Der Name Ingelheim

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Textdaten
Autor: Heinrich Pröhle
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Titel: Der Name Ingelheim
Untertitel:
aus: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten, S. 30–33
Herausgeber:
Auflage: 2. verbesserte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [ca. 1892]
Verlag: Meidinger
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
Kurzbeschreibung:
Der Name Ingelheim und Das Haus zu den beiden Schimmeln in Köln sind die beiden in der 2. Auflage hinzugekommenen Sagen. Siehe die Erstausgabe Rheinlands schönste Sagen und Geschichten, 1886
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7. Der Name Ingelheim.

Als König Karolus noch jung war, erblickte er einst bei Nacht im Traume einen Engel, der strahlte großen Glanz aus und war ganz in Erz gehüllt. Der Engel sprach: „Karole, Du sollst stehlen! Du sollst stehlen!“ Karolus legte sich auf die andere Seite und wiederholte im Schlafe: „Du sollst nicht stehlen!“ Da wiederholte aber der Engel: „Nein, Karole, Du sollst und mußt stehlen!“ Karolus kratzte sich hinter dem Ohr. Der Engel aber rief: „Karole, stiehl! stiehl!“ Und damit war er verschwunden. Karolus aber erwachte. Er dachte nach und nahm sich vor, das Gebot, das ihm der Engel verkündigt hatte, nur den Worten nach zum Scheine zu erfüllen. Er wollte sich selbst bestehlen. Deshalb wollte er in den Wald reiten und sich in den Dienst des Räubers Elbegast begeben. Diesen hatte Karolus in jenen Tagen hart aber vergeblich verfolgen lassen. Nun wollte er sein Spießgeselle werden bei einem Einbruche in das königliche Hoflager. Als Elbegasts Kumpan glaubte er bei Hofe ohne Sünde stehlen zu können, da er nur sich selbst bestahl.

Er ging also gleich heimlich in den Pferdestall, sattelte und zäumte seinen Leibhengst und gelangte auch glücklich ins Freie, ohne daß es jemand bemerkte. Er ritt in den Wald, da ihm dann der Räuber Elbegast auf seinem Hengste alsbald entgegengeritten kam. „Ich bin Elbegast“, sprach er, „Du aber bist ein Hofmann, welchem Karolus geboten hat mich gefangen zu nehmen. Du Thor! Ich weiß die Wege im Walde besser als die Füchse und Rehe! Wie leicht könnte ich Dir entwischen! Aber der Mondschein, der durch die Wipfel fällt, zeigt mir, daß Du güldne Ringe trägst. Darum sollst Du mit mir kämpfen und ich will Dir die güldnen Ringe abziehen, die Du an den Fingern hast. Danach dann so magst Du heim reiten.“ Die beiden Hengste brausten und zischten schon gegeneinander, aber Karolus sprach ruhig: „Ich kenne Karolus so gut als mich selbsten. Doch hat er mich nicht gegen Dich geschickt. Ich will ihn mit Dir zusammen bestehlen, denn ich weiß, wo er seine besten Kleinodien versteckt hat. Dahin will ich Dich führen und sie mit Dir teilen. Dann werden wir beide reicher sein als Karolus. Niemand wird glauben, daß ich der Dieb bin. Die Leute werden bloß sagen: Elbegast hat den Kaiser bestohlen! Ich aber werde Dir alle Zeit Kunde geben, wie Du den Häschern des Kaisers entgehen kannst. Als Dein Freund ritt ich aus.“

„O weh!“ rief Elbegast. „Sind das die Gedanken derer kaiserlichen Hofleute? Der Kaiser ist über das Ganze gesetzet, er meint es gut mit denen Leuten, ihn soll man nicht bestehlen. Willst Du ein Dieb werden, so hilf mir die Herren und Ritter berauben, welche des Kaisers Gebote übertreten. Folge mir auf der Stelle! Ich führe Dich zu dem Grafen Eggerich von Eggermonde, der ist der gefährlichste von allen denen Großen, die unrechtmäßiger Weise Schätze zusammenscharren.“

Da horchte der Kaiser hoch auf und folgte dem Räuber durch den Wald wie ein Knäblein, das zum erstenmale von einem alten Jäger mit einem Spürhunde zusammen auf der Fährte eines Wildes durch das Dickicht geführt wird. Zuletzt banden sie ihre Hengste an zwei Bäume vor der Burg des Grafen von Eggermonde. Elbegast vermochte alle Schlösser so leicht zu öffnen, wie man einen Knoten in einem leinenen Taschentuche auflöset. Die Steine in der Burgmauer und in der Burg waren mit festem Mörtel zusammengefügt, der wie Silber glänzte in den Fugen des Gemäuers. Aber Elbegast brach ohne Geräusch einige Steine los. Durch diese Löcher fuhr dann Elbegast wie ein Hamster, der in der Erde verschwindet, ins Schloß hinein. Wie ein Iltis schlüpfte Kaiser Karolus hinterher. Zuletzt liefen sie in der Burg eine dunkle enge Wendeltreppe in die Höhe und dann versteckten sie sich in der Kammer unter dem Bette des Grafen. Dort wollte Elbegast hören, wo die Schätze des Grafen lägen. Aber Kaiser Karls Gestalt war so groß, daß er sich hart mit dem Kopfe an das Bett stieß, als er unterkroch. Das gab zum erstenmale ein Geräusch. Davon erwachte der Graf, denn es war ein gewaltiger Krach. Aber weil er den Krach unter sich gehört hatte, so vermeinte der Graf, daß das Gepolter unten vom Hausflur hergekommen sei. Er pinkte Feuer an, setzte einen Kienspahn in Brand und leuchtete in jeden Winkel der alten Raubburg, nur nicht unter das Bett. Von dem Lichte war auch die Gräfin erwacht. Als ihr Gemahl sich wieder niedergelegt hatte, fragte sie: „Nun, ist noch alles sicher auf der Burg, mein Männchen? Fandest Du die Gülden noch, die Du gestern Abend heimbrachtest und auf dem Tische in der Stube unten liegen ließest?“ „Ja freilich, aber ich habe sie nun doch hinter dem Ofen besser versteckt“, antwortete er. „Woher hast Du sie denn gestern bekommen?“ forschte die Gräfin weiter. „Mein lieb Weib“, antwortete der Graf, „ich legte mich gestern mit elf Rittern an den Rhein. Wir lauerten denen Kaufleuten auf, die gefahren kamen und verlangten gleich einen hohen Zoll von ihnen. Da sagten sie: den Zoll zu fordern hat Karolus verboten, wir zahlen keinen mehr. Da fielen wir über sie her, nahmen ihnen alle ihre Gülden ab und ließen sie mit ihrem Schifflein weiter fahren. Es war aber einer unter den elf Rittern, der sagte: wenn Karolus erst den Räuber Elbegast im Walde hat aufknüpfen lassen, dann läßt er den Grafen Eggerich von Eggermonde im Rhein ersäufen, weil er die hohen Zölle von denen Kaufleuten erhebet, das der Kaiser verboten hat. Da machte ich von den Gülden zwölf gleiche Haufen und nahm nur den einen für mich. Die andern elf Haufen verteilte ich gleich unter die elf Ritter. Dafür versprochen sie heute (denn Mitternacht ist nun vorüber) mittags um zwölf Uhr mit mir zu Kaiser Karolus zu gehen und ihn zu ermorden.“ „Das ist gut“, sprach die Gräfin, „dann sind wir wieder sicher.“ Gleich darauf schliefen sie wieder ein. Da kroch König Karl mit Elbegast unter dem Bett hervor und schlichen auf dieselbe Weise, wie sie gekommen waren, wieder hinaus. Diesmal aber lief Karolus schon voran die Wendeltreppe hinab und der Räuber konnte dem Kaiser kaum so schnell folgen, als dieser zu den Hengsten eilte. Als sie schon aufgesessen waren, sprang Elbegast noch einmal herunter, gab Karolo seinen Hengst am Zaume zu halten, schlüpfte wieder in die Burg und holte die vergessenen Silbergülden, die der Graf Eggerich von Eggermonde hinter dem Ofen versteckt hatte. Er wollte Karolo die Hälfte der Beute abgeben. Dieser aber sprach: „Nein, Elbegast, behalte Du alles für Dich. Kaiser Karolus giebt mir nun die Hälfte aller seiner Kleinodien, wenn ich ihn warne, weil der Graf Eggerich von Eggermonde ihn heute mit den elf Rittern ermorden will.“ – „Ich vertraue Dir, Du wirst Karolus erretten“, sagte der Räuber und sprengte auf seinem Hengste seitwärts in die Büsche.

Als Karolus heimkehrte, sandte er sogleich wieder die Häscher aus nach Elbegast. Diesmal bezeichnete er selbst die Gegend im Walde, wo sie ihn finden würden, nämlich die Stelle, wo er ihn hatte in die Büsche sprengen sehen. Dann ließ er sich ein Tuch um die Brausche binden, die er bekommen hatte, als er sich an Eggermondes Bett stieß. So spazierte er um zwölf Uhr mit verbundenem Kopfe auf dem Königshofe umher. So wie die zwölf Mörder sich ihm nähern wollten, brachen seine Knechte auf seinen Wink aus den Marställen hervor und banden den Grafen und die elf Ritter. Der Kaiser befahl, daß sie alle zwölf nach dem Rhein gebracht und darin ertränkt werden sollten. Als sie gebunden vom Königshofe geführt wurden, begegneten sie dem Räuber Elbegast. Der wurde eben auch gebunden von den Häschern dahergebracht und freute sich sehr, als er sah, daß der Mordanschlag auf Karolus mißglückt war. Als er vor den Kaiser geführt wurde, verwunderte er sich sehr, weil er den Mann erkannte, mit welchem er unter dem Bett des Grafen gesteckt hatte. Da lachte Karolus aus vollem Halse und ließ sich von ihm das Versprechen geben, daß er nie wieder stehlen wolle. – Dann ließ er ihn seiner Bande entledigen; er schenkte ihm das Leben und die Freiheit und alle Schätze, die sich noch in dem Raubschlosse bei der Gräfin Eggermonde finden würden.

Dem Orte am Rheine, da dem Kaiser sein Schutzengel und Lebensretter im Traume erschienen war, gab Karolus Magnus den Namen Ingelheim, das bedeutet Engelheim.