Der Heilige Berg bei Bischheim

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Textdaten
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Autor: Friedrich Bernhard Störzner
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Titel: Der Heilige Berg bei Bischheim
Untertitel:
aus: Was die Heimat erzählt. Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen, S. 235–237
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Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
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Erscheinungsort: Leipzig
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109. Der Heilige Berg bei Bischheim.

Wer mit der Eisenbahn von Dresden aus über Arnsdorf nach Kamenz fährt, berührt auf dieser Fahrt auch die Haltestelle Bischheim, die letzte Station vor Kamenz. Etwas nordöstlich vom Bahnhofe zu Bischheim durchschneidet der Schienenstrang jene Hügelreihe, welche sich von Elstra aus in nordwestlicher Richtung nach Bischheim zu herüberzieht, und die bei Bischofswerda und Rammenau ihren Anfang nimmt. Zur Linken von der Bahnlinie, also nordwestlich, erhebt sich der „Wüste Berg“, diesem gegenüber, südöstlich von der Bahn, liegt eine bewaldete Höhe, der „Heilige Berg“ genannt, der zwischen Bischheim, Gersdorf und Hennersdorf sich ausbreitet. Derselbe bildete in früheren Jahrhunderten das allgemeine Wanderziel frommer Menschen, und auch heute noch wird er nicht selten aufgesucht, da er eine wundervolle Aussicht bietet. Dieser Berg wurde vom Bischof Gero oder Gerung, der von 1152 bis 1170 den Bischofsstuhl zu Meißen innehatte, zu einem „Heiligen Berge“ erhoben und zwar aus folgendem Grunde:

Zu der Zeit, da diese Gegend noch kein christliches Land war, waren die heidnischen Priester dem Volke auch Aerzte. Die damaligen Heiden suchten bei körperlichen Leiden Hilfe bei den Priestern und Priesterinnen. Nachdem das Christentum eingeführt worden war, erkannte das Volk die christlichen Priester ebenfalls zugleich auch als Aerzte mit an. „Obgleich diese christlichen Priester die Heilmittel der Natur nicht kannten, so bestärkten sie doch mit vielem Fleiße den Glauben an ihre Wunder- und Zauberkräfte, täuschten die Hilfesuchenden durch allerlei Orakelsprüche, bestrichen die Wunden mit heiligen Stäben, bekreuzten sie, legten die Hände auf sie, und nährten so den Aberglauben der Zeit um eitler Ehre und um des Gewinnes willen; denn sie ließen sich dafür gut bezahlen. Oder sie verordneten, daß die Kranken eine gewisse Anzahl von Gebeten hersagen sollten, besprachen oder beschworen sie; ließen sie die Heiligenbilder küssen; hingen ihnen Amulete (Bann- oder Schutzmittel gegen Zauberei und Krankheiten) an, besprengten sie mit Weihwasser. Es hatten sich aber unter dem Volke die Sagen von den Wundertaten der alten Heidengötter, [236] die nun schon länger denn 200 Jahre in dieser Gegend nicht mehr verehrt werden durften, frisch erhalten, und viele konnten zu den christlichen Heiligenbildern kein rechtes Vertrauen fassen. Darum schlichen die Leute heimlich hinauf auf die heiligen Höhen, wo einst die Opferherde der heidnischen Götter standen, um von denen Hilfe zu erflehen, die sie freilich bei Todesstrafe nicht mehr anbeten durften.

Diesem Bedürfnisse des Volkes suchte der Bischof von Meißen entgegenzukommen. Er erhob einen Berg bei dem heutigen Gersdorf und Bischheim zu hohen Ehren und nannte ihn den „Heiligen Berg“. Auf diesem errichtete er eine Kapelle und weihte diese der „Heiligen Walpurgis“. Dieselbe war weit umhergezogen in den Landen und hatte gelehret und zu bekehren gesucht. Sie starb im Jahre 778. Nach ihrem Tode setzte man ihr auf vielen Bergen, besonders in der Lausitz, Andenken und errichtete ihr Standbilder und Kapellen. Der 1. Mai war ihr Ehrentag, und es trägt derselbe auch heute noch ihren Namen.

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Bischheim um 1840.

Der Heilige Berg bei Bischheim kam gar bald zu großem Ansehen. Aus meilenweiter Entfernung wallfahrteten die Leute herbei, um hier oben anzubeten oder Hilfe in ihren körperlichen Leiden zu suchen. Die Kranken, welche nicht gehen konnten, ließen sich herbeitragen, um Gesundheit zu erhalten. Von manchem Wunder wird da berichtet. Oftmals konnte der Heilige Berg die vielen Wallfahrer kaum fassen, und da jährlich die Zahl derselben zunahm, so wurde am Fuße des Heiligen Berges eine größere Kapelle erbaut. „Das in dieser Kapelle einkommende Almosen sicherte ein mit dem Kamenzer Rate 1489 geschlossener Vergleich dem Pfarrer zu; nur das Einkommen während der drei Pfingsttage, sowie des Walpurgis- und St. Margarethae-Abends“, hatte der Pfarrer mit der Kapelle zu deren Instand- und Unterhaltung zu teilen. Wer an diesen Tagen von der ersten bis zur zweiten Messe hier andächtig beichtete und reichliches Almosen opferte, dem verhieß ein Ablaßbrief des Kardinals Rogerius für [237] jeden dieser Tage einen 100tägigen Ablaß. Der Bischof, welcher 1490 diesen Ablaß bestätigte, konfirmierte zugleich einen der Kapelle, durch 10 Mark jährlich, von der Kamenzer Schneiderinnung procurierten Zins. Im Jahre 1508 wurde dieser Kapelle die Wiese am Gehege bei Gölenau geschenkt. Mit bischöflicher Erlaubnis brach der Kamenzer Rat 1542 das baufällig gewordene Bethaus ab. Rücksichtlich auf den nach und nach verkauften Heiligen Berg, welcher ehedem Eigentum der Kirche zu Gersdorf gewesen sein soll, bezieht dieselbe gegenwärtig (1840) noch einen kleinen Erbzins.“

Die Genesung der Kranken und Behexten schrieb man der „Heiligen Walpurgis“ zu. Wer von irgend einem Uebel befreit werden wollte, dem konnte nur eine Wallfahrt nach dem Heiligen Berge Hilfe bringen.

Auf diesem Berge wurde zu Zeiten auch ein mächtiges Feuer angezündet. Man steckte Reißigbündel in Brand und beabsichtigte, dadurch allerlei Geister, Gespenster und Hexen zu vertreiben. Noch heutigen Tages ist dieser Aberglaube nicht ganz erloschen, wie die Gebräuche während der Walpurgisnacht, der Nacht vom 30. April zum 1. Mai, in den verschiedensten Gegenden unseres Vaterlandes noch beweisen. Das Feuer auf dem Berge zur Walpurgisnacht schützte nach dem Volksglauben das Vieh gegen das Behexen. –

So stand der Heilige Berg bei Bischheim Jahrhunderte hindurch in der weitesten Umgegend in hohen Ehren. Endlich schuf das Licht des Evangeliums auch hierin Wandel. Nach der Reformation wurden der Wallfahrer alljährlich weniger, und zuletzt blieben sie ganz aus. Die Wallfahrtskapelle auf dem Heiligen Berge bei Bischheim vereinsamte ganz und verfiel sogar mit der Zeit. Heute kann man mit Sicherheit nicht einmal ihren ehemaligen Standort angeben. Nur der Name des Berges erinnert noch an die Vergangenheit. –

Wie die Sage berichtet, sollen noch heute vom Heiligen Berge aus unterirdische Gänge nach dem Pfarrhause in Gersdorf führen, die allerdings zum Teil verfallen wären. Mit diesen Gängen soll auch die Mönchsmauer in Verbindung gestanden haben. (Vgl. „Die Mönchsmauer!“)