Der Schauspieler (Alxinger)

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Textdaten
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Autor: Johann Baptist von Alxinger
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Titel: Der Schauspieler
Untertitel:
aus: Gedichte S. 106–110
Herausgeber: Friedrich Just Riedel
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1780
Verlag: Johann Jacob Gebauer
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Erscheinungsort: Halle
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Quelle: Scans auf Commons
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Der Schauspieler.


An Brockmann.

Der Sohn der Schauspielkunst, ihr Liebling, ihre Zier,
Steht jetzt in seiner Größ’, ein reitzend Bild, vor mir.
     Nie ward sein edles Herz den kleinen Pöbelssorgen
Ein Sitz: er fühlte sich in seiner Jahre Morgen;

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Nur dies, nicht Dürftigkeit, nicht niedrer Arbeithaß

(Denn ha! der Haufen meynt, es wäre nur ein Spaß,
Zu dringen bis ans Herz, zu reden durch Geberden)
Bestimmten seine Wahl, das, was er ist, zu werden.
Die Würde seines Stands kennt er, und fühlet sie,

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Ist vor den Grossen stets bescheiden, kriechend nie.

Sich bücken als ein Sklav, in Vorgemächern warten,
Durchwachen eine Nacht bey Würfeln oder Karten,
Zum schnöden Tischrath sich herunter würdigen,
Und wenn ein Reicher kömmt, von seinem Töchterchen,

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Von seinem jungen Weib geschäftig sich entfernen;

O so was kan er nicht, und wird es niemals lernen!

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Er ist zu deutsch dazu, er suchet Lohn und Gunst

Dadurch, wodurch er soll, allein durch seine Kunst,
Und findet sie gewiß: denn o sein ganzes Leben

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Ist Eine lange Müh’; ihn wecket das Bestreben,

Daß ers, wenn ihn das Volk zu seinem Liebling macht,
Mit Kennern nicht verderb’, oft in der Mitternacht.
Er weiß, den Klugen könn’ ein Blendwerk niemals äffen,
Ein Ton nur sey Natur, und diesen müss’ er treffen:

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Er bildet sein Organ, giebt ihm mit Müh’ und Zeit

(Wer kan es schnell und leicht?) die seltne Biegsamkeit,
Geschickt bald sanft zu flehn in süssen Liebestönen,
Bald edles Stolzes voll Tyrannen zu verhöhnen,
Heut seine Schmerzen leis’ an seiner Kinder Brust

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Zu weinen, morgen drauf mit eines Teufels Lust,

Den grausen Stürmen gleich, die ganze Hayn’ entblättern,
Auf Unschuld, welche nackt die Hände ringt, zu wettern:
So wechselt seine Stimm’, und seiner Stimm’ entspricht
Sein ganzer Körper auch, sein magisches Gesicht

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Kan bald zum Jüngling sich und bald zum Greise wandeln,

Bey ihm wird jedes Glied und jede Nerve handeln,
Allmächtig stürmet ihn die Phantasie dahin,
Natur, Natur allein, kein Spiegel lehret ihn:
Er präsentirt sich nicht, wie feiler Aerzte Puppen

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Auf offnem Markte thun, in wunderlichen Gruppen:

Er weiß, der Mensch, den ganz die Leidenschaft besitzt,
Denkt nicht jetzt auf den Arm, und auf den Schenkel itzt,
Und er bequemt sich nicht nach eckeln Schulgesetzen
Zu schwingen so den Arm, und so den Fuß zu setzen.

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Aus aller Regeln Wust erwählt er die allein,

Das, was der kleine Geist nur scheinen will, zu seyn.
So denkt, so handelt er, vollendet die Erfindung
Des Dichters durch sein Spiel voll Wahrheit, voll Empfindung;
Es wimmle das Parterr’, es sey der Hörer Zahl

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Gering, er ist, er bleibt er selber allemal:

Wenn an des Stückes End’ ein laut Heraus ihm tönet,
Der stille Kenner ihm geheime Thränen fröhnet,

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Freut er sich seines Werths; doch wähnt er nicht dabey,

Daß seine lange Bahn nun ausgelaufen sey;

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Er weiß, daß diese Kunst so viele Tiefen habe

Als unser Herz, er lernt, und lernet bis zum Grabe.
Doch, hat der Pöbel (den in goldenem Gewand
In Logen rechn’ ich mit) kurzsichtig ihn verkannt,
Sein edles Spiel beschnarcht, ein Midas es gerichtet,

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Das Feine nicht gesehn, ihm Fehler angedichtet,

Er, sollten Witzlinge sich ausser Odem schreyn,
Er schweigt, und hüllet sich in sein Bewußtseyn ein.
Groß ist er auf der Bühn’ und im gemeinen Leben,
Er hört geduldig zu, wenn Stutzer sich erheben,

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Wenn, ist gleich ihr Gehirn zur Hälfte kaum gereift,

Doch ihre Knabenhand rasch nach der Wage greift;
Wenn sie der Männer Werth in freche Schalen legen,
In jener Garricken, in der Eckhofen wägen.
Geduldig hört er zu, wenn Scheelsucht ihn verklagt,

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Und andrer Spieler Neid an seinem Kranze nagt,

Er läßt sie nicht einmal, wenn sie ihr Müthchen kühlen,
Die Ueberschwenglichkeit von seiner Grösse fühlen;

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Doch, tritt ein Künstler auf, den auch der Lorbeer kränzt,

Und der selbst neben ihm noch auf der Bühne glänzt,

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Er ist der seltne Mann, den fremder Werth nicht kränket,

Und der der erste gern ihm Herz und Beyfall schenket.

     O Brockmann! dieses Bild, wenn es gefällt und rührt,
So sey die Ehre dein, ich habe dich kopirt.
Wohl dir und deiner Kunst! denn Josephs Gnade schwebet

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Gleich Seraphfittigen hoch über euch, schon hebet

Vor Deutschlands Bühnen sich die Wienerbühn’ empor,
O bald, bald steht sie auch in größrer Schwestern Chor
So hehr, so göttlich da, als in dem Fürstenkreise
Ihr hoher Schützer steht; doch dies sey, Freund! nur leise

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Dir jetzt ins Ohr gesagt! der Deutsche still und gut

Kräht nicht laut in die Welt, wir werden thun: – er thut.