Der Nachtwandler zu Pferde

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Textdaten
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Autor: Feodor Wehl
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Titel: Der Nachtwandler zu Pferde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 138–140
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[138]
Der Nachtwandler zu Pferde.
Eine pariser Mittheilungen entlehnte Geschichte von Feodor Wehl.

Vor nicht langer Zeit befand sich auf dem Bureau des Advokaten Dumont zu Paris unter andern jungen Leuten auch ein gewisser Anatole Didot, welcher ein Mensch von guten Fähigkeiten und exemplarischem Lebenswandel war. Allen Ausschweifungen und Thorheiten seiner Collegen sorgsam aus dem Wege gehend, still und bescheiden sich selber lebend und die Zeit seiner Muße einer streng wissenschaftlichen Ausbildung widmend, hatte er nur eine, wie es schien, unter seinen Umständen ganz unschädliche und wenig verfängliche Passion, nämlich die für schöne Pferde. Wie Andere das Theater, die Musik oder die Karten liebten, so liebte er diese edlen, schönen und prächtigen Geschöpfe, deren Anblick sich zu verschaffen er weder Wege noch Mühe scheute.

Am Morgen, besonders im Sommer, stand er schon früh mit dem Tage auf, nur, um das Vergnügen haben zu können, auf dem Gange zum Bureau diejenigen Plätze und Straßen zu durchwandern, von denen er wußte, daß sie den Bereitern vornehmer Herren als Passage oder auch als Tummelplatz ihrer Reiterexercitien dienten. Mittags versäumte er oft, beim Verfolgen dieses oder jenes, auf stolzem Thiere einhertrottirenden Cavaliers sein spärliches Mittagsbrot, und Abends war er regelmäßig, selbst bei schlechtem Wetter eine oder zwei Stunden vor dem Dunkelwerden auf den Boulevards, im Bois de Boulogne oder an andern Orten zu finden, die durch eine lebhafte Passage von Carossen und Reitern ausgezeichnet waren. Am Sonntag Abend befand er sich fast regelmäßig im Franconi’schen Circus, entzückt und begeistert nicht sowohl von den Künsten der verschiedenen Herren und Damen, die sich dort produzirten, als vielmehr von den eleganten und reizenden Thieren, von denen sie getragen wurden.

So seiner Liebhaberei nachlebend, geschah es, daß er einmal in der Rue de la Paix einem Herrn begegnete, der einen köstlichen Grauschimmel ritt. Diesen sehen und davon hingerissen sein, war die Sache eines Augenblicks. Anatole Didot schwor, das Pferd mit den Augen verschlingend, bei sich selbst, daß er noch nie eines von einer ähnlichen Grazie und Schönheit erblickt, Kopf, Füße, Rücken, Hals, das Alles schien ihm von einer Ebenmäßigkeit, Zartheit und doch auch Stärke zugleich, daß er sich von seiner Bewunderung kaum erholen und auch noch Acht auf den elastischen Gang, die edle Haltung und das kokette Curbettiren dieses Göttergeschöpfes haben konnte. Immer darauf hinstarrend und neben ihm hereilend, über seinen Anblick Alles um sich her und sich selbst vergessend, kam er erst wieder zu sich, als er es vor einem Gesandten-Hotel angehalten und einem Reitknecht übergeben sah, der ihm Maul und Nacken streichelnd, es durch ein großes Portal in einen geräumigen Hof hineinführte.

Vor diesem Hofportal, obschon es ziemlich weit von seiner Wohnung ablag, war er des Tages doch mindestens von da ab ein oder zwei Mal zu sehen, glücklich darüber, wenn es sich traf, daß er während seines Davorverweilens einen, wenn vielleicht auch nur flüchtigen Blick auf jenen Grauschimmel thun konnte. War dieser Grauschimmel doch sein Gedanke bei Tag und Nacht, und zwar so sehr, und ihn so ganz beherrschend, daß er, was er sich gern hingehen ließ, nicht nur im Schlafen auf das Lebhafteste von ihm träumte, sondern auch, was ihm seither noch nicht geschehen und ihn in seiner Gewissenhaftigkeit sehr bekümmerte, auch im Arbeiten sich durch ihn behindert und gestört sah, etwa in der Art wie es einem Verliebten gehen mag, dem sich mitten in die Dringlichkeit seines Geschäfts das Bild und die Erinnerung an die Angebetete einschleicht. Zwischen alle Relationen, alle Häuserkäufe, Geschäftsübertragungen und Erbschaftsabfassungen drängte sich die Vorstellung von dem Grauschimmel so mächtig ein, daß er unwillkürlich, und eh’ er es sich versah, die Feder ruhen und im Geist den Blick an dem vorübertänzelnden Thiere sich weiden ließ. Entstand dann zufällig ein Geräusch, fragte ihn einer seiner Collegen oder sein Herr nach diesem oder jenem, so fuhr er, über sich und seine Träumerei erröthend, so schreckhaft auf, daß man Wunder meinte, was ihm geschehen sei.

Tausend Mal nahm er sich, bemerkend, wie er Selbstbeherrschung und die nöthige Sammlung zur Arbeit einbüßte, selber vor, des Pferdes gar nicht mehr zu gedenken, ihm zu Gefallen keinen Schritt mehr zu thun und ganz nur den Pflichten seines Berufes zu leben. Allein, so fest und energisch dieser Entschluß auch gefaßt war, kaum hatte er das Bureau im Rücken und die offene Straße erreicht, so befand er sich auch schon auf dem Wege zu dem Gesandtschaftshotel, da mit Spannung und Herzklopfen des Augenblicks zu warten, in dem es ihm etwa vergönnt sein möchte, den Gegenstand seiner Abgötterei zu sehen.

Einmal, als es gesattelt und gezäumt von dem Reitknecht vor die Thüre des Hotels geführt ward, um da des Reiters zu harren, der es zu besteigen verlangt hatte, konnte er seiner Begierde es ganz nahe zu besehen und mit den Händen zu betasten, nicht länger widerstehen. Sich mit dem Groom in ein Gespräch einlassend, nach Allem, Namem und Herkommen seines geliebten Grauschimmels fragend, klatschte er ihm sanft und leise auf Schenkel, Bug und Stirn, sich dabei wie von einem Schauer stiller Glückseligkeit überrieselt fühlend. Ein Jüngling, vom Hauch oder dem Lockenhaar seiner Auserkornen berührt, kann keine glücklicheren und berauschenderen Empfindungen haben, als Anatole Didot sie im Streicheln der Alabasterhaut seines Liebings hatte. Sein Herz schlug fieberhaft, sein Auge glühte. Er mußte alle Gewalt über sich zusammen nehmen, um der Lust, das Thier zu umarmen und zu besteigen, Widerstand zu leisten.

Um diese Zeit geschah es, daß Anatole Didot, genöthigt seine bisherige Wohnung aufzugeben, sich nach einer neuen umsehen mußte. Getrieben von seiner Lust, den Grauschimmel so viel und so oft als möglich vor Augen zu haben, suchte er nun besonders in dem Quartier, in welchem das mehr erwähnte Gesandtschafts-Hotel belegen war, und zu seinem Glück fand er hier denn auch wirklich ein paar freundliche Hinterzimmer, deren Aussicht auf den Hof desselben hinausging.

Nachdem er dieselben bezogen, brachte er nun fast alle seine Freistunden an seinen Fenstern zu, von wo aus er den Stall des Gesandten beobachten und nicht selten den Grauschimmel gewahren konnte.

Dieser Grauschimmel, ein englisches Vollblutspferd, seiner Schnellfüßigkeit wegen „der Blitz“ genannt, hatte zu jener Zeit ein fast europäisches Renommee, denn in London, Paris, Berlin und anderen Orten zu den damals mit Leidenschaft betriebener Rennen gestellt, war er überall der unbestrittenste Sieger geblieben. Sein Besitzer, der ihn mit schwerem Golde aufgewogen, aber durch das Gewinnen mehrfach angestellter Wetten den enormen Kaufpreis schon zehnfach wieder eingenommen, hatte in der Zeit, in welcher unsere Geschichte spielt, den Blitz natürlich auch wieder zu dem Rennen in Paris selbst auf die Liste setzen lassen.

Leider wurde zu seinem Verdrusse, kurz vor dem für das Rennen festgesetzten Termine, der Engländer krank, welcher über den Kanal verschrieben worden war, das Thier zu reiten. Wenn aber schon dies dem Gesandten ärgerlich war, so nahm sein Unmuth noch um ein Bedeutendes zu, als er eines Morgens nach dem Stalle kommend, Blitz in einem befremdend abgeschwitzten und ermatteten Zustande fand, in einem Zustande, den er sich nicht zu erklären vermochte, und in welchem, wie der französische Stallknecht angab, das Thier schon seit einiger Zeit allmorgendlich gefunden worden war, ohne daß man der Ursache desselben auf den Grund zu kommen sich in den Stand gesetzt gesehen habe.

Der Gesandte, über dies räthselhafte Ereigniß außer sich gerathend und seiner Stallbedienung die heftigsten Vorwürfe über Nachlässigkeit, Achtlosigkeit und Versäumniß machend, befahl nun, die ganze nächste Nacht bei dem Thiere zu wachen, um zu sehen, was mit demselben geschehe.

Die Wahrnehmung irgend einer, dem Thier schädlichen Unbequemlichkeit erwartend, war er im höchsten Grade erstaunt, als ihm in der Frühe des nächsten Tages die Meldung ward, es sei ein Mann im Hemde des Nachts leise und still in den Stall gekommen, habe das Thier gesattelt und gezäumt, sich dann darauf geschwungen, und habe es alsdann beinahe eine Stunde lang in dem hinteren, ungepflasterten Theile des Hofes abgeritten, dann es wieder in den Stall gebracht, abgesattelt und abgezäunt und in die Ständer gebracht.

„Du hast wohl geträumt,“ rief der Gesandte, sich die Augen reibend, dem die Meldung machenden Stallknecht zu. „Das ist ja ein Mährchen wie aus Tausend und einer Nacht.“

[139] „Excellenz, können sich ja mit eigenen Augen von dem Gesagten überzeugen,“ entgegnete der auf diese Weise Angefahrene, indem er die Sache plausibler machend hinzufügte: „der Mann im Hemde ist genau bekannt im Stalle und das beweist zur Genüge, daß er sein Kunststück nicht nur dies eine Mal, sondern sehr oft gethan. Aller Wahrscheinlichkeit nach wiederholt er es denn auch.“

Dies einleuchtend findend und sich darauf verlassend, verbrachte der Gesandte einen unruhigen, in peinlicher Spannung hingehaltenen Tag, dessen Ende er kaum erwarten konnte. Schon mit dem Dunkelwerden begab er sich nach dem Stall, wo er sich mit dem Stallwärter, so gut es ging, nun so versteckte, daß er alles, was mit dem Rennpferde etwa vorgehen mochte, genau zu übersehen im Stande war.

Nachdem er so bis nach Mitternacht gewartet, sah er wirklich im Mondenschein einen Mann im Hemde leise zur Thür herein und auf den Grauschimmel zugehen. Das Thier streichelnd und hätschelnd, legte er ihm Zaumzeug und Sattel auf, schwang sich dann hinauf und ritt auf den Hof hinaus, wo er es die kunstvollsten Evolutionen machen ließ. Nach einer Stunde etwa kam er zurück, zäumte das Pferd ab, legte alles Geschirr an die ihm gehörige Stelle, liebkoste und küßte den Schimmel und ging geräuschlos davon.

Von dem seltsamen und wunderbaren Vorgange gefesselt, sah der Gesandte sich der Sprache beraubt und fast athemlos an seine Stelle gebannt, bis er, um das Weggehen des gespensterhaften Reiters zu verfolgen, ihm leise bis zur Stallthüre nachschlich, von wo aus der denn sah, daß dieser über eine Gartenmauer steigend, im Nachbarhause verschwand.

Sobald es Tag geworden, ließ er nun in diesem dem sonderbaren Reiter nachforschen, ohne indeß etwas Wesentliches zu erfahren. Alles, was sich ihm ergab, war die Vermuthung, daß ein einzelner junger Mann, Anatole Didot mit Namen darin wohnend, und der, eines tadellosen Rufes genießend, allenfalls der seltsame Nachtwandler sein könne.

Da der Zeitpunkt, an welchem das Rennen stattfinden sollte, nahe und der aus England verschrieben Jokey, welcher Blitz gut und sicher zu führen verstand, noch immer krank war, so verfiel der Eigenthümer desselben im Laufe des Tages auf einen, wie es ihm schien, sehr guten und klugen Einfall. Wie wäre es, dachte er bei sich selbst, wenn jener Reiter im Hemde, wenn auch freilich nicht in diesem mir jetzt noch nicht üblichen Braminenkostüm, doch in einem andern unverfänglicheren Anzuge das Pferd bei dem Rennen ritte! Daß er sich auf dessen Leitung und Behandlung versteht, beweist der Auftritt der Nacht. „Und wer weiß,“ fuhr er auf, „ob nicht etwa diese nächtliche Cavalcade in heimlicher Verabredung mit dem kranken Jokey vorgenommen wird, dem es ja ohnehin schwer ankommen dürfte, Blitz nicht bei dem diesjährigen Wettlauf als Sieger aufgeführt zu finden. Jedenfalls,“ schloß er sein Selbstgespräch, „will ich hören, wie es um die Sache steht und mich überzeugen, ob dieser Herr Anatole Didot der ist, den ich da so unerwartet und seltsam auf meinem Wettrenner seine Reitübung habe machen sehen!“

Gesagt, gethan. sich in die Nebenstraße und in das Nachbarhaus verfügend, stieg er, nachdem er beim Portier erfahren, daß der Gesuchte zu Haus sei, die Treppen zu Anatole Didot hinauf, in dem er beim Eintreten denn auch sofort seinen Mann erkannte.

„Entschuldigen Sie, mein Herr,“ sagte er zu diesem, „wenn ich Sie störe. Ich komme Sie zu fragen, ob Sie geneigt sind, bei dem diesjährigen Wettrennen meine Blitz zu reiten. Der Gewinn besteht, außer dem Triumphe des Sieges, in zwanzigtausend Francs, von denen Sie, im Fall uns jener zu Theil wird, die baare Hälfte erhalten sollen.“

„Sie erweisen mir eine große Ehre, Herr Graf,“ entgegnete hierauf der so Angeredete, indem er erröthete und dann mit seltsam verlegenem Stocken fortfuhr: „aber ich bin leider außer Stande, Ihren Wunsch zu erfüllen. Ich hege eine große Leidenschaft für schöne Pferde und habe Ihren Blitz schon oft bewundert; ja, ich bin, um es ehrlich zu gestehen, zum größesten Theil nur darum hier in diese Wohnung gezogen, um ihn mehr und öfter sehen zu können. Allein weder mein Stand noch meine Verhältnisse haben mir je erlaubt, die Kunst des Reitens zu erlernen und so ist es gekommen, daß ich noch nie ein Pferd bestiegen.“

„Sie haben noch nie ein Pferd bestiegen und können nicht reiten!“ lachte der Gesandte, sich des nächtlichen Rittes und der dabei bewiesenen Geschicklichkeit erinnernd.

„In Wahrheit, Herr Graf,“ betheuerte Anatole Didot auf’s Neue und heftiger als vorher erröthend, „in Wahrheit, Herr Graf, ich habe noch nie ein Pferd bestiegen und verstehe mich ganz und gar nicht auf die Kunst des Reitens.“

„Darauf will ich es ankommen lassen,“ entgegnete hierauf der Gesandte. „Ich habe Vertrauen zu Ihnen und wenn Sie mir nur versprechen mögen, das Thier beim Rennen zu reiten, so bin ich überzeugt, daß wir den Sieg davon tragen werden.“

„Ich habe wohl Lust einmal einen Versuch zu wagen,“ sagte Anatole Didot mit Zögern. „Wenn Sie mir erlauben, das Pferd einmal zur Probe zu besteigen . . .“

„Zur Probe, zur Probe!“ lachte der Graf. „Warum ncht gar. Ich bin des Gelingens gewiß. Uebermorgen ist der Renntag. Nehmen Sie die beiden Nächte noch wahr, und Alles wird gehen!“

So sprechend empfahl er sich, den verdutzten Anatole Didot sich selbst und seinen Zweifeln überlassend. „Nehmen Sie die beiden Nächte noch wahr, und Alles wird gehen!“ Diese geheimnißvoll klingenden Worte bei sich selbst wiederholend, grübelte er vergebens darüber nach, was sie zu bedeuten haben könnten. Halb außer sich vor Vergnügen, daß er das Glück haben solle, den Blitz zu besteigen, und halb in Todesangst, sich vor der ganzen Welt durch ein Herabfallen von demselben zu blamiren, brachte er die beiden Tage zu.

Der Gesandte dagegen, fest überzeugt, daß die Sache eine mit dem englischen Jokey verabredete und vor der Zeit von ihm errathene oder vielmehr entdeckte sei, gab sich schon ganz der Siegesgewißheit anheim und um so mehr, als er hörte, daß sein Nachbar seinem Rathe folgte, und nach wie vor seine nächtliche Reitübung ausführte.

So war denn endlich der Tag des Rennens gekommen. Tausende von Zuschauern hatten sich dazu eingefunden. Der Eigenthümer des Blitzes meldete, daß sein Jokey erkrankt, und sein Pferd also ein Jokeypreisrennen nicht mitmachen könne, zahlte das festgesetzte Renngeld und rangirte sein Thier in ein Herrenreiten, wozu er, wie er sagte, den geeigneten Mann gefunden.

Dieser geeignete Mann war natürlich Niemand anders, als Anatole Didot, der zitternd und zagend in der Menge stand, und sich angelegentlich um den Grauschimmel zu thun machte. Bald streichelte er ihm die Mähne, bald strich er ihm die Flanken, bald besah er das Riemzeug. Es war ihm Alles, wie wenn er es schon gesehen und gebraucht, nur wußte er nicht, wie er damit umgehen sollte. Den Groom schämte er sich zu fragen und der Graf, dem er seine Angst sowohl wie seine Unkenntniß über den Gebrauch und die Anwendung aller dieser Dinge mittheilte, lachte ihn aus, klopfte ihn auf die Schulter und rief ihm zu:

„Sie spielen Ihre Rolle zum Verwundern, Herr! Sie müßten, wenn Sie kein so ausgezeichneter Reiter wären, ein Schauspieler werden.“

Anatole Didot wußte nicht, was er von sich, noch weniger aber, was er von den Aeußerungen des Gesandten halten sollte. Er stand wie im Traum, betrachtete um sich das bunte Renngetreibe, die Wagen, Reiter, das Her- und Hingelaufe der Jokey’s, die ab- und zugeführten Pferde, die mit den elegantesten Damen und Herren besetzten Tribünen und fragte sich dann erschrocken und erstaunt, wie und zu welchem Zweck er selbst habe dazwischen gerathen können. Noch mitten in diesem dumpfen Gegrüble hörte er plötzlich den Ruf: „Herr Anatole Dido mit dem Blitz!“ Und im Nu sah er sich das schöne, herrliche Thier vorgeführt und den Stallknecht mit dem Rufe: „Nun zeigen Sie Ihre Kunst!“ sich zur Seite. Ueberrascht, verblendet, wie sich selbst entrückt, klammert er sich an den Bug des Pferdes fest, zieht sich daran in die Höhe und klettert mehr als er sich schwingt, in den Sattel hinein.

Der Graf, der während dessen seinen Freunden das Abenteuer mit seinem Reiter erzählt, steht mit allen diesen um ihn herum und ruft ihm Muth zu. Er achtet nicht auf die Ungeschicklichkeit, mit der er sich aufgeschwungen, ja, er sieht in dem unrichtigen und verkehrten Besteigen des Rosses nur eine neue, feine Finte Didot’s und ruft mit Lachen: „Nur zu, nur zu! Wir werden bald Anderes sehen!“

[140] Aber, o wehe, kaum daß Anatole Didot im Sattel ist und der Blitz einige seiner leichten, weitausgreifenden Schritte gemacht hatte, so sieht man den Reiter schwanken, die Bügel verlieren oder gar nicht finden, und endlich zum Gelächter aller Welt kopfüber zur Erde fallen.

Verwundert, erstaunt eilen der Gesandte und seine Freunde herbei, den Gefallenen aufzuheben, der an Kopf und Brust schwer verwundet auf das Erbärmlichste stöhnt und jammernd nach Hause verlangt.

Dort hingebracht, verbunden, verpflastert und gepflegt, hört er mit Erstaunen von dem Gesandten die wunderbare Geschichte seines nächtlichen Rittes erzählen und dadurch den Grund des Zutrauens offenbart, das dieser ihm geschenkt. Er schwört nun einmal über das andere, daß dies eine Täuschung oder eine Verwechslung sein müsse, da er ganz und gar nichts von einer solchen Cavalcade wisse. Der, bei der ganzen Verhandlung anwesende Arzt aber macht, den Kranken zur Ruhe verweisend, ein geheimnißvolles Gesicht und flüstert, den Grafen bei Seite ziehend, demselben einige Worte heimlich in’s Ohr, von denen der Liegende nur noch eines verstehen konnte, das Wort „Somnambulismus“ nämlich. Von einer fliegenden Hitze übermannt, und den peinlichsten Vorstellungen erliegend, verfällt er gleich darauf in ein Fieber, das ihn Wochen lang an das Lager fesselt und mehrmals dem Tode nahe bringt. Endlich genesend und dem Leben wiedergegeben, erinnert er sich seiner letzten Fahrten nur noch wenig oder doch nur so, als wenn sie ein Traum gewesen.

In den Kreisen der Gesellschaft und besonders des reitenden Publikums aber sind sie vielfach der Gegenstand weitgreifender Erörterungen gewesen. Wir selbst haben sie hier ganz einfach so erzählt, wie man sie uns gelegentlich mitgetheilt. Ob das Ganze überhaupt in allen Einzelheiten möglich ist, mögen Aerzte und Naturforscher entscheiden.