Der Rabe (Übersetzung Mautner)

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Textdaten
Autor: Edgar Allan Poe
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Titel: Der Rabe
Untertitel:
aus: Neues Wiener Theater. 35, S. 11–15
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Rosner
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Erscheinungsort: Wien
Übersetzer: Eduard Mautner
Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Österreichische Nationalbibliothek; Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[11]
Der Rabe.

Von

Edgar Poë.

In Versmaß und Reimfolge des Originals aus dem Englischen von

Eduard Mautner.[1]




Mitternacht war’s, öd’ und schaurig,
Müde saß ich da und traurig,
Grübelnd ob vergilbten Blättern, tauchend in der Sagen Meer:
Schon begann ich einzunicken, plötzlich hörte ich ein Picken,

5
Wie ein leises, leises Ticken von der Zimmerthüre her:

„Ein verspäteter Besucher!“ lallte meine Zunge schwer,
Das allein ist’s und nichts mehr.

O, ich hab’ es wohl behalten:
Im Dezember war’s, im kalten,

10
Im Kamin gespenstig wallten Flammen sterbend hin und her,

Sehnlichst hofft ich von dem Morgen die Erlösung von den Sorgen,
Von dem Kummer, tief geborgen, um das Mädchen rein und hehr;
Die Verklärte, die Lenore, grüßt der Engel sel’ges Heer,
Hier nennt sie kein Name mehr.

15
[12]
Bang und zitternd mußt’ ich lauschen

Meines seid’nen Vorhangs Rauschen
Es erfüllte mich mit Schauern, ahnungs- und entsetzensschwer;
Zu beschwichtigen dies Bangen, sprach ich scheinbar unbefangen:
„Einlaß will von mir verlangen in mein Zimmer irgend wer,

20
Ein verspäteter Besucher, diese, jener, irgend wer:

Das allein ist’s und nichts mehr!“

Endlich konnt’ ich mich ermannen,
Und, um diesen Spuck zu bannen,
Rief ich: „O verzeiht mein Zaudern, schöne Dame oder Herr!

25
Wahrlich ich begann zu nicken und so leise war das Picken,

So bescheiden war das Ticken von der Zimmerthüre her,
Daß ich’s kaum vernahm“; hier zog ich rasch zurück den Riegel schwer:
Draußen Nacht und sonst nichts mehr!

In die öde Leere starrend,

30
Stand ich staunend, schauernd, harrend,

Träume träumend so entsetzlich, wie kein Mensch geträumt vorher:
Und das Schweigen ward gebrochen nur durch meines Herzens Pochen,
Wie von Geistermund gesprochen, weht ein Hauch, ein Name her,
Und das Echo gab ihn wieder, diesen Namen rein und hehr,

35
„Leonor’“ und sonst nichts mehr!


Wieder rafft’ ich mich zusammen,
All’ mein Wesen stand in Flammen,
In mein Zimmer tretend, hört’ ich pochen lauter als vorher;
„Ruhig“ sprach ich, „will ich bleiben; poch nur an die Fensterscheiben,

40
Zu ergründen dieses Treiben, dies Geheimniß ist nicht schwer;

Ruhe! Ruhe! zu ergründen dies Geheimniß ist nicht schwer:
’s ist der Wind und ’s ist nichts mehr.“

[13]
Rasch nun öffne ich die Scheiben:

Siehe da! mit Flattern, Sträuben,

45
Trat herein ein mächt’ger Rabe mit der Krallen scharfer Wehr,

Keinen Augenblick verzog er, seine schwarzen Flügel bog er,
Ueber meine Thüre flog er, nahm den Platz ein, der dort leer,
Auf der Büste der Minerva über meiner Thüre quer,
Flog und saß und that nichts mehr.

50
Dieses schwarzen Vogels Hocken

Wußt’ mir Lächeln zu entlocken,
Seine Würde war so drollig, daß der Ernst mir ward zu schwer;
Und so rief ich: „Alter Knabe, grimmer, unheimlicher Rabe!
Sage mir, nach welcher Labe trieb die Sehnsucht dich hieher

55
Und wie ist dein Herrenname in der Nacht gespenst’gem Heer?“

Krächzt der Rabe: „Nimmermehr“.

Dieses Vogels tolle Launen
Setzten wirklich mich in Staunen,
Denn, ob auch die kurze Antwort nicht besonders inhaltsschwer,

60
Dennoch wird man eingestehen: selten hat man noch gesehen

Solchen Vogels Federn wehen, dort, wo noch ein Plätzchen leer,
Auf der Büste der Minerva, über einer Thüre quer,
Mit dem Namen: „Nimmermehr“.

Doch des Raben dunkler Schemen

65
Ließ kein andres Wort vernehmen

Gleich als ob sein finstres Wesen ganz an sonst’gem Inhalt leer.
Schweigend starrte er im Kreise, keine Feder regt er leise,
Und ich sprach in trüber Weise: „And’re Freunde floh’n vorher;
Morgen wirst du mich verlassen, wie mein Hoffen floh vorher!“

70
Krächzt der Rabe: „Nimmermehr“.


[14]
„Rabe“, rief ich, „dieses eine

Wort ist, scheint es, all’ das Deine,
Sonst ist deine rauhe Kehle wohl an Worten gänzlich leer,
Der dich einst besaß, den fingen sicherlich des Unglücks Schlingen,

75
Bis er müde von dem Ringen, aufgab jede Gegenwehr,

Bis die Losung der Verzweiflung galt, der Sorgen schwarzem Herr:
Ach! die Losung: Nimmermehr.“

Doch so ernsthaft blieb der Rabe,
Daß ich fast gelächelt habe,

80
Und ich rollte ihm ’genüber den bequemen Lehnstuhl her,

Mich in seinen Sammet senkend, meine Phantasien lenkend,
Blieb ich sitzen, überdenkend: daß es zu errathen schwer,
Was er meint der Todtenvogel, über meiner Thüre quer
Mit dem ew’gen: „Nimmermehr“.

85
Träumend saß ich Stund’ auf Stunde,

Doch kein Wort kam mir vom Munde,
In mein Herz der Rabe sandte seines Blickes glüh’nden Speer
Und mein Haupt sank wie zerrissen, von dem Ahnen, Träumen, Wissen,
In des Lehnstuhl’s Purpurkissen, Lampenlicht floß d’rüber her;

90
Ach in diesem Purpurkissen mit dem Lichtschein d’rüber her

Wird sie lehnen nimmermehr!

Plötzlich wallt es in den Lüften
Wie von schweren Weihrauchdüften,
Gleich als ob das Rauchfaß schwänge sel’ger Geister lichtes Heer,

95
Und ich rief, wie im Gebete: „Sendest du mir Trank der Lethe,

Um den ich so brünstig flehte, sendest du Vergessen, Herr?
Soll Lenoren ich vergessen, schlürf’ ich diesen Becher leer?
Krächzt der Rabe: „Nimmermehr“.

[15]
Zornig rief ich, voll von Zweifel:
100
„Bist du Vogel oder Teufel?

Bist Prophet du, bist Versucher, wirbelt dich der Nachtwind her?
Sprich! und ich will mich ermannen, die Verzweiflung will ich bannen,
Die mich grimmig reißt von dannen in des Wahnsinns nächt’ges Meer,
Sage: ist mir Trost beschieden jenseits über’m Sternenheer?“

105
Krächzt der Rabe: „Nimmermehr“.


„Ob du Vogel oder Teufel,
Bist Prophet doch ohne Zweifel,
Nun so sag’ mir bei dem Ew’gen: ist sein weiter Himmel leer?
Oder fühlet Gott Erbarmen, kann, die kalt und todt, erwarmen,

110
Soll im Eden ich umarmen jenes Mädchen rein und hehr,

Die Verklärte, die Lenore, grüßt der Engel sel’ges Heer?“
Krächzt der Rabe: „Nimmermehr“.

Schnell empor riß Zorn und Haß mich:
„Vogel, Teufel! jetzt verlaß mich,

115
Schwinde hin in Nacht und Nebel, Spuck aus dem Gespensterheer,

Keine Feder lasse liegen, Einsamkeit soll mich umschmiegen,
Und dein Lügenwort verfliegen; laß der Thüre Balken leer,
Nimm die Kralle mir vom Herzen, laß der Thüre Balken leer!“
Krächzt der Rabe: „Nimmermehr“.

120
Und der Rabe rührt sich nimmer,

Sitzt noch immer, immer, immer
Auf der Büste der Minerva über meiner Thüre quer;
Seine starren Augen funkeln wild dämonisch gleich Karfunkeln,
Auf den Teppich seinen dunkeln Schatten wirft die Lampe her;

125
Und es kann die trübe Seele aus dem ew’gen Schattenmeer

Sich erheben nimmer mehr.



  1. Nachdruck nicht gestattet.