Der Spuk von Resau

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Titel: Der Spuk von Resau
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 258–259
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: von einem Knecht inszenierter „Spuk“
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Der Spuk von Resau.

Es war im November vorigen Jahres, da geschah es, daß in dem kleinen, nur wenige Häuser umfassenden Orte Resau in der Mark die Schweine des ehrsamen Büdners Böttcher, während er mit seiner Frau das Abendbrot verzehrte und sein etwa 15jähriger Dienstknecht Karl Wolter ab und zu ging, plötzlich aus dem Stalle entliefen, trotzdem der Stall von dem Besitzer selbst vorher eigenhändig zugebunden worden war; desgleichen die acht folgenden Abende, ohne daß es dem Betroffenen gelungen wäre, diese höchst auffallende Erscheinung klar zu legen, welche erst aufhörte, als ein solides Schloß an Stelle des Strickes die Stallthür verwahrte.

Das war aber nur das Vorspiel; es kam noch besser. Am 13. November abends, als die Böttcherschen Eheleute und ihr Dienstknecht Wolter sich eben zur Ruhe begeben und das Licht ausgelöscht hatten, da begann es plötzlich in dem an das Böttchersche Wohngelaß anschließenden Alkoven an der Wand, an der das Bett der Frau und das des Karl Wolter stand, heftig zu klopfen. Erschreckt machte der Büdner, dessen Bett in dem Wohngelaß stand, Licht und untersuchte, was da geklopft, fand aber nichts; da es ihm unheimlich geworden war, so sandte er den Wolter hinüber zu dem jenseit des Flurs wohnenden Gemeindevorsteher Neumann, um denselben zum Zeugen für das räthselhafte Klopfen zu gewinnen; Wolter verläßt das Zimmer – das Klopfen geht weiter!

Neumann erscheint und Wolter legt sich wieder in sein Bett – da, richtig klopft es auch wieder an der Wand, an der das Bett des Wolter steht. „Was ist denn das?“ ruft der energische Ortsvorsteher, und als wäre dem Klopfgeist das Machtwort der weltlichen Obrigkeit in die Glieder gefahren, hält er alsobald inne mit seiner Thätigkeit, um sie erst nach einiger Zeit wieder aufzunehmen.

Am nächsten Tage wurde die Sache noch ärger. Erstlich trafen verschiedene Steine die Fenster und Fensterladen des Gemeindevorstehers, nicht ohne daß der Dienstknecht Wolter in der Gegend, aus der die Steine kamen, irgend eine unverfängliche Hantierung hatte. Des Abends aber – die Frau Böttcher und Wolter lagen bereits in ihren Betten und eben schickte sich auch der Mann an, in das seinige zu schlüpfen – schwapp, da flogen die Pantoffeln des Karl Wolter, die vor dessen Bett gestanden hatten, von unsichtbarer Hand geworfen gegen den Kachelofen im Zimmer; die Kleidungsstücke des Wolter, ursprünglich auf einem Stuhl, sahen sich plötzlich auf das Bett der Frau geschleudert, Kartoffeln, Kohlrüben und ein Schinkenknochen sausten durch die Luft, zuletzt auch noch ein Stiefelknecht. Abermals ward alles abgesucht, sogar unter die Betten und unter das Sofa stöberte Böttcher mit einem großen Besen, aber niemand wollte sich finden, der die sonst so harmlosen Gegenstände geschleudert haben konnte; denn der Dienstknecht Wolter lag ja in seinem Bette und war ein „guter Junge“ und außerdem verwandt mit der Frau, ihr Großneffe, und seine Mutter war im Hause aufgewachsen. So blieb denn den unglücklichen Bauersleuten nichts übrig, als zähneklappernd ins Bett zu kriechen und die Decke über den Kopf zu ziehen.

Nun kam der 15. November und da ging es schon in der Frühe an mit dem Fliegen von Kartoffeln, Kohlrüben, Schinkenknochen etc., so daß der geängstigte Büdner schließlich auf den Rath des Neumann die Mutter des Karl Wolter nach Bliesendorf zu dem Pastor Müller schickte, damit er komme und nach der Sache sehe. Pastor Müller, dem die Frau Wolter die Schrecknisse der vergangenen Tage genau berichtete, machte sich alsbald auf nach Resau und – nun müssen wir ihn selbst erzählen lassen:

„Kaum hatte ich die Wohnstube der Böttcherschen Eheleute betreten, als ich einen Knall hörte, der aus einem Milchregal kam, das sich zu meiner Linken befand. Ich fragte Böttcher, woher der Knall komme, und erhielt die Antwort, das sei nichts Neues, in jener Gegend klopfe es häufig, ohne daß man den Klopfer bemerken könne. Ich setzte mich zwischen Bett und Fenster auf einen Stuhl, die Böttcherschen Eheleute standen an meiner Seite, Wolter mir schräg gegenüber an dem Ofen. Ich hielt meine Augen auf das Milchregal gerichtet und sah, daß die Milch in einer Satte (Napf) aufschlug, als ob ein harter Gegenstand hineingeworfen würde. Ich ließ Böttcher nachsehen, was es war, und es stellte sich heraus, daß eine Kartoffel in die Satte geworfen worden war. Gleich darauf flog eine Kartoffel gegen meinen linken Oberarm. Jetzt wurde mir die Sache bedenklich, und da die Böttcherschen Eheleute sehr unglücklich waren, so griff ich zum Gesangbuch und tröstete sie aus demselben. Da fühlte ich plötzlich eine leise sanfte Berührung in meinem Nacken, ich wandte mich um, und da machte ich zwei Wahrnehmungen, die mich aufs höchste in Bestürzung und Verwunderung setzen mußten. Die Berührung kam von einer eisernen Pfanne her, die kurz vorher vor mir auf dem Ofengesims gestanden hatte. Die Pfanne schwebte frei in der Luft, sie muß, während ich ins Gesangbuch blickte, über meinen Kopf hinweggeschwebt sein. Sie schwebte langsam an meiner linken Körperseite vorbei und legte sich leise, aber doch hörbar, auf den Fußboden zu meinen Füßen nieder. Gleichzeitig sah ich, daß ein Blechmaß frei in der Luft neben dem vor mir stehenden Böttcher schwebte, und ebenso sah ich, daß plötzlich ein Blechtrichter auf dem Fußboden lag, der ohne äußere Ursache eine halbkreisförmige Bewegung machte. Währenddem sausten immer noch Kartoffeln durch die Luft, ich stand auf, und während ich mit Böttcher sprach, hielt ich meinen Schlapphut, um mich gegen das Getroffenwerden zu schützen, gegen meine linke Gesichtshälfte. Plötzlich fühlte ich einen ziemlich starken Schlag gegen den linken Unterkiefer, dessen Wucht durch den vorgehaltenen Hut gemildert worden war. Neben mir fiel ein Schinkenknochen, das Wurfinstrument, zur Erde. ‚Wo hat der Knochen gelegen?‘ fragte ich Böttcher und erhielt die Antwort: ‚In jenem Spinde‘. Ich war starr. ‚Gegen diese Mächte können wir nicht kämpfen, da bleibt uns nur übrig, zu beten,‘ sagte ich zu den Anwesenden, und dann betete ich mit ihnen.“

Soweit der Pastor Müller über den Hergang. Er will während desselben die Bewegungen des Karl Wolter stets im Auge gehabt haben, traut diesem überhaupt derartige „Tollheiten“ gar nicht zu; die Vorsichtsmaßregel hat er übrigens nicht angewendet, einmal alle anwesenden Personen sammt dem Karl Wolter auf Wurfweite vom Hause wegzuschicken und dann den Spuk zu beobachten.

Wir können die Erzählung damit schließen und haben nur noch hinzuzufügen, daß verschiedene andere Zeugen mehr oder minder deutlich den Karl Wolter über Wurfbewegungen ertappten, daß dieser nachgewiesenermaßen [259] eine besondere Geschicklichkeit im Werfen besaß, und daß der ganze Spuk, der noch eine Zeit lang fortdauerte, zu Ende war, als man den Karl Wolter in Verhaft genommen hatte.

Wenn irgendwo, so liegt es hier auf der Hand, daß man es mit einem ganz gewöhnlichen Bubenstreich zu thun hat, zu dessen Erklärung es nur der Voraussetzung einer gehörigen Portion Schlauheit und Gewandtheit nebst etwas Draht, Bindfaden und Roßhaaren auf seiten des Uebelthäters, nimmermehr aber der Zuhilfenahme von außerirdischen Kräften bedarf. Wunderbar ist an diesem ganzen Vorfalle nur das eine, daß selbst ein Mann von wissenschaftlicher Bildung sich von den Taschenspielerkünsten des halbwüchsigen Burschen so verblüffen ließ, daß er allen Ernstes sich zu einer Aenderung seiner langgewohnten Anschauungen und Ueberzeugungen entschließen zu müssen glaubte. Freilich, die Schinkenknochen und Bratpfannen des märkischen Bauernburschen sind nicht allein schuld an dieser Sinnesänderung. Es haben hierzu allerlei Schriften mitgewirkt, welche der Herr Pastor Müller in seiner Noth über das Räthsel von Resau zu Rathe zog, und unter diesen Bekehrungsschriften entdeckten wir mit Erstaunen auch die „Gartenlaube“.

Nun, wenn die „Gartenlaube“ in einem Stück ein gutes Gewissen hat, so ist es darin, daß sie niemals in den 36 Jahren ihres Bestehens dem Aberglauben in irgend einer Form Nahrung gegeben oder Vorschub geleistet hat, daß es vielmehr stets und überall ihr Bestreben gewesen ist, Wahn und Aberglauben auf Schritt und Tritt zu verfolgen, ihm mit der Fackel der Wissenschaft ins Gesicht zu leuchten und die natürliche Erklärung des gesunden Menschenverstandes an die Stelle übersinnlicher Deuteleien zu setzen. Wir könnten das mit einer ganzen Liste von Aufsätzen und kurzen Notizen in dem Blatte belegen, führen aber heute nur beispielsweise den Artikel des eben verstorbenen Ludwig Walesrode in Nr. 32 und 33 des Jahrgangs 1863 an, in welchem die wunderbare Geistermusik im Festungsgefängniß zu Graudenz ihre natürliche Erklärung findet. Und noch im Jahre 1887 kam ein Aufsatz über „Spiritisten und Taschenspieler“ zu dem Ergebniß: „In Gegenwart der Polizei erscheinen weder Geister noch Teufel!“

Und trotzdem hat die „Gartenlaube“ ein Stück von dem Geisterglauben des Herrn Pastors auf ihrer Rechnung!? Wir baten nun natürlich den Herrn Pastor, uns die Stelle in unserem Blatte namhaft zu machen, die seine Ueberzeugung in der angedeuteten Richtung beeinflußt habe, und siehe da, er berief sich in seiner Antwort auf einen Artikel von Friedrich Gerstäcker in Nr. 24 des Jahrgangs 1871 über „gespenstiges Steinwerfen“ auf der Insel Java. Wir waren nicht wenig über diese Mittheilung erstaunt und schlugen den alten Jahrgang nach, um uns den betreffenden Artikel noch einmal anzusehen. Der bekannte Romanschriftsteller und Reisende beginnt denselben mit der Bemerkung:

„Es ist eine merkwürdige Thatsache, daß die meisten Menschen, selbst die Gebildetsten der verschiedenen Nationen nicht ausgenommen, abergläubisch sind“ u. s. w. Er kommt dann auf das Steinwerfen zu sprechen, welches, wie er in früheren Jahren gehört zu haben sich erinnert, an mehreren Orten in unserem Vaterlande vorgekommen sein soll, und sagt dann wörtlich: „Umsomehr war ich erstaunt, als ich in Java der nämlichen Sage begegnete.“ Und endlich erzählt er in seiner bekannten spannenden, mit dem Reiz des Geheimnißvollen kunstreich spielenden Art verschiedene räthselhafte Geschichten, wonach Mitte der dreißiger Jahre das Haus des holländischen Assistent-Residenten von Kessinger in Sumadang von „gespenstigem“ Sirih-(Betel-)Spucken und Steinwerfen heimgesucht, auch einige ähnliche Begebnisse in anderen Theilen der Insel Java festgestellt wurden. Gerstäcker selbst überließ das Urtheil dem Leser, er wäre ja wohl auch außer stande gewesen, selbst Nachforschungen an Ort und Stelle vorzunehmen. Was aber that die Redaktion der „Gartenlaube“? In einer dem Artikel Gerstäckers beigefügten Fußnote sagt sie: „Obiger interessante Artikel Gerstäckers wurde von uns um so lieber zum Abdruck gebracht, als wir dadurch dem großen Leserkreis unseres Blattes Gelegenheit bieten möchten, ihre Erfahrungen zur Aufklärung ähnlicher scheinbar mysteriöser Vorfälle beizutragen.“

Was heißt das anders, als daß die „Gartenlaube“ auch diese Vorfälle auf der Insel Java für nur scheinbar mysteriöse hält und von ihren Lesern gehalten wissen möchte? Daß sie die ganze Intelligenz ihres gesammten großen Leserkreises gleichsam mobil machen will gegen die Verwendung solcher „scheinbar mysteriöser“ Vorfälle zu Zwecken des Aberglaubens und der Flunkerei? Daß sie dem Artikel Gerstäckers nur darum ihre Spalten öffnete, um an ihm zu zeigen, welche scheinbar jeder menschlichen Erkenntniß spottende Formen ein solches „mysteriöses“ Ereigniß annehmen kann? Und trotzdem?! Wahrhaftig, es gehört zum mindesten ein merkwürdiges Geschick im Mißverstehen eines klar ausgedrückten Sinnes dazu, wenn man obigen Artikel sammt seiner Fußnote zu Ende liest und dann noch hingeht und sagt: „Die ‚Gartenlaube‘ hat mich mit zu dem Glauben an Spuk bekehrt.“ –

Der Fall von Resau hat das Ende genommen, das ihm gebührte. Die Gerichte haben darüber erkannt und ihm die Namen gegeben, die allein am Platze sind: „Sachbeschädigung“ und „Grober Unfug“. Wir möchten dem höchstens noch eines hinzusetzen: dieser „Spuk“ ist eine recht betrübende Erscheinung am Ende unseres neunzehnten Jahrhunderts!