Der Kommabacillus

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Textdaten
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Autor: Valerius
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Titel: Der Kommabacillus
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 598–599
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der Kommabacillus.

Ein Nachtrag zu dem Artikel „Die Cholera-Gefahr“ in Nr. 30.

Wir glauben den Wunsch vieler unserer Leser zu erfüllen, wenn wir ihnen heute den vielbesprochene und vielgefürchteten Kommabacillus in getreuer Abbildung vorführen. Als wir vor einigelt Wochen an dieser Stelle eine ktlrze Schilderung dieses neuentdeckten gefährlichen Feindes der Menschheit zu gebeu versuchten, waren jene Abbildungen nicht zu beschaffen. Erst vor Kurzem hat sie .i.tr. Koch in der „Berliner kliuischeu Wochenschrist“, dem Hauptorgaue der deutschen Aerzte, veröffentlicht.

Die Gartenlaube (1884) b 598 1.jpg

Fig. 1. Kommabacillen auf feuchter Leinwand.
Vergrößerung 600 Mal.

Der Laie, der diese Zeichnungen zum ersteu Male sieht, wird wohl schwerlich glanbe wollen, daß jene gekrümmten Striche, die im wirren Durcheinander aus der ersten Fignr grnppirt sind, organisirte, mit eigenartiger Bewegullg ausgestattete Weseu darstelle. Und doch sind es reine Kommabacille, und das Bild, welches wir vor uns habe (Fig. 1), ist die t:t00malige Vergrößerung eines Schleimstöckchens, ....^ das einer auf feuchter Leinewand aus-. ^ gebreitete Eholeradejectiou uach zwei ^ Tage etuomme wurde. Wir sehe ..^...^ uuter ihueu (bei t.r) auch .....-.förmige Ge- bilde , die aus zwei an einander hän.- genden Individnen bestehe. Diezweite ..^ ... Figllr zeigt nus Kommabacillen ill der Schleimhaut des erkrankten Darmes. Eine der kleinen schlanchsörmigen Drü- sen (us ist schräg durchschnitten , ltttd wir sehen , daß die Bacillen in ihr Inneres (bei b) gelangt und in die Umgebung der Drüse (..^ eingedrungen sind. Die wichtigsten Erscheinungen, die sich auf das Leben und die Berbreitllng dieses Organismns beziehen, haben wir bereits in unserem Artikel ,,Die Eholera- gestlhr“ hervorgehobeu. Als interessanten Nachtrag zu jener Schilderung gebetl wir hellte noch die Beant- wortung der Frage, aus welche Weise diese im menschliche Darme entstehenden Bacterienvegetationen einen Menschen tödten können.

Die Gartenlaube (1884) b 598 2.jpg

Fig. 2. Kommabacillen in der Schleimhaut des Darmes.
Vergrößerung 600 Mal.

Um dies zu erklären, wollen wir nllsere Leser zltnächst an die allgemein bekannte Erscheinung der Gährllng erinnertl. Ieder- manu weiß heute, daß zahlreiche mikroskopische Orgauismeu in deu Nährlösungeu, in delleu sie lebeu und sich sortpslauzeu, gewisse eigeuartige Substanzen erzengen, die als Producte ihres Stoff.- wechfels angesehen werden müsse. So zersetzt z. B. die Hef^ die Znckerlösung, in welche man sie hinein- gethall, in Alkohol, dell beranschenden Bestand- theil unserer Biere und Weine , und itl die schäumende Kohlensaure; so ist bekauntlich anch der Essig das Prodnct mikroskopischer Wesen, die wir unter denl Namen „Essigbaeterietl“ keuuett. Anch die Kommabacille erzengen im Darme einen Stoss, der gistig wirkt, der von dem Körper ausgesogen wird und die schweren allgemeinen Erscheinungen hestiger Eholera-Ansälle bedingt. Entwickeln sich die Kommabacille rasch und in großen Mengen im menschlichen Darme, sodaß mall die Etlt- leermtgen und den Darminhalt der Krankelt mit denselben gesüllt findet, dalltt werden anch große Mengelt Gist entwickelt, -^..^ welche tödlich aus ullsereu Organismus wirken, dann verlänst der Eholera- Anfall rasch und mit tödlichem Aus- gauge. Ost wird diese Vergistllug vou dellt Kranken überstanden und alsdann tritt Genesltug eilt oder auch, wenn bereits größere Zerstörungen der Darm- schleiluhaut vorhanden sind, erfolgt der Tod unter typhöse Erscheinunge erst im spätere Verlause der Krankheit.

Wir schließen nllsere Mittheilungen über die epochemachende Entdecktmg Koches mit einer von ihm elltworsenen Schilderung der indischen Heimath des Kommabacillns : Im nllteren Ganges- delta bestndet sich ein unbewohnter Landstrich, Sund arb aus genannt, der ein Areal von '.'500 englischen Olladrat- weilen tlmsaßt und sich aus der Karte durch eine scharse Linie voll denl dicht bewohnten nördlichen Theil des Delta scheidet. Hier lösen sich die großen Ströme Ganges und Brahmaputra in ein Netz vou Wasserläusen aus, in denen bei Ebbe und Fluth das mit denl Flußwasser sich mischende Meerwasser hin und her wogt und zur Flnthzeit weite Strecke der Sundarbans unter Wasser setzt. [599] Ciiie üppige Vegetation iiild ein reiches Thierleben hat fich in diefeiii unbewohnten Landstrich entwickelt, der für den Menschen nicht allein wegeil der Ueberschwelniniiilgen lind wegeil der zahl- reicheil Tiger ullzllgällglich ist, souderil hauptsächlich wegen der bösartigen Fieber gemieden wird, welche jeden befallen, der sich anch nur gauz kurze Zeit dort aufhält. Mall wird sich leicht vorstellen können, wie massenhaft. vegetabilische und thierische Stosse in dem Siiilipsgebiet der Sundarballs der Zersetzung uuterliegell

liild daß hier die Gelegenheit zur Eutwickelung von Mikro- Orgallisiiieii geboteil ist, wie kaum all einem andereil Platz ans der Erde. Ganz besonders günstig ist in dieser Beziehung das Grenzgebiet zwischen dem bewohnten und unbewohnten Theil des

Della, wo die Absallsstofse aus einem anßerordelltlich dicht che- votierten Lande von den Fmßläusen herabgeschwemmt werden lliid sich niit dem hin und herslutheuden, bereits mit Zersetzungsstossell geschwängerten Brackwasser der Suudarbaus mischen. Unter eigen- thümlichen Berhältnissen muß sich in dieseil eine gauz eigenartige

Fauna und Flora von Mikro-Organislnell entwickeln, der aller Wahrscheinlichkeit nach auch der Cholerabaeinus augehört. Voll hier aus wird er in die benachbarten indischen Ansiedlungen ge-. bracht llild dllrch Menschen von Ort zu Ort verschleppt, bis be- sondere Einslüsse seine Entwicklung hemmen und das Erlöschen der Senche in den von ihr ergriffenen Ländern znr Folge haben.

Valerius.