Der Papst und der Peterspfennig

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Textdaten
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Autor: Pierre des Pilliers
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Titel: Der Papst und der Peterspfennig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 75–76
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[75] Der Papst und der Peterspfennig. Vielleicht ist unsern Lesern der Name Pierre des Pilliers nicht unbekannt. Dieser thatkräftige Schriftsteller giebt gegenwärtig in Brüssel die Zeitung „l'Ère chrétienne“ heraus. Zwei seiner Werke „La Cour de Rome“ und die „Bénédictins de la Congrégation de France“, welche in der dritten Auflage erschienen, sind von der freisinnigen französischen Presse auf das Rühmendste hervorgehoben worden. Pierre des Pilliers war Prior der Abtei Acey im Jura, die er mit einem Theile seines Vermögens selbst gründete. Nach langen, furchtbaren Kämpfen mit der ultramontanen französischen Kirche schied er, seinem Gewissen folgend, aus dieser Kirche aus, blieb jedoch Katholik. Seine einzige Aufgabe war seitdem, durch Wort und Schrift den Kampf gegen das ultramontane Rom fortzusetzen. Aus Frankreich wurde er unter der traurigen Herrschaft der „Ordre moral“ verbannt, weil er im „Journal de la Gironde“ mannhaft den Bischof von Montauban brandmarkte, der in Lourdes vor Tausenden von Zuhörern predigte: „Die Protestanten in Frankreich, speciell die Elsässer, haben das protestantische Preußen gegen Frankreich gehetzt.“ Ein feiler Gerichtshof verurtheilte den tapferen Pierre des Pilliers dieses muthvollen Artikels wegen zu fünf Jahren Verbannung oder vierzehn Monaten Gefängniß. Er zog die Verbannung vor und lebt, wie gesagt, gegenwärtig in Brüssel, wo er den Kampf durch die „l'Ère chrétienne“ und seine Schriften fortsetzt. Ueber den Papst und den Peterspfennig schreibt uns nun Pierre des Pilliers Folgendes:

Gewiß hat schon Mancher sich mit Staunen gefragt, was wohl der Papst mit den zehn Millionen Mark und darüber, die der Peterspfennig ihm jährlich einträgt, anfangen mag. Wozu braucht der Nachfolger des schlichten Fischers, der an den Ufern des galiläischen Meeres selbst seine Netze ausbesserte, das viele Geld? Wen dies in Staunen setzt, dessen Fuß hat wohl noch nie die Siebenhügelstadt betreten, oder beim flüchtigen Besuch der alten Tiber-Metropole ist ihm nicht, wie mir, das Glück zu Theil geworden, den Nachfolger Petri mit seinem Gefolge von Bischöfen und Cardinälen in pompösem Aufzuge vorüberziehen zu sehen. Ohne jede Uebertreibung oder Entstellung, einfach, wie die Wahrheit selbst, will ich erzählen, was ich in Rom mit eigenen Augen gesehen habe.

Im Jahre 186… war ich in Angelegenheiten des Benedictinerordens von Solèsmes, ich selbst ein Priester dieses Ordens, nach Rom gezogen. Wie das so Sitte ist in der römischen Kirche, las ich die Messe in der Kirche St. M. Ich hatte geendet; der Weihrauch hing noch wie ein bläulicher Nebel in der schwülen Atmosphäre und schmiegte sich, aufwärts steigend, in feinen duftenden Ringen um die steinernen Behälter und Blüthen der herrlichen Säulenknäufe, die einst den Tempel der Venus geziert; ich war eben im Begriff, die Kirche zu verlassen; da trat ein Abbé mit den Worten an mich heran:

„Révérend Père, haben Sie während Ihres Aufenthaltes in Rom den heiligen Vater schon ausfahren sehen?“

„Diese Ehre ist mir noch nicht zu Theil geworden. Seit Kurzem [76] erst hier, brachte ich die meiste Zeit im Kloster Santa C. mit Schreiben zu und habe daher noch wenig von Rom gesehen.“

„Nun dann benutzen Sie die Gelegenheit! Pio Nono kommt mit den Eminenzen gleich vorüber, keine drei Schritte von hier. Wir haben diesen Morgen den Befehl erhalten, bei seinem Vorüberfahren hier zu stehen und seinen Segen zu empfangen.“

„Mit Vergnügen will ich einer der Ihrigen sein,“ war meine Antwort.

Kaum standen die sieben Priester und ich in Reih' und Glied vor dem Portale der Kirche, als schon ein Vorreiter Seiner Heiligkeit die Straße herauf kam. Alles an ihm war überaus reich; er ritt ein herrliches Thier, das, indem es dahintänzelte, sich der Wichtigkeit seiner Mission, als Vorläufer des heiligen Vaters zu dienen, bewußt zu sein schien. Einen Moment später – und die sieben „Abbés“ lagen auf den Knieen. Ich folgte instinctmäßig ihrem Beispiele. Auf circa dreißig Schritte Entfernung rollte die „Equipage“ des Papstes, die soeben um eine Straßenecke gebogen, auf uns zu. Acht wunderschöne Schimmel zogen die über und über in Gold strahlende, mit blitzenden Spiegelfenstern versehene Carosse des „Nachfolgers Petri“.

Die Pracht des achtspännigen Wagens erinnerte mich lebhaft an jenen Tag in Paris, wo Napoleon der Dritte, der Held von Boulogne, von Straßburg und Sedan, achtspännig über die „Place Notre Dame“ fuhr, an jenen Tag, wo der Stellvertreter unseres Pius des Neunten, der Cardinal Patrizzi, den Erben Frankreichs in Gegenwart der Würdenträger des Reiches und des Auslandes taufte. Das päpstliche Gespann übertraf jedoch an Pracht weit das des französischen Kaisers. Diese acht Pferde, die schönsten in Italien, wie man mir versicherte, heißen in der Sprache des Vaticans „Cavalli Pontificii“. Seine Heiligkeit segnet sie selbst mit einem ganz speciellen Segen. Wo bei anderm Pferdegeschirr Eisen oder Stahl, war nichts als Gold bei diesen päpstlichen Pferden zu sehen. Gold glänzte am Zaum, flimmerte unterm weißen Schaum am Gebiß, strahlte an der Brust, schimmerte an der flatternden Mähne, leuchtete auf am Bauche, glitzerte an den Seiten, blitzte auf dem Rücken – Gold und überall Gold. Vier Postillone, gleichfalls in goldstrotzenden Livreen, leiteten das Gespann. Es war für Einen, der an solchen Dingen Gefallen findet, wirklich eine Augenweide, diesen goldenen Triumphwagen fast geräuschlos vorüberfahren zu sehen.

Wie mir in Rom gesagt wurde, hat dieses Fuhrwerk allein die Kleinigkeit von einer halben Million gekostet. Was Kunst und Geld aus einem Wagen machen können, das war der Wagen des Pio Nono. Das Innere, das ich nur flüchtig erblickte, war mit den herrlichsten Seidenstoffen gefüttert. Drei mit goldenen Tressen förmlich überladene Lakaien saßen vorn und fünf andere hinten auf. Inmitten all dieser märchenhaften Pracht saß, wie ein Prinz aus „Tausend und eine Nacht“, wie ein wiedererstandener Darius oder römischer Imperator, in weißen Kleidern, mit weißer „Calotte“ auf dem Haupte – der Nachfolger des Fischers am See Tiberias.. Zu seiner Linken bemerkte ich einen Cardinal – Antonelli, wie der Abbé mir zuflüsterte. –

Ein unaussprechliches Lächeln schwebte auf den Lippen des heiligen Vaters, wie er so, in die seidenen Polster zurückgelehnt, durch das auf den Knieen liegende Volk und der Porta Pia della Via del Quirinale zurollte. Damals schien mir's ein väterliches Lächeln zu sein, heute freilich hat es für mich eine ganz andere Bedeutung. Das Lächeln eines Bauern, der seine prächtigen Schafe musterte, hat mich jüngst daran erinnert. Der Mann lächelte so für sich hin, halb selig, halb habgierig – und ich dachte an Pio Nono und sein unaussprechliches Lächeln und an jenen Tag in Rom.

Einige Schritte hinter dem päpstlichen Wagen fuhren die Eminenzen in ihren Kutschen. Jede wurde nur von vier silbergeschirrten Rappen gezogen. Statt vier nur zwei goldbetreßte Postillone, und auf den Wagen vorn nur zwei und hinten drei Bediente. Wie bescheiden doch die Eminenzen sind! Bei dem Vorüberfahren so vieler Wagen vernahm man sonderbarer Weise fast kein Geräusch. Das kam daher, weil für diese Morgenspazierfahrt die Straße dicht mit feinem Sande bestreut wurde, auf eine Breite von drei Meter und eine Länge von acht Kilometer, vom Vatican an bis drei Kilometer über die Porta Pia della Via del Quirinale hinaus, und das alles, damit seine Heiligkeit nebst den büßenden Eminenzen, sanft in den seidenen Kissen gewiegt und ohne ihre Füße oder vielmehr die Räder ihrer Wagen an einen Stein zu stoßen, ihre Morgenpromenade halten könnten. Man berechne nun, wie viel vierundzwanzigtausend Quadratmeter Sand zu streuen kostet, wie viel Arbeiter und Fuhrwerke dazu erforderlich sind – und das alles für eine kleine Morgenpromenade – und man wird sich nicht mehr fragen, wo der Peterspfennig hinkommt.

Als der letzte Wagen hinter einer Staubwolke verschwunden war, da sagte mir der „Abbé“: „Sehen Sie, Révérend Père, das ist der Stellvertreter dessen, der nicht hatte, wohin er sein Haupt legen sollte.“ Ich schaute betroffen den Priester an und bebte zurück vor der Wuth, die sein sonst schönes Gesicht entstellte.

„Wie können Sie von ihm sich segnen lassen,“ fragte ich scheu, „wenn Sie solche Gedanken im Herzen haben?“

„Sie sind Ausländer und kennen die Verhältnisse hier noch nicht; Sie haben deshalb keine Ahnung von Allem, was hier vorgeht. Bemerkten Sie die päpstlichen Lakaien? Es sind deren hundertsiebenundachtzig.“

„Es fiel mir in der That auf, daß sie musternd und etwas frech um sich schauten.“

„Das sind die Spione des Vaticans. Wenn sie statt sieben nur sechs von uns Priestern hier hätten knieen sehen, so wäre morgen schon ein Bote des Papstes hierher gekommen, um sich nach der Abwesenheit des siebenten zu erkundigen. Wehe ihm, wenn nicht Krankheit ihn zurückgehalten, oder er nicht an das Bett eines Sterbenden gerufen worden wäre! Absetzung und Pönitenz in irgend einem Kloster wäre sein gewisses Loos gewesen. Ich könnte Ihnen Beispiele erzählen. Glauben Sie mir, nur die bitterste Noth beugt unsere Kniee vor unserm Despoten!“

Ich wußte schon Manches von Solèsmes her, was man sich im Kloster vertrauensvoll zuflüsterte, ich glaubte aber nicht, daß es in Italien beim untern Klerus bereits so weit gekommen wäre.

Gegen 1870, als König Victor Emanuel die hundertneununddreißigtausend päpstlichen Wahlmänner aufforderte, zwischen ihm und Pius dem Neunten als König von Rom zu wählen, befanden sich dreißigtausend Priester und Mönche in den päpstlichen Staaten; zehntausend davon kamen allein auf Rom, und alle waren Wahlmänner. Wie viel Stimmen erhielt Pius der Neunte? Tausendfünfhundert und Victor Emanuel hundertdreiunddreißigtausendneunhundert. Fünfzehnhundert Stimmen auf dreißigtausend Priester: das ist ein Zwanzigstel, und darunter waren die tausendsiebenundneunzig goldbetreßten, kurze Hosen und seidene Strümpfe tragenden Bedienten des Vaticans. Sie wußten wohl, warum sie für Pius den Neunten stimmten; ein gut Theil des Peterspfennigs floß ja in die langen Taschen ihrer kurzen Hosen. Bei dem Resultate dieser Wahl werden sie wohl schwerlich so befriedigt gelächelt haben, wie an dem erwähnten Tage Pio Nono in seiner goldenen Kutsche oder jener Bauer an seiner Stallthür, der Eine über seine Lämmer, der Andere über seine Schafe.

Pierre des Pilliers.