Der Schlüssel zum Engpaß

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Autor: unbekannt
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Titel: Der Schlüssel zum Engpaß
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 465–470
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Aus dem Krieg der Tiroler gegen Bayern
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Der Schlüssel zum Engpaß.
Erzählung eines alten Tyrolers.

Lenore war in den westlichen Gebirgen der Schweiz geboren. Als sie das dreizehnte Jahr erreicht hatte, heirathete ihre Mutter, die Wittwe war, einen Tyroler und verließ ihre Heimath für immer.

Diese Heirath war nicht nach dem Sinn von Lenorens Bruder, der mit ihr in derselben Stunde geboren war und den sie mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit liebte. Ehe daher noch das Ehepaar die Hälfte der Reise nach unserm Thale zurückgelegt hatte, wanderte er nach Norden und trat in bairische Dienste.

Lenore weinte eine Zeit lang bitterlich über seinen Verlust; allmälig tröstete sie sich, als sie hörte, daß er Soldat geworden sei und hin und wieder auf allerlei Umwegen noch Zeichen seines Andenkens zu ihr gelangten.

Bald kamen auch eigne Herzensangelegenheiten, denn Lenore war zur Jungfrau herangewachsen und Hans fand das Lächeln des fremden Mädchens noch verlockender als die Gemsenjagd. Er war der verwegenste Jäger und der sicherste Schütze im Thale, und da er jung und schön und dabei aufrichtig und edeln Herzens war, so billigte man die gegenseitige Liebe des schönen Paares in der ganzen Gemeine; wir betrachteten Lenore bereits als eine der Unsrigen und sie galt allgemein für das schönste Mädchen im Thale.

Zwischen die Freierei und die Hochzeit fiel aber die Mißhandlung unseres Landes und die Rache. Selbst unsere alten Felsen färbten sich roth von dem Wiederschein der Alarmfeuer und unser Bergstrom noch röther von dem Blut unserer Angehörigen und ihrer Freunde.

Da war nur ein Herz im Dorfe, welches nicht fühlte wie die andern und dies war Lenore’s. Ihr Bruder war bairischer Soldat und obgleich sein Regiment noch nicht zu dem Heuschreckenschwarm gestoßen war, welcher die Früchte unserer Thäler aufzehrte, so stand es doch nahe an der Grenze und konnte bald in Tyrol erwartet werden.

Lenore dachte an all’ diese Dinge, bis sie beinahe wahnsinnig wurde. Bei den Versammlungen in unserem Dorfe lauschte sie mit glühenden Wangen auf die Reden ihres jungen Geliebten, mit denen er, gleich wie mit einer Trompete, die Herzen seiner Kameraden erregte; aber wenn sie allein war, dann weinte sie, als wolle sie nimmer wieder aufhören.

Es war nicht eben sonderbar, daß sie befürchtete, ein Grenzregiment möge durch einen der großen Pässe marschiren, die in das Innere des Landes führten; aber daß sie hoffen konnte, ihren Bruder zu sehen, – ihn aus einem Corps von vielen Tausenden herauszufinden, die vielleicht in geschlossener Kolonne marschirten, oder Zoll für Zoll ihren Weg erkämpften, – und sich einzubilden, ihn unter solchen Umständen für die Sache der Ehre und Freiheit gewinnen zu können, muß sicher einer Art von Wahnsinn zugeschrieben werden.

Sie war selten zu Hause. Sie brachte ganze Tage und manchmal ganze Nächte damit zu, durch die Pässe zu wandern und den Schritten des Krieges zu folgen. Sie sprach selten und aß kaum genug, ihr Leben zu erhalten, und wenn die Natur sie zu einem fieberischen Schlafe zwang, so fuhr sie nach wenigen Minuten unerquickt daraus empor, als ob sie sich ihre Nachlässigkeit vorwerfe. Allmälig erlangte sie solche Kenntniß der wilden Lokalitäten in diesem Theile des Gebirges, als nur irgend Jemand jemals besessen hat.

Unterdessen füllte sich unser Thal mit Kriegsleuten, denn Hofer und seine Gefährten sammelten sich in großer Anzahl, um die Pässe des Brenners zu bewachen. Dies ist der Hauptweg in das Innere des Landes und die Landstraße nach Italien.

Lenore war die wachsamste und, man muß sagen, die geschickteste der tyrolischen Schildwachen; denn ihre Fähigkeiten waren durch Uebung erhöht und aufgeregt durch die stärksten und heiligsten Gefühle, welche das Herz eines Weibes bewegen können.

Der Hauptpaß und der einzige von dem man meinte, daß er einem bedeutenden Truppencorps den Durchgang erlaube, war nicht so sehr der Gegenstand ihrer sorgfältigen Aufmerksamkeit, als die kleineren Gebirgsschluchten, die nur dem Gemsjäger bekannt sind. Sie kam zu diesem Verfahren durch den Gedanken an die blutige Lehre, welche der Feind kürzlich erhalten hatte und bildete sich ein, daß, während er den Hauptpaß angriff, er auf andern Wegen das verhältnißmäßig kleine Truppencorps der Tyroler zu umzingeln versuchen würde. Wurde dies Manöver beschlossen, so war es wahrscheinlich, daß ihres Bruders Regiment mit der Ausführung beauftragt werden würde, denn es war gänzlich aus Bergbewohnern, meistens Schweizern gebildet, welche an Klippen und Bergströme von Jugend auf gewöhnt waren. Was sie indessen dabei in etwas beruhigte, war der Umstand, daß es nur einen einzigen Paß gab, durch welchen eine zu diesem Dienst ausersehene Kolonne frei genug passiren konnte, um von irgend welchem Nutzen zu sein, und diesem Fleck widmete sie daher ihre ganze Aufmerksamkeit.

Man hatte noch keine bestimmte Nachricht erhalten, ob die [466] bairischen Truppen, die nach dem Brenner marschiren sollten, schon von Innsbruck aufgebrochen wären, allein man erwartete sie jeden Augenblick. Lenore begab sich wie gewöhnlich bei Tagesanbruch auf ihren Posten und setzte sich hinter einen Felsen, von dem aus sie den Engpaß übersehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Alles war Stille und Einsamkeit wie bei ihren früheren Wachen; aber endlich entdeckte ihr scharfes Auge zwischen den entfernten Felsen eine springende Gemse, deren eigenthümliche Bewegung darauf schließen ließ, daß sie Menschen gesehen oder gehört habe. Es verging noch eine Stunde und endlich sah sie eine menschliche Gestalt in derselben Richtung. Diese Gestalt blieb zwei Stunden auf demselben Fleck, setzte sich auf den Felsen und schien ein Ziegenhirt zu sein, der seine Heerde überwacht; dann verschwand sie.

Einige Zeit darauf sah sie dieselbe Gestalt in der Nähe des Engpasses, wo sie sich selbst verborgen hielt. Der Mann war in der Kleidung eines ärmeren Gebirgsbewohners und mit Angelgeräthschaften versehen. Er legte sich endlich am Rande des Bergstromes nieder und schien an nichts weiter zu denken als daran, wie er ein Mittagessen erhalten könne, ehe die Sonne hoch genug heraufstieg, um jede Wahrscheinlichkeit auf Erfolg zu vernichten.

Erst als es Mittag war und die ganze Natur von der Hitze ohnmächtig schien, erhob sich der Fischer und stieg schnell die Seite der Schlucht hinauf. Es geschah dies nicht, um unter einem der Bäume Schutz vor der Sonne zu suchen; denn er erschien und verschwand bald hier und bald da, überschritt einige Mal den Bergstrom und stieg dann wieder so hoch hinauf, daß man ihn am Rande des Horizonts sehen konnte, aufrecht und stillstehend zwischen den Lärchen, mit denen die Höhen besetzt waren.

Mehr als einmal war er über eine Stunde lang unsichtbar, aber wenn er wieder zum Vorschein kam, war er stets Lenoren näher.

Endlich sank die Sonne langsam hinter das Gebirge und der Mantel der Nacht breitete sich rings umher. Sie fuhr noch fort zu spähen, allein mehr mit dem Ohr als mit dem Auge, und als endlich der zögernde Mond am Himmel heraufstieg, hatte sie die Ueberzeugung, daß der spähende Schatten noch immer umher schwebte.

Bald entdeckte ihr geübtes Ohr die Schritte eines Mannes und das Knacken der Zweige, wie er zwischen den Bäumen empor kletterte; aber der Himmel war nun so mit Wolken bedeckt, daß der Mond, obwohl beinahe voll, die Scene nur spärlich beleuchten konnte.

Durch das Geräusch naher Schritte erhielt sie die Ueberzeugung, daß der Spion in der Nähe und daß das Geheimniß des Engpasses, welches er nach ihrer Ueberzeugung suchte, nahe daran war, entdeckt zu werden.

Der Felsen, hinter welchem sie verborgen war, schien die Schlucht mit einer unübersteiglichen Barriere zu verschließen und für jeden, der sich nicht ganz genau gerade an dem Flecke befand, war es schwierig, wenn nicht unmöglich, zu muthmaßen, daß ein schmaler Pfad um den Fuß dieses Felsens herumführte und den Eingang in die ganze Schlucht eröffnete.

Lenore starrte mit Leib und Seele durch die Spalte, welche durch zwei sich nicht vollkommen berührende Felsen gebildet wurde, und die ihr bis dahin als Beobachtungsfenster gedient hatte; aber als ein Ton, welcher dem Schnaufen eines Menschen oder eines Thieres glich, ihr Ohr erreichte, stand sie, dazu durch einen unwiderstehlichen Antrieb gezwungen, plötzlich auf und sah, sich über den Abgrund lehnend, auf den Pfad hernieder.

Gerade in diesem Augenblicke tauchte der Mond aus seinem Wolkenschleier hervor und erhellte den Fleck so deutlich wie mit Tageslicht. Ein Mann stand unten, mit aufwärtsgerichtetem Gesicht und einer Hand auf dem Kolben einer Pistole in seinem Gürtel, als ob er durch das geringe Geräusch, welches sie gemacht hatte, beunruhigt worden wäre. Der Mann war ihr Bruder!

Ein unwillkürlicher Freudenschrei war die erste Aufwallung, der sich Lenore bewußt war. Es war ihr Bruder – ihr Zwillingsbruder! Sein Gesicht war gleichsam ihr eignes Spiegelbild in irgend einem schwarzen See, der von Felsen überschattet ist! Es ist unmöglich zu sagen, welches die Gefühle des bairischen Soldaten bei diesem Begegnen waren; aber aus dem stillen Anschauen beider ist es wahrscheinlich, daß er entweder mit seiner Schwester sympathisirte, oder daß eine Anwandelung eines abergläubischen Entsetzens ihm für den Augenblick Sprache und Bewegung nahm. Im nächsten Augenblick hörte man in der Ferne ein leises Pfeifen; der Mond verschwand ebenso plötzlich wieder als er erschienen war und der Spion, der schleunigst die Seite der Schlucht hinabglitt, verlor sich zwischen den Bäumen, ohne ein Wort gesprochen zu haben.

Lenore wartete eine Weile. Sie wagte es sogar endlich, den Namen ihres Bruders zu rufen, allein der mürrische Wiederhall von den Felsen war die einzige Antwort, und als dieser Laut murmelnd erstorben war, sprang sie vor Angst und Bangigkeit in die Höhe.

Was sollte sie thun? Sollte sie den Baiern gestatten, gleich einem Strom von Blut und Feuer durch das Thal, ihrer zweiten Heimath, zu streichen? Sollte sie die Sache aufopfern, mit welcher das Leben ihres Geliebten identisch war? Oder sollte sie ihren einzigen Bruder den Feinden opfern, die nach seinem Blute dürsteten?

In den Kampf ihrer Gefühle mischten sich selbst einige desselben Nationalgeistes, welcher den Handel veredelt, durch den der Schweizer seinem Herrn sein Blut verkauft. Ihr Bruder, so schien es, hatte das Vertrauen seines Offiziers; da man ihn so herumstreifen ließ, mußte er den Ruf der Treue und des Muthes, erlangt haben; er war auserwählt worden, mitten unter tausend Gefahren einen Weg für seine Kameraden auszuspähen und vielleicht das Unternehmen zu leiten.

Lenorens Herz verlangte nach ihrem Bruder, ebenso wie das Herz einer Mutter nach ihrem einzigen Sohne schmachtet. Sie dachte, wie er gewachsen seit sie ihn zuletzt gesehen – wie stark er geworden war – wie stolz von Ansehn und wie schön und tapfer – und Thränen der Liebe und des Stolzes flossen aus ihren Augen.

Diese Thränen schmolzen indessen nicht den Entschluß hinweg, den sie gefaßt hatte. Mitten in der Nacht klopfte sie an das Fenster von Hansens Schlafkammer in seiner einsamen Hütte.

Als der junge Mann sie bei dem schwachen Schein des Mondes erblickte mit ihrem blassen Gesicht und gelöstem Haar, welches über ihre Schultern flatterte, glaubte er, daß ein Geist vor ihm stände und mußte sich vor Schrecken am Fenster halten, während er ein Stoßgebet an die Mutter Gottes murmelte.

„Sei nicht erschrocken,“ sagte sie, „zieh’ Dich an, bewaffne Dich und folge mir ohne ein Wort und auf der Stelle.“ Sie setzte sich dann nieder und lehnte sich erschöpft gegen die Mauer, bis ihr Geliebter fertig war. Als er stille herauskam, sprang sie auf und glitt vor ihm hin bis sie den Fleck erreichten, wo sie ihren Bruder gesehen hatte.

„Hans,“ sagte sie, „für lange Erklärungen ist keine Zeit übrig. Die Baiern sind nahe: wie nahe, weiß ich nicht – aber näher als Du denkst. Während der Hauptpaß angegriffen wird, soll eine Abtheilung um diesen Felsen herum schleichen und von der Höhe ihrer eignen Gebirge wie ein Geier auf die Tyroler stürzen. In dieser Abtheilung – wahrscheinlich an ihrer Spitze – wird mein Bruder sein!“

Sie hatte kaum ihre Rede geendet, als Hans zum Fuße des Felsens hinuntersprang und sich in einem Augenblick von der Zugänglichkeit dieses Passes überzeugte.

„Du hast unser Dorf, vielleicht unser Land gerettet, Lenore,“ sagte er, als er zurückkehrte.

„Höre, ich habe noch etwas zu sagen.“

„Sprich, während wir gehen; stütze Dich auf meinen Arm und laß uns so schnell nach Hause, als es Deine Kraft erlaubt.“

„Ich will es hier sagen. Ich kann nicht mit Dir gehen, denn ich bin gänzlich erschöpft und wenn ich es auch könnte, ich wollte nicht. Ich habe Dir gesagt, mein Bruder wird in der Abtheilung sein. Wird er durch Dich oder Deine Kameraden getödtet – oder verwundet, nur eine goldene Locke auf seinem theuern Haupte verletzt –“

„Lenore, was meinst Du?“

„Höre!“ und sie kniete auf den Felsen nieder, auf welchem sie stand und erhob ihre Hände zum Himmel: „wenn ein Blutstropfen meines Bruders vergossen wird, so schwöre ich –“

„Höre mich schwören!“

„Schwöre nicht! Du wirst handeln, ich weiß es, wie es sich für einen Mann und einen Tyroler schickt; was mich anbetrifft, so habe ich auch meine Pflichten. Ich schwöre, wenn die [467] Entdeckung, die ich nun gemacht habe, den Verlust von meines verstorbenen Vaters Sohn – meines einzigen – meines Zwillingsbruders zur Folge hat, – dann soll sich eher die Hölle mit dem Himmel verbinden, als das Blut unserer Geschlechter! Es ist keine schwere Sühne, Hans, der Verlust selbst einer so treuen Hand als dieser – und vielleicht würde ich als fromme Schwester sie durch meine Thränen und meine Gebete zu erleichtern versuchen. Aber ich weiß, daß Du eben so zärtlich als tapfer bist; ich weiß, daß wenn Dein Auge auf seinem Gesichte ruht, welches Du durch das meine erkennen kannst, Du daran denken wirst (und sie ließ sich von ihrem Geliebten an seine Brust drücken, während ihre Stimme durch Thränen erstickt wurde, die sie nicht länger zurückhalten konnte) – daß Du daran denken wirst, daß er – der Bruder Deiner Lenore ist!“ –

„Möge mich Gott verlassen,“ schrie Hans, „wenn ich es nicht thue! Der Arm soll verdorren, der anders auf sein Haupt fällt als in Güte und Gnade!“

Er hatte kaum geendet, als ein ferner Kanonendonner das Anrücken des Feindes verkündete, der bereits die Außenposten der Tyroler angegriffen hatte. Hans drückte seine Geliebte an sein Herz, küßte ihre blasse, feuchte Wange und sprang über die Felsen hinweg zum Sammelplatze seiner Kameraden.

Als Hans das Hauptquartier der Tyroler erreichte, fand er Alles in guter Ordnung. Hofer war von seiner zuverlässigen Schaar umgeben; jeden Augenblick kam ein Bote mit Nachrichten an; die Bewegungen der Baiern waren so gut bekannt, als hätte man ihre ganze Armee vor Augen und kein anderes Gefühl ward in den Reihen der Tyroler laut, als Ungeduld.

Einige kleine Abtheilungen waren abgesendet worden, um den Feind bei seinenn Eintritt in die Gebirgsthäler zu beunruhigen; allein es war beschlossen, daß das Hauptcorps einen entscheidenden Kampf in der vortheilhaften Stellung versuchen sollte, die es gegenwärtig einnahm.

Unter diesen Umständen machten die Nachrichten, welche Hans brachte, wenig Eindruck auf die Anführer. Er hatte keine andere Gewährschaft als die eines Mädchens, welches als halb närrisch galt und deren Bruder vor allen Dingen in bairischen Diensten war. Außerdem war Hans zu glücklich auf der Jagd und bei den Preisschießen gewesen, um ohne Feinde zu sein, und das Resultat seiner Mittheilung war ein Befehl, entweder zu den Plänklern zu gehen, oder hinten zu bleiben.

„Ihr werdet dies bereuen!“ sagte der Gemsenjäger, als er seinen Hut ärgerlich in die Stirn drückte und sich anschickte, fortzugehen. „Ich für meinen Theil habe kein Recht, mein Vaterland zu verlassen, weil seine Angelegenheiten durch unfähige oder eigensinnige Leute geführt werden. Ich gehe, um wenigstens eine treue Brust zwischen den Tyrannen und sein Opfer zu werfen.“

Eine Stunde, nachdem er den Rath der Anführer verlassen hatte und Lenore allein in ihrer Wohnung saß, hob sich die Klinke und Hans, dem sein Lieblingshund folgte, trat mit schnellen aber nicht übereilten Schritten herein.

„Lenore,“ sagte er ihre Hand ergreifend und sorgenvoll in ihr abgezehrtes, marmorbleiches Gesicht blickend, „sind die Nachrichten, die Du mir gabst wahr, so wirst Du mich nicht mehr wiedersehen. Nimm diesen Hund, laß ihn mir nicht dahin folgen, wo vielleicht ohne ihn zu viel Todte sein werden. Lenore, falle ich, so hab’ ihn meinetwegen lieb und glaube bis zum letzten Augenblicke Deines Lebens, daß Du, nach meinem Vaterlande, mir das Theuerste auf der Welt warst.“ Während er so sprach, küßte er ihre blassen Lippen und ging.

„Hans!“ rief sie aufspringend und ihm zur Thüre nacheilend, „denke daran, daß Du Lenorens Leben bist!“

„Lebe wohl – lebe wohl!“ – Der Hund winselte und heulte vorwurfsvoll, als er sich von seinem Herrn getrennt sah; Lenore warf sich auf die Knie, um ihren sinkenden Muth durch Gebet aufzurichten.

Schrecklich verging der Tag und Lenore, welche durch ihr Gebet Ruhe gefunden hatte, wurde auf’s Neue durch Gedanken emporgeschreckt, welche sich dunkel und unbestimmt gleich Gespenstern in ihrem Traum erhoben. Diesen Augenblick horchte sie, ob sie nicht irgend einen unterscheidbaren Laut von der Schlucht her vernehmen könne, – im nächsten lief sie an die Thür, als sei sie entschlossen, ihrem Geliebten zu folgen und sein Schicksal zu theilen. Eine geheimnißvolle Ahnung hielt sie jedoch stets zurück; wenn sie ihre Hand zur Klinke erheben wollte, so zitterte sie und es fehlte ihr der Muth sie zu öffnen, und endlich setzte sie sich wieder, denn ihre Beine konnten sie in der That nicht länger tragen, und versank in eine Art von Gefühllosigkeit, welche – wenn dergleichen möglich ist – gleich Elend ohne Bewußtsein zu sein schien.

Aus diesem Zustande ward sie emporgeschreckt durch ein Geheul von Hansens Hund, das durch das Haus erschallte. Das Thier hatte lange Zeit in tiefem Schlaf gelegen; allein durch einen Traum erweckt, sprang es auf und blickte ernsthaft und jammervoll in Lenorens Gesicht. In diesem Augenblick durchkreuzte der Gedanke an ihren Bruder ihren Kopf. Ihr Herz klopfte heftig, denn sie hatte, seit Hans sie verlassen, nicht an ihren Bruder gedacht.

„O heilige Mutter Gottes!“ rief sie fast kreischend, „wenn er falsch sein könnte, – und ich habe das Blut meines Zwillingsbruders für einen Kuß verrathen! Warum heultest du, stummer Zeuge? Warum, mein treues Thier?“

Der Hund winselte, leckte ihre Füße, und kroch dann auf dem Bauch zur Thür.

„Geh – fliege und ermahne ihn, den Bruder seiner Lenore zu schonen!“ rief sie, und mit fieberhaft gerötheten Wangen und dem Feuer des Wahnsinns im Blick öffnete sie die Thür, und als der Hund mit freudigem Gebell davon sprang, sank sie in einen Stuhl und brach in ein schreiendes, hysterisches Gelächter aus, welches weithin im Dorfe gehört wurde.

Hans hatte unterdessen, wie gewöhnlich bewaffnet, allein den Weg nach dem geheimen Engpaß eingeschlagen. Er lag hier zwei Stunden lang unter demselben Felsen, der Lenoren als Beobachtungsplatz gedient hatte, in der Absicht, mit seiner nimmer fehlenden Büchse die Führer der Baiern wegzublasen, wenn sie vorrückten, und dann mit dem Schwert in der Hand den Engpaß so lange zu vertheidigen, als seine Kräfte ausreichen würden.

Dadurch wurde für seine Landsleute wenigstens Zeit gewonnen, denn der Pfad war so eng, daß er es nur mit einem der Feinde auf einmal zu thun haben konnte. Kein Feind zeigte sich jedoch; allmälig bezog sich der Himmel immer schwärzer und es fing an zu regnen, als ob Himmel und Erde zusammen kommen wollten.

Hans ward ungeduldig. Er fing fast an, die erhaltene Nachricht zu bezweifeln, stand endlich von seinem Lager auf und in das Dickicht von Föhren und Lärchen lauschend, beschloß er, die Schlucht bis zu ihrem Ende auszukundschaften, um entweder mit den Baiern zusammenzutreffen, oder sich zu überzeugen, daß Lenore sich geirrt habe.

Er war noch nicht weit gegangen, alle Augenblicke horchend und um sich schauend, wie ein Wild aus seinem Lager, als ein dumpfes unbestimmtes Gemurmel im Grunde der Schlucht ihn überzeugte, daß die Zeit und die Feinde gekommen wären. Sie wurden ihm durch eine Reihe von Felsen verborgen, welche über den Fluß hinweg hingen, und krochen wahrscheinlich mühsam längs des Randes des Wassers – wenn nicht die bisherige Dürre, die erst seit den letzten zwei Stunden unterbrochen war, ihnen einen breitern Weg für ihren Marsch vorbereitet hatte.

Da der Streifen von Dickicht ohne Unterbrechung von dem Platze, wo er stand, bis zu dem fortlief, den er sich zum Schauplatz seines Kampfes ausgewählt hatte, so war der Weg ohne Gefahr, und selbst wenn der Zwischenraum weniger gedeckt gewesen wäre, so war es bei der Plötzlichkeit und Heftigkeit des Regens nicht unwahrscheinlich, daß die Gewehrschlösser seiner Feinde durchnäßt waren, da die Baiern in solchen Dingen in ihrer Ausrüstung weit weniger vorgesehen waren, als die tyroler Jäger.

Hans entschloß sich daher, die Seite der Schlucht hinabzugleiten, um durch die Zwischenräume der Felsen einen Blick auf die Truppen zu erlangen, gegen deren Uebermacht er kämpfen sollte, und im Fall der Entdeckung verließ sich der Gemsjäger auf seine Büchse und auf die Schnelligkeit seiner Füße.

Als er den Rand des Dickichts erreicht hatte, fand er, daß zwischen demselben und dem Felsen noch ein beträchtlicher Erdabhang lag, von welchem der Regen den Pflanzenwuchs hinweggespült hatte. Während er überlegte, ob es möglich sein würde, ihn im Fall der Entdeckung mit genügender Eile wieder zu erklimmen, brach der Baumast, an welchem er sich hielt und er schnurrte – nicht ganz willenlos, aber doch ohne die Vorsicht, die er sonst angewendet haben würde – bis an den Rand des Felsens, [468] gegen den er mit solcher Gewalt anrannte, daß sich ein Stein ablöste und hinunter fiel.

Der Blick, den er auf das Bette des Flusses werfen konnte, bevor er seinen Kopf zurückzog, war zwar nur ein blitzschneller, allein er war hinreichend, ihn für seine Heimath zittern zu machen.

Volle siebenhundert Mann waren unter ihm, die mit so regelmäßiger Ordnung am Rande des eingetrockneten Flusses marschirten, als sei ihr Weg eine Landstraße. Ihre Gewehre glitzerten auf ihren Schultern und sowohl die Ausrüstung wie der Anblick und die Haltung jedes einzelnen Mannes verrieth die geübten Lohnkämpfer.

Das Fallen des Steines schien durch die Leute, welche die Vorhut bildeten, bemerkt zu werden; allein es ward wahrscheinlich der Heftigkeit des Regens zugeschrieben, der noch fortwährend niederströmte. Der Umstand diente jedoch als Vorwand, einen sich erhobenen, lärmenden Streit mit großer Erbitterung fortzusetzen, und augenblicklich konnte Hans hören, wie das Wort „Halt“ von Kompagnie zu Kompagnie gerufen wurde und das ganze Truppenkorps stehen blieb.

„Beim Teufel,“ sagte eine rauhe Stimme an der Spitze, „ich will Niemand zu Gefallen so toll und blind vorwärts gehen. Himmel Donnerwetter! Was sollen wir hier, wenn unsere Kameraden an der andern Seite der Berge an der Arbeit sind?“

„Und dann,“ setzte ein Anderer hinzu, „wenn wir ankommen (und es hat nicht den Anschein, als wenn wir überhaupt ankommen werden), nachdem der Hauptpaß genommen ist, werden dann nicht selbst die versprengten Ueberreste der Tyroler stark genug sein, uns in Stücke zu hauen?“

„Aber das ist noch nicht Alles,“ stimmte ein Dritter ein, „obgleich das, beim Teufel, richtig genug ist! Ich selbst sah einen Stein von diesem Felsen hier fallen oder vielmehr ich fühlte ihn; doch das ist nicht hin noch her. Wir Alle kennen die Pfiffe von diesen Malefizbauern, die von Ehre und Kriegsgebrauch nichts wissen, und einen Offizier niederschießen, wie ich einen Wolf wegpaffen würde. Nun ist die Sache die: wird unser Führer weggeblasen, ehe wir den Punkt erreichen, den er den Schlüssel zum Passe nennt, wer, zum Teufel, soll uns denn das Schloß aufschließen? Wenn unser General sich nicht stark genug hielt, den Feind auf ehrliche Weise mit uns zu schlagen – wie wird es ihm ohne uns gehen? Und endlich – Himmel Donnerwetter! – wenn wir nicht in Sterzing zur Nacht essen, wo werden wir denn überhaupt etwas bekommen?“

Ein heiseres Beifallsgemurmel folgte dieser Rede, während Hans seinen Stutzen anlegte und auf eine Gelegenheit paßte, des Führers ansichtig zu werden, von dessen Leben der Erfolg der Expedition und vielleicht der des Krieges selbst abhing.

Es gelang ihm, zu einer Stelle zu kriechen, von wo aus er durch eine einzige Bewegung seines Kopfes die ganze vor ihm liegende Scene überblicken konnte, und dann wartete er, bis irgend ein Sprecher die unruhige Zuhörerschaft anredete und sie vielleicht nöthigte, ihre Augen nach einer andern Seite zu richten.

Er brauchte nicht lange zu warten. Eine Stimme, welche von einer Erhöhung in der Mitte des Flusses auszugehen schien, fing an, sich in verdrießlichem Tone auszulassen, der mit Zorn und Verachtung gemischt war.

„Kameraden,“ sagte der Redner, „ich habe Euch nicht in Bezug auf die Zeit getäuscht, wovon Ihr Euch überzeugen könnt, wenn Ihr nach der Uhr seht, obgleich die Hindernisse auf dem Wege daran Schuld sein mögen, daß sie Euch länger geworden, als uns lieb ist. Was nun die Entfernung anbetrifft, so versichere ich Euch heilig, daß wir nicht mehr als zweihundert Schritt von einer Stelle sind, von der aus ich Euch mit dem Finger den Schlüssel des Engpasses zeigen kann. Es ist wahr, daß bis dahin Eure Sicherheit von der meinigen abhängt, allein wollt Ihr demselben Glück, welches uns so viele Stunden begleitet hat, nicht noch fünf Minuten folgen? Zu gleicher Zeit stelle ich es Jedem, der keine Lust hat, vorwärts zu gehen, mit Vergnügen frei, umzukehren, und verzichte auf mein Recht, solche Aufführung Verrath oder Desertion zu nennen; denn bald werden wir Thaten und nicht Worte nöthig haben. Und nun, Ihr Alle, welche Ihr die Lust zu dem Abenteuer verloren habt, rechts um, kehrt Euch! und die Uebrigen vorwärts! Vorwärts für Baiern! Marsch!“

Hans erhob seinen Stutzen und brachte ihn in eine Richtung mit dem Felsen und dem Fleck, von woher die Stimme kam; allein der Redner hatte seinen Platz verlassen und die ganze Kolonne war wieder in Bewegung.

Der Tyroler verließ nun seinen Posten ebenfalls und rannte, hinter den Felsen fortschießend, ungefähr zwanzig Schritt weiter. Hier bohrte er eilig durch dickes Moos, welches den Gipfel bekränzte, eine Oeffnung, die ihm für seinen Büchsenlauf eine bessere Lage darbot und ein besseres Zielen erlaubte, und erlangte den vollen Anblick seines Mannes. Das Gewehr des Baiern deckte jedoch seinen Hals, und seine helmartige Kopfbedeckung war mit Metall beschlagen, und wenn er es versuchte, ihn in den Körper zu treffen, so war zu befürchten, daß die Kraft der Kugel entweder durch den Arm gebrochen werden, oder nur in der Seite eine leichte Wunde machen möchte. Hans rannte daher wieder weiter.

Das nächste Mal war der Führer umringt und durch einen Soldatenhaufen vollständig gedeckt. Der höhere Theil des Weges, wo derselbe den Rand des Wassers verließ und den Felshang hinauf lief, war nahe, es war der Fleck, von welchem der Führer ganz richtig gesagt hatte, daß er von hier aus den Schlüssel des Passes mit dem Finger zeigen könne.

Hans bereuete bitterlich, daß er nicht gefeuert hatte, als sich die Gelegenheit ihm darbot; allein Alles, was er nun thun konnte, war, den Platz zu erreichen, wo die Kolonne das Aufsteigen beginnen wollte und dort, wenn sich keine günstige Gelegenheit darbot, seine Aufgabe ungesehen auszuführen, die Aufmerksamkeit des Opfers dadurch auf sich zu ziehen, daß er sich kühn bloßstellte.

Er erreichte eine Stelle, die eigens für den Meuchelmord geschaffen schien. Der Felsen überhing hier den Fluß, der unten im Dunkeln aus tiefen Ufern dahin rollte und der Wanderer, der von dem tiefen Pfad herauf stieg, war genöthigt, gerade auf der Kante zu gehen, wenn er die Höhe der Klippen erreichen wollte.

In dieser Lage mußte er von Jemand, der hinter den Felsen stand, die in gezackten Lücken und Spalten gebrochen waren, vollkommen gesehen werden. Hier kroch der Gemsenjager, hier drückte er – seinen Stutzen am Backen – seinen Finger am Drücker und Mord in seinen Gedanken, der so schön aussah wie Tugend, und es vielleicht auch war.

Im nächsten Augenblick erschien der Führer, der seinen Kameraden vorangeeilt war, vollkommen sichtbar auf dem Rande der Klippe. Er war ein junger Mann – in Wahrheit ein bloßes Bürschchen – von geschmeidiger und beweglicher Gestalt. Sein Gesicht war jedoch nach einer andern Richtung gewandt, als er die Gelegenheit des Ortes zu prüfen schien, und Hans wartete geduldig, bis er sich herumwenden würde, da er entschlossen war, sein Opfer gerade in die Stirn zu treffen, aus Furcht, daß seine Kugel sonst irgend einem versteckten Schutz in der Kleidung begegnen möchte.

Der Jüngling wandte sich um und sein Auge ruhte für einen Moment gerade auf dem Fleck, wo der Schütze lag. Hans wurde wie blind. Das Blut strömte ihm aus jeder Ader des Körpers mit einer Gewalt zum Herzen, die augenblickliches Ersticken drohte. Seine Sinne verwirrten sich; es war ihm, als habe er einen schrecklichen Traum, aber inmitten von all dem erschien der Gedanke an Lenore mit niederschmetternder Bestimmtheit. Das war Lenore’s Auge, das war ihr Mund – ihr ganzes Antlitz! Ihr Bruder – der wandernde Schweizer – der arme, freudlose Bursche, war der Führer der Baiern.

Da war keine Zeit zum Ueberlegen – oder vielmehr da war zu viel. Schrecklich waren diese Augenblicke, die in ihrem kleinen Kreise genug Seelenangst einschlossen, um eine ganze Lebenszeit zu verbittern.

Der Jüngling sprang in stolzer Ungeduld auf die Klippe, welche seine Aussicht versperrte. Aus den Kehlen der Baiern ertönte schon ein halb unterdrücktes, wölfisches Geschrei bei der Aussicht, aus der Schlucht heraufzusteigen, die sie so lange verschlungen hatte.

Hans brach in kalten Schweiß aus. In diesem Augenblicke rollte der Ton einer fernen Kanonade schwerfällig über das Gebirge. Der Hauptpaß war ohne Zweifel forcirt und die Tyroler waren auf ihr Dorf zurückgetrieben. Der Schweiß trocknete auf Hansens Stirn, seine Muskeln zogen sich zusammen, sein Gesicht wurde starr und so weiß wie Marmor. Der Angstruf Lenorens, als ihr Bild vor seinen Augen vorüber schwebte, wurde erstickt in dem Schrei seines Vaterlandes. Er feuerte; der Bruder seiner [469] Geliebten machte einen Sprung von mehreren Fuß in die Höhe, und stürzte dann in den Bergstrom, eine blutende Leiche!

Ein Ton wie ein heftiges und schmerzliches Stöhnen rann durch die Reihen der Soldaten, und als darauf eine plötzliche Stille folgte, hörte man nichts, wie das dumpfe Fallen des Körpers, als der Bergstrom das Blutopfer gierig verschlang.

Im nächsten Augenblick hatten die Männer ihre Gewehre an der Schulter und sahen nach der Richtung hin, von welcher der Schuß gekommen war, in der Erwartung, die ganze Macht der Bauern gleich Erscheinungen auf den Höhen zu erblicken. Sie sahen auf dem Gipfel nur einen einzelnen Mann mit gesenkter Büchse, der wilden Blicks auf die rothen Zeichen starrte, welche der Fluß hinwegschwemmte. Ein Augenblick ward in Erstaunen und Verwirrung verloren, allein im nächsten wurden mehr als fünfzig Gewehre auf einmal abgedrückt. Die größte Anzahl versagte, da das Pulver auf der Pfanne durch den Regen verdorben war; aber einige Schüsse gingen los. Den Hut des Tyrolers sah man zuerst fallen, dann einen Fetzen des Aermels flattern.

Der Schmerz der Wunde schien den Trieb der Selbsterhaltung zu erwecken, der für einige Augenblicke in der Verzweiflung seines Herzens erstickt war; der Mörder wandte sich und floh.

Das Geheimniß des Engpasses war bewahrt. Nackt und schrecklich hing der Wachtfelsen über die Schlucht, welche er in einer Weise verschloß, die nicht die geringste Hoffnung auf einen Durchgang aufkommen ließ, und Hans floh in einer entgegengesetzten Richtung die Felswand hinauf, indem er die Soldaten nach einer Stelle zu locken gedachte, auf welcher sie von vielen Häusern und Dörfern seiner Landsleute gesehen werden konnten.

Er floh in Sicherheit. Ein Zauber schien sein Leben zu erhalten, denn die Kugeln der Baiern, die seiner Fährte schnaubend wie Bluthunde folgten, splitterten die Büsche und rissen die Erde rings um ihn auf, ohne ein Haar seines unbedeckten Hauptes zu verletzen.

Mit einem kräftigen Sprunge erreichte er den Wald und war gerettet; aber in demselben Augenblicke übertönte ein lautes und scharfes Geheul das Geschrei der Soldaten, und man sah [470] seinen Hund am Rande des unglücklichen Felsens! Das Thier starrte einen Augenblick auf den Kampfplatz, und rannte dann hinunter durch den Engpaß. Das Geheimniß war entdeckt.

Die Baiern gaben es auf, einen einzelnen Feind zu verfolgen und liefen, um sich des Schlüssels des Engpasses zu versichern. Hans kam ihnen jedoch zuvor. Er kämpfte, als sei die Kraft seines Vaterlandes in seinem einzigen Arm. Durch die Ueberzahl zurückgedrängt – schwach, blutend, verstümmelt – vertheidigte er jeden Schritt, jeden Zoll des engen Durchganges.

Seine heldenmüthige Aufopferung war nicht vergebens. Gerade als ihn Kraft und Leben verließen, kamen seine Landsleute herbei, die soeben eine Abtheilung des Feindes geschlagen hatten, um auch die Angreifer des Engpasses zu vernichten.

Sein Ehrendenkmal ist neben dem der andern tyroler Helden im Herzen seiner Landsleute errichtet, wenn auch seinen Ruheort nur ein bescheidener Erdhügel bezeichnet.

Lenore überlebte ihren Geliebten lange Jahre, ein Gegenstand der höchsten Achtung für ihre Umgebung; und wenn sie, das Gesicht in einen dichten, schwarzen Schleier gehüllt, ein Körbchen mit Blumen am Arm, ihren täglichen Gang zum Grabe ihres Geliebten machte, dann entblößten sich ehrfurchtsvoll die Häupter von Jung und Alt, die ihr begegneten.

Den Hund hat sie treu gepflegt bis an sein Ende.