Der Naturschutzpark in der Lüneburger Heide

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Textdaten
Autor: Wilhelm Bode
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Titel: Der Naturschutzpark in der Lüneburger Heide
Untertitel:
aus: Die Lüneburger Heide : von der Elbe bis zur Leine. (= Richters Reiseführer). 3. Auflage, Berlin 1914, S. 124–126
Herausgeber:
Auflage: 3. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Richters Reiseführer-Verlag
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Erscheinungsort: Berlin
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Der Naturschutzpark in der Lüneburger Heide.
Von W. Bode, Pastor in Egestorf.


Die Würfel sind gefallen. Der große Traum aller niedersächsischen Heimatfreunde ist Tatsache geworden. Die Zentralheide bleibt in ihrer feierlichen, ursprünglichen Schönheit dem deutschen Volke erhalten.

Vorüber sind die Zeiten des Hangens und Bangens in schwebender Pein. Mit einem festen Gürtel eigener Besitzungen hat der Verein Naturschutzpark ein rund 3¼ Quadratmeilen großes Gebiet umrahmt und auch im Inneren des Geländes so viel erworben, daß er als Herr im Hause angesehen werden kann.

Mit Riesenschritten eilte die Heide ihrem Verhängnis entgegen. Der Forstmann und der Bauer waren ihre Totengräber. Der Spekulant sargte sie ein.

Da erschien in letzter Stunde der Verein Naturschutzpark auf dem Plan. Eine Handvoll begeisterter Idealisten haben ihn vor 5 Jahren in München gegründet, in der Hauptsache Süddeutsche und Deutsch-Österreicher. Wundervoll hat sich das Vertrauen auf die Stoßkraft des Gedankens bewährt. Heute zählt der Verein mehr als 17 000 zahlende Mitglieder aus allen Gauen und allen Ständen. Neben gekrönten Häuptern steht der Name des schlichten Fabrikarbeiters; neben dem weltbekannten Gelehrten der wandernde Schulbub. Der Kaiser stiftete aus seiner Privatschatulle 50 000 ℳ. Das Mädchen einer schwäbischen Dorfschule sandte in Briefmarken 70 Pf., die es bei den Kolleginnen gesammelt habe.

Typische Landschaften in ihrer Eigenart zu schützen und in ihrer Ursprünglichkeit der Nachwelt zu erhalten und eine Freistatt für die Tier- und Pflanzenwelt zu schaffen, welche der altdeutschen Almande gleich des ganzen Volkes Eigentum sein solle, ist des Vereins Programm.

Es bedurfte nur des Hinweises auf die Lüneburger Heide, um den führenden Persönlichkeiten zu zeigen, wo die Arbeit einzusetzen habe. Niemals hat die Heide ihre werbende Kraft [125] so bewährt, wie bei den Kommissionsbereisungen, als die Wahl des Naturschutzparkgebietes entschieden werden mußte. Die süddeutschen Naturästhetiker kamen, sahen und waren besiegt. So etwas von schwermütiger Schönheit hatten sie nicht erwartet. Die Naturwissenschaftler[WS 1], Botaniker, Zoologen und Geologen, durchwanderten die Binnenheide und waren überrascht von dem wechselvollen Charakter des Geländes und von dem Artenreichtum an Tieren und Pflanzen. Die Prähistoriker konnten sich nicht genug wundern über die Fülle der Hügelgräber, Steinsetzungen und Urnenfriedhöfe. Schließlich sandte auch das Haus der Abgeordneten seine Argrarkommission aus Berlin, Männer aller Parteien und aller Berufsstände, und restlos stimmten die Herren dem Vereinsbeschlusse bei, sich in und um Wilsede festzulegen.

Die Arbeit begann. Zuerst galt es, das großartigste Naturdenkmal der niedersächsischen Tiefebene, den Berg[WS 2], der seinesgleichen von Königsberg bis Amsterdam, vom Haag bis Helgoland nicht hat, zu sichern. Dann folgte der Totengrund, diese wunderbare Zirkusbildung, welche die gurgelnden Wasser der Eiszeit auswuschen, ein ins Gigantische übersetztes plastisches Modell der Böcklinschen Toteninsel.

Und nun kam Hof auf Hof. Sie wollten ja alle so gern verkaufen, denn der dürftige Boden lohnte nur spärlich des Menschen Arbeit, und die Abgelegenheit erschwerte mehr als anderswo den Absatz von Frucht und Vieh. Da hieß es ungefähre Grenzen normieren, und so beschloß man, im Osten bis in das Auetal und im Westen bis an die große Napoleonische Heerstraße von Harburg nach Soltau zu gehen, im Süden mit Möhr und Bockheber abzuschneiden und im Norden vom Töps über den Garlstorfer Wald bis zu den mit Astgeld aufgeforsteten Alser Heidbergen die Abschlußlinie zu ziehen.

Innerhalb dieses Gebietes kaufte der Verein bislang rund 14 000 Morgen für nahezu 2 Millionen Mark, die ihm in der Hauptsache aus der vom Preußischen Staat in dankenswerter Weise bewilligten Lotterie zuflossen.

An Verdächtigungen häßlichster Art hat es nicht gefehlt. Man redete von einem Verbrechen an der Landwirtschaft und der Schaffung einer allgemeinen Wüstenei, welche einen Unterschlupf für alles lichtscheue Gesindel bilden würde, ja, von der Undurchführbarkeit des ganzen Unternehmens. Aber für die im Bezirk liegenden 35 000 Morgen großen fiskalischen und klösterlichen Forsten sorgt eine ausreichende Zahl von Beamten, und für die weiten, leicht übersichtlichen Heideflächen [126] des Vereins ist die Aufsicht durch die nötigen Angestellten noch leichter zu beschaffen. Überdies bleibt eine Reihe Dorfschaften, z. B. Undeloh, Alsen, Wesel, in und am Vereinsrevier völlig selbständig bestehen. Nur eine Abrundung ihres Ackerbesitzes soll in der Weise erstrebt werden, daß die abgelegenen Grundstücke, namentlich die ertraglosen Heidflächen, gegen den guten Ackerboden am Dorfe ausgetauscht werden und so die Abrundung und Ertragsfähigkeit der Höfe erhöht wird. Auch auf seinem eigenen Gebiete läßt der Verein Einzelhöfe und Ortschaften bestehen, und niemand denkt daran, z. B. den einstelligen Hof Bockheber[WS 3] oder das idyllische Niederhaverbeck eingehen zu lassen. Im Gegenteil! Sie sollen erhalten bleiben in jener traulichen Form, die sie etwa zur Zeit des großen Napoleon hatten, ohne Pappdächer, ohne Stacheldraht, ohne die abstoßende Plumpheit, welche den modernen Bauernhöfen alle Bodenständigkeit raubt. Unter weitschattenden Eichen soll das strohgedeckte Fachwerkhaus sich lagern, umfriedet von Steinmauer und Ekenboltentun[WS 4]. Im Windschatten der Birken liegt auf der Heidhöhe der langgestreckte Schafkaben[WS 5]. Vom Buchweizenfelde grüßt der niedrige Bienenzaun mit den strohgeflochtenen Körben, und wo bislang mißvergnügte Besitzer ein kärgliches Auskommen hatten, soll ein Geschlecht gutgestellter Pächter eine glückliche Heimat finden. Der Föhrenanflug, welcher die Lüneburger Heide nur allzu bald in den Lüneburger Wald verwandelt hätte, wird beseitigt. Der scharfe Zahn der Heidschnucken, welche auf all unsern Höfen gehalten werden, bewahrt die Heide vor dem Ausstocken, und all die guten Geister der Schönheit, von denen die Dichter der Vergangenheit zu singen und zu sagen wußten, treiben wieder ihr Wesen auf dem Gefilde, das als ein Meisterwerk aus unsers Gottes Schöpferhand hervorging und durch menschlichen Eigennutz und Unnatur an den Rand des Verderbens gebracht ward.

Und wenn dann ein Teil, meinetwegen alles, was nördlich vom Wege Undeloh–Meningen liegt, ausgesondert wird, um zu zeigen, was im Laufe von Jahrhunderten aus der völlig sich selbst überlassenen Natur wird, so kommt auch die Wissenschaft zu ihrem Rechte, und friedlich werden der fröhliche Wanderer und der strenge Naturforscher einander die Hand reichen in dem großen Tempel der Natur, dem Wilseder Naturschutzpark.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Naturwissenschafter
  2. Wilseder Berg
  3. Vorlage: Bockheben
  4. Zaun aus gekreuzten Eichenbohlen
  5. Schafstall