Der Marienplatz in München zu Ende des 15. Jahrhunderts

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Autor: Rosalie Braun-Artaria
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Titel: Der Marienplatz in München zu Ende des 15. Jahrhunderts
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 140
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1897) b 136.jpg

Auf dem Marienplatz zu Ende des 15. Jahrhunderts.
Nach einer Originalzeichnung von K. Weigand.

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Der Marienplatz in München zu Ende des 15. Jahrhunderts.

(Zu dem Bilde S. 136 und 137.)

Der alte „Schrännen“ – wie früher der Marienplatz zu München hieß – hat sich zwar im Laufe der Jahrhunderte nicht so stark verändert, daß man ihn nicht auf den ersten Blick erkennen würde, aber was sich auf ihm vor vierhundert Jahren an einem schönen Morgen abspielte, davon werden doch wenig Passanten, welche heute dort auf die Pferdebahn warten, einen rechten Begriff haben. Deshalb ist es sehr interessant, das nach den alten Stadtbüchern hergestellte Weigandsche Bild des damaligen Münchener Marktplatzes zu betrachten, welcher noch in ganz anderem Sinne als heute Stadtcentrum und Schauplatz alles irgendwie Sehenswürdigen war. Feste und Versammlungen, Turniere, Sonnenwendfeuer, Schäfflertanz und Metzgersprung fanden dort statt, aber auch Prangerstehen und Hinrichtung, so daß die guten Münchener oft genug etwas zu sehen hatten, das über das gewähnliche Markttreiben hinaus die Gemüter in Erregung setzte. Auch dieses war ohne Zweifel bunt genug. Die Bevölkerung der Stadt war wohl nicht groß, sie betrug im Jahre 1782 erst etwa 37800 Seelen. Immerhin mag ein schönes Gedränge auf dem Platz geherrscht haben, wenn Getreide-, Vieh- und Viktualienmarkt ihn und die angrenzenden Straßen füllten vor allem aber zur Zeit der zweimal im Jahre wiederkehrenden „Dult“ (Messe), die sich mit ihren Verkaufs- und Schaubuden weit in die Kaufingergasse hinein erstreckte.

Es gehörte die ganze Geduld der guten alten Zeit dazu, um das vergnüglich zu finden!

Denn der mäßig große Platz war ja nicht, wie heute, freigelegt, er trug, nahe dem „Lindwurmeck“ der Weinstraße (so genannt von einem furchtbaren Drachen, der sich hier einst niedergelassen und die Pest mitgebracht haben sollte), die uralte „Gollierkapelle“, welche seitwärts rechts auf unserm Bilde steht. Außerdem befanden sich abwärts davon gegen das Rathaus zu die verschiedenen, vom Maler als Mittelpunkt der Scene genommenen Bußanstalten welche zu betrachten das Volk in Haufen herbeiströmte. Da ist erstens der Pranger mit seiner Garnitur von alten und jungen Spitzbuben im unteren Gelaß, auf die niemand achtet, weil aller Augen von dem ergötzlichen Schauspiel der Plattform gefesselt sind: zwei böse Weiber, deren wütendes Gebelfer ohne alle Thätlichkeit verhallen muß. Es sind ja die erhitzten Köpfe und kratzlustigen Hände allzugut in der durchlöcherten Holzdiele befestigt!

Ferner steht da der in alten Schriften vielgenannte Hölzerne Esel, welchen besteigen mußte, und zwar verkehrt, wer durch Raufereien, leichtsinnige Streiche oder sonst durch Wort und That Aergernis gab, also etwa dasjenige verübte, was heute unter den Begriff des „groben Unfugs“ fällt. Eine auf dem Rücken angebrachte Schrift belehrte alle, welche lesen konnten, über die Gründe des unfreiwilligen Rittes. Hinter beiden Schandplätzen aber ragte der böseste von allen, der Galgen, empor, dessen finsterer Meister vom langen Richtschwert auch die „minderen Geschäfte“ des Stäupens und Prangerstellens zu versehen hatte. Die soliden Nerven damaliger Zeit nahmen keinen Anstoß an dem greulichen Schauspiel, welches sich hier jeweils den umwohnenden und aus dem Fenster schauenden Bürgern und ihren Frauen darbot.

Köpfen und Hängen waren gewöhnliche Sachen. Außergewöhnliches Interesse gewannen sie nur durch besondere Umstände, so z. B. im Jahre 1591, als ein italienischer Schwindler mit einem vergoldeten Strick gehängt wurde, weil er dem Herzog Wilhelm V. vorgelogen, er könne Gold machen. Daß er’s nicht konnte, hatte der Herzog zu seinem Schaden nur allzuwohl erfahren, zur größeren Vorsicht aber erschoß man doch hinterher auch noch des Gerichteten zwei große schwarze Hunde, denn die Möglichkeit, daß in ihnen höllische Dämonen steckten, schien doch bei alledem nicht ausgeschlossen!

Heute steht an der Stätte so vielen Schreckens die stets blumenumgebene Mariensäule mit dem Bild der Himmelskönigin, welche Kurfürst Maximilian als Dank für seinen Sieg am Weißen Berge 1620 errichten ließ. Den in Bayern so tief gewurzelten Marienkultus bezeichnet auch das auf unserm Bilde dem Lindwurmeck gerade gegenüber liegende Eckhaus der Rosengasse, wo das Bild der Gottesmutter mit der Bezeichnung. „Rosa mystica“ angebracht war. Der vor dem Hause befindliche Blumenmarkt eröffnete anmutig den Zug der hier beginnenden Rosengasse.

Im Rücken des Beschauers ist das alte Rathaus zu denken, dessen ursprünglich gotische Gestalt erst wieder vor einigen Jahrzehnten aus einer unglücklichen Zopfrestauration des Jahres 1778 hergestellt wurde.

Ueber all dies bunte Treiben, das uns durch das Weigandsche Bild vergegenwärtigt wird, schauen die Türme der Frauenkirche herab, der eine bereits vollendet, der andere im Bau. Ursprüglich, als München noch ein kleiner Flecken war, stand an ihrer Stelle eine bescheidene Marienkapelle, in welcher nachmals die Leiche Ludwigs des Bayern beigesetzt wurde. Später erweiterte man, dem Wachstum der Stadt entsprechend, den Bau, und 1468 legte Herzog Sigismund den Grundstein zur jetzigen Kirche, die dann langsam fortgebaut wurde, weniger durch Spenden der selbst stets geldbedürftigen Herzöge, als durch Beisteuern des frommen Volkes und ausgiebige, von den Päpsten bewilligte Ablaßgelder. Der Baumeister Jörg v. Halspach erlebte die Vollendung der Kirche nicht mehr. Erst nach seinem 1488 erfolgten Tode wurden die Türme ausgebaut und die runden Helme aufgesetzt, welche heute dem Münchener Stadtbild ein so eigenartiges, von allen andern verschiedenes Gepräge geben und den über die weite bayrische Ebene Herfahrenden schon von ferne verheißungsvoll grüßen.

R. Artaria.