Der König auf Besuch

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Autor: Franz Carion
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Titel: Der König auf Besuch
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49–52, S. 787–790, 803–806, 819–822, 835–838
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[787]
Der König auf Besuch.
Historische Novelette.
1.

Dresden hatte am 9. September 1756 die Ueberraschung gehabt, die vom Feldmarschall Keith befehligte Armee in seine Mauern einrücken zu sehen, und am nächstfolgenden Tage erschien König Friedrich der Zweite, wie ein stiller Reisender, ohne Kanonendonner, Glockengeläute und sonstige Empfangsfeierlichkeit. Er nahm Quartier in dem Palais Mosczynski, dessen Besitzerin, als wäre der Wechsel ihrer Wohnung eine in aller Güte und Freundschaft verabredete Sache gewesen, das Weite gesucht hatte. Ohne Schwertstreich und Flintenschuß war dieses königlich preußische Gastspiel auf sächsischem Grund und Boden eröffnet worden; die einzige Illustration, welche diese Veränderung hervorrief, bestand in dem verblüfften Dreinschauen der Residenzbewohner, von denen die Mehrzahl die Hände in den Taschen ballte, nicht nur weil die Tischgäste, die, so zu sagen, ihnen in’s Haus fielen, eine Belastung ihres Geldbeutels waren, sondern auch weil das fremde Blauroth ihren Augen wehe that.

Die sächsische Armee hatte sich vor Ankunft der Preußen auf ihres Königs oder vielmehr dessen sauberen Ministers Brühl Befehl von der Landeshauptstadt in ein festes Lager bei Pirna zurückgezogen. Dreißigtausend Mann standen als schlagfertig auf den Papieren verzeichnet, welche Brühl seinem Herrn vorgelegt; es fehlte indeß die Bemerkung dabei, daß es nur siebenzehntausend Mann seien, da der große Schwindler den Sold für die nicht vorhandenen Dreizehntausend seit dem Dresdener Friedensschlusse (1745), eine Summe von zehn Millionen Thalern betragend, zu seinem Besten unterschlagen hatte.

Zugleich mit der Besetzung Dresdens schlossen die Preußen dieses Lager ein, in welchem, da für keine Proviantvorräthe gesorgt worden war, der empfindlichste Mangel an Lebensmitteln sich fühlbar machte.

So standen die Sachen, als eines Tages Trommler und Pfeifer den König, welcher an der Fronte der in zwei Gliedern aufgestellten Wachtmannschaft hinschritt, mit dem Parademarsche begrüßten. Er sah ungewöhnlich zufrieden aus, ein Umstand, der zu Zeiten gar nicht an ihm zu bemerken war, denn sein Lebensgang hatte ihn seit seinen Jugendjahren durch die ernstesten Prüfungen geführt, denen eben nur ein Mann seiner Geistesart gewachsen ist.

Die Officiere seiner Suite hatten sich auf den Stufen der Freitreppe aufgestellt, welche, einen Bogen bildend, an der Fronte des nicht sehr großen, aber zierlichen Palais Mosczynski von dessen beiden Ecken sich erhob und zu dem Portale führte, durch das man in das Innere des Gebäudes eintrat. Hier, in den schönen Parterrelocalitäten residirte der König von Preußen. Die neueste Zeit hat das Palais Mosczynski, das für die Residenzstadt Dresden mit Fug und Recht ein steinernes Blatt aus deren Schicksalschronik genannt werden konnte, aus der Reihe der historisch interessanten Gebäude gestrichen und auf dem weithin gedehnten Raume gewaltig große Häuser erstehen lassen.

Dieses schöne Palais, einem von duftigen grünen Ranken umrahmten Schmuckkästchen gleichend, paßte für einen Denker, dessen reger Geist sich mit großen Entwürfen trug und einer heiteren Stille bedurfte. Fern dem städtischen Trubel, ersetzte das Palais mit seinem prächtigen Park dem Könige zum Theil die Reize, welche sein Rheinsberg ihm so sehr lieb gemacht hatten, denn die Aussichten, die sich ihm hier aus seinem Wohnzimmer und bei Promenaden durch den Park boten, waren unvergleichlich schön. Im Osten hob das terrassenartig sich aufthürmende meißnische Elbhochland, jetzt mit dem Namen „Sächsische Schweiz“ belegt, seine gewaltigen Berghäupter wie ein vielgezacktes Riesendiadem in den bläulichen Ferneduft hinauf; im Süden lagerten gleich sanftanschwellenden Wellen die Zschärtnitzer und Räcknitzer Höhen bis hin zu den Thalwänden der wunderbaren, mehrere Stunden Weges weit sich nach dem Erzgebirge hinziehenden Felsengasse des Plauenschen Grundes, und im Westen bezeichnete der Zug der Lößnitzer Berge den Lauf der Elbe.

Dresden beherbergte somit in einem seiner anmuthigsten Schlösser einen König, welcher, der Ordnung der Dinge nach, nichts im Lande zu sagen gehabt hätte, wäre er nicht mit mindestens sechszigtausend Mann daselbst aufgetreten – aber neben ihm weilte in der Elbresidenz eine Königin nebst ihrem Kronprinzen und ihrer übrigen Familie, eine Königin, die, dem Lande angehörend, unter dem Drucke des geschehenen Wechsels aller Verhältnisse in Wirklichkeit nichts mehr zu befehlen hatte, deren Hofhaltung aber nach wie vor eine glänzende blieb. König Friedrich der Zweite fand es seiner und der königlichen Würde der hohen Frau angemessen, ihr seine Aufwartung zu machen, und eben jetzt hatte er sich dieser ritterlichen Pflicht entledigt. Er kam vom Schlosse, wo er und seine königliche Gegnerin, die ihn wie die Sünde haßte – denn zu ihrem angeborenen österreichisch-katholischen Hasse gegen den preußischen Ketzerkönig hatte sich noch die bitterste Feindschaft gegen ihn, den räuberischen Eindringling, gesellt – eine Scene abgespielt hatten, für welche kein passenderer Vergleich gefunden werden könnte als das bekannte Bild „Nattern [788] unter Rosen“. König Friedrich war dadurch in eine humoristisch-satirische Stimmung versetzt worden. Er hatte sich bei dieser so eigenthümlichen Visite bestrebt, seiner hohen Gegnerin klar zu machen, daß für ihn, um in Böhmen einzurücken, der Weg nicht durch Thüringen, sondern durch Sachsen führe, und die Erinnerung an diese Auseinandersetzungen mochte ihn noch beschäftigen, als er durch die von seinen Officieren auf der Freitreppe des Schlosses Mosczynski gebildete Haye hinaufstieg, denn ein leichtes Lächeln glitt über sein Antlitz hin. Auf der letzten Stufe angekommen, wendete er sich, den Hut ziehend, gegen die Officiere mit dem gewöhnlichen Entlassungsgruße:

„A revoir, Messieurs!“

Der König stand damals im besten Mannesalter. Das schwere Schicksal, welches über sein Haupt hingezogen, als er ein neunzehnjähriger Kronprinz war, hatte bei ihm eine Spur zurückgelassen, die sich nicht verwischen ließ und seinen Gesichtszügen einen tiefernsten Ausdruck gegeben. Eine harte Zeit, wie sie selten an Königssöhnen vorübergeht, hatte sein Antlitz für Jeden, der ihn auch nur einmal sah, zu einer unvergeßlichen Type gestempelt. Aus seinen scharf markirten, lebhaften Zügen, sprach eine nicht zu erschütternde Entschlossenheit. Auf seiner Stirn lag der Ausdruck von nicht zu beirrender Geistesgegenwart. Damals war sie noch glatt; keine Falten hatten sich auf ihr eingegraben; die Heiterkeit des Dichters gepaart mit der Ruhe des Philosophen verliehen ihr gleichsam die Eigenschaft eines makellos polirten Silberschildes, auf dem sich die Strahlen eines hocherleuchteten Geistes sammelten, unterstützt von dem Zauber seiner großen blauen Augen, deren Blick ein durchdringender war und eine unwiderstehliche Gewalt auf Alle übte, die ihn zu fürchten hatten. So zeigte sich sein Antlitz als ein wahrhaft königliches und durchgeistigtes. Als passende äußere Zuthat erschien sein stark gepudertes Haar mit Rollenlocken an den Schläfen und dem unvermeidlichen Anhängsel damaliger Zeit, einem langen Zopfe.

Jene militärische Steifheit, in der sein Vater Friedrich Wilhelm der Erste so besonders excellirte, besaß er ebensowenig wie dessen große Gestalt. Er gehörte der Körperlänge nach in die Rubrik „mittelgroß“. Seine ungezwungene Haltung hatte sogar eine gewisse nachlässige Gangart zur Folge, der er, wenn Nachdenken ihn von der Ueberwachung seines Aeußeren abgezogen, sich nur mit Mühe entreißen konnte.

Zwischen den beiden am Portale wachthabenden und präsentirenden Grenadieren hindurchschreitend, vom Major von Wangenheim begleitet, trat der König in die Parterrelocalitäten des Schlosses ein, wo ein Diener bereits die Flügelthür zu seinem Wohnzimmer geöffnet hatte. „Nachher … nachher!“ bedeutete der König den eifrigen Lakai, der ihm Hut, Stock und Handschuhe abgenommen und weiteren Befehls wartete. Ehe der Diener das Zimmer verließ, öffnete er die Thür des Nebengemachs und mit gewaltigen Sätzen sprangen drei Windspiele kleiner Art auf den König zu, der, sich zu ihnen niederbeugend, sie caressirte. Seine gute Stimmung wurde durch die ebenso zarten wie treuen Thiere, welche gemeinschaftlich einen Sessel in Besitz genommen hatten und an ihrem Herrn sich zärtlich emporstreckten, bedeutend gehoben. Er hing mit großer Liebe an diesen wie luftige Elfen ihn umgaukelnden Thieren.

„Da sieht Er, Wangenheim, wie seltsam es mir geht,“ hub der König an, und auf die drei Windspiele deutend, die auf seinen Wink ruhig nebeneinander auf dem Stuhle sitzen blieben, fuhr er fort: „Die Hündchen lieben mich; die Weiber sind mir spinnefeind. Das ist ein böses Schicksal, das man eben nur mit einem Wald von Bajonneten sich vom Halse schaffen kann.“

Die in ihm aufsteigende Erinnerung an seine vier, halb Europa gegen ihn in Harnisch rufenden Feindinnen, die Kaiserin Marie Theresia, die Czarin Elisabeth, die Königin Josephine von Polen und Kurfürstin von Sachsen, und die berüchtigte Marquise von Pompadour, verdüsterte seine gute Stimmung.

Major von Wangenheim hatte, seines Befehls harrend, an der Thür Posto gefaßt und sah mit Vergnügen, daß der finstere Ernst aus des Königs Antlitz allmählich wich. Plötzlich blieb der Monarch vor ihm stehen und musterte ihn eine Weile lang. Herr von Wangenheim, in der Meinung, er werde sich zum Gegenstand eines Tadels gemacht sehen, vermochte nicht die ihn dadurch bemeisternde Verwirrung zu beherrschen, von der eine sein Gesicht überfließende Röthe Zeugniß gab.

Unter den vielen Officieren des Königs galt Wangenheim, Major des Grenadierbataillons, welches nebst drei anderen Bataillonen, sämmtlich unter Commando des Generalmajors von Wylich, die Garnison Dresdens ausmachte, als einer der schmucksten. Er konnte stolz auf seine Persönlichkeit sein, war er doch ein schöner hochgewachsener Mann, den die Uniform ungemein wohlkeidete. Sein männlich schönes Gesicht flößte Zutrauen ein, weil seine Züge den Ausdruck der Offenherzigkeit trugen und aus seinen braunen Augen große Freundlichkeit leuchtete.

„Er macht Fortüne bei den Weibern?“ fragte der König plötzlich.

War der Major durch die Muthmaßung eines Tadels, dessen Ursache er sich nicht denken konnte, in Verwirrung gesetzt worden, so machte diese an ihn gerichtete unerwartete Frage ihn so verblüfft, daß er zögernd, als habe er falsch gehört, kaum mit der Entgegnung: „Majestät … ich?“ sich heraus getraute.

„Bah! bah! Stelle Er sein Licht nicht unter den Scheffel!“ redete der König weiter. „Wäre mir unlieb, hätte ich mich in dem Punkte bei Ihm geirrt. Wird wohl aber nicht der Fall sein, denke ich mir … wie?“

Die Verlegenheit Wangenheim’s nahm zu, da er wußte, daß der König keinen Scherz mit seinen Officieren zu treiben pflegte und jedenfalls hinter dessen sonderbarer Frage etwas ganz Unerwartetes im Rückhalt sein müsse, aber eine Antwort mußte er geben. „Majestät,“ sagte er, „ich glaube in diesem Punkte nichts vor meinen Cameraden voraus zu haben, obwohl dabei das Glück seinen gewissen Antheil hat, insofern es den Einen mehr als den Andern begünstigt.“

„Sehr wahr … Er ist aber unter allen Umständen Hahn im Korbe … weiß das, ist mir gesagt worden, daß Er ein Mann von Fortüne bei den Weibern ist. Er hat ja ein Duell in Berlin gehabt wegen einer jungen sächsischen Dame … wie Er da gleich die Augen aufreißt, daß ich von Seiner Teufelei Kenntniß habe! Ich denke mir also, wenn Er bei Fräuleins Glück macht, hat Er vielleicht auch den Schick dazu, einer alten, höchst respectablen Dame … in aller Submission natürlich … zu gefallen und durch Seine Ueberredungsgabe sie zu Etwas zu bewegen, was mir eine große Unannehmlichkeit ersparen würde.“

Der Major fühlte sich durch diesen angedeuteten delicaten Auftrag nur noch mehr verdonnert, aber die Nothwendigkeit drängte, sich dem Monarchen, der merkwürdiger Weise gerade ihm ein solches Vertrauen schenkte, zur unbedingten Verfügung zu stellen. „Majestät,“ flüsterte er mit einer Verbeugung, „haben über mich zu befehlen! Es kommt auf den Versuch an … bitte aber unterthänigst, schlechten Erfolg mir nicht als Schuld anzurechnen.“

„Nein, nein, sorge Er sich deswegen nicht! ’s soll nur ein Versuch sein. Nicht alle Versuche gelingen, absonderlich auf dem Felde, wo man nicht im Sturmschritt vorgehen kann. Die Dame, bei der Er sein Glück versuchen soll, ist keine Andere – als Ihre Majestät die Königin von Polen.“

„Die Königin?!“ rief Wangenheim erschrocken.

„Na, na, verliere Er nicht die Contenance! Er ist Grenadier-Major, der auf Ordre dem Teufel zu Leibe rücken muß, und der Königin von Polen Majestät ist noch lange nicht der Gottseibeiuns, wenngleich sie einen formidablen Haß gegen mich zu haben geruht. Höre Er mir zu!“

Der König erklärte dem von dieser Mission durchaus nicht Erfreuten Folgendes:

Durch den schnöden Verrath des sächsischen Cabinets-Secretärs Menzel waren dem Könige Friedrich die Copien der von Petersburg, Wien und Paris beim Dresdener Geheim-Cabinet einlaufenden Depeschen in die Hände gekommen, welche den Plan, Friedrich klein zu machen, das heißt ihn wieder auf die Provinz Brandenburg zu beschränken, verfolgten. Da Menzel nicht im Stande gewesen, alle diesen Plan besprechenden Depeschen zu copiren, weil manche derselben ihm ganz unzugänglich geblieben, so waren Lücken im Zusammenhange des Inhaltes der betreffenden Verhandlungen dieser drei Mächte vorhanden, welche ergänzt werden mußten. Nur so konnte der König vor aller Welt seinen kriegerischen Einbruch mitten im Frieden in das Kurfürstenthum Sachsen rechtfertigen. Dies aber war einzig nur dann möglich, wenn er in den Besitz des geheimen Staatsarchivs gelangte.

Das preußische Spionirsystem war damals so gut ausgebildet, [789] daß es das der anderen Höfe Europas weit übertraf. Preußisches Gold hatte in allen Schichten der hohen Kreise in den fremden Residenzen Seelen geködert, welche den Verrath als ein stilles, aber einträgliches Mittel betrachteten, ein gut situirtes Haus zu machen. In Wien gab es sogar katholische Geistliche, welche sich bedeutenden Einflusses rühmen konnten und trotz allem Fanatismus, den sie in die Herzen sehr fruchttragend aussäeten, dieses geheime Handwerk betrieben. König Friedrich titulirte diese stillen Handlanger, die ihm viel Geld kosteten, bekanntlich mit der einfachen Bezeichnung „Cujons“. Er war zu klug, um seiner durch sie immer obenauf erhaltenen Allwissenheit von Dingen, die ihm von großem Werthe waren, durch übel angebrachte Sparsamkeit Schranken zu ziehen. Namentlich galt ihm Sachsen als ein sehr günstiges Feld in dieser Beziehung. Die Bestechlichkeit, hier lange Jahrzehnte hindurch eingebürgert, leistete ihm große Dienste, und außer dem schon genannten Menzel gab es eine hübsche Anzahl Individuen, nicht nur am Dresdener Hofe, sondern auch in der Armee, die im Interesse König Friedrich’s arbeiteten. So hatte er gleich nach seiner Ankunft zu Dresden erfahren, daß die Localitäten des geheimen Staatsarchivs vollständig geräumt und dessen sämmtliche Acten, Documente und Briefschaften, zur gelegentlichen Fortbringung nach Polen zusammen gepackt, einstweilen in einige unmittelbar an die Appartements der Königin Josephine stoßende Gemächer geschafft worden seien, die hohe Frau aber allein im Besitze des Schlüssels zu der Thüre sich befinde, durch die man in diesen sichern und für unentdeckbar gehaltenen Verwahrungsort gelangte.

König Friedrich scheute sich, einen gewaltsamen Einbruch in die Häuslichkeit dieser Königin zu unternehmen, welche zwar seine erbitterte Feindin, aber immer eine Frau war, die er hochachtete, theils wegen ihrer Respectabilität in allen Tugenden, die einer Königin eine wahrhafte Würde verleihen, theils wegen der Offenheit, mit welcher sie ihre Abneigung gegen ihn ausgesprochen hatte. Das war wenigstens ein ehrlicher Haß, den er als berechtigt anerkannte.

„Er weiß nun Alles, Wangenheim. Versuche Er es, die Königin zu bestimmen, daß sie den Schlüssel herausgiebt! Ich muß sonst Gewalt anwenden lassen, weil das geheime Staatsarchiv mir unumgänglich nothwendig ist. Gehe Er nun und versuche Er sein Glück!“ Mit diesen Worten schloß der König seine Erklärung.

„Majestät, ich bekenne offen, daß ich lieber mit meinen Grenadieren eine Batterie stürmen wollte, als dieser Commission mich entledigen.“

„Glaub’s Ihm unbeschworen, mon cher Wangenheim; aber die Batterie, die Er zu nehmen versuchen soll, ist auch eine Nummer Eins,“ lautete des Monarchen Antwort, der er mit einem fast komischen Seufzer die Bemerkung hinzufügte: „Ach, die Cotillons machen mir das Leben sauer!“

Major von Wangenheim verließ mit militärischem Gruße und mit schwerem Herzen das Gemach, der König aber durchschritt dasselbe mehrmals in tiefem Sinnen. Dann trat er an den Tisch, auf welchen vom Stuhle aus sofort seine Hündchen sprangen und sich liebkosend an ihm emporstreckten.


2.

Hatte Gräfin Mosczynska – sie war, nebenbei gesagt, eine Tochter Königs August des Starken und der Reichsgräfin Cosel – ihren schönen Wittwensitz auch durch die von ihr gegebenen Feste oft zu einem sehr zahlreich besuchten Mittelpunkte der vornehmen Welt gemacht, so glichen diese Tage der Lust im Vergleich mit dem bunten, vielbewegten Leben und Treiben, welches die Anwesenheit des Königs Friedrich des Zweiten daselbst hervorrief, doch immer nur vereinzelten Sternen, die sich dem Auge darbieten. Nie vorher war die Umgebung des Palais Mosczynski so menschenbelebt gewesen wie jetzt. Das Dresdener Publicum, durchaus nicht den Preußen zugeneigt, im Gegentheile sogar sehr erbittert über die Art und Weise, wie Diese sich als Gäste aufgedrungen, ließ seine Neugier, den philosophischen und Flöte blasenden König zu sehen, durchaus nicht unbefriedigt. Das große eiserne Gitterthor zeigte sich oft von Hunderten von Leuten belagert, die einen günstigen ihren Wunsch zur Erfüllung bringenden Moment erwarteten. Solche Momente waren auch gar nicht so selten, denn der König liebte es, wenn ihn Geschäfte nicht abhielten, mit oder ohne Begleitung seiner Windspiele in dem wohlgepflegten Parke zu promeniren, eine Neigung, der er sich um so lieber hingab, als die sonnenhellen Septembertage es kaum bemerken ließen, daß der Herbst bereits der grünen Baumwelt sein buntes Colorit hier und da mit leisen Pinselstrichen aufzusetzen begann. Unwillkürlich flogen dann die Kopfbedeckungen der Neugierigen vor dem sie immer freundlich grüßenden Monarchen von den Häuptern; die sprüchwörtliche Höflichkeit der in der Residenzluft wohlgeschulten Dresdener ließ sich in dieser Beziehung keinen Vorwurf machen. Es gab vor dem Mosczynski-Palais immer etwas zu sehen, und auch das Ohr ging zuweilen nicht leer aus, weil der König geschäftsfreie Viertelstunden der mit Meisterschaft von ihm geblasenen Flöte zu widmen pflegte.

Der Angelpunkt des Dresdener Residenzlebens war bisher das kurfürstliche Schloß gewesen, jetzt aber das mehrerwähnte Palais in dessen Rang eingetreten. Die fremden Gesandten, die meisten der in der sächsischen Hauptstadt sich aufhaltenden Standespersonen, sowie die Mitglieder des Stadtrathes machten dem Könige häufig ihre Aufwartung und legten dabei die tiefste Devotion an den Tag. Aber es gab in dieser improvisieren Residenz auch noch eine Partei, welche mit großem Mißvergnügen die Verherrlichung des fremden Monarchen ansah – dies war die von der Gräfin Mosczynska zurückgelassene Dienerschaft, welche ihre dahingegangene Glanzzeit schmerzlich betrauerte. Zu Ende war’s mit den Trinkgeldern und allen anderen Freuden des Bediententhums. Diese würdigen Leute waren somit plötzlich außer Cours gesetzt worden, und die Einbuße ihrer schönen Nebeneinkünfte schmerzte sie besonders tief.

Es war ein gewaltiger Umsturz aller ihrer langjährig gewohnten Verhältnisse über sie gekommen. Sie hatten der preußischen Einquartierung aus ihren hübsch eingerichteten Wohnungen in der Oberetage und unter dem Dache weichen müssen. Dies war das Loos der Frau Castellanin und des Fräulein Doris, welche eine von der Frau Gräfin angenommene Waise eines in der Schlacht bei Kesselsdorf tödtlich verwundeten und in Folge dessen verstorbenen Officiers, Namens von Liebenau, war; dies war ferner das Loos einer Bettfrau der Frau Gräfin und eines jungen Burschen, Thaddäus, eines Enkels der Bettfrau, endlich eines stämmigen Mannes, Namens Nehemias Drill, der sich in seiner Tracht als Heiduck besonders viel dünkte. Als Ersatz dafür hatten sie die Wohnungen in zwei langen, aber sehr niedrigen Gebäuden beziehen müssen, welche, ungefähr dreißig Schritte zu jeder Seite von dem großen eisernen Gitterthore entfernt, ihre Rückwände an die Mauer lehnten, die ringsum das gewaltige Terrain umschloß. Diese Gebäude waren so sehr von Gebüsch und Bäumen verdeckt, daß der zum großen Gitterthore Hereinkommende sie nicht bemerken konnte. Auf der Rückseite des Palais befand sich ein sehr umfänglicher Vorhof mit einem hölzernen Gatterthore. Linden- und Kastanienalleen zu beiden Seiten bildeten einen breiten Zugang zum Palais. Von hohen Bäumen verdeckt und von Gebüsch versteckt, befanden sich hier Gebäude, die zu Stallungen, Wagenschuppen, Heuböden und Wohnungen für die gräflichen Stallleute dienten und, unter den jetzt veränderten Umständen von den Preußen zu gleichem Zwecke verwendet, auch den Raum für eine sehr große Wachtstube hergegeben hatten.

„Es ist eine sehr traurige Zeit, die durchzumachen uns auferlegt ist. Sie gemahnt mich an die babylonische Gefangenschaft der Juden,“ sagte die Castellanin, in ihrem ledergepolsterten Sorgenstuhle am Fenster sitzend, durch das sie keine andere Aussicht als die auf das Gebüsch hatte, welches das niedrige Haus umgrenzte. Wegen seiner Dichtigkeit machte dieses Gebüsch es unmöglich, das Palais zu sehen, welches sich ungefähr zweihundert Schritte davon befand und fast den ganzen freien Platz in seiner Breite einnahm.

„Nun, nun, Frau Castellanin, ich möchte die Anspielung auf das Judenvolk doch nicht so ganz goutiren,“ sagte Herr Drill, sich nach seiner Gewohnheit die stämmigen Schenkel streichelnd. „Wir sind doch eigentlich immer noch auf unserem Grund und Boden geblieben, obschon es sehr fatal ist, daß wir hierher versetzt worden sind, wo man sich bücken muß, will man sich nicht den Schädel an den niedrigen Thüren einrennen. ’s ist mir [790] freilich nicht recht, hier auf eine dürftige Bodenkammer als auf mein Logement angewiesen zu sein, indeß ich hoffe, daß dieser Zustand nicht lange dauern wird, denn ich habe so unter der Hand von den Grenadieren gehört, wenn’s bei Pirna entschieden sein würde, ob die Preußen oder unsere Sachsen die Herren im Lande bleiben, dann gäb’s eine totale Aenderung der ganzen Geschichte. Und ’s ist nicht zu bezweifeln, daß die Blauröcke tüchtige Hiebe davon tragen werden, denn General Brown rückt mit seiner kaiserlichen Armee unaufhaltsam heran und … ’s kann Einer darauf fluchen, daß sie, mit unseren Leuten vereinigt, der preußischen Sippschaft den Laufpaß so tüchtig auf den Buckel schreiben werden, daß sie wie weggeblasen aus Dresden verschwindet.“

„Gott geb’s, daß es so kommt, wie Er da prophezeit, Herr Nehemia!“ äußerte die gräfliche Bettfrau, die breit auf dem Kanapee saß und sehr schmerzlich den Verlust bedauerte, den der preußische Einbruch ihrer ganz vorzüglichen Stellung im gräflich Mosczynskischen Hause zugefügt hatte. Als älteste Dienerin der Gräfin, bei der sie jetzt dreißig Jahre lang war, hatte sie ihrer Herrin vollstes Vertrauen sich erworben und theilte diesen Vorzug mit ihrer guten Freundin, der Frau Castellanin, die, um zwanzig Jahre jünger als sie, als frühere Kammerjungfer der Gräfin sich dieser unentbehrlich zu machen verstanden und dadurch ihr jetziges Amt erhalten hatte. Die Castellanin war vor anderthalb Jahren Wittwe geworden und in dieser Stelle verblieben, um dem Glücklichen, den sie sich zum Lebensgefährten erwählte, mit ihrer Hand auch, wie die Gräfin es ihr zugesagt, den sehr einträglichen Castellansposten zu bieten, eine Aussicht, welche Herrn Nehemia Drill so reizend erschien, daß er der verwittweten Dame sehr stark und, wie es den Anschein hatte, nicht ohne Hoffnung den Hof machte.

„Es ist wohl wahr, daß wir die Hoffnung fest halten müssen, von dieser so tief unsere sächsischen Sentiments demüthigenden Last baldigst befreit zu werden,“ sprach die Frau Castellanin. „Ach, mir schnürt es das Herz zusammen, wenn ich daran denke, daß unseres allergnädigsten Königs Majestät und unser hochpreislicher Premierminister, Seine reichsgräfliche Gnaden von Brühl Excellenz, draußen im wilden Lagerleben campiren müssen, während sie hier in Allerhöchst Dero Residenz das Vergnügen von Opern, Concerten oder Jagden haben könnten. Das ist ein entsetzlicher Gedanke.“

Die Frau Castellanin besaß eine Art ceremoniöses Wesen, das sie sich als Kammerjungfer angeeignet und seitdem sehr ausgebildet hatte, weswegen, da ihr Benehmen bei jeder Gelegenheit den Anstrich von Vornehmheit zeigte, das Dienstpersonal des Mosczynskischen Hauses unter sich sagte, an ihr sei eine große Dame verloren. Ihre Herrin, selbst eine sehr stolze Frau, hatte daran Gefallen gefunden, denn sie erblickte darin eine große Verehrung ihrer Person, und Marianne stieg bei ihr zu hoher Gunst. Da sie, manche Schrullen abgerechnet, nie gegen einen oder den andern der Dienerschaft sich feindlich bewies, im Gegentheil, wenn die Gräfin ihre Unzufriedenheit über einen ihrer Diener aussprach, jederzeit vermittelnd eintrat und Differenzen dieser Art zu begütigen wußte, so erwiesen ihr Alle die größte Aufmerksamkeit, die sie mit einer leutseligen Grandezza hinnahm, wie ihre Gebieterin selbst sie nicht anders hätte zeigen können.

„Die preußische Majestät,“ sagte der Heiduck, „macht sich ihre Concerte selbst und hat schon davon gesprochen, wie mir einer der Lakaien mittheilte, den Winter über, vorausgesetzt, daß Alles so geht, wie eben die Majestät denkt, Concerte hier aufzuführen, in denen der König persönlich …“

„Schweige Er davon, Herr Nehemia!“ rief die Castellanin indignirt. „Es ist zu abominable, daß ein König den Concertmeister spielt. Niemals ist Dergleichen im sächsischen Kurfürstenhause vorgekommen.“

„Wenn ich aber von Allem schweigen soll, was ich so höre, dann wird Sie, hochwertheste Frau Castellanin, nichts erfahren und in dieser Bude hier gleich einer in einem Käfig eingesperrten Turteltaube sitzen,“ entgegnete der Heiduck.

„Er ist ja heute ganz besonders artig … nennt mich eine Turteltaube! Nun, will mir das wohl gefallen lassen – eine sehr zarte Schmeichelei,“ sprach Frau Marianne Küntzel ihm sehr freundlich zunickend.

„Muß unterthänigst depreciren, hochwertheste Frau Marianne, gegen Dero Ansicht, als hätte ich Ihr mit der Turteltaube zu schmeicheln versucht … Dergleichen kann bei mir nicht vorkommen; ich bin ein höchst aufrichtiges Mannsbild, das eine große Verehrung für Sie im Herzen hat. Mehr kann ich Ihr nicht sagen; ich denke, es wird vor der Hand genug sein.“

Bei diesem Aufwande von zärtlichem Gefühle hatte sich Herr Nehemia Drill erhoben und sich vor der Frau Castellanin verneigt. Diese reichte ihm die Hand, welche er nach dem Beispiele der Cavaliere küßte; dabei legte er die eigene Rechte gefühlvoll auf’s Herz, wie er dies bei den Herren des Hofes so oft gesehen, wenn sie den Damen die Cour machten. Dann streichelte er seiner Gewohnheit nach wohlgefällig seine Schenkel.

Die Bettfrau sagte gerührt von dieser Scene. „Das wäre ein Mann für Sie, liebwertheste Freundin, denke ich.“

„Pst, jetzt nichts von Dergleichen! Noch sitzen wir an den Wassern von Babylon … erst müssen diese verlaufen sein, dann können wir an uns denken,“ sprach die Castellanin mit Würde.

„Da erzähle Er uns, Herr Nehemia, von der Majestät da drüben!“ äußerte die Bettfrau. „Ich habe sie schon gesehen; aber unsere werthgeschätzte Freundin ist derselben noch mit keinem Blicke ansichtig geworden.“

„Sehne mich auch nicht danach. Bewahre mich Gott davor!“ fuhr Jene eifrig auf. „Die ganze Majestät da drüben kann mir gestohlen werden.“

Eben wollte Herr Drill von „Dem da drüben“ erzählen, als der im Gebüsche versteckte, nach der Auffahrt vor dem Palais hinüberlauschende Thaddäus eilfertig mit der Meldung an’s Fenster gesprungen kam: „Alleweil’ sind die Equipagen des russischen Herrn Geheimraths von Groß, des kaiserlichen Gesandten, Grafen von Sternberg, und des französischen, Marquis von Broglio, vorgefahren. Staatspferde mit prächtigen Federbüschen und in funkelndem Geschirre, daß man kaum die Augen lange darauf halten kann. Vorreiter, Lakaien und Läufer alle in Galalivree. Das ist ein Staat!“

„Dummer Junge!“ brummte seine würdige Großmutter. „Ob wir das wissen oder nicht! ’s geht uns nichts an.“

„Der Herr Gevatter Gärtner kommt,“ bemerkte die Frau Castellanin, da ein Mann, den Hut auf dem Kopfe und den Stock in der Hand, rasch an ihrem Fenster vorbeischritt. „Gebt ihm gleich einen Sessel … wird müde sein, kommt aus der Stadt.“

Er war auch müde und desperat zugleich, denn er ließ sich mit seiner Leibeslast so abgespannt auf den ihm zurechtgeschobenen Stuhl fallen, daß dieser, wie im letzten Stadium seiner Existenz, in allen seinen Fugen krachte.

„Mit Permission vor Ihr, Frau Gevatter Castellanin! Gehen wir aber zu Grunde, ist’s auch kein Schade um einen Sessel. Ich bringe einen haushohen Aerger mit, und es wäre kein Wunder, wenn mich unterwegs der Schlag gerührt hätte. Ueber uns sind, weiß Gott, die Tage gekommen, so uns nicht gefallen werden, und den Sachsen möchte ich sehen, dem sie gefielen; das muß ein Lump in Folio sein. Du himmlischer Vater, diese Preußen sind unsere Todtengräber. Muß doch der Herrgott vom hohen Himmel dreinschlagen!“

[803] Nach dieser grimmigen Auslassung trocknete sich der Mann den ihm in dicken Tropfen auf der Stirn stehenden Schweiß.

„Er scheint eine schöne Art von Neuigkeiten mitgebracht zu haben, Herr Gevatter,“ äußerte die Frau Castellanin nach einer Pause des Erschreckens. „Er ist ja ganz hin.“

„Bin’s, Frau Gevatter, bin’s,“ lautete die Antwort des erschöpften Mannes … „Neuigkeiten zum Gottes Erbarmen. Komme da zu meinem Vetter, dem Hoffourier, sind da Alle in Angst und Bestürzung. Ist nämlich ein Officier vom König Friedrich gestern bei unserer Frau Königin Majestät mit dem Gesuch erschienen, den Schlüssel zum geheimen Staatsarchiv herauszugeben. Hat also ein Schurke verrathen, daß es in die an der Königin Appartements stoßenden Gemächer gebracht worden sei. Gott lasse des verdammten Ischarioth’s Zunge verdorren! Der Königin Majestät hat’s rund abgeschlagen, so flehentlich auch der Officier gebeten hat; ja, wie die Hofdame Feilitzsch erzählt, soll er sogar fußfällig sie beschworen haben, sich nicht der Gewalt auszusetzen und lieber die Sache in Güte geschehen zu lassen.

‚Eher mein Leben als die Schlüssel!‘ hat die hohe Frau geschworen, und der Officier hat darauf zur Antwort gegeben:

‚Gott ist mein Zeuge – ich habe Alles gethan, um Schlimmes von Ihrer Majestät abzuwenden.‘

Das Zeugniß hat ihm die königliche Frau auch gegeben und ihn belobt seines edlen Benehmens willen.

Während mir das der Vetter Hoffourier in der Garderobe erzählt, wird draußen auf dem Gange ein Getrappe laut, als käme ein Bataillon in Sturm angerückt.

‚Jetzt werden sie Gewalt gegen unserer Königin Majestät anwenden,‘ schrie der alte Heintschke, der Portier, und es war auch so. Zwölf Mann in voller Armatur mit Corporal und Lieutenant faßten Posto in der Garderob’. Draußen auf dem Gange standen ebenso viele, das Gewehr beim Fuß; dann kam der Stadtcommandant, Generalmajor von Wylich, und ließ sich als im Auftrage seines Herrn, des Königs Friedrich, bei der Königin melden. Was da zwischen der hohen Frau und ihm besprochen worden, kann ich freilich nicht sagen; aber Gutes war es sicher nicht, denn wir, die wir zitternd und lautlos in Erwartung dessen standen, was da geschehen werde, hörten der Königin Majestät Stimme sehr laut:

‚Nein, nein! Ich weiche nur der Gewalt.‘

Darauf öffnete der Generalmajor die Thür und rief seine Soldaten hinein. Er und der Lieutenant entfernten die mit allen Kräften widerstrebende hohe Frau von der verhängnißvollen Thür, während einer der Mannschaft, seines Zeichens jedenfalls ein Schlosser, dieselbe mit eisernem Werkzeug aufsprengte. Nun setzten die Soldaten auf dem Gange die Gewehre zusammen, schleppten die in Ballen zusammengebundenen Acten und Documente in den Hof hinunter und luden sie dort auf ein paar bereit gehaltene Wagen; dann wurde Ruhe. Wir waren mehr todt als lebend. … Dergleichen Gewaltthat ist doch noch niemals geschehen. Der alte Heintschke sagte mit Thränen in den Augen:

‚Das ist nur der Anfang … was werden Die erlebt haben, die auch’s Ende sehen!‘“

„Es ist zum Gottes Erbarmen,“ wehklagte die Bettfrau.

„Und dabei bläst Der da drüben die Flaute,“ eiferte Herr Nehemia Drill grimmig. „Ist das nicht g’rad’ so, als wenn der Satan den armen Seelen, die er verschlingen will, noch zuguterletzt einen Rutscher aufspielt?“

„Hat der Herr Gevatter noch mehr solche triste Neuigkeiten?“ fragte die Castellanin.

„Wo man jetzt hinhört, erfährt man Schlimmes, Frau Gevatterin,“ antwortete der Gärtner. „Das, was ich beim Besuch meines Vetters, des Hoffouriers, Schreckliches erlebt, hatte mich so angegriffen, daß mir ganz elend zu Muthe war. Ich mußte daher, um mich nur ein wenig wieder zu erholen, zu meinem alten Schulcameraden Röder gehen, der den Leipziger Weinkeller an der Pirnaischen Gasse hat. Nun ja, die alten Stammgäste waren da, aber der Humor von sonst nicht. Um jedes Behorchen unmöglich zu machen, hat Röber seinen Kellerjungen oben an die Treppe postirt, der, wenn ein Fremder, ihm Unbekannter in den Keller hinab will, nur an einer Schnur zieht, die mit einer Klingel unten, wo die Gäste sitzen, in Verbindung steht. Klingelt’s, so hört gleich aller verfängliche Discours auf. Bei mir klingelte es nicht, denn ich bin da ein alter Bekannter. Wie ich mein Erlebniß in unserm Königsschlosse erzählt hatte, denke ich doch, die Leute werden närrisch vor Gift und Galle über diese Gewaltthat gegen unserer Königin Majestät.“

„Läßt sich begreifen,“ meinte Herr Nehemia, voll Zorn seinen schwarzen, untadelhaft gewichsten und kunstreich in zwei nadelspitzgleich gedrehte Enden auslaufenden Schnurrbart rücksichtslos behandelnd.

Der Gärtner hatte noch mancherlei über die Stimmung der Dresdener zu berichten, unter Anderem: König Friedrich’s [804] Manifest bei seinem Einmarsche in Sachsen, in welchem er sagte, er wolle dieses Land nur zu seiner Sicherheit während seines Krieges gegen Oesterreich in „Depôt“ nehmen, hätte thatsächlich schon durch das gewaltsame Gebahren der einrückenden preußischen Colonnen gegen die Bevölkerungen der Städte und Dörfer so viele Widersprüche erlebt, daß Niemand an die preußische Sammethand glaube, die es abgefaßt. Die allgemeine Meinung gehe dahin, das Beste an dem Manifeste bestehe darin, daß es sich gut lesen lasse, damit sei aber auch Alles gesagt, und was die Zukunft bringen werde, müsse man erst sehen. Ein Pröbchen von dieser Zukunftserrungenschaft habe er, der Gevatter Gärtner, mit eigenen Augen gesehen, als er den Leipziger Weinkeller verlassen. Ein Trupp preußischer Soldaten habe einen der königlich sächsischen Jagdjunker in der Pirnaischen Gasse verfolgt, der sie sich mit gezogenem Hirschfänger vom Leibe gehalten und sich glücklich in eines jener alten Häuser gerettet habe, deren Hintergebäude auf einer andern Gasse einen Ausgang besäßen.

„Welches Glück, daß wir zuverlässig wissen, Doris’ Bruder sei bei unseres Königs Majestät im Lager!“ sprach die Frau Castellanin. „Da Er, Herr Gevatter, den von den preußischen Soldaten Verfolgten mit eigenen Augen gesehen hat, so wäre es thöricht, wollten wir uns um den Junker Willi kümmern und grämen, obschon ihm tolle Streiche zuzutrauen sind. Wie käme er auch aus dem Lager hierher? Ist ja nicht denkbar.“

„Nun, Frau Gevatter, das wäre das Wenigste. Dem Junker Willi sieht ein Ritt ventre-à-terre mitten durch die preußische Vorpostenkette gar nicht unähnlich. Bei solchen Sprudelköpfen, wie Der einer ist, gehört das Abenteuerlichste so recht in die eigenste Natur hinein; aber da ich den von den Soldaten – Gott weiß, wegen welchem Conflict – Gehetzten mit eigenen Augen, wenn auch nicht sein Gesicht, sondern nur seine Figur gesehen habe, so dürfen wir uns keine Angst des Willi’s wegen machen. Kenne ihn ja genau. Täuschung ist da gar nicht möglich. Hm, war unserer gnädigsten Frau Gräfin Protégé. Sie hat seine Reitkunst oft bewundert. Es gab keinen Hengst, und wär’s der widersetzlichste, unbändigste gewesen, den er nicht so zusammengeritten hätte, daß er lammfromm wurde. Deswegen hat ihm unsere gnädigste Frau Gräfin auch den Cäsar geschenkt, ein Capitalpferd, das keinen andern Reiter als ihn im Sattel duldet. Wie verschieden Geschwister doch sind! Fräulein Doris ist so sanft, so still …“

„Stille Wasser sind aber tief, Herr Gevatter,“ fiel die Castellanin ihm in’s Wort. „Sie macht freilich nicht viel Wesens von sich und ist die Sanftmuth selbst; aber das geringste Unrecht, wenn es auch nur Andere trifft, empört sie, und ehe man es sich versieht, lodert sie in Feuer und Flamme auf.“

„Wo ist sie denn?“ fragte Jener.

„Oben im Dachkämmerchen … da liest sie, zeichnet und stickt. Ist mir sehr lieb, daß ihr das Dachkämmerchen so sehr gefällt. Habe große Sorge gehabt, daß sie es abscheulich finden werde, und zu meinem Erstaunen ist’s gerade das Gegentheil. Mir ist’s ganz recht, habe da einen Kummer weniger.“

„Ja, wie verschieden der Gusto ist!“ stimmte Jener bei.

Thaddäus kam mit der Meldung an’s Fenster, die Auffahrt sei vorüber, die letzte Equipage abgefahren.

„Da gehst Du also mit mir hinüber und trinkst Deinen Kaffee,“ commandirte seine würdige Großmutter, und der Gevatter Gärtner erklärte, dasselbe thun zu wollen. Dann verließen Beide, weil sie zusammen in dem andern Hause wohnten, die Frau Castellanin, welche Herrn Nehemia einlud, seinen Kaffee bei ihr einzunehmen, was der treffliche Heiduck für eine große ihm zu erweisende Ehre ansah und deshalb wohlgefällig seine strammen Schenkel streichelte.

„Später, Herr Nehemia, spüre Er einmal drüben im Palais herum, ob der König ausgeritten … geschieht ja vielleicht wie gestern und vorgestern heute wieder zur Nachmittagszeit. Will die Fenster von der Martha abreiben lassen. Es soll nicht heißen, daß die Preußen im Palais Mosczynski schmutzig gesessen hätten. Die Ehre unserer gnädigsten Gräfin kommt da in’s Spiel.“

Herr Nehemia war vollkommen damit einverstanden.

Während der Gevatter Gärtner und die Bettfrau mit ihrem Enkel in das andere Haus hinübergingen, saß Fräulein Doris von Liebenau in dem schon erwähnten Dachkämmerchen über der Wohnstube der Frau Castellanin. Es schien in der That eine seltsame Laune der jungen Dame, den durch nichts anheimelnden Aufenthalt in einer engen Dachkammer, deren Wändeanstrich ein sehr vergrautes Kalkweiß zeigte, angenehm zu finden, und würde auf deren Schönheitssinn einen bedeutenden Zweifel geworfen haben, wenn sie wirklich an diesem engen unschönen Raume ein Wohlgefallen gefunden hätte. Indeß Dem lag etwas ganz Besonderes zu Grunde, was für jeden Anderen ein Geheimniß blieb, und zwar ein Geheimniß ihres jungen Herzens.

Wenn sie an dem kleinen Schiebefenster dieser Kammer saß, konnte sie nämlich durch einen schmalen Raum, den die vielzweigigen Aeste der Bäume in gerader Richtung freiließen, die unverkümmerte Ansicht des Palais genießen, und dies war der Grund, daß sie diese lange Schlippe, wie die Magd Martha die Kammer nannte, als ganz passend für sich zum ungestörten Lesen, Zeichnen und Sticken fand.

Als sie zum ersten Mal, um einen Raum für sich allein in dem niedrigen Hause zu suchen, an das Schiebefenster trat, sah sie zu ihrer größten Ueberraschung drüben am Portal, wo die beiden Schildwachen auf- und niederschritten, einige Officiere stehen, und ihr helles, scharfes Auge unterschied sogleich Einen unter ihnen, den sie kannte und dessen sie oft gedachte. Vor einem Jahre hatte sie mit ihrem Bruder Willi, dem königlichen Jagdjunker, mit Erlaubniß der Gräfin Mosczynska, eine Reise nach Berlin gemacht, wo die einzige Schwester ihrer lange schon verstorbenen Mutter lebte, eine sehr bemittelte Dame, welche beide Geschwister zu ihren Erben eingesetzt hatte.

Es konnte nicht fehlen, daß eine so hübsche junge Dame, welche zur Herrin eines für damalige Begriffe ganz erheblichen Vermögens von fast zwanzigtausend Thalern geworden, eine bedeutende Anziehungskraft auf heirathslustige Cavaliere ausübte, und so kam es, daß kurz vor ihrer Abreise nach Dresden Doris und ihr Bruder zum Besuche einer Gesellschaft geladen wurden, den sie nicht abschlagen konnten. Es waren auch mehrere Officiere in der Gesellschaft, und einer derselben machte durch seine edle Persönlichkeit und durch die gebildete Weise seiner Unterhaltung mit ihr einen sehr guten Eindruck auf sie. Er besaß nichts von dem anmaßenden Wesen seiner Cameraden und ward ihr von ihrem Bruder Willi ganz besonders empfohlen als ein wahrhafter Cavalier. Es hätte dieser Empfehlung nicht bedurft, denn im Stillen gestand Doris es sich zu, daß dieser Herr Major ihr außerordentlich gefiel, und freute sich der Bemerkung, daß seinerseits auch derselbe Fall in Bezug auf sie stattfand. Die Liebe hat Fühlhörner, die jede seelische Berührung schnell empfinden und sie dem Herzen und Gemüth mit der Schnelligkeit des Blitzes mittheilen. Es schien, als ob der Major einem solchen blitzähnlichen Durchzucken eines derartigen Gefühls ebensowenig wie Doris widerstehen könne. Dieses stille Gefallen aneinander wurde durch einen Hauptmann auf häßliche Weise gestört. Durch bedeutenden Weingenuß erhitzt, suchte er den Major aus Doris’ Nähe wegzudrängen, weswegen Dieser ihn daran erinnerte, daß es besser für ihn sein werde, wenn er für diesen Abend die Gesellschaft schleunigst verlasse, denn er befinde sich in einem Zustande, wie er für keinen respectablen Officier passe. Die Folge dieser Warnung war ein Duell, das, am andern Morgen auf Säbel ausgefochten, dem Major eine leichte Armwunde, dem Hauptmann aber einen Hieb über den Kopf eintrug, der, da er ihn längere Zeit dienstunfähig machte, als ein Sturz mit dem Pferde im Rapport gemeldet wurde, um das Duell vor dem Könige zu vertuschen.

Doris war mit ihrem Bruder nach Dresden zurückgereist; aber die Erinnerung an den Major hing nicht vom Raume ab, der zwischen den beiden Residenzstädten lag. Sie hatte sich in ihr Herz eingenistet, und darum war Doris so freudig überrascht, als sie ihn am Portale des Palais unter den anderen Officieren stehen sah. Das enge schmale Dachkämmerchen mit dem Schiebefenster erschien ihr plötzlich so begehrenswerth, daß sie der Frau Castellanin erklärte, hier gefalle es ihr.

Sie hatte es sehr beklagt, daß der Justizrath, welcher zur Schlichtung verschiedener Wirren, welche bezüglich der Auszahlung von ihrem und Willi’s Erbtheil entstanden waren, es zu deren Beseitigung für nöthig befunden hatte, der Frau Gräfin vorzustellen, daß es unumgänglich erforderlich sei, daß Doris in Dresden zurückbleibe, da es jedenfalls ihrer Unterschrift unter [805] Vollmachten und derlei gerichtliche Documenten bedürfen werde, um den bereits fast ein Jahr dauernden Proceß schnell und für immer zu beenden. Die in Dresden allgemein herrschende Ueberzeugung, daß die den sächsischen Truppen zu Hülfe kommende kaiserliche Armee den Preußen eine totale Niederlage beibringen werde und die Geschlagenen dann Sachsen verlassen müßten, bewog die Gräfin, auf die Trennung von Doris einzugehen und diese der Fürsorge der Frau Castellanin, so zu sagen, auf die Seele zu binden. Daß das Palais Mosczynski zum königlich preußischen Hauptquartier erwählt werden könnte, lag freilich außer dem Bereiche aller Vermuthung, indeß das Ungeahnte brachte der jungen Dame wunderbarer Weise das Glück einer Ueberraschung, welche sie jede Unannehmlichkeit ihrer Lage als Exmittirte ganz und gar vergessen ließ.

„Wenn der Major wüßte, daß ich hier bin,“ sagte sie zu sich, „gewiß er suchte mich auf. Ja, das würde er thun. Wie soll er es aber erfahren?“ An seiner Unkenntniß von ihrer Anwesenheit scheiterte also ihr stiller Wunsch, ihn wieder sprechen zu können. Und – sie erschrak nicht wenig bei dem Gedanken – er gehörte ja zu den Feinden! Das erschien ihr für den ersten Moment als ein ungeheurer Fels des Anstoßes, indeß dieser Fels – das war gewiß sonderbar – wurde immer kleiner; er sank förmlich in Nichts zusammen in ihrem Denken. Ueber ihr hübsches freundliches Gesicht flog bald ein seelenvergnügtes Lächeln und sie tröstete sich mit dem allerdings erquickenden Gedanken: „Er ist ja nicht im Kriege mit mir. Sein König geht mich nichts an, und ’s wird ihm keine Rosen tragen, daß er solchen Wirrwarr zwischen uns mit seinem Kriegstumult gebracht hat.“

Die Auffahrt war vorüber. Alles wurde still vor dem Palais; die Schildwachen am Portale wandelten ihren ruhigen Schritt auf und nieder; auch nicht einmal ein königlicher Diener war mehr zu sehen, und die Flötentöne, die zuweilen an den vorhergehenden Tagen von drüben herüber drangen, waren heute nur am Morgen hörbar gewesen. Anderthalb Stunden waren so vergangen, als Reitknechte mehrere stattliche Pferde vorführten und aus dem Portale einige Officiere heraustraten. Ein Blick genügte Doris, um zu erkennen, daß der Bewußte nicht darunter sei. Deswegen flößte die Erscheinung dieser Herren ihr kein Interesse ein; sie bemerkte nur noch flüchtig, daß die Schildwachen das Gewehr präsentirten. Dann blickte sie auf ihre Stickerei nieder.

Von Arbeitslust war aber keine Rede bei ihr, und als sie unten am Hause der alten Martha Stimme sagen hörte: „Sorge sich doch die Frau Castellanin nicht! Ich werd’s schon machen … ’s soll kein Stäubchen an den Fenstern bleiben“ … da hatte Doris die Gewißheit, daß, wenn sie ihn auch nicht gesehen, weil sie gleich wieder auf ihre Arbeit niedergeblickt hatte, der König doch mit ausgeritten sei. Jetzt konnte sie also einen Spaziergang im Parke machen, wo sie durch die Jahre daher ja jeden Baum, jede Ruhebank kannte, und hatte nicht zu befürchten, der preußischen Majestät zu begegnen, die es liebte, mit ihren Windspielen daselbst zu promeniren.

„Wollen Sie ein wenig in den Park gehen, Fräulein Doris?“ fragte die Castellanin, die eben im Begriff war, der Magd nach dem Palais hinüber zu folgen.

„Ach ja, man bekommt das Sitzen satt.“

„Natürlich, und jetzt haben Sie Luft. Der Nehemia hat mir gemeldet, daß der preußische Groß-Mogul ausgeritten sei, und da will ich in aller Eile ein wenig die Fenster abreiben lassen. Der Wind hat die kleinen Regenschauer heut in der Frühe da angetrieben, und das sieht schlecht aus. Auf Wiedersehen, Fräulein Doris! Bleiben Sie nicht zu lange! Jetzt wird’s zeitig düster.“

Das Fräulein schlug den vom Gebüsch nach außen verdeckten Fußpfad längs der Umgrenzungsmauer ein und sah sich bald unter den hochstämmigen Bäumen des Parkes.




3.

Auf der östlichen Seite des Palais, von welcher sich die prächtige Aussicht auf das Elbhochland dem Auge darbot, rieb Martha die Außenseiten der Parterrefenster ab, auf denen die vom Winde angetriebenen Regentropfen ihre Spuren zurückgelassen hatten. Vor diesen Fenstern befand sich ein sehr breiter Altan, von dem ebenso breite Stufen, vielleicht fünf oder sechs, hinabführten zu den Kastanien- und Lindenalleen, welche sich gleich Strahlen in den das Gebäude umgebenden Park hineinzogen. Von dem erwähnten Altane, auf den eine Glasthür aus einem der Zimmer führte, genoß man in gerader Linie die bereits erwähnte Fernsicht mittelst eines breiten Durchbruchs durch den Park und die Umgrenzungsmauer. Ein sogenannter Hasensprung vor der dadurch entstandenen Mauerlücke machte das Eindringen in den Park vom Wege außerhalb unmöglich, weil er nicht nur sehr breit, sondern auch sehr tief war.

Die Elbhochlandsberge, von der Nachmittagssonne beschienen, boten ein prächtiges Bild dar, denn der ebenfalls lichtdurchhauchte Ferneduft, aus dem sie hervorragten, lieh diesem schönen Naturbilde den heiteren Grundton einer Verklärung, wie sie in nördlichen Gegenden nicht so gar selten zur Erscheinung zu kommen pflegt. Die Frau Castellanin hatte für diese Schönheit keine Empfindung, dagegen gab sie sehr sorgsam auf Martha’s Beschäftigung Obacht und sagte gelegentlich: „Husche Sie doch nicht so leichtfertig darüber hin, Martha! Was ist denn das für ’ne Art zu arbeiten?“

„Die Frau Castellanin sind heute ordentlich preußisch,“ murrte die Magd. „Habe doch sonst meine Sache immer zu Ihrer Zufriedenheit gemacht, und heute findet Sie überall was zum Tadel heraus, gerade als wäre die preußische Majestät Ihr Herzblatt.“

„Solche dumme Rede lasse Sie mich nicht wieder hören, Martha! das sage ich Ihr,“ eiferte die Vorige erzürnt. „Kümmere mich den Kukuk um die preußische Majestät, die ich noch mit keinem Auge gesehen, seitdem sie hier ist; aber ob dieser König ein gern gesehener oder ein widerwillig angesehener Gast unserer gnädigsten Frau Gräfin ist, bleibt sich für uns gleich. Hier gilt’s die Ehre unserer Herrin, und übrigens ist er ein hoher Herr, der allen Anspruch auf die größte Rücksichtnahme unsererseits bei seiner Bedienung hat. In dem Punkte verstehe ich keinen Spaß. Merke Sie sich das! Er soll nicht denken, daß ich, die Frau Castellanin, eine so despectirliche Frauensperson sei, die Sitte und Anstand nicht beachtet, weil er als Feind hier ist.“

Während dieses Zwiegespräches war die auf den Altan führende Thür von innen geräuschlos geöffnet worden und ein Mann in einem einfachen, jeder Bordürung entbehrenden braunen Rocke, kurzem dunkelem Beinkleid, grauseidenen Strümpfen und Laschenschuhen, auf dem gepuderten Kopfe einen kleinen Dreispitz ohne allen Ausputz, herausgetreten. Das durch ihn verursachte geringe Geräusch entging dem Ohr der Frau Castellanin, weil sie in ihrer die Magd betreffenden Zurechtweisung sehr eifrig war, weshalb der zwischen der geöffneten Thür stehen Gebliebene ihre letzte Rede ganz genau gehört hatte. Kurze Zeit darauf wendete sich die Frau Castellanin zurück, um die bereits abgeriebenen Fenster einer nochmaligen Prüfung zu unterziehen, und erblickte den Mann. Für den ersten Moment erschrak sie.

„Nun, nun, Frau, thue Sie nicht, als sähe Sie in mir den Beelzebub vor sich!“ sprach der Mann. „Ich thue Ihr nichts zu Leide.“

„Das glaube ich schon, Er sieht mir auch gar nicht darnach aus, Jemand Böses zufügen zu wollen,“ antwortete die Castellanin. „Nein, nein, ich erschrak nur deshalb, weil mir’s entfallen war, daß der König ausgeritten, und dachte, Er wär’s, Herr; aber jetzt sehe ich’s deutlich, daß ich eine Thörin gewesen … Er ist nicht der König.“

„Woran sieht Sie das?“

„Je nun, Er ist gar nicht so angekleidet, wie man ihn mir beschrieben hat.“

„Das mag treffen … Sie ist sehr klug und hält etwas auf das Sprüchwort: Kleider machen Leute.“

„Und das täuscht selten – das kann der Herr glauben.“

„Merk’s.“ Der Mann sah auf das Elbhochland hinaus und sagte dann: „Das ist hier ein prächtiges Besitzthum. Solche Berge haben wir in der Berliner Umgegend nicht.“

„Wenn man hier bei uns von Berlin und überhaupt von Brandenburg redet, nennt man’s: des heiligen römisch-deutschen Reiches Streusandbüchse.“

Ueber des Mannes scharf markirtes Gesicht lief ein leichtes Lächeln.

„Er ist wohl ein Berliner?“ fragte die Castellanin.

„Ja, ein ganz richtiges Berliner- und noch dazu ein Sonntagskind.“

[806] „I, sehe der Herr ’mal an! Das ist ja ganz interessant. Er ist wohl beim König im Dienst?“

„Nun, das gerade nicht; aber …“ da der Sprechende einen Schritt auf den Altan vortrat, so wurde bei dieser Gelegenheit die Flöte sichtbar, die er bisher in der fast soldatisch an seiner rechten Körperseite angelegten Hand wie ein kleines Gewehr aufrecht stehend trug.

„Nun weiß ich’s auf einmal, wer der Herr ist,“ schaltete die Castellanin vergnügt ein.

„Das wäre?“

„Ein Musicus, stimmt auch mit Dem, was der Nehemia, unser Heiduck, erzählte, ganz überein. Sein König will Concerte hier geben, und da hat er den Herren von Berlin nachkommen lassen. O, wenn ich nur einmal A weiß, das B kommt nachher von selber. Er ist also hier …“

„Zu Besuch,“ berichtigte Jener, auffallend heiter werdend. Nach kurzer Pause fügte er hinzu „Zum Immerhierbleiben wird sich’s nicht machen.“

Die Frau Castellanin schien diese Aeußerung als einen Ausdruck des Bedauerns anzusehen. Ihr Blick ruhte sehr wohlgefällig auf dem Manne. Er hatte so etwas Respectables an sich, so etwas Ruhiges in seinem Benehmen, das ihr imponirte. „Ich höre die Flautuse sehr gerne spielen,“ hob sie nach ganz kurzer Pause an. „Wenn sie gut geblasen wird … und könnte Er das nicht, hätte Sein König Ihn gewiß auch nicht nachkommen lassen … wenn sie gut geblasen wird, geht mir’s ordentlich in Seele und Herz hinein. Ach, Unsereins weiß das Schöne zu würdigen. Wie heißt denn der Herr, wenn ich fragen darf?“

„Fritz.“

„Ist das ein seltsamer Zufall! Meiner seligen Schwägerin ihres Onkels Stiefbruder hieß Fritze.“

So ruhig und ernst das Gesicht des Berliner Musicus auch sich zeigte, so ließen seine Züge doch ein Zucken wahrnehmen, das mit dem Wetterleuchten am nächtlichen Himmel zu vergleichen war. Wie bei dieser Naturerscheinung die hochgespannte Elektricität sich kund giebt, so verrieth das Zucken in den Gesichtszügen des Mannes das Vorhandensein eines elektrischen Stromes, desjenigen der Lachlust, die er jedoch beherrschte. „Ja, es ist überhaupt merkwürdig mit den Namen,“ sagte er. „So haben sie mich in meiner Familie der Unterscheidung wegen mit der Nummer Zwei belegt.“

Diese Aeußerung ging spurlos an der Frau Castellanin vorüber; sie schien sie nicht verstanden zu haben. Dagegen haftete aber ihr Blick mit sichtbarem Wohlgefallen auf dem in großer Ruhe vor der Thür auf dem Altan Stehenden. Nach einer ganz kurzen Pause hob sie an: „Nun, Herr Fritz … Er erlaubt’s doch, daß ich ihn bei seinem Namen nenne?“

„Warum nicht? Sie thut nur das, was alle Welt thut.“

„Freilich, freilich, jedem Topf seinen Henkel, jedem Menschen seinen Namen … da kann keine Irrung vorkommen. Wer ich bin, will ich dem Herrn mit ein paar Worten offenbaren. Ich bin die Frau Castellanin hier und seit anderthalb Jahren Wittwe. ’s ist ein seelenbetrübender Stand, wenn man von Natur und durch Bildung ein gefühlvolles Herz hat. O Gott!“ Sie strich sich mit der Schürze über die Augen hin und redete dann, nachdem sie auf den ihr Zuhörenden einen prüfenden Blick geworfen, sehr eifrig weiter: „Vorher meinte der Herr Fritz: Zum Immerhierbleiben würde es sich nicht machen. Nun, es könnte sich aber doch machen.“

„Wie das?“ fragte Jener mit sichtbarer Ueberraschung.

„Sehe Er, mit Seinem König wird’s bald Matthäi am Letzten sein. Aus Böhmen her rückt ein großer General-Feldmarschall mit einem ungeheuren kaiserlichen Heere in Sachsen ein, um sich mit unserer Armee zu vereinen, und dann Gnade Gott Seinem König! Er kommt rascher nach seiner Brandenburger Streusandbüchse zurück, als er in unser Land eingerückt ist. Da wird’s heillos zugehen und zuletzt … na, das kann Er sich ja denken, Herr Fritz, was das Ende ist. Zuletzt wird er froh sein, wenn er seine Flautuse und seinen Sand behält, denn ’s Andere geht für ihn in die Brüche.“

Dieses Calcül schien den Zuhörenden ganz starr zu machen. „Woher weiß Sie das?“ fragte er.

„Unsereins hat Connexionen, Herr Fritz,“ antwortete die Gefragte mit einem Anflug von Stolz. „Kann Ihm nur diesen Wink geben. Möchte Ihn nicht gern in’s Unglück rennen sehen. Bleib’ Er hier! rathe es Ihm. Er kann ja hier ebenso gut die Flautuse blasen, kann Kammermusicus werden … verspreche Ihm, mit meiner gnädigsten Gräfin Seinetwegen ein verständiges Wort zu reden. Sie ist die rechte Hand von Seiner Excellenz dem Herrn Premier, Reichsgrafen von Brühl, und … unter uns gesagt: Der regiert’s Land, und meine Gnädigste … regiert ihn. Da könnte Er, Herr Fritz, doch sagen: Sein Besuch habe Ihn auf einen grünen Zweig gebracht … ’s giebt hier manche gefühlvolle Seele, die die Flautuse gern hört. Laß Er Das nicht aus den Augen!“

„Nein, nein, werd’s überlegen. Für jetzt Adieu, Frau Castellanin … à revoir!

Der Berliner Musicus stieg, seinen Dreispitz vor ihr lüftend, die Stufen hinab und schritt langsam eine der in den Park führenden Alleen entlang. Frau Marianne schaute ihm nach. Er schlug einen Fußpfad ein, welcher, zwischen den mannigfaltigsten Baumgruppen hindurch, dem Innern dieser großen grünen Welt zuleitete. Der Mann ging langsam, und als er ihrem Blicke entschwand, sprach sie vor sich hin: „Der Nehemia ist doch eigentlich keine rechte Partie für mich … freilich ein kräftiger, stammhafter und nebenbei sogar ein ganz hübscher Mann; aber … ich bin doch viel zu gebildet, um darauf allein Werth zu legen; der Herr Fritz hat da einen gewissen Vorzug, ist Künstler, das wiegt schon etwas auf. Und was er für wunderbar große, schöne Augen hat! Der Augen wegen kann man sich schon in ihn verlieben … Nehemia hat so kleine Augen und zwinkert damit, als schiene ihm die Sonne hinein.“

Die strenge Controle, unter der sie die an den Fenstern beschäftigte Martha gehalten, zeigte sich von der Einwirkung der neuen Bekanntschaft, welche Frau Marianne gemacht hatte, außerordentlich gelockert, denn sie ging an den Parterrefenstern hin, ohne ihnen nur einen Blick zuzuwenden. Sie spazierte langsam ihrer Wohnung zu, sehr gedankenvoll über die Kunst, die Flautuse zu blasen.

[819] Ein ganz eigenthümlicher Reiz liegt in der Waldruhe. Geist und Sinn fühlen sich durch sie angesprochen. Die tiefe Stille, der Friede drängt zur Rührung; die Empfindungen läutern sich, und das Phlegma sinkt zu Boden; Herz und Gemüth werden gleich frischen Quellen von allem Zusatze entbunden, und für den Geist dient das feierliche Schweigen zur Erhebung; ein heiligender Anhauch bricht die Fessel der ihn für gewöhnlich niederziehenden Außendinge … ein entfesselter, freier Geist hat viel Aehnliches mit einem von der Bogensehne geschnellten Pfeile; er fliegt unaufhaltsam in die Weite.

Das war auch der Fall mit dem Berliner Flautisten. Er dachte, langsam fortschreitend und zuweilen stehen bleibend. Dann und wann zog er ein Buch aus der Tasche und las eine oder die andere Stelle nach, die er durch ein eingelegtes buntes Buchzeichen im Voraus findbar gemacht hatte. Auf dem Einbande trug das Buch den Titel: „Mahomet“. Der Inhalt desselben vereinte ihn mit dem bewundertsten Geiste seiner Zeit, mit Voltaire. Er liebte ihn, und daher beschäftigte er sich vorzugsweise mit den reichen Früchten von dessen Geiste.

Die Luft war so mild und dabei so ruhig, daß von dem in den Septembertagen beginnenden Blätterfalle kaum ein Zeichen auf den Wegen, am Fuße der hohen Stämme zu bemerken war. Hier mußten die Töne der Flöte herrlich klingen. Der Spaziergänger schien Lust zu haben, seinem Instrumente auf dem Wege, den er langsam wandelte, Melodien zu entlocken; aber eine knorrige Kastanienwurzel, die den Pfad uneben machte, hätte ihn, der sie nicht bemerkte, beinahe zu Falle gebracht; darum gab er den Gedanken auf, gehend zu musiciren; es gab ja noch genug Stellen im Parke, wo er sein Vorhaben ausführen konnte. Die immer stärkere Hellung zwischen den hohen Bäumen vor sich machte ihn aufmerksam, daß er dem großen Durchbruche zwischen dem Palais und dem Hasensprunge nahe sei. Dort gab es kleine Partien Gebüsch mit Moosbänken; das wußte er von einem frühern Besuche des Parks her. Er wollte eine Moosbank aufsuchen, und der von ihm eingeschlagene Pfad führte ihn gerade auf eine solche zu; aber als er in deren Nähe war, blieb er überrascht stehen, denn er sah ein blaues Damenkleid von daher schimmern. Auf dem moosigen Boden zwischen den Baumstämmen blieb sein Schritt unhörbar, und als er sich geräuschlos so weit genähert hatte, daß er die daselbst Sitzende von der Seite sehen konnte, erblickte er ein in tiefes Sinnen verlorenes junges Mädchen. Wie ernst auch die Gedanken des Lauschenden für gewöhnlich sein mochten, so fühlte er sich jetzt doch nicht frei von Neugierde. Was konnte Das sein, was so schwer auf diesem jungen Frauenzimmer lastete, das seinem Aeußern nach alle Ursache hatte, frisch und fröhlich in das so sichtbar sich vor ihm erst erschließende Leben zu schauen?

Während sein Blick sich durch das hochaufgeschossene Strauchwerk, das ihn verbarg, auf die Sitzende richtete, welche die Hände nachlässig in den Schooß gelegt und das hübsche Gesicht auf den Busen niedergesenkt hatte, rollte langsam auf dem Wege außerhalb des Parks am Hasensprunge ein Bretterwagen vorbei; aber das durch ihn verursachte Geräusch hörte plötzlich auf, ein Zeichen, daß das Fuhrwerk anhielt.

Sowohl die junge Dame wie auch der hinterm Strauchwerk Lauschende wendeten die Augen dem Hasensprung zu, und was sie da sahen, war ganz geeignet, ihr Erstaunen zum höchsten Grade zu steigern. Zwei Männer zogen ein starkes, sehr langes Brett mit größter Eilfertigkeit hinten vom Wagen herab, dessen Gespann und Vordertheil nicht zu sehen waren, denn die Umgrenzungsmauer deckte sie. Nachdem es kaum heruntergezogen, schoben sie es mit außerordentlicher Schnelligkeit über die in der Breite mehrellige, tiefe Kluft des Hasensprunges, die sie dadurch vollkommen überbrückt haben würden, wenn das starke Eisengeländer des auf der Parkseite befindlichen Kluftmauerrandes das gestattet hätte; aber so konnte das Brett nur eine Auflage von wenigen Zollen gewinnen, und ganz deutlich hörten die voll Erstaunen Zusehenden einen der das Brett Regierenden sagen:

„’s faßt nicht Auflage genug … Was nun?“

„Haltet’s nur fest, Leute! nicht locker lassen … ich komme schon hinüber.“

Der das sprach, ein junger Mann in einem Leinenkittel, einen Dreispitz auf dem Kopfe, trat neben der Mauer hervor, die das Gespann und das Vordertheil des Wagens verdeckte, und schwang sich auf das Brett, das unter seiner Wucht von dem jenseitigen Mauerrande langsam abzurutschen begann.

„Ach Jesus!“ rief Einer der das Brett Haltenden … in diesem Moment wagte der diesen höchst unsichern Steg Passirende einen gewaltigen Sprung und ergriff glücklich mit beiden Händen das Geländer; zugleich aber polterte das Brett in die Tiefe hinunter. Die beiden Männer hatten es nicht von dem Sturze zurückhalten können; der Druck, den der Springende durch seine Körperwucht auf dasselbe bewirkt, war zu stark gewesen; sie mußten es loslassen, wenn sie nicht vom Uebergewicht mit hinabgerissen werden wollten.

„Fort! fort!“ rief der junge Mann, dessen Arme eine so [820] rapide Muskelkraft entwickelt hatten, daß er im gleichen Augenblick, als das Brett unter ihm wich, sich an dem Eisengeländer anklammernd, dem Mauerrand mittelst eines gewaltigen Schwunges mit den Fußspitzen als Haltepunkt erreicht und sofort über dasselbe gesprungen war.

Der Wagen donnerte auf dem unebenen Wege fort. Alles das geschah so schnell, daß die beiden Personen im Parke von Dem, was sie eben mit Augen gesehen, wie betäubt waren. Das Erstaunen des hinter dem Strauchwerke Lauschenden wuchs aber ebenso bedeutend wie das der jungen Dame, als diese den auf so ungewöhnliche Weise in das Mosczynskische Territorium sich Einschmuggelnden erkannte und seinen Namen „Willi!“ rief.

„Ah, Du hier, Schwester Doris? Das ist ein Glück für mich. Wahrhaftig, mein Stern meint es gut mit mir.“ Mit dieser Erwiderung eilte der kühne Springer auf die junge Dame zu, die sich von der Moosbank erhoben hatte. „Daß ich Dich hier finde, ist mir ein Zeichen, daß der König ausgeritten ist; sonst hättest Du Dich wohl nicht in den Park gewagt,“ sagte der junge Mann rasch. „Habe ich recht vermuthet, Doris?“

„Ganz recht, Willi, und ich habe diese Gelegenheit benutzt, um nur ein wenig mich auszugehen, den frischen Aushauch der Bäume zu athmen. Ach, es ist schrecklich, immer und immer, wie ein gefangener Vogel im Käfig, in der Stube sitzen zu müssen, deren Kleinheit fast erdrückend wirkt. – Aber sage mir nur um’s Himmelswillen, was treibst Du denn für Possen? Warum kommst Du nicht zum Thore, wie jeder andere vernünftige Mensch, herein? Das ist noch das Beste bei der ganzen königlich preußischen Wirthschaft hier, daß die Wachtposten ganz und gar nicht auf die Leute aufpassen, die zu uns hereinkommen.“

„Ja, Kind, daß ich nicht so frank und frei wie jeder andere vernünftige – wohlverstanden, vernünftige! – Mensch hereinkommen kann, hat seinen guten Grund. Sollst’s gleich hören. Rücke zu, Doris!“

Nachdem er sich neben ihr niedergelassen, redete er weiter: „Daß man mich für einen Tollkopf hält, je nun, ’s ist ’was daran; ich mag’s gar nicht leugnen, und zu allem Unglück bin ich noch über die Möglichkeit verliebt … weißt ja, in die kleine, wunderhübsche Karoline Vitzthum. Es giebt nichts Langweiligeres in der Welt als das Lagerleben, nicht zum Aushalten, sage ich Dir, vielmehr zum Umkommen. Da fasse ich gestern Abend den Entschluß, einen Abstecher in die Residenz zu machen, und heute Morgen saust mein Cäsar auf gut Glück nach hier, natürlich nicht auf der Straße, die zwischen uns und den Preußen als neutraler Boden für den Courierwechsel und dergleichen Ueberraschungen angesehen und respectirt wird, denn ich hätte da einen Paß mit unseres Königs Unterschrift vorzeigen müssen. Die preußischen Husaren kriegten mich auf’s Korn und die Kerls reiten wie der helle Teufel; aber mein Cäsar hat eine eisenbeschlagene Lunge. Es ging wie im Fluge mit ihm, und trotz einiger mir nachgeschickter Kugeln kam ich glücklich nach Räcknitz. Dort ließ ich Cäsar beim Bauer Ulbrich stehen, der, wie Du weißt, Alles, was Stall und Feld gab, an die Hausverwaltung der Frau Gräfin Mosczynska bis Dato abgeliefert hat, jetzt aber nichts mehr abliefern kann, weil ihm die Preußen Vieh, Futter und Getreide weggenommen haben. In einem Planwägelchen fahre ich ungehindert in die Stadt – und komme zu spät. Karoline ist mit ihrer gnädigen Mama bei Holzendorfs zum Diner geladen, nach vier Uhr erst zu sprechen. Die Zeit von vier Stunden todtzuschlagen, gehört schon unter die Künste, wenn man sie nicht geradezu verschlafen will; gehe also zu Zimmermann, dem Traiteur am Neumarkt bei der Moritzstraße. Alles gut dort, Speisen und Weine. Kommen viele Pensionärs, Angestellte aus den Collegien, mit einem Worte, gute Gesellschaft hier. Trifft mich doch fast der Schlag, als ich den Hauptmann von Köpping vom Bataillon Neuwied, das einen Theil der hiesigen Garnison ausmacht, eintreten sehe. Du erinnerst Dich doch, Doris, des stark angetrunkenen rüden Officiers, der wegen Dir mit Major von Wangenheim in Conflict gerieth und ihn zum Duell forderte, nicht wahr?“

„O gewiß. Dieser Mensch ist mir die einzige unangenehme Erinnerung an unseren vorjährigen Aufenthalt in Berlin,“ antwortete die Gefragte.

Der Jagdjunker fuhr fort: „Daß er auch sofort, als er meiner in der Gaststube ansichtig wurde, den Entschluß faßte, mit mir anzubinden, sah ich an seinem rothen Gesichte. Er war kaum vermögend, seine bösartige Freude zu verbergen. Der Zufall wollte, daß er mir gegenüber zu sitzen kam, und es dauerte nicht lange, als er über unseres Königs Majestät zu schimpfen anfing, demselben schändliche Titel beilegte und dann ein höchst ehrenrühriges Raisonnement über die Königin und die Mitglieder der königlichen Familie anhob. Keiner der Gäste wagte, den Lümmel von Hauptmann auf die nöthige Rücksichtnahme aufmerksam zu machen; mehrere eilten sogar fort, weil sie ein schlechtes Ende dieser Tafelfreude voraussahen. Ich allein erhob mich und sagte dem Elenden, daß seine Schimpf- und Lästerbravade sicher nicht mit der Absicht seines königlichen Herrn, der alle Höflichkeitsformen gegen unsern König und Allerhöchstdessen Familie streng beobachte, übereinstimme, und rieth ihm an, zu schweigen. Aber nun begann der Mensch einen Scandal so gemeiner Art, daß ich ihm zurief, nur ein so Nichtswürdiger, wie er sei, könne so gemein sein. Das machte ihn vollends rasend. An den Fenstern vorübergehende Soldaten seines Bataillons schrie er herein, mich zu arretiren. Diese Feigheit bezahlte ich ihm jedoch mit einer Ohrfeige prima Sorte, daß er an die Wand fiel. Den Eintritt der Soldaten, die noch nicht wußten, weswegen sie hereingerufen worden waren, benützte ich, um die Gaststube zu verlassen, doch kaum war ich auf dem Markt im Freien, als sie die Hetze nach mir begannen; aber sie lief schlecht für sie ab. Mit gezogenem Hirschfänger entsprang ich auf der Pirnaischen Gasse in’s Judenhaus,[1] wo früher ein Freund von mir wohnte, weshalb ich die Oertlichkeiten dieses großen Gebäudes kenne. Die in’s Schloß geworfene Thür und der von mir schnell vorgeschobene Riegel machte eine Arretur unmöglich. Ich entkam über die Gartenmauer in den Hofraum eines Hauses der Rampeschen Gasse, wo ein Zimmermann, dessen Sohn bei der königlichen Jägerei als Unterpiqueur angestellt ist, mich glücklich hierher spedirt hat. Nun, Doris, weißt Du Alles. Ich höre nicht auf, Tollheiten zu machen. ’s ist ein Unglück, aber wer kann’s ändern? Ehe der Morgen anbricht, muß ich von hier fort. Ich werde gleich neben Eurem Wohnhause die Mauer übersteigen und mich dann nach Räcknitz zu meinem Cäsar begeben, der mich hoffentlich gesund und heil wieder nach Struppen in’s Lager bringen wird.“

„Man kommt mit Dir aus einem Tod in den andern,“ sagte das junge Mädchen.

„Das trifft, Doris, trifft auf’s Blatt; aber jetzt komm’! Ich habe Hunger und brauche auch Ruhe,“ mahnte der Jagdjunker. „Wahrhaftig, Kind, das soll meine letzte Tollheit gewesen sein … ich werde nun ein frommer Waldbruder.“

„Als Jagdjunker bist Du ja schon bei der Waldbrüderschaft,“ entgegnete Doris lachend. „Mit Deiner Frömmigkeit wird’s aber immerdar schlecht bestellt bleiben, denke ich mir.“

Der hinter dem Strauchwerk Stehende blickte den sich Entfernenden mit einem Gemisch von Staunen und Heiterkeit nach, das sich, als sie zwischen den Bäumen seinen Augen entschwunden waren, in ein Selbstgespräch auflöste. „Der Mensch bleibt immer Lehrling,“ redete er vor sich hin. „Wenn er es am wenigsten denkt, drängt sich ihm eine Lehre auf, welche, läßt er sie unbenützt, ihn in Gefahr bringen kann.“ Seinen Blick nach dem Palais zurückwendend, fuhr er fort zu sich selbst zu sprechen: „Ich befinde mich da auf einem sehr ausgesetzten Posten. Wer bürgt dafür, daß es nicht noch andere Tollköpfe giebt, die denselben Weg, den dieser Piquebube hier herein als einen sicheren in Ausführung brachte, ganz praktisch finden, um mich nächtlicher Weile in aller Gemüthlichkeit aufzuheben? Dem muß man im Voraus begegnen mit einem Grenadierpiket … das ist eine Abhülfe. Ich werde die betreffende Ordre geben.“

Langsam verließ er seinen bisherigen Standort, nach dem Palais zurückgehend. „Doris heißt die junge Dame … Doris … der Name hat guten Klang bei mir … Doris Ritter … arme, arme Doris!“

In den so ernsten Gesichtszügen des Mannes zeigte sich eine tiefe Erregung bei diesem Rückblick. Eine schmerzliche Jugend-Erinnerung mochte in diesem Augenblicke wieder vor seine Seele treten. Doris! Eine Welt voll Wonne und Schmerz, voll höchsten Glückes und tiefster Resignation tauchte bei diesem Worte in dem Dahinwandelnden auf. Ueber seine Stirn glitt es wie ein Schatten der Wehmuth und doch lag in seinem Auge etwas wie Indignation, [821] ja sogar wie Zorn. „Doris, arme Doris!“ flüsterte er, indem er langsam weiter schritt.

„Auch sie heißt Doris … hm, wer mag sie sein?“ Diese natürlich unbeantwortet bleibende Frage erhielt jedoch eine Enträthselung durch seine Erinnerung an Einzelheiten in der Erzählung des Junkers. „Der Wangenheim kennt sie,“ sagte der König. „Er muß mir über diese Doris rapportiren.“

Nach und nach verfinsterte sich sein Gesicht wieder, und zwischen seinen von Aerger ziemlich zusammengekniffenen Lippen drangen die Worte: „Köpping … Hundsfott der … soll mich kennen lernen … elender Raisonneur!“ hervor. – –

Der Hauptmann der dem königlichen Quartier zu Schutze dienenden Wachtmannschaft erhielt Befehl, bei dem König zu erscheinen, eine Ordre, die, weil man nicht vermuthen konnte, was sie bezwecke, bei seinen Umgebungen eine nicht geringe Sensation hervorrief, umsomehr, als nach langer Besprechung der König darüber schwieg und der Hauptmann gleichfalls Schweigen beobachtete. Das war so lange beunruhigend, bis einer der königlichen Ordonnanzofficiere die Entdeckung machte, daß am Hasensprunge ein Doppelposten aufgestellt worden. Darüber lachte man, denn die Geheimnißthuerei mit dieser Ordre erschien doch ein wenig zu weit getrieben; das konnte ja wie alle anderen Befehle ohne solche Verhüllung abgemacht werden.

Von den Stadtthürmen hatte die erste Stunde nach Mitternacht geschlagen, als eine Patrouille von sechs Mann, einem Corporal und dem wachthabenden Lieutenant aus dem Gatterthore marschirte, welches das Palais-Territorium nach jener großen tiefliegenden Wiesenfläche zu, die den Namen „Bürgerwiese“ führte, abschloß. Das war ungewöhnlich. Bisher hatte die jeden Mittag wechselnde Mannschaft der königlichen Quartierwache einen Patrouillendienst weder innerhalb noch außerhalb des Mosczynski’schen Grund und Bodens zu verrichten gehabt. Schweigend marschirte die Patrouille (… Jeder war neugierig, wohin es gehen werde …) längs der Umgrenzungsmauer hin; sie brauchte nicht Schritt zu halten, eine Thatsache, welche die Leute in Erstaunen setzte, weil das ganz gegen das gewöhnliche Herkommen lief. Tritt und zwar sehr hörbaren, gleichmäßigen Tritt halten, gehörte zur unerläßlichen Vorschrift für die größte wie für die kleinste Soldatenabtheilung. Am Hasensprunge außerhalb angelangt, wurde einen Augenblick Halt gemacht. Innerhalb am Eisengeländer stand der Hauptmann der Wache, und der die Patrouille führende Lieutenant wechselte mit ihm ein paar Reden in französischer Sprache; dann gab er Befehl, womöglich leise aufzutreten.

„Was soll das nur geben?“ flüsterten die Soldaten untereinander.

Endlich erreichten sie die beiden kleinen, niedrigen Gebäude, die mit ihren Dächern die Mauer überragten und zwischen denen sich das große eiserne Gitterthor befand.

Es war gestern windstill gewesen. Die mitternächtliche Stunde brachte einen gewaltigen Umschlag in dieser Beziehung mit sich. Von Westen erhob sich ein scharfer Luftzug, der, sich allmählich noch verstärkend, zum brausenden Winde anwuchs. Am Himmel zogen dunkle, schwere Wolkenmassen auf, die ihn unter dem Einflusse des sie gewaltig treibenden Windes bald ganz bedeckten und für den nächsten Tag viel Regen ankündigten. Der Lieutenant erreichte endlich mit seiner Patrouille, die, dem Winde entgegenmarschirend, nur langsam vorwärts kam, die beiden niedrigen langgestreckten Häuser und vertheilte seine Leute so, daß drei derselben mit ihm an dem einen, die anderen Drei mit dem Corporal an dem andern Gebäude Posto faßten. Ein gewaltiges Rauschen machte hoch über ihren Häuptern aus dem Parke her sich hörbar, als zöge die Gespensterschaar der fabelhaften wilden Jagd durch die in tiefe Nacht gehüllte Baumwelt. Um sich nur ein wenig vor der Unbill des immer ärger tobenden Windes zu schützen, standen die Mannschaften beider Posten hart an die Mauer gedrückt in anbefohlenem Schweigen. Es war eine sehr harte Prüfung, der sie sich ausgesetzt sahen. Auch nicht einmal der Uhrschlag von den Stadtthürmen kürzte ihnen die Zeit, denn jeder Ton verwehte ungehört im Winde.

Sie mochten in dieser höchst unerquicklichen Position ungefähr anderthalb Stunden ausgehalten haben, als ihnen in einer nur wenige Secunden dauernden Pause, die der heulende Wind in seinen fürchterlichen Anstrengungen eintreten ließ, ein lebhaftes Geräusch, als werde ein schwerer Gegenstand oben an den Mauerrand gelehnt, zu Ohr kam. Leise befahl der Lieutenant, da dieses Geräusch an der Stelle hörbar ward, wo er mit seinen drei Mann stand, daß der Corporal mit seiner Mannschaft zur Unterstützung seines Postens herankomme. Kaum war dies geschehen, als sich oben auf der Mauer eine kräftige Stimme hören ließ:

„Haltet die Leiter fest, Leute! Ich lege jetzt die Schlingen um die beiden Langstangen und dann halte ich meine Niederfahrt. Eine verdammt finstere Nacht, meine Seel’! Aber sie hat auch ihr Gutes.“

Dieser, wenigstens in Beziehung auf die Mauerhöhe, auf der sie ausgesprochen wurde, erhabenen Aeußerung folgte eine Pause, dann hörte man dieselbe Stimme sagen:

„So, das wäre fertig. Grüßt mir meine Schwester und die Frau Castellanin! Sollen keine Angst um mich haben. Nun aber die Leiter festhalten, daß sie nicht wankt. Jetzt!“

Unmittelbar nach dem letzten Worte wurde das Geräusch des an der Mauer geschehenen Herabrutschens eines Gegenstandes vernehmbar. Das lange Verweilen der Soldaten in der finstern Nacht hatte ihre Augen insoweit an diese gewöhnt, daß sie die Gestalt eines Menschen erkannten, der zwischen zwei von der Mauer niederhängenden Leinen herabfuhr. Ehe er noch mit den Füßen den Erdboden erreichte, nahmen die Soldaten ihn fest, und zu gleicher Zeit, ehe er einen Laut schreckhafter Ueberraschung ausstoßen konnte, drückte sich eine breite feste Hand auf seinen Mund.

„Keinen Mucks, Herr, um Ihrer selbst willen nicht! Die Bekanntschaft mit unseren Bajonneten ist keine angenehme,“ raunte ihm der Lieutenant zu. Für den Ergriffenen war stilles Fügen in diese gleichsam vom Nachthimmel auf ihn gefallene Schicksalstücke das einzig rathsame Mittel, besonders da er keine Gegenwehr leisten konnte, denn um seine Hände vor dem Durchreiben an den beiden zu seiner Niederfahrt dienenden Leinen zu bewahren, hatte er sie mit Tüchern umwunden. Jenseits der Mauer wurde, da unter dem sausenden Winde kein Laut von ihm zu hören war, die Leiter aufgerichtet und dadurch die mittelst Schlingen an deren Langstangen befestigten Leinen in die Höhe und über den Mauerrand zurückgezogen. Mittelst eines um jeden seiner Arme gelegten Strickes, dessen Ende sich in den Händen der Soldaten befand, wurde der Gefangene auf demselben Wege, den die Patrouille hierhergenommen, forttransportirt. Der feste Tritt der Soldaten, welche sehr eilig im Geschwindschritt marschirten, blieb unhörbar unter dem gewaltigen Rauschen des Windes und seinem vielstimmigen Geheul über die Felder hin.




4.

Mit Anbruch des Morgens hatte sich der Wind gelegt, und die schweren dunkeln Wolkenmassen, welche dem folgenden Tage das üble Prognostikon eines sehr regenreichen gestellt hatten, waren mit ihm verschwunden, dafür war aber bis in die neunte Morgenstunde ein grauer Nebelschleier zurückgeblieben, den jedoch die Sonne mit siegesstrahlendem Antlitze durchbrach. Sie goß über das reizende Elbthal die Fülle ihrer Glorie.

Die Frau Castellanin saß beim Morgenkaffee so still in ihrer Stube, als haben sich ihre Gedanken in die ziemlich mißlichen Zustände der Zeit vertieft. Trotzalledem war sie ungewöhnlich geputzt. Ein pfirsichblüthenfarbiger, sehr weiter und bauschiger seidener Rock, ein blauseidenes enganliegendes Mieder mit kurzen Aermeln und einer sehr langen Schneppe, ein schneeweißes Brusttuch von Mull mit ebenso reichem Spitzenbesatz wie die Miederärmel, das als eine zierlich gesteckte Draperie den Busen verhüllte, und eine ganz ausgezeichnete Dormeuse, die ihrem Kopfe das Ansehen einer umfangreichen Bastion verlieh, auf der zwei breite blauseidene Schleifen wie ein paar Maulthierohren sich erhoben und mit dem unter dem Kinn zusammengebundenen gleichfarbigen Bindebande correspondirten – alles dies verschönte heute das Aeußere Frau Mariannens. Vorzüglich die Dormeuse, ein Haubenungeheuer damaliger Zeit, erweckte bei ihr, die ihre Blicke auf den ihr gegenüberhängenden Spiegel gerichtet hielt, sichtbares Wohlgefallen. Sie erinnerte sich an die Zeit ihrer Kammerjungferschaft, wo sie in Verfertigung von derlei Putzgegenständen für ihre gnädigste Gräfin, eine Dame, welche den Ton im höchsten Hofkreise anzugeben pflegte, [822] excellirt hatte, und gestand sich’s mit vielem Vergnügen zu, daß die Dormeuse, welche sie heute trug, ein wahrhaftes Meisterstück ihrer Kunstfertigkeit sei. Und dabei, während sie hin und wieder einen Schluck Kaffee und einen Bissen Zwieback genoß, lebte in ihrem Herzen die stille Hoffnung auf das Wiedersehen des Berliner Flautisten wie eine von Zauberkraft emporgetriebene Blüthe auf.

„Es ist wirklich eine Feindseligkeit des Schicksals, daß es uns solche wichtige Momente in unserem Leben, wie meine gestrige Begegnung mit dem Herrn Fritz, nicht vierundzwanzig Stunden voraus ahnen läßt, damit man sich doch respectabel dazu ankleiden könnte,“ sprach sie dann etwas unwirsch vor sich hin. „Was muß der Mann von mir gedacht haben, als er mich in dem schon etwas verschossenen apfelgrünen Rocke und der Lila-Contouche sah! Schändlich! Just wenn man Epoche machen kann und auch will, steht man wie ein Aschenbrödel da.“

Diese sie in ärgerliche Stimmung versetzende Betrachtung über die Rücksichtslosigkeit und Tücke des Schicksals in solchen delicaten Angelegenheiten erlitt sofort eine Ableitung auf ganz andere Gedanken, denn durch die Stille des sonnendurchleuchteten Morgens wurden vom Palais drüben Flötentöne hörbar. Frau Marianne sprang wie elektrisirt auf, öffnete das Fenster und horchte hinaus. Ob es der Herr Fritz sei, der die Flautuse so schön blies? Dieser Gedanke beschäftigte sie ausschließlich. Die mit großer Virtuosität geblasenen Passagen klangen so rein und glockenhell ihr in’s Ohr, daß sie ganz und gar ihr Frühstück vergaß, und als der Unsichtbare die prächtige Fantasie, die er seinem Instrumente entlockt hatte, endlich schweigen ließ, hielt sich die mit einer gleichsam andächtigen Hingebung Lauschende überzeugt, nur ein Künstler, wie Herr Fritz einer sei, könne der Schöpfer dieses melodischen Genusses gewesen sein, obwohl sie nicht die geringste Berechtigung für diese Annahme hätte geltend machen können.

Die Frau Castellanin gehörte zu Denen ihres Geschlechts, welche einen großen Fond von Reizbarkeit im Gemüthe tragen und dadurch leicht zu Selbsttäuschungen verführt werden. Ihre hübsche jugendliche Erscheinung war die Ursache gewesen, daß selbst Cavaliere, die im gräflich Mosczynskischen Hause viel verkehrten, es nicht verschmäht hatten, ihr, natürlich unter dem Deckmantel des Geheimnisses, die Cour zu machen. Ihre zwölfjährige Ehe gehörte zwar zu den friedlichen, wenn auch nicht zu denen, wo wirklich beide Gatten sich durch einander beglückt fühlen. Ihr Mann war ein Vielschwätzer, und die Ueberzeugung Mariannens, daß ihm Selbstachtung fehle, weil seine Verheirathung mit ihr nur ein Ergebniß des Eigennutzes sein konnte, da er in ihr einen beständigen Rückhalt in der Gunst der Frau Gräfin sah, ließ ihr seinen Tod nicht sehr zu Herzen gehen. Sie fühlte keinen Antrieb in sich, Wittwe zu bleiben, und Herrn Nehemia Drill’s unterwürfige Verehrung für ihre Person hatte die beste Aussicht, sie zur Verbindung mit ihm zu gewinnen, obwohl für sie etwas Verletzendes in dem Bewußtsein lag, daß der Mann mit den strammen Schenkeln die Hoffnung auf den mit ihrer Hand zugleich zu erhaltenden Castellansposten als einen zuweilen sich verrathenden Hintergedanken in sich trug. Erst durch sie gelangte er dann zu einer guten einträglichen Stellung im gräflichen Hause; ohne sie blieb er Das, was er war, ein Diener von sehr untergeordnetem Range. Sie konnte nicht stolz auf diese Errungenschaft sein … der Eigennutz war auch bei ihm die Triebfeder seiner Neigung zu ihr.

Wie ganz anders hatte der Herr Fritz ihr gegenübergestanden! Er, ein Künstler, ein Flautusenspieler gewiß ersten Ranges – sonst hätte ihn der König nicht nachkommen lassen – und dann seine imponirende Ruhe, seine kurze Redeweise, als wäre er nicht gewöhnt, viele Worte zu machen, und als müsse Jeder damit zufrieden sein, wenn er überhaupt gewürdigt werde, daß er mit ihm sprechen dürfe, und schließlich seine großen zauberischen Augen … ha, diese Augen hatten so fest auf ihr geruht, daß sie deren wunderbaren Blick nicht vergessen konnte. Eins nur beunruhigte sie. War er verheirathet oder Junggeselle? Der erstere Stand hätte natürlich alle ihre Träumereien niedergeschlagen; aber Frau Marianne besaß eine große Ausdauer im Capitel der Hoffnungen. Mit großer Befriedigung war sie auf den Gedanken gekommen, er könne Wittwer sein. Das erhielt sie bei frohem Muthe. Sie lebte sich ebenso rasch, weil es ihrem Wunsche entsprach, in diese Vorstellung hinein, wie in die Annahme, nur er könne der Künstler gewesen sein, der die Flautuse so meisterhaft geblasen. Um über alles Das in Klarheit zu kommen, bedurfte es nur einer Begegnung mit ihm, und eine solche herbeizuführen, erschien ihr gar nicht so schwierig. Herr Nehemia Drill sollte den Kammerdiener des Königs befragen, wann sein Herr ausreite. Bisher war das jeden Vormittag geschehen, und warum sollte heute gerade eine Ausnahme stattfinden? Der Saal bedurfte einer Reinigung und bei dieser Gelegenheit hoffte sie Herrn Fritz zu sehen.

Sie hörte Doris im Hausflur mit Nehemia sprechen, schloß eilig das Fenster und setzte sich an den Kaffeetisch. Gleich darauf trat das Fräulein in die Stube.

„Mein Himmel, wie blaß Sie aussehen!“ rief ihr die Castellanin entgegen, „so übernächtig. Aengstigen Sie sich doch nicht um den Junker Willi. Der sitzt sicher im Lager und lacht über sein glücklich bestandenes Abenteuer. Müßte den nicht kennen!“

Diese Tröstung wollte aber bei dem Fräulein nicht verfangen. Doris ließ sich ganz ermüdet auf dem Kanapee nieder und erzählte, daß sie erst gegen Morgen, als sich schon das erste Streiflicht des Tages an der Wand der Schlafkammer bemerkbar gemacht, eingeschlummert sei.

„Und haben ganz köstlich geschlafen, Fräulein Doris,“ sprach Frau Marianne. „Bin bei Ihnen drinn gewesen und habe mich, auf den Zehen schleichend, leise wieder herausgemacht, um Sie ja nicht zu wecken.“

„Sie ist immer gut und sorgsam, Frau Castellanin,“ entgegnete die junge Dame. „Wenn ich nur die Angst von mir scheuchen könnte, aber die lastet wie Centnergewichte auf mir.“

„Was denn für eine Angst, Fräulein? Junker Willi ist ja glücklich entkommen und der preußische Sachsenfresser … Köpping nannte er ihn … hat seine Ohrfeige in aller Ruhe einstecken müssen. Das ist doch eher zum Lachen, als zum Aengstigen.“

[835] „Ach, Frau Castellanin,“ sagte Doris, „als Willi seine Flucht antrat, versprach er mir zum Zeichen, daß er glücklich jenseits der Mauer herabgekommen, die beiden starken Tücher, die ich zum Schutze seiner Hände mit einigen Stichen wie eine Art Handschuhe zusammengeheftet hatte, an die Leinen zu binden, und … als Nehemia Drill und der Gärtner die Leiter und mit ihr die Leinen wieder zurückgezogen hatten, fehlten die Tücher. Ist nur denkbar, daß Willi sein Versprechen so ganz und gar habe vergessen können? Er mag noch so leichtsinnig sein, sein Wort hat er mir stets gehalten … und eben dies Ungewöhnliche ängstigt mich und es läßt mir keine Ruhe. Nehemia sagte mir eben jetzt, ehe ich eintrat, daß er gleich am Morgen nach den Tüchern sich umgesehen, ob sie sich beim Zurückziehen der Leinen über die Mauer vielleicht abgestreift hätten, da Willi sie möglichenfalls im Dunkeln und in der Eile allzu locker angebunden haben könne; aber er sagt, er habe keins der Tücher entdecken können.“

„Das will ich gern glauben, Fräulein Doris. Bei dem fürchterlichen Winde, den wir gehabt haben, müßten die Tücher [836] ja viele Pfunde schwer sein, um stundenlang ruhig am Boden liegen zu bleiben. Das war ja ein Windtoben, als sollte der ganze Park übereinander zusammenstürzen. Gott weiß, wohin die Tücher geweht worden sind! Könnte man nur auf den Feldern und in den Gräben nach ihnen suchen, würde man sie schon finden.“

Dieser mit dem Anstrich von Ueberzeugung gethane Ausspruch Frau Mariannens beruhigte Doris’ Angst, wenn auch nicht ganz, so doch zum größten Theile. Der heiße, starke Kaffee, welchen die Castellanin, die ihre beiden Mägde, Martha und Lene, zum Einkauf von Lebensmitteln auf den Mark geschickt hatte, selbst für das Fräulein bereitete, schien dessen übernächtiges Wesen ganz zu beseitigen. Doris wurde gesprächiger, und als Nehemia Drill nach höchst manierlichem Anklopfen eintrat, der Ansicht Frau Mariannens bezüglich des Verwehtwordenseins beistimmte und bedauernd äußerte, daß eine Suche auf den Feldern unter jetzigen Umständen leider nicht thunlich sei, wuchs auch ihr der Muth wieder und sie äußerte:

„Welchen Einbildungen man sich doch gleich hingiebt, wenn man in Angst ist! Willi würde vielleicht lachen, wenn er wüßte, daß ich mich seinetwegen so geängstigt habe. Er ist wirklich ein Tollkopf.“

Herr Nehemia fragte dann, um nach seiner Idee etwas zur Erheiterung beizutragen: „Haben Sie, gnädiges Fräulein, heute schon die Berliner Amsel pfeifen hören?“

„Eine Amsel? In jetziger Jahreszeit? Ich verstehe Ihn nicht.“

„Ich meine den König da drüben,“ lachte Nehemia mit der Hand die Richtung nach dem Palais andeutend. „Schade, daß der Judenkönig David mit seiner Harfe nicht mehr zu haben ist! Die Beiden könnten ein hübsches Geschäft auf den Jahrmärkten machen.“

Jedenfalls glaubte der treffliche Heiduck diese Leuchtkugel seines Witzes durch ein ihm schmeichelhaftes Lachen belohnt zu sehen, indeß zu seinem Schrecken stellte sich ein durchaus anderes Resultat heraus. Die Frau Castellanin zeigte ein sehr finsteres Gesicht, erhob sich dann von ihrem Sitze und sprach mit merkbar ärgerlichem Tone:

„Herr Nehemia, ich hätte nicht geglaubt, je Ursache zu haben, Ihn auf den schuldigen Respect gegen höher gestellte Personen aufmerksam machen zu müssen. Ich bin weit entfernt davon, den Einbruch des Königs von Preußen in unser Sachsenland für eine gerechtfertigte That zu halten, aber ebenso weit entfernt bin ich davon, eine königliche Majestät, und wäre ich ihr noch so feind, in meinem Beisein zum Gegenstand eines ordinären Spaßes machen zu lassen. Die Bezeichnung ‚Berliner Amsel‘ behalte er in’s Künftige bei sich, Herr Nehemia! Ich bin nicht lüstern danach, dergleichen wieder zu hören, zumal es noch gar nicht einmal erwiesen, ob nicht ein Anderer, ein Künstler ersten Ranges, den er bei sich hat, dieser Flautusenbläser ist, und es wäre eine himmelschreiende Versündigung an einem solchen Virtuos, sollte seiner großen Kunst, die ein König hoch zu ehren weiß, auf so gemeine Weise gespottet werden.“

Nach diesem sehr ernsten Verweis, welcher dem würdigen Heiducken eine tiefdunkle Schamröthe in’s Gesicht trieb, ließ sich die Frau Castellanin wieder auf ihren Sitz nieder. Der Nimbus eines großen Triumphes schien sich in ihrem von dem blüthenweißen Spitzengewebe ihrer kunstvollen Dormeuse ziemlich umrahmten Gesicht wiederzuspiegeln. Sie hatte ritterlich den noch sehr unsicheren Gegenstand ihrer Neigung vertheidigt und war zufrieden mit sich selbst. Eine längere Pause folgte. Nur der rastlos hinundhergehende Perpendikel der großen Uhr im nußbaumenen Gehäuse ließ sich mit seinem Ticktack vernehmen. Als hätte ein kältender Luftstrom die Stube durchweht, so stockte die Unterhaltung der anwesenden Personen wie von einem Frostschauer angehaucht; indeß dieses Schweigen, welches etwas Beängstigendes hatte, erfuhr eine höchst unerwartete Veränderung.

Im Hausflur draußen machte sich Martha’s Stimme in ganz besonderen Klagen laut, wie: „Ach, mein Gott! mein lieber himmlischer Vater, was soll daraus werden! Wir gehen Alle zu Grunde … das ist unser jüngstes Gericht! Nun kommt das gewaltige Thier mit den sieben Häutptern und zehn Hörnern, von dem Johannis Offenbarung verkündet, über uns … wir sind Alle verloren, Alle.“

„Die Person ist wohl verrückt geworden?“ äußerte die Frau Castellanin. „Sehe Er doch nach, Herr Nehemia, was sie …“

Ehe Frau Marianne noch zum Ausreden kam, wurde die Thür von außen aufgerissen, und Martha stürzte mit solcher Eile herein, daß sie den stammhaften Heiducken, der eben an die Thüre treten wollte, ein tüchtiges Stück breit zur Seite stieß.

„Aber Martha, ist Sie denn ganz verdreht im Kopfe?“ rief ihr die Castellanin zu. „Was ist denn das für ein Benehmen?“

„Ach, Benehmen hin, Benehmen her, Frau … ’s nützt uns Alles nichts, und wenn wir in weißen Feierkleidern, wie die lieben Engelein im Himmel, erscheinen, wir sind doch Alle hin … Alle … Alle, ohne Erbarmen.“

„Ich verlange, daß Sie als vernünftige Person spricht. Wer soll aus Ihrer Jeremiade klug werden?“ redete die Castellanin sehr ernst. „Ihr unsinniges Gebahren muß doch einen Grund haben.“

„Den hat’s, den hat’s … und was für einen! einen solchen, daß mich und die Lene bald der Schlag getroffen hätte,“ entgegnete Martha. „Wir kommen vom Markte nach Hause mit unsern vollen Körben. Es ist ’was ganz Abscheuliches, daß, um durch’s Gatterthor zu gehen, man bei den großen blaurothen Kerlen, die da Schildwache stehen, vorbei muß. Was die Sorte von Menschen für dumme Bemerkungen macht und wie sie Einen anstieren! ’s ist Gott zu klagen! Wir sind auf dem Wege um’s Palais nach hier, auf einmal ruft die hinter mir hergehende Lene: ‚Martha! Martha! gucke 'mal nach rechts. Ist denn das …‘ Ich gucke nach rechts und denke, ich soll gleich in Gottes Erdboden hinein versinken. Zwischen vier Mann Soldaten, neben denen ein Corporal hergeht, erblicke ich … unsern Junker Willi.“

Aus Doris’ Munde drang ein Aufschrei des Schreckens. Sie fiel, von der entsetzlichen Nachricht wie von einem Blitzstrahl betäubt, an die Kanapeelehne zurück. Die Frau Castellanin saß mit offenem Munde wie ein unbewegliches Wachsbild … das hatte sie nicht erwartet. Herr Nehemia Drill stand an der Wand, ganz unbewußt seines Thuns, wie es schien, die beiden nadelspitzgleichen Enden seines schön gewichsten Schnauzers zwischen den Fingern haltend, als hätte er diese Zierde seines gut genährten Gesichtes eben noch spitzer zu drehen beabsichtigt und sei durch einen ihn plötzlich lähmenden Zauber in Stein verwandelt worden.

„Na, da sehen es doch die Herrschaften, daß man nicht erst an’s Benehmen denken kann, wenn man solch einen Heidenschreck erfährt,“ sagte Martha. „Mir wird der lange anhängen. Wenn unser Eine auch nur eine Magd ist; aber ein Herz hat man doch.“ Mit dieser sehr energischen Bemerkung verließ die Erzürnte die Stube, in der ein tiefes Schweigen herrschte, welches indeß bald in einer Weise aufgehoben wurde, die für die Betheiligten keineswegs zu den freudigen Ereignissen zählte, denn draußen im Flur wurden schallende Männertritte, auf den Steinplatten das Klirren von niedergesetzten Gewehrkolben hörbar, und um keinen Zweifel über die Bedeutung dieses verdächtigen Geräusches aufkommen zu lassen, fragte eine rauhe Männerstimme: „Heda, Weibsbild, wer wohnt in der Bude hier?“

„Das gnädige Fräulein von Liebenau, die Frau Castellanin, der Herr Heiduck Nehemia Drill und ich und die Lene,“ hörte man Martha antworten. „Was will denn der Herr Corporal von ihnen?“

„Geht Sie nichts an. Packe Sie sich.“

Nach dieser sehr groben Entgegnung auf die vernehmlich angstvolle Frage Martha’s klopfte der Corporal an die ihm zunächst befindliche Thür, daß es klang, als wolle er einen Trommelwirbel mit einem pfündigen Hammer versuchen, obwohl es nur der Kniebel seines gebogenen Mittelfingers war, der den durchdringenden Ton hervorrief. Auf ein schwaches „Herein!“ trat er, sich bückend, in die Stube; seine Mannschaft blieb außen, und Martha, an allen Gliedern zitternd, stand hinter der Säule der zum Dachgeschoß führenden Wendeltreppe.

Nach einer Weile traten die in der Stube anwesenden Personen in Begleitung des Corporals in den Flur heraus; die Soldaten nahmen sie in die Mitte, und langsamen Schrittes verließen sie das kleine Haus. Doris hing wie eine geknickte Lilie am Arme Frau Mariannens, und ihnen nach folgte Herr Nehemia, dessen gedrungene große Figur mit dem traurig auf die breite Brust geneigten Kopfe viel Aehnlichkeit mit einem gestutzten Weidenbaum hatte. Dieser Anblick der Vergewaltigung [837] wirkte so erschütternd auf Martha, daß sie auf die Stufe der Wendeltreppe, wo sie stand, sich niederkauerte und unter rinnenden Thränen und in höchst kläglicher Weise das allbekannte Kirchenlied anstimmte. „Ach, bleib’ mit Deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ“. Die Lene kam aus der Küche herbei. Ein einziger Blick in die offen gebliebene leere Stube deutete ihr an, was geschehen, und aus vollem Herzen stimmte sie in den ohrenzerreißenden Klagegesang ihrer Cameradin mit ein: „Daß uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.“

Die nach dem Palais Escortirten hörten nichts davon. Man hatte sie in eines der Zimmer eintreten lassen, und der Corporal hatte Einen seiner Mannschaft an die Thür gestellt. Fräulein Doris, die sich für überzeugt hielt, daß ihre Arretur mit dem Schicksale ihres Bruders in engstem Zusammenhange stehe, saß leichenbleich auf einem Stuhl, nur beschäftigt mit den trüben ängstigenden Bildern dessen, was über Willi kommen werde. Daß man ihn für einen Spion halten mußte, daran ließ sich gar nicht zweifeln. Wie hätte es denn glaubwürdig erscheinen können, daß es nur einer seiner tollen Streiche war, der ihn hierher getrieben! Und gar der Conflict mit dem Hauptmann von Köpping und der Verrath, daß er hier, gleichsam dem Könige zum Trotz, einen Versteck gefunden! Das war ja so schwer gravirend für ihn, daß auch nicht eine einzige Hoffnung übrig blieb, welche wenigstens den auf ihm ruhenden Verdacht der Spionierie oder, was noch schlimmer war, der geheimen Agentschaft eines im Stillen gegen die Sicherheit der Person des Königs geschmiedeten Complots von ihm nahm. Die Frau Castellanin dagegen hielt eine Hoffnung fest, die plötzlich gleich einer Leuchte in dunkler Nacht vor ihr aufblitzte. Sie ging an die Thür, öffnete sie und fragte den wachthabenden Soldaten, ob er Mosje Fritz, den Berliner Flautusenvirtuos kenne, der hier auf Besuch beim Könige sei? Was der Gefragte in seinem plattdeutschen Dialect antwortete, verstand sie nicht, und bei nochmaliger Frage sah sie sich gezwungen, schnell die Thür zu schließen, um sich der Grobheit des Kerls zu entziehen, der sie so flämisch anstierte, daß sie in Angst gerieth. Herr Nehemia Drill hatte auch sein Partikel Furcht, die ihn schwer bedrückte. Wenn durch irgend ein unseliges Verplappern der Frau Castellanin sein erbärmlicher Witz von der „Berliner Amsel“ zur Rede kam, was dann? Der Mann mit den strammen Schenkeln fühlte ein leises Beben durch sein Gebein gehen; er betrachtete mit tiefer Wehmuth einen auf dem Fenstersimse lustig hinhüpfenden Sperling und wünschte mit ihm tauschen zu können. Vergeblicher Wunsch! Wie glücklich doch ein mit Flügeln ausgerüsteter Sperling gegen einen unter der Aufsicht eines Wachtpostens stehenden gräflich Mosczynskischen Heiducken sein konnte! Diese Ueberzeugung war sehr niederschlagend für Herrn Nehemia. – –

Der König hatte das Bureau verlassen, in welchem seine Räthe die von ihm gegebenen Ordres zu den nach Berlin abzusendenden Depeschen ausarbeiteten, und befand sich, von seinen Windspielen umgeben, in seinem Wohnzimmer, in das auf seinen Befehl Major von Wangenheim eintrat.

„Er hat mir eine kurze, wahrheitsgetreue Erklärung beziehentlich des Duells zu geben, das Er wegen einer jungen sächsischen Dame mit dem Köpping gehabt hat,“ sagte der Monarch zu ihm. „Die Sache, die man vor mir damals vertuscht hat, ist zwar vergessen und will ich sie nicht weiter in Anregung bringen; aber die Ursache dieses Vorganges will ich von Ihm hören.“

„Majestät, ich bitte unterthänigst …“

„Ennuyire Er mich nicht lange mit Excusaden! Meine Zeit ist kurz … Rücke Er sofort der Sache auf den Leib!“

Diesem Befehle mußte Folge geleistet werden, und der Major gab die Schilderung jenes Duells mit möglichster Knappheit, was aber nicht verhinderte, daß er, ohne vielleicht sich dessen selbst bewußt zu sein, bei Erwähnung der jungen Dame sehr lebhaft wurde und eine helle Röthe sein Gesicht überfloß.

„Hat der Bruder der jungen Dame den Köpping etwa spöttisch haranguirt?“

„Nein, Majestät!“

„So? … Nun, promenire Er einstweilen im Saale, bis ich Ihn rufen lasse!“

Nachdem der Major sich aus dem Zimmer entfernt hatte, durchschritt es der König mehrere Male, von seinen Windspielen umsprungen. Ein Klopfen an die Thür unterbrach sein Aufundniedergehen. Generalmajor und Stadtkommandant von Wylich wurde gemeldet und brachte dem Monarchen die Anzeige des Vollzugs seines den Hauptmann von Köpping betreffenden Arrestbefehls.

„Gut, gut!“ sagte der König. „Der Köpping ist ein elender Raisonneur, eine Schande für meine Officiere, wenn sie mit ihm dienen sollten … kann keinen geohrfeigten Officier brauchen. Das Protokoll über ihn soll mir zugeschickt werden, will’s lesen. Ueberhaupt gestatte ich es Keinem, ein großes Schimpfmaul gegen den König von Polen und seine königliche Familie aufzureißen oder die sächsischen Leute mit schlechten Namen zu belegen. Der Krieg ist ein Unglück, und dies muß man nicht noch durch Gemeinheiten vermehren. Halte der Herr darauf! à revoir!“ Auf ein vom Könige nach Entfernung des Generalmajors gegebenes Klingelzeichen trat sein Kammerdiener ein, reichte ihm Hut, Handschuhe und Krückstock und schritt, die Thür öffnend, ihm dann in jenes Gemach voran, in welchem sich Fräulein Doris, die Castellanin und Nehemia Drill in banger Erwartung des sie treffenden Bedrängnisses befanden.

„Seine Majestat der König!“ meldete der Kammerdiener und zog sich dann, als der Monarch eingetreten, in das andere Gemach zurück.

Ganz leise, wie in der Ferne verhallendes Flüstern, waren ein paar Worte in der tiefen Stille vernehmbar, die nur eben der König verstand, während sie von Fräulein Doris und Herrn Nehemia ganz unbeachtet blieben.

„Der Herr Fritz!“ hauchte die Frau Castellanin, in ihrem tiefunterthänigsten Knixe fast zusammensinkend vor schreckhafter Ueberraschung.

„Wer ist Er?“ fragte der König mit dem Stocke auf Herrn Nehemia deutend.

„Unterthänigst, mein Name ist Drill … Nehemia Drill … und bin Heiduck der Frau Gräfin Mosczynska.“

„Heiduck? Gebürtig … woher?“

„Aus Pomßen bei Grimma, Majestät unterthänigst aufzuwarten.“

So ernst der König auch für gewöhnlich war, so schien doch die Namensnennung der Geburtsstätte des würdigen Nehemia einen Lachreiz bei ihm anzuregen, so daß er, um denselben zu bemeistern, mit dem Gesichte eine Wendung nach der Seite machte, als wollte er sich nach seinen Hunden umsehen, die sich sehr ehrbar neben ihm niedergesetzt hatten.

„Ein nachgemachter also? Als Grenadier würde Er ein rentablerer Kerl sein.“

Herr Nehemia, der sich auf seine stattliche Figur sonst nicht wenig einbildete, wäre in diesem Moment gern zusammengeschrumpft, denn das Wort „Grenadier“ in des Königs Munde machte auf ihn denselben athembeklemmenden Eindruck wie ein eiskaltes Sturzbad; er überwand indeß allmählich diesen außerordentlichen Schreck, da Seine Majestat keine Notiz weiter von ihm nahm.

„Sie ist das Fräulein von Liebenau, deren Bruder in geheimen Geschäften hier verkehrt hat und von einer Patrouille beim Uebersteigen der Mauer dieses Grundstückes ergriffen worden ist,“ hob der König an.

Der Blick seiner schönen großen Augen traf mit dem ihrigen zusammen und bewirke einen Aufschwung ihres so sehr eingeschüchterten Muthes, der ihr bisher nicht erlaubt hatte, ihn mehr als flüchtig anzusehen, als er in das Gemach trat. Mit merkbar zagendem Tone fragte sie: „Gestatten Eure Majestät allergnädigst, daß ich sprechen darf?“

„Thue Sie das!“

„Majestät, der Schein ist gegen meinen Bruder; es ist nicht anders zu sagen. Willi ist ein Tollkopf; aber er ist frei von dem Makel der Spionerie, eine so ehrliche aufrichtige Seele, wie eine solche wohl je eine Jagduniform getragen hat, deren Grün ja die Farbe des Aufrichtigsten ist, was wir haben, der ewig wahren, unverfälschten Natur. Willi’s geheime Geschäfte bestanden nur in dem Wunsche, seine Geliebte, das Fräulein Karoline von Vitzthum, zu sehen und zu sprechen. Es war ein toller Gedanke, die Vorpostenkette Eurer Majestät zu durchbrechen; er führte ihn aus, weil er von unserm königlichen Herrn nicht die Erlaubniß zu einem Ritte hierher erhalten haben würde.“

[838] „Das läßt sich wohl gut anhören, ist aber nicht beglaubigt,“ entgegnete der König. „Wer bürgt dafür, daß dahinter nicht ein gegen mich gerichtetes Complot, meine Sicherheit, mein Leben gefährdend, versteckt sei? Wie? Ich soll den Leuten trauen, welche in ihrer Vermessenheit mein eigenes Quartier zum Versteck für ihre Sicherheit wählen und von Denen sorglichst unterstützt werden, welchen ich Glauben an ihr nicht feindseliges Benehmen gegen mich schenkte? Die Sachsen sind meine eingefleischten Gegner; ich kenne das.“

„Ja, Majestät, sie sind in Wahrheit Ihre Gegner; aber sie sind keine Banditen,“ rief Fräulein Doris lebhaft. „Es mögen viele Mängel und Fehler an unserm sächsischen Volke haften, sicher aber nicht die Schmach, seinen Feinden hinterrücks Verderben zu bereiten. Es ist ein treues Volk, das seinem angestammten Fürstenhause in Leid und Freud’ durch die schwersten Prüfungen im Verlaufe der Jahrhunderte angehangen hat und ferner noch anhängen wird. Kann man im Ernste einem solchen Volke es als ein Verbrechen anrechnen, wenn es einen fremden Fürsten, der mitten im Frieden mit seinem Heere es kriegerisch überzieht und seinen Wohlstand erschüttert, feindlich ansieht? Gewiß nicht, Majestät. Würden Eurer Majestät Preußen nicht ganz Dasselbe thun, wenn ein fremder Eroberer in ihr Land einfiele? Es muß schlecht mit einem Könige bestellt sein, der ein Volk regiert, das sich nicht gegen solchen Wechsel sträubt.“

„Sie spricht ja wie ein Buch,“ äußerte der König lächelnd „Erschrecke Sie nicht, Fräulein! Habe die Leute gern, die frank und frei vom Herzen herunter reden. Eins aber ist mir unangenehm … ich hoffte Sie für … Preußen zu gewinnen.“

„Mich, Eure Majestät?“

„Ja, Sie … und gebe die Hoffnung noch nicht auf.“

Nach diesen Worten rief der König seinen Kammerdiener, welcher nach einem erhaltenen Winke seines Herrn sofort wieder das Gemach verließ. Das Gesicht des hohen Herrn heiterte sich sichtbar noch mehr auf, als sein Blick auf Frau Marianne fiel, die neben dem Nehemia stand, der sich in tiefster Unterthänigkeit wie ein Igel zusammenkrümmte, damit seine große ramassirte Gestalt nicht so auffällig werde.

„Nun, Frau, was meint Sie, soll ich noch umsatteln?“ fragte der König. „Denkt Sie nicht auch, es wird das Beste sein, ich bleibe, was ich bin?“

„O, allergnädigste Majestät, ich hatte es wegen des schönen Flautusenspiels herzlich gut gemeint …“

„Weiß schon, weiß schon,“ fiel ihr der hohe Herr in’s Wort. „Habe da eine nicht erkaufte Ehre genossen; das ist auch etwas. Und wegen den Österreichern muß ich schon sehen, wie ich mir selbst helfe; denke indeß, ’s wird auch gehen. Mache Sie aber nicht mehr in derlei Angelegenheiten, Frau! Ich warne Sie … halte Sie lieber an der Flautuse fest!“

Während die Frau Castellanin so tief knixte, daß ihr pfirsichblüthenfarbiger seidener und sehr weitbauschiger Rock wie ein Laufkorb sich um sie formirte, aus dem nur ihre Büste hervorragte, wurden männliche Tritte im Nebengemach hörbar, dessen Flügelthür der Kammerdiener öffnete und den Major von Wangenheim und den sächsischen Jagdjunker von Liebenau hereintreten ließ. Doris’ Lippen entschlüpfte ein Laut der höchsten Ueberraschung.

Der König schien nichts davon bemerkt zu haben; er musterte den Junker scharf und sagte dann zu ihm: „Seine Equilibers über den Hasensprung und die Parkmauer sehe ich Ihm diesmal nach und will auch Vorsorge tragen, daß Seines Cäsar’s eisenbeschlagene Lunge bei Seiner Rückkehr durch meine Vorposten nicht in Gefahr gerathe; aber treibe Er solche gefährliche Versuche nicht wieder! Nicht jeder Tag ist ein Glückstag.“

„Majestät!“ riefen beide Geschwister, und Doris sank in ihrer Freudenaufregung auf die Kniee und stammelte die Frage: „Wie können wir Eurer Majestät großer Gnade danken?“

„Aufstehen, aufstehen!“ befahl der König, indem er ihr selbst die Hand dazu reichte. Dann blickte er auf den Major und sprach. „Wangenheim, jetzt ist Er an der Reihe. Wer Herzen gewinnt, ist auch ein Sieger. Mache Er Die da preußisch gesinnt.“

Mit wohlwollendem freundlichem Blick auf Doris und die Frau Castellanin verließ der König, von seinen Windspielen umsprungen, das Gemach. – – –

Der siebenjährige Krieg brachte unsägliches Elend über Sachsen und namentlich über dessen Residenzhauptstadt, aber auch König Friedrich der Zweite trug die Merkmale der harten Schicksalsschläge, die in den letzten Jahren dieses unseligen Krieges auf ihn niederfielen, zur Schau in seinem Aeußeren. Nicht als heiterer, kräftiger Sieger, wie er 1756, den Krieg eröffnend, in Dresden eingezogen war, kehrte er 1763 nach Berlin zurück, sondern als ein unter den schwersten Prüfungen vorzeitig gealterter Mann.

Und als die Friedensglocken wieder über das reizende Elbthal hin ihr Te Deum laudamus gesungen hatten, kamen auch die vornehmen Flüchtlinge nach der Elbresidenz zurück, die meisten, um sich aus den Trümmern ihrer Paläste nette Heimstätten zu gründen; auch Gräfin Mosczynska bezog wieder ihr Palais. Da sah man sie in den Sommerzeiten der folgenden Jahre oft am Arme einer jungen Dame, an deren Seite ein kleiner, lustiger Knabe hintollte, durch den Park promeniren. Die junge Dame war die Frau Baronin von Wangenheim, deren Gemahl preußischer Generalmajor geworden, und zuweilen fand sich ein junger Forstmeister ein, der ehemalige königliche Jagdjunker Wilibald von Liebenau. Mit Vorliebe besuchte er im Parke die Stelle des Hasensprunges und pflegte dann lachend zu sagen: „Doris, das war ein verteufelter Satz, den ich damals hier machte. Wer weiß, ob ich ihn heute wieder fertig brächte?“

Der würdige Herr Nehemia Drill war, statt zum Castellan, zum Portier avancirt; Frau Marianne hatte seine Werbung in milder Form, aber entschieden für immer abgewiesen.

„Wer einen König geliebt hat, kann keinen Heiducken heirathen,“ sagte sie zu sich, und dieser erhabene Gedanke wurde zur Losung ihres mit stolzem Selbstgefühl von ihr behaupteten Wittwenstandes.

Franz Carion.
  1. Die alte Post.