklavisch beugen – und dann wird es aufhören! Das Blut dieses Geschlechts fließt, daß jeder Tropfen des künftigen zehnfach im Preise steige.

Heinrich. (begeistert.) Um diesen Lohn möge auch das meinige fließen! Ich bin entschlossen zu allem, was der Orden mir gebeut.

Erzbischof. So beginne dann die Weihe. Brüder, er ist reif. Laßt ihn zu den Eiden schreiten. – Diese Ketten verheißen Freiheit Euch und dem Menschengeschlecht.

[79]

Dieterich. (aufstehend.) Der Ihr gekommen seid, an Euch zu nehmen die heilige heimliche Acht, horcht aufmerksam auf die Worte, die Euch gesagt werden. Wäget ihren Sinn und Eure Kraft, denn Ihr müßt geloben und schwören zu halten, was Ihr hören werdet. Und haltet Ihr nicht, so falle über Euch der Fluch des Gerichts und Schande des Meineids.

Heinrich. Ueber mich falle der Fluch des Gerichts, und Schande und Strafe des übereilten Eides.

Truchseß. (aufstehend.) War dieß recht?

Dieterich. (fest.) Es war recht. – (nachdem sich der Truchseß wieder gesezt hat, zu Heinrich mit aufgehobenen Fingern.) Schwöret unverbrüchlichen Gehorsam und Stillschweigen des Todes.

Heinrich. Ich schwöre unverbrüchlichen Gehorsam, und Stillschweigen des Todes.

Dieterich. (wie oben.) Schwöret zu verfolgen und auszuspähen die verborgenen Tücken der Menschen, und zu strafen, wo Euch Strafe vertraut wird.

[80]

Heinrich. Ich schwöre.

Dieterich. Schwöret anzugeben jeden Frevel, den Ihr sehen oder hören oder ahnden werdet, welches Band Euch auch an den Frevler binde; es heiße Verwandtschaft, Dankbarkeit oder Freundschaft. –

Heinrich. (schweigt.)

Truchseß. Ist dieß auch recht? – (Er steht auf, und wiederholt langsam.) Welches Band Euch auch an den Frevler binde, es heiße Verwandtschaft, Dankbarkeit oder Freundschaft. Schwöret!

Heinrich. Ich schwöre.

Erzbischof. (aufstehend, die andern ihm nach.) Die Hälfte der Weihe ist vorbei. Hebet die Decke.

Truchseß. (hebt die rothe Decke von dem Tisch.)

Erzbischof. Das Zeichen!

(Jeder von den Richtern faßt einen Dolch von dem Tisch auf.)

[81]

Erzbischof. (indem er Heinrich einen Dolch übergibt.) Das strenge Recht hat ihn geweiht. Wenn Ihr ihn gebraucht, so blicke Euer Auge gen Himmel, und Euer Arm führe ihn in die Wohnung des Frevels. Könnten wir ohne ihn dem Verbrechen beikommen, wir würden es. Traget mannhaft und unablässig bei, die Zeiten zu reifen, da wir seiner nicht mehr bedürfen werden. Jezt sei er noch unser Wahrzeichen. Wer Euch einen ähnlichen zeigt, ist Euer Bruder, und durch seinen Mund sprechen wir zu Euch. – Hier ist Euer Sitz. (Er läßt ihn neben sich sitzen.) – – Weg mit dem Todtenschein! (Die Lampe in der Mitte verschwindet.) Besser finstere Nacht als mattes Licht.

(Eine Pause. Der Erzbischof steht auf, die andern folgen ihm, er nimmt Heinrich bei der Hand.)

Euch zu führen verlernt diese Hand noch ihr Zittern. Fasset sie kräftig an. Vertrauter der Nacht, sie offenbart Euch jezt ihren wahren Namen; sehet das Licht, das die Sonne verhöhnt!

(Heinrich geht an des Erzbischofs Hand durch die Gatterthüre, die dieser ihm öffnet. Die übrigen folgen; nur Dieterich von Arlheim wird im Abgehen von dem Truchseß zurückgehalten).

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Eilfter Auftritt.

Der Truchseß, Dieterich von Arlheim.

Dieterich. Warum haltet Ihr mich zurück? Wir müssen folgen.

Truchseß. Ein Wort! Von Euch erwarte ich, daß Ihr mir ein Räthsel löset. – Hat eine Verblendung die Weisen alle angesteckt, oder seh’ ich allein nicht, was Ihr alle sehet?

Dieterich. Beides: so lös’ ich Euch das Räthsel. Die Weisesten sind verblendet, aber Ihr seht nicht, was ich sehe.

Truchseß. Wie? Was wird er uns taugen, der lecke Uebermüthige? Auch Ihr bewarbt Euch um ihn. Stand er nicht da, als wär’ er lange mit unsern Schrecken vertraut? Spielen wird er mit unsern Donnern.

Dieterich. Desto mehr Ruhm, den Muthigen zu beugen.

Truchseß. Und läßt er sich nicht beugen?

[83]

Dieterich. Läßt er sich nicht – so bricht er!

Truchseß. Was? Fasse ich Euch?

Dieterich. Ich hoffe, und Ihr solltet’s lange gefaßt haben. Daß er uns noch nicht fürchtet, begreife ich endlich. Aber daß Ihr ihn fürchtet –

Truchseß. Nein, bei unserm Orden! das thu’ ich nicht.

Dieterich. (tückisch.) Ihr sagt ganz recht; außer Euerm Orden dürftet Ihr’s eher. – Also wartet ab und kommt. Wird es Euch diese Angst belohnen, wenn sein Schicksal in Eure Hände fällt?

(Sie gehen durch die Gatterthüre ab. Der Vorhang fällt.)