Der Krieg um die Haube

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Textdaten
Autor: Stefanie Keyser
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Titel: Der Krieg um die Haube
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30–39, S. 489–492, 505–508, 521–524, 537–540, 553–556, 569–572, 585–588, 601–604, 634–636, 646–647
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der Krieg um die Haube.
Von Stefanie Keyser.


Das Jahr des Herrn 1521 war soweit vorgeschritten, daß der launenhafteste und wetterwendischste aller Tage, der erste April, vor der Thür stand, und wie allerorten im deutschen Lande, machte sich auch in der freien Reichsstadt Nürnberg männiglich auf einen Schalksstreich von ihm gefaßt. Vorsorglich holten die ehrsamen Bürger noch einmal den Zipfelpelz hervor und hingen ihn hinter den Kachelofen, um sich zu schützen ...

begegneten sich die beiden in der Sebald us-Kirche, wo sie am Grab^ male des Schutzpatrons der Stadt eine eilige Morgeuaudacht oer- richten wollten. Mit Berdruß sah der Stadtknecht, daß die Magd das Dach, das ihr vom Kopse zurückgeglitten war, scheu in'^ Ge- ficht zog, da er ihr die Tageszeit bot. ^arum that das nase- weise Diug so fremd d Begeguete er ihr doch täglich im Hanfe

den Kachelofen, um sich zu.schützen, wenn etwa die Hagelsterne ^ ihrer Herrschaft, wenn er Botschaft an den fmtgen Rathsher ihre vom Winter her noch vorräthigen eifigen Früchte über die erfteu Frühliugskeime schütteten oder „Bäcker und Müller sich raufteu“, daß die weißett Flockeu stiebten, die andächtigen Franen, welche die Frühmeffen zu befncheu pflegten hatteu ein Feuerftübleiu bereit gestellt, das sie bei vielleicht vorkommeudeu bösen Rebeln vor Leibesgebreste bewahren sollte.

Der alte Schelm machte sie alle zu.Rarren. Unter lachendem Sonnenschein zog er über die baierische Ebene gegett die wehrhastett Mauern heran , mit südlich warmem Hanch drehte er die Wettersahnen auf den stolzen Dhürmen von St. Sebaldns, St. Loreuzo und. dem Vesaterthor herum, und kreischend stimmte die zahllose Schaar ihrer Genossen ein, Jedermann kuttd und zu wissen thnend, daß der Wind itzo aus einer andern Ecke pfeife

Der gntgelaunte Gast ward freudig willkommen geheißen. In den von steinernem Blattwerk ttmkränfelten Erkern der Patrieier- hänser schoben zarte Frauenhände die Fenster auf, und die kttuft- fertigen Meister öffneten die Pforten der Werkstätten, daß der Klang ihrer Hämmer hinansscholl in die klare Lnft, die jungen Mägde aber holten ihre Scherben mit Hochmuth und Mnthwillen, wie sie ihre Rägleinblumen benamsten, aus den Kellern und stellten sie in die hölzernen Lanbengänge vor dem Hans, während die Hans- franen auf dem Markte von den Banern große Büschel grüner Peterla kanften, die mit Schwämmklößen auf den Mittagstisch kommen follten und übermüthige Innker in bnntfeidenen geschlitzten Wämsern wie frisch ansgekrochene Schmetterlinge um die Veilchen- strättße der hübschen Gärtnermädchen flatterten, selbst der alte Pater, der im Clareukloster die Messe gelesen, trng ein mit gelben Blüthen- kätzchen bedecktes Weidenzweiglein in der Hand, das er auf dem Kirchhofe gebrochen hatte.

Rur zwei Kittder der freien Stadt wnrden des Frühlings- tages nicht froh, sondern rannten wie mit brennenden Köpfen und hörten und sahen nichts. Das eine dieser Stadtkinder war ein Knecht in eine.^ ehrbaren Rathes Dienstkleid von rothem lttndischem Ttche, einen Spiest in der Hand tragend, gleich einem Wanderstab , das andere die Gürtelmagd der Fran Rotmnttdin, einer fungen t^ran aus den stolzen Geschlechtern Rürnbergs. Zum ersten Mal

rtt zu

tragen hatte. Aergerlich stieg er nach der Gasse „Unter der Beste“ hittanf, aber als er in das Schenerl'sche Hans treten wollte, stand er schon wieder ihr gegenüber, sie kam heraus - er ging hinein. Kopsschüttelnd trabte er nach St. Aegidien hinüber, da verschwaud ebeu ihr schwarzer Matttel wie eine Fledermaus hinter der gratteu Eucharius-Eapelle. Aus dem Herretttttarkt schieu sie Haschett mit ihm zu spielen , fobald er ein Hans betrat, verließ sie daffelbe, und wenn er in das Geheimftriblein des Herrtt stapste, schlich sie aus dem Gemach der Frau hervor. Souderbar ! Währeud er breitspurig auf der stolzeu steinernett Brücke die Pegnitz überschritt, mochte sie sich durch das Heiligegeisthospital gestohlen haben, denn vor dem hohen Portal der Kirche des zweiten Schntzheiligen der Stadt prallten sie abermals zu.ammen.

„Heiliger Lorenz, behüt mich vor Bersttchuüg !“ seuszte der Kuecht. „Ich glaub halt, die Diru hat's aus mich abgesehen.“

Und die Magd griff nach dem Rofenkranz, der ihr am Gürtel hing. „Iefns, Maria und Iofeph! Kann man den Kerl tat los werdend Schützt mich vor dem alten Fratz!“

Aber die Heiligen hattett tanbe Ohren. Denn als er in der Spitzbogettpforte des Raffanechofes feinen Spieß anfftieß, klapperten über ihm ihre stinken Füße auf der Schtteckentreppe, und als Beide zur Rückkehr vorfichtig den abgelegenen Henkersteg wählten, trafen sie abermals auf der Peguitz zusammen worauf Iedes ein Krenz schlng und davon stob. Unter den Bnden des Dandeltttarktes wnrden sie endlich einander los.

Während diese wnndersanten Begegnungen zwischen Knecht und Magd sich abspielten, saß in dem Erker eines stattlichen Hattses, der Fraueukirche gegenüber, die Herrin der Magd. Es war ein schönes junges Weib, van Gestalt so rund und zierlich, von Gesicht so frisch und rothwangig und mit so holdseliger Schalkheit gesegnet, daß ihr wohl kein Adamssohn widerstehen mochte. Ihre dnnkelblaueu Augen funkelten und lachten, während sie durch die buutgemalten Feuster hinansschanten. Aber sie sahen nicht, wie die Sonnen- strahlen aus dem in gotischen Bogen sich ausschwingenden Giebel der Franenkirche spielten und die Bildsättle der Himmelskönigin mit eiuem lebendigen Gloriettschein umgaben, daß sie lieblich an- [490] ^ ^o ^

zu.chanen war, wie vor zweihundert Jahren, da der berühmte Sebald Schotthofer sie dort erhöhte, sie achtete nicht des Ge- tümmels auf dem Herrenmarkt, wo die Fischweiber vor ihrem Schaff saßen, die Bäuerinnen Milch und Butter feil hielten und die Zeidler aus dem Reichswald, dem der alte Kaiser Karl der Vierte den Ehrennamen „Unseres Reiches Vienengartett“ verliehen hatte, den Lebküchlertt so große Honighäsen verhandelten, daß tttatt hätte meinen können, man sei im Lande Gosen, wo Milch und Honig fleußt. Sie wandte nicht das Haupt, als unter dem Schall einer riesenhaften Drommel die Stadtsöldner in Krebs und Pickelhaube, den Spieß über die Schulter gelegt, uach ihrem Wachtposten am Franenthor hinab trabten , auch nicht, als eine Schaar Wallfahrer mit Fähulein und Kerzeu unter Gesang die Straße nach St. Sebald hinaufzog, sie schien ttttr mit ihren eigenen Gedanken beschästigt zu sein. Manchmal strich ihre rttttde Hand leise, wie liebkosend, über den Fenstersitz neben ihr, der, reich geschnitzt und mit einem Polster aus gepreßtem Goldleder belegt, eigentlich der Deckel einer kleinen Lade war, dann sühlte sie in die an goldenem Kettchen hängende Dasche, in der es wie Papier knisterte.

Da öffnete sich die Dhür. Die sunge Frau fuhr, wie auf verbotenem Wege ertappt, aus ihren Dräntuett empor und zog das Häudchen aus der Dasche - ihr Eheherr trat bei ihr ein

„Welch wichtigen Dingen finttt die Fratt Rotmuttdiu nachd“ fragte er, ittdem er auf sein Weibchen zueilte und den Arnt um sie schlang.

„Ich schane den Werklettten zu.“ antwortete sie, „die da drübett am Haller'schen Hans den Umban beginnen. Der Wilhaltn gedenkt es einzurichten wie er es in der Welt draußen ge- sehen hat.“

Sie deutete hinüber nach dem hohen Gebättde, das über der Spitzbogenpforte ein steinernes Wappen trng und an deffen dicken Manertt Arbeiter mit Meißel und Hammer thütig warett.

„Viu begierig zu erfahren wie es attsschaueu wird.“

„Meiu holdes Herzgespauu hat von jeher für alles Rette eine kleine Schwachheit gehabt,“ erwiderte lachend Herr Rotmnnd und ließ sich aus der Fensterlade nieder.

Das Herzgespann mochte gerade vor einer rotheu Glasscheibe sitzen, denn ihre milchweiße Hant erschien jetzt purpnru gefärbt.

„Wollet Ihr Euch nicht auf den Armsessel setzen, wie es dem Herrn des Hauses gebührt d“ fragte sie eifrig. „Das Lädlein möchte zu.gebrechlich sein für solch großen Herrn.“

Herr Rotmnnd legte prüsend die Hand an das Polster.

„Warum wirst Du so blaßt“' fragte er erschrockeu.

„Ichd“ lachte sie. „Der blane Mantel der Delila in der Fensterscheibe giebt nur das wiuterliche Licht. Bin ich noch immer blaßd“

Und sie neigte das Gesicht mit den Schelmengrübchen in Wangen und Kinn so dicht zu dem Antlitz ihres Eheherrn, daß sich dieser nicht versagen konnte, sie beim Kopf zu uehnten und auf ihren Rofenmnnd zu.küffen.

„In dem gläsernen Hänslein! Vor den Augen der ganzen Stadt!“ schmollte sie, und das seine Räschen hoch hebend, zog sie sich beleidigt in das tiese Gentach zurück.

Herr Rotmmtd eilte ihr uach, und während sie sich von ihm unter tansend Schmeicheleien versöhnen ließ, wurde des gebrechlichen Lädleins vergessen - die klnge Fran hatte ihren Zweck erreicht.

„Was wollte der Städtknecht schon wieder zu.so früher Zeitd“ sragte sie und blinzelte durch die kransen dttnkleu Wimperu uach ihm hin.

„Er sagte eine Rathssitzu.g für heute Rachmittag an,“ ant- wartete Herr Rotmnnd und machte ein unbesangenes Gesicht. „Uttd wo läust Deine Gürteltnagd herum d Sie sollte mir eine Hemd- kranse stärkeu und glätten, war aber nicht zu stnden.“

„Ich habe sie entsendet, aus daß sie mir ein paar Dache voll Fraueu für heute Rachmittag ladet,“ entschuldigte hastig die Rotmuttdiu.

Kommen auch die Itnhastschend“ fragte der Ratmuud. . Sie nickte.

„Ift bös Wetter bei ihnen eingezogen,“ erzählte er, „seit der Haller wieder da ist. Weißt d Er ist der erkieste Eidam für die Elsbeth. Die Sippen haben früher Versprach mit einander ge- halten. Und nun läßt er sich nimmer bei ihnen sehen. Ist doch schon seit einigen Wochen heim, und heute begegnete er zusällig dem Imhof zum ersten Mal in der Zechftube. Der schaute aus,

als müffe er eine Spintte verschlncken, aber der Haller achtete sein gar tat, er strich davott, wie eine welsche Zibetkatze. ^ch kann ihn nimmer leiden.“

„O, leiden mag ich ihn .wohl,“ sagte die Rotmtmdin mit einer weichen Stimme. „Er ist stattlich geworden, seit er in der Fremde war. Seine brannen Augen blicken zwar meist zornig oder geringschätzig, als sei ihm allhier nichts mehr gut genug, aber wie freudig blitzeu sie auf, so er von feinen Reisen berichtet. Und sein trntziger Mund mit dem verzwirbelten Schnauzbart darüber, der hoffärtig in die Lnft sticht, weiß zierlich die Worte zu.fetzen, wenn er erzählt, wie die Franen im schönen Augsburg sich itzv kleidett dürfen.“

Sie feufzte tief. Dann fuhr sie fmt.

„Ach mein! daß die schöne Zeit varbei ist, da auch ich in die Welt hinauslugen durfte! Run bin ich ein eingesperrtes Weibleitt.“

„Sei frah, daß Du ein Weiblein bist,“ fuhr der Rattnttttd heraus, „und nicht uach mir schmachten mußt, wie die Elsbeth nach dem Haller!“

„Wer weiß, ab ich schmachten müßt, wenn ich die Elsbeth wär',“ neckte sie.

Er drohte ihr mit dem Finger. Dann meinte er nachdenklich .

„Hab' schon manchmal gesannen, wie wnnderlich es mit der Elsbech zu.eht. Sie ist dach jung und schön. Aber nimmer kann ich es mir für ein Mannsbild als eine Wanne denken, sie zum Herzgefpiel zu haben. Wie mag es nur kommend“

Die Rotmnndin fenkte die Wimpern. Sie wnßte, was der Elsbeth fehlte. Sie kannte nicht schmalleu, trotzen, einen Mann targuireu mit Richtbeachten und Schweigen und ihn wieder aus dem Eleud in den Himmel erheben durch Settfzen, zärtliche Blicke und füß Getändel. Und die Ratmnndin meinte, daß dies die höchste Kunst sei, die eine Frau erlernen müsse. Aber sie hütete sich es zu verrathett.

„Da kommt meine Gürtelmagd zu.ück,“ sprach sie ausstehend. „Und horch! schlägt es nicht schon zwöls Uhrd Richtig! aus der Frauenkirche beginnt das Mättttleinlansen.“

Die große Uhr ant Giebel der Kirche schlug die Mittags- stttude und trieb aus Kupser geschmiedete Pfeifer und D.ommler und die sieben Kurfürfteu des Reiches auf ein steinernes Chöaein hinans, allwo der Kaiser Karl der Vierte, der einsage Schützer und Förderer der Stadt, thronte, var dem sie sich verneigten. Mit dem zwölsten Schlage schnarrte gravitätisch der Herald als der letzte im Znge in das Uhrgehäase zurück, und zugleich drehte sich Herr Ratmuud wie ein Kreisel in das Speisezimmer, wohin ihn sein Frauchen gedrängt hatte, aus daß der gebratene Anerhahn, den die Köchin mit einem gehämmerten Sode attftrng, nicht kalt werde.

„Wir speisen heute zu so voruehm später Stnnde wie der König von Frankreich,“ schäkerte sie. Vevor sie ihm aber solgte, zog sie die Dhür noch einmal zu.und trat zu ihrer Magd.

„Kommen sied“

„Alle,“ erwiderte die Magd.

„Es hat dach kein sremdes Ohr nnser Geheimniß erlauschtd“ sragte die Gebieterin gespannt.

„ Keines!“ versicherte die Dienerin.

„Die herbe Ursel wird dach nichts von unserem Fürhaben

erfahrend“ meinte die Ratmnudin besorgt.

Die Magd schüttelte pstsstg den Kaps.

„Ich bin deshalb nit über den Panierberg gegangen, sondern durch die Hinterpsorten in die Geschlechterhänser, welche von dem Erbhans der gestrengen Jungsran aus gesehen werden können.“

„Das war brav,“ labte die Frau. „Du darsst Dir zur Velahuung mein Brusttuch mit der gekuüpften Varte nehmen. Drage es fander Fnrcht! Ich zahle die Strafe, so die Kleider- vrdnattg auf die Haffahrt fetzt. Die hachmögenden Herren dürfen sich schan daran gewöhnen, daß ihnen Dratz gebaten wird. - Ran hale mir vam Lebküchler Hanigknchenwecklein , gefüllt mit füßeü Feigen und Mandeln! Dann nimm die filberne Kanne dart vattt Kandelbrett und laß sie Dir im Keller mit Malvaifier füllen! Richte mein Gemach, dieweil wir zu Mittag essen!“ - -

Die abwärts steigende Sonne warf lange Streiflichter über das branne Halzgetäfel des Frauengemachs, als die Gäste sich versammelten.

Die ersten, die da kamen, waren die Imhastschen, eine würdige Matrone mit ihrer erblühenden Dachter. Sie nahten mit leisem [491] 

Rasseltt und Klirren, wie arme Gesangene. Doch waren die Ketten von Gold und Silber und legten sich um Hals und Schultern. Anch hatten sie schwere Mühe, mit ihren schleppenden. Damaströcken über die hohe Schwelle zu gelaugen, aber sie vollbrachten das Stücklein ohne Unsall. Ans dem Haupte trugen sie beide, wie die Rot- muudin jenen Kopsschmnck der Geschlechterinnen, welcher „Stnrz“ geuauut wurde, es war ein dichtes, weißes Gewebe, das über die Stirn herabhing und sich um das Gesicht schlang. Rnr die Augen schanten aus dem Spalt herans - bekümmert, von sorgen- vollen Falten nmgeben die der Mntter, still und wie in sich ver- sanken die blauen, von langen blonden Wimpern umsänmten Augen der Tochter. Rach der Begrüßung lüsteten sie die Schleier.

Die lebhaste Rotntnndin hatte allezeit eine ärgerliche An- wandlung, wenn sie Elsbeth's rosiges, aber allztt unbewegtes Antlitz erblickte, und wie immer, snchte sie auch heute nach einem Mittel, das kühle Vlnt der jungen Patrieierat endlich einmal in Wallung za bringen.

„ Setzet Ettch in das Chörlein!“ sprach sie zu ihr mit süßem Vlick. „Da habt Ihr ein artiges Gegenüber an dem Herrn Wilhalm Haller. Was wäre lieblicher in dieser schönen Welt, als ein Angen- spiel zwischen einer holdseligen Iaugfrau und einem feinen Innkere“

„Solches würde sich für eine tugendsame Jungsrau nimmer geziemen,“ antwortete Elsbeth mit einer Stimme, die ruhig und aatheillos klang, und dabei nahm sie wohl den ihr zttgewiesenen Platz ein, saß aber so steif dem Hanse gegenüber, als sei sie eine schöne Weihnachtsdocke.

Die Mntter dagegen settszte und sagte zu.der Rotmnndin .

„Ihr seid allzeit guten Mttthes, liebe Muhme, und scheint Euch leicht in die neuen, schlimmen Sitten zu.fügen.“

„Schlimm find sie halt tat, sondern sürtrestach,“ antwortete die Rotmnndin.

„ Fürtressach?“ ries die Imhostn empört. „Könnt Ihr es gut heißen, wie der Wilhalm Haller gegen uns einher fährte Wenn das sein Vater - der allmächtige Gott möge seine arme Seele pstegen imnter und ewiglich ! Amen ! - erlebt hält' ! Der hat immer gemeint. .Die Clsbeth halt' ich hoch, wird einmal eine brave Hausehre werden.^ Und der Wilhalm war einverstanden. Wenn er auch nimmer um sie herum gegirrt hat gleich eiuem ver- liebten Tauber, sondern sich zu.ückhielt, wie es wohlanständig ist, so hat er ihr doch, bevor er im vorigen Jahre auf Reisen ging, alle Hnld erwiesen. Veim Messerertanz machte er ihr Platz unter dem Volk, daß sie die künstlichen Gänge, so die Messerschmiede mit den Schwertern anssührten, genan beschanen konnte, und lenchtete ihr dann sitaam mit der Fackel heim.“ .. '.^.

„Und hat er ihr auch aus der Ferne Liebesboten gesendete Sind Vrieslein zwischen dem Paare hin und her geslogene“ fragte die Rotmnndin.

„Cinmal kam Votschast von ihm, da er in Venezia war,“ berichtete die Frau Imhostn. „Unter den Waarenballen und Rech- nungen, die er an feinen alten Vnchhalter schickte, war ein Vrief- lein, darin er der Clsbeth zu ihrem Ramenstage Glück wünschte und von dem neuen Firlesanz, den er dort gesehen hatte, schier verzückt erzählte. Anch die Clsbeth hat darauf ein Schreiben an ihn abgefendet. Es war wohlgestalt in Anrede und Danksagung. Sie hat darin ansgezählt, wie sie gewachsen sei in mancherhand Geschicklichkeit, wie viele Faeinetlein sie ausgenäht und wie sie die Pastete zu backett erlernt habe, die er so gern ißt. Der Imhof hat den Vrief dantt durchgesehen, und sie hat ihn abgeschrieben sein sänberlich, Fran Vas!“

Die Rotmnndin wandte sich an Elsbeth.

„Und habt Ihr dem wohlgeftalten Brief auch ein zärtlich Wörtlein beigefügt, das Euer Herr Vater nit erst durchgesehen und in eine künstliche Form gepreßt hate Oder wenigstens eat Vergiß- meinnicht in den Schnörkelzu. der Unterschrift e“

„Ihr scherzt,“ antwortete Elsbeth rnhig. '„Welche ehrbare Geschlechterist würde so leichtfertige Geckerei übene“

„O du Abbild der Etmalt!“ dachte die RotSnnStdin. Rein,“ sagte die Mütter, „es war ein Schreiben, an desn der stressgste Merker nnserer Meistersinger keiness Fehl hätte stssdest können. Dennoch hat der Wilhalm seitdesn geschwiegen, auch jetzt

SSoch Snit keinem Schritt nnser Hans betreten.“

„Ich kann snir sürstellen,“ dachte die Rotmnudin, „daß ihn nimsner vertaugt, den langweiligen Dugendspiegel anzuchatten.“

„Ach, das Mannsvolk ist doch eine wahre Schickung für

uns Weiber,“ klagte die alte Imhostn. „Wenn sie uns .mögen, müssen wir ihnen nnterthan sein, mtd wenn sie uns nit mögen - v je t dann erst ! Wenn i nur wüßt', ob desn Haller - die aller- feagste Jungfratt mög' es verhüten! - der Berfprnch leid wäre. Wenn i nur wüßt'!“

Sie fenfzte ties aus und wischte sich dess Schweiß von der

Stirst sssit einem Marderfellchen, das, mit rothem Sastan gesüttert,

snit goldenen Krallen und Zanm versehen, an einer kostbaren Gürtelschnnr hing.

„Wie köntst Ihr nur also reden, Fran Mntter!“ sagte Els- beth fast vorwurfsvoll. „Ich kestne dess Wilhalsss, brav ist er, und sein Wort wird er halten. Derohalb aber, daß er so lange

Zeit versäumt SSSSd Euch so in VekümmerSSiß versetzt hat, wolleu wir ihsn Vorhalt thun, sobald er koSSSmt.“

„Vorhalte“ lachte die Rotsnundin und sah sie fast mitleidig

an. „Ihr schant drein, als säßet Ihr aus dem Richterstnhl, den Haller zu vernehmest gleich einesn armen Sünder. Setzt Euch ihm lieber in's Herz! Von da aus regiert sich's leichter.“

„Wenn er nur überhanpt kotnmt!“ seuszte die Mutter. „Denkt nur, was uns geschehen ist! Den Tag nach seiner Ankunst. fügten es die heiligen Rothhelfer, daß wir uns in der Hirschelgasse vor dem türkischen Hanse der Tncher begegneten. Wir wollten die fange Tncherin an Kindbett besnchen, und der Wilhalm kam vom alten Herrn , der ihn nach Venedig und Angsbnrg gar wohl empsohlen hat. Ich dachte, er würde uns srendig begrüßen, aber er wandte das Haupt hinweg und ging an uns vorüber. Er machte ein Gesicht - Gott verzeih' mir die Sünd' ! - als sei ihm eine Kröte über den Weg gelausen.“

Die Rotmnndin hatte ananerksam zu.ehört. „Drugt Ihr

vielleicht die Stürze aus den Köpsene“ sragte sie spitz.

Die Imhostn starrte sie verwnndert an. „Würden wir ohne

sie ausgehen e Was denkt Ihr von nnse“

„Daß Ench recht geschehen ist,“ entgegnete schars die Rot- mundin. „Wenn eine Mntter ihrer Dochter einen Kopspntz anf- fetzt, aus dem sie heransschant wie aus einem geplatzten Kürbis, tnag sie sich nicht wandern, wenn selbige gleich einem Unhold ge- stohen wird. Doch tröstet Euch, Frau Vas! Auch Euch wird heute eiste srohe Votschast verkündet werden. Jetzt laßt nsts die Fran Schnltheißin begrüßeu!“

Die stattliche Frau schritt stolz über die Zimmerftufe. Hinter ihr ging ihr Page ssnd trng ihr auf beiden Armen die schwere Damast- schleppe nach. Dann zog er sich in den Hansslnr zu.ück, wo die Diener von der Varbaraköchin mit Meth bewirthet wnrden. Reue Gäste kamen, die Pstnzingin und Tncherin, die Vehaanin und Holzschuherin, und wie alle die großen Patrieier hießen.

Rach einer kurzen Weile saßen sie plaudernd um die Tische und naschten von den Leckereien, welche die Gürtelmagd bot. Die jüngeren schäkerten an Erker, unter welchetn den Jungsrauen zu. Angenweide bald ein Männleinlansen anderer Art entstand, als das aus der Frauenarche. Eitle Innker drehten sich in kürzen Röcken, deren seidene Aermel so lang über die Kniee herab- hingen, daß die Veatrir. Schreher tneinte, sie glichest den Ohren des Helfantthieres, das aus dem letzten Markte in einer Schan- bnde zu.sehen svar, übermüthige Chorherren sprangen in gold- gestickten Schnhen, riesige Varette aus den Köpsen, zierlich über die Schrittsteine, und auch der junge Mönch zog den Geißelftrick ' fest über der feidenen Kntte, um seine schlanke Taille zu.zeigen.

Da erhob sich ein Krach gegenüber, die geschästigen Maurer und Zimmerlente stießen ein Stück Fensterwand im Haller'schen Hanfe ein.

„Heilige Jungfratt, bitt' für uns!“ schrie es im Chörlein aus, tvährend die Franenknechte drnttten bor dem stiebenden Kalk die Flacht ergristen.

„Schant!“ ries die alte Imhostn, „jetzt haben sie den heiligen Floriast auf die Gaffe geftürzt, der sssit seittent Sprüchlein . .Schütz' snein Hans, zünd' eiss andres an !'^ seit JahrhtSStderten das Gebän vor Fenersnoth bewahrt hat. Gedenkt der Wilhaltn das Hans seiner Väter aus dest Kops zu.stellen e Den Heiligen wirft er hinaus, aber beim Meister Vischer Svird eist Vrnnnen für ihn ge- gostess, aas desn ein schamloses Weibsbild steigt.“

„Es ist die Frau Venns,“ berichtigte die DncheriSS.

„Ein Rame ist kein Gesvand,“ verwies sie die Imhostn

„Er will sein HaSSs herrichten, wie es jetzt im Land Italia bräuchlich ist,“ erklärke die DncheriSS, „mit schstnrgeraden Fenster- reihen, weiter Eingangsworte und breiten Treppen.“ [492] „Das mag für das Land Italia sich schicken,“ haderte die Fran Imhofin, „aber bei uns wird’s ein Zugloch werden, und der Haller wird die Gicht bekommen. Das hat er dann von seiner Unrast.“

Während die anderen Gäste mit leisen Ellenbogenstößen sich zu verstehen gaben, daß sie wohl wußten, um welcher Ursache willen die Imhofin dem Haller aufsäßig war, blieb Elsbeth stumm. Sie hatte keinen Schrei ausgestoßen wie ihre Gespielinnen. Nur verwundert, als traue sie ihren Augen nicht, blickte sie nach dem Hause hinüber, das jetzt der junge Haller im dunklen, mit Marder verbrämtem Wams verließ.

Einen forschenden Blick warf er zu ihr herauf. Er wollte wohl aus ihrem Antlitz lesen, ob sie Sorge hegte, des versprochenen Bräutigams verlustig zu gehen. Statt dessen stand ein schier albernes Staunen darauf geschrieben. So mußte er deutlicher werden. Er wandte, ohne zu grüßen, seine Augen ab und bot Herrn Rotmund die Tageszeit, der seine Steintreppe herabstieg. Dann schritten sie selbander über den Herrenmarkt.

Die Rotmundin schaute ihnen nach. „Wenn der Franzel,“ sagte sie, „sich doch auch kleiden wollte wie der Haller! Sieht er in seinem grünen mit roth gepufften Wams nicht aus wie ein bunter Sittig neben einem edlen braunen Falken?“

„Ihr verunglimpft den Haller,“ meinte Elsbeth, „wenn Ihr ihn einem so wilden Vogel vergleicht, der nur mit Hunger zu zähmen ist.“

„Ein tüchtiger Mann liebt es,“ erwiderte die Rotmundin, „wenn die Schnabelweide, die er begehrt, schwer zu erringen ist. Je höher sie hängt, desto werther wird sie ihm.“

Jetzt hatten die beiden Männer den Weg nach dem Rathhause eingeschlagen. Da rief die Rotmundin ihrer Gürtelmagd zu: „Stelle jetzt die Leckerlein zur Ruhe! Geh’ vor die Thür und hab’ Obacht, daß uns Niemand belauscht!“

Dann erhob sie sich und begann feierlich zu den aufhorchenden Frauen zu sprechen:

„Liebe Muhmen und Basen, Freundinnen und Gevatterinnen! Es ist Euch bewußt, in welch kläglichem Zustande sich das hiesige Frauenvolk befindet. Während überall dasselbe sich schmücken darf nach seinem Gefallen, werden wir allhier seit unvordenklichen Zeiten verunziert mit einem Kopfputz, so ‚Sturz‘ genannt wird. Als Tochter einem der Geschlechter angehören, heißt so viel, wie zum Unglück geboren sein; denn also huckt sich das Scheusal auf ihr Haupt und läßt nur die Augen herausschauen, damit sie an den Leidensschwestern sehen mögen, welch ungefügen Anblick der Sturz der schönsten Frau verleiht. In dieser Sorge hab’ ich mich gen Augsburg gewandt, wo die Frauen allen Weibsbildern des heiligen römischen Reiches deutscher Nation voranstehen in Zierd und Anmuth. Und heut’ hab’ ich die Frucht meines muthigen Unterfangens geerntet. Ich hab’ Euch berufen, auf daß Ihr Euren Antheil daran erhaltet. Wohlbedacht hab’ ich die grämlichen Alten daheim gelassen und nur die Frauen gewählt, die gleich mir erkannt haben, daß eine edle Seele lieber in einem hübschen Gehäuse, denn in einem abschreckenden wohnen mag. Liebe Elsbeth, erhebt Euch vom Fensterlädlein! Ihr hütet, gleich einem Lintwurm, unseren größten Schatz und einzigen Trost.“

Die Rotmundin klappte den Sitz auf und enthob der Lade ein wunderbares Gebilde. Sie las die getrockneten Zweige des wohlriechenden Krautes Botris davon ab, welches vor Motten schützen sollte, und stellte es auf den blank gebohnten Tisch.

Das Gebilde trug die Gestalt eines spitzen Thürmleins, war aus schwerem schwarzem Goldstuck gefertigt, mit Perlen gestickt, und von seiner höchsten Spitze, aus welcher edle Steine und rothes Gold gleißten, schwebte ein langes Schleiergewebe herab. Es war die neueste Augsburger Haube.

„Sie kostet mich zwanzig Gülden,“ rühmte die Rotmundin, „ohne die sechshundert Perlen und ebenso viele Goldknöpfe, mit denen der Schleier verziert ist, und ohne die großen Perlen, die den Rand des Häubleins einfassen. Auch die Kleinodien im Mützendeckel habe ich dazu geliefert aus meiner Schmucklade. Seht, die Karfunkelsteine stellen die neue Blume dar, die man nach der Sonne benamset.“

[505] Athemlos drättgteu sich die Fronen heran. „So schön habe ich mir die Haube nicht gedacht,“ stüsterte es ringsumher.

„ Gelte“ lachte die Rotntundiu. „Wohlan, wir setzen auch solche Hauben aus.“

„Das wird nimmer erlaubt vom Rath,“ senszte Felizitas Holzschnheriu.

„Das wollen wir wohl sehen ,“ dränte die Rotmnndin. „Hört erst, was meine Frau Bas, die Langmantelin in Augs- bttrg, schreibt!“

.Sie zog ein Papier aus der Gürteltasche und las.

„ Gelobt sei Gott und die heilige Jungsratt Maria, seine Mntter, daß sie mich von der Sorge erlösten, die ich für Dich getragen habe! Bin schier bös aus Dich gewesen, liebe Rotmnndin, daß Du mich durch den geheimen Boten und den tmgebärdigen Brief so erschreckt hast, bis ich herausbuchstabiert habe, daß Dir nichts sehlt als eine hübsche Haube. Gleichwohl kann ich den Nürnberger Franensbilderm nicht verübeln, daß sie der unhold- seligen Stürze entledigt sein möchten, denn auch wir Augs- burgeaunen haben uns vordem durch dieselben hochbeschwert ge- fühlt, bis Kaiser Maximilian, dem Gott eine gnädige Urständ verleih, uns davon besreit hat. Richt umsonst hat er sich den Bürgermeister von Augsburg genannt. Er ist wie ein wahrhafter Vater der Stadt seinen Döchtern zu.Hülse gekommen und hat vorgebeten beim Rath, daß wir die Schenchen ablegen dnrsten. vielleicht senden Ench die Heiligen auch einen Fürsprech, wenn Ihr sie sein darum bittet. Stellet Euren Herren einmal mit ^anflmnth vor, daß es zu ihrem eigueu Besteu ist,. wenn die Leiber und Jungsrauen anmnthig anzuschaueu sind ! Die Heiligen wögen nach davor behüten, daß ich die Schlangin werde, welche die Cvastöchter des hochberühntten Rürnberg mit einer verbotenen ^ Frucht versucht, sedennoch schicke ich Dir die neueste Angsbnrger Haube. Gehab .^ich wahl und schreibe mir, wenn auch die anderen Fratten aus den Geschlechtern Begehren tragen sollten nach dem anmuthigen Hanptschmnck. Meine frenndlichen Dienste sind Ench allezeit zuvor!“

„Enre Frau Bas ist eine gelehrte Fran, daß sie so schreiben k'mn,“ meinte die alte Imhostn kopfschüttelnd. „Wenn i nur roaßt, ob es gnt ist, daß die Weiber itzo statt der Spindel die Feder führen.^ Hätte mich auch von Ench eines Andern versehen, Fran Rotmnndin.“

Aber die Rotmnndin entgegnete scharf.

„Wer in der nenen Welt leben will, muß sich in die mnen Menschen schicken. Gedenkt Ihr Enre Tochter mit Spindel und Sturz auszustatten , so wählt den alten Kriegsschreiber zum Schwiegersohn, der noch immer Schnhe trögt, deren Spitzen bis an die Kniee herans reichen ! Od^r sie wird sitzeu bleiben wie die herbe Ursel.“

Die alte Imhostn verstummte über den Kriegstreiber, dem sie selbst ihrer Zeit einen Korb gegebeu hatte.

Die anderen Fraueu blickten unverwandt aus die ueue Haube und riesen.

„Was sollen wir thun, Frau Rotmuudiue Wir gehen für das wnnderseine Hänblein durch's Feuer.“

„Da wir keiueu Kaiser Mar.el zum Bürgermeister haben“ erklärte die Rotmundin, „so müssen wir selbst Sturm lausen gegen einen ehrbaren Rath. Bitten müssen nnsre Sturmleitern sein, Keisen nnsre Feldschlangen, der heiße Wasserschwall ttns.rer Dhrätten muß sie begießen oder ein kaltes Stnrzbad ihnen klar machen, daß auch wir ein Herz haben, welches sich nicht fede Frende abschneiden läßt, denn so in Lieb und Güt, wie meine Angsbnrger Bas denkt, wird's nimmer abgehen. Sie kennt die harten Rürttberger Köpse nit, meint halt, alle Männer seien wie die ihrigen, die in Welschland seine Sitte gelernt haben. Dann ntüffen wir eine Bittschrift an den Ralh schickett, dieweil sonst die Herren die Ansflncht machen, das gemeine Wesen wisse nichts von der Sache.“

. „Wer soll uns die absassene Die Schreiber werden sich hüten, in dieses Wespenneft zu.stören. Mein Herr hält sie in scharfer Zncht,“ meinte nachdenklich die Schnltheißin.

„Wir sind das Wespennest, und der Rath mag sich hüten, uns zu.verstören,“ verkündete, trotzig mit dem Fnße ansklappenb, die Rotmnndin, „und wir braucheu keine surchtsamen Schreiberlein. Hier habe ich die Bittschrat ausgesetzt , ich sürchte mich weder vor meinem Herrn noch vor dem Emen. Ihr braucht sie nur zu nnterschreiben.“

Sie breitete einen Bogen, der mit krästigen Bnchstaben be- man war, aus, und Eine nach der Andern trat heran und setzte ihren Ramen darnnter. Einzelne malten auch nur drei .Krenze hin, zu.denen die Rotmundin die Erklärung sügte.

Elsbeth machte große erstannte Augen zu.alledem. Jetzt reichte die Rotmnndin auch ihr den Gänsekiel. Aber sie barg die Hand in den Falten ihres rosinsarbenen Rockes und sprach.

„Warnm soll ich mir selbst die Schmach anthnn, b^ß ich

'^t [506] den Rath bitte, mich des Geschmucks zu berauben, den meine Mutter und Großmutter als eine Ehrenkrone hochgehalten haben?“

„Weil Ihr nit Eure Großmutter seid,“ antwortete ärgerlich die Rotmundin. „Wollt Ihr allein mit dem Scheusal auf dem Haupte dasitzen, während wir schöne Häublein tragen? Hütet Euch, daß Ihr nicht die alberne Els genannt und der herben Ursel zugesellt werdet, die auch noch schön sein könnte, wenn sie sich nicht so altfränkisch kleidete! Sie hält sich stattlich, wie die Markgräfin von Brandenburg, wenn sie von der Cadolzburg hereinreitet. Ihre Augen sind schön, und ihre Haut ist glatt, wiewohl sie sich schon dem Schwabenalter nähert. Aber sie hat doch keinen Ehegesponsen bekommen und mag leicht eine alte Jungfer werden. So wird auch vor Euch den Männern grauen, zuerst einem solchen, der gern davon erzählt, wie die Frauen in Hispania, Welschland und Frankreich meisterlich verstehen, die Männer zu berücken.“

Die alte Imhofin schlug ein Kreuz:

„Die heilige Jungfrau behüt’ uns vor solchen Teufelskünsten!“

Elsbeth’s Brauen hatten sich gesenkt. Sie schaute zum ersten Mal nicht träumerisch aus, sondern unwillig, wie Eine, die unsanft aus süßem Schlummer geweckt ward.

Die Rotmundin lächelte und bot ihr auf’s Neue die Feder. Elsbeth aber schritt stumm zur Thür.

„Wo wollt Ihr hin?“ fragte die Rotmundin.

Sie schwieg. Da rief die alte Imhofin:

„Elsbeth, maule nicht! Du bist kein Kind mehr. Du bist eine erwachsene Jungfrau.“

„Bin mir dessen wohl bewußt,“ antwortete Elsbeth. „Und darum will ich nimmer dabei sein, wenn Frauen sich verschwören gegen ihre eigene Ehre und prängisch sein wollen, gleich welschen Teufelinnen.“ Schon hielt sie den blitzenden Messinggriff der Thür in der Hand.

Da trat ihr noch einmal die Rotmundin in den Weg.

„Wollt Ihr Euch etwa zur herben Ursel begeben und ihr unsren Handel erzählen, damit sie Schultheiß und Rath in allem Götzendienst stärke, den sie mit der alten Zeit treiben, und unser armes Häublein zur Stadt hinaus hetze? Erinnert Euch, es war eine geheime Berathung heute, wenn wir Euch auch nicht erst das Wort abgenommen haben zu schweigen!“

Die Jungfrau sah sie verächtlich an.

„Ich bin die Elsbeth Imhofin,“ antwortete sie, „und keine schwatzhaftige Stadtfraubas.“

„Auch die Dummheit ist zu was gut,“ dachte die Rotmundin.

Die alte Imhofin raffte ihren schweren Rock empor und folgte der Tochter.

„Wir wollen halt gehen, Frau Rotmundin,“ seufzte sie, „daß wir einmal über den Entschluß schlafen.“ Und als sie das Gemach verlassen hatten, fuhr sie fort. „Wenn i nur wüßt, wie man’s hindern thät, daß zwischen der Rotmundin und uns aus Eintracht Zwietracht wird!“

Elsbeth richtete sich schroff auf.

„Was kümmert uns, wie die Frau von uns denkt, deren Sinn unstät ist wie ein Wandelstern?“ sprach sie. „Wir haben Recht und Gesetz auf unserer Seite, das sind die sichersten Gefreunde.“

„Laßt sie laufen!“ rief die Rotmundin, als Elsbeth die Thür hart hinter sich zugedrückt hatte. „Sie ist wie ein stätischer Gaul.“

Die Frauen wandten sich schnell wieder dem Häublein zu.

„Möchte es wohl einmal aufsetzen!“ rief die eine.

„Ich auch! Ich auch!“ erschallte es im Kreise.

Die Stürze flogen herab, und die neue Haube begann die Rundreise von Kopf zu Kopf.

„Wie muß man sie rücken? Steil auf den Scheitel?“

„Nein, ein wenig nach hinten!“

„Den Schleier vor das Gesicht?“

„Heilige Jungfrau, Ihr setzt sie verkehrt auf. Der Schleier muß über den Rücken herab fliegen. Hier ist mein Handspiegel.“

„Eia, wie wunderfein!“

„Nun ich! Nun ich!“

So summte es durch einander.

Da riß plötzlich die Gürtelmagd die Thür auf.

„Der Herr ist wieder daheim.“

Als ob der Habicht über ein Hühnervolk gekommen sei, so flüchteten die Frauen wieder unter ihre Stürze und schauten dann klagend aus dem Spalt einander an.

Die Rotmundin barg den neuen Kopfschmuck in der Lade. Dann trat sie vor dieselbe und rief.

„Die Augsburger Haube oder ein Zetergeschrei! Das ist unser Losungswort.“

Die Stürze ringsum nickten so kräftiglich, als seien sie schon dem Sturze nahe, und mit feierlichem Handschlag nahmen die Frauen Abschied.

Als sie fort waren, trat Herr Rotmund bei seiner Frau ein. Sie kam ihm lächelnd entgegen und schmiegte sich an ihn wie ein buckelndes Kätzlein.

„Hat mein Herr fleißig regiert? Gewiß könnt Ihr nun bald sagen: ‚Nürnberg vor Augsburg!‘“

„Woher weißt Du davon?“ fragte er vergnügt. „Ist es denn kein Geheimniß mehr, weshalb heute die geheime Rathssitzung war? Wenn Du’s denn schon weißt, will ich’s nur sagen: Wir bekommen auch Fürstenbesuch wie die protzigen Augsburger. Der Bruder des Kaisers Carolus, Erzherzog Ferdinand, kommt gen Nürnberg und wird unser Gast sein.“

Das rosige Antlitz der Frau Rotmundin leuchtete auf.

„Der junge Erzherzog kommt?“ rief sie frohlockend.

„Mit vielen Fürsten, Bischöfen und großem Gefolge,“ antwortete zufrieden ihr Eheherr, „wohl zweihundert Helme stark. Auch seinen berühmten Hofnarren bringt er mit.“

Die Rotmundin nahm eine wichtige Miene an.

„Da wird sich der Rath den Kopf zerbrechen müssen, auf daß Nürnberg nit gegen Augsburg zurückbleibt, welches an Fürstenbesuch gewöhnt ist wie an das tägliche Brod.“

Herr Rotmund hob stolz das Haupt.

„Das macht unsrer freien Reichsstadt noch lange kein Kopfzerbrechen. Wir wollen seiner fürstlichen Durchläuchtigkeit zeigen, wie es um unsere Macht und Herrlichkeit bestellt ist. Alle Bürger werden ihm in Wehr und Waffen entgegenziehen, zur Augenweide und zum Exempel für Jedermann, der etwas wissen will. Ich habe mich schon mit einigen ehrbaren Gesellen berathen; wir wollen uns beim Einholen auf husarisch kleiden, am linken Arm das Tartschlein, den Spieß mit einem Fähnlein in der rechten Hand. Der Schneider, der mir den Rock dazu machen soll, ist schon bestellt.“

„Und wir halten einen Geschlechtertanz,“ rief Frau Rotmundin, „denn solch junges Blut, wie der Erzherzog ist, tanzt gewiß gern. Und dazu bekomme ich eine neue Haube,“ sie streichelte ihrem Eheherrn die Wange.

Herr Rotmund sah verlegen nach der andern Seite.

„Du hast Stürze in großer Anzahl, willst Du aber einen neuen haben?“

Sie zog in bedrohlicher Weise das Nastuch aus der Gürteltasche.

„Dir bestellst Du einen bunten Rock, Tartschlein und Fähnlein, und mir willst Du eine Dornenkrone aufsetzen?“

„Führe keine vermessenen Reden!“ warnte ihr Eheherr salbungsvoll. „Der Sturz ist die Auszeichnung für die Geschlechterinnen; er ist das Symbolum der Ehrbarkeit und Würde, und an der guten alten Sitte darf nicht gerüttelt werden. Sind die Zeiten doch so schwer genug. Der Stuhl des heiligen Vaters wankt unter den Angriffen des Wittenberger Mönches, die Fürsten sind uneins, der gemeine Mann ist aufstutzig. Statt die Stützen und Stäbe, welche unsre weisen Vorväter vorsorglich errichtet haben, mit eigener Hand niederzureißen, sollteu wir in uns gehen und Buße thun. – Wo willst Du hin?“

„Deine gehorsame Magd will Buße thun, wie Du gesagt hast,“ entgegnete die Frau, einen grünlich schimmernden Blick ihm zuwerfend, während sie Rosenkranz und Gebetbuch aus dem Schrein nahm. „In St. Sebald hört Pater Aloysius noch Beichte. Jetzt in der Dämmerung ist’s am andächtigsten. Er hat eine sanfte Stimme, sein Haar duftet wie Zibet, und seine schöne Hand, die er uns zum Kuß reicht, schimmert weiß im braunen Beichtstuhl.“

„Laß mich aus mit dem Pater Aloysius!“ rief Rotmund, sich verzweifelnd in die Haare fahrend, daß die kleinen silbernen Spieße, mit denen seine Locken durchstochen waren, zu Berge standen. „Alles verdrehte Weibsvolk ist versessen auf ihn.“

[507] „So will ich morgen mit dem Frühesten zu.dem Pater Chprianus in die Predigerkirche gehen ,“ schlag Fran Rotmundin vor. „Er steht recht stattlich aus in seiner weißen Dontittieaner- kutte und wird mir gewiß Droft zu.prechen, wenn ich ihm mein Leid über Herrn Rotmnnd klage.“

..Untersteh Dich nicht!“ drohte ihr Mann erschrocken.

..Oder zu.den Barfüßern d Oder in das Schottenklofterd“ fragte sie mit nnschnldigen Augen.

„Die Mönche find insgefammt böfe Würmer,“ fprach Herr Rotmnnd mit gepreßter Stimme.

„ Armes Männlein,“ beklagte ihn sein Ehegefpons und streichelte den gesträubten blonden Varl glatt, ..was hast Du für morsche Stützen und Stäbe von Deinen ehrwürdigen Vorvätern ererbt! Die Stürze sind nicht mehr werth wie die .Mönche.“

Herr Rotmnnd ösfnete den Mnnd, sie schloß ihn mit ihrer weichen Grübchenhand.

..Sei gut, Franzel! Laß mich die neue Haube nach der Augsburger Art anffetzen ! Du bekommst auch morgen Spargel in Wein gefotteu mit Butter und Effig. Vou uuferer Meierei draußeu in Gosteuhof hat der Gärtner einen Kober voll geschickt.“

Er feufzte tief.

..Uud wenn ich Dir auch die Erlaubuiß geben wollte, es ist ja gar kein solcher leichtfertiger Dand allhier zu.haben.“

„Was das betrifft,“ lachte Fran Rotmundiu und lief nach der Fensterlade. ..ein Häuble hab' ich schon.“

Driutttphirend schwenkte sie den slimmernden stotternden Hanpt- schmnck ihrem Eheherrn unter der Rase.

Herr Rotmund starrte entsetzt darans hin.

..Dhue sosort das schamlose Ding von Dir!“ sagte er zorn- roth und suchte ihr den Putz aus den Händen zu.nehmen.

Aber tapser. wie der Fähnrich seine Fahne, verteidigte die ^ran ihre Haube. Sie wars ihr Gebäude ab, drückte sich das schimmernde Spitzdächlein über die lichtbranuen Locken, saßte zierlich den Schleier und zog ihn in anmnthigem Bogen über die Schulter unter das Kinn. Dann trat sie vor ihren Herrn und lächelte ihn mit ihren Schelmengrübchen an.

,.Bin ich nil hübsch d“ sragte sie.

Herrn Rotmnnd gelang es nur mit großer Gewalt die Augen von ihr zu weudeu.

..Und wenn ich auch wollte, nur der gesummte Rath hat darüber zu eutscheiden,“ stammelte er.

„So versprich mir, daß Du helfest willst, uusere Sache durch- stthreu!“ bat sie.

Herr Rotmund sah verstört umher.

,.Da ist der Schreyer und der Pstuziug und der Holz- schuher -“

..Die werden schou mürbe werden.“ tröstete sie. „Aber was wird die herbe Ursel sagend“ mnrmelte er. ..Ist Dir die böse Hant lieber als Dein armes Weib d“ sragte sie wehmüthig.

..Rein - so - nein , es geht nicht,“ stöhnte Herr Rotmnnd in Verzweiflung.

Eitt lauter Schrei antwortete ihm , die Rotmuttdiu schwaukte. Ihr Eheherr wollte ihr zu Hülfe kommen, aber sie fpreizte die Finger gegen ihn, als kämen Krallchen aus den weichen Sammet- händchen hervor.

Die Gürtelmagd stürzte herein, und nun fank die Rotmmtdiu tveiueud zufammett.

„Es ist mein Dod. Bringe mich zu.Bett. Rein, anfftehen kann ich tat. Reitt, Herr Rotmnnd soll mich nit anfaffett, nimmer, nimmer! Rnf' die Barbaraköchitt !“

Die beiden Mägde trngett sie in die Schlafkammer. die kleine Leiter hinanf, welche an die mit Pfühlen hochgestellte Bettstatt ge- lehnt war, und legten sie auf ihr Lager.

..Zieht die Borhänge zu.“ wimmerte sie. „Ich kann den Rotmnnd nimmer fehen.“

Der arme Ehemann lief um das schwarz und roth bemalte, reich vergoldete Bettgehäufe herum, das die Gürtelmagd mit den bnnt gewirkten Borhängen an beiden Seiten schloß. Anch sie schob die Unterlippe vorwurfsvoll bis unter das Stnmpfnäschen.

Rotmnnd verfuchte zwar durch die gothischen Fenfterchen zu spähen, welche am Kopfende in der Holzwand der Bettstatt an- gebracht waren, aber drittnen war es so dnnkel wie in fe.iner Seele.

,O weh mir armen Weibe!“ jammerte es herans. „Da

! gehen die steinherzigen Scharhanfe hin und bestellen sich güldne und scharlachne Kleider, und wir fallen fitzen wie der Kanz im Fröschthnrnt. Ach, ich Aermste! Warum hab! ich tat auf den Herrtt Haller gewartet, bis er van Benezia heim kam d Der hätt' mich gewiß gern gefreit, und da dürft' ich auch ein Geschtnnck auf dem Kopfe tragen und fröhlich sein.“

Bei den letzten Worten stand Herr Rotmnnd wie vom Donner gerührt. Dann stürmte er hinaus und warf die Dhür krachend zu. daß das ganze Gemach erbebte, und die kostbaren Emailschalen. die in Gold gefaßten Krhstallbecher auf dem Kandel- brett in's Wanken kamen.

Als die Schanstücke und auch die erschrockne Gürtelmagd ihr Gleichgewicht wieder gefunden hatteu, öffneten sich die Bett- vorhänge, und der Lockeukopf der Rotntnndin lngte herans.

„Rnn geh gleich in die Apotheke, hole Baldaan und laß von der Barbaraköchin ein Dränkle darans bereiten! Untersteh Dich aber nit, den Snd hereittzubriugen ! Meiue Rufe kann ihn nicht ertragen. Wenn's nur im Hans recht darnach aecht!“

Als nach knrzer Weile die trene Dienerin wiederkam, er- zählte sie, in der Apotheke sei ein Gedränge gewesen von den Gürtelmägden aus allen Geschlechterhänfern , die nach Cardo- benedietenwaffer , Dheaak und ähnlichen hochangefehenen Mitteln gernfen hätten, und wären alle in großer Beftürzu.g gewesen, als sei ein Sterbslanf ansgebrochen. Und da sie sich klagend heim- begeben hätten, sei noch von der Bnrg ein Knecht gestürzt ge- kommen, um den Bader zu.rnfen, daß er dem Schttltheiß die Ader schlage.

..Das geschieht den steifen Wockenstöcken schon recht,“ lachte die Rotmnndin. ..Wohlan, Ihr Herren ! Die Fehde hat begonnen. Leib und Leben fetze ich ein für nufer Panier, die herzallerliebste Hanbe. - Rimm das Schaftftück aus dem Tischkasten im Chör- lein und trage es morgen mit dem Frühesten auf das Rathhaus. Es soll unter den wohlweifeu Rath fahreu, wie der Schuß der scharfen Metz von Rürnberg unter verschlafene Söldner. - Dem Wilhalm Haller aber will ich die allererlefenfte Gnnft erweifen, daß der Elsbeth und dem Rotmund vor mir granett soll. Run, gute Nacht! Ich habe eine faufte Ruh wohl verdieut.“

Sie legte sich auf ihr rofiges Ohr und schlief slngs und sröhlich ein. - - -

Als sich am andern Morgen der Rath versammelte, gab es unter den Stadtknechten verwnndertes Kopsschütteln. Es waren doch nur festliche Anordnungen heute zu treffen für den Vesnch des Erzherzogs, und nur hoher Gnadenbezeigungen des fürstlichen Gastes dnrste die Stadt sich gewärtigen, und doch kamen die hochmögenden Herren mit eitel verstörten Gefichtern, drückten sich die Hände so bekümmert und teilnahmsvoll, wie es fonst nur bei Leichenbegängniffen üblich war, und felbft der Schttltheiß, der Herr Ritter von Obernitz, senszte tief auf, während er feinen Degen im Borzimmer ablegte.

Einzig Herr Wilhalm Haller, der Junggefell, sah rnhig aus, so man den hosfärtigen und nnzu.riedenen Zug nicht rechnete, der feit seiner Reife über feinett dunklen Angenbranen brütete.

Als sich die Herren ttttt die grün behangene Tafel reihten, blieben alle Blicke an einem Schreiben hängen, welches auf der- felben niedergelegt war. Mit Schrecken erkanttte Herr Rotmnnd auf demfelben die dicken Striche und Hakett, welche seine Frau Eheliebste dem Papier einzu.erleiben pstegte.

Auf einen Wink des Schnltheißett erbrach und las Wilhalm Haller die Bitachrift, und in seiner Stimme klattg derselbe Trotz und Groll wie aus dem Gesnch der Franen , in welchem sie um Eutledigung der Stürze und um die Erlanbniß baten , die Augs- bnrger Hanbe tragen zu.dürfen. Gleich Steinbildern saßen die Bäter der Stadt um den Tisch. Aber als der junge Rathsherr an die Unterschaften kam, gab es verlegenes Rücken und Räusperu. Da fehlte kaum eine Ehehälfte, kaum ein nafeweises Töchterlein . der ehrenfesten Männer, da war keiner, der nicht wenigstens ein artiges Bäschen unter den Bittstellerinnen hatte. Wilhalm Haller aber rief jeden Ramen so nachdrücklich und laut aus, al^ verbinde er die Sieger beim Ringleinftechen.

„So scheint doch den Nürnberger Frauen endlich ein Licht aufzugehen,“ sprach er, als er zu Ende war.

Werfet nit Alle in einen Tops!“ kttnrrte Imhost Meine Eheliebste hat sich nit unterschrieben und meine Tochter das Hans verlassen, m dem ihr solche Zumnthung gesteckt worden ist.“ [508] Wilhalm’s Augenbrauen zogen sich zusammen. Er bemerkte das Beifallsgemurmel nicht, das dieses kräftige Wort an der Rathsherrentafel hervorrief, denn während er das Schreiben zusammen faltete, dachte er nur daran, wie er die Elsbeth ihren Trotz bezahlen lassen wollte.

„In Augsburg und andern großen Städten,“ entgegnete er, „tragen die Frauensbilder schon lange keine Stürze mehr.“

„Unsre Frauen sind keine hoffärtigen Augsburgerinnen,“ widersprach gereizt Herr Imhof.

„Ihr würdet nicht also reden, wenn Ihr sie kenntet,“ antwortete Wilhalm von oben herab. „Sie sind mit Gebärden so wohl abgerichtet, daß ihre Hoffart wie Demuth erscheint.“

Die beiden Männer schauten sich feindselig an.

Auch der Rotmund warf dem Haller einen grollenden Blick zu.

„Wenn doch Schwefel und Pech auf das prängische Augsburg regnete!“ rief er. „Es ist ganz vom Hoffartsteufel besessen, und der scheint seine Krallen jetzt auch nach unsrem ehrenfesten Nürnberg auszustrecken. Wollt Ihr sein Fürsprecher sein? Habt Ihr etwa die verwünschte Haube mitgebracht, mit der mich mein Weib seit gestern Abend quält? Ist hoch wie der Perlachthurm in der Maximilianstraße zu Augsburg, und ein Schleier hängt daran wie ein Wimpel.“

„Mitgebracht hab’ ich sie nicht,“ antwortete Wilhalm, „aber so wie Ihr sie beschreibt, sieht die neueste Augsburger Haube aus. Ja, die Frau Rotmundin ist immer den Leuten hier voraus gewesen.“

Dem Rotmund gebrach das Wort vor innerer Wuth.

Die anderen Herren riefen:

„Das ist die Haube, von der auch wir seit gestern so viel zu leiden haben.“

„Mein Weib liegt darob im Fieber.“

„Das meine weint unaufhörlich.“

„Sie sind versessen darauf und weder mit Güte nach mit Strenge davon abzubringen.“

So klang es durch einander, und Jeder seufzte endlich tief auf.

Da rief Wilhalm:

„Dem ist leicht abzuhelfen, Ihr Herren. Faßt einen günstigen Bescheid.“

Aber der Schultheiß richtete sein Haupt auf und kreuzte die Füße, wie es üblich für einen Herrn war, der zu Gericht saß.

„Nein,“ sagte er, „und wenn es uns auch das Herz abdrücken möchte, Ehre und Zucht wollen wir nicht sinken lassen. Fällt eine Schranke, so werden bald alle zertrümmert sein. Mit der Kleiderordnung würde die Ordnung der Stände aufhören. Wie sollte ein Gemeinwesen bestehen, in welchem man den Juden nicht mehr am gelben Ringkragen, die leichtfertige Dirne am grünen Schleiersaum erkennt, in welchem das Schellengeklingel des Narren Euch nicht vor seiner Pritsche warnt und der Sturz dem gemeinen Volk nicht anzeigt, daß eine Patricierin naht, der es gebührlich den Weg zu räumen hat? Möchtet Ihr in einer solchen Welt leben?“

„Nein,“ murmelten die Rathsherren.

[521] Der Schultheiß aber fuhr fort:

„Und womit haben die Frauen, welche an der guten alten Sitte festhalten, verdient, daß ihre würdige Kopfbedeckung herabgesetzt wird wie verschlagnes Geld? Ganz zu geschweigen von der Gefahr, welche unsre Frauen laufen, wenn sie sich so mit entblößtem Antlitz den fremden Gästen zeigen! Müssen sie nicht die Zielscheibe werden für die Späße des Hofnarren Seiner fürstlichen Durchläuchtigkeit?“

„Des Hofnarren, Herr Schultheiß? Auch das ist ein veraltetes Wort,“ verbesserte Wilhalm verdrüßlich. „Der Narr großer Herren heißt jetzt: der lustige Rath.“

„O tolle Zeit!“ seufzte der Schultheiß. „Der Narr wird Rath genannt, und die, welche zu Rathsherren berufen sind, sollen für Narren gehalten werden. Aber so weit sind wir noch nicht in Nürnberg. Schreibt, Herr Rotmund, daß ein wohlweiser Rath der freien Reichsstadt mit schwerem Mißfallen den Fürwitz der Frauen wahrgenommen hat, dieselben zur Ehrbarkeit und Zucht ermahnt, auch ernstlich verwarnt, ferner Rotten zu machen, und ihre Bitte abschlägig bescheidet! Von Rechtswegen!“

Da ermannte sich ein ehrbarer Rath und ging zur Tagesordnung über, welche den bevorstehenden Besuch des Erzherzogs betraf. Und nachdem beschlossen war, daß man Seiner fürstlichen Durchläuchtigkeit als römischer kaiserlicher Majestät Statthalter im heiligen deutschen Reich mit besondrer Ehrerbietung entgegenreiten und Hochdieselbe ganz tapfer und ehrlich empfangen wolle, begaben sich die Herren in die Vorzimmer, wo eine bunte Schaar ihrer harrte, welche von den Stadtknechten zusammenberufen war, um Befehle zu empfangen. Da erhielt der Zeugmeister Weisung, seine Büchsen in Stand zu setzen, auf daß ihr eherner Mund dem Erzherzoge kräftigen Gruß zu donnern vermöge, die Stadtpfeifer wurden ermahnt, den hohen Gast lieblich anzublasen; den Fischhändlern ward kund, wie viel Schaff gute Fische sie für die Tafel des Erzherzogs, den Meiern aus den städtischen Vorwerken, wie viel Hafer für seine Rosse sie zu liefern hätten, und bei den berühmten Goldschmieden wurden als Gastgeschenk vergoldete Becher und eine Credenz erkiest.

„Und nun werde ich mich auf die Veste begeben,“ sagte der Rathsbaumeister, Herr Paumgartner, „um dieselbe zu einem schicklichen Losament für Seine fürstliche Gnade herzurichten. Und werde ich die Reimlein noch einmal durchlesen, in welche unser Meister Hans Sachs allen nothdürftigen Hausrath gebracht hat, den Müttern und Vätern, so eine Ausstattung beschaffen müssen, zu Nutz und Frommen. Wofür wäre in Nürnberg nicht gesorgt? Es geht nichts über unsre hochberühmte Stadt,“ schloß er, sich stolz aufrichtend.

„Wollt nicht allzu fest auf diesen Ruhm bauen!“ widersprach ihm Wilhalm. „Mancher ist uns widerwärtig, und ich habe vernommen, daß solche, die unsrer Stadt die Ehre des fürstlichen Besuches nicht gönnen, die Burg für einen baufälligen Säustall verschreien.“

Darob entsetzte sich ein ehrbarer Rath, und Herr Obernitz rief:

„Haben die schwatzhaftigen Neidharte unsre Stadt in ein übles Geschrei gebracht, so wollen wir ihnen das Maul verstopfen. Und meine ich, daß man soll den großen Reichsadler, der seine Fittiche über die Decke des Prunkgemaches auf der Burg breitet, frisch vergolden, damit männiglich erkenne, es ist eine Behanfung für einen königlichen Vogel und nicht für. ein ekles Rüffelthier. Dennoch mahne ich Euch, nicht allzu.hoch und allzu üppig zu rüsten, auf daß nicht die Geschlechter und ehrsamen Bürger in überstüssige Unkosten geführt werden. Was kümmert unfre freie Stadt das Gekläff welscher Hosschwänzlere“

Mannlich und stolz reckten die Rathsherren die Köpfe aus ihren feingeftickten Hemdkraufen empor. Aber als Herr Haller die nene Erstndung des Meisters Peter Hele, das lebendige Rürnberger Ei, welches die Zeit verkündet, aus der Dasche zog und sagte, es sei weit über Mittag, man müsse sich heim begeben, da knickten die stattlichen Gestalten wieder zusammen, und auch dem Stadtschult- heißeu klang die Stimme gepreßt, da er die Sitzu.g anshab. Der Rotmund meinte, er walle zu seinem hnsarischen Aufzug nach die Genaffen werben, der Ebner, er werde sosort seinen Rundgang antreten, die Kanfleute zu dem ..Reiterzug zu eutbieten. Selbft den Imhaf schien es nicht nach Hause zu.ziehen. Er erklärte, er wolle noch heute die Stadtknechte zu den Handwerkern entsenden und ihnen kund thun lassen, daß sie vor dem hohen Gaste unter den langen Spieß treten sollten.

Wilhalm Haller ging allein nach Hanse. In ihm kochte der Groll darüber, daß eine verständige Renerung von den Vätern der Stadt abgewiesen worden war. Wie oft hatte er in der Welt dranßen hören müssen, daß man alles das, was recht hinter der Zeit und nenen, freien Sitte zu.ück war, nach seiner nürn- bergischen Heimath altsränkisch uaunte! Er knirschte heimlich mit den Zähnen, wenn er daran dachte, wie erstannt der Erzherzog, wie spötasch die fremden Herren dreinschauen würden, wenn. sie einritten in das altfränkische Rürnberg, das ihnen erscheinen

'^ [522] mußte wie dem Wanderer die versuukne Stadt, welche in jedem Jahrhundert nur einmal anstancht. Und er sollte alsdann mit der verstocktesten Geschlechterin am Arme umherstolzireu , mit der Elsbeth Imhostn e Rein, die war für ihn, den anfgeklärten Mann, keine Gefponfin - es sei denn, daß sie ihren starren Sinn breche. Und gleich auf dem Flecke sollte sich der Handel entscheiden. Sie sollte sich seinem Wiaen beugen - das. kam ihr um so mehr zu. als der liebe Gott ihr kein allzu helles Lichtlein im Kopfe ent- zündet hatte - oder er wollte ihrer ledig sein daß das Gedenken an sie nimmer feinen fröhlichen Mnth darnieder schlagen konnte.

Da war ja schon das gothische Dhürmchen, welches das Imhostsche Hans anszeichnete.

Mit trotzigen Schritten und stolz erhabnem Hanpte trat er ein. Eine kühle Lnst wehte ihm aus dem weiteu Hansslnr ent- gegen. Er kannte hier jeden Winkel und wußte, welcher der dunklen Gänge, in die er blickte, nach dem Wurzgärtlein , und welche nach dem Eontor und den Speichern führten.

Die Thür der Küche war offen, und Elsbeth stand drinnen. In sein grollendes Gemüth schlich ein heimisches Gesühl, da er sie an der Anrichte hantiren und dem Gesinde das Mittagsbrod ztttheileu sah, so gerecht und rnhig, wie es seine gnte Mntter selig auch geübt hatte. Sie trag das Gebände, den Goldlatz und das Schürzenfleck wie jene, und an ihrer Seite hing ein mächtiges Schlüffelbnnd. Jetzt wandte sie ihm die Augen zu.

Er erwartete, daß sie ein wenig erschrecken werde bei seinem Anbacke. Aber sie erröthete nicht und erblaßte nicht. Er grüßte sie mit der nenen spanischen Reverenz, indem er die Spitze des rechten Fnßes rückwärts gleiten ließ und das Kuie bengte, während er mit der linken Hand den Hnt so aef abnahm, daß die Feder die Fliefen streiste , aber sie schante seiner ^kunstvollen Verneigung zu.wie dem Seilfahrer, der sich beim Schützenfest zu zeigen pstegte, und als er geendet hatte, sagte sie trocken. „Grüß' Gott!“ ohne in ihrer Verrichtung sich stören zu laffeu.

Dagegen uahte ihm eilig die alte Imhostn. „Ie, Wilhalm, grüß' Euch Gott, mein lieber Vttb'!“ rief sie. „Kommt Ihr endlich^ Waren Eures Vefuches kaum mehr ge- wärtig. Folgt mir in das Wohngemach!“

Wilhalm schante die Elsbeth an. Sie fprach. „Sobald ich die Speif' vertheilt habe, komm' ich auch. Der Hirfebrei möchte sich fonft zu.sehr verkühlen.“

Da schritt er zornig der Mntter nach durch die fpitzbogige Dhür in das Gemach.

Hier war noch Alles wie fonft. Es herrschte .noch daffelbe Zwielicht, die kunstvoll geschmiedeten starken Eisengitter vor den in Blei gefaßten rundett Fenfterscheiben warfen wie fonft ihre Schatten auf den Gypsfußbodeu, der das ihm wohlbekaunte Stern- mnster von eingelegten bunten Steinen zeigte. In der Fenster- nische lag noch Wackenstab und Spindel, und es rach auch noch so wie früher nach Gelbveiglein , die Elsbeth in jedem Frühjahr in's Fenster stellte. Dereinst athmete er den Duft gern ein, jetzt schien er ihm den freien Athem zu benehmen. Die Imhastn lnd ihn auch auf den alten Ehrenftuhl mit den Leopardenköpfen an den Armlehnen und den Greifeuklaueu an den Füßen zum Sitzen ein und fprach gütevolle Worte zu ihm, die er nicht vernahm, da er die Augen ungeduldig nach der Dhür richtete.

Als sich diese endlich öffnete und Elsbeth, jetzt ohne Küchen- schnrz, hereintrat, rief er sie in hochfahrendem Tone an.

„Habt Ihr Euren Hirfebrei endlich ausgetheilt, der Euch so über Alles wichtig dünkte e“

Elsbeth hielt die Wimpern gefenkt. Sie hing das Schlüffel- bnnd an feinen Ort in den Wandschrank. Dann kam sie langsam näher und antwortete.

„Es muß jedes Ding in der Reih bleiben, so ein Hattswesen bestehen soll.“

„Aber wenn einer der Gefrennde nach langer Reise heim- kehrt,“ rief er nnmnthig, „und Euch befncht, so ist er nicht das Ding, das untenan tritt, sondern er steht obenan. Und eine edle Jungfrau, welche weiß, was sich ziemt, muß ihn vor Allem will- kommen heißen.“

Sie hing den Kopf, während er sie schalt. Dann sagte sie.

„Ihr habt Euch auch Zeit geuammen und mauches Unnütze vallbracht, ehe Ihr an uns gedacht habt.“

„Was wäre denn nnnütz, das ich vollbracht habee“ sragte

er schars.

„Daß Ihr den heiligen Florian vom Hans herabgetvorfe habt,“ erwiderte sie.

„Er war im Weg , ich gedenke statt seiner ein Fenster an- zubringen, welches die Treppe erhellt, daß es wenigstens in meinet Hause Licht werde,“ erklärte Haller.

„Aber,“ sagte die Mutter, warum habt Ihr den alte guten Kachelofen aus Eurer Unterstnbe auf den Kehrichthause in der Schalt fahren lassen e Ettre liebwerthe Frau Mutter - Gott tröft' sie! - hat so manche Aepfel und Viru aus selbiget gebraten.“

Wilhalm schürzte die Lippen.

„Das bunte Gehäuse mit seinen widerwärtigen Schildereien hatte keinen Rannt mehr bei mir.“

„Es waren alle biblischen Historien darans abeonterseit,“ sagte die alte Imhostn vorwnrssvoll.

„Ia,“ entgegnete Wilhalm spöttisch, „ allzeit holte Kain zum tödtlichen Schlage gegen den Brnder aus, zückte Abraham da^ Opfermeffer nach dem Sahne, wurde Moses in einem gebrechliche Kästlein attsgesetzt. Es war ein Wnnder, daß man an dem Platz je Rnhe gesunden hatte. Ich lasse einett neuen errichten , der hat Säulchen, wie ein Tempel, eine Mauerkrone und eine Farbe wie schwarzer Marmelftein.“

„Und,“ fuhr die Mutter fort, „ warum habt Ihr eine schattt- lose Venusin statt des ehrbaren Ziehbrunnens ansgerichtet e“

Wilhalm hob das Hanpt.

„Weil sie die Göttin der Schönheit ist bei dem Volle, das alles Herrliche geschaffen hat, und vor. dem wir uns in Deumth bengen.“

„Wie heißt das Volk, und wo lebt ese“ fragte die Ittthofnt

erstaunt.

„Es find die Griechen, und ihre Macht ist längst dahin,“ belehrte Haller herablaffend.

„Eiu elendes Volk, das untergegangen ist!“ sagte verächtlich Elsbeth, die wie ein Steinbild dasaß. „Vielleicht kommt ein- mal die Zeit, wo die thörichtett Menschen wieder nach dem suchen,

was Ihr jetzt aus die Schütt fahrt. Warum aber stürzt Ihr Alles auf einmal ume“

„Weil mir Alles widerwärtig ist, was mich an die alte Zeit erinnert,“ rief er ungestüm.

Da war es, als fahre Elsbeth zusammeu.

Aber die alte Imhostn schlug die Hände in eiuauder und rief.

„Wollt Ihr Alles lockern, was seftftmtde Ihr thut übel daran!“

„Und Ihr,“ rief er, empört über ihren tadelnden Ton, „thut übel, daß Ihr als Euer Recht festhalteu wollt, was doch hm- fällig gewordeu ist. Jetzt habeu Euch noch einmal die kurzsichtigen Väter der Stadt Eurett Sturz gerettet. Aber es wird die .^eit kommen, da auch Euer Sturz stürzeu und Euer starres Herz sich beugen wird vor einem neueu Recht, das mit dem alten Plunder aufräumt.“

„ Wollt Ihr damit sagen , daß auch das Recht wandelbar feie“ fragte die alte Imhostn entsetzt.

„Ein Recht verjährt,“ antwortete er barsch.

Die Frau bekreuzte sich und wollte eben zu hestiger Wider- rede den Mnnd ösfnen.

Da erhob sich Elsbeth.

„ Gemach!“ fprach sie. Und mit leifer Stimme, die ein wenig nnficher klang , fuhr sie gegen den Haller gewendet fort. . „Ich merke, wo Ihr hinaus wollt. Der Verfpruch ist Euch leid, der zwischen Enrer und meiner Sippe gehalten wurde. Wartun sagt Ihr es nicht offene Fürchtet Ihr Euch vor dem Wort- bruche“

„ Wortbruche“ rief Wilhalm und fuhr empor. Uud eine so hochgewachseue Iungsrau sie war, er sah sie doch von obeu an. „Ich habe mein Wort nicht gegeben , ich brauche es nicht zu brechen. Mein seliger Vater hat die Heirath zwischen Euch und mir mit Eurem Herrn Vater verabredet, und ich habe damals, ein halbes Kind, das ich war, nicht widersprochen. Ich mußte noch nicht, daß zu. Vrautschast etwas Anderes gehöre, als die bräuchliche Mitgist. Aber draußen in der Welt habe ich ver- ttommen von einem nenen Recht. Da hieß es, daß, wer ein Weib sich erkiesen wolle, wohl thue, wenn er sein Herz dabei frage. Und über Vater und Mntter solle dasselbige das erste Wart haben.“

[523] „Das wandelbare Ding,“ sagte Elsbeth verächtlich, „sockte mehr ! Recht haben, als die Eltern, die mit Vedacht wählend“

„Ich glaube, Ihr würdet auch einen wnnderlichen alten Kröpel oder geizigen Wittwer zu. Manne ttehmen, so Eure Eltern Ench dazu bestimmten,“ höhnte Wilhalnt.

Elsbeth war erschrocken über den Einwurf. Aber da sie sauen Zorn sah, wünschte sie - sie wußte nicht, warum - ihn noch mehr anfzubriugen und fprach.

„So meine Eltern solches geheischt hätten, würde ich ihnen gehorsamt haben.“

Da wurde er ganz wild.

„Ich sehe wohl, daß Ihr gar nicht wißt, was zärtliche Leidenschaft ist.“

„Zärtliche Leidenschast d“ fuhr Elsbeth auf, jetzt jäh er- röthend. „Rimmer würde sich eine ehrfame Jungfran so weit vergessen, daß sie ein solch uuwürdiges Gefühl hegte. Derlei Leichtfertigkeiten stecken die Maler für und die Schreiber, die Berse schmieden,“ sügte sie wegwersend hinzu.

„Ihr wockt Ench über die Maler und Poeten steckend“ rief er voll zorniger Verachtmtg. „Ihr, die Ihr nur mit Kochtopf und Kunkel bewandert feid, über einen Dizian, einen Petraread Hättet Ihr geschaut, wie der Maler gleich eiuem Fürsten lebt,

seine Dochter von Schönheit strahlt wie eine Perle in güldener Raffung! Hättet Ihr einmal in mondhecker Nacht aus schwarzer Gondel die Straßen Venezias dürchschisft und vernommen, wie die Gvndeliere sich die zärtlichen Strophen des Poeten zu.tngen, die- weil unter dem Valdachin des Fahrzenges die goldmoffirten Ge- tvänder der Franen blitzen! Dann würdet Ihr wissen,^ daß es noch etwas Höheres giebt, als Enre steil aufgerichteteu Gesetzes- taseln über das, was sich schickt und ziemt, und Enre Fertigkeit im Vacken und Vranen.“

Sie hatte anfgehorcht. Aber nicht sein bebender Don, nicht das Rene , was er erzählte , feffelte sie. Rnr der Ruhm der welschen Weiber, nur die Mißachtung ihrer selbst drang ihr in's ^hr und tief itt's Herz. Sie sah ihn sorschend an. Er blickte widerwickig auf sie herab.

Da trat sie zurück. Und setzt lief ein Zncken über ihre Lippen, und ein ernster Vlick traf ihn, als sie sprach.

„Ihr seid frei.“

Die alte Imhostu wockte begütigen, aber Elsbeth schritt zum Fenster, Wilhalm nach der Dhür. Sie nahm den Wocken in die Hand und ließ die Spindel tanzen.

Wie sänberlich verstand sie den Fadeu weiter zu.spinnen, und wie schroff hatte sie das Verlöbuiß gelöst !

Wilhalm verließ das Haus. Er lachte höhnisch auf. Rnn war er frei, wie sein Wunsch gewefeu. Und die Elsbeth selbst hacke ihm Valet gegeben. Sie hatte sich um ihn gebracht. Mochte sie es tragen! Ihu focht es nicht weiter an.

Aber mit welchem Vlicke sie ihn genteffen hatte, als sie ihn stei gab ! Als ob sie sich erdreistete, eine unehrerbietige Meinung von ihm zu.hegen! Einen Augenblick wackte das Vlut feiuer fünfundzwanzig Jahre in ihm auf. Er backte die Faust. Dann aber hob er sein Haupt wieder stolz empor. Er staud ja mit seiner Lebenserfahrung und Weltweisheit hoch über dem, was der ^opf einer Rürnberger Geschlechterin denken tonnte, die so trocken, schlicht, hausbacken und derb war wie - er suchte nach einem recht schlimmen Vergleich, aber es stel ihm kein anderer ein, als. wie das liebe Vrod.

Unterdeffen waren die Rathsherren von ihrem Rundgang durch die Stadt wieder beim Rathhanfe angelangt, aber sie beeilten sich noch nicht heim zu kommen, sondern standen betreten umher.

„Ich hab' einen jämmerlichen Hunger,“ klagte Herr Rotmund, „aber mit dem Spargel wird's nun nichts.“

„Ich habe seit gestern Mittag keine rechtschaffne Speife in den Magen bekommen,“ gestand der Stadtschnltheiß.

„Und wer weiß, wer weiß, was uns heute bevorsteht!“ riefen die Uebrigen forgeuvock.

„Laßt uns in unfre Drinkftube gehen!“ schlug Herr Imhof vor. „Der Weiu vom Rheinfack ist gut dort, und ich weiß, daß gefteru emgefalzue Viberschwänze und frische Ofterlinge angekommen find.“

Da zogen Alle in die Zechstube.

Gnter Rath kommt nicht allein über Nacht, sondern auch nach einer tüchtigen Mahlzeit.

„Ich werde etwas Schönes einkanfen,“ meinte Herr ^at. mnnd pstfstg, als er fatt war. ..Cin tapfre^ Geschenk macht ackzeit frohen Mnth.“ .

„Das läßt sich hören,“ riefen die andern Hochweisen, und sie zerstrenten sich in die reichgesäckten Bnden und Läden der Stadt.

Am Abend standen die Mägde, mit ihren großen hölzernen Kannen in der Hand, um den Schönen Brunnen, der mit seiner Spitzsäule in den dämmernden Himmel ragte, und zu dem gleich- förmigen Rauscheu des Wassers klang das Geklatsch über die Ans- nahme, welche die tapsren Geschenke bei den Franen gesnnden hatten.

Da war in dem einen Hans ein Kessel von dem nenersnndnen Messing, das wie Gold gleißte und noch in hohem Preise stand, die Dreppe hinabgerockt, daß das Ingesinde gemeint hatte, der Dürke mit seiner Ianitscharenmnsik sei hereingebrochen. In eittem andern war eine zierliche erzene Bildsäule des heiligen Sebaldns aus der Rothgießerei Peter Vischer's angelangt, jedoch sogleich wieder als Geschenk an den Pater Aloysius abgeschickt wordem Die Varbaraköchiu aber erzählte .

„Vei uns war's am schlimmstem Als die Frau ein Paar Armbänder anlegte, so ihr der Herr verehrt hatte, verstel sie in ein großes Geschrei , denn die Smaragden erschienen ihr verblaßt, welches Zeichen ackzeit die Rähe von Gist andentet. Sie ries immerdar, der Sturz hätte sie vergistet, .bis Herr Rotmuud Reiß- aus nahm.“

Mit dem berühmten klaren Wasser wurde der Klatsch über den versnchten Sturz des Sturzes in acke Hänser getragen und verbreitete sich in immer weitren Kreisen, bis er neben dem Ge- rede von dem bevorstehenden sürstlichen Vesnch acke Köpfe und Zungen beschäftigte. In der Dankstnbe der Geschlechter wurde bei feurigem Ungarwein nicht eisriger über den Unwicken der Franen gegen die ehrwürdige Kopfbedecknug gesprochen, als in der Vader- stube, wo der Handwerksgeseck sich den Varl scheeren ließ, der ehrbare Meister schröpste, um bei dem großen Ereigniß des Ein- zu.s gegen Wackung und Vlntschlag gesichert zu sein. Vis in das Siechhans drang die Mär und stistete ein altes Weib an, daß es eines Morgetts die Sonne statt mit Rebelschleiern mit einem Stnrz verhückt ansgehen sah, welches schreckliche Zeichen und Wunder am srühen Morgen in allen Vackhänsern mit dem srischen, nach Fenchel dnstenden Vrod zugleich ausgelacht wurde.

Als abermals die Gürtelmagd der Rotmnndin einen Rnnd.- gang bei den Patrieierinnen anhnb, sahen ihr die Leute scheu nach wie dem Krieg verkündenden Heerwnrm. Der Stadtknecht, der ihr begegnete, schlug ein Krenz und murmelte in seinen granen Vart. „Der Regenpseiser zeigt bös Wetter an für meine hoch- mögenden Herren,“ und diesen selbst war zu.Mnthe, als werde eine Knackbüchse in's Hans getragen die mtvermuthet lvsprasseln und ihre Papierpfrvpsen ihnen unter die Rase platzen könne.

Die Frauett aber empstngen die Magd seierlich bei ver- schlvssenen Dhüren, und sie sprach.

„Fran Rotmnndin redet durch mich', das Losungswort ist ' nnnmehr . Seine fürstliche Dnrchlänchtigkeit muß helsen , es koste, , was es wocke!“

Daun gab es noch langes Flüstern und Rannen. Die Augen der Frauen lachten darnach wnnderbarlich aufgeklärt aus den . Stürzen, und der Rame der Rotmnndin ward mit Preis genattttt. Die Sarnen der Männer falteten sich immer düstrer. Unheimlich dünkte sie das Geflüster wie das Knistern der Kohlen unter der Asche, unheimlicher fast noch die Gleichgültigkeit ihrer Eheliebsten gegen ihre Schneider. - -

Rur in das Hans der herben Ursel, das sich am Pattier- berg mit seinem abgestnsten Giebel stolz über seine Umgebung er- hob, war noch keine Rachricht von dem dräuenden Umstnrz ge- drangen. Wer hätte sie auch hineintragen sockend

Selten zog ein Vesnch die Glocke an der rundbogigen Psorte, über welcher ein lebensgroßes Gemälde die Himmelskönigin im pnrpnrnen und binnen Gewande mit goldnem Heiligenschein zeigte. Manchmal schritt der Schultheiß, der versippt mit der Vesttzeriu war, durch den gewölbteu Hausslur, die steinerne Wendel- stiege hinaus, oder ein audrer Greis aus den Geschlechtern, ein Freund ihres verstorbnen Vaters, auch wohl der alte 'Beichtvater gingen durch die hackenden Gänge, die nur bevölkert waren von sremdartigem ansgestopstem Gethier, das vor langen Jahren der Vater der Hausherritt von seinen Reisen aus fernen Landen heimgebracht hatte.

[524] Die Zeitgenossen der Erbtochter des Patricierhauses waren allgemach weggeblieben. Gar mancher Rathsherr konnte es dem noch immer stattlichen Mädchen nicht vergessen, daß sie einst den Ehering verschmäht hatte, den er ihr geboten, als sie noch jünger und schöner war als jetzt, und auch die Frauen ließen ab von ihr. Sie fühlten wohl heraus, daß die Ursula kein Begehren trug, von ihren Leiden und Freuden zu vernehmen; ihre Kleinen aber, die sie manchmal mitführten, hingen sich schreiend in die Falten ihrer Gewänder, wenn sie dem düstren, grauen Hause nahten, das so kalt und stolz aus seinen Bogenfenstern schaute, wie die mächtigen braunen Augen seiner Besitzerin aus der Verhüllung des Sturzes.

Das Gesinde der Ursel lebte so eingezogen wie die Herrin. Die Mägde fanden nicht Ursache beim Wasserholen zu plaudern, denn im rings von steinernen Laubengängen umschlossnen Hofe rauschte ein Brunnen unter einer Blumenesche, die der schon lange zu seinen Vätern versammelte letzte Hausherr als schwankes Bäumlein aus dem Lande Italia mitgebracht hatte. Sein weißhaariger Knecht aber, der noch den Dienst versah, sprach allewege nicht.

Es dämmerte schon stark, aber das Haus war noch unerleuchtet. Nur durch das stark vergitterte Lugfensterlein im weiten Flur drang ein matter Schimmer der ewigen Lampe, die vor einem altersgeschwärzten Crucifix brannte.

An einem Fenster im ersten Stock saß die herbe Ursel auf der geschnitzten Eichenholzbank. Den Arm, dessen edle Form der eng anliegende Aermel zeigte, auf die Steiubrüftung gestützt und das schöne Hanpt auf die noch jugeudlich volle Hand gelehnt, schante sie über die Giebel und Dhnrmfpitzen hinaus dahin, wo das matte Abendroth am stahlblauen Himmel verglomm. Wie manches Jahr hatte sie nun hier alleiu gefeffeu, feit der Letzte feines Stammes, ihr Vater, draußeu auf dem Iohanniskirchhof den ewigen Schlaf schlief! Wie sie aus dem Gedächtniß ihrer Ingendgefährten geschwunden war, so hatte auch sie fast vergeffen, daß es noch glückliche Familienkreife, heitre Feste, gute Freuude und Geuoffeu auf Erdeu gab. Sie hatte Riemand mehr, dem sie am Weihnachtsabend den Lichterbanm anzündete, der mit ihr zu. Hochamt nach St. Sebaldns hinüberwandelte oder beim Fasching ihr den Arm im Gedränge bot. Rnr ihre Leibmagd begleitete sie mit Kerzen und Gebetbuch, wenn sie am Allerfeelentag den Weg nach dem Iohanniskirchhof hinausschritt, den die kunstfertige Hand Adam Krafst's vom Pilatushaus aus auf fieben Staaonen mit Steinbildern und am Eingang des Friedhofs mit einer Kreuzigung geschmückt hatte. Während sie sich niederwarf an den Passions- bildern, dachte sie, daß jedes Leben ein Leidensweg sei, und jeder Tod eine Erlösung. Und wenn ein warmer Juni- Abend sie einmal hinauslockte zum Iohannisfener, dann ging der Knecht mit einem Knebelspieß voraus, sorgend, daß sie nicht gestoßen wurde, und die einzige Veachtung, die sie fand, war hier und da ein fremd gewordener Grnß früherer Freuude, ein scheues Flüfteru der herangewachsen Iugend, die sie nur dem herben Rameu uach kannte. Uud so mußte es bleibeu, bis man sie unter der wappeu- geschmückteu Grabplatte der Familiengruft zur Ruhe legte. Ihre Augen schauten starr hinaus in die hereindämmernde Nacht, und sie dachte, daß sie noch nicht vierzig Jahre zählte und daß ihr Geschlecht mit hohen Jahreu vom Herrn - gefeguet wurde.

Einst war es freilich anders gewesen, damals, als sie noch die schöne Ursula, nicht die herbe hieß. Sie selbst wandelte zwar auch damals schon gemessen ihren Lebensweg, aber ein andrer leichter Schritt umschwärmte sie auf zierlichen Schnabelschuhen, und ob sie auch verweisend das Haupt hob, wenn an der Spitze dieser Kunstwerke ein verpöntes Schellchen klingelte, der Uebermuth zwang doch ihrem stolzen Munde ein Lächeln ab. Damals hallte in den gewölbten Gemächern neben ihrer tiefen, ernsten Stimme ein lustiger Klang, der wie frischer Vogelsang durch das alte Haus schallte, und in ihrem Mieder von Goldstoff steckten im Lenz allzeit die ersten Veilchen, die in der Nürnberger Flur sproßten. Sie lächelte zwar ob der Grasblümchen; denn in ihrem Gewächshaus dufteten Orangen, glühten Liebesäpfel. Aber wenn die feine weiße Hand sie bot und die blauen lachenden Augen so innig baten, da griff sie zu und hegte die duftenden Blumen, so lange ein Hauch von Leben in ihnen war. Er hatte ja auch nicht viel mehr zu geben. Seine Mutter war eine Muhme ihres Vaters gewesen, wurde aber in der Familie nicht sonderlich geachtet, da sie, das Kind eines verarmten Nebenzweiges, nach ihrer Herzensneigung einen geschickten Kupferstecher geheirathet hatte. Beide Eltern waren ihm früh verstorben, und Ursula’s Vater nahm den armen Vetter in die Hinterstube seines weitläufigen Hauses auf, damit er eine Heimath hatte, während er die Klosterschule der Franziskaner besuchte, und sein kleines Erbe übrig blieb für das Leben auf der Hochschule. Denn er wollte oben hinaus, wollte Doctor beider Rechte werden; dann durfte er Wappen und Siegel führen wie die alten Geschlechter, und die stolze Muhme hatte nicht viel mehr vor ihm voraus.

Es war freilich kein leichtes Werk, den Springinsfeld zu meistern. Als Kind schon zeigte sich Keiner eifriger im alten Nürnberger Spiel des Bleblingsstechens, was gleichbedeutend mit „blaue Augen schlagen“ ist. Wenn die jungen Gesellen an einander kamen im beliebten Faustkampfe, so wirbelten gewiß des Vetters Fäuste flott mit. Seine Mitschüler, die nichts in ihre Köpfe bringen konnten als die Ueberzeugung, daß sie als Rathsherrensöhne auch wieder Rathsherren werden müßten, fanden am Niclaus-Tage kleine Trichter zum Einfüllen der Gelehrsamkeit auf ihren Plätzen. Es wurde ein Gelächter und ein Aergerniß in der ganzen Stadt und zum Sprüchworte der Umgegend, die Söhne und die Väter wütheten und riefen: „Das ist der Schalksnarr gewesen.“

Ein ander Mal, als die Dominicanermönche vor ihrem Kloster, wie gebräuchlich war in der Fastenzeit, ein Faß aufstellten und daraus predigten, um die Lust des Volkes am Absonderlichen zu reizen und große Spenden in ihren Opferstock zu sammeln, da war nächtlicher Weile der Boden ausgeschnitten worden, und der Pater fiel durch. Das Volk lachte, die Mönche schrieen: „Das hat der Hausnarr gethan.“

Alle zeigten mit Fingern auf ihn, aber er blieb in keinem Schelmenstreich stecken, sodaß bald die Rede von ihm ging, er werde gewiß ein guter Rechtsgelehrter, der die wächserne Nase tüchtig zu drehen verstünde, mit welcher einer profanen Meinung nach Frau Justitia versehen ist.

Mit seinen Jahren wuchsen in ihm Lustigkeit und Muthwillen. Beim Schönbartlaufen zur Fastnacht trug er stets die lächerlichste Larve vor dem Gesichte. Unerschöpflich, wie die Raketen aus seinem mit Immergrün umwundenen Feuerkolben blitzten seine Witze und Schelmenstreiche nach allen Seiten. Sein Pritschenschlag verschonte die vornehmsten Patricier nicht, und die stolzesten Frauen wußte er durch Mittheilung ihrer tiefsten Geheimnisse in Schrecken zu setzen, bis das ganze vermummte und verluppte Nürnberg hinter ihm her war und schrie: „Fangt den vermaledeiten Narren!“ Da war er verschwunden, als ob er eine Tarnkappe aufgesetzt hätte. Selbst die strengen Rathsherren, die zu Gericht über den ausgeführten Schabernack saßen, trugen plötzlich Täflein auf den Rücken, darauf stand: „Die Nürnberger henken Keinen, sie hätten ihn denn zuvor,“ und stiegen damit würdig einher, bis das allgemeine Geschrei sie belehrte.

Sein Mühmchen aber machte er auf artigere Weise zum Fastnachtsnarren, indem er im verschneiten Hofe den Schlag des Finken nachahmte, von dem er ihr gesagt hatte, derselbe laute: Bin ich nicht ein schöner Bräutigam? Und als Ursula verwundert über den vorzeitigen Frühlingsgast auf den steinernen Laubengang hinauslief, saß er in den noch dürren Zweigen der Blumenesche vor seinem Kammerfenster; ein Regen von künstlichen mit Rosenwasser gefüllten Eiern prasselte auf sie hernieder, und lachend schmetterte er ihr noch einmal den lustigen Ruf entgegen.

Fortuna schien ihm hold. Auch bei dem Schützenfeste, welches die Gilde der Stadt auf der Zollernwiese gab, bei welchem die Glücksgöttin mit einem purpurnen Segel über dem Festplatze thronte und sich von jedem Lüftchen herumbringen ließ, zeigte sie ihm ihre schöne Seite. Er gewann mit einem guten Bogenschusse rothen Sammet zu einem Gewand und in einem Glückshafen bei dem ersten Wurf einen mit silbernen Schellchen behangnen Gürtel.

Aber auch von Fortuna gilt das Wort:

„Frauenlieb’ ist fahrende Hab’,
Heute ich lieb’ dich, morgen schab ab!“

[537] Als der Vetter „ Schalksnarr“ das nächste Mal von Leipzig, dessen Hochschule viele sränkische Schüler zählte, gen Rürnberg kam, schmückte er sich mit den Gaben der lannischen Göttin und hielt dann Einzug im Patrieierhause. Ursula war nicht daheim. Sie wohnte der Einweihung des Grabdenkmals bei, das die Schreher'sche Familie an der Sebaldnskirche von dem berühmten Steinmetzen Adam Krasst hatte errichten lassen. Die würdige Feier hatte Alle in gehobne Stimmung versetzt und dem Standes- gesühle Ursnla's volle Vefriedigung gewährt.

Mit stolzen Schritten trat sie in das Gemach, wo der Vetter, ihrer harrend, aus und ab gewandelt war. Sie meinte, das Anf- lenchten der blanen Augen den lachenden Mnnd mit den elsenbein- weißen Zahnreihen noch vor sich zu.sehen. Was hatte sie damals nur so herbe gestimmte War es das dreiste Wesen des gelahrten Schülers, das den Hochmnth der herangewachsen Patrieiertochter

kränkte e oder waren es die verhaßten Schellen oder sein Scherz- wort über den Stnrz.

..Warum fetzt Ihr ein folches Eulennest auf, holdfelige Muhme e Warnm tragt Ihr einen Maulkorb e“

Es war ihm nicht so schwer zu.verargen, denn er hatte wohl auf den Willkommenknß gerechnet und erschante mm nichts als ihre Augen.

Aber Ursnla verstand den Spaß salsch. Sie richtete sich auf und erwiderte herbe.

„Weil ich aus reinem Patrieierblnt stamme, trage ich den Sturz, wie' der Rarr die Schellen trägt. Iedem das Seine!“

Als sie die dunkle Röthe sah, die bis unter seine schwarzen Locken stieg, wurde sie blaß. Aber er vermochte ihre Vewegung nicht zu erschaueu. Der Sturz ließ nur die großen Augen frei,. denen der Schreck über das eigne Wort und deffen Wirkung ein starres Anfehen gab.

Cr that einen Schritt nach der Dhür. Roch einmal blickte er sie fragend an. Roch war's Zeit. Aber die Vrnst war ihr wie zu.eschuürt. Rur ihre Lippen östneten sich, der Stnrz ver- hüllte den schwachen Versnch.

Er ging.

Rach einer Stnnde verließ er das Gemach ihres Vaters , die Hattsglocke schallte, von diesem Fenster aus hatte sie ihm nach- gesehen, wie er von dannen schritt, um nie wiederzu.ehren.

Cr hatte erklärt, daß er nach Vologna gehe, um weiter zu studiren, und erst zurückkommen werde, wenn Ursula sich vor ihm beugen müsse. Es war dem stolzen Patrieier nicht schwer geworden,


i ihn ziehen zu lassen. Ursula kam nun in die Jahre, wo sie heirathen sollte, und der vertrattte Verkehr mit dem nnebenbürtigen Vetter konnte dem nur im Wege sein. Um ihn einigermaßen zu entschädigen für die Hülse, die er ihm früher für seine Rieder- lassung als Rechtsverständiger in Rürnberg verheißen hatte, schickte ihm der alte Herr Vriese mit Empsehlungen, Geld und ein Pferd nach der Herberge, in welche er trotzig übergefiedelt war. Die Diener kamen mit allen Wohlthaten und der Rachricht zu.ück, der junge Mann sei in's Elend gegangen.

Ursula harrte damals täglich auf eine Votschaft von ihm , er hatte so bei iedem Zwist zwischen ihnen den ersten Schritt zu. Versöhnung gethan. Aber die Zeit verging - er ließ nichts von sich hören. Als ihr Vater starb, meinte sie, er müsse ein theil- nehmendes Zeichen an sie gelangen lassen - es blieb aus.

Run waren schon zwanzig Jahre seitdem hingeschlichen, die srentden Vlnmen im Treibhans eingegangen, die lenchtenden Schmetterlinge in den Glaskästen, über die sie sich so ost mit ihm bewnndernd gebeugt hatte, verblichen , Ursnla war die herbe Iung- sran geworden. Sie trttg aus dem Haupte den Sturz, im Knie- stück ihres schwarzen Samtnetrockes das eingesackte Wappen und konnte mit gutem Fttg und Recht dereinst unter der schweren Steinplatte der Familiengrnst ihre Rnhestatt snchen.

Wenn es nur keine Zeit gegeben hätte, wo die Knospen an der Vlnmenesche sich wie branne Perlenschnüre reihten, wo Veilchendnst die Luft erfüllte und der Schlag des Finken aus den Zweigen tönte! Hent hatte er wieder geschmettert^ Vin ich nicht

ein schöner Vränagame

„ Friedet!“ stüsterte sie schmerzlich.

Die kunstvoll mit Eisen beschlagne Dhür öffnete sich, die Dienerschaft trat ein. Es war die Stunde, wo die herbe Haus- herrin Abrechnung hielt und Vefehle für den kommenden Dag gab. Die Hansmagd stellte zwei filberne Lenchter mit getben Wachskerzen auf den Tisch. Der atte Knecht brachte einen Gruß vom Stadtschuttheißeu , dieser thäte der gestrengen Jungsran knnd,

daß der Erzherzog Ferdtnand binnen Knrzem gen Rürnberg aus Vesnch kommen werde mit vieten Fürsten, Vachösen und Dienern, und ließe fragen, ob sie sich mit Kleidern und Stürzen dazn schicken wolle.

Die rnnde Köchin lachte und sagte.

„In den Fleischbänken ging vorhin die Ned, es sollten die Stürze abgeschafft werden.“

Und die Leibmagd erzählte:

[538] 

„Die Welt geht halt aus dem Leim. Der fremde Fürst bringt einen Hofnarren mit, der wird gar Rath genannt.“

Da richtete sich die Gestrenge auf, daß das mit Inwelen befetzte Kreuz an der güldnen Halskette klirrte.

„Der Rarr ist zu. lnftigen Rath geworden, und die Stürze sollen den Weg alles Fleisches gehend Wie lantete doch das

Wort, da s mein Vater, Gott träft' ihn! sprach, so er einen Urteils-

fprnch fällte e .Deffen genöffen sie billig!' So war's.“

Die Mägde und der Knecht sahen sich verblüstt an. Hatte die Gestrenge in der Dunkelheit vielleicht geschlasen und sprach noch im Draumee

Die ganze Stadt summte wie ein Bienenvolk, das sich zu. Schwärmen rüstet. Der Besnch des Erzherzogs hielt Alle in Atem. Die Plattner schmiedeten Krebse, die Panzermacher machten Panzer , die Schneider saßen auf ihren Tischen und schwitzten über geschänbteu Röcklein, die Fahnenschmiede schlugen lange roth und weiß getheilte Tücher an die vergoldeteu Stangen, und im Bau.. hos hielt Herr Pamngartner Mnsterung über die Pserde der Stadt. Die Rathsherren aber wußten nicht, wo sie ansangen und wo sie anshören sollten.

Am übelsten erging es dem Imhos' deun bei aller Arbeit hatte er noch seinen schweren häuslichen Knmmer. Was war der Zwist, der wegen der Hanbe in den andern Geschlechterhänsern tobte, gegen die Roth, die hinter dem gothischen Thürmchen brütete^

Denn eine Roth durste er es wohl nennen, daß sein Kind, uachdem es tapser den Verspruch mit dem Gecken, dem Haller, gelöst hatte, so ganz verändert sich zeigte. Die Elsbeth war sonst so sicher, gemächlich und mit sich zu.rieden gewesen, wie es der Dochter aus einem der reichen Rürnberger Geschlechter zukam. Und uuns' Es schnürte ihm das Herz zu, wenn er früh aus feiuem Geheimstüblein heraus trat und sie stumm und starr durch das Haus schreiten. sah, mit dem Schlüsselbttud läuteud, wie zu einer stillen Messe. Sie schaffte und hautirte den gauzeu Tag, sie klagte nie, aber sie hing den Kopf, als sinne sie über etwas Unbegreifliches nach, und wenn er sie anredete, fuhr sie auf, wie aus schwerem Draum.

Kam er, müde gehetzt, vom Rathhaus und allen Vorbereitungen zum Eiuzug des Erzherzogs uach Haus und begehrte sein Haupt auf den Pfühl zu legen, dann klagte ihm sein Ehegemahl in die Ohren.

„Wenn i nur wüßt', was wir anfangen fallen! Die ganze Stadt kennt die verabredete Heirath, und in den Hänfern der Geschlechter denkt deshalb kein Junggeselle an nnsre Elsbeth, erst recht nit, da der Haller sie sitzen gelassen. Und Döchter sind kein Lagerobst. Wenn i nur wüßt'!“

Uuter so bewaudteu Umstäudeu war es dem Imhos nicht zu verargen, daß er ein Wirrsal in den ihm übertragnen Geschästen stistete. Er vergaß das Gewerk der Fingerhüter zu. Festzuge auszusordern. Die nahmen es übel, machten einen Ansrnhr und stürmten aus das Rathhaus, begehreud, auch vor seiner staatlichen Durchlänchtigkeit unter den langen Spieß zu treteu. Der Imhos half sich, wie uralter Brauch ist, indem er die Schnld des Ver- sehens aus seine Diener, die Stadtknechte, schob. Dann aber stürmte ^ er nach Hanse, und als sein Weib ihm tlnnnenden Anges entgegenkam und wieder seuszte.

„Wenn i nur halt wüßt, wo wir einen andern Eidam her- schassen thäten,“ schrie er sie an.

„Mag die Elsbeth den Kriegsschreiber heirathen, damit dem Geklag nur ein End gemacht wird! Der nimmt sie gleich.“

Da erlosch die blühende Farbe der Elsbeth. Sie wurde bleich. Ten Wocken legte sie aus der Haud und ließ die Spiudel nicht mehr tanzen, sondern schlich fall in ihr Gemach. Dort faß sie im Winkel, und die steißigen Hände rnhten müßig im Schooß. Sie dachte nach.

Ach, das Sinnen ist auch eine Arbeit wie das Spinnen, und sie war nicht geübt darin. Visher hatte sie alle ihre Ge- danken zu.den hänslichen Verrichtungen gesammelt. Gespauuen, gewebt, genäht, gelacht und gebacken mußte den lieben langen Dag werden , als sei das die Hauptsache' im Leben. Und wozu hatte sie nun die Hände gerührt und Astes erlernt, was eine Hausfrau wifseu mußten Um dem Kriegstreiber damit seine alten Dage zu versüßeu, dem alten Kröpel, der so knickebeinig in seinen Schnabelschnhen stand, die sich bis an die Kniee emporbogen e

Sie stutzte. War sie auch präugisch wie die Rotmundin ^

Rein, die Schnabelschuhe störten sie nicht. Einen Andern konnte sie sich darin denken, und er wurde ihr nicht widerwärtig dadurch, aber der war stattlich gewachfen, trng einen brannen Schnanzbart über den vosten Lippen und schaute sie aus brannen, zarnigen Augen an.

Da war es ihr, als ob ein Schleier zerrisse, der bis dahin ihre Seele nmhüstte, wie der Sturz ihr Angesicht. Jetzt wußte sie es. es war ihr doch nicht das Wichtigste gewesen die Hühner- pastete gut zu backen. Wenn sie auch ihre zwo Aeuglein sest aus Salbei und Peterla. gerichtet und eifrig daran gedacht hatte, Ingwer, Pfeffer und Zimmetrinde abzuwiegen, den Wein zuzu- messen und mit Safsran dem Gemengfel eine gäle Farbe zu.geben ^ das Bild des schönen Innkers, für den sie dereinst eine salche Pastete backen sostte, hatte doch über asten Gewürzen geschwebt, süßer und lieblicher als Zimmetrinde und Räglein.

Uttd war es wirklich nur der Elteru Wiste gewesen, dem sie hatte gehorsamen wostene Warum konnte sie nicht daran deuten, dem alten Kriegsschreiber den Leckerbissen zu bereiten als sein trautes Ehegesponse

Und urplötzlich ging ihr ein Berständniß auf für Haster's Wort über das nene Recht des Herzens. Sie hielt das zwar für eine schwere Anfechtmtg, aber das Herz pochte dennach für und für in seiner dunklen Kammer auf sein Recht.

Iu ihre Roth hiueiu klang das Geläut der Meffe. Hülflas, trostbedürftig griff sie nach ihrem Gebetbüchlein und ging nach der Frauenkirche. ^

Sie lag in ihrem Betfathl, das Gesicht in die Hände ver- graben, und betete mit Inbruust, bis die Meffe vorüber war. Da hörte sie plötzlich ein Drippelu und Rauschen um sich, und als sie aufschaute, sah sie, wie der alte Pater Ehristapharus, der saust nur bernsen war, die im Fasching wüst gewardenen Köpse zu waschen und zu salben, die Kanzel bestieg und gar grimmig aus die Gänge zwischen den Kirchenstühlen herabschante, durch welche eben die Geschlechterinnen, van der Rotmnudin geführt, sich entfernten. Nur Elsbeth und eiuige andächtige Mütterlein blieben zurück und hörtett es mit an, wie er zoruig auf den Predigtstuhl paukte und donnerte.

„Die Zeichen mehren sich, daß der jüngste Dag vor der Dlmr ist,“ sagte er. „Der Versucher geht um mit einer neueu Faste, die er klüglich unter dem Namen der Augsburger Hattbe versteckt. Ganz eine Schaud ist's, daß die Frauen dieses Rest, das aster Haffart, Dücke und Eitelkeit vost ist, sich auf das Haupt fetzen mosten. Denn es steigt nur deshalb hoch empor wie der St. Lorenzathttrw, daß das kleinste Weib dem größten Mann gleich erscheine, was dach gegen aste göttliche Ordnung ist. Mit Perlen und Gald ist es nmstarrt gleich einem Heiligenschein, und wisfeu wir dach, wie felteu die Heiligen unter den gedankenlasen Evastöchtern sind. Anch einen Schleier hat's, aber nicht um züchtig damit das Antlitz zu verhüsten, sandern um prängisch damit zu.wedeln wie der Denfel mit feinem verstttchten Schweis Hütet Ench ! Satanas ist van Anbeginn nie so grimmig und zornig gewefeu als itzo, wo das Ende der Welt bevarfteht.“

Ruu ging es freilich dem gnten Pater wie den meisten Vuß- predigern. Die, stir welche die Rüge bestimmt war, hatten sich heim begeben. Aber Einer that seine Predigt dach gnt - der Elsbeth Imhostn. Sie richtete sich aus an dem Bewußtsein ihrer größren Dugendhaftigkeit. Sie hatte Recht gehabt - der Pater sagte es ja auch.

Hochgehabueu Hauptes verließ sie die Kirche. „Wenn nur der Wilhalm die Predigt gehört hätte!“ dachte sie und wagte einen Blick zu seiuem Haus hiuüber. Aber was sich ihr zeigte, ließ sie erstarrt fast steheu mitteu aus dem Herrenmarkt.

Dort auf der dickeu Maner der attfgeriffnen Wand feines Haufes stand Wilhalm und schaute ganz erpicht hittüber nach dem Rotmundischen Haus, wo die Frau aus ihrem Chörleiu sich bog. Elsbeth's Herz zog sich schier zusammen. Wie war er doch so ganz anders denn der Kriegsschreiber! Wie war er schön anzuschauen! Das leicht gebräunte Antlitz vom dnnklen Haar umrahmt, die krästige Gestalt anmnthig der holden Rachbariu zugeueigt, die uach Augsburgischer Mauier im Haus nur ein seines Schleiertnch um das Haupt geschlungen trug und leichtfertig vor Aster Augen im langen seidnen Schlasrock sich zeigte! O, die gottlose Spinne, die nur darans sann, wie man die Männer berückte und vont Dngend- psad ablenkte! [539] Und - heilige Jungfran! - was hielten. Veide in den Händend Eine sein geflochtne Schnnr hatten sie über die Straße gezogen, und sie ließen diefelbe bald im Vogen herab- staken, bald zogen sie fie an und planderten und lachten dann zu.ammen. War das auch eine der schönen neuen Sitten, daß sich Eheweiber mit ledigen Gefecken Vrieflein über die Straße

zogen d Zu was fonft konnte die Vorrichtung dienend

Elsbeth schrak zusammeu , ein Vlick Wilhalm's war zu.ihr htm gestreift. Aber er sah sogleich wieder weg, preßte die Lippen zu- sammen und machte so recht ihr zu. Aerger, in der Lücke wie in einer Rische stehend , seitte neue., spanische Reverenz vor der Rotmuttdiu, und diese neigte sich gegen ihn, indem sie die Hände über der Vrnst kreuzte. Elsbeth hatte nicht geglanbt, als sie neulich so kalt seinen Grnß aufnahm, daß man sich alfo über eine fpanische Reverenz erbittern könne.

Uttd nun ntnßte sie zwischen Veidett dttrchschreiten, unter dem lachenden Antlitz der Rotmnndin hinweg, die ihr so traut zunickte wie je. „Wentt mich doch die Erde verschlänge!“ wünschte sie und krumpfte die Finger um den Rosenkranz. Aber wie männiglich bekannt, versährt die Erde also nur mit denen, welchen es eine schwere Trübsal ist, verschlangen za werden. Elsbeth mnßte den Schmerzensweg gehen, und als sie das leise silberne Lachen der Rotmnndin sich nachklingen hörte, stüsterte sie. „Meitt' Sach' ist verloren.“

Mit brechenden Knieen wandelte sie sürbaß. Was hals es ihr nun, daß der grimmige Pater Christophorns ihrer Meinung ward - Da stand sie ant gvthischen Dhürmchen. Die Heiligen seien gepriesen! Die Mntter war nicht beihanden. Elsbeth ge- langte ttnangesprochen in ihr Gemach.

Sie legte das Gebetbttch aus den Vetstnhl in der Ecke, schnappte das mächtige Dhürschloß ab und sank aus die Polster- bank, die rings um das Stüblein lies. Das Hanpt an die Dapezerei, mit der die Wände behangen warett, gelehnt, blieb sie lange bewegungslos. Int Vergleich mit ihren starren Zügen schante die Maria Magdalena, die in den Wandbehang gewebt war, ganz getröstet aus, trotz ihres thrättenüberströntten , in den Stand gebeugten Antlitzes.

Endlich erhob sie sich , entnahm dem mit Metackbeschlägen verzierten Schrein, in welchem sie ihre Vücher verwahrte, ihr Stammbnch und ließ sich unter dem Fenster nieder, das, hoch oben angebracht, nur ein gedämpstes Licht in das Gentach sacken ließ. Rasch wandte sie die Vlätter um, die mit bnnt gemalten Wappen, Ramen und Wahlsprüchen. bedeckt waren, bis sie an das eine kam, das sie sachte.

„Mein Herz in mir tbeil ich mit dir^ Brech ich'.... an dir, räch 's Gott an mir! Bergeß ich dein, so vergest' Gott mein - Das soll unser beider Berbinduiß sein.“

So stand zu.lesen. Zwar sehlte die Ramensnnterschast , aber wer anders, als der bestimmte Vräntigant hätte sich so in das Stammbnch der Geschlechterin einschreiben dürsend Die Elsbeth starrte darans hin. Das sockte nun nicht mehr geltend Wie war das möglich d Weil sie nichts von „zärtlicher Leidenschaft“ wnßted

Schier verzagt fragte sie sich, ob ihr Abschen gegen den alten Kriegsschreiber nicht vieckeicht auch ein Verlangen nach „zärtlicher Leidenschaft“ statt nach christlichem Ehebnnd sei. Da seien die Heiligen für!

Rein! die Elsbeth trttg kein Verlangen nach Zärtlichkeit. Sie haßte nur noch . den Rotmnnd , der so blind war gegen sein treulofes Weib, die Rotmnndin, diese Wurzel ackes Uebels, und den Hacker! Wie sie den haßte, verabscheute und verachtete! Wenn ja noch ein Gefühl in ihr für ihn sprach, so wockte sie es ersticken und erdrücken, mit glühender Zange es ansreißen und im feurigen Ofen verbrennen.

Und mit dem Stammbnchblatt wockte sie den Anfang machen. Aber da schaute die Geschrift mit den steilen Vnchstaben sie so trotzig an, daß sie an Wilhalm's Angett denken ntnßte, und statt des Wortes war ein rofenrothes Herz gemalt, wie junge Leute thaten. Sie vockbrachte ihr Fürhaben nicht. Sie steckte das Stammbuch wieder an feinen Platz neben den Folioband des Deuerdank und sann weiter.

Stunden vergingen. Der Abend dämmerte. Von Zeit zu Zeit klopfte die Mutter an, aber es ward nicht aufgethan. Die bewegteu Zeitläufte störten die regelmäßige Hausordnung, sodaß Herr Imhof nichts gewahrte von dem Verschwiudeu des Döchterleins.

Es war schott dunkel, als Elsbeth vor ihrer Thür stöhnen ^ hörte. „Heiliger Lorenzo, bin für mich! Du hast es auf dem Rost nicht heißer gehabt denn eine Mntter, deren Tochter an einem Gebreste des Herzens leidet.“

Da östnete sie endlich die Thür und ging mit der Mtttter nach dem Wohngemach hinüber. Eine seine Röthe lag unter ihren Augen ^ fonft war sie blaß.

Aber sie fprach mit fester Stimme^

„ Meine lieben Eltern, wocket Ench nicht fürder um mich sorgen! Zwar vermag ich nicht, wie Ihr es heischet, den alten Kriegsschreiber zu. Manne zu nehmen, noch trag' ich Verlangen nach einem andern Ehegesponsen. Anch wick ich nicht dereinst, wenn Ench der ack- mächtige Gott abbernsen hat, in ein Hinterstüblein ziehen, wie es mein Laos sein würde. Denn wenn mein Vrnder mich auch lieb hat und steißig grüßeu läßt, so ost er aus Ulm schreibt, so wird er doch ein jung Weib heimbriugen, und eine alternde Schwäherin ist solchem nie wickkommen. Darnm habe ich beschlossen und wick es mir von Riemand wehren lassen, eine Kloftersungfran zu werden.“

„ Heiliges Krenz! Donnerwetter!“ schrie Herr Inthof, „laßt mich aus mit Eurem vermaledeiteu Gered ! Könnt Ihr Weibsvvlk je und je etwas Anderes schaffen als Euch uns guer in den Weg stecken, wenn's gerade um Gottes willen fürbaß gehen sockd Freit! Geht in ein Kloster! Schert Euch zum Gutzgauch! Meiuethalb! Aber das sag ich Euch. Vorher sührt Ihr Euch beim Einzu. Seiner sürstlicheu Durchläuchtigkeit auf, wie es Patrieierinnen von Rürnberg zu.ommt! Wenn wir vorüber ziehen, weht Ihr dem Erzherzog mit Enren Faeinetlein zu. Anf dem Geschlechtertanz zieht Ihr die goldstncknen Röcke an und spangt mit, sede nach Alter und Leibesbeschaffenheit - oder Ihr sockt den Imhof kennen lernen!“

Er ging zu.Vett, und diesmal hatte er Rühe vor seinem stüsternden Ehegetttahl. Das weinte stick in das dick ansgebanschte Kiffen.

Die Elsbeth lag schlaflos in ihrer mächtigen Vettstatt. Sie schante zu, wie der blaffe Mond laugsam über den Himmelsbogen hinzog, und zählte die Stauden, die von den Thürnten schockten, weithin vernehmbar in der schlasenden Stadt. Das Himmelslicht sank hinab , graner Dämmerschein drang durch die rnnden Scheibchen, und ein leises Zwiachern wurde vor dem Fenster vernehmbar. Elsbeth erhob sich und schob es aus. Die frische Morgenlnst wehte sie an und kühlte ihre heißen Schläsen.

Und siehe ! Da war das Schwalbenpärchen wieder angelangt von seiner weitett Reise und in das alte vertraute Rest eittgezogett. Die hatten doch auch fremde Länder gesehen und kehrten gern wieder bei ihr ein. Wo sie sich ansiedeln, sock es eine Vrant geben, sagt das Volk.

„Ach, ihr wißt die nenste Mär von Rüruberg nit. der Wilhalm ist der Elsbeth ntttreu gewordeu,“ stüsterte sie. „Uttd ich habe ihn mir doch so sehr gewnnschen.“

Sie schlug die Hände vor die Augen und weinte, als ob es ihr das Herz abstoßen wockte. - - -

Herr Rotmnnd war indessen nicht so blind gewesen, wie Elsbeth vermnthete. Er hatte das Seil gar wohl geseheu , das vom Chörlein nach Hacker's Haus ließ und er erbebte. Hatte sein reizendes Weib mit dem Rachbar ein Liebesspiel angesponnen d Als er näher trat, ließ seine Ehehälste die Schnnr hinabsacken, und druuteu stand die Gürtelmagd und wickelte sie auf. Frau Rotmuttdiu aber würdigte ihn keiner Erklärung.

Er bezwang sich, trat att's Fenster und fragte Herrn Hacker nach dem Zweck der hänfenen Verbindungsbrücke. Der aber sagte leichthin, es focke ein Schmnck auf neue Mauier werden. Herr Rotmund grifs uttwickkürlich nach seinem Hanpt, auf dem er schon den nenen Schmuck zu verspüren glaubte.

„Wockt Ihr die zerschuudue Waud, die klasteude Lücke damit verbergend“ fragte er grittfend vor Wuth.

„Ich schmücke mein Hans mit Teppichen, wie es im Lande Italia Vranch ist,“ erwiderte Hacker, „mtd die Lücke fock ein Ge- mälde fückeu.“

Er zog sich zu.ück

Herr Rotmund eilte in sein Haus. Er lockte wie ein zärt- licher Dauber, aber sein Weib war verschwanden

Ieder hilft sich in feinem Liebesleid, so gut er kann. Die altfränkische Elsbeth hatte das Kloster zu ihrer Dröfteinfamkeit [540] erkiest und barg derweilen hinter Schloß und Riegel ihren Schmerz. Herr Rotmund hinwieder gedachte seine Zuflucht zu Schuster und Schneider zu nehmen. Er sah an seiner stattlichen Gestalt herab; sie vermochte sich gar wohl mit Wilhalm’s Länge zu messen, und wenn nur erst der scharlachne Rock mit den weißen Atlaspüffen ihn zierte, mußten seinem Weibe die Augen aufgehen. Stracks schritt er zur Ausführung seines Fürhabens und begab sich zuerst in die Werkstatt von Hans Sachs.

„Macht mir die Stiefel so hoch es angeht!“ sagte er zu dem sangeskundigen Meister, „das giebt ein mannhaftes Ansehen. Und daß mir die Quästlein lustig fliegen beim Reiten und beim Schreiten die Rädlein kräftig schnurren!“

Er richtete sich stolz auf.

Aber Hans Sachs lächelte unmerklich in seinen lockigen Bart hinein. Mit dem Seherblick des Dichters errieth er, was hinter der glatten Stirn des Rathsherrn für Gedanken sich bewegten: daß der hübsche Mann dräuend ausschauen wollte, damit sich sein aufstutziges Weiblein vor ihm fürchtete.

„Reich mir einmal den Schuh der Frau Rotmundin her!“ rief er einem Lehrling zu. „Nein, nicht den mit dem Röslein darauf. Der ist für die Elsbeth Imhofin bestimmt. Frau Rotmundin wählte nit ein solch alltägliches Symbolum. Auch nicht den großen mit dem gestickten Namenszug; er gehört der Stadtschultheißin. - Das ist er. Was meint Ihr, Herr Rotmund, wird er Eurer Eheliebsten gefallen?“

Er hielt ihm den Schnh hin. Er war der schmälste von allen und hatte die höchsten Hacken. Oben darauf war eine güldne Flamme gestickt, die sah so spitz und zierlich aus, daß sie Herrn Rotmund an das Zünglein seiner schönen Frau gemahnte.

Er wurde kleinmüthig und meinte:

„Wollet selbst mit meinem Ehegemahl Rücksprache nehmen! Ich wage kein Wort in einer so heiklen Sache zu sprechen. Ihr wißt, Meister, die Stürze! O! das ist ein Kreuz!“

Er drückte sich zur Thür hinaus, und hinter ihm erhob sich ein Gelächter, in das selbst der kleinste Schusterjunge einstimmte, der die Pechpfannen hin- und herschleppte.

Dann nahm der Meister den Pfriemen wieder zur Hand und sang dazu:

„Wenn um die Haub’ ein Krieg entbrennt,
Das Weibsvolk auf das Rathhaus rennt,
Schultheiß und Rath den Kopf sich hält,
Dann unter der Haub’ das Beste fehlt.
Nehmt’s schwankweis auf! Kein Schad’ erwachs
Der Stadt daraus! Dies wünscht Hans Sachs.“

Die Gesellen sangen’s nach, und die Leute blieben draußen stehen und suchten die neuen Reime aufzufangen und sangen sie weiter.

Auch die Rotmundin hörte das Liedlein, als sie mit ihrer vertrauten Magd vorüberschritt, und sie murmelte:

„Spottet nur! Wir wollen Euch schon zeigen, daß unter der Haub’ das Beste nicht fehlt: ein Sinn klug wie die Schlange und ein Gesichtlein sanft wie die Taube.“

Sie schritt nach der Gasse, in der Veit Stoß wohnte. Der künstliche Bildschnitzer saß in seiner Werkstatt und genoß bei Meth und Nüssen die Feierstunde. Als er das Rauschen eines schweren seidenen Gewandes über die Steinfliesen vernahm, sprang er auf und knöpfte den mit Pelz und Quasten verbrämten Hausrock zu. Seine schwarzen Augen hafteten fragend an dem verhüllenden Sturz.

Frau Rotmundin lüftete den dichten Schleier und lächelte, als es in den dunklen Augensternen des Bildschnitzers bei ihrem Anblick feurig aufleuchtete.

„Was habt Ihr zu gebieten, hohe Frau?“ fragte er in gebrochnem Deutsch, das den Polen verrieth.

„Nur zu bitten hat die Frau Rotmundin den berühmten Meister,“ sagte sie süß und machte ein hübsches Neigerl. „Aber es muß Geheimniß bleiben zwischen Euch und mir.“

Meister Veit drückte seine Finger betheuernd auf die schwarzbärtigen Lippen.

„Ich will mit meinem Nachbar, Herrn Haller, ein Feston in welscher Manier über die Straße machen, wenn der Ferdinandus einzieht. In der Mitte soll der kaiserliche Adler schweben und einen Kranz halten. Aber wo soll ich den Vogel finden? Der Schreiner schnitzt höchstens einen Storch, aber nicht den Herrn der gefiederten Heerschaaren. Das kann nur der Meister Stoß. Thätet Ihr wohl einer unberühmten kleinen Frau die Liebe?“

„Alles, was Ihr wollt, schönste Frau!“ sagte der Meister und klappte ritterlich mit den rothen Absätzen zusammen.

„Aber Herr Rotmund darf es nicht wissen, beileibe nit,“ sagte sie furchtsam. „Der will nichts Neues.“

„Ah!“ machte lächelnd Veit. „Strebt Ihr auch nach der neuen Haube? Wozu begehrt Ihr andern Schmuck als den natürlichen, den Euch Gott so herrlich verliehen hat?“ Er warf einen glühenden Blick auf die weiße Stirn, über die eine volle lichtbraune Locke sich schob.

Sie hielt seinen Augen lächelnd still. „Haare hat selbst die Bettelmagd,“ schmollte sie lieblich, „aber eine Haube kann nicht Jede haben.“

„Einen Bettlerschmuck nennt Ihr dieses herrliche Gelock!“ brauste Veit Stoß auf. „Schaut meine Jungfrau Maria an im Rosenkranz von St. Lorenzo! Nur die eignen langen Haarwellen umfließen sie.“

„Fern sei es von mir, mein schwaches Fleisch neben die erhabne Himmelskönigin zu stellen!“ wehrte die Rotmundin ab. „Aber die allerseligste Jungfrau verschmäht doch auch nicht, zum Oeftern den strahlenden Heiligenschein zu tragen. Und wie reich ist der mit Perlen und Edelgestein besetzt!“ stellte sie ihm, zutraulich in seine Augen blickend, vor. „Seid gut, Meister Veit, und laßt uns armen Frauen die kleine Freud’! Und ich bekomme meinen Adler – nit wahr? Und Ihr sagt’s nimmer dem Rotmund, daß ich da gewesen bin – nit wahr? Das ist Geheimniß zwischen uns – gelt?“

Sie blinkte ihm so bedeutungsvoll zu, daß Meister Stoß einwilligend sich geneigt und sie wieder zur Thür geleitet hatte, ohne recht zu wissen, was er that. Und seine Blicke folgten ihr, wie sie zierlich über die Schrittsteine wandelte, ihren Schanz sorgfältig vor dem Staub und Schmutz der Straße hütend, bis sie hinter den hölzernen Laubengängen verschwunden war.

[553] Kaum hatte sich die Rotmundin entfernt, so kam in Meister Stoß der Künstler wieder zu seinem Recht. „Wozu strebt man nun nach dem wahrhaft Schönen?“ fragte er sich zornig. „Geht das Sinnen und Trachten der Menschen nicht immer dahin, zu verunstalten, was unser Herrgott schön gemacht hat? Da zieren sie einmal mit Schnäbeln und Ohren, die an den Kopf gehören, ihre Fußbekleidung, und ein andermal begehren sie, ihren Haarschmuck unter einem Thurm zu begraben. Aber ich will sie mit der Nase auf die wahrhaftige Schönheit stoßen.“

Er faßte einen fast vockendeten Engel scharf in's Auge. Hoch bäumten sich die Locken deffelben über dem reizenden Gesicht, die Flügel waren gefaltet wie bei einer ruhenden Daube , die Häude hob er aumuthig empor und schien so Ruhe zu erbitten, wie es seiner Vesammung als Schmuck eines Kanzelsnßes entsprach, ein langes Getvand slatterte ihm bis zu.den Füßen herab, deren seine Zehen- fpitzen unter den knittrigen Falten des Sanmes hervorsahen.

Meister Stoß begann mit emsiger Hand an dem Antlitz zu schnitzen und kicherte in sich hinein, als auf Wangen und Kinn sich Grübchen vertieften. .......^ ......... .........

Während so Jedermann bemüht war, Renes zu schaffen hatte wilhalm Hacker sich bisher nur mit Einreißen beschäftigt. .In seinem Hanse wurde das Unterste zu oberst gekehrt. Ackes Alte mußte ihm aus den Augen gebracht werden, nr.d er war sichtlich darauf aus, von seinem Dhnu möglichst viel Gerede in der Stadt zu erregen. Besonders wenn die Elsbeth ihm einmal begegnet. war, vom Stnrz verhüllt und die Augen tief geseukt, daß sie ihn nicht anzu.chaueu brauchte, schickte er gewiß am selbigen Dage ein altes schöues Stück Hausrath in die Verbannung auf den dnnklen Hansboden.

Aber der Dag des Einzu.s rückte näher, und auch er mnßte für die Verhückung und Ansschmückung feines zerklüfteten Hauses sorgen. Er begab sich nach der Cistelgasse und trat dort in Albrecht Dürer's Hau... ein. Beinahe wäre er wieder hittansgekehrt worden , denn Fran Agnes Dürerin, die heute ihren scharfen Dag hatte, tvirthschaftete mit dem Besen nmher und keifte mit einem Lebr- jungen, der beim Reinigen der Malermnscheln die Hausdiele de- schmutzt hatte.

„Das ist auch eine Frau, der nichts höher steht al^ Veseu und Kochtopf,“ dachte Wilhalm verächtlich und folgte dem voron'^ schleichenden Lehrling in die Werkstatt des Malers.

Hier herrschte eifrige Arbeit. Der Meister mit de^n sansteu Besicht und dem langen Haar stand vor einer großen aufgespannten

Leinwand und malte an einem Madonttenbilde. Bor ihm saß auf eiuem Thronsessel ein Weib, das einen kleinen Buben im Hemd auf dem Arm hielt ^ der schweukte ein Fähnleiu in seiner dicken Hand und steckte den Heiland dar.

Es waren auch noch mehr Gäste da. Der Erzgießer, Meister Peter Bischer, waudte dem Eiutretendeu sein Antlitz zu, von dem ein langer Bart herabstoß, und bei dem Zeichenbrette des einen der Schüler, die an den großen Fenstern saßen, stand ein Mann, ^ dem ein Kränterbündel aus dem Zwickichwams hing. Der junge Patrieier wurde mit Ehrerbietung begrüßt.

Er benahm sich, wie er es im Lande Italia gelernt hatte, ^ drückte dem Meister die Hand, stand vock Bewnnderung vor der ! thronenden heiligen Jungsran Dürer's, betrachtete den Entwnrs zu. Krönmtg der Maria, die das Domeapitel in Ersnrt bei Peter Bischer besteckt hatte, und über welchen dieser mit Dürer sich berieth, und prüste den Engelkranz, den des Malers Schüler Alt- dorser malte. Dann nahm er aus dem dargebotnen Lehnstuhl Platz.

„Ich wüttsche,“ sagte er, „ein Bild gemalt zu habeu, so die Lücke in meinem Hans künstlich verhückt. Es sock darans der Götterbote Merenrins also dargesteckt sein, wie er der Stadt Rürnberg die Botschast bringt von dem Rahen seiner fürstlichen Dnrchlänchagkeit, und die Göttin Fama, wie sie sein Lob posaunend in ein Horn stößt, auf daß den fremden Gästen klar werde, auch in Rürnberg lebe Kennwiß der griechischen und römischen Ab- götter und nicht Jedermann ackhier verschließe sich starrköpfig den Segnungen neuer fürnehmer Bräuche.“

Er fprach trotzig und herausforderud, wie jetzt immer. War ihm doch ackzeit kampflustig zu Muthe!

Aber es wuuderte sich 'Riemaud darüber. Der Streit um den Sturz war ackgemeitt bekannt, und über die Gesichter acker Anwesenden glitt ein Lächeln, welches bewies, daß seine Andentung darauf bezogen wordeu war.

„Die armeu Weibleiu!“ stüsterte es hinter den Stafseleieu der Schüler.

Albrecht Dürer rückte sein schwarzes Barett zurück, schüttelte den Kops und sprach.

„Warum erheben die Frauen ihre Stimme, um an die Stecke

einer häßlichen Hücke eine andre nttschöne Form zu setzeud“

„Du damischer Ding!“ ertönte aus dem Flur herauf die Stimme der Rechenmeisterin, wie Herr Albrecht sein Ehegespons nannte. Dann stolperte ein zweiter Lehrling mit einem Oeckrng, aus dem er etwas verschüttet hatte, über die Schwelle.

[554] 

„Ia, warum erheben die Fraueu ihre Stimmeue“ lächelte Altdorfer. „Dieweil die meisten mehr einem Drachen denn einer heiligen Jungfran gleichen.“

Die Andern lachten, aber Herr Albrecht nickte und erwiderte^

„Du hast Recht, mein Sohn.“ Uttd dabei malte er an dem Madouuenbilde auf seiner Staffelei einen feinen Pinfelftrich, wo- durch der Blick ihrer blauen Augen noch fanfter wurde.

„Da öffnete sich die Dhür, und die Düreriu schaute selbst herein.

„Es sind zwei Frauen draußeu,“ rief sie, „in Sturz und Brokatrock, die mit Euch reden wollen Ihr habt doch keine

Bilder hier, die ihren Augen anstößig sein möchten e Denn ich meine, es find die Imhofischett.“

„Laß sie eintreten!“ sagte Herr Albrecht mild.

Aber Wilhalm war anfgefprungen ^ seine Augenbraueu hatten sich stnfter zufammengezogen.

„Wenn auch Enre Vilder sie nicht verschenchen so ist ihnen vielleicht mein Anblick widerwärtig. Laßt mich hinter die Leiu- wand schlüpfen!“

Kaum hatte er sich verborgen, da traten die Franen ein.

Herr Albrecht nahm das Barett vor ihnen ab. Sie neigten das Haupt zu. Gegengruß, und Elsbeth fprach.

„Wir kommen, um eine Bestellung bei Euch zu machen, Herr Dürer. Wollt Ihr mich abeonterfewne Ich möcht, daß ein Bild von mir in dem Gange anfgehängt werde, wo die Imhosinnen alle von der Wand blicken, bevor ich aus dem Hause scheide . denn ich gedenke in ein Kloster zu gehen.“

Da war es, als wenn leise Einer mit dem Abfatz aufträte, wie in schwer bezähmter Uugeduld.

Herr Dürer war es nicht, der sah in Elsbeth's Augen und fragte.

„Ihr fallt in's Klofter gehen e“

„Es zwingt sie Keiner,“ fiel die alte Imhostn ein. „Sie folgt ihrem eignen Entschlnß. Und sie wird auch nicht früher in daffelbe eintreten, bis sie bei den Festen, so uns bevorstehen, noch einmal weltliche Lnft gekostet hat.“

„Wie wollt Ihr gemalt feine“ wandte Dürer sich an Elsbeth.

„In Stnrz und Kirchenrock!“

„Im Sturze“ fragte Herr Dürer verwmtdert, und es ging ein Gemurmel durch die Reiheu der Schüler, das ein Echo hinter der Leinwand hervorrief.

„Warnm wollt Ihr Euch alfo verunstalten e“ fragte der Meister und forschte durch den Schleier, ob er vielleicht dahiuter ein abstoßeudes Autlitz eutdecke.

„Aber Meister !“ feufzte die alte Imhostu kummervoll. „ Stimmt Ihr vielleicht auch für die Augsburgische Haube?“

Dürer schüttelte den Kops

„Die ausstutzige Haube strebt ebenso gegen die Gesetze der Schönheit wie Ener Sturz. Wollet Ihr nicht das Schleiertuch wählen e Es verwahrt das Htntpt aus natürliche Weise und ver- . leiht ein madonnenhastes Ansehen.“

Elsbeth's Augen blickten finster.

„So kleidet sich keine ehrsame Jungsran“ sagte sie.

„ Hütte der Antwort gewärtig sein können,“ meinte Dürer. „Wir Maler sind übel daran in dieser gnten Stadt. Ihre Thore sind so sest, ihre Mauern so hoch, daß das Neue nicht herein, das Alte nicht hinaus kann. Woher sollen wir da schöne Vorbilder nehmen e Der Dizian hat's dach leichter. Der sieht die Franen , im Schmuck lichter Schleier und mit Perlenschnüren im Haar.“

„O schweigt von den welschen Frauen!“ rief Elsbeth eutrüstet. „Sie sind aller Eitelkeit voll.“

„Weiß nit, warnm den Frauen versagt sein soll, ihr Haupt nach eigenem Gefalleu zu schmückeu,“ bemerkte der junge Mann mit dem ..Kräuterbüudel, der dem zeichueuden Schüler neben ihm allerhand Blattwerk und Blumen als Muster hiulegte. „Wäre es Süude, sich herauszuputzen, alsdaun würde mtfer Herrgott den Pstänzleiu nicht so mancherhand wunderlichen Schmuck an- gehangen haben.“

„Der Herr Hieronymns Bock vertheidigt den Pntz,“ sagte David Kandel, der Zeichner, „und trägt doch felbft das Zwillich- wams und den Buudschuh des Bauern, statt des schwarzen Rockes der gelehrten Herren.“

„Also ziemt es sich für den Wurzelgräber,“ lächelte der Botaniker, welcher unter dem Namen Tragus später zu hohem Ruhme kam.

„Wenn Ihr gelahrt seid,“ fragte Elsbeth fast rauh , „ioie könnt Ihr eine solche Schwachheit eutschuldigene“

Hieronymns Bock sah sie freundlich an.

„Reuut Ihr die Freude am Schönen eine Schwachheit e Ich habe oft darüber nachgefonnen wenn ich auf meiner arbeitsseligen Pslauzeusahrt durch das rauhe Wasgau streifte, wie dach Alles, was Menschenhände machen, so wuuderbarlich vorgebildet ist in der Ratur. Drägt uit die Goldwurz, die in den hohen Wäldern wächst, ein Gebände, wie der schlimtne Türke es um sein Hanpt schlingte Rennen wir nit die Wolfswurz auch Eifenhütlein, weil sie eine blaue Haube hat, gleich uufreu Ritteru beim Dtrneie Setzt der Fliegeuschwamm uit einen rotheu Hut auf, wie die Cardiuäle in Rom e Zieht der Ritterfporu uit Schuabelschuhe an e Uud der Goldstern den da meiu lieber Gefell so eiufäaig schlecht und wahrhaftig hiuzeichuet, gleicht er uit den seinen Goldröslein, mit welchen die holdseligen Frauen ihre Mieder verzieren e W.emt der allmächtige Gott so große Freude an der Zier hat, warum follen's nit die jungen Mägde auch habeu, die er schus, so recht sich und uns allen zur Augenweidee“

„Darf die Dngend nicht auch anmuthig seine“ pstichtete Dürer bei. „Wenn wir ein absouderlich schönes Weibsbild sehen, so malen wir es als liebe Gattesmutter. Wir schasseu die Cnglein schöu und die Teufel häßlich.“

Elsbeth wußte nicht, was sie entgegnen fallle. Anch die künstlichen Meister hier fprachen Alle wie der Haller, und selbst der gelehrte Herr stimmte ihm zu. Traurig sinnend schlug sie die Augen empor, ihre Seele war weit weg bei dem Streite mit dem ungetreueu Verlobteu.

„ Euren Augen uach müßtet Ihr eine schöne heilige Jungsran geben,“ sprach Meister Dürer und legte ihr den Buben mit dem Fähnlein in den Arm.

Sie bengte sich frenndlich zu.ihm nieder. Er sah sie erst starr an, dann jauchzte er auf und faßte in die Schleier des Sturzes. Sie fanken herab.

Und da rollte plötzlich über Hals und Schnltern bis zu den

Knieen schweres Goldhaar nieder. Sie stand erschraken, und Fran Imhas zog die Stirn kraus in ernstem Tadel.

Aber die Schüler fnhreu von ihren Sitzett auf, bildeten einen Kreis um sie herum, und ein Ausruf der Vewunderung ging durch die Werkstatt. Auch der junge Altdorfer verließ seine emsig durch die Luft rudernde Engelschaar, an der er malte, und drängte sich Allen voran. Schier verzückt schaute er auf die galdnen Wellen, und dann blieb sein Auge mit dem seltsamen dnrchdringenden Blick, den nur die Maler haben, an dem purpurnen Munde hasten, der herbe wie in uuterdrücktem Schmerz an den Wittkelu leicht sich fenkte.

Elsbeth wandte sich verlegen von ihm hinweg. Zugleich polterte es hinter der Leinwand, und - plötzlich trat Wilhalm mit zornigem Gesicht zwischen Altdorfer und sie.

Ueber ihr Antlitz zuckte eine hohe Glnth.

„ Warnm verbergt Ihr uns, daß Ihr Gäste habt, Herr

Dürer e“ fragte Elsbeth diefeu vorwurfsvoll, iudem sie das Kind

vom Arme ließ.

Uud währeud Alle sie fprachlos auftarrten bemühte sie sich, ihr Haar wieder. zu bergen, aber es war zu stark und lang. Die Mutter trug Haudschuhe und über diesen noch Ringe, sadaß sie sich mtgeschickt im Helfen erwies. Elsbeth vermachte das Gebände nur lose um den Kopf zu schlingen.

Der Wilhalm aber vergaß diesmal seine fpauische Neberenz, weil er sie immer anschanen mnßte.

„Wentt i nur wüßt',“ rief die Imhostn, „wo Ihr gesteckt habt, daß wir Ench nicht gewahrten!“

„O, mit solchen Praktiken,“ sprach Elsbeth bitter, „ist Herr Haller wohl vertrank Heimlich Spiel, so Riemand erfahreu darf, versteht er meisterlich.“

„Eure Zunge ist scharf,“ antwortete Wilhalm. „Ein fatales Wort möchte einer Jungfran bester anstehen. Ich verbarg mich, weis ich wohl weiß, daß Ihr mir nicht gern begegnet, und ich kam hervor, um Euch zu fageu“ - er stockte, weil sie ihn stolz anschaute, dann fuhr er trotzig fort. - „daß Ihr eine Thörin feid, so Ihr noch fürder den Sturz tragt.“

„Faft möcht' ich Euch Recht gebeu,“ sagte die Imhostn. „Wenn i nur wüßt', ob es anging! Gern schlöss' auch ich mich der Rotmuudischen Rotte an.“ [555] 

„Laßt ntich's vermitteln!“ erbot Wilhalm sich eifrig. Da richtete sich Elsbeth jäh auf.

„Ritümermehr! Leichtfertige Frauen mögen sich pntzen! Mein Gewand ist die Zucht, mein Mantel die Ehre, ich verlange keine andere Zier.“ Sie neigte das Hanpt und schritt zu. Dhür.

Hacker zog die Attgenbratten zusammen. Er vertrat ihr

den Weg.

„Laßt mich Euch geleiten!“ sprach er. „Es ist dnttkel ge- worden, und der Gedrattg in den Straßen ist setzt groß.“

„Mich schützt der Stnrz besser denn Ihr,“ erwiderte Elsbeth mit gedämpster Stimme. „Wie wocktet Ihr Andern die Ehre wahren, da Ihr doch die eigne hintansetzt ttttt einer verbotnett zärt- kichert Leidenschast willen.“

Hacker horchte auf. Dann stüsterte er.

„Ihr thnt mir Unrecht.“

Sie sah ihn über die Schulter an.

„Ihr verschmäht auch die Lüge nicht.“

„Dreibt's nicht zu weit,“ snhr er aus, „daß nicht die Stttnde kommen möge, wo Ihr in bittrer Reue den Wilhalm Hacker zu Cnretn Beistand herbeisehnt!“

„Wenn Ihr nur dann beihandett seid,“ hanchte sie in düstrem Spott, „mtd Ench nicht etwa versteckt wie hent' !“

Er backte die Faust und wandte ihr zornig den Rücken. Die Franen schritten hinaus. Die Künstler aber blickten dem schönen Mädchen bewnndernd nach.

„Sie glich einer Himmelskönigin im Strahlenkranz,“ sprach Peter Vischer.

„Und um den Mttnd,“ rief Altdorfer, „lag es wie eine sticke Klage.“

„Ihre zwo Aengleitt,“ sagte Hieronhmns Vock, „ schonten aus wie die Vlüthen des Kräutleins Wegewart, von dem ein Märlein sagt, es sei eine verwttnschne Jungsran, die ihres Ge- liebten am Krenzweg harre. Itt sedettt Jahrhundert einntal ver- wandelt sie sich, um anszu.pähen, ob der Ungetrene noch nit heimkehrt.“

Der Dürer aber sprach sinnend.

„Richt als Heilige und nicht als verwünschte Jungsran möchte ich sie malen und beileibe nicht als Ranne, sondern als eine tapsre schöne Hausehre mit dem Schlüsfelbnnd an der Seite.“

Da stürmte Wilhalnt ohne Graß zu. Dhür hinans und rannte in das Menschengetümmel auf den Straßen hinein, als müffe er etwas Entflohenes einholen.

Aber verschmähtes Glück hat stüchtige Sohlen, ein ganzes Menschenleben reicht oft nicht aus, es wieder einzu.angen. Der ^halm gewahrte nirgends die einstige goldhaarige Brant.

Hingegen rannte er einen Perlenmacher über den Hanfen, daß die Schachteln und Bentel durch eittander rockten. Der Mann schlng die Hände über dem Kopfe zu.ammen und verkündete zeternd, daß tmnmehro der Einzu. nicht von Statten gehen könne, dieweil er nicht mehr vermöge, den schwarzen Atlasrock der Schultheißen gänzlich mit Perlen zu beftickeu. Wilhalm brachte den Mann mit einer Hand vock Weißgroscheu zur Rühe. Etwas abgekühlt schritt er rnhiger fürbaß.

Alfo sie hatte ihn in einem ttnehrbaren Verdacht d Sie glaubte, er, der Wilhalm Hacker, habe ein frevles Liebesfpiel mit einer Ehefrau eingefädelt d So gering schätzte sie ihn d Uttd sie wockte in ein Kloster. gehen, aber vorher noch weltliche Lnft kostend Er lachte höhnisch. Das kannte er. Das Kloster fockte der letzte Rothbehelf sein. Znvor gedachten die Eltertt zu versuchen, vb sie nicht einen Herrn aus dem Gefolge des Erzherzogs für ihre schöne Tochter stschten.

Ia, schön ansschanen konnte sie. Diese Gerechtigkeit ließ er ihr widerfahren und gestand sich ostenherzig ein, daß er das früher nie vermnthet hatte. Aber sie sah fonft auch nie so aus. Was mußte nur in sie gefahren sein, daß sie so verwandelt er- schien d O, wenn sie den fremden Gästen entgegentrat wie hent ihm, dann widerstand ihr Keiner. Dann kam sie vieckeicht nach Venezia und verdnnkelte mit ihren goldnett Haarwecken die röthlich schimmernden Flechten der schönen Dochter des Tizian.

Schon wieder stürmte er dahin. Ein Auweh !“ erscholl, und ein . Schneiderjunge lag unter einem Haufeu von feiduett und fammetnen Puffen in der Gaffe.

„O das kunftvock verhauene Wams ! Was hat es für Mühe gemacht! Rock und Hofe auf einer Seite ganz grün, auf

der andern weiß, gelb und roth getheilt! Was wird Herr Imhof

sagen d“

Wilhalm erschrak. Mnßte ihn sein Schicksal immer den Imhof's feindfelig gegenüber steckend Er half mit eignen Händen

das Gewandzeng wieder in den Korb packen, und es fiel ihttt in seiner Sorge nicht einntal ein, die Rase über die veraltete getheilte Tracht zu.rümpfen.

Dann wandelte er weiter. Was war es doch gewesen, woran er eben gedacht hatte, und was ihm die Brnst einklemmte, daß er nicht frei athmen konnte d Richtig! Die Elsbeth als Ehegetnahl eines welschett Herrn, von Tizian gemalt und berühmt vor acker Welt ihrer Schönheit halber. Rein, da war es doch bester, das Goldhaar stel unter der Scheere, sie barg im Ronnenschleier ihr Antlitz und weinte sich die Wegwartenänglein in einfatner Zecke roth, daß sie dem Wilhalm so schwer Unrecht gethan hatte durch ihren Verdacht. Dann war es freilich zu.fpät für sie, wenn sie etwa noch eine zärtliche Leidettschast für den einstigen Vräntigam saßte, den sie so hart von sich gestoßen hatte. Aber besser späte Einsicht als gar keine!

Er senszte tief auf, und es war ein herber fascher Dnft, den er dabei in seine beklommene Vrnst einsog.

Die ganze Stadt dnstete wie ein Maienwald ^ überack saßen die Leute unter den Laubengängen und wanden Kränze, Karren mit Fichten und Birken snhren durch die Straßen. Das deutsche Volk kennt nichts Schöneres als seine nralte Heimath, den Wald. Wenn es srendig bewegt ist, trägt es ihn herein in die sesten Städte und hanst für eine knrze fröhliche Zeit unter den geliebten grünen Vänmen. Auch aus Wilhalm's Seele wich bei dem Dnft der heimatlichen Wälder das Gedenken an welsches Gepränge. Die spinnende Dämmerung, der weiche Abendwittd stimmten ihn fanfter. Das Gewiffen regte sich in ihm.

Hatte er nicht auch ihrer ledig sein wockend O nein, er wnßte es jetzt ganz genan. nur umbildeu wollte er sie, damit sie sei, wie er es von seiner Ehefran wüttschte. Aber hatte er nicht ihren Verdacht abfichtlich geuährtd Ia, um zu prüfen ob er ihr wirklich so gleichgültig sei.

Vielleicht kam doch in der Zukuuft das Stüudlein, da er ihr das Ackes sagen konnte. Das Mißverftändniß, die Rotmuudiu betrestend, mußte sich bald löfen. Der Einzttg brachte ackes an den Tag, auch die Urfache der hänfnen Verbindungsbrücke. Dann aber - dannd

Wie ihm das Herz klopfte! Welche Vilder vor ihm anf- faegen ! Vor ackem ein tranliches Heim mit einer tapfrett Hans- ehre, wie der Dürer sagte, die ihre Schönheit züchtig für den Eheherrn hütete.

Da stand er vor feinem Hanse, das ihn zerklüstet und zer- borsten angähnte. Senfzend ließ er die Vacken und Kisten, die er aus Italien geschickt hatte, anspacken und die Manern und Lücken mit so prächtigen Tapezereiett behängen, daß bald ganz Rürnberg davon sprach. Man sagte auch auf Märkten und Gaffen, daß der Altdorfer für das Gemälde, welches doch nur für den einzigen Tag dienen fockte, weit über die geforderte Summe hiuaus von dem Hacker bezahlt worden war.

Von anßen war sein Hans schön anzttschanen wie die Paläste in Welschlaud, aber iunen sah es um so trostloser aus. Als er die alten Schreine, Tische und Vänke von Fnßboden und Wand, wo sie srüherem Vranch gemäß befestigt waren, hatte abreißen und aus den Gemächern schaffen laffett, als seine aus Italien mit- gebrachten Geräthe ansgepackt worden waren, hatte das Ingesinde ackes durch einander gesetzt. Reben der aesigen mit geschnitzten Engelsköpschen verzierten Vranttrtthe seiner Mucker selig standen auf hohen, schlanken Veitten ein Marmortischchen , aus der alten brannen Eichenholztafel prangten kostbare Masolikaschalen , und an dem urväterlichen Schrein, der mit Rosen bemalt war, lehnte ein herrliches Gemätde von Tizian.

Ia, es herrschte eine große Unordnung im Hacker'schen Hause ^ das zeigte sich auch am Vorabeud des Eiuzugs, als Herr Wilhalm die Rüstung auspackeu wockte, die er aus Mailand mitgebracht hatte, und den Panzer des Vserdes, auf dem der Amazonenkrieg aus fuukelndem Erz und edlem Metall abgebildet war - die Kiste war nirgends zu fittdeu und fand sich erst nach langem Sucheu im Holzstadel. Während Wilhalm schier in Verzweiflung treppanf, treppab rannte, stelen ihm Elsbeth's Worte ein. „E^ muß jedes Ding in der Reih bleiben, so ein Hauswefen [556] [569] Staub wirbelte auf, und die Rürnberger fprengten herau. sie waren schöu anzu.ehen, mit Arm- und Beinschienen, Harnisch und Stahlhaube gerüstet, in köstlichen Kleidern von Sammet und Seide, mit atlasnen Borten vergittert, mit Fransen verbrämt. Die Bosse prunkten im Erzpanzer mit stählernen Stirnen. Und hinter jeglichem Herrn ritt ein Gesolge von Knechten in seinen Farben und ein Vnbe mit der Fahne.

Run stiegen die zur Begrüßung Erwählten von ihren Bierden und gingen dem Erzherzog entgegen, der seine Handschuhe auszog und ihnen die Hände reichte.

Der Blick des lnstigen Rathes glitt durch ihre Reihen. An den Zügen der älteren Herren blieb er hasten, es lag etwas wie scheue Sorge in seinem Gesichte. Als aber acker Augen gleich- gültig über ihn hinglitten, athmete er auf. Er lächelte, da er vernahm, wie dem hochmögenden Herrn Mnffel die Stimme bebte, als er in langer Rede die Einladung in die Stadt fprach.

„Gleicht die Dnrchlänchtigkeit nicht dem Mnrel, seinem Groß- dater d“ stüsterte es hinter ihm.

Cr wandte sich um. War das nicht der Wilibald Pirk- heimer, der Rath des in Gott ruhenden Kaisers Maximilian d Ader wer war der Greis neben ihm, der mit Rührung aus den Erzherzog blickte d

Er nickte dem Fragenden zu.und antwortete.

„Die gebogene Rase, das sreuudliche Auge hat er von ihm, und auch die starke Lippe.“

An dem Dane erkannte der lustige Rath den Brobst Vfmzing, der mit dem verstorbenen Kaiser den Denerdank gedichtet hacke. Er hatte ihn vor Augen als einen noch rüstigen Mann. Wie schnell die Menschen doch alt werden!

Dicht neben sich hörte er flüstern.

„Der sock luftiger Rath fand Schaut ja aus nae eine a^ne Seele, die irre geht.“ Er raffte sich auf.

Jetzt schmetterten die Drompeten. die Rürnberger Retterschen^ schwenkte rasselnd ab und gab den Weg frei.

Da war das Feldgeschütz aufgefahren. Ein Commnndo e^ schallte. die Rachtigackeu und Siugerinnen, wie d^e grvßten beschütze genannt wurden, die Rothschlangen und Falkone.tle^n donnerten dem sürstlichen Gast ihren Graß entgegen Und dnlnnte^ stand die wehrhaste Bürgerschast der freien ^tndt n'. Schlachtordnung mit gefenktem Spieß, einen ungeheuren Wu^ bildend.

Der Erzherzog winkte überock hin dankend nat dr ^a^

Der Rarr fpähte zu.den Feldgeschützen hinüber. Rein! Hinter dem berühmten Basilisk stand nicht mehr der alte Konz. Ein junger Büchsenmeister trug den weissen Wappenrock, der mit gemaltem Andreas-Kreuz und Fenereisen geziert war, und hielt die brennende Lunte.

Aber der Dhnrm des Franenthores vor ihm war noch der alte trotzige, wenn auch jetzt ein Büschel Fahnen lnstig von seinen Zinnen herabwackte. Wehmüthig schaute der Rarr zu ihm hiuaus. Das Herz wurde ihm weit, und er stüsterte. „Daheim in Altnürnberg.“

Da stockte der Zng^ Der lnstige Rath schante um sich. Er sah, wie die Bürger, die, vor dem Erzherzog einziehend, Spalier bilden sockten, sich zu.einem Knänel verwickelten, er hörte, wie die Leb- knchler und Spielzeugmacher um den Borrang stritten und welche Mühe der kriegsknndige Dylmann von Prem hatte, ehe er den ungesügen Hausen wieder in eine richtige Ziehordnung brachte. Der lusage Rath fühlte, wie das Herz sich ihm wieder eng zu.ammenzog, und als endlich die ehrsamen Meister in ihren fnnkelnagelnenen geschlitzten und gepnfften Wämsern gassenbreit fürbaß wankten, sprach er in beißendem Spott für sich.

„Der Kastengeist ist auch noch derselbe wie ehedem daheim in Altnürnberg.“

Zinken, Posannen, Kesseltrommeln spielten und übertönten das Getrappel der Hase auf dem Balkeuwerk der Zugbrücke, die über den tiefeu Graben führte.

Durch eine hohe Ehrenpforte, die zwei Dhürme krönten, schante der Erzherzog in die festliche Stadt hinein, und es war ihm nicht zu verdenken, daß er einen Augenblick sein Rößlein anhielt, um sich an dem Bilde zu ergötzeu. Eug waud sich die Straße dahin, ein vorspriugeuder Erker, mit grüueu Dauuenkränzen behangen, ein geharnischtes unter spitzem Dach hervortretendes Ritterbild mit einer grünen Maie in der Hand schien sie hier und da gänzlich zu.versperren. Doch so weit das Auge reichte, bildeten an beiden Seiten Gilden mit ihren Fahnen, Bürger mit Eisenhelm und Stachelpiken ein lebendiges Spalier für die einziehenden Gäste. Der Erzherzog aber wandte das Hanpt über die Diensteifrigen hinweg nach den mit grünen Zweigen befteckteu Lanbengängen wo sich die Häubchen der Bürgermädchen neben einander drängten, und hinauf nach den mit Blumengewinden geschmückten Fenstern der hohen Patriaerhäuser, in denen bis unter die abgestuften Giebel glitzernde Mieder, wehende Schleier sichtbar waren.

„Giebt’s viele schöne Frauen in Nürnberg?“ fragte er den Probst Pfinzing.

[570] ^ ^o '^

„Vor allen Dingen wird's viele Stürze geben,“ antwortete der lnftige Rath dazwischen. Der Dichter nickte lachend.

„Ift das Pstafter so halsbrechend e“ meinten die Einreitenden.

Der Rarr antwortete nicht. Seat Auge flog die Straße ent- lang. Es war gnt, daß sein Füchslein so sicher schritt , denn die zitternde Hand des Reiters hätte es wohl nimmer zu.lenken ver- mocht. Einmal nestelte er an feinem Wams , als sei es ihm zu eng. Eiu andermal nickte er einem Franziskanermönch zu, der alt und gebückt und doch nengierig am Wege stand, aber der schaute schier verdrüßlich drein, als er die Würde des Grüßenden erfragt hatte.

„Wer wohnt in dem brannen Hans, das so schmal und windschief sich in die Gaffenecke drückt?“ fragte der luftige Rath fast athemlos.

„Iu der alten Baracke e Kleine Leute, wer keuut siee“

„Uud wo ist der Dhurm lau, der soust hier an der Veguitz staud s' Im oberu Stock war eine Taudelbude, wo es die schönsten Berluppungen gab.“

„Ist bei einem Stnrm über den Hansen geschossen.“

Der Erzherzog schaute indessen eifrig um sich.

Jetzt kauten sie an das Imhostsche Eckthürmchen. Die alte Imhostu lag im Fenster und winkte, wie ihr besohlen war, mit dem Faeinetlein. Von all den Erlebnissett aus dem Gleichgewicht gebracht, hatte sie den Schleier des Sturzes nur lofe geschlungen, so daß sich ihr würdiges Gesicht darin zeigte, wie in einem Hasen- ripg hängend. Die Vlicke der Herren glitten über sie hinweg zu der schlanken Mädchengeftalt, die im Hintergrnnd stand.

Dem Wilhalm Haller aber wurde es heiß unter feitter Rüftung von blanem mit Gold eatgelegtem Stahl, als er die begehrlicher^ .Vlicke der Gäste gewahrte, und er war froh , als nur Elsbeth's blaue Augen aus dem Sturz heruiederschauteu. Er war in diesem Augenblicke dem altsräukischen Kopfputz von Herzeu dattkbar.

Die Imhofiu sprach.

„Wenn i nur wüßt', warnm der Wilhalm jetzt allzeit mit den Augen herauf witscht. Ich denk', er mag Dich nimmer.“

Elsbeth blieb die Antwort schuldig und zog sich vor den dreisten Vlicken der Fremden noch mehr zurück.

Ueber den Herrenmarkt ging der Zug. Der Erzherzog blickte überrascht ata. Gerade über ihm schwebte ein fieghafter Adler mit einem Lorbeerkranz in den Klanen. Er hing an einer Schnttr aus grünen Tannenzweigen, in welche abeonterfeite Granatäpfel, Pomeranzen, Melonen, Feigett und Kürbisse ge- bttnden waren.

Und da, wo das eine Ende an dem Fenster eittes Ehörleins befestigt war, zeigte sich, nachdem man bisher nur Fraueuköpse mit Stürzen geseheu, zu. ersten Mal ein liebliches Franen- antlitz, vom Schleier nur leicht umweht, so daß man eine weiße Stirn, ein feines Rüschen, rofige Wangen und, wenn der Frühlings- wind ein wenig keck war, auch das schelmische Düpslein im Kiun erschaueu konnte.

„Wer wohnt in dem Hanse mit dem welschen Festone“ fragte der Erzherzog leise seinen lnftigen Rath.

„Es ist das Rotmundische,“ entgegnete der wie aus einem Traum aussahreud.

Der Erzherzog lächelte.

„Rotmnnd e Auch der Raute ist schön“ Uud er blickte noch

einmal hinauf. Aber im felbeu Augenblicke winkte der husarisch gekleidete Herr Rotmuud grüßend mit seinem Fähnlein. Da ver- schwand Alles im Sturz, nur zwei Augen funkelten heraus wie die eines lanernden Kätzleins.

Schmetternde Fansaren tönten vwn Rathhans herab. Vor St. Sebaldns stimmte die Schwingend das 'l'^ atnnn iana^.ntu^ an , der Erzherzog neigte sich tief vor der offnen Kirche, und unter Sang und Klang , luftigem Spiel und lantent Zuruf' des Volkes bewegte der Zug sich zur Veste hinan.

Rur der luftige Rath blieb zurück, während die Gäste durch das Dhor einritten. Er hatte das Haupt hiuüber uach dem .Panierberg. gewandt. Dort stieg über niedrigen Dächern ein dmtkler Giebel empor, dessen Stnsen sich schars vom Himmel abhoben, als führten sie geradewegs in die lichte Bläue hinein. Seiue Augen blickten so abwesend dorthin, als, sei er seelenaaein.

„Vleibt in der Reihe, Rarr!“ rief ein. junger 'welscher Bischos.. Feine Röthe schoß in die Stirn des Grankopfs. Er drückte die Fanst zusammen, dann lachte er grell auf.

„Seid ohne Sorgen! Die Rarrheit verläuft sich nicht weit von Euch weg,“ sagte er.

Aber er rührte sich nicht. Unbeweglich hielt er noch vor der Bnrg, als schon der Rachtrab verschwttudeu war und das Bolk sich allmählich verlies. Ihm war zum Sterben weh.

Da sagte uebeu ihm eine klare Stimme, der tu an anhörte, daß sie beim Douuer der Geschütze zu eommandiren gewohnt wnr.

„Hätten wir solche Waffen in Preußen gehabt, wir würden uns wohl die doppelzüugigen Polen vom Halse geschafft haben.“

Der lustige Rath waudte sich um.

Bei den Hakenschützen, die am Eingang Wachtdienst thcslen, hielt der Markgras Albrecht von Brandenbnrg, der Hochmeister des deutscheu Ordens. Er prüste die Büchse mit dem nenen Radschloß

„Es ist eine gesährlichere Waffe als unsere alte Arntbrttft,“ warnte der Söldner.

Der Markgraf erhob sich stolz auf feinem Pferde, in dessen Satteldecke der rothe Adler gestickt war.

„ Gefährlich ist alles Reue, das eine große Kraft in sich trögt Aber wer ein Recht auf die Zukuust habeu will, muß bei Klient im Vordertreffeu feitter Zeit steheu und in seinen Dienst nehmen, was neu und kräftig eutporkeiutt, sei es eine Empfindung wie diese tödtliche Wusse, oder sei es,“ fuhr er mit gedämpfter Stimme, zu. lustigen Rath gewendet, fort, „ein nener Glattbe.“

Ein einverftändnißvoller Blick wurde zwischeu beideu getauscht. Dann athmete der Rarr ties aus, als wälze er eine Ceutuerlnst von seiner Seele, und . autwortete mit tiesernster Stimme.

„Deu neuen Glauben zwingt Ihr nicht in Emen Dienst. Er ist kommen als ein Besreier zu den Gebundenen und Armen, ihre Fesseln zu erleichterst, und die Fürstett und Gebieter werden sich selbst zu seinen streitbareu Dienern machen.“

Dann solgte auch er dem Markgrasen in die Bnrg.^

Als der Abend dämmerte, spähte Fran Rotmnndin aus ihrem Chörlein die Straße entlang, ob ihr Eheherr noch immer nicht vom Bankett auf der Burg heimkomme. Endlich lauchleu Fackeltt und Lateruen auf, wankende Gestalten geleitend.

„Unfre Herren find aazuutal wohl bezecht,“ kicherte sie. „ Selbst der Haller hat seine würdevolle Haltung attsgegeben. Er schwankt gleiche wem Irrwisch hin und her. Horch! Was singt

er für ein Liedleine“

Sie legte die Hand an's Ohr.

„ Schein nun, du liebe sonne, gieb nun einen hellest scheut, Scheits ssssn zwei Lieb zsssasssusess, ei, die gern bei einassder sein!“

klang Wilhalsn's Stanme herasss. Er sah dabei die Strasse esst-

lang uach der Gegeud des Isuhofischess Hauses.

„Wirft Du zahm, bramser Falke e“ flüsterte die Rotmundin.

„Die Els muß sich doch meine Lehren hinter die Ohren geschrieben haben.“

„Run Herr Rotmunde“ lachte sie ihrem vorsichtig über die^

Schwebe schreitessden Eheherrss entgegess. „Seid Ihr brav ge-

wesene Ihr steigt einher wie der Storch im Lattich.“

Der Rotmuud war ob des Etupsanges sehr erfreut.

„Gute Votschast!“ rief er snit schwerer Zunge und desto lauterer Stimute. „Uebermorgen ist ein Geschlechtertanz aus dem Rathhasss. Seine fürstliche Durchläuchtigkeit wüuscht solches, und was sie wünscht, geschieht nnweigerlich,“ schloß er fast drohend.

„Ich meine, Ihr seid Bürger einer freien Reichsstadt und braucht nicht zu gehorchen,“ sagte sie nachlässig.

„Liebes Weib, das verstehst' Du nicht„“ eutgegnete er hoch- fahrend. „Der Kaiser ist . über uns Allen, und die Durchläsichtig- keit ist feist Bruder. Aber äugftige Dich ssicht vor ihsn ! Ich will Dir sssit Rath und That beistehest, wessst DSS zum erftess Mal

solch süruehSneSSt Herrn .begegnest.“ Sie lachte hell aus.

„ Sorgt Euch nicht.! Vor solch schösamt fürstlichem Herrn fürchtet sich kein Weib.“ Herr Rottuuud stutzte .

„Ach was! Er hat die habsburgische Schlarpes,“ sagte er

wegwerfestd und ahsnte die starke Unterlippe des Erzherzogs nach.

„Die Schlarpel gestillt mir gerade,“ stritt sie trotzig. Das schoß dem Rotmuud vor den Kops. „Es braucht Dir nichts und Niemand zu.gesallen außer Deis.em^Eheherru,“ sagte er graumig..

„Wie wollt Ihr's verhindern e“ lachte sie. „Eia der ritter-

liche Herr! Eia das goldbranne RößleiSt!“ Reckisch gankelte sie

aus und .ab.

Herr Rotmund wollte sie ttntsasseu, stolperte und setzte sich [571] aus die standhafte Ofenbank, es gelang ihm nicht, sich wieder zu erheben. Vald schnarchte er, wie wenn zehn Lastwagen raffeltett. Frau Rotmnndin aber stand vor ihm und warf spöttisch ihren hübscheu ^ttnd aus. Der scharlachne, vielfach geschlitzte und gepuffte Rock trug die Spuren der Kaltwände, an die er sich geftützt hatte, ^ und die husarischen Stiesel hattett eitten Sporn und eine Ouaste im Sturm und Drang des Dages eingebüßt.

„Ich weiß nit,“ murmelte sie, „was mit dem Franzel itzmtder ist. Entweder ist er ansstntzig wie ein Vock, oder er liegt und schnarcht. Wenn ihn nur nicht der Drops noch rührt!“ Sie ries mit einem Pfeischen ihre Magd herbei. „Der Hittz und der ^ttttz socken den Herrn Rotmnnd aus sein Fanlbett tragen. - Hast Du zu. großen Messe morgen in der Franenkirche den haß- lichstett Sturz ausgesucht d“

Die Gürtelmagd nickte bedenklich.

„Ia, Fran Rotmuttdiu, es ist ein wahres Scheusal.“ Schon recht, Kathrin! Wir wocken ruhig schlafen und uns was Gutes trättmen laffett.“ - - - .

Attt andern Morgen war in der Fraueukirche zur Meffe versammelt, was nur Platz darin finden konnte, und der Erzherzog wohnte der Feier mit seinem Gefolge bei. Das Gotteshatts schaute festlich aus, prächtig zubereitet mit Deppichen, Vlttmen und Kerzen , die Kantorei stimmte einen Lvbgesang an, und die Stadtpseiser pststen , fast umtuterbrochen schwangen die Ministranten ihre Weihranch- betten, die bauten seidnen Gewänder der Geistlichen ranschtett, während sie eilsertig kttir.end den Hochaltar umschatten, rasches Schellen ertönte dazwischen.

Der lttstige Rath, der an eittem der hohen Pfeiler lehnte, fcktfterte leise in sich hinein .

„ Sputet Euch nur! Vruder Martitt tiberholt Euch doch.“

Itt den kurzen Pansen, die zwischen den Dheilen der Messe lagen, stog das Auge des jungen Fürsten über die Frattenstühle dahin, aber es kehrte stets, wie perletzt, zu dem mit schönen bttntett Initialen verzierten Gebetbnche zurück. Auch den Rathsherren stieg das Vlat zu Häapten wettn sie aus ihre verhückten Ehehälsten blickten. So abschreckend war ihnen ihr Kopfschmnck noch nie er- schienen , schier dränend schanten sie aas dem schmalen Spalt herans, wie die Streiter beim Gockesgericht aus dem zu.eschrattbten Visa.

Als die Messe zu.Ende war, erhob sich der Erzherzog, er blickte nnwilag die Kirche entlang, aus welcher die Franen mit ihren ttnsörmlichen Hanben wie eitel Rebelgespenster abzogen.

Anch der Stadtschnltheiß bemerkte die Falte aus seitter Stirn und sragte in tiesster Untertänigkeit , ob die Eantorei nicht schön gesungett, die Stadtpseiser nicht brav gepstsfen hätten.

Der Erzherzog neigte anerkennend das Haupt.

„Aber wir haben keine Fraaett gesehen“ sagte er datttt und warf schmockend das Schlarpel auf.

Während er zum Hochaltar schritt, zu welchem eben die Geistlichkeit die goldne Druhe geleitete, in der die Reichsklanodien bewahrt wnrden, dttrchlies des erbrachten Gastes Rede den Kreis der Rathsherren, sie steckten erschrocken die Köpfe zu.ammen.

Aber Herr Rotmnnd meinte trotzig.

„Sock es ttttsren Franen ergehen .wie den prängischen Angs- bnrgerinnea nach dem Reichstage, ackwo .sie mit den sürstlichett Herren Liebängeltt , Händedrücken und Fnßtreten so lange geübt haben, bis sie in das allgemeine Geschrei gekommen sind d“

Der Pstnzing lachte.

„Der Ferdinandtts ist ganz wie der Mar.el,“ sagte er, und n sie folgten dem jungen Fürsten nach.

Sie kamen gerade noch recht, um das Knie vor den Heilig- thümertt zu.bengen. Der Ragel, der Spahn, die Lanze vom Kreuz des Herrn , ein Stück von der Krippe Christi , die Glieder der Letten, mit denen Petrns, Paulus, Iohannes einst gefeffelt waren - all diese heiligen Dinge wnrden dem Vehältniß entnommen, dann Schwert, Seepter und Kleider Karl's des Großen und zu.etzt des Reiches Krone.

Acke Hänpter neigtett sich vor ihr, nur der Rarr starte regungslos darauf hitt.

„Sie könnte setzt auf dem Haupt des Sachseu ruhen,“ sprach er, und es klang Bitterkeit in seiner Stimme. „Ob wohl die rochen Strümpfe dann auch so geruhig täglich aus die Falkenbeize ritten d“ Er warf einen Blick nach dem Cardinal und Erzbischof.

„Cr hat sich selbst zu schwach besunden,“ bemerkte gering- schätzig der Markgraf Albrecht von Preußen.

„Bieckeicht hat er das alte Sprüchwort umgekehrt,“ lachte der Rarr, „ttnd gedacht. besser keine Kopsbedeckung als ein Wespeu- uest aus dem Hanpt.“

Der Hohenacker richtete sich aus.

„Ich wockte den Wespen schon ein Weisel sein, und die Kroue wockte ich sesthalteu, daß sie Keiuer mir vont Haupte zu reißen wagte , sie sockte strahlen vor acken Kronen der Erde.“

Der Erzherzog hörte nicht. Er schante zwischen den Knie- beugungen durch die hohen Fenster nach dem Chörlein hinüber, in das sich die Rotmnndin gelegt hatte. Der Starz saß jetzt wieder ganz leicht aus dem heckbrannen Gelock, und der junge Fürst meinte, bis hierher ihre Perlenzähnchen blitzen zu.sehen.

Er verweilte nicht länger, als nöthig war, bei den Heilig- thütnern. Doch gelangte er nur mühsam zu.seinem Roß , denn vor der Kirchthür drängte sich ein dichter Bolkshaufett um einen Mönch, der auf einem Stein stand, und da die Herren vorüber schritten, hörten sie ihn schreien.

„Versänmet. nicht Eure Seligkeit ! So lauge die Welt steht, werdet Ihr uie wieder um so gering Geld Vergebung Eurer Süttden stttdeu. Eurer Andacht und der hohett Festtage wegen sockt Ihr die Ablaßbriese nicht so theuer erkauseu deuu auher, und die Armen socken selbige ohne Geld erhalten um Gotteswicken und aus des Herru Papstes eigueu Vesehl.“

„Die heiligen Diebe habeu von den Marktweiberu erlernt, die faulen Eier nmfonst zu.ngeben“ sprach der Rarr.

„ Treibt die Ketzerei nicht zu weit,“ dränte der Erzbischos.

Aber der Erzherzog sagte uttgedttldig .

„Uttser lustiger Rath sock redeu, was er wick.“

Der hohe Herr wüuschte jeglichem Streit zuvorzukommen , denn er hatte jetzt voltatts zu.thntt. Zuerst mußte er sich mit acker spanischen Grandezza aus seinen brannen Hengst schwingen, dann ihn steigen lassen unter dem Ehörleitt, und als das stattliche Thier auf den Hinterfüßen stand , kattt das Hauptstück. er warf eitten Vlick zu. Fran Rotmnndin hittattf, so fenrig, daß der heilige Florian, der Schützer vor Feuersgefahr, jetzt aar Ehörleitt sehr vouttöthen geweseu wäre.

Aber wenn die Dnrchlänchtigkeit glattbte, daß die Rotmnndin etwas so Antnnthiges noch nie gesehen habe, irrte sie sich. Fran Rotmnndin war so in Angsbnrg gewesen. Als das wohlgestalte spanische Roß stieg, führte sie ihr Valsambüchslein an ihr Räslein und machte eine erschrockene Gebehrde. Und da der Erzherzog das Pferd tttttt zügelte und mit trostreichem Lächeln hinans sah, athmete sie ttterkbar aus und drückte ihre Hand auf das Herz.

Es war eine auserleseue seine Komödie, bei welcher Herr Rotmnnd beinahe blntigett Schweiß schwitzte. - -

Schott .webte die Dämmerung des Frühlingsabends in den Straßett, als die knnftfertigett Meister von Rürnberg ihre Läden schlossen und plandernd unter die Lanbengänge traten. Sie schanteu nengierig nach, wenn auf den Schrittsteinen ein Diener in den Farben der sremden Gäste feinettt Herrn mit dem Windlichte voranlenchtete, bis beide, Herr und Diener, in einem Pataaer- hattfe oder in einer der vielen Drinkstnben verschwanden, aus denett der Glanz der Wachskerzen heck auf die Straße heransstrahlte.

„Da kommt der Herr von Salamanea, ein stnfter blickender Mann,“ rief ein Meister. „Sein schwarzes Haar ist ihm wie eine Lanzenspitze in die Stirn gewachsen.“

„Für den hat mir heute der lustige Rath meine nenefte Er- stndung abgekanft, so ich Vlasebalg genannt habe,“ sagte der Wind- knustler Lobsinger. „Ich habe ihn gemacht, das Fener damit anzu.lasett. Er hat zwo Flüglein als Handgrisse und einen Schnabel. Anf dem Rücken hab' ich ihm das Wort geschaeben^ ,Ackes was Odem hat, lobe den Herrn ^ Der Rarr hat gemeint . ,Es ist ackes Wind. Lied', Dren und Hosfnung. Der Wind ist ein Hanch, der verweht, und auch das Lebens Dantt gab er das Instrnmentleitt dem Herrn aus Hispauia und sprach . ^Möchte wohl bei den Antodases anzuwenden sein, das bös Feuer anzublasend'

„Mir hat der lustige Rath eine Vricke in Leder gesaßt ab- gekauft, wie ich solche erfand,“ kicherte ein Anderer. „Er hat sie dem Rotmnnd verehrt und dabei gesprochen. ..Eines von den tausend Augen des Argus, wohl geschasfeu, ein schön Weib zu bewachew.“

„Vei mir hat er eitten lebzeltnen Reiter erstaudeu mit Schwert und Lauze,“ erzählte ein Psesferküchler. „Er hielt ihn dem Markgrafen ^Albrecht von Brandenburg hin und meinte. ,Ein [572] Reiter, so standhaft wie die Söldnerschaaren der Reichsstände, auf die Ihr droben in Thorn gewartet habt.‘ Und damit brach er ihn mitten entzwei.“

„Ja, er reißt über Alles seine Possen und darf sich jede Neckerei erlauben,“ nickten die Meister. „Der Erzherzog schützt und hegt ihn. Muß ein wahres Herzenslabsal sein, einen Mann um sich zu haben, der Alles auf die leichte Achsel nimmt.“

[585] Die kunstfertigen Meister unter den Laubengängen bemerkten nicht, daß während ihres Gefprächs ein hoher grauer Schatten vorüberglitt, einen Angenblick das Haupt nach ihnen wandte und dann lautlos weiter wandelte, bis er unter dem Portal der Sabaldus- Kirche verschwand.

Der Küster war eben dabei, die Kirche zu schließen. Er brummte, als ein grau verhüllter Mann noch Einlaß begehrte. Aber der Fremde hielt ihm einen Goldgulden hin, der im Lichte des Laternleins hell blinkte, und sprach^

„In den Himmel könnte ich heute um wenige Weißgroschen kommen und biete Euch Gold, wenn Ihr mich nur in die Kirche einlaßt. Wollt Ihr mir den Eintritt verwehren e“

Da ließ der Küster das Goldstück in seine Hand gleiten und schritt ihm vorans, und er hörte, wie sein Begleiter einen tiesen, zitternden Senszer ausstieß, da er den Ranm betrat , der von Weihranchdnft schier ersüllt war.

„ Stürmt nit so fürbaß!“ mahnte er. „Ihr stoßt an das Sebaldns-Grab, so sich hier erhebt.“ Und er begann zu.erklären. „Seht es Ench an! Es rnht auf Schnecken -“

„Dieweil es allzeit in Rürnberg langfam fürbaß gegangen ist mit dem milden Christentum ,“ sagte der Audere und ging vorbei. Er glitt hastig um die Pfeiler, deren Gipfel schon in Nacht gehüllt war.

„Was wollt Ihr dort in dem abgelegenen Seitenschaf e“ fragte der Küster nacheilend. „Da ist nimmer ein Kunstwerk zu sehen, und Ihr werdet über die Grabsteine stolpern.“

„Es ist wahr, Eure ewige Lampe giebt einen trüben Schein,“ nickte der Fremde. „Wenn Ihr nicht bald gutes Oel ausgießt, wird sie verlöschen. Aber ich stnde mich auch ohne sie. Ich kenne den rechten Weg.“

„Es sind allda nur Gedächwißtafelu von alten Rürnberger Geschlechtern“ meinte der Küster.

Die Blicke des Fremden irrten über die verblichnen Tafeln. Dann blieben sie an einer derfelben hasten, und er dentete fatmm daranf.

„Die find ansgeftorben,“ erklärte der Küster. Der Fremde zuckte zusammen, sener aber suhr sort. „Rnr eine halbverblühete Jungfran lebt noch in ihrem Haus am Panierberg. Hat manchen Freier abgewiefen und heißt in Rürnberg nur die herbe Urfeld Sie pslegt keinerlei Umgang mit andern Weibfen, lebt einfom und wad sehr gesürchtet ob ihrer Strenge.“

Der Fremde wandte das Antlitz ab.

'^

„Wollt Ihr die Grablegnug von Herrn Dürer sehend“ sragte der Küster.

Iener schüttelte das Hanpt.

„Ich weiß,“ sagte er, fürbaß wandelnd, „wie einem Be- grabnen zu Muthe ist, der keine Auferstehung feiern darf.“

Der Küster östnete eine Pforte.

„Hier geht's durch die Brantthür.“

Da sah der Andere mit einem feltfamen Blick zu den klugen Jungfranen auf, die in den Rachen unter gothachen Spitzdächlein standen und ihre brennenden Lampen emporhielten, mit denen sie den Bräntigam erwarteten. Dann stieg er mit nnftäten Schritten die Stnfen hinab, aber plötzlich tastete er nach einer Stütze. Eine verwitterte Steintafel, die an der Kirchenmaner lehnte, bot sie ihm.

„Rehmt Ench in Acht! der Stein ist hinfällig,“ warnte der Küster. „Er muß gar alt sein. Soll den verlornen Sohn für- stellen, der heimkehrt. Aber kanm könnt Ihr die Umriffe noch er- kennen - so abgenntzt hat Wetter und Wiud das Bild. Riemand beachtet es mehr. Rur die herbe Ursel betet allhier täglich, wenn sie zu. Messe geht.“

Der Fremde beugte das Haupt tieser und tieser, und da er sich wieder ausrichtete, sagte der Küster, sein Laternchen hoch hebend .

„Heiliger Sebaldns, wie fehl Ihr bleich aus! Kehrt gewiß von mühfeliger Pilgerschaft heim und habt keinen Trost fanden. Wäre Ench auch gesnnd, wenn Ihr einen lnfagen Rath bei Euch hättet wie Seine fürstliche Dnrchlänchtigkeit. Der lachte Ench die schweren Steine vom Herzen.“

Unter dem langen graulockigen Bart des Fremden irrte ein bittres Lächeln hin. Aber er schwieg, nickte zu. Abschied und ging wieder davon in die Nacht hinaus.

Lautlos glitt er durch die Straßen, in denen zu.Ehren des hohen Gastes Feuerpsaunen stuckernd den Weg erlenchteten. Da lag das kleine windschiese Hans, „die alte Baracke“, in der er

geboren

Giebelsenster hatte die Stnbe erlenchtet,

der er als Kind, die Schürze der Mntter als Mantel über die Schnlter gebunden, den Rathsherrn spielte, seine Mntter hörte lächelnd zu. wenn er Recht sprach zwischen dem getrenen Hans- huud und der grauen Katze, und sein Vater meinte, seine stattliche Haaung könne Herr Wohlgemuth sich zu. Mnster nehmen bei den Conterfeis der reichen Patrieier, und beide riesen dann den Schutz aller Heiligen für ihn an.

[586] 


Was war aus den frommen Wünschen geworden d Es hatte sich nirgends ein Plätzchen für ihn gefunden. Er konnte nicht schweigen und nicht dtckden. Ans Vologua wurde er verwiesen, als er in der Fastnacht einen Rock aus Ablaßbriefen trng. Aus Pifa, wo er seine Stndien sortsetzen wockte, mnßte er bei Nacht und Rebel flüchten, weil er ein Spottgedicht auf Mönche und Rannen gemacht hatte. - Sein kleines Erbtheil war anf- gezehrt. Er zag über die Alpen zu.ück. In Tirol kam er in einen Schwarm fröhlicher Herren, die sich mit Falkenbeize, schönen Frauen und rathem Veltliner ergötzten. Seine übermüthige Lustigkeit gestel den Attsgelaffenen. Sie nahmen ihn mit nach Innsbruck.

Dart lernte er feinen jetzigen Herrn kennen. Aber dart war es auch, wo ihn die Zügellofigkeit seiner Zunge zu Fack brachte. An der Tafel trieb er es so weit mit beißenden Spattreden, bis die hahen Prälaten wüthend verlangten, daß er dem Ketzerrichter überliefert werde. Da rettete ihn der junge Erzherzog, der ihn gern um sich hatte.

War es eine Rettnug zu nennend Der nächtliche Wandrer fühlte nach den Schlag, mit dem sein hachftrebender Sinn in den Staub geworfen wurde, als der junge Fürst der Dafelruude erklärte.

„Der Mann ist mein lnftiger Rath.“ Mit dem einen Wart ward ihttt klar, wofür er den Menschen galt. Für einen Rarren! die Freiheit, die man ihm gestattete, war die Rarrenfreiheit.

Ia, so war es - so war sein Leben, und ack das über- denkend, eilte er jetzt rastlas vorwärts durch die Straßen Rürn- bergs, als könne er den gnälenden Gedanken entfliehen. Jetzt stand er in dem St. Rachns-Kirchhaf , wo feitte Eltern schliefen. Hastig zog er den granen Mantel über der Brust zusammeu, er schämte sich hier seiner buttteu Dienstkleider. Aber wie er auch emsig suchte, er faud die Stätte nicht, da die Seiueu ruhteu.

„Wo Ihr auch schlaft, Gott schettk Euch eine fröhliche Ur- stand,“ sprach er endlich leise über das Gräberseld.

Lieblicher Dust stieg zu ihm auf, und als er sich bückte, sah er zu feinen Füßen den Rafen mit Veilchen durchfechten. Der Rarr pstückte einen Veilchenftranß, ein halbes Lächeln um die feinen Lippen, feuchten Schimmer im Auge. Daun schritt er zu.ück.

Am Panierberg staud er lange stick vor dem Haus, das ihm in den Iünglingsjahren eine Heimath war. Das Mondlicht be- leuchtete heck das steile Schieferdach. Richts glänzte mehr an dem alten Gebände, felbft der geharnischte Ritter, der auf der höchsten Spitze den Wetterhahu hielt, sah geschwärzt aus. Aber ungebeugt trug das Haus seinen Scheitel wie seitte Insassin den Sturz.

Als er einst diese Stätte seiner Ingend grackend verließ, da hatte er sich gelobt, Ursula focke das Haupt noch demnthsvock vor ihm neigen. Er wockte die Vorttrtheile zerbrechen, die Matter niederreißen, welche die Menschen wider göttliche Ordnung gegen einander ungerichtet haben, ein Mann, hochangesehett wie ein Rathsherr, wockte er werden aus eigner Kraft. Sie follte es be- renen, ihn eitteu Rarreu genannt zu habeu. Uud nun hatteu sie Beide Recht gehabt.

„Als Rarrenrath kehre ich zu.ück,“ stüsterte er mit dem zur Gewohnheit gewordueu spöttischen Lachen während., seine Stirn dunkel glühte.

Ia, wäre er ein Andrer gewesen! Das Gnte und Wahre hatte er gewockt, aber er hatte den falscheu Weg eingeschlagen. Jetzt sah er es klärlich. Mit der Pritsche wird kein großer Sieg erkämpst - dazu bedarf es des schneidenden Schwertes , mit Spott und Hohn wird der Wahrheit nicht Bahn gebrochen - dazu braucht es wuchtigen Ernst.

Was half dem lnftigen Rath die fpäte Erkenntnis Weun die Wahrheit in herbem Wort sich einmal über seine Lippen drängte, lachten die Leute erst recht. Auch der Eruft ward bei ihm für eine Poffe geuommeu.

So konnte er nur im Verborgnen wirken. Es vermnthete Keiner, daß unter dem Rarrenkleid einer jener Streiter für die neue Lehre sich barg, die Dunkelmänner genannt wurden, weil ihren Ramen Riemand kannte, und die mit Flngblätteru und Briefen gegen die Dyramtei der Mönche kämpften. So fuchte er zu helfen an dem Werk des großen Mannes, der aus der Hütte des Maus- feldischeu Bergmannes hervorging. Nur Weuiges zwar konnte er leisten, aber das Wenige war sein einziger Halt im Leben.

Noch immer stand er vor dem alten Haufe am Panierberg,

und nun wockte er gehen. Doch als zwinge ihn eine unsichere Macht - er wandte sich noch einmal zu.ück und bütkte sich zur Schmecke nieder - was begann der seltsame Mann - Dann stieg er zu. Vnrg hinauf. - -

Am andern Margen brachte die Köchin der herben laset einen Veitchenstrauß, den sie aus der Dhürschwecke gefunden hatte. Sie stieß ein Lachen dabei aus über die Vtttmenspende, aber e^ erstarb ihr sofort, denn die Hansherrin legte die Hand über die Augen und weinte. -

Als die Sattne dieses Tages in Gold unterging, zogen die Patrieier zu. Geschlechtertanz nach dem Rathhans. Ans dem Platz davor lies das Valk zusammen und übte eisrig sein alte^ Recht aus, Gewandung und Prunk nach dem Werthe abzuschätzen. ^ bickigte die brakatne Schleppe der Schnltheißin, unter deren Last fast der kleine Page erlag, es begrüßte mit lantem Ah! die Rot- mundin, die in einem galdstncknen mit Granatäpfeln dnrchtvebtett Gewand anlangte, und als die herbe Urfel aus ihrer von Mattl- thieren getragnen Sänfte stieg, flüsterte es tadelnd^

„Sie trägt wieder den schwarzen Samntetrock und ml eintttat ihr wnnderbärtiches Geschmeide von Edelsteinen. Wache Zier bleibt für uns, wenn eine reiche Geschtechterin sich einen Beilchen- stranß vor die Brust steckt d“

Am Eiugattge zu. Saale standen die Ittnker und ließen die Gäste durch ihre Reihen ziehen. Auch Wilhalm Hacker war unter ihnen. Aber er hatte für keine Fran Augen, selbst für die Rot- mnndin nicht. Er schante mwerwandt den Kammenden entgegen, bis die Imhostschen erschienen, und es führ ihm wie ein Stich durch das Herz, als endlich hinter der Mntter die schlanke Ge- stall Elsbeth's im violenfarbnen Damastrack in den Saal trat. Ihr Gesicht war nicht verhückt wie das einer Klaftersungfran. Ter Wilhalm, der fonft so heftig gegen den Sturz geeifert hatte, sah mit Schrecken, .wie das Gebände so weit zurückgeschoben war, daß ihr herrliches Galdhaar sichtbar wurde, und auch den sticken Mnttd gewahrte er, um den es lag wie eine stumme Klage. Er hatte ihr gern über ihre freiere Dracht ein fpöttisches Wort gesagt, aber sie stand unter den Franen, welche unter dem Wandgemälde Albrecht Dürer's, das eine Spielmannsgrttppe darstellt, sich an einander reihten, und er mnßte an der Pforte des Saales auf den Erzherzog harren.

Da begann zwischen Beiden das, was die Elsbeth einst als nicht geziemend für eine Geschlechterin gehalten hatte. ein Attgem spiel. Er sah sie. melancholisch und mit ernstem Vorwttrf an - sie blickte abweifend zu ihm hinüber, und es war ihnen Veidett süß und weh dabei zu Mnthe.

Endlich erschackte Hufschlag. Seiue fürstliche Durchlättchüg- keit langte mit Gefolge an. Der Schultheiß und die vornehmsten Herren des kleineu Rathes empstngen ihn an der Pforte und geleiteten ihn durch das Stiegetthaus , das Wappuer in lichten Haruischen befetzt hielten Sie pflauzteu den Spieß, da er vor- überschritt, und als er den Saal betrat, ertönte eine Trompeten- fanfare vom Pfeiferstnhl, in welche Onerstöte, Zinke und Pommer, Laute, Harfe und Geige mit Macht einfielen.

Der Erzherzog lächelte gnädig, und seine Augen stogen mit frendiger Spannung nach den Fraueu hinüber.

Durch die von Veit Hirschvogel gemalten Fettster fielen die Strahlen der uutergehendeu Sonne, ..sie .spielten aus den sitber- weißen, pomeranzenfarbigen und^ kartnoifinenen Gewändern der Franen, weiche diese ziertich emporrafften, auf daß die hellfarbigen feidneu Unterkleider fichtbar würden.

Und da sie sich jetzt tief mit gesenkten Köpfen neigten, fprach der Erzherzog.

„Sie gleichen Matthiolenblttmen, Rägtein und Gitgen, über die der Gott Zephyros hinweht.“

Da erhoben sich die gebeugten Köpfe, und der Erzherzog schrak zu.ammen

„Sock das Ber.ireu ttimmer ein Ende nehmen? Führt man uns auch hier in ein Ziergärttein, wo acke Blumen unter unholden Kappen verborgen sindd“

Er warf einen zornigen Blick hinüber. Aber da schauten ihn nuzählige schöne Augett vom hellsten Himmelblau bis zum tiefsten Schwarz mit so stehender, sehttender Inbrnnst an, daß sein Herz weich wurde.

Und sein Grimm schmolz vockends dahin, als eine schmeichelnde Stimme leise neben ihm sagte. [587] „ Seine fürstliche Dttrchläuchtigleit schant in feinem schwarzeu Wams “neben den andern Herren in ihren gepnfften Gewändern aus wie eine schlanke Edeltanne neben breiten Aebfel- und Virtt- bannten. Gelt, Herr Rotmnnd e“

Der Erzherzog blickte sich rasch um.

Aber schneller als er, war Herr Rotmnnd vor sein Weib getreten, er trng als bestellter Danzordner einen so langen roth- seidnen Rock, daß er sie gänzlich verhüllte, wie ein Vorhang ein kostbares Gemälde.

„Sei nit zu.keck!“ flüsterte er ihr zu. „Es ist so eine Sünd' und Schund', daß jetzt aus unsren Dänzen Alles paarweise laust wie in der Arche Roah. Früher hättet Ihr süns Pfnnd Heller Strafe dafür zahlen müssen. Und untersang Dich nit etwa hent, Dich zu verdrehen, wie die Angsburgerinnen thun.“

Sie machte nnschnldige Augen und glitt wieder vor ihn hin.

„Was ist's weiter, sich mit dem Arm zu.umschlingen und im Kreise zu.drehen und zu schleaens' Man muß sich halt nur nichts dabei denken. Und wenn Seine st'trstliche Dnrchlänchtigkeit sich mit mir verdrehen will, muß ich es unweigerlich thun. Hast es selbst gesagt.“

Herr Rotmund drohte mit feinem weißen Stabe, den er als Danzordner führte. Aber er hatte keine Zeit mehr^ denn der Erzherzog gab das Zeichen zum Vegiuu und reichte der Schnlt- heißin die Hand.

Die damals im zierlichen Danzschritt nach der Weise des von einem Rürnberger Kind gedichteten und in Däne gesetzten Minneliedes sich wiegten, dachten nicht, daß ein Jahrchnndert später die ttene ketzerische Gemeinde sich mit derselben Melodie Drost in das bedrückte Gemüth singen würde, indem sie die Worte uuter- legte. Vestehl du deine Wege.

Rach vollbrachtem Ehrentanz sührte der Erzherzog die Schnlt- heißin zu.ück aus ihren Platz, und seine Augen snchten nun ge- spattut unter der Franenschaar. Jetzt leuchteteu seine Vlicke aus, er hatte die Rotmuudiu hinter ihrem Manne hervorlugen seheu. Mit raschen Schritten eilte er aus sie zu, um sie zu. Danz ans- zufordertt. Der Rotmnnd aber schritt diesmal grimmig mit dem Imhos, dem andern Danzordner, dem Reigen voran.

Düster schaute auch Wilhalm drein, da er bemerkte, daß viele der sremden Gäste die Clsbeth Imhostn anstarrtest. Und als jetzt der welsche Vischof sich ihr näherte, um sie zum Danze aufzuziehen, trat er rasch an sie heran.

„Ihr habt zwar eine geringe Meinung von mir,“ sprach er mit grollender Stimme, „aber zu einem Reigen werdet Ihr Euch mir nicht versagend denn ich habe gesehen, daß Ihr sogar mit dem ohnnützen Fnchsschwänzer, dem Domherrn, getanzt habt.“

Sie war erröthet. Stamm streiste sie die Handschnhe ab, wie das beim Danzen üblich war, und reichte ihm ihre Finger- spitzen. Aber Wilhalm nahm mit sestem Grist ihre Hand. Sie war eiskalt. Er sah Elsbeth von der Seite forschend an - da senkte sie die langen Wimpern.

So schritten sie in der Reihe den Danzordnern nach. Was jene übten, mußten Alle thun. Herr Imhos sah sich um, und da er den Wilhalm neben der Elsbeth erblickte, wie in früheren gefegneten Jahrem, machte er ein Gesicht wie ein schlaner Fnchs.

„Herzen wir uns einmal!“ flüsterte er Herrn Rotmnnd zu. „Es ist gnter alter Vranch.“

Herr Rotmnnd aber hatte von der andern Seite nach feinem Chegemahl ansgelngt, das füß lächelnd aus dem Stnrz den sie sührenden Erzherzog anstrahlte.

„Um aller. Heiligen willen stehe ich Euch an . laßt nur heute das Herzeu sein!“ erwiderte er fast laut.

„Ach was,“ sagte Herr Imhos, .„die guteu Alten wußten, was sie thaten, als sie es einführten.“ Und er drückte Herrn Rotmnnd in seine Arme. Auf der Stelle herzte sich der ganze Reigen.

Herrn Rotmnnd wurde es schwarz vor den Augen. Er sah nicht, wie zart der junge Fürst den Arm um sein Ehegemahl schlang und ihre Hand leise an sein Herz drückte.

Anch Withalm wollte die Elsbeth nmschlingen. Sie aber riß sich los und trat aus dem Reigen. Er eilte ihr nach.

„Meint Ihr mir entsliehen zu.können^“ rief er.

„Ich laffe mich nicht herzen auf Vefehl und nur zu. Spiel,“ entgegnete sie empört.

„Aber es ist mein Danzrecht,“ branfte er auf.

„Rechte verjähren,“ antwortete sie kalt. Er entsann sich seines Wortes wohl, aber auch ihrer srüheren Redest.

„Ihr wollt ja in allen Dingen Emen Eltern gehorsasneu,“ sprach er und trat ihr wieder näher. „Und Ener Herr Vater hat augeordnet, daß wir uns herzen sollen - Ihr seht es ja.“

Sie wich abermals zurück.

„Und Ihr meintet, die erste Stimme solle das Herz haben vor Vater ssssd Mntter.“

„Ia, das Herz soll auch das erste Recht haben und behalten,“ ries er, „und mein Herz ersehut nichts weiter, als Euch an sich zu drücken.“ Er streckte die Arme aus.

Da richtete Elsbeth sich stolz auf.

„Meint Ihr,“ fragte sie mit bebender Stimme, „eisse Jung- fran laffe sich hin und her schieben, wie Ihr Emen alten Ofen jetzt hinauswerst und dann wieder hereinholt ^ Mich verlangt ssicht nach den nenen Rechten, von denen Ihr redet. Mögen welsche

DenseliSSnen SSSSd solche, die sie sich zu. MSSster SSehSnen und

Gasskelkünste üben, ihrer genießen ! Uebet snit ihnen Geckerei, wie Euer wandelbarer Sinn Ench heißt! Wir aber wollen nnsre Würde wahren.“

Damit schritt sie an ihm vorüber nach den Bänken. hin, die

in desn erhöhtest Dheile des Saales ansgestellt waren. Wilhalm aber war bleich geworden ssnd kürte sich eine andre Tänzerin.

Das kleine Zwischenspiel ging in desn bunten Gewühl unbemerkt vorüber, Ieglicher hatte geung sssit sich zu thun.

Als es dnnkelte, erstrahlten in dess Feftränsnen an die hnndert große und kleine Lichter. die Danzordner nahmen Wachsfackeln und führten dasnit den Reigen ass. Selbst alte Herren, denen breite Pelzkragen die gebengten Racken deckten, fprangen den Ringel- reihen so eifrig mit, wie die leichtfüßigen Innker, nssd die jungen Kassflente tanzten nsn die Wette sssit den geschmeidigen Prälaten den kecken polnischen Reidatvae.

„Den Dodtentanz! Laßt ssns den Dodtentanz anssühren!“ riesen die Innker vom hSSsarischen Auszuge.

„Wer .soll den Dodten vorstellen e“ sragte der Danzordner, Herr Imhos.

„Welchem Andern als Seiner sürstlichen Dnrchlänchtigkeit ge- bührte diese Ehree“ entgegneten die Fraueu.

Aber der hohe Herr stutzte ob ^ des graufeu Ramens. Er fürchtete auch, daß es auf einen Schabernack hinanslassfen möchte,

ussd wollte erst fehen, wie es dem Dodten erginge.

Pfalzgraf Ottheinz kannte bereits die Obliegenheiten des Dodten und begab sich mit einer Eile, die dem jungen Fürsten schier ver-

wnnderlich erschien, aus die PSSrpnrassen , die in der Mitte des Saales ausgebaut ussd snit eiuem kostbaren Gobelinteppich bedeckt

wnrden. Behaglich streckte sich der ritterliche Herr, schloß die Assgen, und nur ass dem wie zwei Fragezeichen gekrüsnmten Bart

konnte snass erschanen, daß der Mnnd vergnüglich darunter lächelte.

Anf ein Zeichen hob die Musik das wehmütige Lied an, das Kaiser Mar. aus seinen Abschied von Innsbrnck gedichtet und in Döue gesetzt hatte und dessess Weise nsit den Worten aus uns

gekomSnen ist. Run rnhen alle Wälder. Paarweise zog die ganze

Gesellschast sssit tranrlgen Gebärden um den Katafalk.

Rnr der Rarr, der SSSit untergeschlagnen Armen am Pseiser- stuhl lehnte, staSSd abseits. Er spähte gespannt nach den Zügen

der vorüberschreitenden Franen.

Da verSSahSSS seiss seines Ohr, Svie die SchbltheißiSt, die mit eiuem jungen Domherrn ging, sprach.

„Bittet uns von den Stürzen los! Sonst zeig' ich Euch an wegen zu.weit ansgeschnittner Schsshe.“

Dann hörte er die Fran Imhostn dess Donsprobst von Würzburg klagen.

„Wenn i nur wüßt, ob es nit doch besser wär', wenn wir der Stürze ledig tvürden. Die Frage leg' ich Enrer Andächtigket im Vertranets vor.“

Hier flüsterte die Vehmsnin hinter ihrem Fächer aus Pfauen-

federn dem jungen römischen Veichtvater des Erzherzogs, seinem Genossen bei allen lnstigen Streichen, zu.

„ Möchte svohl auch den Dichter Ovidius mir von Euch er- kläreu lasseu, hab' aber uamner Mnth ssnd Freud' zu einesn Ding, so lang ich den Stssrz schleppen muß.“

Die schlanke Dncherin lachte den Erzbischos von Mainz an

und versprach ihm ein PilgriSSShaus , wenn er ein Wörae für fie [588] einlegen woclle, und die Holzschuherin, die neben dem welschen Bischof schritt, versicherte:

„Und wenn Ihr uns helft, will ich halt gern meinen venetianischen Perlenschmuck Euch übergeben, daß Ihr ihn in Eurer Capelle der heiligen Jungfrau als Opfer darbietet.“

Der schöne Mann ließ einen sanften Blick auf das schimmernde Geschmeide gleiten und neigte sich, als sei er ein dienstthuender Kämmerling bei der ackerseligsten Jungfrau und überbringe im Voraus deren Dank.

Der Narr traute seinen Sinnen nicht.

„Was räth der Narr in Sachen der Stürze?“ fragte ihn lachend der Bischof von Bamberg.

„Daß es dem Sturz geht wie der päpstlichen Tiara, von welcher der Kurfürst von Sachsen geträumt hat, ein Augustinermönch bringe sie zum Wanken, indem er mit einer Schwanenfeder daran rühre,“ war die Antwort.

„Eure Witze schmecken herb wie Schlehenwein,“ meinte der Bischof.

„Was würde nicht herbe im Laufe der Zeit?“ erwiderte der Narr und hob seinen Becher, dessen Füßchen silberne Schecken bildeten.

Bei dem Wort und Klang wandte sich eine hohe Frauengestalt, die an der Hand des Schultheißen schritt. Ihre schwarzen Augen sahen starr in die scharfen blauen Augen des Narren. Ein paar Athemzüge lang hafteten die Blicke Beider in einander, trotz des Entsetzens, das aus ihnen sprach, unfähig, sich loszureißen. Dann schlossen sich plötzlich die schwarzen Augen, und die hohe Frauengestalt sank lautlos zusammen.

Die Nächsten eilten zu Hülfe. Der Schultheiß richtete sie auf, die Imhofin, der Ritter Tylemann von Prem, ihr Nachbar am Panierberg, stützten sie. Sie wurde hinausgetragen.

„Die herbe Ursel ist in eine Schwäche verfallen,“ raunte es durch den Saal. Der Tanz stockte. Es hätte nicht mehr Verwunderung erregen können, wenn die Botschast gekommen wäre, den Lorenzothurm habe eine Unmacht angewandelt.

„Was ist Euch? Habt Ihr Euch darob so erschreckte?“ fragte der welsche Bischof den Narren, der leichenblaß geworden war, während der Becher, aus seiner Hand sackend, klingelnd am Boden rollte.

Der lustige Rath fuhr empor. Er lachte mit weißen Lippen.

„Mein altes Leiden! Das Herz steht mir einmal still. Es ist nicht die Mühe werth, darüber zu reden.“

Die Wogen der Tanzfreude flutheten auch über diesen Unfall dahin und ließen ihn verschwinden wie einen Kiesel im See.

Denn jetzt kam der wichtigste Theil des Tanzes. Die Männer traten zurück, und die Frauen bildeten einen besondren Reigen um den Todten, und eine nach der andern küßte ihn zum Abschied.

Auch Elsbeth wandelte in der Reihe mit einem wehleidigen Gesicht und dachte: Wäre doch die Lust erst ausgestanden. Wie aus weiter Ferne vernahm sie die Tanzweisen, der Lichterglanz schien ihr trübe, die lachenden Gesichter waren ihr unbegreiflich. Nur jetzt, da sie dem ruhenden Pfalzgrafen sich näherte, war es ihr, als zwinge sie Jemand aufzusuchen. Da sah sie sich gegenüber den Wilhalm mit einem Weinglas in der Hand. Er blickte sie streng an, und auf seiner Stirn stand eine tiefe Zornesfalte gleich einem dräuenden Kometstern. Und als sie sich zum Antlitz des Pfalzgrafen bückte, zerdrückte er das kostbare, mit Goldperlen verzierte venetianische Glas, daß der rothe Rosatzer herumspritzte. Erschrockeu wich Elsbeth zurück.

Niemand achtete darauf. Alle blickten nach der jungen Durchläuchtigkeit, deren Augen immer größer wurden bei dem feinen Tanzspiel, und als auch die Frau Rotmundin ihre Lippen nach dem schwarzen Schnauzbart stützte, erklärte er hastig seinem Beichtvater:

„Das Spiel verstehen wir auch. Wir wollen geruhen, den Todten vorzustellen.“

[601] Der Vertraute nahte dem Reigen der Franen und that des Erzherzogs Wicken kuud.

Frau Rvtmuudiu aber hob mahnend die Hand gegen ihre Gefährtinnen und fprach leise zu dem Vvtschafter.

„Der Erzherzog wick den ^Dodtew vorsteckend Es ist eine zu große Plag', im Swrz sich zu. Kusse niederzubeugen , zweimal bangt mau's halt an eiuem Abeud nit fertig. Wenn wir aber dieser scheusäligen Kopfputze entledigt find, wollen wir mit Seiner sürstlichen Durchläuchtigkeit einen Dodteutauz tanzen, wie er in Dürnberg nimmer gesehen ward.“

Der Vischos schaute der Sprecheau in die fuukeluden Augen, und da Priester und Fraueu sich immer leicht verstanden haben, so begriff auch seine Andächagkeit, neigte sich lächelnd und über- brachte dem Erzherzog die Rachricht. Ein Angenblitz des Fürsten zuckte hinüber zur Frau Rvtmuudiu, er beugte das Haupt und legte betheuerud die Haud auf's Herz. Dauu befahl er, den .^ehrab aufzublaseu.

Drompeten und Kesselpauken hobeu an, und nun flog Ackes dahin wie eine Windsbraut, an der Spitze bestügelteu Schrittes Seine fürstliche Durchläuchagkeit, die zierlich wie ein Vachftelzcheu trippelnde Frau Rotmundiu fest an der kleinen Hand haltend , in der Mitte die arme Elsbeth mit dem Kriegsschreiber , der lnftig seine Schnabelschnhe schwenkte. Der Wilhalm tanzte gar nicht, und der Letzte im Reigen war Herr Rotmund. Denn da er sehen wockte, was seine Fran trieb, war er aus der Reihe geratheu und von den lachenden Dänzern nicht wieder eingelassen worden.

Da ging er mit einigen husarischen Frennden an den Schänk- tisch und uahm sich vor, den großen Humpen anszutrinken, um seine Frau auch zu.ärgern. Sie aber ließ sich nnbesorgt von Hinz und Kunz nach Hause lenchten.

Und von der Zeit an ging in Rürnberg die Rede, auch Herr Rotmnnd sei einmal in dem Rockwäglein nach Hanse ge- fahren worden, das besteckt war, in der Nacht die Vetrmtkenen auszulesen und heim zu schaffen. - - -

Als an diesem Dage nach dem Fest der Rath mit noch ver- schlafneu Augen zusammentrat, erhob sich plötzlich ein lautes Pferde- getrappel vor dem Rathhaufe. Gleich darauf ließ sich Seiue fürstliche Durchläuchtigkeit melden, und durch die Spitzbogenpforte der Rathsstube schritt er, geleitet von dem ganzen Gefolge von Fürsten, Prälaten und Herren - nur der Rarr fehlte.

„Wir uahen als Vittender,“ fprach der Erzherzog.

Der Schnltheiß neigte sich und fragte ehrerbietigst.

„Enre fürstliche Dnrchlänchtigkeit wünschen Gnade zu üben, Verurteilte loszubrechen wie es Brauch bei fürstlichem Vesnch.“

„Rein, wir wockeu der Dhemis nicht in den Arm facken,“ er- widerte der Erzherzog, „und doch wünschen wir, arme Gefangene zu löfen. Wir find gekommen, für Enre holdseligen Franen zu bitten, daß Ihr sie der Stürze entlediget. Wir versehen uns von Ench keiner Weigerung.“

Der Stadtschnltheiß stand wie vom Donner gerührt, die Rathsherren schwiegen. Rur der Rotmnnd ermannte sich und fprach mit einer Stimme, in der ein heimlicher Grock durchklang ^

„Durchläuchtiger Fürst und Herr ! Unfre wickig uuterthänigen Dienste find Euch mit Fleiß vorau bereit. Aber -“

Der Erzherzog sah über den Mann 'der Rotmnndin mit hochmütigem Vlicke hinweg. Der Pfalzgraf Ottheinz aber nnter- brach ihn.

„Ihr feid wahrlich dahinten geblieben. Hättet Ihr doch die Prinzessin Maria gefehen, die erhabne Schwester Seiner fürstlichen Durchläuchtigkeit! Die hat ein Spiel mit ihren Damen aufgeführt, wo Acke Göttinnen wareu und Röckleiu nicht viel bis über die Kniee trngen. Man nemtt die nene Kleidung ü ia, ...^m^ba^.“

„Ihr feid auch unbickig,“ fnhr der junge Domherr stürmisch heraus, mit dem die Schultheißin geschäkert hatte, „und verdient nicht, so holde Franen in die Arme schließen zu dürfen.

Er stieß einen so tiesen Senfzer aus, daß die andern Herren vom Gefolge lächelten.

„Schweigt!“ rief der Stadtschultheiß zornig , „Ihr feid schon mehrmals wegen Hoffart und weiten Aermeln von Eurem Capitel bestraft wordeu, des Vrettfpiels und audrer Ueppigkeiteu , so Ihr getrieben, gar nicht zu.gedenken. Ihr habt nicht mitzureden.“

„Wo es gilt, für mtterdrückte Fraueu ein Wort einzulegen, hat seder Mann Recht und Psticht mitzureden,“ sagte der welsche Vischof. „ Hütet Euch, daß Ihr den Vogen nicht zu straff fpannt! Euren Frauen möchte der Gednldsfaden reißen.“

Der Holzschuher sah ihn ergammt an.

„Sie werden ihn schon wieder anknüpfen, wenn wir die mt- nützen Hände klopfen, die ihnen beim Zerreißen acker Vande be- hülflich find.“

„Aber die häßliche Verluppung ist ein Flecken in unsrem Jahrhundert, in welchem die Göttin der Schönheit eine Wiedergeburt feiert,“ sprach der Beichtvater aus Rom.

[602] 

„Rach einer heidnischen Abgöttin brancht eine Geschlechteriu sich nimmer zu richten,“ erwiderte Herr Behaim erbost.

„Was welsche Klüglinge für Recht erachten, kümmert uns nicht,“ fetzte Herr Imhof hinzu

„Aber es fockte Ench kümmern,“ antwortete der Dontprobft von Würzburg mit Anerkennung, „was Ener Ehegentahl dazu meint, die doch ein ehrbar Weib ist, sie ist der neuen Haube nicht abgeneigt.“

„Ihre Ehr' ist meine Sach', nit die Enre,“ fnhr der Imhof herans, den sein trenes Weib schon von der Morgensuppe an mit dem gutwickigen Dontprobst geplagt hatte.

Der Herzog Wilhelm von Baiern lachte^

„Haben Eure Frauen so garstige Gefichtlein, daß Ihr Euch schämt, sie uns zu zeigend“

„Rein“ schrieeu die Nathsherren, blntroth vor Zorn. „Aber die Gefichter find für uns da - nit für Euch!“

„Plttmpe Reidharte seid Ihr,“ eiferten die Gäste.

„Franenknechte Ihr!“ tönte es von der Rathsherrentafel verächtlich zurück.

Die Herren standen einander gegenüber, Zornesadern auf der Stirn, und heimlich backte sich hier und da eine Fattft.

Da hob der Erzherzog das dunkle Haupt und winkte.

„Disputiret und streitet nicht, Ihr Herren!“ rief er. „Wir kanten in diese Stadt nicht zu. Fehde, fondern ihr Favor und Gnade zu erweifeu. Uud wir gedeukeu den Friedeu nicht zu brechen. Aber scheideu wockeu wir noch zu. Stunde aus diesen Mauern, denn wir mögen denen, die uns vertranend anblickten, nicht wieder unter die Augen treten, ohne eine kleine Gegengabe für so viel Holdfeligkeit.“

Da knickte ein ehrbarer Rath zu.ammen Was würden acke die Feinde der Stadt sagen, wenn die fürstliche Durchläuchtigkeit Hals über Kopf davou ritten

Zu kurzer Berathung zogen die Herren sich zurück. ^

Dann trat der Schultheiß an die Dafel und fprach.

„Knnd und zu wissen sei Iedermänuiglich, daß vom heutigen Tage ab ein ehrbarer Rath der freien Reichsstadt beschloffeu hat, die Stürze fockeu abgeschafft sein für setzt und ewige Zeiteu Seiuer fürstlichen Durchläuchtigkeit zu Ehreu.“

Die Augen des Erzherzogs leuchteteu auf. Er daukte und lud sich felbft für morgen Abend zu einem Dattze bei den Ge- schlechteru ein. Dann zogen die Gäste vergnügt ab und auch die Rathsherren athnteteu erleichtert auf.

Rur der Wilhalm fprach mit lauter Stimme, daß es der Imhof hören mußte.

„Meinethalb mögen sie anffetzen, was sie wocken, die Attgs- burger Hanbe oder die Angsbttrger Gogelhopfform. Ich werd' es nimmer erschauen Ich geh' wieder auf Reisen, wahrscheinlich in das Land Aethiopia, wo die großen Löwen hauseu.“

Er sah mit Befriedigung Herrn Imhof^s verblüfftes Gesicht und stapfte trotzig davon, die Hand auf den Degettgriff geftützt, daß die Spitze hinter ihm droheud empor ragte.

Und es ereiguete sich, daß plötzlich auch acke auderu Raths- herren verschwunden waren, deuu jeglicher wockte der Erste sein, der feinem Weibe die frohe Mär verkündete. - - -

Die Frau Rotmuudiu lachte.

„Was hat Euch nun acke Eure Gelahrtheit und Euer altes Recht geholfen d Ihr müßt Ench doch unter nnfre Füßle bengen. Dankt acken Heiligen dafür, daß Ihr wieder Friedeu habt!“

Der Rotmund lachte auch und wockte den Arm um sie legen. Aber sie wehrte ihm und sprach.

„Reiu, Franzel, den ersten Kuß nach dem wüsten Franenkrieg geh' ich der fürstlichen Durchläuchtigkeit, die mir das Scheusal vom Hals geschafft hat. Ia, funkere nur mit den Augen! Du hättest es auch so gut habeu können. Warum ist der Herr Rot- mund ein Dümmerle gewesen d“

Herr Rotmnnd schüttelte beide Fäuste.

„Der Gäuswürger, der -“

„Ia, er ist ein ^ruua aiubs^ gegen das Franenvolk,“ uuterbrach sie ihn, vergnügt über das nene Wort, das sie gelernt hatte. Dann langte sie ihr Hackebrett aus dem Winkel und begann mit den gebogenen Metackstäbett ein Stücklein zu.hämmern.

Herrn Rotmnud blieb nichts andres übrig als zu.gehen.

Aber es ist auf dieser nnvockkommenen Erde gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. An jede Frende hängt das

Schicksal, gleich eittettt Stein, ein Mißgeschick. Gerade da di^ Notmnndin die nun erlanbte Haube aus ihrem Versteck nah^ stürzte Kathritt in die Stube, schloß die Dhür, schaute mit ve^ störten Augen um sich und rief.

„Das Unglück! Der Polack, der Veit Stoß, hat der ^ ihr Gefichtel gestohlen.“

„Was schnakt der Grasaffe rief Frau Rotmuttdiu und geh ihr eine Kopfnuß.

„Der Phraguer, der uebeu ihm wohnt, hat's mir gefagt,“ meinte das Mädchen. „Die Frau steht als Holzbild halt da - ich kann's gar nit sagen, wie!“ Sie wandte verschämt das Gesicht ab.

Die Rotmnndin starrte sie mit weit geöffneten Augen an.

„Das könnte an sein Leben gehen,“ stüsterte sie und sattk auf einen Schemel. „Ift das Holzbild nit rechtschaffen gekleidete

„Ra,“ sagte die Magd, „bei Leibe nit! Der Engel hat einen langen Rock an von der Kehle bis zu. Fttßzeh, aber auf dem Kopfe keine Hanbe, kein Düchel, und Ihr meintet doch selbst. die Haube ist die Hauptsach. Was sock der Herr sagen, daß die Frau in des Bildschnitzers Hans steht und hat nichts aufgesetzte'

Der Rotmnndin wurde es schwül.

„Kann ich nicht den Herrn Wilhalm Hacker sprechend Lauf und rufe ihn, ohne daß Herr Rotmuud es merkt!“

„Dort kommt er ebeu uach Haus,“ berichtete die Gürtelmaad, die auf die Straße lugte.

„So gieb mir den dnnklen Mantel und noch eintttal den Sturz! Ich merke schon, das Ungethüm ist doch zu.Mancherlei gnt, und ich werde es nimmer ganz von mir thun.“

Sie hückte sich ein, schlüpfte fort und ereilte den Haller noch an seiner Pforte. Er wandte sich um, da er laut hinter sich schluchzen hörte. Und die Rotmnndin rief^

„Habt Ihr schon mein Unglück gehörte Wißt Ihr, daß der

Rotmnnd die Elsbeth Imhostn zu. Ehe nehmen wirdd“ Wilhalm fuhr zufamtnen.

„ Was redet Ihr für unfinniges Zeng, Fran Rotmuttdiu d“ fragte er athemlos.

„Ach, ich feh, Ihr wißt noch nichts,“ klagte sie zerschmettert. Ia, mit mir ist's aus. Ich steh beim Stoß , der hat einen Engel aus mir gemacht, und der genteine Hanfen ist um mich herum und darf mich anfaffen. Wenn das der Herr Rotmund erfährt - das vergiebt er mir tammer. Dann steckt er mich in ein Kloster, und unfer heiliger Vater in .Rom giebt ihm Dispens, und dann nimmt er die Elsbeth zum Weibe, detttt sie ist fetzt fast schön. Vieckeicht hat sie auch schon eine zärtliche Leidenschast für ihn, und das hat ihr so gut gethan, schaut sie doch aus wie eine Rase, die ihr Bälgelein gefprengt hat.“

Sie warf durch die vorgehaltnen Hände einen lauernden Blick auf den Freuud, und sie sah, daß der Hacker auf ihre Rede aubiß, wie an Rothstsch aus der Veguitz auf den Angelhaken.

Er backte die Faust.

„Ihr wockt eine zärtliche Leidenschaft in ihren Augen gelesen haben und für Enreu Eheherrud“ Sie uickte.

„Das Stückleiu wockeu wir ihueu vergäcken,“ kniachte et und eilte davon.

Die Rotmnndin sah ihn den Weg zum Veit Stoß einschlagen und lachte, iudem sie stüsterte.

„Er ist eiferfüchtig wie ein Pfau, der feinen eignen Schatten neben seiner Henne im Bach erblickt und darob vor Wuth sich ersäuft.“

Dann schlüpfte sie getröstet nach Hans. Sie war überzeugt, der Hacker kam ihr zu Hülfe.

Iu Veit's Werkstatt drängte sich das Volk. „Wie sie leibt und lebt!“

„Uud nicht das kleinste Läppchen auf dem Haupt!“

„Der muß die eiserne Jungfrau umarmen.“

„ Schiebt Enren Schnitzer in den Ofen , daß er zu.Asche verbrennt! Das tilgt vieckeicht den Zorn der Hochmögenden,“ so rief es durch einander.

„Ich fock mein eignes Kiud verbrennend“ fnhr Meister Veit auf und stellte sich schützend vor den Engel.

Da schritt Wilhalm durch die Dhür. Die Menschenmenge theilte sich ehrfnrchtsvock vor ihm und ließ den Weg zum an- gefochtnen Engel frei. Sie fahen, daß er ein zorniges Antlitz hatte, und meiuten nun müsse das Unheil losbrechen.

'.^ [603] Aber zu. allgemeinen Erftannen fprach Wilhalm, als er das

Knnftgebitde betrachtet hatte, bewundernd .

„Welch herrliches Gelock! Wie ausdrucksvoll ist die be- schwichtigende Haltung der Hände! Und richtig, Enre Eigenart zeigt sich auch allhier . der Engel hat sein Gewand ein bisle zer- knittert. Ihr habt ein Prachtstück geschnitzt, Meister Stoß.“

Die guten Frennde und getrenen Rachbarn umringten ihn. „Und sindet Ihr keine Aehnlichkeite“

„Ach Gott, wenn nur das nit wär!“

„ Dasür wird er strenge Pön erleiden müsten, meint Ihr nit auch, Herr Habere“ so sragten die Leute um ihn herttm und sahen ihn mit hoffnungsvoller Angst an.

„Ich habe unter den Engeln - den Heiligen sei es ge- klagt - keine Vekanntschast und stnde deshalb auch keine Aehnlich- keit,“ entgegnete Wilhalm mit kühler Vornehntheit. „Doch laßt mich setzt mit dem Meister allein, gute Leute! Ich habe einen eiligen Austrag für ihn.“

Enttänscht zog sich das Volk zu.ück.

Jetzt hielt sich Veit Stoß nicht länger.

„Ihr meint keine Aehnlichkeit zu.finden e“ rief er mit blitzen- den Augen. „Das läßt sich ein so künstlicher Meister, wie ich bin, nimmer bieten.“

Wilhalm legte bernhigend die mit goldgesticktem Handschnh bekleidete Hand auf die Schnlter des erregten Künstlers.

„Ich meine, daß schon um kleiuerer Freiheit willen Rürn- berger mit ihrem Leib aus der Stadt sahren mußten.“

„Ich sollte aus der Stadt verwiesen werden und habe doch nichts gewoat, als den Franen zeigen, was wahrhast schön iste“ ries Veit Stoß niedergeschmettert.

„Und Ihr steht vor der Verweisung. Ener Engel wird ver- ketzert, und morgen Abend tragen alle Franen die Angsbnrger Haube. Gar Mancher,“ fuhr er feufzeud fort, „der Reues und Bessres eiuführeu wollte, mnßte es mit seinem Glück bezahlen, und Andre haben den Genttß davon. Das ist so Lans der Welt. Aber ich meine, daß es ttnersetzacher Verlnst wäre, wenn der Veit stoß Nürnberg meiden müßte. Ich biete Euch an, daß Ihr mir den Engel verkauft. Ich habe oft Gescheute nach fremden Städten zu macheu, und so geht Euch der wohlverdieute Lohu und Ruhm nicht verloren sonder Gefahr für Eure Sicherheit. Meine Leute harren draußeu mit einer Drnhe, darin das Vild verpackt werden soll. Verwahrt es gut, und die Summe, die Ihr darau verdieut habt, laßt Euch bei meinem alten. Cassenführer auszahlen! - Dem Engel für unfre Kirche macht nicht so tiefe Schelmengrübchen!“ schloß er lächelnd, er drückte dem Künstler die Hand und ging.

Der neugierige Haufen sah darauf die Leute Haller's mit einer großen Kiste in die Werkstatt ziehen, und während sie dranßeu auf die Stadtknechte hofften, verschwand das Schelmengesicht unter Heu und Stroh. - - -

An demselben Abende schritt Elsbeth durch die dämmernden Straßen. Sie kam aus dem Clarenkloster , wo sie den Rach- mittag in stillem Gebet, in ernster Zwiesprache und Verathung mit der gelahrten Aebtissin Charitas Virkheimer verbracht hatte.

Voll Sehnsncht uach Festigung ihres Entschlnsses, eine Klosterfrau zu.werden, war sie hingegangen, sie hatte die Ueberzengung ge- hegt , die höchste Villigung bei der hochwürdigen Frau zu stnden, und die Hosfnung, daß aste Unrast dort zur Ruhe geheu und sie, von himmlischem Frieden erfüllt, die heilige Stätte verlosten werde, um dann sonder Anfechtung des Dages zu.harren, der sie für immer in die heiligen Maneru führeu follte. Aber wie anders war nun, da sie heimging, ihr Gemüth gestimmt ! Was hatte sie im Kloster alles schanen, was gar aus dem Munde der Aebtissin hören müssen! All das ging ihr nun auf dem Heimwege, eines nach dem Andern, durch den Sinn, sie lebte es mit Schrecken noch einmal durch. gleich beim Eintritt in das düstre Gebände war ihr getroster Math darnieder gesunken. Ein Eifeshanch war ihr entgegen geweht, es hotte geschienen, als wende die Sonne ihr Antlitz ab, ein so dämmriges Zwielicht chatte in den Gängen geherrscht, nur hier und da bleich ein Marterbild aus tiefer Nische geschimmert. Der Frühlingswind, der sie dranßen srei umspielt - hier hatte er wie ein Gefangener um die Ecken gewimmert und eine trübfelige Zwiefprache mit dem Holzwurm gehalteu, der in dem alten Gebälk so unheimlich tickte.

Sie war zu.rst in das kleine dumpfe Vorzeichen zur Capelle

geschrateu und hatte sich dort vor dem gegeißelten Christus nieder- geworfen, an deffen armem Leibe das Vlnt in Strömen herab- rinnt. Sie war auf einem Grabstein niedergekniet. Weihranch- walken waren zur Thür hereingeströmt und hatten sich mit dnmpfem Modergeruch gemacht. Es hatte sie dnrchschanert, und nachdem sie in den Opferstock eine Gabe geworfen, war sie nach der Zelle der Aebtiffin gegangen.

Der klagende Gesang der Ronnen war aus der Capelle shr nachgetönt.

Die Aebtissin hatte sie ruhig angehört und dann mit ihrer ernsten Stimme gefragt.

„Und lastest Du nichts zu.ück, wonach Dein Herz sich fehnen

kann, wenn Du bei uns eintrittst e“

Elsbeth hatte die Augen niedergeschlagen , die Dhränen waren darin emporgestiegen.

Da hatte Charitas Pirkheimer sanst mit einem Senszer, der weither zu kommen schien, wie aus einer srühren Zeit, gesprochen .

„Junge Leute sicht die Liebe an, Mnthwillen und weltliche Vegier. Das muß erst von Dir abgefallen sein , ehe Du eine Vraut Christi werden kannst, denn der nnrnhigen Seelen find viele jetzt in den Klöstern. Die Ronnen müssen mit starker Hand niedergehalten werden. Sie mnrren thörichter Weise von einem nenen Recht, sagen, das kaiserliche alte, das verkündet. ,Wer eine Ronne zu. Weibe nimmt, hat das Leben verwirkk und das Schwert verdiente müsse abgeschasst werden. Und die Che sei nicht ein Gränel - wie sie es doch wirklich ist - fondern eine Einsetzung Gottes, der ein Männlein und Fräulein zu.ammengesügt habe, Christas habe das bestätigt durch seine hohe Gegenwärtigkeit bei einer Hochzeit. Ia, so sprechen die irregesührten Vränte des Herrn. Manches Cisengitter am Fenster ist schon dnrchseilt ge- fnnden worden, und die Vnßzellen werden nimmer leer. Vedenke,

daß die Klosterfrau wie es recht und billig ist, für das Gedenken an einen Mann den Geißelstrick kosten muß!“

Das hatte Clsbeth im Kloster erlebt, und so hatte die Aebtissin zu.ihr gesprochen. Roch klangen die Worte der gestrengen Fran Clsbeth in den Ohren.

Die Sonne neigte sich über all ihren tranrigen Vetrachtungen , es war ein gedankenvoller Heimweg.

Ein rosiges Licht strahlte noch von Westen her, und die warme Lust nmstng sie wie mit weichen Armen, durch die Straßen zog das Volk oder saß unter den Laubengängen lachend und plandernd. Elsb.eth litt große Pein. Die Welt war so schön. Warnm mnßte

es ungetrene, wandelbare Mannsbilder darin geben e

Lärm und wüstes Geschrei unterbrach ihre heimliche Klage. Es drang aus einem Hans, dessen Fenster und Psorte hell er- lenchtet waren, und dessen Schild mit der Drattbe die Zechstube anzeigte. Sie wollte rasch vorüber eilen aber lallende Stimmen riesen sie vom Fenster an, und in der nächsten Minnte schon ward sie von einem Schwarm herattsströmender sürnehmer Herren umringt.

„Potz Marter!“ rief der Eine mit weinheiferer Stimme und

rothem Gesicht. „ Trägt sie nicht einen Sturze Wißt Ihr denn nicht, schönfte Maid, daß Seine Durchläuchagkeit die Scheusale ab- geschasst hate Wir wollett Euch allsogleich davon besreien.“

Und er faßte nach ihrem Gebände.

„Ia, stürzt den Sturz!“ riefen die Andern.

Der Kreis schloß .sich eng um sie. Sie sah lanter verwegne Gestalten um sich, Männer mit ansgerissnen Wämsern, die Federn an den Hüten zerdrückt, Vecher, Würfel, Gold in den Händen.

Die Angst schnürte ihr schier das Herz zu.und nur den einen Seufzer stieß sie ous^

„O Wilholm, wärt Ihr jetzt zur Stelle!“

Da stand er neben ihr, als habe ein Engel Gottes ihn her- geführt.

„Halt an !“ rief seine frische zoruige Stimme. „Ich will Euch lehreu, wie man einer Geschlechterin begegnet, Ihr Schnbiake!“

Und vor Elsbeth springend, riß er seine spanische Klinge aus der Scheide. Im Ru hatten auch die Gegner. ihre Wasten gezogen.

„Daß Dich Gottes Element schände, altfränkischer Krämer!“ rief der Eine.

„Wir wollen Dich mitten durchhauen wie eineNübe!“ schrie ein Andrer.

Elsbeth sah, daß Biete gegen den Cin^n waren, und während sie angstvoll zu ihm aufschaute, ...^. rnkst^ dastand, fattete sie die [604] Hände und that ein heimliches Gelübde, so die heilige Jungfrau ihr beistünde.

Und die Hohe sah gnädig auf ihre Noth herab.

Noch ehe ein Stoß geführt ward, nahten die Scharwächter, die ihren abendlichen Umzug durch die Straßen hielten. Sie umringten die Streitenden, und ihr Führer heischte mit barscher Stimme Auskunft, warum die Klingen gezogen seien, worauf schwere Pön stehe.

„Ich schütze mit meinem Degen eine ehrsame Jungfrau, so nicht mehr in unsrer Stadt ihrer Ehre sicher zu sein scheint, und ich bin der Wilhalm Haller,“ sprach trutzig der junge Patricier.

„Ihr sollt ungehudelt bleiben, Herr Haller,“ antwortete der Scharwächter, „geht Eures Weges!“

Aber dieser gehorsamte nicht. Er steckte die Degenspitze auf die Erde und reckte seine schöne gerade Nase in die Luft:

„Wenn ich auch mit Euch fertig bin, mit diesen Herren hab’ ich noch ein Wörtle zu reden,“ sagte er und deutete auf seine Widersacher.

Aber der Herzog von Baiern nahte begütigend.

„Seid nit so wild! Euch und Eure tugendsame Jungfrau hat Niemand kränken wollen. Die Herren kannten Euch nicht.“

„Sie sahen doch den Sturz!“ dräute Wilhalm.

Der Herzog schüttelte lachend den Kopf.

„Leute, die so angehumpt sind, fürchten sich selbst vor dem Teufel nicht, geschweige vor einem Sturz. Sie können halt nit viel vertragen; denn sie zechen erst seit acht Stündlein. Laßt den kleinen Handel geschlichtet sein, auf daß dem Erzherzog nichts davon zu Ohren kommt!“

Wilhalm sah finster drein. Aber Elsbeth hob flehend die Hände gegen ihn auf; da ließ er sich erweichen und zog mit ihr von dannen.

Die Scharwächter aber verfuhren nach dem alten Wort, welches das Recht ein Netz nennt, darin die kleinen Fliegen hängen bleiben, während die großen Hummeln durchwischen. Den geckenhaften Domherrn ließen sie laufen; vor dem Herzog von Baiern, der überlaut gelacht hatte, pflanzten sie den Spieß auf, aber einen Ritter von einem benachbarten armseligen Burgstall, der im Spiel unnatürliches Glück gehabt hatte, belegten sie mit dem Ehrentitel eines Landstörzers und setzten ihn in den Fröschthurm.

Elsbeth schritt stumm neben dem Haller her, bis sie an das Imhofische Haus kamen. Da blieb sie stehen.

„Nehmt meinen Dank, edler Junker,“ sagte sie mit zitternder Stimme, „daß Ihr mir so tapfer beigestanden habt!“

Und sie bot ihm schüchtern die Hand.

Er aber sagte gereizt:

„Ein Andrer würde Euch als Schützer lieber gewesen sein – gelt? Ihr mußtet schon fürlieb nehmen.“

Elsbeth schrak zusammen. Wußte der Haller schon von dem Heirathsplan mit dem Kriegsschreiber? Dann sprach sie in schmerzlichem Tone:

„Bald werde ich nur noch auf den Einen meine Hoffnung setzen, der uns in Ewigkeit treu bleibt.“

Wilhalm horchte auf. Damit konnte sie den Rotmund nicht meinen. Er schaute in ihre Augen, die sahen so weh und so wahrhaftig zu ihm auf, daß ihm eine Ahnung kam, wie er nach der Pfeife der Frau Rotmundin getanzt hatte, ohne es zu wissen. Aber so sehr ihn auch die Entdeckung freute, er nahm sich doch zusammen, daß er dem blonden Trotzkopf gegenüber Recht behalte.

„Es ist mir lieb,“ sagte er, „daß, ehe Ihr Euch dem himmlischen Bräutigam vermählt, ich Euch zeigen konnte, wie ich Eure Ehre wohl zu schützen vermöge.“

Sie schlug die Augen nieder.

„Ihr fahrt hart gegen mich einher! Aber wenn Ihr meine bösen Worte nicht vergessen habt, dann gedenkt auch, daß Ihr Ursache dazu gabt. Triebt Ihr nicht Kurzweil mit einer Ehefrau, zogt an einem Seil mit ihr, man weiß nicht was, und machtet eine spanische Reverenz ohne alle Ursach?“

Sie hatte sich in Eifer geredet und war dabei tief erröthet.

Wilhalm richtete sich beleidigt auf.

„An der Schnur hängt dort der kaiserliche Adler, und den Feston habe ich mit der Frau Rotmundin verabredet, die eine so ehrbare Frau ist wie ich ein rechtschaffner Junggesell. Eine spanische Reverenz aber,“ fuhr er mit Nachdruck fort, „kann ebenso gut manchmal eine Strafe sein für eine Jungfrau, die zuschaut, wie eine Huldigung für die Frau, welcher sie dargebracht wird.“

Elsbeth blickte tief beschämt nach dem Adler hin, der am Ende der dämmrigen Straße in der Abendluft sich schaukelte, und doch war ihr dabei, als fiele ihr ein Stein vom Herzen. Schüchtern lugte sie den Wilhalm an.

„Mußtet Ihr denn auch noch strafen? Habt Ihr mich nicht schon hart genug gescholten damals, an jenem Tage“ – die Stimme schwand ihr.

„Es ist das Recht des Mannes,“ antwortete Wilhalm fest, „seinen Willen kund zu thun und die Frau zu erziehen; das Weib aber hat sich zu fügen. So hat es Gott selbst gewollt, da er sprach: Er soll Dein Herr sein. Wenn die Frau sich auch hoffärtig erhebt, es wird immer der Augenblick kommen, wo sie des starken Mannes als Schutz und Schirm bedürftig ist. Wohl ihr, wenn sie dessen inne wird, bevor es zu spät ist!“

Sie senkte demüthig das Haupt, und er schaute mit Wohlgefühl auf sie herab. An den Rotmund – das sagte er sich mit Frohlocken – dachte die Elsbeth nicht, und er hütete sich seinen Verdacht einzugestehen, denn es behagte ihm sehr, den großen Mann zu spielen, der erst zürnte und schalt und dann mit nachsichtiger Güte das schwache Weib beglückte, das der zärtlichen Leidenschaft für ihn trotz alles Sträubens verfallen war bis zur Eifersucht wegen einer spanischen Reverenz.

„Und nun gehabt Euch wohl,“ sprach er in gütevollem Tone. „Beherzigt meine Worte, und möge der gehabte Schrecken nicht als Alb in der Nacht sich Euch aufhucken, sondern ein liebliches Traumbild zu Euch niederschweben!“

„Geruhsame Nacht!“ sprach auch sie.

Er verneigte sich auf Augsburgische Manier demüthig hoffärtig. Dann wartete er noch, bis auf ihr Klopfen aufgethan wurde; darauf schritt er gehobnen Hauptes davon.

Aus Elsbeth’s Seele aber war die Erinnerung an das Kloster gänzlich entschwunden – andere Dinge erfüllten ihren Sinn.

Als sie ins Haus trat, löste sie den Sturz und rief die Magd:

„Schaffe ihn mir aus den Augen, auf den Kehrichthaufen oder in den Lumpensack! Ich habe ihn in einem Gelübde verschworen. Er hat mich nit geschützt, mit meinem brävsten Freund entzweit und ist mir allweg ganz zuwider.“

[634] nicht entfernt den Universitätsprofessor vermuthet hätte. Er sah wie ein geborener Edelmann aus und wie einer obenein, der einem alten, erbangesessenen Hause entstammte.

In der That, er liebte auch die Gesellschaft dieser Kreise und wußte es ihnen in ihren Gewohnheiten völlig gleich zu thun. Als er später geadelt wurde, erschien dies Allen wie etwas ganz Selbstverständliches, aber er hörte auch jetzt nicht auf, ein Bürger in des Wortes schönster Bedeutung zu sein. Stets blieb er eingedenk, was gerade er seinem Stande schuldig war, und auch hierin zeigte er sich als ein echter, rechter Edelmann.

Eine Persönlichkeit wie die Langenbeck’s vermag, ohne scheinbar selbstthätig in irgend welche bestehende Verhältnisse einzugreifen, dennoch gar Vieles zu deren Umgestaltung beizutragen. Der Einfluß, den sie unter Umständen im gegebenen Augenblicke ausübt, wirkt beinahe mit der Selbstverständlichkeit eines Naturvorganges. Es ist daher nicht zu viel behauptet, wenn man die bedeutsame Stellung, welche die deutschen Militärärzte innerhalb der großartigen Organisation unserer Armee nunmehr zugewiesen erhielten, dem indirecten Wirken dieser eigenthümlich gearteten Persönlichkeit Langenbeck’s zu einem nicht geringen Theile zuschreibt. Als man einen Mann von solch anerkannter Bedeutung auf den verantwortlichen Posten eines consultirenden Generalarztes der Feldarmeen stellte, da war es wiederum etwas, was sich von selbst verstand, daß man für ihn einen ihm entsprechenden militärischen Rang schaffen mußte. Was weiter noch in der angedeuteten Richtung zu geschehen hatte, erwies sich nur als eine einfache Schlußfolgerung, welche der erste Schritt mit Nothwendigkeit nach sich zog, und so erwuchs denn nach und nach ganz zwanglos die Einreihung des militärärztlichen Personals als Sanitätscorps in den Armeeverband. Die frühere Zwitterstellung war ein- für allemal beseitigt. Was und ob überhaupt Langenbeck zu dieser Umgestaltung beigetragen, entzieht sich gänzlich unserer Beurtheilung. Sicherlich kann aber nicht bezweifelt werden, daß der in seinem Wirken selbst von der höchstentscheidenden Stelle aus anerkannte Mann schon aus diesem Grunde die ganze Organisation wirklich beeinflußt hat. So bethätigte er sich, ohne es doch absichtlich zu wollen, und gewiß erwies sich diese Art der unmittelbar persönlichen Wirksamkeit als eine um so nachhaltigere.

Und wie ein rechter Edelmann es sein soll, blieb er von gewissen häßlichen, weil aus niedrigen Gemüthseigenschaften beruhenden Vorurtheilen vollkommen frei. Es war ein Genuß, mit diesem natürlich-höflichen Manne zu verkehren. Seine wissenschaftliche Bedeutsamkeit, sein ungeheures Können hatte für die mittelmäßigen Söhne dieser Erde nichts Bedrückendes, und gern ließ er auch geringes Verdienst gelten. Freilich mangelte es ihm auch keineswegs an den Waffen einer feinsten Ironie, sobald es galt, gewissen Anmaßlichkeiten zu begegnen. Er verstand meisterlich zu sticheln, und mit seinem scharfen, durch viele Erfahrung gesicherten Gefühle just den empfistdlichen Punkt zu treffen. Wurde aber diese Operation ihrem Sinne nach begriffen, dann war’s geschehen und abgethan.

Eine derartige Ausnahmsstellung, wie sie Langenbeck in der universitären und außerfachmännischen Gesellschaft errungen hatte, wiederholt sich so leicht nicht.
Isidor Kastan.     



[635] o^


Sie griff nach ihrem Gebetbuch. Aber ihr Vlick blieb auf dem in Elfenbein geschnitzten Einband haftett. Cr zeigte eine Auferstehung der Dodten den zu Gericht fibenden Gottvater, Pofatttteu blasende Ettgel und die Erde, die ihre Dodten wieder gab. Da stiegen sie herans, die Armen, aus den stachen Erb- wellen demüthig arbeiteten sie sich empor im Leichenhemd, aber an den Grabhättseru, wo die Rathsherren schliesen, standen Engel und öfsueteu, dienstbereit wie Knechte, die Pforte, und herfür gittgett die stolzen Patrizier in nadelspitzen Schnabelschuhen, Pelz- schattbeu und Gogel.

Ursula schleuderte das Vuch von sich. O, was hatte der alle Meister für geschickte Hättde gehabt und für einen ungeschickteu Kchü, daß er sich die ewige Seligkeit also anstellte! Sollte die, so eittettt vorttehtueu Geschtecht entsprossen war, in acke Ewigkeit verflucht sein, abgesondert von denen zu.bleiben, die keinen großen Bauten trugen?

Der Alhetn fehlte ihr, es litt sie nicht mehr in der engen Stube. Sie kottttte nicht einmal betett hier. Sie hüllte sich in Sturz und Mantel, um nach St. Sebaldtts hittüber zu gehen, nach dem eiusamen Winkel, wohin sie seit Jahren mit ihrem schwer bedrückten Herzen gestüchtet war, wo das Vild des ver- lernen Sohnes stand. Mit brechenden Kttieeu schlich sie durch die von den Hängelampen nur schwach erleuchteten Gänge. Die Glasaugen der ansgestopsten Vögel sahen ihr gespenstisch nach. Unter ihren verblichttett Federn halle einst auch ein warmes Herz geklapst, und nun standen sie von Motten zerfreffen auf dürrem Holz, der Stunde harrend, wo die letzte .Faser in Stand zersiel.

Attf der Schwecke zögerte ihr Schritt. Dahitt hatte seine liebe Hand den Veilchenstranß für sie gelegt, ein Zeichen, daß er ihrer gedachte. Ihr Vlick glitt flehend zu dem Mariettbilde empor, das die Matter ihres Hauses schmückte. Aber enttnttthigt sank er wieder herab. Das war nicht die Schmerzensreiche mit den sieben Schwertern in der Vrnft, an die sie sich hätte wenden mögen. Das war die stolze gekrönte Himmelskönigin. Was hätte auch die detttüthige Magd im Haufe des Hochmuths zu schaffeu gehabt?

Sie schritt der Kirche zu durch das nach dem Rathhaus ftrö tuende Volk, welches trotz der wüten Stttnde von der dröhnenden Musik wach erhalten wurde. Aus dem grecken Schein den die attt Portal lodernden Pechpfanttett warfen, trat sie in den sticken Kirchhof. Da war das Schreher'sche Grabmal, das an senem traurigsten Morgen ihres Lebens geweiht worden war. Viele von denen, die damals mit ihr hier auf den Knieen gelegen , schliefen den ewigen Schlaf. die Andren tanzten dort drübeu eitten fröhlichen Beigen Sie allein war ansgezählt. Sie war nichl ladt, und sie lebte auch nicht.

Vor den Heiligeubildern brannte hier und da ein Läumchen von flehenden Hütchen gestiftet. Rur in dem Wittkel, wo sie Trost fachte, lagerten tiefe Schatten. Sie vermochte das alte Vild nicht mehr zu erkeunen. Ihr Vlick glitt langfattt an den Pfeilern empor. Droben strahlte Stern an Stern. Der Wind, der die Kerzen und Lampen löschle, vermochte dort oben nichts anszu.lafett. Sie hob die Artne. Langfam und laut fprach sie in die flüsternde Racht- lnft hinein.

„Herr des Himmels und der Erde! Vergieb, daß ich arme Magd mich ohne Fürfprache der Heiligen an Dich wende!... Es gehl aber ansetzo die Red, wir dürften uns nit fürchtett, Du hörtest acke Deiue Kinder an. Und der gerade Weg ist mir allezeit der liebste gewesen. So höre mich alfo! Du hast seder Creatnr eine frohe Stande gegeben. die Rose darf blühen, die Lerche fingend in den Himmel fliegen. selbst das Mücklein frent sich fpielend im Sonnenlicht. Rar ich bin in Nacht ge- wandelt zeitlebens - das weißt Du - und nur Du allein. Und bin ich nicht auch Dein Geschöpf wie die Andren? Haft Du den Franen den Wunsch ihres lnstigen Sinnes nach einer nichtigen Haube erstickt, so kauust Du rechtschafftter Weise nicht Bein sagen, wenn ich Dich bitte. Zeig mir den Weg, ! auf den ich mir ihn, der das Glück und die Freude meines störa- scheu Herzens war, rette aus Rarrenthnm und Scheckengeklingel! erhöre mich!“

Sie schaute iubrünftig empor.

Da löste sich neben ihr ein hoher grauer Schatten aus dem Kinkel und trat heran.

„Wen erstehst Du für Dich, Urfnla?“ fprach eine bebende

glimme.

Das Schicksal hat Dritten habe die Schellen getragen ist gekommen, da ich die bin heimlich von der Vnrg

„Was bleibt uns fonft Kluft zwischen dem Hofnarren,

Ihr stockte der Athettt. Datttt brach es fubelttd über ihre Lippett .

„Friedel! Gott sei gepriefett, der mich erhörte!“

„Ia,“ sagte der lustige Rath erttst, „er hat es guädig gefügt, daß wir utts verföhttt die Hättde reichett dürfeu, bevor wir für immer scheidett.“

„Scheidett für immer, da wir uns eben erst gefunden?“ flüsterte Urfttla mit bebendeu Livpett. „Kmmst Du mir nicht verzeihen? Sieh, hier hebe ich meine Hättde zu.Dir auf und bitte. Vergieb mir meine Schttld, wie Du willst, daß Dir ver- geben werdet“

Er zog ihre Hände fattft herab.

„Ich habe Dir lange vergeben. strengen Urteilsspruch bestätigt. Ich in bittrem Erttst. Aber die Stttttde Schmach von mir werfest muß. Ich

entwichen und auf dem Wege in die Welt hinaus. Nttr eitttttal wollte ich das Vild vom verlornen Sohn noch fehett, von dem tttatt mir sagte, daß Dtt gern davor betest.“

„Du wickst abermals gehen?“ rief Ursula verzweiselud. „Uad ich soll ackeiu sein immerdar?“

chrig?“ fragte er bitter. „Die der federzeit auf den mit Cfels- ohrea verzierleu Stuhl gewiefeu werden konnte, und der Patriaer- tochter ist zu tief.“

„Welche Kluft überbrückt die Liebe nicht?“ rief sie. „Ver- birg' Dich, bis der Erzherzog fort ist. Die geschorttett Locken müssen wachfen , der Vart muß fallen, daß das liebe Friedelgeficht wieder zu. Vorschein kommt. Dann trittst Dtt herfür als weit^ gereifter, vielerfahrener Matttt. Wer könnte datttt den lnstigen Rath in Dir ahnen? Uttd wer follte Dir die Ehre weigern,“ fuhr sie, stolz sich anfachtend, fort, „wetttt Du an matter Hand Dich zeigst, mit nttfrem Wappett, und den Platz eiuuimtttft, auf dem Du feit nahezu.zwanzig Jahren stehen follteft ? Die Patriaer selbst werden Dir die Rathsherrnftelle annagen.“ Cr trat einen Schritt zurück.

„Seit watttt zieht die Frau den Mattu zu sich empor? Ich will nicht mit einem Wappett stolzireu, das ich mir nicht felbft errang, ich will nichl weife Narrheit, die Mettschheit zu knebeln auf dem Rathhaus ausbrüten lieber ttärrische Weisheit auch fürder verkündigen, und ich wick nicht unter Eureu schwereu Steittplatteu begrabeu sein, fondertt nttter eittem grünen Vattttt und blauett Veilcheu ruhen, daß der Fittke über mir sein Lied schtnettertt kamst“

„So laß mich Dir folgen auf den Armettkirchhof!“ fprach Urfala leise.

Ueber sein Gesicht stog ein hecker Schein, aber er bezwang sich. Seitt Vlick fiel erttst auf sie ttieder, als er fprach .

„Du gefällst Dir im Großmüthigseitt heute wie damals. Du bist dieselbe geblieben ich aber bin nicht mehr der sunge Friedel, dessen einziges Ziel der Vesitz eines geliebten Weibes war. Da mein Weg in Fittsterniß führte, ist mir ein Licht aufgestrahlt und zum Leitstern gewordett. Es ist die neneZeit, die mächtig heraus- steigt. Matte Seele hat sich dem Mönch von Wittenberg zu.ewendet, und ich wick eher Leib und Leben und selbst Dich verlieren, ehe ich ihn wieder anfgebe, der das göttliche Wort so hell und klar in sich trägt und mit so großem Sieg und Driumph aus frei- mutigem und nnerschrocknem Geist verküudet.“

Die Geschlechteriu ueigte demüthig das mit dem Stnrz ge- schmückte Haupt vor dem Mann mit der Rarrettkappe.

„Deitt Gott sei mein Gott! Auch ich habe heut' in der schwersten Stunde meines Lebens Zustucht bei ihttt gefucht ohne Fürfprache der Heiligen, und er hat mich erhört.“

Da schloß er sie in seine Arme. Dann richtete er sich auf und fprach .

„Rnn lebe wohl, Urfnla, bis wir frei und offeu vereint vor nttfre Vaterstadt hintreten können!“

„Aber wie willst Du Dich stüchlen?“ fragte sie attgstvock, „und wohin Deittett Schritt wenden?“

Er lächelte.

„Ich keuue von meittett wilden Knabensahren her sedes Eckchen, feden Steg in Rürnberg. Ein altes Pförtleitt in der Stadtmaner ist hent' wie vor zwanzig Jahren fest verschloffen aber die Angeln find so rostig wie damals. Ich will den be- kotttttett Weg noch einmal gehen. Vin ich erst draußen, so finde [636] ich überall Herberge; denn der Bund Derer, die der neuen Lehre anhängen, ist größer, als Du weißt. Ein gelahrter Kräutersucher, der ihr auch zugethan ist, begegnete mir, da ich nach dem Weg in’s Weite spähte, und wies mir eine Schenke an der Heerstraße, wo unsre Gesinnungsgenossen nächtigen. Alsdann will ich zu erkunden suchen, wo Doctor Luther weilt. Von einem fahrenden Schüler hörte ich, daß er nicht in’s Elend gegangen ist, sondern wohlbehütet auf einer Burg in Thüringen lebt. Zu ihm will ich wallfahrten. Vielleicht sagt mir der große Mann, wie ihm ein Schalksnarr dienen kann.“

„So geh’!“ sprach Ursula. „Und laß Dich auch belehren von Deinem großen Meister, wie man ein schönes Hab’ und Gut so anwendet, daß es vielen armen Herzen nützt, die noch gefangen liegen in eisernen Ketten! Dann aber kehre wieder, nimm Alles, was ich habe, und thue damit, wie er will! Die Ursula aber behalte für Dich und verlaß sie nie wieder! Sie hat Nichts und Niemand auf der Welt lieb als Dich allein.“

Er drückte sie fest an sein Herz. Mitsammen gingen sie durch die abgelegnen nächtlich stillen Gäßchen nach der Stadtmauer. Sie ließ sich nicht zurückweisen; sie wollte ihn erst geborgen wissen und entgegnete auf seine besorgten Einreden:

„Die herbe Ursel hat Friede in Nürnberg.“

Sie standen am aufgesperrten Pförtlein. Da nahm Friedel die Narrenkappe vom Haupt.

„Ich thue sie von mir. Meinst Du, daß ein Sturz schwerer wiegt als sie?“

Und Ursula verstand ihn. Sie nahm den Sturz ab und schlenderte ihn in den Stadtgraben hinab.

„Hebe dich von mir, Ungethüm! Mögen Eule und Fledermaus in dir nisten.“

Da warf der Narr seine Kappe nach und sprach:

„Und in dir ein Spottvogel!“

Sie nahmen Abschied.

Bald stand er draußen und blickte auf die Ringmauern und Thorthürme wie vor wenigen Tagen. Aber diesmal war es ein glückliches ernstes Lächeln, mit dem er flüsterte: „Daheim in Altnürnberg!“

Eine Weile darauf stand in ihrem Haus mit strahlendem Antlitz die herbe Ursula vor dem Ingesinde, das jetzt erst vom Rathhaus zurückgekehrt war, und sprach:

„Nehmt den Beutel mit Gold und geht in die Spitäler, in das Waisenhaus und zu den Leprosen! Bringt jedem einen Theil und sagt, sie sollen Gott mit mir danken! Denn es ist mir Kunde geworden, daß der verlorne Sohn dieses Hauses heimkehren wird.“

Dann faltete sie die Hände zu stummem Gebet und schaute mit weinenden Augen zum Himmel empor, an dem glänzend der Morgenstern aufstieg. –

[646] Drüben im Rathhaus wüthete die Tanzfreude.

Allen voran übte die Rotmundin die feinen Künste, die sie in Augsburg gelernt hatte. Sie lenkte und renkte und bog sich, glitt sanft und leise mit zerbrochnen Tritten dahin oder schwenzelirte keck einher, wie das Alles zum Gepräng hoffärtiger Frauen gehörte.

Der junge Erzherzog versuchte jeden Tanzschritt einmal mit der hübschen Evastochter: den Hoppelreihen, das Verdrehen und Umbschweifen, das man später Walzer nannte, und er fragte sie jedesmal:

„Wann kommt der Todtentanz?“

„Wenn die Glocke Mitternacht schlägt!“ antwortete sie mit süßer Stimme.

Und auch dieser schöne Augenblick kam und verging.

Der Ferdinandus lag still auf dem Pfühl. Zinken und Hörner tönten; die schellenumhangene Handtrommel rasselte, und er blinzelte durch die Wimpern.

Der Letzten eine beugte sich die Rotmundin zu ihm nieder, und während sie den von Gold und Perlen flimmernden Schleier mit der Gebärde der Klage an ihre Augen führte, flüsterte sie dem still Liegenden zu:

„Ihr seid ein braver Herr gewesen, habt mir armem Weibe geholfen, daß ich nun meinem Eheherrn wieder in alter Lieb und Treu anhängen kann. Deß zum Dank geb ich Euch den Kuß mit auf die weite Reise.“

Sie drückte einen langen Kuß auf das vielbesprochne Schlarpel.

Das Gesicht des Erzherzogs wurde sehr roth, und Herr Rotmund leichenblaß.

Herr Wilhalm war heute großartiger denn je. Er saß den fremden Herren gegenüber auf hohem Pferd, damit sie nicht abermals aus Rand und Band kämen, und er ließ die Elsbeth warten, auf daß er sein Ansehen bei ihr erhöhte und ihr die gute Lehre beibrachte: eine Frau hat nichts von dem Manne zu fordern, sondern alles von seiner Liebe und Gunst geduldig zu erharren.

Und die Elsbeth war eine fleißige Schülerin; sie sah nur schüchtern zu ihm hinüber und maulte nicht, als ein Reigen nach dem andern vorüber ging, und Herr Haller, ohne sich zu rühren, an der Wand stand gleich dem trutzigen Rolandsbild draußen am Rathhaus.

Als aber der Kuß des Todtentanzes abermals drohte, machte er seinen Prüfungen ein Ende, schritt zu ihr hinüber und bot ihr die Hand zum einleitenden Rundgang. Da sich dann der Ringelreihen der Frauen ausschied, den Erzherzog zu umkreisen, führte er die Elsbeth stracks davon in eine der tiefen Fensternischen.

Einen Augenblick standen beide athemlos neben einander.

„Ihr habt Euch des Sturzes entledigt,“ sprach er endlich, auf das Goldnetz zeigend, in dem ihr schönes Haar gefangen lag.

„Ich habe gestern in der Stunde der Gefahr gelobt, den Sturz abzulegen,“ antwortete Elsbeth mit niedergeschlagnen Augen.

„So seid Ihr doch auch wandelbaren Sinnes und habt Euch dem Neuen zugewendet,“ rügte er würdevoll.

Sie schlug die Wimpern zu ihm auf, und jetzt sah er weg; denn wie sie ihn mit ihren zwo Wegwartenäuglein anschaute, da strahlte etwas darin, das drang ihm tiefer in’s Herz als das, was aus den Augen der schönen welschen Frauen ihn angeflimmert hatte.

„Wandelbaren Sinnes?“ fragte sie und schüttelte den Kopf, „nein, nur das Gehäuse wandelt sich, der Kern aber wird allzeit derselbe bleiben. Wir schaffen neue Truhen in das Gemach, aber es wird immer derselbe Linnenschatz darin sein; wir setzen andre Oefen, aber dasselbe Feuer wird darin brennen, und auf der Bank dahinter werden die Kinder sich dieselben Märlein erzählen; wir schmücken uns mit einer neuen Haube, und es sehen Euch dieselben Augen darunter an; wir thun den Goldlatz von uns, und gegen das neue Mieder schlägt dasselbe alte Herz. Ach Wilhalm! Wir können Euch nimmer berücken wie die Frauen aus Venezia, die, unter einer heißen Sonne erblüht, heiß fühlen und berauschen wie die Blüthe des Baumes, daran die gelben Limonien wachsen. Unsre Liebe brennt in einer stillen Flamme, aber wie die ewige Lampe für und für. Hauchet Ihr sie an, so duckt sie sich, als wolle sie verlöschen; dann wieder leuchtet sie sacht weiter, und darum giebt man uns das Lob, daß wir treu sind.“

Da schmolz dahin, was an Geckerei und Firlefanz und beleidigter Manneswürde noch in ihm war. Er war nur noch der frische junge Gesell, der sein Herz klopfen hörte und der mit einer bebenden Stimme fragte:

„Elsbeth, wollen auch wir uns Treue halten?“

Sie drückte die Hände vor das Antlitz.

Wilhalm aber zog sie jubelnd an sein Herz. Ihm war so wohl, als habe er Maienwein getrunken, und er flüsterte übermüthig:

„Nun mußt Du Dich doch herzen lassen auf Befehl; denn Dein Herz ist Festordner geworden und schwingt den weißen Stab mit magischer Gewalt, der Du nimmer zu widerstehen vermagst.“

[647] „Du aber? Du?“ flüsterte sie und sah ihm halb lächelnd, halb ängstlich in die Augen.

„Ich? O, i kenn mi halt nimmer aus,“ antwortete er auf gut Nürnbergisch und drückte seine Lippen auf ihren stillen Mund. Und er, der bisher nur den langsamen polnischen Tanz, in dem man gravitätisch dahin wandelte, seiner Würde angemessen gehalten hatte, sprang nun fröhlich mit seiner Elsbeth im letzten Hupfauf.

Dann sagten Alle der fürstlichen Durchläuchtigkeit Valet.

Der Morgen graute schon; die schaulustigen Bürger waren endlich schlafen gegangen, und tiefe Ruhe waltete in der Stadt. Nur aus den Armenhäusern drang frommer Gesang; es waren die Danklieder, welche die herbe Ursel bestellt hatte.

Noch andre Herzen stimmten selig ein: der Rotmund, der endlich seinen Kuß bekam, der Wilhalm, der sich fröhlich in seinem zerrütteten Gemach auf’s Lager warf und feines Läuten im Traum hörte, wie von einem Schlüsselbund.

Und die Elsbeth? Lange noch, nachdem längst ihre Eltern, von dem gehabten Kummer getröstet, ausschliefen, stand sie an ihrem Fenster und schaute in die aufsteigende Morgenröthe. Ihre Nachbarinnen, die Schwalben, erwachten, zirpten und riefen einander zu, und weil sie Niemand hatte, dem sie ihr Herz ausschütten konnte, sprach sie zu den geflügelten Hausgenossen:

„Ihr Schwälblein seid mir das liebste von allem Gethier, das da fleugt. Ihr steuert frei durch die blaue Luft, daß man meint, Eure Fahrt habe kein Ziel. Dann seid Ihr doch glücklich, wenn Ihr Euch im steinernen Nestlein zusammenfindet. So war es auch mit der Sehnsucht in unsren Herzen. Wir wußten nicht, woher sie kam und wohin sie begehrte, bis sie sich nun zur Ruhe setzt in einem traulichen Heimwesen.“ – –

Am andern Morgen ging’s überall still her. Die geschwärmt hatten, schliefen dem Tag die Augen aus. Die Knechte der fremden Gäste packten ein.

Aber allmählich entstand ein Laufen, ein Suchen und Rufen auf der Burg. Der Erzherzog hatte seinen lustigen Rath zu sich befohlen, und der war nimmer zu finden. Erst hielt man es für einen Schalksstreich vom Narren, daß er sich versteckte. Man suchte ihn von der Spitze des Heidenthurmes bis hinab in das Verließ und die Folterkammer. Der Narr blieb verschwunden.

Pfalzgraf Ottheinz meinte:

„Der liebe Gott hat ihn zu sich genommen, hat auch einmal seinen Spaß mit ihm haben wollen.“

Der Erzbischof von Mainz aber sagte: „Der Teufel hat ihn geholt; er stak so voll Ketzerei wie ein alter Pelz voll Motten.“

Endlich hatte ein Stadtsöldner seine Kappe unten im Graben gefunden, innig vereint mit einem Sturz, und brachte beides auf der Spitze seines Spießes getragen.

Jetzt argwöhnte auch der Stadtschultheiß einen Teufelsspuk.

„Er ist der Böse selbst gewesen und gekommen, uns den Sturz zu entführen, und zu Spott und Hohn hat er uns seine Kappe mit dem ehrwürdigen Schmuck vereint zurückgelassen.“

Aber der Erzherzog zürnte ob dieser losen Reden. Er wollte seinen lustigen Rath wieder haben. Aus der Verwunderung wurde Verdruß, aus dem Verdruß Zorn.

Sein Gefolge saß reisefertig unter der Burglinde, die sich zum fünfhundertsten Male gelaubt hatte, und schwang zum Zeitvertreib die großen Krausen, wie man die gerippten Krüge nannte. Es wurde kein Befehl zum Abmarsch gegeben. Ja, der hohe Herr stampfte endlich zornig mit dem Fuße auf und erklärte, er weiche nicht von dannen, bevor ihm Nürnberg seinen lustigen Rath wieder geschafft habe. Durch alle Straßen rannten Boten; der ehrbare Rath rieb sich den Schlaf aus den Augen und versammelte sich, um Hülfe zu schaffen. Der Narr wurde wie ein verlornes Kleinod ausgeschellt.

Schon klang das Mittagsläuten von allen Thürmen, und noch standen die Rosse und Maulthiere im Schloßhofe, saßen die Herren und Knechte beim Frühtrunk.

Da nahte ein stattlicher Zug. Herr Wilhalm Haller schritt voran; vier Knechte trugen einen Schrein ihm nach. Er begehrte Gehör bei Seiner fürstlichen Durchläuchtigkeit.

Ungnädig nahm der Fürst ihn auf.

Aber Wilhalm sah getrost in das finstre Gesicht des hohen Herrn. Er wußte, wie man einem jungen Herzen beikommt.

So sprach er denn die Betrübniß der Stadt aus über den Verlust des Narren und bot in tiefster Unterthänigkeit einen kleinen Ersatz aus der Hand eines kunstfertigen Bürgers.

Auf einen Wink öffnete sich die Thür; zwei Diener trugen ein holdseliges Engelsbild herein, setzten es nieder und gingen.

Ferdinandus schaute auf.

Da stand sie vor ihm, von dichten Locken umwallt, in züchtige Gewänder bis zur kleinen Fußspitze herab gehüllt. Beschwichtigend hielt sie die feinen Hände empor, und die blauen Augen lachten ihn strahlend an.

Seine fürstliche Durchläuchtigkeit konnte nicht widerstehen. Er neigte das Haupt, man wußte nicht, ob vor dem Huldbilde oder zum Dank gegen Herrn Haller, und sprach dann:

„Wir sind content und wohlzufrieden. Der Engel soll an dem Kanzelfuß unsrer Hauscapelle aufgestellt werden. Alle Heiligen seien gepriesen, daß wir mit so gutem Gewissen ihn an dem heiligen Orte bergen können!“

Dann gab er Befehl zum Aufbruch. – – –

Als in diesem Jahr Fortuna mit ihrem rothen Segel über dem Schützenfeste waltete, wandelte Ursula als Ehegemahl ihres Vetters an seinem Arm durch das Gedränge.

„Es ist der Herr, der überall für die neue Lehre spricht,“ flüsterte das Volk, ihm nachschauend. „Ein stattlicher Mann! Er schaut mild aus, aber ernst, als möchte er nimmer lachen.“

„Desto holdseliger ist sie,“ sagten Andre. „Warum man sie nur die herbe Ursel genannt hat?“

Auch die Rotmundischen schauten dem Paare nach. Mit ihnen war der Wilhalm Haller gekommen, die Elsbeth am Arm, zum letzten Mal als Bräutigam, da andern Tages die Hochzeit sein sollte.

„Was trägt die Ursula für ein Birettlein mit gerade aufsteigender Feder über dem Perlennetz?“ fragte die hübsche Frau den Wilhalm Haller.

„Ein Wiener Putz!“ antwortete dieser. „Ihr Ehewirth ist gut bekannt in Wien; wird ihn haben kommen lassen.“

Frau Rotmundin lächelte ihren Mann an.

„Ich weiß nit, mein Häuble gefällt mir nimmer. Warum ich nur halt meinem lieben Ehegespons deshalb so schwere Tage gemacht habe? Ich will’s nit wieder thun. Aber Du mußt mir auch solch ein Birettlein kommen lassen, Herr Rotmund! Gelt?“

Herr Rotmund seufzte und nickte.

Wilhalm drückte die Hand Elsbeth’s fest an sein Herz und flüsterte:

„Ach Elsbeth, mir gefällt von allen Zierden die Haube am besten, unter die Du morgen kommst.“



Anmerkungen (Wikisource)