Der Spiritismus vor dem Gerichtshofe der Wissenschaft

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Autor: Wilhelm Loewenthal
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Titel: Der Spiritismus vor dem Gerichtshofe der Wissenschaft
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 11–15, 98–100
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[11]
Der Spiritismus vor dem Gerichtshofe der Wissenschaft.
I.


Die spiritistische Bewegung nimmt, namentlich in England und Amerika, immer größere Dimensionen an. Eine gut geleitete Presse verkündet dem Inselreiche das neu erstandene Heil. „Es ist Methode in dem Wahnsinn“, und wissenschaftlich gebildete, ehrliche Männer sind überzeugungstreue Spiritisten. Die Anschauungen der in dieser sonderbaren Wissenschaft wirklich Bewanderten auf logische Weise zu widerlegen, ist platterdings unmöglich; denn in ihrem gut ausgebeuteten System finden sie auf jeden Einwurf eine Entgegnung, die, von ihrem Boden ausgehend, vollkommen berechtigt ist. Wir wollen uns daher lediglich an die Thatsachen halten, die von den Spiritisten uns gemeldet werden, und auf diesem concreten Gebiet sie zu schlagen suchen.

Ich habe zahlreichen Sitzungen dieser merkwürdigen Gemeinde beigewohnt. Eine der hervorragendsten Versammlungen, bei denen ich gegenwärtig war, fand in London bei der in den dortigen spiritistischen Kreisen – und diese erstrecken sich bis in das high life – sehr bekannten Mrs. V… statt. Der liebenswürdigen Tochter eines mir rasch liebgewordenen Hauses gelang es, wenn auch mit vieler Mühe, uns Beiden noch Plätze zu der demnächstigen Tafelrunde, deren Mitgliederzahl stets eine beschränkte ist, zu verschaffen. Vor Allem lag mir aber daran, etwas Näheres über Mrs. V… selbst zu erfahren.

„Nun, sie ist eine ganz ungebildete Frau aus den niederen Volksclassen, die von ihrem ersten Manne ein schönes Stück Geld ererbte und sich vor Kurzem wieder verheirathete. Die Leute machen jetzt ein großes, wenn auch nicht gerade allzu geschmackvolles Haus und halten alle vierzehn Tage eine Sitzung, an der nur Geladene theilnehmen dürfen.“

„Machen sie ein Geschäft daraus?“ fragte ich. „Denn in diesem Falle würde ich kaum hinzugehen geneigt sein.“

„Im Gegentheil!“ lautete die eifrige Versicherung. „Jede Sitzung kostet Mrs. V… fast so viel wie eine kleine Soirée, denn die Theilnehmer bleiben zum Thee und einem splendiden Abendbrode dort. Ein materieller Vortheil kann also den Leuten auf keinen Fall daraus erwachsen.“

Ich schwieg und wartete der Dinge, die da kommen sollten.

Am Abende gingen wir, Fräulein P. und ich, zu Mrs. V… , der ich als ungläubiger Wissenschafter schon gemeldet worden war. In dem wirklich elegant eingerichteten Salon empfing uns Mr. V… im tadellos schwarzen Frack, seine Gattin in voller Toilette, und bald wurde ich von den anderen Gästen in's Gebet genommen. Da war ein Herr C. C., Professor der Jurisprudenz, Mr. W., Professor der Chemie, Graf und Gräfin W. Baron F., Reisebegleiter und Erzieher einer fürstlichen Persönlichkeit, und so fort, Alles gläubige Spiritisten, die in feiner Weise mir ihr Erstaunen darüber zu erkennen gaben, daß ich noch nicht zu den Ihrigen gehöre. Eine Unzahl von Wundern wurde mir aufgetischt, die Mrs. V… mit Hülfe ihrer Geister schon ausgeführt haben sollte. Letztere saß breitspurig in ihrem Fauteuil, hatte aber Ueberlegung genug, sich nur in sehr karger Weise an dem allgemeinen Gespräche zu betheiligen, das in der durchaus feingebildeten Gesellschaft geführt wurde. Ich konnte mich nicht genug darüber verwundern, wie so geistreiche und den wahrhaft höheren Ständen angehörige Leute Spiritisten sein konnten, und so kam es, daß ich mir vornahm, in der allerunparteiischsten Weise und wirklich ohne jedes Vorurtheil das Kommende zu beobachten.

„Sie haben Glück,“ sagte Baron F. zu mir, „denn gerade für heute haben die Geister versprochen, sich sichtbar zu machen. Sie werden einer der seltensten und beweiskräftigsten Sitzungen beiwohnen und gewiß als einer der Unsrigen das Haus verlassen.“

„Das Letztere wollen wir vorläufig noch nicht erörtern,“ entgegnete ich. „Aber um mich zu überzeugen, müßte mir gestattet werden, alle mir nöthig scheinenden Untersuchungen ohne Weiteres vorzunehmen. Darf ich das?“

„Gewiß,“ meinte die Dame des Hauses. „Nur müssen Sie sich natürlich den von den Geistern gegebenen Anordnungen fügen. Ohne ein solches Versprechen von Ihrer Seite würden die Geister überhaupt nicht kommen.“

„Damit ist ja aber die mir soeben ertheilte Erlaubniß zur freien Untersuchung vollkommen illusorisch geworden. Die Geister werden mir eben Alles verbieten, was ihnen nicht paßt.“

Man zuckte die Achseln. „Die Geister bedürfen gewisser Vorbedingungen, um sich uns mittheilen zu können. Hoffen wir, daß sie Ihnen freie Hand lassen!“

„Ohne vorherige Anfrage darf ich also nichts thun, darf nicht im gegebenen Augenblicke mir mit Hülfe meiner Augen und Hände Aufklärung zu verschaffen suchen?“

„Gewiß nicht!“

„Dann verzichte ich auf die Rolle des Untersuchenden und begnüge mich mit der des Beobachters,“ schloß ich unmuthig. „Aber welches sind denn die hauptsächlichsten Vorbedingungen zur Manifestirung Ihrer Geister?“

„In dem Sitzungszimmer darf kein Feuer angezündet werden.“

Es war im März und bitter kalt.

„Dann werde ich mir erlauben, meinen Ueberzieher anzulegen. Und sonst?“

„Das Zimmer darf auch nicht erleuchtet sein. Nur in seltenen Fällen gestatten die Geister ein schwaches Halbdunkel.“ [14] „Welchen Regeln habe ich mich zu unterwerfen,“ fragte ich, „da Beleuchtung und Heizung nicht von mir abhängen?“

„Sie müssen den Platz einnehmen und behalten, den die Geister Ihnen anweisen. Wenn Sie Mitglied der 'Kette' sind, dürfen Sie Ihre Hände nicht vom Tische nehmen u. dgl. mehr.“

Ich konnte die Bemerkung doch nicht unterdrücken, daß auf diese Weise die Prüfung der Geister nur in sehr engen Grenzen möglich sei, daß man derart überhaupt nichts prüfen könne.

Man zuckte wieder die Achseln. „Wir Menschen können doch unmöglich wissen, wozu die Geister diese oder jene Anordnung treffen; wir können nicht anders, als uns diesen Anordnungen fügen.“

„Dann aber dürfen Sie nicht behaupten, wie Sie dies so oft thun und auch mir gegenüber gethan haben, daß der Spiritismus jede Prüfung gestatte und vor jeder Prüfung Stand gehalten habe,“ meinte ich. „Dann müssen Sie zugeben, daß Sie in ganz gewöhnlicher, ungeprüfter und unbewiesener Weise glauben, ohne diesen Glauben logisch beweisen zu können.“

„Wenn nicht logisch, so doch thatsächlich,“ entgegnete der Chemiker mit überlegenem Lächeln. „Warten Sie nur bis nach der Sitzung, dann werden Sie selbst gewiß anders sprechen.“

Diese unerschütterliche Siegesgewißheit verfehlte doch nicht, einen gewissen Eindruck auf mich zu machen, und mit großer Erwartung folgte ich der Gesellschaft in das eine Treppe höher gelegene Sitzungszimmer.

Ein kahles, kaltes Gelaß, ohne Feuer und ohne Licht. Nahe der Thür ein großer, massiver, runder Tisch, mit einem runden, großen excentrisch gelegenen Loche, der Oeffnung, durch welche die Geister ihre verschiedenen Productionen vorführen sollten. Um diesen Tisch ein Dutzend harte, ungemüthliche Stühle, im Hintergrunde ein gewöhnlicher Divan, so etwas wie ein Küchenschrank nahe dem Tische – das war das ganze Meublement des frostigen Zimmers.

Auf dem Flure brannte ein einsames Licht; die Thür wurde geschlossen, nachdem die ganze Gesellschaft Platz genommen hatte, und undurchdringliche Finsterniß umgab uns. Die Dame des Hauses, das Medium, saß zunächst der Geisteröffnung im Tische, ich auf dem Stuhle zu ihrer Rechten (ich wollte die rechte Hand der Dame unter meiner Controle haben). Die Sitzung begann, indem jeder Anwesende seine Hände auf den Tisch legte. Plaudern war gestattet, und so entspann sich bald ein leises Gespräch, das sich natürlich nur um die verschiedenen, bereits erlebten oder von Anderen erzählten Wunderdinge drehte. Plötzlich machte sich ein leises Klopfen an oder vielmehr unter dem Tische hörbar, etwa wie das Knacken eines Pistolenhahns – die Geister weilten in unserer Mitte.

Nun begann das zeitraubende Gespräch mit den Ueberirdischen, indem das Alphabet langsam hergesagt und der Buchstabe gemerkt wurde, bei dem der Tisch klopfte; zur Erleichterung des Verkehrs drückte der Tisch bei an ihn gestellten Fragen seine Bejahung durch dreimaliges und seine Verneinung durch ein einziges Klopfen aus.

Nach etwa einer Stunde dieses mühevollen Zwiegespräches befanden sich die Geister endlich in der angenehmen Verfassung, alle ihre buchstabenweise gegebenen Anordnungen erfüllt zu sehen und die „thatsächlichen Beweise ihrer Existenz“ beibringen zu können. In dieser Stunde nämlich wurden zuerst ich und dann noch drei Herren aus der Kette hinausbugsirt, und nur mit Mühe erlangten wir die Erlaubniß, hinter den Stühlen der Sitzengebliebenen uns aufhalten zu dürfen. Dann mußten die Sitzenden ihre Plätze so lange wechseln, bis in unmittelbarer Umgebung des an dem Geisterloche gebliebenen Mediums nur zwei sehr unschädliche alte Damen sich befanden, von denen ich die Eine aus guten Gründen für eine Helfershelferin der Dame vom Hause halten mußte. Nun wurde das Geisterloch mit einem großen Glassturze bedeckt, der vorher von einer im anderen Zimmer befindlichen Stutzuhr abgenommen worden war. Außerdem mußten die Damen ihre Kleider derart um den Tisch ausbreiten, daß der untere Raum desselben, von der Tischplatte abwärts, ganz abgeschlossen war – gleichsam ein Ankleidezimmer für die auf der Bühne erscheinenden Geister. Endlich wurde auf meine ausdrückliche Anfrage ein „schwaches Licht“ von den Ueberirdischen gestattet – es wurde dadurch hergestellt, daß man die zum Flure führende Thür in einem von den Geistern genau bestimmten Maße öffnete.

Und nun begann ein monotoner, wahrhaft schrecklicher Gesang aller Assistirenden, der sich innerhalb weniger, stets gleich bleibender Töne auf und ab bewegte – „damit die Gedanken der Anwesenden nicht von der Sache abgelenkt würden“, wie man mir auf meine erschrockene Anfrage über den Grund dieses Singsangs beruhigend erklärte; im ersten Augenblicke hatte ich nämlich nicht anders gedacht, als daß die ganze ehrenwerte Gesellschaft plötzlich den Verstand verloren habe.

Die Lage wurde immer kritischer, der Gesang immer ernster und schrecklicher; die Erwartung machte die Stimmen beben und die Hände schlottern, – es schien mir beinahe, als ob die alten Herren Furcht hätten. Da hörte ich ein leises Knistern und roch etwas wie Phosphor. Der Singsang wurde entsetzlich, denn jetzt mußten die Geister bald sichtbar werden, und richtig: plötzlich verstummte der Gesang; leise, von Furcht und Grauen erstickte Stimmen flüsterten: „Der Geist, der Geist,“ und Alles blickte unverwandt nach dem Glassturze über dem Loche. Auch ich, aber ich sah nichts als weiße, wallende Wolken innerhalb des Glases, und außerdem bemerkte ich noch, daß die eine Hand des Mediums nicht an ihrem Platze war. Nach einigen Secunden verzogen sich die Wolken aus dem Sturze, und Baron F. verfehlte nicht, dem verschwindenden „Geiste“ wie einem intimen Freunde zuzunicken und ihm zwei- oder dreimal mit zitternder Stimme nachzurufen: „Dank' Dir, lieber Geist, dank' Dir!“ Dann entfesselte sich ein wahrer Sturm unter den Anwesenden, – „er hat mir zugelächelt,“ – „er hat mir gewinkt,“ – „mir auch,“ – „er sah aus wie ein alter Mann,“ – „nein, wie ein Engel,“ – „es war ein kleines Kind,“ –„mit einer Wunde an der Stirn,“ – „ja, ja, ein Kind mit einer Wunde,“ riefen jetzt Mehrere, und plötzlich hatten Alle das verwundete Kind gesehen, auch diejenigen, die kurz vorher „einen alten Mann“ und „einen Engel“ erblickt hatten.

Nach und nach legte sich der Sturm der Begeisterung, und die Komödie (eigentlich Tragödie!) begann von Neuem; die Hände wurden wieder .in Ordnung gebracht, und der Singsang wühlte sich auf's Neue in mein Gehirn. Wieder die weißen Dampfwolken innerhalb des Glassturzes, wieder allgemeines „Ah!“ der Bewunderung und dann lautloses Schweigen, aber jetzt sah auch ich, wie die Wolken sich gleichsam verdichteten und endlich etwas in dem Glassturze erschien wie ein durchsichtiger, verschwommener Kopf. Richtig! Ein Gesicht mit blonden in die Stirn gekämmten Haaren, nach allen Seiten sich wendend und nickend, und endlich in die Oeffnung gleichsam zurücksinkend. „Aber das ist ja der Reflex eines Bildes, wie man sie so häufig vor dem Auftauchen der Daguerrotypie und Photographie anfertigte, eine elende Pinselei in Wasserfarben und in Holzmanier,“ hätte ich beinahe laut ausgerufen, aber ich besann mich noch zu rechter Zeit darauf, in welcher Gesellschaft ich mich befand, und schwieg.

Kaum hörte ich noch auf den weiteren Unsinn, der da vorgebracht wurde. Ich wollte einige Fragen an die „Geister“ richten, aber sie erklärten, zu der Antwort „jetzt nicht disponirt“ zu sein. Natürlich! Wann hätten so unendlich hochstehende Gewalten – überirdische oder irdische – sich je um die Scrupel des „beschränkten Unterthanenverstandes“ viel gekümmert!

Ich war froh, als die „Sitzung“ beendet war und wir uns in das Eßzimmer zu einem ganz ausgesucht leckeren Abendessen verfügten; ich hatte entschieden mehr Verständniß für die mir hier gebotenen materiellen Genüsse, als für die „geistigen“, die mir eine Treppe höher zu Theil geworden waren. Das schien auch die Gesellschaft zu bemerken, da ich kein Wort über das soeben Erlebte verlor; man war entweder zu stolz oder zu siegesgewiß, um mich zur Aussprache meines Urtheils zu veranlassen; nur Baron F., mein Nachbar, konnte nicht umhin, mich mit stolzem Selbstbewußtsein zu fragen, ob ich nun noch irgend einen Zweifel gegen den Spiritismus hege?! Glücklicherweise sprach er deutsch zu mir, so daß ich ihm antworten konnte, er möge doch so freundlich sein, mich wenigstens so lange mit jeder Discussion über diesen Gegenstand zu verschonen, wie wir uns in der Gesellschaft des Mediums befänden; das hörte auch Fräulein P., meine liebenswürdige Begleiterin, und unterdrückte die Fragen, die ihr schon auf den Lippen geschwebt hatten.

Als wir aber das Haus verlassen hatten, stürmte Alles auf mich ein.

„Nun?“ begann Fräulein P.

[15] „Nun,“ sagte ich, „solche Thatsachen werden im Leben nichts für Sie und den Spiritismus beweisen – ich halte den ganzen Vorgang für bewußten Schwindel, für bloße Taschenspielerkünste.“

Ungeheure Entrüstung von allen Seiten.

„Wir uns beschwindeln lassen! Unsinn! Haben Sie denn die Geister nicht selbst gesehen?“

„Erlauben Sie, meine Verehrten! Sie sind gläubige Spiritisten und sehen deshalb rasch, was Sie zu sehen wünschen und Andere sehen lassen wollen. Durch das Gespräch im Salon schon in die Wunder- und Märchenwelt versetzt, kommen Sie mit Anderen, die in derselben Verfassung sich befinden, in das finstere, kalte Sitzungszimmer. Sie sehen nichts, gar nichts von dem, was um Sie her vorgeht. Sie hören nichts Anderes, als Geschichten von den bisher erlebten Wunderdingen. Eine volle Stunde und darüber werden Sie mit Vorbereitungen gequält, bis die Anwesenden die 'fehlerfreie Kette' zu Stande gebracht haben. Was unter dem Tische vorgeht, das müssen Sie mit Hülfe Ihrer eigenen Kleider hermetisch von der Außenwelt abschließen, damit ja kein profaner Blick in den geheiligten Raum zu dringen vermöge. Sind Sie so gehörig vorbereitet, dann beginnt der 'Geistersang', und Sie, Fräulein P., die Sie so eminent musikalisch sind, werden mir gewiß zugeben, daß diese Musik im Stande ist, das bischen noch übrig gebliebene Ueberlegung – ich bitte um Verzeihung, meine Verehrten – vollends in Verwirrung zu bringen. Das Medium hat nun freies Spiel …“

„Aber die Geister waren doch effectiv da,“ unterbrach man mich, „.wir haben sie ja Alle gesehen.“

„Ein wenig Geduld, bitte! Die Aufmerksamkeit ist nun genügend abgelenkt, die Erwartung gespannt, – da brennt das Medium irgend eine Substanz an, welche diese weißen Wolken erzeugt. Ich wenigstens habe kurze Zeit vor der 'Erscheinung' deutlich ein Knistern gehört und einen Phosphorgeruch wahrgenommen.“

„Ich auch, ich auch,“ murmelten Einige, „aber so kündigen sich die Geister an.“

„Gleichzeitig ist eine Flamme angezündet worden – vielleicht in dem dem Tische zunächst stehenden Schranke, dessen unterer Theil inzwischen geöffnet wurde – und von einer ganz gewöhnlichen Wasserfarbensudelei, wie Sie deren in allen Trödelbuden finden und die einen schrecklich hölzern gemalten Männerkopf darstellt, ist mit Hülfe eines Reflexionsspiegels das Bild in den Glassturz, wie in eine camera obscura, geworfen worden.“

„Ah!“

„Und da der Glassturz rund ist, so stellt sich das Bild des Gesichtes ebenfalls rund dar; es nimmt damit eine natürliche Gestalt an, und Sie glauben, die Vordertheile eines Kopfes zu sehen.“

„Und wer soll denn das Alles gemacht haben?“

„Wahrscheinlich Mrs. V…“

„Aber sie hatte ja die Hände ununterbrochen auf dem Tische.“

„Nicht ununterbrochen. Aber abgesehen davon, wozu hat sie denn ihre Füße?“

„Und das Klopfen?“

„Ebenfalls mit Hülfe des Fußes und einer im Tische verborgenen kleinen Feder.“

„Haben Sie denn das Alles gesehen?“

„Dazu war es viel zu finster,“ entgegnete ich; aber ich erkläre mir das so auf die ungezwungenste Art; ich combinire mir das.“

„Immer betrügt Mrs. V… nicht,“ nahm nun eine kleine Dame schüchtern das Wort, „aber doch manchmal, wenn die Geister nicht kommen wollen. Sie ist ein gutes Medium sonst, und heute hat sie gewiß den Geistern nicht nachgeholfen.“

„Und woher schließen Sie, daß Sie es ein anderes Mal thut?“ fragte ich gespannt.

„Nun denn,“ sprach die junge Frau zögernd, „die Blume, welche Baron F. unlängst von den Geistern erhielt, lag vorher auf dem Schooße der Mrs. V., – ich saß neben ihr –, und ich sah deutlich, daß es auch ihre Hand war, die ihm die Blume durch die Oeffnung im Tische reichte. Der Baron wäre aber auch ganz untröstlich gewesen, wenn ihm die Geister das kleine Geschenk, um das er flehentlichst bat, verweigert hätten.“

Wie sehr bedauerte ich, daß der Baron, der Jurist und der Chemiker inzwischen weggegangen waren!

„Warum deckten Sie aber den Betrug nicht auf?“ fragte ich.

„Ich fürchtete mich,“ lautete die einfache Antwort.

Gräfin W. lachte vor sich hin.

„So darf ich wohl auch eine kleine Entdeckung zum Besten geben? Unter Ihrem Schutze, Herr Doctor,“ fügte sie hinzu.

Ich bat darum.

„Unlängst war ein Geist so freundlich, seine Hand anfühlen zu lassen – es war aber der nackte Fuß der Mrs. V. Ich habe es deutlich gesehen.“

Ich konnte mich eines lauten Lachens nicht erwehren.

„Und warum warteten auch Sie so lange mit der Entdeckung?“ fragte ich wieder.

„Weil es mir Niemand geglaubt hätte, auch mein Mann nicht,“ entgegnete die Gräfin. „Sie hätten Alle von Sinnestäuschung gesprochen, wenn ich auch meiner Sache noch so gewiß war.“

„Ich gebe zu, daß Mrs. V. manchmal den Geistern nachhilft,“ meinte Fräulein P. nun ziemlich kleinlaut, „aber ich bin noch fester davon überzeugt, daß sie es nicht immer thut. Wozu sollte sie es auch? Was für einen Grund hätte sie denn dazu?“

„Der Grund ist doch ziemlich leicht zu entdecken,“ wandte ich ein. „Sagen Sie, Fräulein P., würden Sie Mrs. V. besuchen, wenn sie kein Medium wäre? Würde diese Dame ohne ihre Geisterwirthschaft das für sie unschätzbare und auf gar keine andere Weise zu erreichende Glück haben, Koryphäen der Wissenschaft und der Gesellschaft in ihren Salons versammelt zu sehen? Halten Sie das für keinen genügenden Grund? – –

Wenn ich diese mir ewig denkwürdige „Sitzung“ sammt ihrem kläglichen Ende so ausführlich erzählte, so that ich dies, um dem deutschen Leser einen Begriff davon zu geben, in welch primitiver Art die hohen und höchsten Kreise in England sich manchmal von diesen scheinbar uneigennützigen Medien düpiren lassen. Aber auch für unsere Erörterung können wir einen wichtigen Satz daraus ableiten, denjenigen nämlich:

Kein sogenanntes, von den Spiritisten vollbrachtes Wunder ist im Stande, die Wahrheit des Spiritismus zu erhärten, so lange dieses Wunder auch als auf rein mechanischem oder technischem Wege erzeugt gedacht werden kann – gleichviel, ob man sich das Zustandekommen desselben sofort erklären kann oder nicht. Wir sehen auch von „Professoren der Magie“, d. h. Taschenspielern, oft genug Kunststücke selbst ohne Zuhülfenahme jedes Apparates ausgeführt, die unsere höchste Bewunderung erregen und deren Zustandekommen der Zuschauer sich gar nicht erklären kann, aber an eine Mithülfe von Geistern glaubt deshalb doch Niemand. Wir werden auf diesen Satz in einem zweiten Artikel zurückzukommen Gelegenheit haben.

[98]
II.

Hätten wir es nun im Spiritismus nur mit den bisher besprochenen Betrügern und Betrogenen zu thun, so würde ein ernsteres Eingehen auf diese Materie kaum lohnen, aber es begegnen uns innerhalb dieser Gesellschaft noch Individuen und Thatsachen, die nicht in die oben genannte Rubrik gehören und die man bisher in allen Ausführungen gegen den Spiritismus fast geflissentlich zu besprechen vermieden hat. Aber gerade diese sind von der allergrößten Wichtigkeit und verdienen eine ganz besonders genaue Prüfung. Wir meinen die wirklich ehrlichen und ehrenhaften Medien. Unmöglich scheinende Sachen, ausgeführt von Leuten, deren Ehrlichkeit über jeden Zweifel erhaben ist – wer sollte da nicht stutzen und befremdet sich fragen, ob denn der Spiritismus wirklich so gar keine Beachtung verdiene?

Ich kenne drei solcher Medien, die zweifellos ebenso wenig im Stande sind, Andere zu täuschen, wie einer bewußten Selbsttäuschung zu unterliegen; namentlich Eines dieser drei habe ich hierbei im Auge; es ist ein wissenschaftlich gebildeter, logisch denkender und vorurtheilsfreier Mann, für dessen Ehrenhaftigkeit ich unbedingt einstehe. Dieser Mann, ein sogenanntes „schreibendes Medium“, hat oft genug in meiner Gegenwart Verkehr mit den „Geistern“ gepflogen und dabei Resultate zu Tage gefördert, die seiner gewöhnlichen Denkweise, seinen gewöhnlichen geistigen Fähigkeiten entschieden weit überlegen waren und die deshalb – so müßte man doch ohne gründlichere Prüfung annehmen – nicht von ihm herrühren konnten, sondern von einem ihm überlegenen, von ihm getrennten Wesen, also einem „freien Geiste“ zu stammen schienen. Der Mann nimmt einen Bleistift und weißes Papier zur Hand; plötzlich krümmt und windet sich die Bleifeder, preßt sich wie selbstthätig in die zum Schreiben geschlossene Hand und beginnt, bald langsam, bald in fliegender Hast, auf dem Papiere zu schreiben, oft unzusammenhängende Wörter, unsinnige Sätze, oft nur Striche und allerlei Schnörkel, aber auch sehr oft überraschend logische und im elegantesten Styl gehaltene Antworten auf gestellte Fragen – Logik und Styl in einer den gewöhnlichen Fähigkeiten des Mediums sehr überlegenen Weise.

Der Mann versichert – und man darf ihm, wie bereits bemerkt, auf’s Wort glauben – daß die Feder ohne sein willkürliches Zuthun schreibe, daß er unmittelbar vorher erst wisse, was er schreiben werde, gleichsam als dictire es ihm Jemand, oder noch richtiger ausgedrückt, als setze sich in seinem Centralorgane[WS 1] ein fremder Wille fest, der nun an Stelle seines eigenen Willens die Bewegung der Arm- und Handmuskeln übernehme und das Schreiben bewerkstellige.

Spiritistisch ist der Vorgang sehr einfach zu erklären: der fremde freie Geist setzt sich durch sein „Perisprit“[1] mit dem des Mediums in Verbindung und theilt dann seine Ideen dem Verständnißvermögen des Mediums mit, welch letzteres nun durch seine Organe diese Ideen in gewohnter Weise zum Ausdrucke bringt. Es klingt wunderbar, aber wir haben einen natürlichen Weg, uns das Vorkommen dieser glaubwürdigen Medien zu erklären, die im „inspirirten“ Zustande etwas zu leisten vermögen, dessen sie im gewöhnlichen Leben nicht fähig sind; wir brauchen uns in dem bewunderungswürdigen Haushalte des menschlichen Organismus nur etwas näher umzusehen.

Die Fähigkeit des Menschen, zu denken, geistig zu arbeiten, ist eine gesetzmäßig vollkommen geordnete und an ein bestimmtes Organ im Körper, das Gehirn, gebundene; das bestreitet heute Niemand mehr, der von dem körperlichen und geistigen Leben des Menschen überhaupt etwas weiß, auch derjenige nicht, der an eine vom Körper gesonderte menschliche Seele glaubt. Letzterer weicht nur darin von unserer Anschauung ab (derjenigen nämlich, daß die geistigen Fähigkeiten lediglich eine Eigenschaft des Gehirns seien), daß er annimmt, die Seele bediene sich des ihr untergeordneten Gehirnes als eines Organes, durch das sie ihren Willen und ihre Eigenschaften kundgiebt, – und diese Abweichung in der Anschauung ist für unsere Erörterung, bei der wir nur die geistigen Fähigkeiten an sich im Auge haben, unerheblich; es ist im vorliegenden Falle gleichgültig, woher die geistigen Fähigkeiten des Menschen stammen, ob von einer gesonderten Seele oder von dem körperlichen Gehirne; wichtig für uns ist nur, daß diese Fähigkeiten als solche existiren, daß sie mithin in verschiedener Kraftfülle bei verschiedenen Individuen gefunden werden und bei ein und demselben Individuum einer (momentanen oder bleibenden) Steigerung und Verminderung fähig sind. Wichtig ist ferner, daß diese geistigen Fähigkeiten, wenn auch erheblich gesteigert, doch deshalb immerhin menschliche Fähigkeiten bleiben, und von größter Wichtigkeit endlich der zweifellos feststehende Umstand, daß sie nicht nur normal, sondern auch abnorm, krankhaft, gesteigert werden können. Untersuchen wir nun einmal, ob wir innerhalb der so mannigfachen krankhaften Erscheinungen am menschlichen Organismus nicht auch solche finden, die den oben erwähnten scheinbar überirdischen Leistungen wahrhaft ehrlicher „Medien“ analog sind, ob nicht vielleicht gar die „mediale Kraft“ eine ganz bestimmt gekennzeichnete Erkrankungsform des menschlichen Geistes ist.

Wir kennen in der Medicin eine ganz genau charakterisirte und begrenzte Krankheit, die chorea major, auch „Chorea der Deutschen“ (chorea Germanorum) oder „großer Veitstanz“ genannt; diese Krankheit kennzeichnet sich (in ihrem generellen Ganzen aufgefaßt) durch ihr Auftreten in Paroxysmen von verschiedener Zeitdauer, während welcher Anfälle das Bewußtsein der Kranken aufgehoben ist, obgleich sie es der Außenwelt gegenüber zu besitzen scheinen, weil sie scheinbar ganz zweckmäßige Handlungen ausführen; nach dem Aufhören des Anfalls weiß der Kranke absolut nichts von dem, was er während desselben gethan hat, wogegen er in einem zweiten sich dessen sofort bewußt wird. Während der Anfälle sind die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kranken in ganz abnormer und manchmal fast unbegreiflicher Weise gesteigert, wie wir dies an einigen aus dem Leben genommenen Fällen darthun wollen.

So beobachtete man einen Fall von chorea major, bei einem Knaben, der an verschiedenen Functionsstörungen und selbst Lähmungen litt und dabei während der Anfälle eine ganz unglaubliche Steigerung des Muskel- und Gleichgewichtsgefühls entwickelte. Er sprang z. B. vom Boden des Zimmers, auf einen Tisch, von diesem auf einen hohen Schrank, von letzterem über die ganze Breite des Zimmers hinweg auf den Ofen u. s. f., und all dies mit einer Sicherheit und Behendigkeit, die man einem Menschen nie zutrauen würde und die auch der kranke Knabe in seiner anfallfreien Zeit nie besaß; außer der Zeit der Anfälle war das Kind jedem andern in Bezug auf körperliche Geschicklichkeit gleich und wollte nie glauben, daß es derartige halsbrecherische Sprünge vollführt habe. Auch geistig führte der Knabe ein wahres Doppelleben: er erinnerte sich dessen, was er wachend gethan hatte, nur in einem wieder wachen Zustande, und dessen, was er während eines Anfalles vorgenommen hatte, wieder nur während eines andern solchen; er setzte ein Spiel fort im zweiten Anfalle, das er im ersten begonnen hatte; er versteckte Spielzeug während eines Anfalls, konnte es im normalen Zustande tagelang nicht finden, verfiel dann wieder in einen Paroxysmus und holte es sofort aus dem Verstecke hervor etc. – Der Zustand ging dann in ein permanentes Traumleben über, die Sprech- und Schlingmuskeln waren gelähmt, derart, daß der Knabe stumm und unfähig, auch nur den Speichel zu schlucken, Jahre lang umherging, während welcher Zeit er mit Hülfe der Schlundsonde gefüttert werden mußte. Endlich schaffte ihn seine Mutter zu dem bekannten „Wunderzuaven“ nach Paris, der es durch rein geistige Behandlung und lediglich durch den Einfluß seiner imponirenden Persönlichkeit dahin brachte, daß der Knabe nach dem dritten Besuche plötzlich ausrief: „Mama, ich kann sprechen.“ Von diesem Augenblicke an war und blieb er geheilt, aus dem springenden Knaben wurde ein gesetzter Mann, der im Vollbesitze seiner geistigen und körperlichen Kräfte jetzt noch in einer größern Stadt Badens wohnt oder wenigstens vor einigen Jahren dort gewohnt hat.

Wie in diesem Falle während der Paroxysmen – aber auch mir während derselben – das Muskelgefühl abnorm gesteigert war, so beobachtete man bei andern Kranken derselben Gattung eine krankhafte Steigerung der Sinnesthätigkeit und aller andern, durch dieselbe geweckten geistigen Fähigkeiten, aber [99] ebenfalls nur während der Paroxysmen, nie in der freien Zeit zwischen denselben, und ohne daß die Kranken von dieser ihrer gesteigerten geistigen Thätigkeit gewußt hätten.

So wissen wir von einer Kranken, die im vierten Stocke eines Hauses untergebracht war und stets in demselben Augenblicke, wenn der behandelnde Arzt unten das Haus betrat, oben zu ihrer Umgebung sagte: „Jetzt kommt der Arzt.“ Letzterer wollte um jeden Preis das Zustandekommen dieses räthselhaften Vorganges ergründen; er dachte, die Kranke habe sich die Zeit seines Kommens gemerkt, und wechselte die Stunde seines Besuches – umsonst! Da die Kranke auch sonst in ihren Paroxysmen sehr scharf hörte, dachte er, der rollende Wagen verrathe seine Ankunft, und kam stets zu Fuße – vergebens! Die im Bette liegende Kranke kündigte ihn oben an, nachdem er die ersten Stufen der ersten Treppe erstiegen hatte. Endlich zog er beim Eintritte in das Haus die Schuhe aus und ging in Strümpfen die Treppen hinauf, und von da ab hörten die Prophezeiungen mit einem Schlage auf. Die Kranke hatte mit Hülfe ihres durch ihr Leiden enorm geschärften Gehöres den vier Stock niedriger erschallenden Tritt des Arztes erkannt.

In andern Fällen sind die rein geistigen Vorgänge, die Erinnerung, das Gedächtniß, die Vorstellungs-, Urtheils- und Combinationskraft ebenso erheblich gesteigert, wie bei den soeben beschriebenen Kranken das Muskelgefühl und das Gehör, aber immer nur während der Anfälle, nie außer der Zeit derselben, und immer derart, daß die Kranken ihrer Umgebung bei vollem Bewußtsein scheinen, während sie selbst keine Ahnung von dem haben, was sie thun. So hat man Leute aus den ungebildeten Ständen beobachtet, die während ihrer Anfälle Gedichte und Lieder – oft mit großem, ihnen sonst gar nicht geläufigem Pathos – hersagten, welche sie lange Zeit vorher gehört und in ihrem gesunden Leben vollständig vergessen hatten, Andere, die in ihrem krankhaften Zustande Gedichte machten, wozu sie sonst nicht befähigt waren, Leute, die sich plötzlich fremder Sprachen wieder erinnerten und bedienten, die sie in ihrer Jugend gelernt und seitdem ganz vergessen hatten.

Wir kennen also eine Krankheit, die sich dadurch auszeichnet, daß sie die Geistesthätigkeit der von ihr befallenen Individuen in so hohem Grade steigert, daß die Kranken ein ganz anderes, höheres Leben zu führen scheinen. Die Empfindlichkeit der Haut und das Muskelgefühl ist sehr erhöht; die Sinne und die Urtheilskraft sind in einem hohen Grade geschärft, das Erinnerungs- und Vorstellungsvermögen ist in einem Maße vorhanden, wie es im gesunden Zustande bei denselben Individuen nie auftritt, und damit ist das Zustandekommen all der Wunderdinge erklärt, die wir bei (ehrlichen, wirklichen) Somnambulen, Nachtwandlern, Hellsehern u. dergl. zu beobachten Gelegenheit haben. Wir wissen, daß diese Krankheit vorwiegend bei Frauen auftritt, da das schöne Geschlecht bekanntlich weniger im Stande ist, durch den logischen Gedanken die Irrfahrten der Phantasie zu zügeln, unter den Frauen namentlich bei solchen, die bleichsüchtig sind und deren Phantasie auf Kosten des logischen Denkens entwickelt ist. Wir wissen ferner, daß auch das Beispiel sehr viel zur Entstehung der Krankheit beiträgt; man sprach früher sogar von einem „psychischen Contagium“. Wir brauchen zur Constatirung dieser „geistigen Ansteckungskraft“ nur die mittelalterliche „Tanzwuth“ zu nennen, welche ganze Städte ergriff, die wahren Epidemien von allerlei nervösen Krankheiten, welche in Mädchen-Pensionaten beobachtet wurden, in denen eine Schülerin hysterisch oder sonstwie nervös erkrankte, und die bekannte Thatsache endlich, daß eine ganze Gesellschaft zu gähnen beginnt, sobald ein Mitglied derselben den Reigen eröffnet.

Wie bei allen nervösen Krankheiten beobachten wir auch beim großen Veitstanze nur selten die ganz reinen Formen, sondern finden in denselben meistens auch Complicationen mit andern nervösen Erkrankungen, namentlich mit der Hysterie, die sich vor Allem dadurch von der Chorea major unterscheidet, daß die Kranken sich dessen, was sie thun, bewußt sind. In solchen Fällen nun, die gleichsam in der Mitte zwischen großem Veitstanze und Hysterie liegen, finden wir bedeutende Steigerungen der körperlichen und geistigen Fähigkeiten (daneben allerlei Störungen innerhalb des großen, den ganzen Organismus umfassenden Nervengebietes), bei ganz aufgehobenem, oder nur verdunkeltem, oder endlich ganz freiem Bewußtsein – in allen diesen drei Fällen aber scheint letzteres in den Augen der Umgebung vollkommen vorhanden zu sein. Es ist dies das unterscheidende Kennzeichen von andern nervösen Erkrankungen (Katalepsie, Epilepsie), bei denen die Kranken das Bewußtsein ebenfalls verlieren, es aber auch für die Umgebung sofort sichtbar verloren haben.

Wenn wir nun die hervorragenden Leistungen der wirklich ehrlichen und an ihren höhern Beruf glaubenden Medien näher betrachten, diese Leistungen, welche in der That die gewöhnliche geistige Capacität des Betreffenden weit überragen, so sind wir in der Lage, dieselben nicht mehr überirdischen Wesen zuschreiben zu müssen, sondern können sie uns auf rein wissenschaftlichem Wege viel natürlicher erklären: Die „mediale Kraft“ ist nichts weiter als ein Anfall von großem Veitstanze in reiner oder mit Hysterie und sonstigen nervösen Erscheinungen complicirter Form. Die Steigerung der geistigen Fähigkeiten bis zu einem überirdisch erscheinenden Grade ist nichts Anderes als ein hervorragendes Symptom dieser der medicinischen Welt wohlbekannten Erkrankung; daß das Medium von dem, was es schreibt, oder in seinem somnambulen Zustande spricht, singt oder sonstwie vollführt, nichts weiß, daß es ihm selbst scheint, als gingen alle diese Manifestationen nicht von ihm, sondern von einem andern Wesen aus, dürfen wir ihm auf's Wort glauben; daß die Umgebung von den das Normale so weit übersteigenden Leistungen frappirt ist und „Wunder zu rufen beginnt, ist ebenfalls sehr leicht erklärlich. Auch das „Erwerben der medialen Kraft“, richtig: die Erkrankung an Chorea major, ist auf Grund der oben kurz erwähnten Ursachen dieser Krankheit leicht zu verstehen: Es lernt Jemand den Spiritismus in seiner schwindelhaften oder krankhaften Gestalt kennen, ohne daß ihm aber diese beiden Grundeigenschaften zum Bewußtsein kommen; die Sache interessirt ihn; er liest den „Zauberstab“, die vielen Werke von Allan Kardec und Andern; er kommt in spiritistische Gesellschaft, und stets neue Proben von der Wunderkraft der Geister werden ihm zu Theil; eine rationelle Erklärung des Spiritismus ist ihm unbekannt, und mit der vornehmen Abfertigung: „Es ist Alles Schwindel“ kann er sich, als in der That nicht zutreffend, nicht begnügen. Seine Phantasie ist erhitzt (und ich gestehe, daß ich selbst nur mit größter Mühe dem sinnverwirrenden Einflusse der spiritistischen Literatur widerstehen konnte, als ich dieselbe zum Zwecke eingehenderer Studien über diese interessante Frage durchnahm), und nicht nur seine Phantasie wird erregt, sondern auch sein ethisches, sittliches Gefühl, sein moralisches Denken, denn die Spiritisten lehren eine neue Religion, die alle Menschen unter dem Schutze Gottes, ohne Unterschied des Bekenntnisses, umfaßt (ich mache darauf aufmerksam, daß ich von den ehrlichen und gebildeten Spiritisten spreche); er giebt sich dieser Lehre um so eher und lieber hin, als er in der Confessionalität seiner ererbten Religion eine die Ethik verletzende Schranke erblickt und eine auf rein logischer Grundlage, auf nur vernunftgemäßem Denken beruhende ethische Sittenlehre heute noch nicht bekannt ist; er zweifelt nach allen Richtungen hin an der Berechtigung seiner bisherigen Denkweise, und da er sich und seinen eigenen Erlebnissen mehr zu trauen berechtigt ist, als denen Anderer, so versucht er, ob er nicht durch eigene Erwerbung der „medialen Kraft“ allen seinen Zweifeln ein Ende machen könnte – er hegt den lebhaftesten Wunsch, selbst Medium zu werden.

Das kann er nur, wenn er die zu diesem Behufe von den Geistern getroffenen Anordnungen befolgt. Er schließt sich also täglich eine Stunde ein, „erhebt seine Seele zu Gott“, verbannt alle andern Gedanken aus seinem Geiste und concentrirt sein ganzes Dichten und Trachten auf den einen Wunsch: den Geistern als Mittelsperson zu dienen. Ist es ein Wunder, wenn nach solchen wochen- und monatelang fortgesetzten Uebungen der Betreffende die Annäherung der Geister zu verspüren meint? Wahrlich nicht!

Wenn wir nunmehr den Spiritismus in seiner Gesammtheit betrachten, so finden wir in den ihn vermittelnden Medien folgende Classen vertreten:

Erstens: einfache Betrüger, die den Schwindel mit vollem Bewußtsein in Scene setzen, um Geld oder Anerkennung und eine gewisse Wichtigkeit zu erringen.

Zweitens: rein hysterische Personen, die sich des Schwindels zum Theile nur bewußt sind und ihn in Folge einer krankhaften Anregung verüben, der sie nicht widerstehen können und welche die Hysterie so scharf charakterisirt, und [100] Drittens endlich: Personen, welche an mehr oder minder scharf ausgesprochenem großem Veitstanze leiden und die Resultate dieser Erkrankung in gutem Glauben an deren überirdischen Ursprung produciren.

In eine dieser drei Kategorien konnte ich noch jedes Medium einreihen, das mir je bekannt geworden, und es sind deren wahrlich eine ganz erkleckliche Anzahl. Nun werden uns jedoch die Spiritisten entgegnen, daß wir ihnen auf diese Weise jede Möglichkeit eines Beweises benehmen, da wir die körperlichen, materiellen „Wunderthaten“ zu Taschenspielerkünsten stempeln und die rein geistigen, scheinbar überirdischen Kundgebungen als ehrlich anerkannter Medien in das Gebiet der krankhaften Erscheinungen verweisen. Wie soll da ein vollgültiger Beweis von Seiten des Spiritismus erbracht werden?

Ganz einfach und lediglich auf dem Boden der spiritistischen Lehre selbst. Diese behauptet, daß der „freie Geist“ mit Hülfe seines Perisprit sich mit jeder andern, incarnirten Seele in Verbindung setzen könne, wie er dies ja auch thun muß, um durch ein Medium mit der irdischen Welt in Verkehr zu treten, und auf diesem Wege könnten die Geister einen unangreifbaren Beweis für ihre Existenz liefern, wenn sie nur wollten, da diese Fähigkeit sie scharf trennt von dem, was ein in der oben angegebenen Weise erkrankter Mensch vollbringen kann.

Wir wollen dies sofort und in wenigen Worten darthun. Ein Mensch, dessen gesammte geistige Fähigkeiten krankhaft gesteigert sind, kann Sachen vollführen, Urtheile und logische Folgerungen produciren, die weit über seinen normalen Fähigkeiten stehen, aber selbstverständlich kann er nie und nimmer im Stande sein, etwas zu thun, was innerhalb seiner menschlichen Fähigkeiten, und seien dieselben noch so enorm gesteigert, überhaupt nicht mehr Platz finden kann, und darin unterscheidet sich die krankhafte Erscheinung scharf von Demjenigen, was ein „freier Geist“ nach spiritistischer Lehre zu leisten vermag und leisten muß, um überhaupt mit der Welt in Verkehr treten zu können. Erläutern wir dies durch ein Beispiel. Wenn mir irgend ein Geist durch irgend ein Medium der Welt drei Fragen beantworten kann, die ich, ohne sie auszusprechen, an ihn stelle, oder wenn er drei Sätze oder auch nur einen niederschreiben will, den ich in meinem Geiste formulire oder den ich selbst – um den Gegnern jeden Einwand zu benehmen – in einer Chiffreschrift zu Papier bringen will, deren Schlüssel ich versiegelt hinzufüge, dann würde ich mich beugen und die Existenz der Geister sammt der Berechtigung des Spiritismus ohne Weiteres anerkennen. Damit wäre ein durchaus zwingender Beweis erbracht, denn kein Mensch, sei dessen geistige Capacität noch so enorm gesteigert, ist im Stande, Derartiges zu leisten, dem „freien Geiste“ dagegen ist es ungemein leicht, es zu thun, da er sich nur durch sein Perisprit mit meiner Seele in Verbindung zu setzen braucht, um sofort und wortgetreu zu wissen, was ich denke.

Die Spiritisten können es uns nicht verübeln, wenn wir uns so lange an unsre Naturbeobachtungen halten, so lange uns mit der natürlichen Erklärung begnügen wie dieser so kinderleichte Beweis nicht erbracht worden ist. Ueberzeugend ist der thatsächliche Beweis, wie wir genügend ausgeführt haben, nur dann, wenn er vollkommen außerhalb des Bereiches menschlicher (normaler oder abnorm gesteigerter) Fähigkeit liegt und gleichzeitig innerhalb der zugestandenen Fähigkeiten eines „freien Geistes“; bis aber ein solcher Beweis erbracht ist, darf man keinem Denkenden zumuthen, die positiven Erfahrungen der Wissenschaft aufzugeben zu Gunsten von unbewiesenen, nur als solche behaupteten und gläubig hingenommenen Thatsachen.

Damit wäre der Spirtismus genügend klar gestellt und unsere specielle Aufgabe eigentlich gelöst, aber wir können nicht umhin, auf eine bedeutsame, tiefernste Lehre hinzuweisen, die wir aus dem Auftreten und der ganz colossalen Verbreitung des Spiritismus ziehen müssen. Wie ist es nur möglich, so fragen wir uns, daß diese dem logischen Denken so verderbliche Lehre in unserm materialistischen Zeitalter so sehr viele Anhänger zu erwerben vermochte? Im Mittelalter war die allgemeine Bildung eine verschwindend kleine, und da konnte das Beispiel einzelner „Verzückten“ ganze Provinzen zur Nachahmung bringen und in die „Tanzwuth“ versetzen. Aber diese gereiften, nüchternen Männer von heute in England und Amerika, in Belgien und Frankreich, diese Männer der Wissenschaft, der Forschung? Wie konnte der Spiritismus solche Anhänger gewinnen?

Die Frage ist hochinteressant und die Antwort von höchster Wichtigkeit: weil das ethische Bedürfniß in jedem gutentwickelten Menschen ein sehr reges ist, weil dieses Bedürfniß in den von den Forschungen der Wissenschaft so sehr erschütterter geoffenbarten Religionen keine Befriedigung mehr findet. und weil endlich das freie Denken erst bis zu dem Punkte gekommen ist, den Glauben verdrängt zu haben, aber an dessen Stelle bisher noch keine bessere, logische, positive Grundlage zu einer rein menschlichen Ethik aufzufinden vermocht hat. Weil die Wissenschaft die Philosophie Demjenigen, der sie ängstlich fragt: „Wo finde ich jetzt den mir nothwendigen moralischen Halt, da Du die geoffenbarte Religion ihres göttlichen Ursprunges entkleidet hast? Wie willst Du mir logisch beweisen, was Gut und was Schlecht ist, da ich es nicht mehr ungeprüft glauben soll?“ - weil die Wissenschaft, sagen wir, bisher die Antwort auf diese so sehr berechtigte Frage noch schuldig geblieben ist, weil wir noch keine durchaus einheitliche, unabhängige und naturalistische Ethik kennen, und weil wir uns noch in dem Uebergangsstadium zwischen Glauben und Denken befinden und unter den Folgen desselben leiden. Da ist es nur natürlich, wenn so Mancher, der den ihm notwendigen moralischen Halt im Glauben nicht mehr und in der Wissenschaft noch nicht finden kann, einer Lehre sich in die Arme wirft und sie mit hoher Begeisterung umfaßt, die ihm diesen moralischen Halt wieder gewährt, indem sie ihm in die unendliche Versammlung der in uneingeschränkter Liebe sich begegnenden Geister aufnimmt.

Es ist die Pflicht aller Denkenden, die Dauer der nothwendigen Uebergangsepoche so viel wie möglich abzukürzen und an Stelle des nicht mehr genügenden gläubigen Haltes einen auf dem logischen Denken beruhenden ausfindig zu machen, nicht bei der zersetzenden Kritik, der Negirung des Alten stehen zu bleiben, sondern um die Begründung eines besseren Neuen sich rastlos zu bemühen.

Auf Grund des Obigen ist die Stellung der Wissenschaft zum Spiritismus die: wir dürfen nicht Alles in ihm als beabsichtigten Schwindel von uns weisen, sondern müssen Vieles daran anerkennen als Product eines irregeleiteten Denkens und daraus folgender wirklicher nervöser Erkrankung. Unsere Verachtung den Betrügern, unser Mitleid den Kranken und unser bestes Streben der Klärung einer Frage, die in dem Uebergangscharakter unserer Zeit wurzelt und an der Möglichkeit des Ueberhandnehmens dieser Krankheit in sonst gebildeten Kreisen die größte Schuld trägt!

Dr. Wilh. Loewenthal.

  1. Eine von den Spiritisten angenommene, materiell-ätherische Substanz, die im Leben die Seele mit dem Körper verbindet und erstere nach ihrem Abscheiden aus dem Körper in die Geisterwelt begleitet.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ceutralorgane