Der Königssohn (Uhland)

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Textdaten
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Autor: Ludwig Uhland
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Titel: Der Königssohn
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aus: Gedichte von Ludwig Uhland, Seite 328–334
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1815
Verlag: J. G. Cotta’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Stuttgart und Tübingen
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Quelle: MDZ München = Commons.
Kurzbeschreibung:
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[328]
Der Königssohn.


1.


Der alte, graue König sitzt
Auf seiner Väter Throne,
Sein Mantel glänzt wie Abendroth,
Wie sinkende Sonn’ die Krone.

5
„Mein erster und mein zweiter Sohn!

Euch theil’ ich meine Lande.
Mein dritter Sohn, mein liebstes Kind!
Was lass’ ich dir zum Pfande?“

„Gib mir von allen Schätzen nur

10
Die alte, rostige Krone!

Gib mir drei Schiffe! so fahr’ ich hin,
Und suche nach einem Throne.“

2.


Der Jüngling steht auf dem Verdeck,
Sieht seine Schiffe fahren,

15
Die Sonne stralt, es spielt die Luft

Mit seinen goldnen Haaren.

[329]

Das Ruder schallt, das Segel schwillt,
Die bunten Wimpel fliegen,
Meerfrauen mit Gesang und Spiel

20
Sich um die Kiele wiegen.


Er spricht: „Das ist mein Königreich,
Das frei und lustig streifet,
Das um die träge Erde her
Auf blauen Fluten schweifet.“

25
Da ziehen finstre Wolken auf

Mit Sturm und mit Gewitter.
Die Blitze zucken aus der Nacht,
Die Maste springen in Splitter.

Und Wogen stürzen auf das Schiff,

30
So wilde, Bergen gleiche;

Verschlungen ist der Königssohn
Sammt seinem lust’gen Reiche.

3.

Fischer.

Versunken, wehe, Mast und Kiel!
Der Schiffer Ruf verschollen!

35
Doch sieh! wer schwimmet dort herbei,

Um den die Wogen rollen?

[330]

Er schlägt mit starkem Arm die Flut
Und fürchtet die Wellen wenig,
Trägt hoch das Haupt mit goldner Kron’,

40
Er dünkt mir wohl ein König.


Jüngling.

Ein Königssohn, mir aber ist
Die Heimath längst verloren.
Erst hat die schwache Mutter mich,
Die irdische, geboren.

45
Doch nun gebar die zweite Mutter,

Das starke Meer, mich wieder.
In Riesenarmen wiegte sie
Mich selbst und meine Brüder.

Die Andern all ertrugen’s nicht,

50
Mich brachte sie hier zum Strande.

Zum Reiche wohl erkor sie mir
All diese weiten Lande.

4.

Fischer.

Was spähest du nach der Angel
Vom Morgen bis zur Nacht,

55
Und hast mit aller Mühe doch

Kein Fischlein aufgebracht?

[331]
Jüngling.

Ich angle nicht nach Fischen,
Ich sah in Meeresschacht,
Wohl jeder Angel allzu tief,

60
Viel königliche Pracht.


5.

Wie schreitet königlich der Leu!
Schüttelt die Mähn’ in die Lüfte.
Er ruft sein Machtgebot
Durch Wälder und Klüfte.

65
Doch werd’ ich ihn stürzen

Mit dem Speer in starker Hand,
Um die Schultern mir schürzen
Sein Goldgewand.

Der Aar, ein König, schwebet auf,

70
Er rauschet in Wonne,

Will langen sich zur Kron’ herab
Die goldene Sonne.

Doch in den Wolken hoch
Soll ihn fahen und spießen

75
Mein geflügelter Pfeil,

Daß er mir sinke zu Füßen.

[332]
6.

Im Walde läuft ein wildes Pferd,
Hat nie den Zaum gelitten,
Goldfalb, mit langer, dichter Mähn’,

80
Schlägt Funken bei allen Tritten.


Der Königssohn, er fängt es ein,
Hat sich hinauf geschwungen,
Es bläht die Brust und schwingt den Schweif,
Kömmt wiehernd hergesprungen.

85
Und Alle horchen staunend auf,

Die in den Thälern hausen.
Sie hören’s vom Gebirge her
Wie Sturm und Donner brausen.

Da sprengt herab der Königssohn,

90
Umwallt vom Fell des Leuen,

Des wilden Rosses Mähne fleugt,
Die Hufe Feuer streuen.

Da drängt sich alles Volk herzu
Mit Jubel und Gesange:

95
„Heil uns! er ist’s, der König ist’s,

Den wir erharrt so lange!“

[333]
7.

Es steht ein hoher, schroffer Fels,
Darum die Adler fliegen,
Doch wagt sich keiner drauf herab,

100
Den Drachen sehen sie liegen.


In alten Mauern liegt er dort,
Mit seinem goldnen Kamme,
Er rasselt mit der Schuppenhaut,
Er hauchet Dampf und Flamme.

105
Der Jüngling, ohne Schwerdt und Schild,

Ist keck hinaufgedrungen,
Die Arme wirft er um die Schlang’
Und hält sie fest umrungen.

Er küßt sie dreimal in den Schlund,

110
Da muß der Zauber weichen,

Er hält im Arm ein holdes Weib,
Das schönst’ in allen Reichen.

Die herrliche, gekrönte Braut
Hat er am Herzen liegen,

115
Und aus den alten Trümmern ist

Ein Königsschloß gestiegen.

[334]
8.

Der König und die Königin,
Sie stehen auf dem Throne,
Da glüht der Thron wie Morgenroth,

120
Wie steigende Sonn’ die Krone.


Viel stolze Ritter stehn umher,
Die Schwerdter in den Händen,
Sie können ihre Augen nicht
Vom lichten Throne wenden.

125
Ein alter blinder Sänger steht

An seine Harf’ gelehnet,
Er fühlet, daß die Zeit erschien,
Die er so lang ersehnet.

Und plötzlich springt vom hohen Glanz

130
Der Augen finstre Hülle.

Er schaut hinauf und wird nicht satt
Der Herrlichkeit und Fülle.

Er greifet in sein Saitenspiel,
Das ist gar hell erklungen,

135
Er hat in Licht und Seligkeit

Sein Schwanenlied gesungen.