Der Mönch auf dem Kreuze in Waldheim

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Der Mönch auf dem Kreuze in Waldheim
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 315-316
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Quelle: Google-USA* und Commons
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[315]
355) Der Mönch auf dem Kreuze in Waldheim.
Ziehnert Bd. III. S. 229 sq.

In grauer Zeit vor Waldheims Entstehung stand auf der Stelle, wo später ein Augustinerkloster und seit 1716 die Strafanstalt steht, das uralte Kloster Baldersbalda, welches so zeitig wieder einging, daß schon im eilften Jahrhundert kaum noch Spuren davon zu finden waren. In der letzten Zeit des Klosters lebte darin ein Mönch, der ein verruchter Bösewicht war. Seine eigene Schwester hat er zu sündiger Blutschande gezwungen. Sie genas eines Kindes und brachte ihm dasselbe mit lautem Jammer und harten Vorwürfen. Da stellte er sich, als rühre ihn ihr Schicksal, und tröstete sie und versprach sie an einen stillen Ort zu führen, wo sie mit dem Kinde leben könnte, vor den Augen der schmähsüchtigen Welt gesichert. Er führte aber die arglos Folgende in den Wald ohnweit des Klosters, dorthin, wo sonst das Kreuz in der Oberstadt war (bis zum Brande 1831 der Kreuzweg). Hier zückte er hastig seinen Dolch und stach ihn in das schuldlose Herzchen des Kindes, und als die unglückliche Mutter voll Entsetzen und Verzweiflung das sterbende Kind ihm zu entwinden suchte, da stieß er auch ihr den Dolch in die Brust. Zu Tode getroffen sank sie nieder, ihre letzten Worte verfluchten den Mörder, daß er nicht eher Ruhe im Grabe finden sollte, als bis ein Todter, der im Leben noch größere Gräuel als er verübt hätte, über den Mordplatz getragen würde.

Jahrhunderte waren vergangen und der Fluch lastete noch immer auf dem heillosen Mönche. Um Mitternacht sah man oft seinen Schatten weinend und seufzend, einen blutigen Dolch in der Knochenhand, auf dem Kreuze stehen, und Jedermann wich bei nächtlicher Weile dem verrufenen Platze aus. Da starb einmal in Waldheim ein Bösewicht, ein Abschaum der Menschheit, der Hölle pflichtig durch jedes Verbrechen. Sein Name war verflucht; die Sage hat sich gescheut ihn zu nennen. Am Abende seines Begräbnißtages [316] wanderten aber zwei Schatten schweigend vom Kreuze nach dem Friedhofe. Seitdem hat Niemand den Mönch wieder gesehen.