Der Kriegsplanet

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Textdaten
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Autor: Carus Sterne
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Titel: Der Kriegsplanet
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 319-321
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[319]
Der Kriegsplanet
nach den Ergebnissen seines vorjährigen Besuches.

Unter allen Wandelsternen, die mit uns um die Sonne kreisen, hat keiner die Phantasie der Völker und den Scharfsinn der Astronomen früher und nachhaltiger beschäftigt, als der Mars, unser nächster Nachbar im Planetensystem nach der äußern Seite. Weder die Venus, welche als Morgen- und Abendstern die Hirten- und Nomadenvölker zu ihrer dichterischen Verherrlichung herausforderte, noch der Jupiter, das strahlendste Gestirn unserer Nächte, haben mit so unwiderstehlicher Gewalt die Blicke der Irdischen auf sich gezogen, wie der Mars. Sein düsterrother Schein, welcher im vorigen Sommer und Herbst alle andern Sterne des Firmamentes überstrahlte, erinnert an Blut und Feuersgluth und gab schon den ältesten Sternbeobachtern, den Chaldäern, Veranlassung, ihn als den Krieg bringenden Planeten zu betrachten und ihn in den Schutz eines Gottes zu stellen, dessen gewöhnliche Beinamen auf den neuerlich entzifferten Ziegelsteintafeln der Bibliothek von Ninive lauten: „der große Held, der König des Handgemenges, der Meister der Schlachten, der Kämpfer der Götter“ u. s. w. Die Chaldäer beobachteten seine Bewegungen daher eifrig von den Plattformen ihrer Stufenpyramiden, die zugleich Tempel und Sternwarten waren, und hatten bereits die an diesem Planeten allerdings sehr auffallenden „Schleifen“ (das heißt die durch die Bewegungen des Beobachters zeitweilig entstehenden scheinbaren Rückwärtsbewegungen, auf dem regelmäßigen Wege von West nach Ost) und seine zeitweisen Annäherungen und Entfernungen an und von uns bemerkt. Wegen jener Laufeigenthümlichkeit nannten sie ihn Nirgal oder Nergal, das heißt: der Springende oder Stampfende, und zwei andre chaldäische Namen bezeichnen ihn als Mamna (Mars in der Erdnähe) und Baluv, das heißt: das „entschwindende Gestirn“, oder der Stern, welcher nicht mehr da ist. Jene Auffassung des Mars als Kriegsplanet ist von den chaldäischen Vätern der Astrologie an bis zum Mittelalter festgehalten worden, immer wieder galt seine Erscheinung in besondern Stellungen als höchst unheimlich, Krieg und Verderben bringend, namentlich wenn er in Gemeinschaft mit dem bleichen Saturn auf die Geschicke der Menschen wirken zu wollen schien.

Den Astronomen wurde er durch die Bequemlichkeiten, die er der Beobachtung darbietet, das wertheste und umworbenste Gestirn, um daran den Bau des Sonnensystems zu studiren und die Gesetze der Planetenbewegungen zu ergründen. Seiner [320] Beobachtung verdankt die Astronomie den großartigsten Aufschwung, den sie je empfangen hat. In der Vorrede seiner „Neuen Astronomie“ erstattet der große Kepler dem Kaiser Rudolph von Habsburg Bericht über den Ausgang des unter seiner Regierung begonnenen „großen Kampfes mit dem heidnischen Kriegsgotte Mars, in welchem sich der kaiserliche Feldherr Tycho de Brahe den größten Ruhm gewonnen, da er in zwanzigjährigen Nachtwachen sämmtliche Gewohnheiten, Stellungen und Kriegslisten jenes Feindes ausgekundschaftet, sodaß er (Kepler) nunmehr diesen höchst noblen Herrn gefangen vor den Kaiser führen könne“. In der That waren es die musterhaften Beobachtungen des Mars durch Tycho de Brahe, aus denen Kepler die drei Planetengesetze ableitete, die seinen Namen unsterblich gemacht haben.

Diese Gesetze lehren bekanntlich, daß sich die Planeten nicht in Kreisbahnen, wie man früher glaubte, und mit gleichmäßiger Schnelligkeit um die Sonne bewegen, sondern in elliptischen (eirunden) Bahnen, und daß die Bewegung um so schneller ist, je mehr sich der Planet der Sonne nähert, die nicht in der Mitte, sondern in einem Brennpunkte der Bahn befindlich ist. In Folge der langgezogenen Bahncurve ändert dieser Planet aber nicht nur seine Abstände von der Sonne sehr beträchtlich, sondern auch seine Entfernung von der Erde bietet Unterschiede, wie sie in ähnlichen Verhältnissen bei keinem andern Planeten, selbst bei der Venus nicht, beobachtet wurden. Mars und Erde können einander auf weniger als acht Millionen Meilen nahekommen, um sich im andern Extrem auf fünfundfünfzig Millionen Meilen von einander zu entfernen!

Die jüngste Beobachtungsgelegenheit der ungewöhnlich großen in dieser Weise nur in Jahrzehnten wiederkehrenden Annäherung, welche letztere man wohl einen Besuch nennen kann, wurde von den Astronomen mit Spannung erwartet. Denn auch der neueren Zeit ist der Mars einer der interessantesten Planeten geblieben. Er ist der in jeder Hinsicht unserer Erde ähnlichste Mitbürger des Planetensystems, nach allen seinen Verhältnissen ein wahrer Bruder der Erde. Er dreht sich fast in derselben Zeit wie sie um seine Achse, sodaß Tag und Nacht zusammengenommen nur ungefähr um eine halbe Stunde länger ausfallen als bei uns. In unseren Fernröhren bietet der Mars einen ganz verwandten Anblick, wie die Erde ihn aus ähnlichen Fernen geben mag, nämlich den einer kreisförmigen gegen die Pole hin etwas abgeplatteten Lichtscheibe, über welcher, wie es scheint, eine Lufthülle sich trübt und aufhellt. Von dem meist gluthrothen Innern der Scheibe heben sich mehr in’s Bläuliche ziehende Schattenflecken ab, die man für Meere gehalten hat, und an den beiden Polen zeigen zwei beständig silberweiß glänzende Flecke, die um so mehr an unsere vereisten Polarzonen erinnern, als sich diese weißen Kappen abwechselnd, wie bei uns, an demjenigen Pole verkleinern, der gerade seinen Polarsommer erlebt. Denn wie die Erde, erfreut sich auch der Mars wegen der geneigten Stellung seiner Drehungsachse eines Jahreszeitenwechsels; kurz wir könnten uns dort ein im Allgemeinen ähnliches Naturleben vorstellen, wie auf der Erde, wenn es mit dem Wasser und der Luft daselbst seine Richtigkeit hat.

Es war also eine im Allgemeinen gerechtfertigte und sehr verzeihliche weltnachbarliche Neugierde, welche mit der Brille des Spectral-Apparates unseren Planetenbruder bei seiner diesmaligen Annäherung gründlich von oben bis unten zu mustern begehrte, um mit den neugewonnenen Beobachtungsmitteln womöglich festzustellen, woher eigentlich seine rothe Gesichtsfarbe stammt, die uns lange genug geängstigt hat, und wovon die bläulichen Flecken darauf herrühren. Konnte doch auch der kürzlich verstorbene Jesuitenpater Secchi in Rom, ein Meister der Spectralanalyse, nunmehr daran denken, die Frage zur Entscheidung zu bringen, welche vor zweihundert Jahren sein College Athanasius Kircher in seiner „Himmelsreise“ aufgeworfen hat: ob es nämlich auf den Planeten auch Wasser gäbe, um ihre etwaigen heidnischen Bewohner zu taufen! – Kurz es gab der für eine solche Gelegenheit aufgesammelten Fragen eine reiche Anzahl.

Am meisten hatte man die etwaigen Marsbewohner bedauert, daß ihren Nächten das Mondlicht mangele, und die Astronomen hatten das sogar sehr seltsam gefunden, da die äußeren Planeten sich sonst, z. B. Jupiter und Saturn, einen so erheblichen Luxus in der nächtlichen Erleuchtung gestatten; man hatte schon allerlei bedenkliche Vermuthungen aufgestellt, wie denn wohl der Mars möglicher Weise um seine früher wahrscheinlich besessenen Trabanten gekommen sein könnte. Es war daher eine der angenehmsten Ueberraschungen, die uns der Kriegsplanet gleich in den ersten Tagen seiner Annäherung bereitete, als er den Astronomen, anstatt des längst vermißten einen, gleich zwei Adjutanten vorführte, so klein freilich, daß sie bisher nothwendig übersehen werden mußten. Sie wurden zuerst von dem Professor Asaph Hall in Washington am 16. und 17. August als Marsmonde erkannt, nachdem der äußere von ihnen schon einige Abende vorher die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf sich gezogen hatte. Bald darauf sind sie dann auch auf vielen anderen Sternwarten gesehen worden. Die Taufe der beiden Marssöhne (mit irdischem Wasser) ist erst vor wenigen Wochen vollzogen worden; man hat dabei, in nicht unpassender Weise, auf einige Stellen des Homer und Hesiod Bezug genommen, und den äußeren Mond Demos, den inneren Phobos genannt. Hesiod erzählt uns nämlich in seiner „Abstammungsgeschichte der Götter“, daß Venus ihrem kriegerischen Gemahl zwei Söhne, Deimos und Phobos (Grauen und Entsetzen) geboren habe, die an seiner Seite Schrecken in die Reihen der Kämpfenden bringen, und Homer läßt merkwürdiger Weise den Mars, während er sich die Erde zu besuchen anschickt, seinen beiden Söhnen gebieten, die Pferde des Schlachtwagens anzuschirren und ihn (wie man hinzu denken kann) als Wagenlenker zu begleiten. Homer-Schwärmer könnten daraus schließen, daß bereits der Sänger der Ilias die beiden, nur bei den größten Annäherungen sichtbaren Monde des Mars gekannt habe.

Die beiden Mars-Monde verdienen eine nähere Betrachtung schon deshalb, weil sie die kleinsten aller im Weltraume jemals beobachteten Himmelskörper vorstellen. Auch in den stärksten Fernröhren erschienen sie nur als unbedeutende, um die stark vergrößerte Marsscheibe kreisende weiße Pünktchen, den kleinsten noch sichtbaren Sternen vergleichbar. Eine Messung ihres Durchmessers war unmittelbar gar nicht möglich, aber die amerikanischen Astronomen Newcomb und Pickering haben eine Schätzung ihrer Größe versucht, indem sie die von ihnen ausgestrahlte Lichtmenge mit derjenigen der Marsscheibe in genauen Instrumenten verglichen. Wenn man annehmen darf, wie dies sehr wahrscheinlich ist, daß die Oberfläche der Monde ungefähr ebenso stark das Sonnenlicht zurückwirft, wie die des Planeten, so würde der Durchmesser des äußeren Mondes ungefähr sechs und der des inneren etwa sieben englische Meilen betragen. Man malt sich gern in der Phantasie das Betreten einer solchen Liliputwelt aus, deren Weltbeherrscher schwerlich so viel Menschen regieren könnte, wie der Bürgermeister einer europäischen Hauptstadt, und um deren Aequatorbahn man, wie Professor Newcomb sich ausdrückt, recht gut zwischen zwei Mahlzeiten eine „Reise um die Welt“ machen könnte, um aus einem Nachmittagsausfluge bei den Antipoden seinen Kaffee einzunehmen. Wegen der starken Oberflächenkrümmung würde man auf einem Spaziergange schon bei mäßiger Schnelligkeit die Sonne immerfort neu auf- oder untergehen sehen können, und das Kunststück des Abts von St. Gallen, mit der Sonne um die Welt zu reiten, würde dort eine Kleinigkeit sein, wenn man über die irdischen Muskelkräfte verfügen dürfte. Der innere Mond bewegt sich in sieben Stunden und achtunddreißig Minuten um den Mars, während der äußere Mond fast die vierfache Zeit braucht, um seine Bahn zu vollenden. Immerhin wird der Wechsel der Phasen und Stellungen beider Monde, von der Oberfläche des Mars aus gesehen, ein ziemlich reicher sein, und das Lied vom „wechselnden Mond, unter dem es nicht immer so bleiben kann“, dürfte den Marsbewohnern aus dem Herzen gedichtet sein, wenn es nämlich solche giebt.

Die Beobachtungen des vorigen Jahres, die nun wohl sämmtlich in den Fachzeitschriften erschienen sein werden, sind, soweit sich bis jetzt übersehen läßt, der Möglichkeit einer thierischen Existenz auf dem Mars nicht ungünstig. Zunächst hat sich deutlich das Vorhandensein einer Atmosphäre kundgegeben. Dieselbe zeichnete sich an manchen Tagen bestimmt als ein weißlich glänzender Ring ab, der die rothglühende Scheibe umgab, aber manchmal verschwand dieser Ring gänzlich, wahrscheinlich bei größerer Durchsichtigkeit der Atmosphäre. Vom Vorhandensein der letzteren hat man sich unter Anderem auf der Sternwarte von Greenwich [321] durch die Spectralanalyse überzeugt. Man wählte dabei als Vergleichsgegenstand unsern Mond, wenn er gerade in gleicher Höhe am Himmel stand, wozu sich derselbe wegen seines Atmosphärenmangels vorzüglich eignet. Dabei fand man nun, daß das Sonnenlicht, welches vom Mars zurückgeworfen wird, viel mehr Strahlensorten verloren hat, als das vom Monde zurückgeworfene: das Marsspectrum zeigte nämlich fünf dunkle Streifen, welche sich im Mondspectrum nicht finden, und diese entstehen eben allem Anscheine nach durch die Aufsaugung bestimmter Sonnenlichttheile, bei dem zweimaligen Durchgange durch eine Marsatmosphäre.

An sich erscheint diese Atmosphäre keineswegs von einer außerordentlichen Klarheit. Die Umrisse der Oberfläche des Planeten sehen wir immer nur wie durch einen dünnen Schleier, aber der Schleier hat den Vortheil, daß keine Ornamente eingewebt sind, das heißt die Atmosphäre enthält sehr selten Wolkenbildungen. Auf der Sternwarte zu Madeira hat man, durch klare Nächte begünstigt, im August und September über vierzig Zeichnungen der Marsoberfläche entworfen, wie sie in den aufeinanderfolgenden Nächten erschien, und diese Zeichnungen wiederholen sich mit ziemlicher Treue in den Einzelheiten. Nur in sehr vereinzelten Fällen sind weiße Flecken wie von Wolken gesehen worden; namentlich herrscht in den äquatorialen Gegenden andauernde Wolkenlosigkeit. Dagegen deuteten die Aenderungen in der Schärfe der Umrisse und in den Farben der Scheibe allerdings auf vorkommende Veränderungen in der Beschaffenheit der Atmosphäre. Die Farbe des Grundes wechselte in verschiedenen Nächten zwischen rosa, orange, gelb und scharlachroth, und die dunklen Flecken, welche man für Seen und Meere zu halten pflegt, erschienen blaugrau, kobaltblau, einmal auch dunkelolivengrün. Es ist darauf aufmerksam zu machen, daß diese Schattirungen den atmosphärischen Farben entsprechen, und daß die furchterweckende Erscheinung des Mars vielleicht nur dadurch so blutig gefärbt erscheint, weil das sonnenerleuchtete Marsfeld durch einen ganz zarten Dunstschleier gesehen wird, wie er das Sonnenlicht roth und dunkle Schattenstellen bläulich färbt.

Auch Luftströmungen oder Winde glaubt man auf dem Mars von Madeira aus wahrgenommen zu haben. Man bemerkte nämlich am 21. August eine Anzahl von Linien, die dem Nordpole zustrebten und die möglicher Weise von Luftströmungen herrühren, die unseren Passatwinden verglichen werden dürfen. Uebrigens gewahrte man in dieser günstigen Beobachtungszeit, wie schon bei früheren Gelegenheiten, eine bedeutende Verminderung der weißen Masse am Südpol, der gerade seinen Sommer erlebte; sie war gegen Ende des Septembers wohl auf die Hälfte ihres vorherigen Umfanges zusammengeschmolzen, und an ihrem Rande nahm man unregelmäßige Vorsprünge und Einkerbungen wahr, wie die vorgeschobenen Rücken eines schneebedeckten Hochgebirges, zwischen denen sich dunkle Thäler einbetten.

Sehr merkwürdig sind einige Beobachtungen, welche der englische Astronom John Brett mittelst eines ausgezeichneten Spiegelteleskopes an diesen Polarzonen gemacht hat. Schon früher war es einzelnen Astronomen vorgekommen, als ob die beiden silberglänzenden Kappen, welche die Pole des gluthrothen Planeten bedecken, sich ein wenig über die Oberfläche des Planeten erhöben, aber man schob dies auf jene Augentäuschung, durch welche eine hellere Masse immer etwas größer erscheint, als eine gleich große weniger helle, wie denn die dünne Mondsichel ebenfalls gleich einer Mütze über den dunklen Theil, wenn derselbe erkennbar ist, hinwegzugreifen scheint. Der genannte Astronom will sich nun Ende September auf das Bestimmteste überzeugt haben, daß diese weißen Massen über der Oberfläche des Planeten schweben und in jenen Tagen einen deutlichen breiten Schatten unter sich auf die tieferliegende Planetenoberfläche warfen. Er nimmt deshalb an, daß diese Kappen aus Wolkemasse bestehen, welche immerfort die Pole umlagern, weil die Polarländer vielleicht die einzigen Gegenden des Mars sind, an denen es kühl genug ist, um die Verdichtung der Atmosphärenfeuchtigkeit zu gestatten. Zugleich spricht er die Meinung aus, daß der Mars wirklich vielleicht noch rothglühend sei, wie er uns erscheint, und daß die Hitze der Atmosphäre eben Wolkenbildungen an anderen Orten, als an den Polen, nicht gestatte.

Gegen diese Deutung seiner Beobachtungen durch Brett dürfte sich indessen manches einwenden lassen. Nach der allgemein[1] angenommenen Theorie der Planetenabschleuderung von der Sonne ist es nicht denkbar, daß der früher abgeschleuderte Mars noch rothglühend sein sollte, während sein jüngerer, bedeutend größerer Bruder seit undenklichen Zeiten äußerlich abgekühlt ist; auch steht jene Annahme mit den gleichbleibenden Umrissen der Marsoberfläche und selbst mit dem Grade seiner Atmosphärendurchsichtigkeit im Widerspruche. Wir können uns aber recht wohl denken, daß die kühlere Marsatmosphäre vielleicht stets weniger Wasserdampf aufgelöst enthält, als die irdische, und daß sie deshalb ihre Wolkenbildungen auf einen engeren Polargürtel beschränkt. Auch die Erde wird von Weitem ihren Winterpol mit einem ungeheuren, bis weit in die gemäßigte Zone reichenden bleibenden Wolkendache bedeckt zeigen, welches sich häufiger in der Nacht als bei Tage hier und da öffnet, und dann, wenn die Oeffnung groß genug ist, auch nur Schnee und Eis zeigen würde. Sie wird, wie gesagt, von den näheren Planeten aus ganz ähnlich aussehen, wie der Mars für uns, und auch um ihren Sommerpol würden sich die Wolkenmasse vermindern.

Es ist mir sogar sehr wahrscheinlich, daß unser Erd-Antlitz in den Mittelpartien ebenfalls etwas geröthet erscheinen dürfte. Denn da der klare Himmel bei uns die blaue Farbe zurückwirft, so wird das von ihm durchgelassene Licht der erleuchteten Erde jedenfalls etwas röthlich angehaucht sein müssen. Wir sehen ja den Mond bei seinen Finsternissen, wenn ihn ein Sonnenstrahl trifft, der durch unsere Atmosphäre gegangen ist, wie in rothem bengalischem Feuer strahlen („Gartenlaube“ 1877 S. 235[2]), und auch wenn die Erde ihn mit dem zurückstrahlenden Sonnenlichte erleuchtet, sehen wir ihn deutlich röthlich-aschgrau. Während wir so schließen dürfen, daß der Erdplanet aus der Ferne ebenfalls roth erscheinen wird, um die Marsbewohner gleichfalls gruseln zu machen, können wir andererseits auch auf dem Mars einen blauen Himmel voraussetzen. Auch auf der von ferne gesehenen Erdscheibe werden die losen Wolkenmassen, welche die Pole umlagern, silberweiß aus dem rothen Grundton auftauchen, und gerade wie die Marsmonde wird auch unser Mond in bleichem weißem Lichte um den röthlichen Planeten kreisen, wie eine Feuerfliege um die Milchglaskugel der Gartenlaterne. Ebenso dürften auch im Erdbilde die dunklen Meere und Tropenwälder als bläulich schattirte Flecke auf dem röthlich glänzenden Schilde erscheien.

Mit neuer Theilnahme werden wir von jetzt ab den Mars betrachten dürfen. Denn so weit mein Urtheil reicht, kann durch alle im vergangenen Jahre gemachten Beobachtungen unser Zutrauen nur gestärkt werden, daß dort Wesen von ähnlicher Beschaffenheit wie wir wohnen könnten, eine Annahme, die der große Huyghens in seinem „Weltbeschauer“ auf alle Planeten ausdehnte, die uns aber höchstens noch für die Venus annehmbar erscheint, obwohl wir von deren näherer Beschaffenheit viel weniger wissen. Die großen äußern Planeten könnten, so viel wir von ihnen Kenntniß haben, nur Wesen, von denen wir uns durchaus keinen Begriff machen können, als Wohnplatz dienen, denn sie sind noch heiß, vielleicht zum Theil in Dampf aufgelöst. Die Sonnen und Fixsterne aber hat man seit der Entdeckung der Spectralanalyse ganz von der Liste der „bewohnten Welten“ gestrichen, weil sie in stärkster Gluth befindlich sind. Von dem Monde nehmen wir mit ziemlicher Sicherheit an, daß ihm Luft und Wasser, die ersten Bedingungen einer Lebewelt gleich der unserigen, mangeln. So bleibt uns von den Welten, die wir sehen können, fast nur der Mars als ein Feld, welches wir mit unseren Phantasien und Träumen befruchten können, ohne mit der Wissenschaft in Widerspruch zu gerathen. Statt also über seine Erscheinung in Schrecken zu gerathen, müssen wir sie mit besonderer Sympathie und kosmopolitischer Wärme begrüßen, denn auf ihm können wir gleichfühlende Herzen am ersten voraussetzen. Wie süß und beruhigend es aber dem menschlichen Gemüthe ist, mit derartigen Gedanken die ungeheure Reise durch den Weltraum fortzusetzen, das beweisen uns die zahlreichen Werke über die „Mehrheit bewohnter Welten“, welche in den letzten Jahrhunderten erschienen sind.

Carus Sterne.

  1. WS: In der Vorlage allmein.
  2. WS: Siehe Ausflug nach dem Monde.