Der Grindefang auf den Faröer-Inseln

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Autor: Unbekannt
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Titel: Der Grindefang auf den Faröer-Inseln
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 104–107
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[104]
Der Grindefang auf den Faröer-Inseln.
Von einem Augenzeugen.

Seit einigen Monaten in Thorshavn, einem dänischen Städtchen von etwa achthundert Einwohnern und dem Hauptort der Faröergruppe, hatte ich häufig schon vom Grindefang in Ausdrücken sprechen hören, die in mir ein starkes Verlangen erregten, einer solchen Scene beiwohnen zu können. Der sogenannte Grind, ein kleiner Walfisch oder Delphin, auf dänisch „Grindehval“ genannt, besucht nämlich oft, zumal in den Sommermonaten, in Schaaren von einem bis zu mehreren Hunderten, ja bis zu tausend Stück und darüber, die faröischen Küsten und wird dann von den Eingeborenen meist in großer Anzahl gefangen.

Meine Neugierde sollte bald befriedigt werden, denn eines Morgens erscholl der ersehnte Ruf: „Grindebud!“ die Nachricht, daß Grinde sich zu zeigen begannen. Alles, Männer und Frauen, Jung und Alt, stürzte in wirrer Eile aus den Häusern, dem Orte zu, wo man den Ruf zuerst vernommen, um Näheres zu erfragen, sich einander die frohe Kunde mittheilend und aus hundert Kehlen den Ruf: „Grindebud!“ wiederholend. Auf allen Gesichtern strahlte freudige Erregung. Einige tanzten und sprangen wie toll herum, während sich Andere sogar im Uebermaße des Entzückens umarmten, und als man endlich auf die wild durcheinander gebrüllten Fragen: „Wo ist der Grind?“ „Wie groß?“ „Von wem gesehen?“ etc. erfahren, daß derselbe, unweit Thorshavns von Fischern zuerst entdeckt, jetzt auf unsern Hafen zutreibe und daß somit im Fall des Gelingens der eigentliche Fang oder „Grindedrab“ in unmittelbarer Nähe der Stadt vor sich gehen werde, so erreichte die allgemeine Freude und Spannung ihren Höhepunkt. Die Männer eilen raschen Laufes dem Strande zu, ihre Boote zur Theilnahme an der Jagd in Bereitschaft zu setzen, während Frauen und Kinder Mundvorrath und Geräth herbeitragen, sämmtlich wetteifernd, wer zuerst fertig werde. Signalfeuer lodern an dazu bestimmten Punkten auf, um durch den Rauch has freudige Ereigniß weiter zu verkünden und die Bewohner der nächsten Inseln und Dörfer zur Betheiligung am Fange herbeizurufen.

Bald sind die Zurüstungen am Strande beendet, und eine kleine Bootflotille verläßt mit raschen Ruderschlägen, jedes Boot durch die kräftigen Arme von acht Fischern getrieben, den Hafen, entfaltet die lateinischen Segel, steuert der Gegend zu, wo angeblich der Grind gesehen worden ist, und verschwindet bald am Horizont als weiße Pünktchen. Die Zurückgebliebenen, meist alte Männer, Frauen und Kinder, sowie die wenigen dänischen Beamten und einige Kaufleute, zerstreuten sich wieder in ihre Wohnungen, um bis auf Weiteres ihre unterbrochenen Arbeiten fortzusetzen, oder bilden sich, an den eine gute Aussicht gewährenden Punkten, zu Gruppen, welche die Chancen des Erfolges besprechen und von Zeit zu Zeit erwartungsvoll nach der Seite hinblicken, wo die Boote vorhin am Horizonte verschwanden; kurz den ganzen noch vor einer Stunde so ruhigen Ort hat wie durch Zauberschlag eine so plötzliche und fieberhafte Aufregung ergriffen, daß sein Charakter total verändert ist. Alle sind wie elektrisirt, und einige der Ungeduldigsten, denen ich, als der Ungeduldigste von Allen, mich anschloß, unternehmen einen Spaziergang nach dem mehrere hundert Schritte entfernten, an dem östlichen Eingang des Hafens auf einer Landspitze errichteten kleinen Fort, das früher Hafen und Rhede beherrschte, jetzt aber keine einzige brauchbare Kanone mehr besitzt, um von seinen Wällen die weite Fernsicht zu benützen. Unser unausgesetztes, eifriges Spähen von der Höhe dieses unseres improvisirten Observatoriums wird endlich belohnt, denn am äußersten Gesichtskreise tauchen dunkle Pünktchen auf, die, beständig sich nähernd und an Größe zunehmend, bald deutlich sich als die zurückkehrenden Boote erkennen lassen. Ein Augenblick gespanntester Erwartung tritt jetzt ein, indem es noch unentschieden, ob die Beute in petto den Booten voraus und in Annäherung, oder bereits entschlüpft ist. Hoffnung und Furcht, Zweifel und Zuversicht wechseln je nach den Bewegungen und Schwenkungen der Boote, bis endlich diese so weit herannahen, daß wir deutlich den Grind oder die Walfischheerde unterscheiden können, in weitem Bogen von der nunmehr zu reichlich hundert Fahrzeugen herangewachsenen Ruderflotille eingeschlossen und umkreist und durch Steinwürfe, Rufen und Klopfen mit den Rudern auf die Boote, in immer enger werdendem Halbcirkel, dem Eingänge des Hafens zugetrieben. Die kolossalen Fische, bald untertauchend, bald wieder an der Oberfläche erscheinend, spritzten aus ihren Blaselöchern fontainenartige Wasserstrahlen empor, die, oben in feinen Staubregen aufgelöst, wie Diamanten in der klaren Morgenluft funkelten. Sorglos, ohne Ahnung der nahen Gefahr, eilt die Heerde ihrem Verderben entgegen; bei jedem Abweichen von der gewünschten Richtung wurde sie durch das Auswerfen größerer und kleinerer Steine, mit denen sich alle Boote reichlich versehen zurückgescheucht und in Schranken gehalten und wie eine Schafheerde zusammengepfercht und zur Schlachtbank getrieben, während doch einige Schläge ihres Schwanzes genügt hätten, die ganze Flotte ihrer Verfolger zu zertrümmern. Wir verließen jetzt unseren Posten, um eilends den Sandstrand am Hafen, den eigentlichen Wahlplatz, zu erreichen und in unmittelbarer Nähe dem bevorstehenden Schauspiele beizuwohnen, oder an demselben theilzunehmen.

Der Hafen von Thorshavn, im Hintergrunde von den hölzernen Häuschen der Stadt halbmondförmig eingeschlossen, wird durch eine aus dem Mittelpunkte derselben hervorragende, dicht bebaute Landzunge in einen östlichen und einen westlichen Arm getheilt. Der östliche Hafenarm, von dem hier die Rede, ist kaum einen Büchsenschuß breit, etwa doppelt so lang und wird zu beiden Seiten von niedrigen Klippen eingefaßt; am inneren Ende läuft er in einen flachen Sandstrand, welcher während der Ebbe etwa fünfzig Schritte weit hinaus trocken liegt, indeß die Fluth nur einen schmalen Streifen bis zu den nächsten Häusern frei läßt. Längs beiden Seiten erstrecken sich ebenfalls noch verschiedene Häuser, bis sich auf der äußersten Ecke, hart am Eingange, das erwähnte Fort erhebt. Theils auf jener Sandfläche, theils auf der äußersten, unbebauten Spitze der vorgenannten Landzunge versammelten sich jetzt sämmtliche zurückgebliebene Bewohner Thorshavns beiderlei Geschlechts und harrten erwartungsvoll der Dinge, die da kommen sollten. Die Männer und auch viele des schönen Geschlechts hatten sich entweder mit Messern oder mit starken, scharfen eisernen Haken bewaffnet, an welchen letzteren ein etwa zehn Klafter langes, starkes Seil befestigt ist. Alle Hunde waren sorgsam eingesperrt worden, um nicht durch unzeitiges Bellen die Jagd zu vereiteln, und endlich hatte man nicht vergessen, die nach der See hingehende Kirchenthür, sowie die Schalllöcher des Thurmes zu öffnen – eine Vorsichtsmaßregel, die zu einem guten Erfolge wesentlich beitragen soll. Somit war Alles wohl vorbereitet.

Jetzt zeigen sich über der Landspitze beim Fort die Wasserstrahlen der nahenden Walfische, gleich darauf kommt der Vortrupp derselben hinter der Biegung des Landes zum Vorschein, dann [105] erscheinen einzelne Boote, und einige Minuten später ist der ganze Jagdzug, das Wild sowohl wie die Verfolger, vor dem Eingänge des Hafens angelangt. Hier wird einige Augenblicke Rast gehalten. Die riesigen Fische schwimmen noch sorglos innerhalb des von ihren Verfolgern gebildeten Halbkreises hin und wieder, während die Boote ihre Reihen zum Angriff ordnen, die in der Hitze der Verfolgung entstandenen Lücken wieder ausfüllen und ihre Lanzen, zwei an jedem Ende der vorn und hinten spitzen Boote, in Bereitschaft setzen. Einzelne Boote bekunden, durch eine am Hintertheil auf einer Stauge angebrachte Flagge, daß sie einen sogenannten „Grindeformand“, d. h. einen für diese Jagden durch Wahl auf je drei Jahre ernannten Anführer an Bord haben, fahren geschäftig hin und her, treffen ihre Anordnungen und ertheilen Befehle. Endlich sind alle Vorbereitungen beendigt, und in raschem, gleichmäßigem Tempo bewegt die vordere Reihe der Angreifer sich wieder auf den Grind zu, durch erneuertes Steinwerfen, Rufen und Aufschlagen der Ruder einen Höllenlärm erregend, um die nun zu beiden Seiten vom Lande eingeschlossene Heerde an den Strand zu jagen, während die beiden äußeren Linien langsam nachfolgen, um bei einem etwa versuchten Durchbruch der Fische sie noch aushalten zu können.

Durch den Lärm erschreckt, eilen die armen Schlachtopfer in rascher Fahrt ihrem Verhängniß entgegen, unter betäubendem Lärm von ihren Drängern hart verfolgt, bis der Vortrab der Heerde etwa nur einen Flintenschuß weit vom Ende des Hafens entfernt ist. Da schießt plötzlich aus der Reihe der Verfolger ein Boot pfeilschnell hervor, auf die Nachhut der geängsteten Ungethüme zu, und die im Vorderende mit den Lanzen bereitstehenden Fischer schleudern diese mit großer Gewandtheit, Kraft und Präcision auf einen der Nachzügler und verwunden ihn möglichst nahe am Schwänze, wo die meisten Gefühlsnerven liegen. Sich selbst suchen sie in ehrerbietiger Entfernung von dieser furchtbaren Waffe zu halten, während sie gleichzeitig die Lanzen mittels der am Schafte befestigten Leinen zurückziehen, um den Angriff zu erneuern. Ein langer Blutstreif färbt sofort die klare Fluth, das verwundete Thier bäumt sich vor Schmerz. Mit dem gewaltigen Schweife peitscht es das Wasser unter donnerähnlichem Getöse zu Schaum, stürzt sich auf seine nächsten Cameraden und reißt diese in wilder Flucht mit fort, während jetzt Boot auf Boot aus der Reihe hervorgleitet und die Lanzen so nachdrücklich gebraucht, daß das durch die rasende Schnelligkeit und die ungestümen Bewegungen der flüchtenden Thiere sowohl wie durch die raschen Schläge der Hunderte von Rudern in milchweißen Schaum verwandelte Wasser bald wie ein Blutmeer erscheint.

In einem Nu ist die kurze Strecke bis zum Strande zurückgelegt; die geängsteten Ungethüme beachten in der Hast ihrer Flucht nicht die Nähe desselben und mühen sich zu spät-, umzukehren, denn bei der augenblicklichen Stockung fließt der durch die reißende Fahrt beim Heranstürmen der Heerde gleich einer Ueberschwemmung mitgeführte Wasserschwall zurück. Etwa die Hälfte der Thiere ist wehrlos gefangen, auf dem Sande festgebannt und der Gnade der am Lande Stehenden anheim gegeben, deren activer Antheil an der Affaire jetzt beginnt, indem sowohl Männer wie Frauen sich sogleich über ihre Opfer hermachen. Mit ihren langen, haarscharfen Messern durchschneiden sie theils den Speck am Nacken, hinter dem Blaseloche, um dann das Rückenmark zu durchstechen, theils schlagen sie die vorerwähnten eisernen Haken in die weiter draußen liegenden Fische ein, um sie mittels der an denselben befestigten Leinen mit vereinten Kräften weiter auf’s Trockene zu schleppen und für neue Ankömmlinge Platz zu machen. Dabei waten sie oft bis an die Arme in Blut und Wasser.

Mittlerweile sind die Ueberbleibsel der Heerde umgekehrt, stürzen sich, von panischem Schrecken erfaßt, gegen die Boote und suchen, unter die vordere Reihe durchtauchend, dem Geschick ihrer Gefährten zu entfliehen, allein umsonst, denn durch Furcht und Schmerz betäubt, rastlos und wegen der Trübung des aufgerührten, mit Sand, Schlamm und Blut untermischten Wassers außer Stande, länger um sich zu sehen, werden sie bald von den weiter in der See postirten Booten zurückgetrieben und auf’s Neue umzingelt, und nun beginnt ein solches Gemetzel, daß bald der ganze Hafen mit Blut gefüllt erscheint und Walfische und Boote, in wirrem Knäuel durcheinanderwogend, von Schaum und Blut umzischt, sich kaum unterscheiden lassen. Die gehetzten Thiere, aus unzähligen Wunden blutend und rasend vor Angst und Schmerz, schießen planlos nach allen Richtungen umher, um der überall drohenden Gefahr auszuweichen; sie sind in Schaumwolken eingehüllt und spritzen Schaum und Blut hoch empor, während das Wasser, durch die ungestüme Bewegung aufgeregt, seine blutigen Wellen mit dem Getöse einer starken Brandung gegen das Ufer schleudert. Dazwischen bilden das Schnauben und Stöhnen der verwundeten Thiere, das Rufen, Jauchzen und Brüllen der erhitzten Verfolger, das Krachen der zusammenstoßenden Boote im Verein eine Scene, die man sehen und erleben muß, um sich von derselben einen Begriff machen zu können, da alle Schilderungen weit hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Dort rennt ein Walfisch in seiner ungestümen Eile den Kopf durch die Planken eines Bootes, daß dieses krachend und berstend, sich augenblicklich mit Wasser füllt und die Insassen desselben kopfüber in ein unfreiwilliges Bad expedirt, aus welchem sie indeß von den herbeieilenden Cameraden unverweilt wieder herausgezogen werden. Hier schlägt die Mannschaft eines Bootes ihren Haken in einen Walfisch, der sich unvorsichtig zu nahe herangewagt hat, zieht ihn fest an die Seite des Bootes hinan und macht ihm mit dem Messer das Garaus, während das Opfer im letzten ohnmächtigen Rettungsversuche das Fahrzeug eine Strecke fortschleppt und das Wasser peitscht, bis eine dichte Wolke von Wasserstaub die Scene unserm Anblick entzieht. Endlich werden die Anstrengungen des bereits erschöpften Ungethüms schwächer, noch ein gewaltiges Aufbäumen – das Messer des gewandten und erfahrenen Fischers hat den Weg zum Lebensnerv gefunden – und der nun plötzlich regungslose Kämpe wird an’s Land bugsirt.

Weiterhin springt ein gewandter Bursche, in der Aufregung des Augenblicks keine Gefahr achtend, aus einem Boote und einem vorbeischwimmenden Wallfische rittlings auf den Rücken, das blutige Messer zwischen den Zähnen, mit welchem er den Nacken seines neumodischen Reitpferdes bearbeitet, bis der Koloß, im Todeskampfe um sich schlagend und seinen tollkühnen Reiter mit Blut und Wasser überspritzend, an’s Ufer rennt und beim Anprall das schon halb durchschnittene Genick bricht, während der kühne Reiter sein verendetes Schlachtopfer verläßt und lachend und sich schüttelnd an’s Land watet. Ein anderes Boot hat seinen Haken in dem Leibe eines der Riesen begraben, allein dieser ist nur wenig verwundet und noch zu kräftig. Alle Anstrengungen, um das Thier an’s Boot hineinzuziehen, sind erfolglos; mit reißender Schnelligkeit braust es wie eine Locomotive mit dem Fahrzeug dahin, während Alles aus dem Wege eilt, um nicht überrannt zu werden; plötzlich kommt noch ein Boot, sogar von einem Doppelgespann gezogen, in fliegender Eile dahergesaust; hoch schäumt das Wasser am Bug empor, und augenscheinlich müssen beide Boote, wenn sie die jetzige Richtung einhalten, da wo sich ihre Bahnen kreuzen, zusammenstoßen. An ein Lenken der wilden Rosse ist nicht zu denken und die Lage der Mannschaft in beiden Fahrzeugen wird kritisch. Immer näher rückt der entscheidende Moment, jetzt sind sie dicht an einander, in beiden steht man bereit, den Stoß wo möglich zu pariren, nun kracht es, Splitter fliegen umher, ein Augenblick banger Erwartung tritt ein; in der nächsten Minute aber sind beide Boote wieder weit auseinander, unaufhaltsam von ihren wilden Gespannen fortgerissen, und nur einige Splitter von dem einen treiben an der verhängnißvollen Stätte, da es der Gewandtheit und Erfahrung der Mannschaft gelungen, sowohl die Kraft des Zusammenstoßes zu mindern, als ihn auf eine weniger gefährliche Stelle ihrer Fahrzeuge zu beschränken. Endlich ermüden die ungestümen Renner; es gelingt nach und nach sie an’s Land heranzuziehen, wo der letzte Kampf stattfindet, in dem sie schließlich bewältigt und darauf an’s Land bugsirt werden.

Unterdeß sind auch die übrigen Boote nicht müßig gewesen. Fortwährend gehetzt und verwundet, ist der Rest der Heerde auf den Strand gelaufen oder in eben beschriebener Weise auf flottem Wasser getödtet und auf das Trockene geschleppt worden. Vergebens spähen die vom Kampfe erhitzten Jäger nach neuer Beute; die blutige Arbeit ist vollbracht und es geht jetzt an’s Zählen der erlegten Opfer. Zweiundvierzig der getödteten Riesen liegen, in der Mehrzahl mit unzähligen Stichwunden bedeckt, mit durchschnittenem Nacken und viele mit hervorquellenden Eingeweiden, in langen Reihen am Strande hingestreckt. Nachdem sämmtliche der erlegten Fische, soweit Platz vorhanden, völlig an das Ufer gebracht sind, beginnt der „Sysselmann“, ein Beamter, dessen Posten etwa der Stellung eines Kirchspielvogtes entspricht, nebst zwei Gehülfen, [106] sämmtliche getödtete Fische mit fortlaufenden Nummern zu versehen und ihrer Größe und dem Speckgehalte nach zu taxiren. Sowohl Nummer wie Taxationswerth wird in römischen Ziffern in die schwarze Haut eingeschnitten, so daß der weiße Speck an den ausgeschnittenen Stellen zum Vorschein kommt und die Zahlen sich deutlich, Weiß auf Schwarz, erkennen lassen. Darauf wird, nach Reihenfolge der Nummern, ein Verzeichnis der erlegten Walfische und ihres Speckgehaltes angefertigt, dieser zusammenaddirt und dann eine Berechnung über die Theilung vom Sysselmann ausgearbeitet.

Inzwischen ruhen die Fischer von den gehabten Strapazen aus; bei einem Glase Branntwein besprechen sie die Abenteuer des Tages und thun nicht selten des Guten zu viel. Manche regaliren sich mit einer tüchtigen Mahlzeit frischgekochten Walfischfleisches, indem sogleich nach Beendigung der Jagd, mitunter schon früher, einige Fische zerlegt und das Fleisch, sammt gesalzenem Speck, der von früheren Jagden vorräthig, von dem weiblichen Personale der nächsten Häuser gekocht und an offener Tafel, das heißt in einem großen hölzernen Troge, für jeden Liebhaber servirt wird, wobei das Fleisch die Stelle von Brod oder Kartoffeln vertreten muß. Für die Eingebornen ist dies ein wahrer Leckerbissen, weshalb es denn auch dieser Table d’hôte nicht an reichlichem Zuspruch zu fehlen pflegt, um so weniger als für das Couvert nichts gezahlt wird. Andere, bereits gehörig angeheitert, durchziehen singend und jubelnd die Straßen, während an geeigneten Orten, zum Beispiel auf Brücken, sich Gruppen bilden und den Nationaltanz – einen Rundtanz nach der Melodie von Liedern, die von dem ganzen Ballpersonale unter Anführung eines Vorsängers angestimmt werden – darstellen, an welchem sich bald auch Mädchen und Frauen betheiligen.

Endlich sind die Arbeiten des Sysselmanns so weit beendigt, daß die eigentliche Vertheilung der Beute beginnen kann. Zuerst wird der zehnte Theil des ganzen Fanges für Staat, Kirche und den Geistlichen des Districtes, für jedes ein Dritttheil, in Anspruch genommen, dann der Mannschaft des Bootes, welches den Grind zuerst entdeckt, der größte der erlegten Fische zugetheilt, darauf für Armenwesen und Schulenfond ein gewisser Theil, sowie nach ungefährem Ermessen ein entsprechendes Quantum bestimmt, um aus dem Erlös den Ersatz der beim Fange etwa erlittenen Schäden, sowohl körperliche wie am Geräth, bestreiten zu können; ebenso werden für die beim Fange und der Theilung thätigen Beamten und Angestellten gewisse Quanten ausgesetzt und endlich wird von dem Uebrigen ein Viertheil für die Grundbesitzer des Strandes und des angrenzenden Landes bestimmt, worauf schließlich der Rest unter die Theilnehmer am Fange und die Bewohner des Districtes, in welchem derselbe stattgefunden, auf solche Weise vertheilt wird, daß die beim Fange thätig gewesenen Personen je eine doppelt so große Rate wie die Andern erhalten, selbst Säuglinge oder zufällig als Zuschauer anwesende Fremde aber nicht ausgeschlossen werden.

Nun meldet sich der sogenannte „Formand“, das ist Anführer, eines Bootes aus jedem Orte beim Sysselmanne, von dem er einen Zettel empfängt, auf welchem Nummer und Taxationswerth, oder vielmehr die Schätzung des Speckgehaltes derjenigen Fische verzeichnet sind, die den Bewohnern des von ihm vertretenen Ortes als Antheil an der Beute zufallen. Hierauf suchen er und seine Cameraden die fraglichen Nummern am Strande auf, zerlegen die Fische, laden die Stücke in ihre Boote und treten, ein geistliches Lied anstimmend, ihren Heimweg an. Boot auf Boot verläßt jetzt, bis zum Rande mit seinem Theil der Beute beladen, den Hafen. Auch die Bewohner Thorshavns haben ihren Antheil bei Seite geschafft; die Eingeweide sind auf die Rhede hinausgeführt und dort versenkt worden, damit sie nicht die Luft verpesten, und bald ist nur das immer noch blutige Wasser das einzige Merkmal der großartigen Schlachterei, die hier stattgefunden hat, bis nach einigen Tagen auch dies sich verliert und nur noch in dem wohlgenährten Aussehen und den fettglänzenden Gesichtern der Leute, sowie in dem lebhafteren Verkehr in den Factoreien, wo gegen den aus dem Speck gewonnenen Thran andere Bedürfnisse des Lebens eingetauscht werden, sich Spuren des erfreulichen und interessanten Ereignisses erkennen lassen.

Wie erwähnt, ist die Farbe des „Grindehval“ schwarz; nur der Bauch des Thieres ist weiß. Der Kopf ist vorn stumpf abgerundet und die Maulöffnung ganz unten, der Unterkiefer gleichsam in den Oberkiefer eingefalzt, und beide sind mit einer Reihe ziemlich großer, doch undicht stehender Zähne versehen, während die Augen des Thieres sehr klein und das äußere Ohr kaum zu unterscheiden sind. An jeder Seite befindet sich eine nicht große Flosse und auf dem Rücken eine etwas nach hinten gebogene Finne, während in dem mächtigen horizontal gestellten Schweif, der wie die Schraubenflügel eines Dampfschiffes geformt ist, die hauptsächliche Triebkraft zur Fortbewegung des Thieres liegt. Die Nahrung desselben besteht aus Weich- und Schleimthieren, besonders stellt es den verschiedenen Gattungen des Tintenfisches sehr nach. Die größten Exemplare des Grindehvals erreichen eine Länge von dreißig bis vierzig Fuß, bei verhältnißmäßigem Umfange, und liefern drei bis vier Tonnen Thran zu einem Durchschnittswerth von fünfzehn preußischen Thalern die Tonne.

Der eben geschilderte Fang repräsentirte einen Totalwerth von etwa fünftausend Thalern an Thran, und da außerdem das Fleisch eine sehr beliebte, nahrhafte und, wenn gut zubereitet, auch recht schmackhafte Speise abgiebt, so ist ein solches Ereigniß für die größtentheils unbemittelten Bewohner dieser Inseln von außerordentlich hoher Bedeutung. Von dem Speck wird ein kleinerer Theil für den Hausbedarf eingepökelt und theils in der Salzlake aufbewahrt, theils nach einigen Tagen herausgenommen und in freier Luft zum Trocknen aufgehängt, während der Rest ausgekocht und der gewonnene Thran nach Abzug des zur Erleuchtung der langen Winterabende nöthigen Quantums verkauft wird. Das Fleisch wird ebenfalls durch Einsalzen oder durch Dörren in der Luft, nachdem es zu dem Ende, ohne vorher gesalzen zu sein, in schmale Streifen zerschnitten worden ist, für den späteren Gebrauch aufbewahrt. Der Magen wird getrocknet und dient sowohl als Thranbehälter, Behälter zum Aufbewahren oder Transportiren kleinerer Quantitäten von Korn, Mehl und dergleichen, als auch zur Boje, beim Auslegen der Fischereigeräthe, während der Schlund statt der Schuhe zu Fußbekleidungen verwendet wird. Einen Theil der Haut an den Flossen und der Rückenfinne benutzt man für die Boote als Riemen zum Hindurchstecken und Festhalten der Ruder, während die Sehnen als Nähmaterial bei Anfertigung einer aus gegerbten Kuhhäuten selbstbereiteten Fußbekleidung gebraucht und die Knochen endlich meistens nach England verkauft werden, um von dort, in Gestalt von Knochenmehl, weiter in den Handel zu kommen.

Mitunter treffen solche Fischzüge mehrere Male jährlich ein, zuweilen aber auch in einem oder mehreren Jahren gar nicht, obwohl vielleicht manchmal ganze Heerden von den Fischen gesehen werden. Oft ist die starke Strömung der einzuschlagenden Richtung entgegen, da nur einzelne Häfen der Inselgruppe zu diesem Fischfange en gros sich eignen, manchmal wird der Grind oder die Walfischheerde wild und störrisch, will sich nicht treiben lassen und sucht allen Anstrengungen und Bemühungen zum Trotz das Weite. Selbst wenn auch anfänglich Alles nach Wunsch geht und der Eingang zu dem ausersehenen Hafen, ja vielleicht schon der Hafen selbst erreicht ist, gelingt das Unternehmen nicht immer, obzwar in den meisten Fällen; es giebt sogar einzelne Beispiele, daß mehrere Hundert dieser Thiere einige Tage in einem Hafen eingeschlossen waren und dennoch die Jagd aufgegeben werden mußte. Ich selbst wohnte später einem Vorgange dieser Art bei, wo wir eine Walfischheerde von etwa vierhundert Stück drei Tage lang in einer etwa eine Meile langen und eine Achtel Meile breiten Bai eingeschlossen hatten, trotz unausgesetzter Anstrengungen jedoch dieselben weder an’s Land treiben noch ernstlich verwunden konnten, da sie, scheu geworden, sich nicht nahen ließen, so daß wir sie schließlich, zu allgemeinem großen Aerger, frei abziehen lassen mußten, ohne daß von der großen Anzahl mehr als drei der kleinsten Fische erbeutet worden wären. In solchen Fällen wird es, nachdem alle Versuche, den Fang in regelrechter Weise zu betreiben, sich als nutzlos erwiesen, nach Verlauf einer gesetzlich bestimmten Frist erlaubt, Harpunen anzuwenden, was sonst strenge verboten ist, und werden die so erlegten Fische nicht weiter vertheilt, sondern sind, nach Abzug des Zehnten, Eigenthum des glücklichen Jägers. Bei dieser Fangmethode entkommt indeß der bei weitem größte Theil, auch ist dieselbe weit gefährlicher, denn man hat es hier meist mit unverwundeten, noch kräftigen Fischen zu thun. Oftmals trifft es sich, daß mit der Heerde mehrere neugeworfene Junge folgen, die etwa fünf bis sechs Fuß lang sind; es ist nun sehr rührend zu beobachten, wie dieselben, während des Kampfes von den Müttern geschieden, unter klagendem, ängstlichem Preifen in dem Gewirre umherirren und ihre Mütter suchen, und wie [107] diese durch ähnliche Klagelaute antworten, auf ihre Säuglinge zueilen, sie umkreisen und augenscheinlich, die eigne Gefahr nicht achtend, sie zu schützen suchen, um so unter Ausübung ihrer Mutterpflichten den Tod zu erleiden.

Auch finden sich manchmal in den erlegten weiblichen Walfischen Junge in verschiedenen Entwickelungsperioden, während ebenfalls Beispiele vorkommen sollen, daß trächtige Weibchen mitten im Kampfgetümmel, vermuthlich in Folge der Angst und Aufregung, ihr Junges zur Welt brachten.

Die bei dem regelmäßigem Fange benutzten Waffen sind: eine Lanze, bestehend aus einem zehn Fuß laugen hölzernen Schafte mit einer vierzehn bis sechszehn Zoll langen ovalen und zweischneidigen eisernen oder stählernen Spitze, mittels einer leichten, aber starken sechs bis acht Klafter langen Leine am Boote befestigt; ein eiserner Haken, der Handgriff bis zur Biegung etwa sechszehn Zoll lang, unten mit einem Ringe versehen, in dem ein starkes, wenigstens zehn Klafter langes Tau befestigt ist, und das Messer, welches, von der Größe eines Vorlegemessers, in einer Scheide aus Holz oder Horn an der linken Seite getragen wird.

Früher wurden auch auf den ungefähr vierzig Meilen südlicher belegenen Shetlands-Inseln diese Walfischheerden in ähnlicher Weise erledigt, jetzt bedient man sich aber dort, wegen des großen Antheils, der den zum Theil fremden, oft in Schottland oder England residirenden Landeigenthümern zufiel, stets der Harpunen und erlegt mittels derselben draußen auf offener See so viele, wie man eben kann, während man lieber die Mehrzahl entkommen läßt, als daß man sie zum hauptsächlichen Vortheil der reichen Grundbesitzer an’s Land triebe. Es sind mithin die Farör-Inseln der einzige bekannte Ort, wo der Grindefang so vor sich geht, wie ich – kein Mann der Feder, sondern ein schlichter Geschäftsmann – ihn hier den Lesern der Gartenlaube in einfachen Worten zu schildern versucht habe.