Parlamentarische Photographien aus Versailles

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Autor: Julius Walter
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Titel: Parlamentarische Photographien aus Versailles
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, 5, 11, 29, S. 15–18, 84–86, 183–186, 496–497
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[15]
Parlamentarische Photographien aus Versailles.

Von Julius Walter.[1]

1. Leon Gambetta.

Hätte Julius Cäsar den Leon Gambetta gekannt, nimmer hätte er den Wunsch geäußert: „Laßt nur Dicke um mich sein!“

Wenn Gambetta so daher streicht im behaglich schleifenden Schritte, den glänzenden Cylinder tief im Nacken, die fleischigen weißen Hände auf dem Rücken oder über das mächtig vordringliche Spitzbäuchlein gekreuzt, mit diesen feisten Wangen in sattem Bordeaux-Roth-Ton, da glaubt man einen guten Bourgeois vor sich zu haben oder einen reichen Weinhändler in Pension, nimmer aber den Banquo des Kaiserreiches, den „männermordenden“ Exdictator, von dem es noch kürzlich hieß:

„Denn was er sinnt, ist Schrecken;
Und was er blickt, ist Wuth. – –“

[16] Gambetta sieht, dank seiner Wohlbeleibtheit, weit älter aus als er ist, denn 1838 geboren, hat er das vierzigste Jahr noch nicht erreicht, aber er ist trotzdem ein alter politischer Kämpe, und kaum den Jünglingsjahren entwachsen, klopft er schon ganz gewaltig, als junger Advocat, dem Kaiserreiche auf die unsauberen Finger, führt in den Wählerversammlungen das große Wort, und als der Minister Pinard die Journale verfolgt, welche mit dem Klingbeutel zur Errichtung eines Monumentes für Baudin herumgehen, öffnet sich dem Vertheidiger in der Affaire Baudin sofort die große Pforte zur politischen Arena.

1869 candidirt er für die Kammer zugleich in Paris und in Marseille; hier gegen Thiers und Lesseps, dort gegen Carnot. „Ich nehme nur ein Mandat an,“ ruft er seinen Wählern zu, „das der unversöhnlichen Opposition,“ und ihm antwortet ein lautes freudiges Echo; in beiden Städten gewählt, nimmt er das Mandat von Marseille an, und Rochefort tritt in Paris an seine Stelle. Seine Wahl hält ganz Frankreich in Athem. Mit freudiger Erwartung sieht das Land auf den Neuerwählten; bange Ahnung beschleicht die Kaiserlichen. Da hält ihn ein Kehlkopfleiden von der Tribüne fern. Aber hergestellt, steht er bald an der Spitze der Unversöhnlichen – der Unversöhnlichste.

Keiner hat dem Kaiserreiche so wehe gethan wie er. Keiner hat es so energisch, mit solch meisterhafter Strategie und raffinirter Taktik bekämpft. Thiers kämpfte gegen Napoleon, wie er einst gegen Guizot kämpfte, Jules Favre wie ein findiger Advocat, der nebenbei sentimental ist, Rochefort wie ein Gassenjunge, aber Gambetta riß dem Kaiserreiche mit einem Griffe die falschen Feigenblätter des Liberalismus herab. Während noch ganz Europa den geheimnißvollen Mechanismus desselben anstaunte, nahm er eine Feder um die andere aus demselben heraus, und während noch die Welt vor dem schweigsamen Wundermanne zitterte, entlarvte er ihn als einen ganz gewöhnlichen Taschenspieler. Niemand begrüßt die „Krönung des Gebäudes“, Niemand die „liberale Aera“ mit solch grellauflachendem Hohne wie Gambetta. Mit zwingendster Ueberzeugung zeigt er die liberal geschminkte Lüge, die Unverträglichkeit des Kaiserreichs und der Freiheit. „Allgemeines Stimmrecht und Monarchie sind unverträglich; das Kaiserreich und die Freiheit schließen sich aus; sie bekämpfen sich auf Leben und Tod; sie harren nur ihrer Erbschaft; man kann nicht zwei so divergirende Meinungen an den Staatswagen spannen, ohne daß sie ihn zertrümmern und in den Abgrund stürzen“ – tönt es als ewige Melodie aus allen seinen Reden und aus dem Glaubensbekenntnisse vor seinen Wählern. „Der größte Fehler im staatlichen wie im sittlichen Leben ist die Lüge. Die Institutionen eines Staates müssen seinen Principien entsprechen; man kann nicht die Monarchie mit republikanischen, die Republik mit monarchischen Formen stützen“, ruft er warnend aus.

Als Ollivier in der denkwürdigen Sitzung vom 15. Juli 1870 mit „leichtem Herzen“ die Kriegserklärung an Preußen der freudig aufheulenden Kammer anzeigte, da bekämpfte ihn auch Gambetta mit wuchtiger Rede und verweigerte mit Thiers die Bewilligung der Kriegsmittel. Aber die enthusiastischen Verehrer und dithyrambischen Lobredner des Exdictators betrügen sich selbst, wenn sie ihn darob mit der Glorie eines Sehers umgeben. Damals gab es in der Kammer nur einen Mann, der die Kriegserklärung bekämpfte und verdammte in Kenntniß der unzulänglichen Mittel und der schwachen Kriegstüchtigkeit Frankreichs, nur Einen, der Frankreichs Niederlage ahnte – das war der kleine, fahle Mann im hohen bis zum spitzen Kinn zugeknöpften schwarzen Rock, mit der großen Hornbrille auf der Nase: Thiers, der vom Krankenbette herbei eilt und mit bebender Stimme die Versammlung beschwört, gegen den Krieg zu votiren, der, vom Geheule der Deputirten, bei welchem die Galerien mit brüllen, fortwährend unterbrochen, mit Schimpfworten und Drohungen überhäuft – man pfiff, polterte, erhob drohend die Fäuste – ruhig und muthig dastand und für Frankreich bat – ein dreiundsiebenzigjähriger Greis!

Wenn aber Gambetta mit seinen Genossen gegen den Krieg stimmte, so war es wahrlich nicht sein friedlicher Sinn und nicht seine Furcht vor Niederlagen, die ihn dazu drängten; Gambetta dachte nicht geringer von der französischen Armee und hielt sie für ebenso unbesiegbar, wie dies die Schreier auf den Boulevards thaten, die ihr „Auf nach Berlin!“ anstimmten und heulend vor den Fenstern Thiers' vorüberzogen. Auch Gambetta war eine Schlacht gleichbedeutend mit einem Siege, und ein französischer Krieg galt ihm gleich einer Eroberung; deshalb eben stimmte er mit den Seinen gegen den Krieg. Er fürchtete, daß, wenn das Blut vertrocknet, der Pulverdampf verraucht und das Todesröcheln der Gefallenen verstummt sein werden, das Kaiserreich, gestärkt und gefestigt mit der ganzen nationalen Glorie aus dem Kriege hervorgehen werde. Nicht die Furcht vor den Niederlagen der Armee, sondern vor ihren Siegen, nicht die Furcht vor Verlusten, sondern die Furcht vor Eroberungen, die Furcht vor den siegreich heimkehrenden kaiserlichen Adlern stimmte Gambetta gegen den Krieg. Nicht der Franzose, sondern der Parteimann Gambetta stimmte am 15. Juli 1870 gegen den Krieg mit Deutschland.

In die Regierung vom 4. September trat er als Minister des Innern neben Trochu als Kriegsminister und Ministerpräsident und Jules Favre als Vicepräsident und Minister des Aeußern. Seine Luftfahrt von dem rings eingeschlossenen Paris nach Tours und seine Wirksamkeit als Organisator des Widerstandes gegen die deutschen Truppen sind bereits zur Legende geworden. Seine Thätigkeit, seine Energie, sein Genie als Organisator des bewaffneten Widerstandes sind auch in der That bewundernswerth; staunenswerth ist es, mit welcher Leichtigkeit und Gründlichkeit er sich in Dinge findet und hineinarbeitet, die ihm noch kürzlich ganz fremd sind, von welch hohem Standpunkte er sie sofort überschaut und den Fachmännern dadurch Achtung und Vertrauen abringt; er stampft Armeen aus dem Boden – die Loirearmee, die Westarmee und die des Centrums – er bekleidet, bewaffnet, drillt und verproviantirt sie; er prüft die Bewaffnung, leitet Schießproben mit den neuen Gewehren, sitzt im Kriegsrath, correspondirt mit Jedem und Allen, wirkt überall anregend, aufmunternd und anspannend, und Alle fühlen die Uebermacht seines Genies, dem sich auch die alten Generale und die zur Vertheidigung des Vaterlandes herbeigeeilten Prinzen von Orleans beugen; er weiß die Departements mit der Hauptstadt zu versöhnen, das sinkende Vertrauen neu zu beleben und mit den heißen Flammen seiner Begeisterung die oft erlöschenden Gluthen des nationalen Patriotismus und Fanatismus zu neuem Brande zu entflammen.

Was ein ganzer Mann in den Tagen des Unglückes vermag, was er seinem Vaterlande werth ist – Gambetta hat es bewiesen; Frankreich hat es anerkannt, indem es ihm eine Viertelmillion seiner Söhne gab, um den Krieg bis auf's Aeußerste zu führen, den er auch noch forderte, als das Friedensparlament nach Bordeaux berufen wurde, welches er mit Protest gegen den Friedensschluß und gegen die Abtretung von Elsaß-Lothringen verließ.

Die wenigen Jahre seit dem Friedensschlusse haben Gambetta sehr verändert. Der einst schlanke, nervöse, rasch in heller Flamme auflodernde und wild dahinstürmende Jüngling ist heute ein wohlbeleibter, angenehm temperirter, maßvoll ausschreitender Mann. Die harte Schule des Septennats hat ihn gereift; sie gab ihm Zeit, Ein- und Umschau zu halten. Aus dem Agitator ist ein Organisator geworden, aus dem Parteimanne ein Staatsmann. Nicht Umstürzen, Aufbauen ist heute seine Parole. Und er weiß, daß über Nacht nur Luftschlösser gebaut werden, um beim ersten Morgengrauen wieder einzustürzen. Er weiß auch, daß das Wort wenig ist, der Name nichts zur Sache thut und die großen Phrasen seinem Vaterlande stets das größte Unheil brachten. Thiers, der ihn noch vor wenigen Jahren als „einen wüthenden Narren“ von der Tribüne herab stigmatisirte, sucht heute in ihm den Mann der Zukunft. Die Bourgeoisie, die Welt des Geldes und die Industrie, Handel und Börse, von der er sich kürzlich noch berühmen konnte, daß er, wie der Räuber Jaromir, „in ihrem Nachtgebet hart neben dem Teufel steht“, erkennt in ihm den wahren Bändiger der Revolution und den Bürgen des socialen Friedens. Baron Rothschild liest zwei Mal die „République française“, bevor er an die Börse geht. Wenn Gambetta spricht, ist die Diplomatenloge stets gefüllt; seine Reden werden nach dem stenographischen Protokoll im „Reichsanzeiger“ reproducirt, und der zwei Mal geschlagene Exrepublikaner Flognet nennt ihn bereits einen Abtrünnigen.

Gambetta ist heute vielleicht der friedliebendste Mann in Frankreich und derjenige, dessen Nachtruhe am wenigsten durch Revancheträumereien gestört wird. Seine Friedensstimmung ist echtfarbig. Er hat die Franzosen bei der Kriegsarbeit gesehen, wie Wenige; er weiß jetzt, daß die Franzosen nur im phantastischen Haupte Victor Hugo’s an der Spitze der Civilisation marschiren, [17] und wie breit und tief die allgemeine Unbildung bei ihnen ist. „Obligatorischer, unentgeltlicher Laienunterricht“, „Allgemeine Volkserziehung als Grundlage des Staates“ ist das Leitmotiv all seiner Reden seit sechs Jahren, ist das A und das O seines entschiedenen Kampfes gegen den verdummenden Clerus. „Dafür muß Geld vorhanden sein, Geld in Ueberfluß“ – ruft er in seiner berühmten Rede in Angers aus – „denn es handelt sich um Größeres, als um die Befreiung des Landes (Elsaß und Lothringen); es handelt sich um die Befreiung des Nationalgeistes. Das ist unsere Aufgabe und wohl auch die Aufgabe der nächsten Generation.“ In der Volkserziehung, in der Möglichkeit, die Jedem geboten, ja in dem Zwange, der Jedem angethan wird, durch den obligatorischen Unterricht zu lernen, sieht er auch die einzige Möglichkeit, die sociale Frage zu begrenzen, „denn es giebt kein Wundermittel, kein Universalelixir, Alle reich und glücklich zu machen,“ sagt Gambetta, worauf Louis Blanc die „République“ auf den socialistischen Index setzte.

Die „République française“, das Organ Gambetta’s, ist – ohne zu schmeicheln – das langweiligste Journal Frankreichs. Gambetta spielt da den journalistischen Brutus. Alle Nächte Schlag elf Uhr – die Redactions-Bureaus der Pariser Journale sind täglich von zwölf Uhr Mittags bis zwölf Uhr Nachts geöffnet; freilich erscheint auch das frühzeitigste nicht vor neun Uhr, und sie haben nur eine Ausgabe – erscheint Gambetta in der Redaction; im großen ledernen Fauteuil beim milden Schein der Lampe eine Havanna schmauchend, prüft er auf das Genaueste die Bürstenabzüge für das morgige Blatt, vom Leitartikel bis zur kleinsten Theaternotiz, bis zum harmlosesten [18] Inserat hinab und wacht strenge, daß kein Geist in das Blatt komme, und auch der geringste Keim von Esprit wird mit rücksichtsloser Hand ausgejätet. Diese sprüchwörtliche Langweiligkeit der „République française“, deren Anerkennung Gambetta mehr schmeichelt als aller Weihrauch, den man ihm sonst streut, hat die Existenz des Blattes gewährleistet, auf welches seit seiner Begründung (im November 1871) die polizeilichen Spürhunde fahndeten, ohne es jemals am Kragen fassen zu können. Ist das Blatt fertig, dann beginnt der große journalistische Kriegsrath für die nächste Nummer. Mit wenigen, aber charakteristischen Strichen weiß Gambetta die schwierigsten Fragen klar zu legen und die verwickeltsten aufzurollen; geistessprühend wie er ist, genügt oft ein Wort, um eine dunkle Situation zu erhellen. Er trifft stets den Nagel auf den Kopf. Da ist auch der Ort, wo er seinem oft derben Humor die Zügel schießen läßt und seine Gegner mit einem spitzen Worte niederspießt.

Herr Leon Gambetta führt aber nicht nur glänzend das Wort und schneidig die Feder, er ist auch ein Meister der Gabel; ist der Exdictator als Redner hinreißend, als Publicist überwältigend, so ist er als Zechcumpan bezaubernd. Gambetta ist groß auf der Tribüne, groß im Advocaten-Ornate, aber auch nicht weniger groß, mit der weißen Serviette umgürtet; er versteht nicht minder ein junges Huhn wie eine ministerielle Vorlage in ihre kleinsten Fäserchen zu zerlegen, und sein Keller ist nicht schlechter bestellt als seine Bibliothek, in welcher die besten deutschen Schriftsteller nicht auf dem obersten Gestelle stehen, freilich in französischer Uebersetzung, denn Gambetta kann nicht deutsch. Auch Bier kann er nicht trinken, doch hat er vor dem deutschen Biere eine hohe Achtung und macht sich weidlich lustig über Pasteur, den berühmten Chemiker, der den Franzosen, um sie für den Verlust von Elsaß, seines Bieres wegen, zu entschädigen, ein neues Bier nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen in seinem Laboratorium brauen will.

Schon in nächster Zeit übersiedelt Gambetta in das neue Haus der „République française“, von dort ist aber nur ein kurzer Schritt zum Palais Elysée, in welchem Mac-Mahon bereits drei Jahre des Septennats abgedient hat.

Halb Frankreich hofft, halb Frankreich fürchtet, daß Gambetta diesen Schritt 1880 machen wird.

[84]
2. Der rothe Prinz.


Die auffallende Aehnlichkeit des Prinzen Napoleon mit dem großen Kaiser ist bekannt, und der Prinz thut sich nicht wenig zu gute darauf, obgleich diese Aehnlichkeit in Anbetracht seiner militärischen Tugenden, welche von den Franzosen aller Farben, wie man weiß, sehr gering geschätzt werden, zu Vergleichen herausfordert, die für den Prinzen niemals schmeichelhaft waren. Was hilft da das ausgezeichnete Leumundzeugniß, das ihm der Marschall Saint-ArnaUd in seinem Bericht über die Schlacht an der Alma ausstellte?

Diese Aehnlichkeit beschränkt sich aber auf den Kopf. Das ist die Stirne, das Lächeln, der Blick, die Frisur, der gelblich wächserne Teint des großen Kaisers, wie wir sie auf den besten seiner Portraits sehen, dagegen übertrifft ihn der Prinz an Länge, an Schulterbreite und Corpulenz. Er mißt etwa sechs Fuß, aber es fehlt der mächtigen Gestalt die Energie, der feste Grat. Sein Gang ist langsam, ja leicht schleppend; er trägt den Kopf gern auf die linke Seite geneigt und die weißen fleischigen Hände auf dem Rücken. Man braucht den Prinzen nur mit der weißen Toga zu umgürten, und sofort glaubt man sich in jene späte Kaiserzeit versetzt, wo aller Geist und alles Laster in Rom zusammengedrängt waren. Man thue die Krone hinzu, und ein Caligula steht fix und fertig da.

Philosophischer Gleichmuth und zügellose Sinnlichkeit, feiner Epicuräismus und lächerlichste Eitelkeit vereinigen sich in dem Prinzen. Demokratisch von Gesinnung, ist er tyrannisch im Gebieten; lässig bis zur vollsten Apathie, ist er auffahrend bis zur rohesten Brutalität, besonders Frauen gegenüber; er ist ein Verschwender und doch wieder ein Knicker, Einer, der oft mit weitem Blicke mißt und in den gewöhnlichsten Dingen wieder nicht um die Ecke schaut, halb Idealist halb Cyniker.

Er ist in allen Sätteln beritten, und doch sitzt er in keinem fest; sein Wissen geht mehr in die Breite, als in die Tiefe, aber er versteht es wie kein Zweiter mit goldenen Löffeln überall die Fettaugen abzuschöpfen und sich das Wissenswertheste von dem Erlesensten mundgerecht serviren zu lassen. Der Prinz ist ein feiner geistreicher Plauderer, der ebenso elegant das Silberglöcklein der übermüthigen Narrethei zu läuten weiß wie seine politisch-literarischer Ansichten oft mit zwingender Logik vorzutragen. Das rechte Wort ist ihm stets zu Diensten, und die Rede fließt ihm glatt von den Lippen; seine Redeweise unterscheidet sich übrigens in bester Weise von der stets theatralischen Manier der Franzosen; alles Pathos ist ihm fremd, und auch auf der Tribüne – die Hände meist in den Taschen – spricht er leicht, glatt im plaudernden Gesellschafstone, wie am Kamine seines Hôtels, aber man weiß niemals, ob der Prinz selbst glaubt, was er glauben machen will. Der Prinz genießt überhaupt sehr viel Mißtrauen und sehr wenig Achtung.[2]

Prinz Napoleon Josef Karl Paul Bonaparte ist als der zweite Sohn des weiland König „Alleweil Lustig“ und der Prinzessin Sophie Dorothea Friederike Katharina, Tochter des Königs von Württemberg, am 9. September 1822 in Triest geboren. Der Kaiser war seiner Schwägerin für ihr edles muthiges Benehmen in wärmster Liebe zugeneigt, und noch in St. Helena sagte er bewundernd von ihr: „Sie hat sich mit eigener Hand unauslöschlich in's Buch der Geschichte eingetragen. Prinz Napoleon's älterer Bruder starb 1846; seine Schwester ist die Prinzessin Mathilde, welche von ihrem Gatten dem Fürsten Demidoff, geschieden lebte. In Rom, wo der größte Theil der Familie Bonaparte sich zusammenfand, brachte der Prinz seine erste Jugend zu, bis er 1831 in Folge des Aufstandes in der Romagna den Kirchenstaat verlassen mußte. Als er das dreizehnte Jahr erreicht hatte, sandte ihn sein Vater nach kurzem Aufenthalte in Florenz und Genf in die Militärschule von Ludwigsburg (Württemberg), wo er bis zu seinem achtzehnten Jahre verblieb (1840). Der unter Thiers’ Ministerschaft drohende Krieg führte ihn wieder fort, und nun ging er auf Reisen: nach Oesterreich, Deutschland, England und Spanien, wo er während Espartero’s Herrschaft einen langen Aufenthalt nahm.

Nach wiederholten vergeblichen Versuchen, Frankreich betreten zu dürfen, ward ihm endlich 1845 von Louis Philipp die Erlaubniß dazu auf die Dauer von vier Monaten zu Theil. Er kam nach Paris und fand sich sofort von den bedeutendster Persönlichkeiten, von den Führern der am weitesten fortgeschrittenen Parteien umringt, bis er eines Morgens den strammen Befehl erhielt, binnen acht Tagen Frankreich zu verlassen. Nachdem wiederholte Versuche zurückzukehren vergeblich geblieben, wandte sich sein Vater Jerôme 1846 endlich an die Kammer. Im Luxembourg in der Pairskammer, in der so Viele saßen, die dem Kaiser Alles zu verdanken hatten, wurde die Petition zurückgewiesen, trotz der warmen Worte, mit welchen sie der jüngste, aber wortgewaltigste Pair befürwortete. „Es ist ein Greis, ein früherer König, der nur einen Wunsch kannte, für Frankreich zu sterben, und nur noch eine Sehnsucht hegt, in Frankreich zu sterben, rief in flammender Rede vergeblich Victor Hugo. Aber die Deputirtenkammer unterstützte das Gesuch und setzte es durch, daß Jerôme und seinem Sohne provisorisch die Rückkehr nach Frankreich gestattet wurde.

Wenige Monate später wird der Thron Louis Philipp's gestürzt. Der Prinz Napoleon eilt auf's Stadthaus und bietet seine Dienste an, die man natürlich ablehnt. Aber er candidirt in Corsica, im Stammlande der Napoleoniden. „Seit meiner Kindheit hatte ich die Ueberzeugung,“ ruft er in seiner Candidatenrede, „daß die Republik die passendste Staatsform für Frankreich ist. Heute ist dieses große Princip, welches ich von jeher ersehnte, zur Wahrheit geworden. Außerhalb der Republik sehe ich nur Anarchie, Bürgerkrieg und Rückkehr und Verfall in die Fehler und Verbrechen der Bourbonen.“ Dann sagte er, sich auf den großen Onkel berufend: „Indem ich mich für die Republik begeistere und mich ihr unterwerfe, folge ich dem großen Kaiser, der auf dem Felsen von St. Helena, an den ihn der Haß der Könige geschmiedet hatte, mit Sehermunde voraussagte: ‚In fünfzig Jahren ist Europa republikanisch oder kosakisch.‘ Dank dem Herrn und Frankreich ist es die Republik, die triumphirt. …“

Corsica sandte ihn in die constituirende Versammlung.

Der Prinz saß im Centrum unter den gemäßigten Republikanern, stimmte aber mit der Rechten für das Zweikammersystem, für die Präsidentschaft, für die römische Expedition, für die Beibehaltung der Todesstrafe und gegen die Verbannung der Orleans. Später geht er unter die demokratische Opposition, und in der Legislative stimmt er mit der Linken bis 1851. Von [85] da an zieht er es meistens vor zu schweigen, und nach dem Staatsstreich verduftet er nach Brüssel.

Dieses politische Ereigniß traf den Prinzen unvorbereitet; er gehörte niemals zu den Intimsten Napoleon’s, der ihn auch niemals in seine Geheimnisse einweihte, in seine Werkstatt sehen ließ. In jener denkwürdigen Nacht, in der Napoleon mit seinen Helfershelfern Persigny, Morny, Walewski, St. Arnaud Paris überfiel, saß der Prinz ahnungs- und harmlos in dem Salon einer sehr bekannten Phryne. Der Prinz eilte nach Brüssel und war unter den Ersten, welche den Protest gegen den Staatsstreich unterschrieben. Er traute dem Stern seines Vetters nicht; er glaubte, ja er hoffte vielleicht eine Gegenrevolution und hielt sich in Bereitschaft. Als ihn aber die Proclamirung des Kaiserreichs ernüchterte, kam er wieder zum Vorschein; war er doch allein kaiserlicher Prinz und der natürliche Erbe des Kaiserreiches. Zwar umgaben mehrere Napoleoniden den Thron, aber mit Ausnahme des Exkönigs von Westphalen und seines Sohnes gehörten sie alle zur Linie Lucian (Prinz von Canino, ältester Bruder Napoleon’s des Ersten) und sind durch dessen Mesalliance vom Throne ausgeschlossen. Nur Prinz Napoleon war „Prinz von Frankreich“ und erbberechtigt.

Die politischen und militärischen Würden, welche der Prinz bekleidete, trugen ihm mehr Spott als Ehre ein. Noch unter der Republik zum Gesandten in Madrid ernannt, wurde ihm diese Bürde rasch wieder abgenommen, als er eines Tages seinen Posten ohne Urlaub verließ; als Präsident des neu creirten Ministeriums für Algier, sah er sich genöthigt, nach allem möglichen Krakehl mit seinen Collegen um seine Entlassung nachzusuchen; als ihn der Kaiser zum Divisions-General ernannte, machte ihn Paris zum Général du corps de Ballet, und im Krimkriege erwarb er sich den Spottnamen Plon-Plon.

Dagegen bewies der Prinz als Präsident der Weltausstellung von 1855 ein großes Organisationstalent und eine überaus glückliche Hand in der Wahl seiner Mitarbeiter. In seinem drei Bände umfassenden Werke „Besuch des Prinzen Napoleon auf der Ausstellung“ ist viel interessantes Material aufgestapelt und manch geistvoller Gedanke niedergelegt. Manche kühn ausgesprochene Voraussicht haben Zeit und Erfahrung bestätigt. „Die Weltausstellungen sind der höchste kosmopolitische und civilisatorische Gedanke des Jahrhunderts,“ sagt der Prinz, „sie drücken dem industriellen Jahrhundert seinen wahren Stempel auf; sie lösen die National-Ausstellungen ab; sie sind der Plan, auf dem sich alle Völker zum friedlichen Wettkampf vereinigen, die Realisirung der hochfliegenden Träume Saint Simon’s.“ Aber der Prinz kann die allzuhäufigen, sich rasch folgenden Ausstellungen nicht billigen, auch glaubt er, daß Fachausstellungen allgemeinen Ausstellungen vorzuziehen und instruktiver seien; er ist nicht der Ansicht, daß die Ausstellungen ausschließlich vom Staat als solchem ausgehen sollen; schließlich ist er für die unbedingte Aufhebung der Prämiirung, und wenn nicht anders möglich, so doch für ihre thunlichste Beschränkung. „Der Gerichtshof ist hier die ganze Welt, und die Prämien zahlt eigentlich der Consument“ ist sein Ausspruch. Die Erfahrungen der folgenden, und vor allen diejenigen der Wiener Ausstellung, haben die Ansichten des Prinzen vollauf bestätigt.

1858 fand das Attentat Orsini’s statt. Aus dem Gefängnisse heraus erließ er einen Mahnruf an den Kaiser, mit der Befreiung Italiens nicht länger zu zögern; ein Jahr später vermählt sich der Prinz mit der Tochter Victor Emanuel’s, und in demselben Jahre bricht der italienisch-französische Krieg gegen Oesterreich aus. Stets weit vom Schusse, war dem Prinzen die Aufgabe zugefallen, als Führer eines Observationscorps Toscana vor einem Ueberfalle zu bewachen, und erst nach Unterzeichnung des Friedens von Villafranca verließ er Livorno. Auch während des deutsch-französischen Krieges – die Kriegserklärung traf ihn in Tromsöe, und in fünf Tagen legte er die sechshundert Meilen zurück, welche ihn von Frankreich trennten – weilte er in Italien. Der Kaiser hatte ihn nach Turin gesandt, um eine Allianz zwischen Italien und Frankreich zu Stande zu bringen. Der Prinz schien der beste Unterhändler. Aber all seine Bemühungen waren vergebens, und er mußte seine Aufgabe ungelöst lassen.

Die Ehe Napoleon’s war für die kaum sechszehnjährige Tochter Victor Emanuel’s keine glückliche, denn der Prinz führte auch nach seiner Vermählung das kraftgeniale Garçonleben in seinem „pompejanischen Palaste“ in der Avenue Montaigne weiter. Dieses Haus war der Sammelpunkt von Künstlern, Schauspielern, Malern, politischen Schöngeistern, literarischen Politikern. und Emigranten der Länder, die man warm halten wollte, ohne ihre Abgesandten in den Tuilerien zu empfangen. Hier traf der Kaiser mit Kossuth vor Ausbruch des italienischen Krieges zusammen; hier fanden aber auch die „petits soupers“ statt, Abendgesellschaften, welche an den Prinzen Egalité mahnten, und die berüchtigte Cora Pearl mit ihren Gespielinnen fühlte sich hier wie zu Hause. Hier wurde sehr viel Esprit consumirt, und von hier aus flatterte manch scharfes Witzwort über Rouher und vor Allem über die Kaiserin durch Paris, und aus der Avenue Montaigne kam manches Scandälchen, manch frivole Geschichte, welche stets in den innersten Gemächern der „Spanierin“ spielten, in Rochefort’s Laterne.

Der Prinz hat aus seiner Abneigung, aus seinem Hasse gegen die Kaiserin niemals ein Hehl gemacht, und dieser Haß wurzelt tief; der Prinz haßt die Kaiserin aus „Geschäftsrücksichten“; er haßt und verfolgt in ihr die Mutter Lulu’s, dessen Geburt ihm die Aussicht auf den Thron versperrte. Jene ganze Schmutzliteratur gegen die Kaiserin – von Brüssel und der Schweiz aus flügge gemacht – welche die Legitimität des kaiserlichen Prinzen anzweifelt und das Vorleben der „Spanierin“ in unzweideutigster Weise schildert, hat im Prinzen ihren Urheber, wie die Imperialisten behaupten, aber selbst die Republikaner lassen ihn bei dieser Literatur Gevatter stehen.

Uebrigens revanchirte sich auch die Kaiserin durch Verherrlichung der militärischen Bravour und des reckenhaften Muthes ihres theuren Neffen in Wort und Bild, ja nach dem Krimkriege circulirte sogar ein Bildchen, das man in intimen Kreisen dem malitiösen Griffel der Kaiserin zuschrieb und welches den Prinzen während der Schlacht an der Alma in einem Zustande darstellte, der mehr an Opiumpulver als an Schießpulver gemahnte. Als der Herzog von Aumale dem Prinzen ein Cartel sandte und ihm sagen ließ, er werde ihn in acht Tagen in Belgien erwarten, rief die Kaiserin dem bei Hofe erscheinenden Plon-Plon zu:

„Wie, mein Prinz, Sie hier? Wir glaubten Sie schon auf der Reise nach Brüssel.“

„Ich hole nur den Rath des Oberhauptes unserer Familie ein,“ explicirte der Prinz mit Grandezza.

„Ach, dann bin ich beruhigt,“ sagte Eugenie lachend, „wer in Ehrensachen um Rath fragt, der schlägt sich nicht.“

Während des letzten Krieges weilte der General Prinz Jerome Napoleon friedlich und lustig in Florenz, war täglich an der Seite einer der populärsten Halbweltdamen im Theater zu sehen und trotzte mit feigem Cynismus der Entrüstung des Publicums, welches ihn mit Schimpf bewarf. Der 4. September traf ihn noch in Italien. Während der Gefangenschaft des Kaisers ließ der Prinz aus Vorsicht das Gerücht verbreiten, Deutschland habe ihn zum Nachfolger Napoleon’s des Dritten ausersehen, und durch die „Times“ die Nachricht, Bismarck führe in dieser Richtung Unterhandlungen. Das Dementi, welches von deutscher Seite erfolgte, steckt sicher nicht hinter dem Spiegel des Prinzen. Nach dem Tode des Kaisers brachen die Feindseligkeiten der „ältern und jüngern Linie Bonaparte“ in offenen Kampf aus. Von Chislehurst aus beschuldigte man den Prinzen, daß er den Sturz des Kaiserreichs verschuldet, welches er systematisch untergraben habe, daß er dem Kaiser die liberalen Ideen, das heißt das Ministerium Ollivier aufgezwungen (?), um den vacanten Thron selbst zu besteigen, und der Prince impérial erließ gelegentlich seiner Candidatur für Versailles einen rüden Fehdebrief gegen ihn, wogegen wieder der Prinz die „bigotte Spanierin, welche der Kaiser so schwach war auf den Thron zu erheben“, das Unglück Frankreichs nennt.

Wenn man den Kampf der beiden Linien Bonaparte auch nur oberflächlich verfolgt, wird man rasch den Eindruck erlangen, welchen der selige Heinrich Heine im „Streite zwischen Pfaff und Rabbiner“ erhielt.

Plon-Plon hat übrigens für die reiche Sammlung von kostbaren Ehrentiteln, mit denen jede Partei ihn bereits beschenkte, neuerdings einige auserlesene Exemplare erhalten. „Vetter Liederlich“ nennt ihn Gambetta verächtlich; Paul Cassagnac, der journalistische Bravo der Imperialisten, schimpft ihn „Jerome Egalité“, die Rechte „Le communard Jérôme“, und Rochefort [86] wirft in seiner bekannten absprechenden Rücksichtslosigkeit ein Urtheil über die angebliche Feigheit des Prinzen Napoleon in die Welt hinaus, das aus Anstandsgefühl hier besser unterdrückt werden dürfte.

Einsam, von Allen gemieden, sitzt der Prinz in der äußersten Ecke von Versailles und träumt von einer Krone.

Ist es nur ein Traum?

Beim lieben Gott und in Frankreich ist freilich Alles möglich.



[183]
3. Thiers.


Der kleine Thiers ist nicht wenig stolz darauf, daß er nicht der Kleinste in Versailles ist, aber Floquet ist bucklig und Louis Blanc mit unbewaffnetem Auge kaum zu sehen. Thiers sieht wie eine Nippfigur aus; nicht etwa zierlich wie eine aus Sèvres oder Vieux Saxe, vielmehr possierlich wie die aus Guttapercha. Der komische Eindruck, den Thiers auf den ersten Blick macht, wird erhöht durch seine Toilette und durch sein Geleit. Thiers trägt einen bis an die Fersen reichenden schwarzen Rock, dicht unter dem Kinne geschlossen, dann kommen zwei riesige Vatermörder, eine scharfausschauende Nase mit einer voluminösen Hornbrille darauf, der sofort ein hoher breitkrämpiger Cylinder von talmudisch-breitkrämpiger Façon folgt, wie ihn die Rabbiner tragen. Dicht hinter ihm her wie sein Schatten – sein treuer Rustan – ein riesiger Bengel, weit über sechs Fuß hoch, wie er in Paris kostenfrei kein zweites Mal zu schauen ist, gleichfalls vom Kinne bis zu den Absätzen in schwarzes Tuch gehüllt. Wenn der Bursche sich die Füße durchnäßt, braucht er vierzehn Tage, bis er den Schnupfen bekommt, meinte einmal der Charivari, indem er von seiner Länge sprach. So wandeln Beide in einem gewissen behäbigen Hundetrabe alle Tage, an denen es keine Kammer giebt, zwischen zwei und drei Uhr durch die Champs Elysées, von Jedermann gekannt, von den Meisten gegrüßt.

Thiers steht im Sommer um sechs Uhr, im Winter um sieben Uhr auf. Seine Toilette ist rasch vollendet. Um halb acht Uhr nimmt er seine Tasse Chocolade mit einem gerösteten Brödchen. Dann folgt die Arbeit, seine Studien; der Secretär bringt Briefe und erhält die Antwort; Thiers liest alle Journale, auch die Witzblätter, stets den Rothstift in der Hand, und alle versieht er mit Randglossen, Frage- und Ausrufungszeichen; von fremden Journalen finden sich nur die „Times“, die „Independance belge“ und der „Nord“ in seinem Cabinet. Um elf Uhr erscheinen hier und da die Intimen seines Hauses, wenn sie ihm just eine Mittheilung zu machen haben: Jules Simon, Casimir Périer; um zwölf Uhr ist das Frühstück servirt. Thiers ist kein Gourmand und hat sich auf die Künste der Küche niemals verstanden, was die hohe Meinung, die Talleyrand von ihm hatte, etwas einschränkte und ihn zu dem Ausspruche veranlaßte: „Herr Thiers wird nie ein großer Diplomat werden.“

Sobald Thiers sein Hammelcotelette verzehrt und sein weiches Ei geschlürft, eine kleine Flasche Bordeaux geleert und seine Demi-Tasse genommen hat, empfängt er Fremde von Bedeutung, Mitglieder des diplomatischen Corps, höhere Beamte aus der Provinz, die unter seiner Präsidentschaft gedient, u. A.

Dann folgt der Spaziergang in die Elysées oder die Fahrt nach Versailles; um sieben Uhr wird das Diner servirt; einmal wöchentlich von acht bis zehn Uhr empfängt Monsieur Thiers: Gelehrte, hohe Beamte, Generäle, Mitglieder des diplomatischen Corps, am häufigsten den russischen Gesandten und den Englands. Auch Fürst Hohenlohe, die Herzoge von Nemours, von Aumale erscheinen nicht selten; ebenso Rothschild, der sich gern an die Orleans klettet; Madame Thiers und ihre Schwester machen die Honneurs.

Thiers hat für Jeden ein freundliches Wort, eine Erinnerung; er weiß Alles; er hat Alles gelesen und Nichts vergessen; sein Gedächtniß ist staunenerregend und für Alles gleichmäßig und treu; er kennt ebenso genau die Staatsschulden wie die Kammern und die Verfassungen aller Staaten, ihre Bewaffnung und ihre Festungen, wie den Stand der Course bis auf Jahre zurück; ebenso die neuesten Bonmots, wenn sie ihren Stachel gegen den Präsidenten, gegen Gambetta oder Rouher kehren. Wenn er am Kamine steht, die Hände am Rücken, und ein Thema angeschlagen wird, das sein Interesse fesselt oder ihn gar lockt, seine Meinung abzugeben (und das ist leicht geschehen, denn Herr Thiers weiß, wie er durch die Rede wirkt; er hört sich gern reden, und Nichts schien ihm gefährlicher und ward ihm schmerzlicher, als daß ihm die Kammer als Präsident die Tribüne wehrte) und er in Bewegung kommt, dann scheint seine Gestalt zu wachsen. Seine schön aufstrebende Stirn wird höher; seine Augen leuchten aus den Brillen hervor; er ist verjüngt; seine kleinen weißen Hände sind in steter Bewegung, und wenn er einem Gedanken, einem Worte vollen Nachdruck geben will, stemmt er wiederholt den Zeigefinger gegen die Stirn. Seine Stimme ist klein und wird im Affect sehr leicht kreischend, aber sein Vortrag ist leicht, gefällig, einschmeichelnd, lebhaft und viel passender für den Salon, als für die Tribüne. Aber auch dort schlägt er nur den leichten Conversationston an, und seine größten wichtigsten Reden klingen wie Plaudereien.

Louis Adolphe Thiers ist geboren am 26. germinal, an V, das ist um 15. April 1797, in Marseille; in Aix, wo er Jurisprudenz studirte, wurde er einunddreißig Jahre später Advocat. In Paris mit großen Plänen und kleinem Beutel angekommen, wohnte er in der Dachkammer eines Sechsgestocks mit Mignet, welcher bereits die Advocatur zu Gunsten der Literatur an den Nagel gehängt hatte und mit dem ihn die innigste Freundschaft durch sein ganzes Lehen vereinte. Durch Empfehlung seines Landsmannes Manuel, der durch seine Ausstoßung aus der Kammer soeben eine Macht geworden, erlangte er Eintritt in den „Constitutionnel“. „Der „Constitutionnel“ lief damals dem „Journal des Debats“ den Rang ab und vereinigte unter dem energischen Etienne und dem schon bewunderten Béranger alle Mißvergnügten, die Republikaner von 1789 und 1793 und die Bonapartisten, es war das liberalste politische Journal; in seinem literarischen Theil vertheidigte es aber die Classiker gegen die Romantiker, und Thiers’ Artikel machten Aufsehen, stellten ihn in die vordersten [184] Reihen der ersten Journalisten, führten dem „Constitutionnel“ in wenigen Monaten über sechstausend neue Abonnenten zu, und der bis vor Kurzem noch unbekannte Mann wurde jetzt von den Parteiführern, von Casimir Périer, Lafitte, Baron Luis aufgesucht, in deren Salons er sich ebenso redegewandt bewährte, wie schreibgewandt in den Spalten seines Journals; dabei stürzte er sich über Hals und Kopf in die Studien für ein großes Geschichtswerk, dessen zwei erste Bände 1832 erschienen. Er stöbert alle öffentlichen und die reichen Privatbibliotheken durch, studirt Pläne, Schlachtberichte, erbettelt, holt und erzwingt sich Mittheilungen von Männern, die eine Rolle gespielt, von den alten Diplomaten der Revolution, sowie von den Lieferanten. Um Cambon's Finanzsystem zu verstehen, nimmt er Course bei Lafitte und Casimir Périer; die Generale Foy und Jomini leiten seine Kriegsstudien; in Vincennes treibt er artilleristische Studien und hat stets einen Stab von Officieren um sich, kaum geringer als der, welcher ihn dreiundvierzig Jahre später als Präsident der Republik in Versailles umgab. Der Erfolg der ersten zwei Bände der Geschichte war ein außerordentlicher. Aber mitten im Triumphe beginnt Thiers eine sehr heftige Opposition gegen die Restauration, daß selbst dem „Constitutionnel“ bange wird, und so gründet er mit Mignet und Armand Carrel den „National“, und nun beginnt der Kampf gegen die Restauration bis an’s Messer. Das Blatt machte ungeheures Aufsehen; schon Thiers' erste Artikel, glänzende Variationen über das Grundthema: „Le roi règne et ne gouverne pas“, welches bald zum Schlagwort für die constitutionelle Monarchie, „diese für Frankreich einzig mögliche Staatsform“, wurde, bildeten den ausschließlichen Gesprächsstoff im Salon wie in der Mansarde und machten selbst die Diplomatie stutzig. Louis Philipp, den Metternich den „gescheitesten Mann in Europa“ nannte, hatte längst Thiers zu sich herangezogen, und eingeführt durch Lafitte, gehörte er bald zu den fleißigsten und intimsten Gästen seines Salons im Palais Royal, der, wie Lamartine erzählt, „das Asyl der liberalen Meinungen, die Zuflucht der persönlichen Unzufriedenheit und der Herd des geheimen Murrens gegen die Restauration war.“

Die Ordonnancen erscheinen. Der Protest der oppositionellen Deputirten, von Guizot, der der Journalisten, von Thiers redigirt, folgt ihnen auf dem Fuße. Aber jetzt wird es ernst. Von Worten kommt es zu Thaten; die Sturmglocke ertönt; die Feder wird mit dem Schwert vertauscht; die Tricolore flaggt in den Straßen von Paris; die Trommeln wirbeln, aber Thiers ist ein kluger Mann: noch ist Karl der Zehnte nicht gefallen, noch Louis Philipp nicht am Thron; sicher ist nur der kühle Schatten von Montmorency, unter den er sich zurückzieht.

Aber bald ist seine Furcht gebannt vor der Furcht, daß ihm Andere bei der Inthronisirung der Orleans zuvorkommen könnten; er eilt nach Paris in die Versammlung bei Lafitte, und kaum wird der Name des Herzogs von Orleans ausgesprochen, so zieht er eine schon fertige Proclamation für Louis Philipp aus der Tasche, bearbeitet die Deputirten, läßt sich von Sebastiani, Gerard und Lafitte eine Vollmacht geben, eilt noch in der Nacht hinaus nach Neuilly, wo der Prinz seine Sommervilleggiatur hielt, bis in die Gemächer des Herzogs, der, unvorbereitet wie er war – Louis Philipp war über alle Vorgänge in Paris durch Talleyrand und Lafitte auf das Genaueste unterrichtet – [185] erscheint und fragt, womit er dem Monsieur Thiers dienen kann. Der Herzog von Orleans wird „König der Franzosen“ und Thiers Secretär im Finanzministerium.Zu dieser Zeit hätte Thiers die Lesefrüchte seiner Studien zu seinem großen Geschichtswerk noch in den Gliedern. Man will sogar bemerkt haben, daß er die Gesten des ersten Consuls imitirte, und der kleine Thiers wollte nichts weniger als die Alpen übersteigen, die Rheingrenzen zurückerobern, Belgien, Italien und Polen befreien. Aber Herr Thiers ist ein Mann, der stets mit sich handeln ließ, und es genügt ihm, daß Frankreich weiß, daß Herr Thiers marschiren will.

Unter dem Ministerium Lafitte spielt Thiers eine größere Rolle freilich nicht in der Kammer, die gegen seine Zifferngruppirung, welche mehr von seiner mythenbildenden Phantasie als von seinem Wissen zeigt, eine große Antipathie hatte; „Er weiß Alles auf der Tribüne“ – sagt ein geistreicher Franzose von dem Parlamentsredner Thiers – „besonders das, was er nicht weiß,“ aber erst nach dem Tode Casimir Périer's, der ihm hauptsächlich seine militärischen Gelüste austrieb, seine kriegerischen Attitüden abgewöhnte und ihn zum Verzicht aller glorreichen Feldzüge selbst von der Tribüne herab zwang, trat Thiers mit dem Ministertitel in’s Cabinet (am 11. October 1832), dessen Seele er stets war, so lange er darin saß, dessen verbissenster und gefährlichster Opponent er ist, sobald er draußen steht.Das Ende der Juli-Monarchie naht; in den ersten Reihen der Opposition kämpft Thiers mit der Leidenschaftlichkeit, dem Feuer und demselben Vernichtungsdrange, wie in den letzten Tagen der Restauration, ja in seiner berühmten Rede gegen Guizot’s Politik in der Sonderbund-Angelegenheit ruft er, um sich bei den nahenden neuen Machthabern zu empfehlen, mit beispielloser Unverfrorenheit: „Ich gehöre zur europäischen Revolutionspartei und habe ihre Sache niemals verrathen.“

In der Legislative von 1848 saß Thiers auf der Rechten, aber erst nachdem nacheinander Blanqui, Louis Blanc, Ledrû Rollin sich abgenützt hatten und selbst Lamartine und Cavaignac als zu eifrige Republikaner galten, trat Thiers wieder mehr in den Vordergrund. Er unterstützte die Präsidentschaft Louis Napoleon’s, da er hoffte, daß Napoleon sich rasch abnützen, unmöglich machen und so den Weg zur Rückkehr der Orleans ebnen werde. Als er sich getäuscht sieht, als bei der Revue von Satory einzelne Regimenter, während sie vor dem Präsidenten vorbeidefiliren, „Vive l’Empereur“ rufen, da schlägt Thiers Alarm, rafft die Parteien in der Kammer noch zusammen und stürzt auf die Tribüne mit dem Schreckensrufe: „Meine Herren, das Kaiserreich ist fertig.“Die Opposition kam zu spät. Der Tag vom 2. December führte auch Thiers nach Mazas. Bald darauf wurde er aus Frankreich verwiesen, aber schon 1852 kehrte er nach Paris zurück. Schmollend und grollend, nicht beachtet, noch weniger gefürchtet, lebte er ausschließlich seinen historischen Studien, bis ihn im Jahre 1863 die Stadt Paris in den Gesetzgebenden Körper sandte. Die Angriffe auf die innere illiberale Politik des Kaiserreiches, die Tiraden zu Gunsten der Preßfreiheit, des Versammlungsrechtes etc. konnten aus dem Munde eines Mannes, der, sobald er das Regierungsheft in Händen hatte, stets diese [186] Freiheiten geknebelt hatte, nicht sehr wirksam sein; von um so größerer Wirkung waren aber seine Angriffe auf die äußere Politik Napoleon’s, welche den großen Blick, die hohe staatsmännische Begabung des kleinen Thiers wieder glänzend erhärteten. Er verdammte die äußere Politik des Kaiserreichs in Bausch und Bogen und in allen Details, und sobald derselbe zu einer neuen That ausholte, erhob sich drohend Thiers.

Er war ein Gegner des italienischen Krieges, ein Gegner der Einigung Italiens, da er eine Schwächung Oesterreichs zugleich als eine Schwächung Frankreichs ansah; er trat mit aller Energie gegen die mexicanische Expedition auf – nach der Schlacht von Königgrätz betritt er, vor Aufregung bleich und zitternd, die Tribüne und stößt den Angstschrei aus: „Wir können keinen Fehler mehr begehen.“ Und als 1870 die Kammer mit dem Säbel zu rasseln und ihr Kriegsgeschrei anzustimmen beginnt, da erhebt sich der Greis mit der vollen Energie seines Wesens, mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Temperaments, verjüngt und gestärkt, und warnt, bittet und beschwört die Kammer, einzuhalten, und sich nicht in eine wilde Kriegswuth hineinzureden; unter dem Gebrüll der Kammer-Mameluken, dem Geheul, Gejohl und den Beschimpfungen des Galerie-Pöbels in Frack und Cylinder und den Insulten und Drohungen der vor seinem Hôtel angesammelten, als Arbeiter verkleideten Mouchards, uneingeschüchtert, ungebeugt, ein Feldherr ohne Armee, kämpft er todesmuthig, bis er zuletzt erschöpft mit den Worten schier zusammenbricht: „Beleidigen Sie, schmähen Sie mich, legen Sie Hand an mich – ich bin ein Greis und stehe am Rande des Grabes: aber ich bin bereit, Alles zu erdulden, um das Blut meiner Mitbürger zu vertheidigen, das Sie so leichtsinnig und gewissenlos vergießen wollen – es kommt ein Tag, und er ist nicht ferne – ich weiß es – wo Sie furchtbar bereuen werden, was Sie jetzt beginnen.“

Am 4. September legte Thiers der Kammer das Project vor: eine gemischte Commission aus Mitgliedern der Regierung und der nationalen Vertheidigung zu ernennen und sofort eine constituirende Versammlung einzuberufen. Doch es kam nicht mehr zur Abstimmung darüber – es war der letzte Tag des Kaiserreichs; die Dynastie war gestürzt; die neue Regierung wurde proclamirt. Aber nicht alle Deputirte waren mit diesem Gewaltacte einverstanden; noch am Abende des 4. September vereinigte sich ein Häuflein, darunter Girault Buguet, Pinard, Saint-Germain u. A., um gegen den „schmählichen Gewaltact“ zu protestiren, und es wäre vielleicht schon damals zu einer Contre-Revolution und einer gegenseitigen Abschlachtung in Gegenwart des Feindes gekommen – da gelang es Thiers, als Präsident der Versammlung gewählt, in einer wunderbaren, von Thränen und Aufregung halb erstickten Rede, deren Refrain stets „Hannibal ante portas“ war, zur Resignation zu bewegen. „Ich bin ein Feind jeder Gewaltthat, und ich mißbillige auch die, deren Zeuge wir heute sind, sowie ich stets gegen jede Vergewaltigung der Kammer war und sein werde, aber heute ist nicht der Tag der Anklagen und Beschuldigungen. Heute keinen Protest, heute keinen Kampf, keine Feindseligkeiten, keine Schwierigkeiten der provisorischen Regierung, denn der Feind steht vor den Thoren,“ rief er beschwichtigend aus.

Aber Thiers begnügte sich nicht mit der Resignation. Angesichts der Gefahr des Vaterlandes fühlte er sich nur als Franzose; er bot der neuen Regierung seine Dienste an. Sein Passionsgang zu den Höfen, um ihre Intervention zu Gunsten Frankreichs zu erringen, ist bekannt.

Siebenundzwanzig Departements wählten Thiers in die Nationalversammlung nach Bordeaux, die ihn zum Chef der Executivgewalt erwählte. Am 1. März legte er die Versailler Friedensbedingungen der Versammlung vor; der Mann, welcher den Friedensvertrag von Luneville für ein Meisterstück, ebenso hoch stehend durch seine Weisheit wie durch seine Mäßigung, erklärt hatte, mußte jetzt für den Frankfurter Frieden eintreten. Mit fünfhundertsechsundvierzig gegen einhundertundsieben Stimmen nahm die Versammlung nach einstündiger Berathung den Frieden an, und drei Tage später verließen die Deutschen Paris, und die Nationalversammlung siedelte nach Versailles über.

Jetzt galt es, die Commune niederzuwerfen. Thiers war glücklich, das große Feldherrntalent, welches er seit seinen Studien für die Geschichte des Kaiserreichs in sich fühlte, endlich an den Mann bringen zu können; aus den Ueberresten der Armeen von Metz und Sedan bildete er eine streitbare Armee, „die schönste, welche Frankreich je besaß,“ rief er selbstgefällig aus; den Oberbefehl überließ er aber doch Mac-Mahon, und so begann die „zweite Belagerung“ von Paris, und während die deutschen Truppen die nordöstlichen Forts von Paris besetzt hielten, bombardirten die französischen ihre „einzige Stadt“ von den durch die Deutschen angelegten Parallelen aus, durch sechsundvierzig Tage hindurch. Aber nur der Verrath führte sie hinein. Thiers hielt furchtbare Musterung in der besiegten Stadt; ungefähr fünfzigtausend Socialisten wurden gefangen, erschossen, deportirt, und stets von Neuem begann die blutige Jagd auf Communisten; die Nationalversammlung votirte Thiers den Dank des Vaterlandes und ernannte ihn für die Zeit ihrer Dauer zum Präsidenten der Republik.

Wie früher die tief unterschätzte Verproviantirung von Paris in Erstaunen setzte, so jetzt der ungeahnte Reichthum und die bewunderungswerthe Willfährigkeit des Landes; die Subscription für die drei Milliarden zählt am Tage ihrer Eröffnung bereits einundvierzig Milliarden. Aber am 24. Mai 1873 bricht der Kampf zwischen den Monarchien und den Republikanern in der Nationalversammlung, der durch den „Vertrag von Bordeaux“ nur hinausgeschoben war, in offene Fehde aus. Durch den Herzog von Broglie herausgefordert, betrat Thiers nochmals die Tribüne und sagte offen, daß unter den gegebenen Verhältnissen die conservative Republik die einzig mögliche Regierungsform für Frankreich sei, die Majorität der Versammlung aber, welche die Monarchie fordere, möge nicht vergessen, daß Frankreich drei Dynastien und nur einen Thron zur Verfügung habe.

Nachdem die Nationalversammlung die von der Regierung geforderte einfache Tagesordnung verworfen, forderte Thiers seine Entlassung.

Als Thiers, ein dreiundsiebzigjähriger Greis, die Präsidentschaft übernahm, lag Frankreich aus allen Wunden blutend. Seine eigenen Söhne zerfleischten sich; sein Boden erdröhnte vom schweren Tritt der Feinde; eine Kriegsschuld, schier unerschwingbar, lastete auf ihm; Handel und Wandel standen still, ein Bild des Jammers, des Mitleids und Entsetzens, und als er jetzt herabsteigt, haben die Sieger das Land geräumt; die Kriegsschuld ist abgetragen; wieder rauchen die Schlote der Fabriken, und ihre Hämmer arbeiten, und Frankreich beginnt, wenn auch noch schwach – wie nicht anders möglich nach solchen Blutverlusten – sich langsam wieder frei aufathmend zu erheben.

Selten hat das Schicksal einem Menschen so aufgespielt wie dem Thiers; er scheint verdammt, Alles, was er in seinem Leben ersehnt, erstrebt, erkämpft – bekämpfen und zerstören zu müssen, sobald es zur That wird. Ein Saturn im Frack! Er, der überzeugungstreueste Anhänger der constitutionellen Monarchie, ihr glänzender Vorfechter während der Restauration, hat wie Keiner der Revolution und dem zweiten Kaiserreich vorgearbeitet; die Asche Napoleon’s, welche Louis Philipp auf Thiers’ Antrieb von St. Helena[WS 1] zurückbrachte, war lange noch nicht verglommen, und Thiers selbst blies sie zu neuer Flamme auf; die schwarz drapirte, trauerbeflaggte Barke, in welcher der Prince von Joinville die Leiche Napoleon’s die Seine heraufschiffte, war der Sarkophag des Juli-Königthums – und als endlich das Kaiserreich hereinbricht, schreit er Alarm, und als es fertig ist, bekämpft er es unermüdlich, leidenschaftlich, zerstörungswüthig; er, der einst so laut mit dem Säbel rasselte und im Jahre des Becker’schen Rheinliedes nach Deutschland marschiren wollte, muß gegen den Krieg mit Deutschland in die Schranken treten – er, der den Frieden von Luneville als einen Act der weisen Mäßigung bewundert hat, muß den Frieden von Frankfurt abschließen und den Franzosen mundgerecht machen – er, der einst Paris in eine Festung gegen die Deutschen wandelte, muß sie in ihrer Gegenwart erstürmen und sein Paris zusammenschießen.



[496]
4. Der Vicekaiser.


Herr von Beust hat Oesterreich einmal das „Land der Unbegreiflichkeiten“ genannt; es war dies – zu seiner Rechtfertigung sei es gesagt! – zur Zeit, als er zu Austria’s Leibkutscher avancirte. Wie soll man aber Frankreich bezeichnen, wenn schon Oesterreich als unbegreiflich apostrophirt wird? Ist es nicht mehr als unbegreiflich, wenn in Frankreich so kurze Zeit nach der Schlacht von Sedan, dem Verlust zweier Provinzen und fünf Milliarden, dem Verlust des Kriegsruhmes und der Einbuße seiner dominirenden Stellung bis zur Unbedeutendheit der Bonapartismus nicht etwa heimlich und vorsichtig auftaucht, sondern offen und frech sein Haupt erhebt, sich vordrängt, einschüchtert und droht, den Löwenantheil an der Regierung fordert, nicht nur in seinen Journalen die bestehende Staatsform höhnt und begeifert, sondern sie auch in der Nationalversammlung und diese selbst von einem solch verkommenen Bravo, wie dieser Paul Cassagnac, höhnen und begeifern läßt? Und ist es nicht wunderbar, daß heute, wo die legitime Dynastie und die Orleans abgethan sind, die Republik und das Kaiserthum noch um den Erfolg würfeln, die imperialistische Partei beide monarchische Fractionen an Stärke übertrifft und die Republikaner bei allen Wahlen mit den Bonapartisten ringen müssen? Und da sage man nicht, daß ihnen die Gunst von oben leuchtet! Der Marschall Mac-Mahon ist kein Monk; ebensowenig wie Heinrich der Fünfte hat der kaiserliche Erbe in Chislehurst Etwas von ihm zu erwarten.

Hören wir den Mann, der am besten Auskunft darüber geben kann, der wie keiner mehr dem verstorbenen Kaiser nahe stand, in dessen Hand alle Fäden des engmaschigen Netzes, welches der Imperialismus über das Land zieht, zusammenlaufen: hören wir den Vormund Napoleon’s des Vierten, den Vicekaiser, wie ihn Olivier einst nannte, als er noch auf der harten Bank der Opposition saß! Die Gelegenheit ist günstig. Dort im Salon der russischen Fürstin, welche in ihren alten Tagen das Sprüchwort Lügen straft und anstatt unter die Betschwestern unter die Diplomaten ging, dort am Kamin steht der mittelgroße, breitschulterige Mann mit dem weitläuftigen von zwei weißgrauen Cotelettes eingerahmten Gesichte, den energischen Lippen, der fleischigen, aber doch scharf geschnittenen Nase und der hohen Stirn, in die er sich die grauen Haare des Nackens mit den fleischigen Händen fortwährend hineinkämmt – Rouher. Er führt soeben das Wort. Er hält einem russischen „zugereisten“ Diplomaten, der dieselben Fragen aufwarf, mit denen ich diese Skizze anhob, einen Cursus über die Aussichten des dritten Kaiserreiches:

„Monsieur Thiers,“ hob Rouher an, „sagte: 'die Monarchie ist in Frankreich unmöglich; denn Frankreich hat drei Dynastien und nur einen Thron.' Aber das ist die Monarchie des Herrn Thiers; die constitutionelle Monarchie – und da stimme ich mit Herrn Thiers überein – sie ist unmöglich in Frankreich, weil gegen seine Natur, und das habe ich dem Kaiser wiederholt gesagt, als er daran ging, die liberale Aera zu eröffnen. – Frankreich will eine starke Regierung, ein persönliches Regiment. Das ist die Geschichte des 18. Brumaire, des 2. December und des 24. Mai 1873. Der Marschall ist wahrlich mit keiner geringern Machtvollkommenheit ausgestattet, als der Kaiser am 2. December sie errang; die ‚nothwendigen Freiheiten‘, von denen Herr Thiers immer spricht, sobald er nicht an der Regierung ist, können den Vergleich mit dem Kaiserreiche nicht aufnehmen; sehen Sie das Preßgesetz, das Associationsrecht und dazu die zweite Kammer – man arbeitet in allen Zweigen der Regierung mit dem Apparate des Kaiserreichs. Die Personen haben gewechselt, aber die Einrichtungen sind geblieben, weil diese vom Geiste des französischen Volkes eingegeben sind und man keine besseren zu substituiren weiß.

Der Franzose hat keinen Sinn für Selbstregierung; er will eine solche in der Gemeinde nicht; er braucht den Beamten, der für ihn denkt, arbeitet und die Verantwortlichkeit trägt. Frankreich ist unfähig für die Republik, wie sie die Schweiz und Nordamerika haben. Deutschland hat alle Vorbedingungen für eine Republik ohne sociale Umwälzung, ohne persönliches Regiment; denn der ganze Staat ist nur eine Conföderation kleiner Gemeinderepubliken. Bei uns ist aber die Republik stets nur das persönliche Regiment unter tricolorer Etiquette; das fällt, sobald es sich dem Andrängen des Radicalismus zu schwach zeigt. Das war auch die Ursache des Sturzes Thiers’.“

„Aber für dieses persönliche Regiment halten sich drei Dynastien bereit,“ meinte ein jugendlicher Attaché.

„Wo sind diese drei Dynastien?“ rief Rouher; „sie existiren nur auf dem Papier ihrer Journale, im Munde ihrer Parteigänger; sie sind eingepökelt in der Geschichte und aufgeführt im Almanach von Gotha, aber für Frankreich existirt nur eine Dynastie, die der Napoleoniden.“

„Und Heinrich der Fünfte und die Fusion?“ interpellirte ein hervorragendes Mitglied der österreichisch-ungarischen Colonie.

„Der Graf von Chambord hat seine Unmöglichkeit richtiger erkannt als seine Partei. Jeder Dynast hat die Traditionen seiner Dynastie zu wahren; das ist für den Grafen Chambord und für die Orleans ein Unglück, für den Prince impérial die Zukunft.

Die Legitimsten träumten von einer constitutionellen Monarchie mit Heinrich als König. Herr von Bismarck erzählte uns einmal, als er noch in Paris war, daß im Jahre 1848 in einem kleinen deutschen Fürstenthume die Republik mit dem Fürsten an der Spitze ausgerufen wurde. Das ist die constitutionelle Monarchie mit Heinrich dem Fünften. Der Graf von Chambord wollte nur mit der weißen Fahne Frankreich betreten; er vertritt das Princip der 'Legitimität von Gottes Gnaden' in Europa. Er kann die Revolution nicht anerkennen; er muß an 1788 anknüpfen, aber die Geschichte hat taube Ohren, und die weiße Fahne ist eben so gefürchtet wie die rothe.“

„Und die Orleans?“

„Die Fusion war die Abdankung des Grafen von Paris. Die Orleans glaubten, dadurch den einzigen Concurrenten um den Thron Frankreichs aus dem Wege zu räumen. Der Graf von Paris glaubte, Chambord werde ihn adoptiren und zu seinen Gunsten abdanken. Aber das Gegentheil geschah, weil es geschehen mußte. Die Fusion war die Abdankung der Orleans und Frohsdorf ihr Canossa. Der Graf von Chambord sah in der Wallfahrt nur die Sühne des Enkels des Egalité und des Sohnes des Straßenkönigs. Und so auch Frankreich. Der [497] Graf von Chambord wird eher die Republik des Herrn Gambetta als die Monarchie eines Orleans anerkennen. Ich bin kein persönlicher Feind der Orleans; ich habe, als das Decret der Confiscation ihrer Güter erschien, mein Portefeuille niedergelegt. Ich schätze ihre hohen bürgerlichen Tugenden, ihren Familiensinn, ihre Selbstbescheidung; es ist beinahe rührend, daß sie in den Februartagen, anstatt die afrikanischen Regimenter aufzubieten, mit Resignation ihre Koffer packten. Die Orleans wären gewiß die besten und geliebtesten Herrscher eines kleinen deutschen Fürstenthums, aber damit erobert man nicht den französischen Thron. Denn diese Orleans sind nicht Fisch, nicht Fleisch: sie wollen Bourbons sein, zur alten Familie gehören, sie müssen aber die Revolution anerkennen; sie feiern den Geburtstag Heinrich’s des Vierten und den von 1789.“

„Wer weiß,“ meinte die Fürstin, „wenn die Orleans die vierzig Millionen, die sie reclamirten, sofort nachdem sie ihnen ausgezahlt wurden, auf den Altar des Vaterlandes gelegt hätten?“

Rouher lächelte, nahm einen Schluck Thee und fuhr dann fort: „Es war unerhört und für ihre Partei beschämend, daß die Orleans, deren colossaler Reichthum ja sprüchwörtlich ist, vierzig Millionen vom Lande requirirten in dem Augenblicke, als es fünf Milliarden zu zahlen hatte. Ein Gentleman, der Herzog von Broglie, drang darauf, daß in dem Augenblicke, wo die Nationalversammlung die vierzig Millionen ihnen zusprach, der Herzog von Aumale auf der Tribüne erscheinen und sie auf den Altar des Vaterlandes legen sollte. Aber in der Rue Lafitte wurde ihnen widerrathen, und sie befolgten um so lieber den Rath des Herrn von Rothschild, als er ihren Wünschen entsprach. Und am Ende hat Rothschild Recht,“ schloß Rouher, „wenn die Orleans auch vierzig Millionen eingezahlt hätten – ihre Actien standen doch nicht besser.“ –

Die Rückkehr des Kaiserreichs glaubt und sieht der größte Theil Frankreichs, mit Ausnahme jener alten, ewig jungen Doctrinäre, die so lange nicht sehen und hören und immer mitten am Wege lümmeln, bis ihnen die Thatsache auf die Hacken tritt und sie das Geschehniß am Kragen faßt. Dem Bauer ist ein Napoleon der Gespensterbanner, des „weißen“ wie des „rothen Gespenstes“, des ancien regime und der Anarchie – ihm flaggt die weiße Fahne ebenso bedrohlich wie die rothe. Das war ihm der große Kaiser; das war ihm Napoleon der Dritte, dem er noch die Vicinalwege dankt. Die große Handels- und Geschäftswelt gedenkt der außerordentlichen Vermehrung der Communicationsmittel, der großen ökonomischen Reformen, des außerordentlichen commerciellen Aufschwungs unter dem Kaiserreiche; die Hôteliers, die Restaurants, Alle, die vom Fremdenverkehre Reichthümer sammeln, vertiefen sich mit Wehmuth in ihre Geschäftsbücher aus der Kaiserzeit, in dessen „Haben“ sie ihre goldne Zeit schreiben, während sie den geringen Fremdenverkehr, den Ausfall des Adels aller Lande in das „Soll“ der Republik eintragen; Alle, die Confectionsgeschäfte, die Blumenhändler, die Bijoutiers der rue de la paix wie die Fabrikanten der pierres de Strasses, die Conditoreien, die Schneider, die Spitzenhändler schwelgen in der Erinnerung der glänzenden Feste in den Tuilerien, welche die Aristokratie Europas heranzogen und Geld „unter die Leute“ brachten; die Arbeiter gedenken der Erweiterung von Paris, der Um- und Neubauten, der hohen Löhne unter dem Kaiserreiche, die Börse der hohen Course, die Hausbesitzer der hohen Zinse, die Hôteliers der hohen Preise – Alles das erhofft, ersehnt das Kaiserreich und glaubt an dasselbe – dazu die Armee! Die Veteranen der Krim und die Helden von Solferino, die Officiere, welche neue Epauletten und neue Siege ersehnen, die Generäle, welche lieber heute als morgen das ganze „geschwätzige parlamentarische Gesindel“ heimjagen möchten; die Präfecten, die Unterpräfecten und all die Beamten, welche die Republik blank gemacht hat und die besser als alle Andern die Opposition in der Provinz präpariren und organisiren und drillen, dann diejenigen, welche Frankreich bei seinem so mächtig ausgebildeten Classensystem, als die einzige Republik in Europa, für einen Unsinn erklären und in seiner Staatsform die Ursache suchen und sehen, daß Frankreich im monarchischen Europa keine Alliancen finden und im europäischen Concert seinen Platz nicht mehr erringen kann; dazu all die Erwerbenden, Besitzenden, welche die Aufregung, die Beunruhigung des Wechsels der Präsidentschaft schreckt und in Athem hält, dazu die Pfaffen, die Advocaten ohne Clienten, die Aerzte ohne Patienten, die Kaufleute ohne Kunden, der große Troß der Abenteurer – sie Alle erhoffen, ersehnen und – machen auch schließlich das dritte Kaiserreich.

Von den Häuptern der Bande, welche in das große Geheimniß des auf vier Jahre gewählten Präsidenten eingeweiht war und die ihm half, in der Nacht vom 1. zum 2. December Anno 1851 die Nationalversammlung zu sprengen, um die Republik zu knebeln, ist Keiner mehr übrig. Alle sind sie dem Herrn und Meister vorangegangen in den Tod; der Erste und Kühnste, Morny, 1865, dann Walewski 1868 und Persigny 1872. Rouher ist heute der Hüter des Napoleonischen Ideenschatzes, der Generalstäbler der Imperialisten-Campagne, und er fühlt sich mehr denn je als Vicekaiser. Rouher genoß das uneingeschränkte Vertrauen des Kaisers wie kein Zweiter, mit Ausnahme seines Halbbruders Morny. Dieser war aber auch der eigentliche Mann der That des Kaiserreiches; voll energischer Actualität, rücksichtslos, brutal in der Wahl seiner Mittel und Werkzeuge hat er auch den Staatsstreich geleitet und ausgeführt. Er besaß den feinen Instinct und die geniale Rücksichtslosigkeit der Bastarde. Aber von den Morny’s, Walewski’s und Persigny’s scheidet Rouher eine weite Kluft, sein durchaus makelloser Charakter. Für ihn war das Kaiserreich keine gefällige Milchkuh, um seine Schulden zu zahlen, seine Maitressen auszuhalten und Reichthümer zu häufen, und selbst die schärfste Opposition machte vor seinem Charakter Halt.

Rouher ist aber auch ein reinlicher Mann, der stets einen Abscheu hatte vor der buntgewürfelten Gesellschaft und unsauberen politischen Bohème, Bekannten und Genossen des Chefs aus alten Zeiten, die aus Dankbarkeit, ewiger Rücksicht und ängstlicher Vorsicht Zutritt in die Tuilerien hatten; auch wäscht sich Rouher, wie versichert wird, nach jeder Sitzung ganz gründlich, sobald er bemüßigt war, mit den Herren Cassagnac und Gavardi einen Händedruck zu wechseln. Das „Pays“ des Herrn Paul Cassagnac ist nur der journalistische Köter der Partei, dessen Bellen zeigt, daß die Bonapartisten sich wieder in den Sattel schwingen; der „Gaulois“ ist eine in’s Bonapartistische übersetzte sehr schlechte Copie des „Figaro“, dessen Mitarbeiter Herr Tarbée war, aber „l’Ordre“, das Organ Rouher’s, ist der Moniteur der Imperialisten.

Rouher zählt jetzt dreiundsechszig Jahre. Er ist ein vollkräftiger kerngesunder Mann; das Alter beginnt ihn nur in Form von Fett zu drücken, welches er in großen Massen in den letzten Jahren aufgestapelt hat. Er nimmt nur selten das Wort, auch ist er kein großer Redner im Sinne von Dufaure oder von Gambetta; weder die hochtönenden Worte noch die rührenden Laute stehen ihm zur Verfügung. Rouher besitzt nicht das die Zuhörer mitreißende oder einschüchternde Temperament, noch findet er sich im Ton der Plauderei zurecht, wie ihn Thiers so meisterhaft und bestrickend anzuschlagen weiß, aber man fühlt sofort, wenn er spricht, daß er Einer ist; der Etwas zu sagen hat. Er vertheidigt seine Sache kalt, ruhig; keine auch noch so lärmende Unterbrechung, keine noch so persönliche Apostrophe bringen ihn aus dem ruhigen Geleise. Er läßt die Schreier toben, die Parteien sich gegenseitig die größten Insulten zuheulen und steht, gelassen die Hände in den Hosentaschen, gemächlich an die Estrade des Präsidenten gelehnt, bis der Sturm vorüber ist; er ist nie um Argumente verlegen und nimmt sie, wo er sie findet, selbst vom Gegner und heute auch solche, die er gestern verwarf. Sein rednerisches Geschick bewies er wiederholt unter dem Kaiserreich, wenn er gegen Olivier, gegen Garnier-Pagès oder gegen Thiers vom Leder ziehen mußte, wenn es galt den Handelsvertrag mit England, welcher der Handelsfreiheit die Wege bahnte, gegen die Schutzzöllner zu vertheidigen oder die Angriffe auf die unglückliche Mexicanische Expedition abzuwehren oder Herrn Thiers über die Neutralität Frankreichs während des deutsch-österreichischen Krieges zu beruhigen. Aber Meisterstücke ganz anderer Art waren seine Reden, die er gegen den Prinzen Napoleon halten mußte. Er glich Tell, der den Apfel herabschießen mußte ohne den Knaben zu verletzen; es galt den Prinzen in den Sand zu strecken, ohne dem Kaiserreich weh zu thun. Es ging damals die Sage, daß Rouher für solche Arbeit vom Kaiser stets eine Extralöhnung im Betrag von zwanzigtausend Francs erhalte. Die Unwahrscheinlichkeit derselben leuchtet sofort ein, wenn man weiß, daß Rouher es war, der den Kaiser veranlaßte dem Prinzen die Tribüne zu verbieten, und Rouher ist ein sehr sparsamer Mann.

Anmerkungen

  1. Verfasser der bekannten „Carlsbader Sprudelsteine“, auf die wir demnächst ausführlicher zurückkommen werden. D. Red.
  2. Von einer der hervorragendsten deutschen literarischen Capacitäten wurde uns übrigens versichert, daß der Prinz Napoleon ein durchaus wissenschaftlich gebildeter Mann ist und daß seine so oft beschrieene Muthlosigkeit sich der Hauptsache nach auf die Erfindungen seiner erbitterten Feindin, der Kaiserin Eugenie, zurückführen läßt.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Elba, vergl. Berichtigung in Heft 14.