Der Mai in London

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Titel: Der Mai in London
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 299–301
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Mai in London.

Der Engländer ist ein praktischer Mann. Er giebt sich deshaltb ungern mit Dingen ab, die nicht unmittelbar nützlich sind, d. h. Geld bringen oder „machen.“ Thomson, der die Jahreszeiten besang, Shakespeare, der von der volksthümlichen englischen Kunst, fette Ochsen zu schlachten, zu der Poesie überging, und alle dergleichen Leute gehören der Vergangenheit an, und wenn in London ein Shakespear’sches Stück gegeben wird, ist das Theater leer. Der Engländer hat keinen Sinn, kein Talent, keinen Geschmack für schöne Künste; was er davon eben braucht, bezieht er Alles aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Nur in den niedern und niedrigsten Klassen hat sich der Sinn für schöne Darstellung bestimmter Ideen und Gefühle lebendig erhalten. Und so steht hier das Talent, durch Erregung christlichen Mitleidens in künstlerischer Form Vorübergehenden etwas kleines Geld abzunehmen, unter den schönen Künsten obenan. Man thut, als wolle man ein Schächtelchen Schwefelhölzer, Apfelsinen, Gutta-Percha-Eidechsen, Spinnen von Draht, Streichschwamm verkaufen, man macht besonders oft Musik, man singt Choräle auf der Straße, man tanzt, spielt Theater, singt aus Onkel Tom’s Liederbuch, schreibt mit Füßen, geht auf Händen und giebt sonst auf tausenderlei Weise jener unmittelbarsten und volksthümlichsten Kunst des Bettelns eine künstlerische Form. Das heißt hier nicht mehr Betteln. Künstler und Künstlerinnen machen die Geldmacher, die vorbeigehen und zusehen, durch ihre Leistungen zu Schuldnern, von denen sich viele durch einen halben oder einen ganzen Penny abfinden und das Uebrige schuldig bleiben. Die Masse dieser Künstler und die Menge ihrer Leistungen auf den Straßen verdienten von einer künstlerischen Meisterhand gezeichnet und von einem Walter Scott der Gegenwart geschildert zu werden.

Wir beschränken uns hier auf Skizzirung des einen Volksfestes, in welchem die künstlerischen Talente der untern Klassen, besonders der Schornsteinfeger, in ganzer Pracht und Fülle hervortreten und den sonst ewig geschäftsernsten Straßen ein heiteres, farbenbuntes Ansehen geben, am ersten Mai. Weshalb sich besonders die Schornsteinfeger berufen fühlten, den Mai volksfestlich zu begrüßen, weshalb sie die höhere Tanzkunst auf das Straßenpflaster bringen, und lange, breite Pritschen tragen und sich in Kleidung und Benehmen so närrisch zeigen, da es doch blos gilt, so [300] viel als möglich Kupfergeld zusammenzutreiben – das überlassen wir Gelehrten zur Untersuchung. Wir halten uns an die unmittelbare Erscheinung. Man hört dumpfe Trommeln, schrillende Pfeifen und ungeheueres Jachzen der lieben Straßenjugend. Mit den Augen entdeckt man zunächst dicke Volksmassen. Sie wälzen sich kreischend näher heran, so daß wir uns plötzlich unter ihnen befinden. Auf einem langen Untersatze und mit einem langen Halse sieht man dann auch wohl gelegentlich mitten in den Brennpunkt der Kunstleistung hinein. Schreiend bunte Gestalten in allen Arten farbigen Papiers und mit schwarz und blau und grün gestrichenen Gesichtern huldigen da auf dem unbequemen Boden des Steinpflasters der höhern Tanz- und Springkunst. Unter ihnen befinden sich zuweilen auch Damen im höhern Balletkostüm und Paare von Füßen exercirend, die an Größe und Plumpheit ihres Gleichen wohl kaum finden, obgleich die Engländerinnen in dieser Beziehung alle etwas verdächtig sind, weshalb sie auch unlängst den kurzröckigen Bloomerismus mit besonderm Fanatismus so lange bekämpften, bis er seinen Geist und seine Beinkleider und sein Balletkostüm aufgab. Von den gesammelten rothen Beweisen öffentlicher Anerkennung bereiten sich die Künstlergesellschaften Abends zunächst Maitränke, jedoch ohne Waldmeister und ohne Rheinwein. Das aromatische stille Kind des Mai’s im Walde kennt der Engländer gar nicht, und den schönsten Sohn des Vater Rhein liebt er nicht. Er ist ihm zu locker und leichtsinnig. Ueber die Walpurgisnächte der londoner Kunstzauberer klagt Niemand mehr als die braven Policemen, welche die Damen und Herren des Nachts, von aller menschlichen Hülfe und ihrer papiernen Kleiderherrlichkeit entblößt, oft auch der Verfügung über ihren eigenen Schwerpunkt beraubt, nach Hause oder in eine Polizeistation begleiten müssen, so daß man schon am Morgen des zweiten Mai die schönen Blumenkränze und Kinder des Wonnemonds mit dem Kehricht der Polizeigefängnisse im vertrautesten Umgange sieht.

Freilich das ist denn auch blos die Kehrseite der Vertretung des Frühlings zwischen den endlosen, nebeligen Steinmassen London. In der That werden die Göttinnen Flora, Pomona, Ceres und selbst ihre unterirdische Tochter Proserpina nirgends saftiger, üppiger, reichlicher, künstlerischer und andachtsvoller verehrt und verzehrt als in England. Der Mittelpunkt ihrer prachtvollen Kunsttempel ist in großartigen botanischen Gärten Londons, in den Ausstellungen der Florikultur und Hortikulturgesellschaften, welche seit beinahe einem Jahrhundert unzählige Pflanzen, Blumen und Bäume hier einheimisch gemacht haben und damit ununterbrochen fortfahren. Doch diese Prachttempel liegen uns jetzt zu fern. Selbst die weltberühmten Palmen- und Orchideen-Paläste zu Kew (in London, deren erstere die Idee zu dem großen Krystall-Palaste gaben), können wir jetzt nicht besuchen, da uns vorläufig der londoner immerwährende Blumen-, Frucht- und Gemüsemarkt, der „Coventgarden“, hinlänglich zu sehen, zu riechen und zu bewundern geben wird. Der Mittelpunkt des Marktes sieht wie ein gigantischer Tempel des alten Griechenlands aus, dessen Mitte in einer langen Halle die Aristokratie der Blumen und Früchte in etwa funfzig Läden hinter großen Spiegelscheiben und auch vor denselben zur Schau und feil bietet. Um ihn herum drängen sich in unzähligen Straßen, die von Blumen, Früchten und Gemüsen gebildet werden, die wohlfeileren und gemeineren Produkte des Feldes und Gartens. In der großen Halle, die in einem ewigen Dufte schwimmt, spazieren die Herrschaften und Dienstboten höherer Herrschaften auf und ab und bezahlen mit Schillingen, was draußen für Pence wohl auch so gut zu haben ist. Doch nein, die Kinder der Natur, die der Kunst ihre höchste Schönheit verdanken, sind nur im Innern und auch da oft noch unter besondern Glasglocken zu sehen und müssen zum Theil beinahe mit Gold aufgewogen werden. Daß es das ganze Jahr hindurch jeden Tag große, frische Weintrauben giebt, Trauben in Farbe, Duft und Größe alle gemalten Fruchtstücke und die berühmten biblischen Kalebs übertreffend, gehört noch nicht zu den Wundern und Seltenheiten, da sie eben alle Tage frisch die Schaufenster schmücken, zuweilen auch mit ihrem ganzen Stammbaume und den Reben und Blättern, zwischen denen sie wuchsen.

Ebenso ist das Dasein von Erdbeeren aller Art noch kein Wunder, aber die Art ihrer Erscheinung! Was ist aller Farbenschmelz in den berühmtesten Landschaften, was alle Herrlichkeit Carl Maria Farina’s gegen diese saftigsen, ätherischen Träume des Frühlings, des holden unter sonnigen Glasfenstern träumenden Lenzes! Sie sind so schön, daß ich immer mit besonderem Vergnügen gesehen habe, wie Kinder bei aller Macht ihrer Lüsternheit jede einzelne erst ehrerbietig ansehen und bewundern, ehe sie mit dem Akt der Vernichtung beginnen. Sie sind so groß, daß man bequem davon abbeißen kann. Ihr Purpur ist mit einer solchen Fei- und Feuerlichkeit überhaucht, daß sie mit dem Abendroth und Krönungsmänteln concurriren können. Von den Aepfeln und Birnen wäre auch ein hohes Lied zu singen, wenn sie nicht zu gewöhnliche Gattungsnamen trügen. Apfel! Birne! Das klingt nicht viel besser, als wenn Jemand blos Schulze heißt. Die Engländer sagen gar blos „Eppel,“ wodurch der Abstand zwischen Name und Sache noch größer wird. Wie kann man diese riesigen, schlanken, glänzenden, saftstrotzenden portugiesischen Birnen Birnen nennen. Ich bin fest überzeugt, daß die Portugiesen ihnen einen weit klangvollern Namen geben. Die kleinen, wie ächte Perlen im Morgenroth schimmernden amerikanischen „Damen-Aepfel“ würden den schönsten Hals einer Jungfrau noch verschönern, so niedlich, so glänzend, so golden, so rosenfingerig morgenroth leuchten sie aus den netten Körbchen hinter den Spiegelscheiben hervor. Nur einen Blick auf die Werke der Proserpina, der Früchte schaffenden Unterwelt, der Mohrrüben und Kartoffeln, des Rhabarbers und der Radieschen, des Spargels und der Erdäpfel. Mohrrübe ist nach deutschen Begriffen etwas Komisches, Gemeines und gewinnt nur einiges Ansehen mit Schoten. Die englische Mohrrübe im Coventgarden tritt wie ein stolzer Riese im Gefühle einer Souverainität auf, die keine Köchin anzutasten wagt. Die englische Mohrrübe wird deshalb auch blos in Wasser gekocht und so in ungeheuern Stücken auf den Tisch gebracht, wie denn der Engländer überhaupt so viel Respekt vor dem Aroma der Natur hat, daß er alle Gemüse, in sofern er sie ißt, aus dem gekochten Wasser aufgabelt. Die englische Mohrrübe ist stets kerzengerade, wie ein erster Liebhaber im ersten Akt, und mißt nicht selten drei bis vier Fuß in der Länge. In der Stärke aber wetteifert sie mit dem stärksten Mannesarme.

Der deutsche Begleiter der Mohrrübe, die junge Schote, tritt auch hier, und zwar alle Tage frisch den ganzen Mai hindurch, ausgehülst selbstständig in Nöseln à 20 Silbergroschen auf. Dort hinten sitzen Gruppen von Weibern zu Zwanzigen und Dreißigen, die blos vom Schotenaushülsen leben. – Es war am 6. Mai Nachmittags drei Uhr, als ich die ersten neuen Kartoffeln in Coventgarden erblickte, blos drei bis vier Thaler die Metze. Neue Kartoffeln! Welch gemüthlicher, deutscher, gartenlaubiger Gedanke, zumal mit neuen Heringen! O über euch trocknen Engländer! Ihr habt keine Ahnung von frischen Kartoffeln, neuen Heringen und frischer Butter in einer blühenden Gartenlaube. Eure Schoten fangen die Heringe, aber ihr eßt sie nicht. Ihr habt keine Idee von Gartenlauben. Die Wonne der Pellkartoffeln ist euch völlig unzugänglich. Ihr eßt sie nur halb verbrannt in Butter und sehr spärlich zu euren homerischen Fleischkeulen. – Dort ein Heer indianischer Häuptlinge mit struppigem Hauptschmuck! Alles Ananas, sechs Mal billiger und schöner als in Deutschland. Der zerlumpteste Bettler ißt sie ebenso wie Apfelsinen. Aus der Vogelperspektive muß London ganz gelbscheckig aussehen, so dicht sind die Straßen mit Apfelsinenverkäuferinnen bedeckt: drei für einen englischen Pfennig.

Ueber das Reich der Flora geh’ ich mit einem allgemeinen Ausruf des Staunens und erhabner Verstummung hinweg. In Berlin ist die künstliche Blumengärtnerei weiter, breiter, volksthümlicher, hier tritt sie mit den blühenden, seltensten Wundern Indiens und der Tropen hauptsächlich für die Aristokratie auf, die für ihre gepuderten Kutscher große, geschmacklose Sträuße von den kostbarsten Blumen kauft, wenn sie in die große italienische Oper bei Coventgarden fährt. Die Blumen in den Fenstern, wodurch deutsche Städte oft ein so reizendes Aussehen bekommen, kennt der vornehme Engländer nicht. An den Fenstern darf nichts zu sehen sein. Ein schöner Mädchenkopf hinter blühenden Blumen am Fenster würde hier die Leute auf der Straße versammeln. Kein gebildeter Engländer läßt sich am Fenster sehen, es müßte denn ein Wellington begraben werden. Und auch dann vermiethet er das Fenster lieber. – Von der ungeheuern Bedeutung und Fülle des Marktes von Coventgarden bekommt man erst den rechten Begriff von Mitternacht bis Morgen. Da kommen von allen Seiten himmelhohe Wagen (wenigstens verdecken sie ganz den Himmel, wenn man mitten durchgeht), alle schwer beladen, drei Stockwerke hoch, [301] und Hunderte von Menschen steigen auf und ab und leeren und füllen Körbe und Säcke und lassen so jeden Morgen des ganzen Jahres den Mai in neuer frischer Auflage erscheinen und nicht blos der Lenz mit Familie, sondern auch Sommer und Herbst und zwar so, daß die vornehmen Herrschaften immer in der Jahreszeit, wo gewisse Früchte unmöglich erscheinen, dieselben just ganz frisch auf ihren Tafeln, in silbernen und goldenen Schalen auftischen können.