Der Stechlin/Achtunddreißigstes Kapitel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Siebenunddreißigstes Kapitel Der Stechlin Neununddreißigstes Kapitel »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
[439]
Achtunddreißigstes Kapitel.


     Lorenzen kam nicht; er war nach Rheinsberg, wo die Geistlichen aus dem östlichen Teil der Grafschaft eine Konferenz hatten. Aber statt Lorenzen kam Doktor Moscheles und sprach von allem möglichen, erst ganz kurz von Dubslavs Zustand, den er nicht gut und nicht schlecht fand, dann von Koseleger, von Katzler, auch von Sponholz (von dem ein Brief eingetroffen war), am ausführlichsten aber von Rechtsanwalt Katzenstein und von Torgelow. „Ja, dieser Torgelow,“ sagte Moscheles. „Es war ein Mißgriff, ihn zu wählen. Und wenn es noch nötig gewesen wäre, wenn die Partei keinen Besseren gehabt hätte! Aber da haben sie denn doch noch ganz andre Leute.“ Dubslav war davon wenig angenehm berührt, weil er aus der persönlichen Niedrigstellung Torgelows die Hochstellung der Torgelowschen Partei heraushörte.

     Der Besuch hatte wohl eine halbe Stunde gedauert. Als Moscheles wieder fort war, sagte Dubslav: „Engelke, wenn er wiederkommt, so sag’ ihm, ich sei nicht da. Das wird er natürlich nicht glauben; weiß er doch am besten, daß ich an mein Zimmer und meinen Rollstuhl gebunden bin. Aber trotzdem; ich mag ihn nicht. Es war eine Dummheit von Sponholz, sich grade diesen auszusuchen, solchen Allerneuesten, der nach Sozialdemokratie schmeckt und dabei seinen Stock so sonderbar [440] anfaßt, immer grad’ in der Mitte. Und dazu auch noch ’nen roten Schlips.“

     „Es sind aber schwarze Käfer drin.“

     „Ja, die sind drin, aber ganz kleine. Das machen sie so, damit es nicht jeder gleich merkt, wes Geistes Kind so einer ist, und wohin er eigentlich gehört. Aber ich merk’ es doch, auch wenn er an Kaiser Wilhelms Geburtstag mit ’ner papiernen Kornblume kommt. Also du sagst ihm, ich sei nicht da.“

     Engelke widersprach nicht, hatte jedoch so seine Gedanken dabei. „Der alte Doktor ist weg und den neuen will er nicht. Un den aus Wutz will er auch nich, weil der so viel mit der Domina zusammenhockt. Un dabei kommt er doch immer mehr ’runter. Er denkt: ‚Es is noch nich so schlimm.‘ Aber es is schlimm. Is genau so wie mit Bäcker Knaack. Un Kluckhuhn sagte mir schon vorige Woche: ‚Engelke, glaube mir, es wird nichts; ich weiß Bescheid.‘ “

* * *

     Das war am Montag. Am Freitag fuhr Moscheles wieder vor und verfärbte sich, als Engelke sagte, ‚der gnäd’ge Herr sei nicht da‘.

     „So, so. Nicht da.“

     Das war doch etwas stark. Moscheles stieg also wieder auf seinen Wagen und bestärkte sich, während er nach Gransee zurückfuhr, in seinen durchaus ablehnenden Anschauungen über den derzeitigen Gesellschaftszustand. „Einer ist wie der andre. Was wir brauchen, is ein Generalkladderadatsch, Krach, tabula rasa.“ Zugleich war er entschlossen, von einem erneuten Krankenbesuch abzustehen. „Der gnäd’ge Herr auf, von und zu Stechlin kann mich ja rufen lassen, wenn er mich braucht. Hoffentlich unterläßt er’s.“

[441]      Dieser Wunsch erfüllte sich denn auch. Dubslav ließ ihn nicht rufen, wiewohl guter Grund dazu gewesen wäre, denn die Beschwerden wuchsen plötzlich wieder, und wenn sie zeitweilig nachließen, waren die geschwollenen Füße sofort wieder da. Engelke sah das alles mit Sorge. Was blieb ihm noch vom Leben, wenn er seinen gnäd’gen Herrn nicht mehr hatte? Jeder im Haus mißbilligte des Alten Eigensinn, und Martin, als er eines Tages vom Stall her in die nebenan gelegene niedrige Stube trat, wo seine Frau Kartoffeln schälte, sagte zu dieser: „Ick weet nich, Mutter, worüm he den jungschen Dokter rutgrulen däd. De Jungsche is doch klöger, as de olle Sponholz is. Doa möt man blot de Globsower über Sponholzen hüren. ‚Joa, oll Sponholz‘, so seggen se, ‚de is joa so wiet ganz good, awers he seggt man ümmer: Kinnings, krank is he egentlich nich, he brukt man blot ’ne Supp’ mit en beten wat in!‘ Joa, Sponholz, de kann so wat seggen, de hett wat dato. Awers de Globsower! Wo salln de ’ne Supp’ herkregen mit en beten wat in?“

     So verging Tag um Tag, und Dubslav, dem herzlich schlecht war, sah nun selber, daß er sich in jedem Punkt übereilt hatte. Moscheles war doch immerhin ein richtiger Stellvertreter gewesen, und wenn er jetzt einen andern nahm, so traf das Sponholzen auch mit. Und das mocht’ er nicht. In dieser Notlage sann er hin und her, und eines Tages, als er mal wieder in rechter Bedrängnis und Atemnot war, rief er Engelke und sagte: „Engelke, mir is schlecht. Aber rede mir nich von dem Doktor. Ich mag unrecht haben, aber ich will ihn nicht. Sage, wie steht das eigentlich mit der Buschen? Die soll ja doch letzten Herbst uns’ Kossät Rohrbeckens Frau wieder auf die Beine gebracht haben.“

     „Ja, die Buschen…“

     „Na, was meinst du?“

[442]      „Ja, die Buschen, die weiß Bescheid. Versteht sich. Man bloß, daß sie ’ne richtige alte Hexe is, und um Walpurgis weiß keiner, wo sie is. Und die Mächens gehen Sonnabends auch immer hin, wenn’s schummert, und Uncke hat auch schon welche notiert und beim Landrath Anzeige gemacht. Aber sie streiten alle Stein und Bein; und ein paar haben auch schon geschworen, sie wüßten von gar nichts.“

     „Kann ich mir denken und vielleicht war’s auch nich so schlimm. Und dann, Engelke, wenn du meinst, daß sie so gut Bescheid weiß, da wär’s am Ende das beste, du gingst mal hin oder schicktest wen. Denn deine alten Beine wollen auch nich mehr so recht, und außerdem is Schlackerwetter. Und wenn du mir auch noch krank wirst, so hab’ ich ja keine Katze mehr, die sich um mich kümmert. Woldemar is weit weg. Und wenn er auch in Berlin wäre, da hat er ja doch seinen Dienst und seine Schwadron und kann nich den ganzen Tag bei seinem alten Vater sitzen. Und außerdem, Krankenpflegen ist überhaupt was Schweres; darum haben die Katholiken auch ’nen eignen Segen dafür. Ja, die verstehn es. So was verstehn sie besser als wir.“

     „Nei, gnäd’ger Herr, besser doch wohl nich.“

     „Na, lassen wir’s. So was is immer schwer festzustellen, und weil heutzutage so vieles schwer festzustellen ist, haben sich ja die Menschen auch das angeschafft, was sie ’ne ‚Enquete‘ nennen. Keiner kann sich freilich so recht was dabei denken. Ich gewiß nicht. Weißt du, was es ist?“

     „Nei, gnäd’ger Herr.“

     „Siehst du! Du bist eben ein vernünftiger Mensch, das merkt man gleich, und hast auch ein Einsehn davon, daß es eigentlich am besten wäre, wenn ich zu der Buschen schicke. Was die Leute von ihr reden, geht [443] mich nichts an. Und dann bin ich auch kein Mächen. Und Uncke wird mich ja wohl nicht aufschreiben.“

     Engelke lächelte: „Na, gnäd’ger Herr, dann werd’ ich man unten mit unse’ Mamsell Pritzbur sprechen; die kann denn die lütte Marie ’rausschicken. Marieken is letzten Michaelis erst eingesegnet, aber sie war auch schon da.“

* * *

     Noch an demselben Nachmittag erschien die Buschen im Herrenhause. Sie hatte sich für den Besuch etwas zurecht gemacht und trug ihre besten Kleider, auch ein neues schwarzes Kopftuch. Aber man konnte nicht sagen, daß sie dadurch gewonnen hätte. Fast im Gegenteil. Wenn sie so mit ’nem Sack über die Schulter oder mit ’ner Kiepe voll Reisig aus dem Walde kam, sah man nichts als ein altes, armes Weib; jetzt aber, wo sie bei dem alten Herrn eintrat und nicht recht wußte, warum man sie gerufen, sah man ihr die Verschlagenheit an, und daß sie für all und jedes zu haben sei.

     Sie blieb an der Thür stehen.

     „Na, Buschen, kommt man ’ran oder stellt Euch da ans Fenster, daß ich Euch besser sehn kann. Es ist ja schon ganz schummrig.“

     Sie nickte.

     „Ja, mit mir is nich mehr viel los, Buschen. Und nu is auch noch Sponholz weg. Und den neuen Berlinschen, den mag ich nicht. Ihr sollt ja Kossät Rohrbeckens Frau damals wieder auf die Beine gebracht haben. Mit mir is es auch so was. Habt Ihr Courage, mich in die Kur zu nehmen? Ich zeig’ Euch nicht an. Wenn einem einer hilft, is das andre alles gleich. Also nichts davon. Und es soll Euer Schaden nicht sein.“

     „Ick weet joa, jnäd’ger Herr… Se wihren joa [444] nich. Un denn de Lüd’, de denken ümmer, ick kann hexen un all so wat. Ick kann awer joar nix un hebb man blot en beten Liebstöckel un Wacholder un Allermannsharnisch. Un alles blot, wie’t sinn muß. Un de Gerichten können mi nix dohn.“

     „Is mir lieb. Und geht mich übrigens auch nichts an. Mit so was komm’ ich Euch nich. Kann ‚Gerichte‘ selber nich gut leiden. Und nu sagt mir, Buschen, wollt’ Ihr den Fuß sehn? Einer is genug. Der andre sieht ebenso aus. Oder doch beinah’.“

     „Nei, jnäd’ger Herr. Loaten’s man. Ick weet joa, wi dat is. Ihrst sitt et hier up de Bost, un denn sackt et sich, un denn sitt et hier unnen. Un is all een un dat sülwige. Dat möt allens ’rut, un wenn et ’rut is, denn drückt et nich mihr, un denn künnen Se wedder gapsen.“

     „Gut. Leuchtet mir ein. ‚Et muß ’rut‘, sagt Ihr. Und das sag’ ich auch. Aber womit wollt Ihr’s ‚’rut‘-bringen? Das is die Sache. Welche Mittel, welche Wege?“

     „Joa, de Mittel hebb ick. Un hebben wi ihrst de Mittel, denn finnen sich ook de Weg’. Ick schick’ hüt noch Agnessen mit twee Tüten; Agnes, dat is Karlinen ehr lütt Deern.“

     „Ich weiß, ich weiß.“

     „Un Agnes, de sall denn unnen in de Küch’ goahn, to Mamsell Pritzbur, un de Pritzburn de sall denn den Thee moaken för’n jnäd’gen Herrn. Morgens ut de witte Tüt’, un abens ut de blue Tüt’. Un ümmer man ’nen gestrichnen Eßlöffel vull un nich to veel Woater; awers bullern möt et. Und wenn de Tüten all sinn, denn is et ’rut. Dat Woater nimmt dat Woater weg.“

     „Na gut, Buschen. Wir wollen das alles so machen. Und ich bin nicht bloß ein geduldiger Kranker, ich bin [445] auch ein gehorsamer Kranker. Nun will ich aber bloß noch wissen, was Ihr mir da in Euern Tüten schicken wollt, in der weißen und in der blauen. Is doch kein Geheimnis?“

     „Nei, jnäd’ger Herr.“

     „Na also.“

     „In de witte Tüt’ is Bärlapp un in de blue Tüt’ is, wat de Lüd’ hier Katzenpoot nennen.“

     „Versteh’, Versteh’,“ lächelte Dubslav, und dann sprach er wie zu sich selbst: „Nu ja, nu ja, das kann schon helfen. Dazwischen liegt eigentlich die ganze Weltgeschichte. Mit Bärlapp zum Einstreuen fängt die süße Gewohnheit des Daseins an und mit Katzenpfötchen hört es auf. So verläuft es. Katzenpfötchen… die gelben Blumen, draus sie die letzten Kränze machen… Na, wir wollen sehn.“

* * *

     An demselben Abend kam Agnes und brachte die beiden Tüten, und es geschah, was beinah’ über alles Erwarten hinaus lag: es wurde wirklich besser. Die Geschwulst schwand, und Dubslav atmete leichter. „Dat Woater nimmt dat Woater“, an diesem Hexenspruch, – den er, wenn er mit Engelke plauderte, gern citierte, – richteten sich seine Hoffnungen und seine Lebensgeister wieder auf. Er war auch wieder für Bewegung und ließ, wenn es das Wetter irgendwie gestattete, seinen Rollstuhl nicht bloß auf die Veranda hinausschieben, sondern fuhr auch um das Rundell herum und sah dem kleinen Springbrunnen zu, der wieder sprang. Ja, es kam ihm vor, als ob er höher spränge. „Findest du nich auch, Engelke? Vor vier Wochen wollt’ er nich. Aber es geht jetzt wieder. Alles geht wieder, und es ist eigentlich dumm, ohne Hoffnung zu leben; wozu hat man sie denn?“

[446]      Engelke nickte bloß und legte die Zeitungen, die gekommen waren, auf einen neben dem Frühstückstisch stehenden Gartenstuhl, zu unterst die „Kreuzzeitung“ als Fundament, auf diese dann die „Post“ und zuletzt die Briefe. Die meisten waren offen, Anzeigen und Anpreisungen, nur einer war geschlossen, ja sogar gesiegelt. Poststempel: Berlin. „Gieb mir mal das Papiermesser, daß ich ihn manierlich aufschneiden kann. Er sieht nach was aus, und die Handschrift is wie von ’ner Dame, bloß ein bißchen zu dicke Grundstriche.“

     „Is am Ende von der Gräfin.“

     „Engelke,“ sagte Dubslav, „du wirst mir zu klug. Natürlich is er von der Gräfin. Hier is ja die Krone.“

     Wirklich es war ein Brief von Melusine, samt einer Einlage. Melusinens Zeilen aber lauteten am Schluß: „Und nun bitt’ ich, Ihnen einen Brief beilegen zu dürfen, den unsre liebe Baronin Berchtesgaden gestern aus Rom erhalten hat und zwar von Armgard, deren volles Glück ich aus diesem Brief und allerhand kleinen, ihrem Charakter eigentlich fernliegenden Übermütigkeiten erst so recht ersehn habe.“

     Dubslav nickte. Dann nahm er die Einlage und las:

 „Rom, im März.

 Teuerste Baronin!

     An wen könnt’ ich von hier aus lieber schreiben als an Sie? Vatikan und Lateran und Grabmal Pio Nonos, und wenn ich Glück habe, bin ich auch noch mit dabei, wenn am Gründonnerstage der große Segen gespendet wird. Man muß eben alles mitnehmen. Von Rom zu schwärmen ist geschmacklos und überflüssig dazu, weil man an die Schwärmerei seiner Vorgänger doch nie heranreicht. Aber von unserer [447] Reise will ich Ihnen statt dessen erzählen. Wir nahmen den Weg über den Brenner und waren am selben Abend noch in Verona. ‚Torre di Londra‘. Was mich andern Tags in der Capuletti- und Montecchi-Stadt am meisten interessierte, war ein großer Parkgarten, der ‚Giardino Giusti‘, mit über zweihundert Cypressen, alle fünfhundert Jahre alt und viele beinah’ so hoch wie das Berliner Schloß. Ich ging mit Woldemar auf und ab, und dabei berechneten wir uns, ob wohl die schöne Julia hier auch schon auf und ab gegangen sei? Nur eins störte uns. Zu solcher Prachtavenue von Trauerbäumen gehört als Abschluß notwendig ein Mausoleum. Das fehlt aber. Im ‚Giardino Giusti[WS 1]‘ trafen wir Hauptmann von Gaza vom ersten Garderegiment, der, von Neapel kommend, bereits alle Schönheit Italiens gesehen hatte. Wir fragten ihn, ob Verona, wie einem beständig versichert wird, wirklich die ‚italienischste der italienischen Städte[WS 2]‘ sei? Hauptmann von Gaza lachte. ‚Von Potsdam‘, so meinte er, ‚könne man vielleicht sagen, daß es die preußischste Stadt sei. Aber Verona die italienischste? Nie und nimmer.‘

     „Über das vielgefeierte Venedig an dieser Stelle nur das eine. Unser Hotel lag in Nähe einer mit Barok überladenen Kirche: San Mosé. Daß es einen Sankt Moses giebt, war mir fremd und verwunderlich zugleich. Aber gleich danach dacht ich an unsere Gendarmentürme und war beruhigt. Moses geht doch immer noch vor Gendarm.“

     „Florenz überspring’ ich und erzähle Ihnen dafür lieber vom Trasimenischen See, den wir auf unserer Eisenbahnfahrt passierten. Woldemar, ein ganz klein wenig „Taschen-Moltke“, mochte nicht darauf verzichten, den großen Hannibal auf Herz und Nieren zu prüfen, und so stiegen wir denn in Nähe des [448] Sees aus, an einer kleinen Station, die, glaub’ ich, Borghetto-Tuoro heißt. Es war auch für einen Laien über Erwarten interessant, und selbst ich, die ich sonst gar keinen Sinn für derlei Dinge habe, verstand alles, und fand mich leicht in jeglichem zurecht. Ja, ich hatte das Gefühl, daß ich in diesem hochgelegenen Engpaß ebenfalls über die Römer gesiegt haben würde. Der See hat viele Zu- und Abflüsse. Einer dieser Abflüsse (mehr Kanal als Fluß) nennt sich der ‚Emissarius‘, was mich sehr erheiterte. Noch interessanter aber erschien mir ein anderer Flußlauf, der, weil er am Schlachttage von Blut sich rötete, der ‚Sanguinetto‘ heißt. Das Diminutiv steigert hier ganz entschieden die Wirkung. Der See ist übrigens sehr groß, zehn Meilen Umfang, und dabei flach, weshalb der erste Napoleon ihn auspumpen lassen wollte. Da hätte sich dann ein neues Herzogtum gründen lassen…“

     „Schau, Schau,“ sagte der alte Dubslav, „wer der blassen Comtesse das zugetraut hätte! Ja, reisen und in den Krieg ziehen, da lernt man, da wird man anders.“

     Und er legte den Brief beiseite.

     Zugleich aber war ein stilles Behagen über ihn gekommen und er überdachte, wie manche Freude das Leben doch immer noch habe. Vor ihm, in den Parkbäumen, schlugen die Vögel, und ein Buchfink kam bis auf den Tisch und sah ihn an, ganz ohne Scheu. Das that ihm ungemein wohl. „Etwas ganz besonders Schönes im Leben ist doch das Vertrauen, und wenn’s auch bloß ein Piepvogel is, der’s einem entgegenbringt. Einige haben eine schwarze Milz und sagen: alles sei von Anfang an auf Mord und Totschlag gestellt. Ich kann es aber nicht finden.“

     Engelke kam, um abzuräumen. „Is ein schöner Tag heut,“ sagte Dubslav, „und die Krokusse kommen [449] auch schon ’raus. Eigentlich hab’ ich nich geglaubt, daß ich so was Hübsches noch mal sehn würde. Und wenn ich dann denke, daß ich das alles der Buschen verdanke! Merkwürdige Welt! Sponholz hatte bloß immer seine grünen Tropfen, und Moscheles hatte nichts als seinen ewigen Torgelow, und nu kommt die Buschen und mit einem Mal is es besser. Ja, wirklich merkwürdig. Und nu krieg’ ich auch noch, wenn auch bloß leihweise, solchen hübschen Brief von einer hübschen jungen Frau. Noch dazu Schwiegertochter. Ja, Engelke, so geht’s; nich zu glauben. Und da hättest du vorhin den Buchfinken sehen sollen, wie mich der ansah. Bloß als du kamst, da flog er weg; er muß sich vor dir gegrault haben.“

     „Ach, gnäd’ger Herr, vor mir grault sich keine Kreatur.“

     „Will dir’s glauben. Und du sollst sehn, heute haben wir ’nen guten Tag, und es kommt auch noch wer, an dem man sich freuen kann. Wie mir schlecht war, da kam Koseleger und die Prinzessin. Aber heute kam ein Buchfink. Und ich bin ganz sicher, der hat noch ein Gefolge.“

* * *

     Dubslavs Ahnungen behielten recht; und als der Nachmittag da war, kam Lorenzen, der sich, seitdem der Alte seinen Katzenpfötchenthee trank, nur selten und immer bloß flüchtig hatte sehen lassen. Aber das war rein zufällig und sollte nicht eine Mißbilligung darüber ausdrücken, daß sich der Alte bei der Buschen in die Kur gegeben.

     „Nun endlich,“ empfing ihn Dubslav, als Lorenzen eintrat. „Wo bleiben Sie? Da heißt es immer, wir Junker wären kleine Könige. Ja, wer’s glaubt! Alle kleinen Könige haben ein Cortege, das sich in Huldigungen [450] und Purzelbäumen überschlägt. Aber von solchem Gefolge habe ich noch nicht viel gesehen. Baruch ist freilich hier gewesen und dann Koseleger und dann die Prinzessin, aber der, der so halb ex officio kommen sollte, der kommt nicht und schickt höchstens mal die Kulicke oder die Elfriede mit ’ner Anfrage. Sterben und verderben kann man. Und das heißt dann Seelsorge.“

     Lorenzen lächelte. „Herr von Stechlin, Ihre Seele macht mir, trotz dieser meiner Vernachlässigung keine Sorge, denn sie zählt zu denen, die jeder Spezialempfehlung entbehren können. Lassen Sie mich sehr menschlich, ja für einen Pfarrer beinah lästerlich sprechen. Aber ich muß es. Ich lebe nämlich der Überzeugung, der liebe Gott, wenn es mal so weit ist, freut sich, Sie wiederzusehen. Ich sage, wenn es so weit ist. Aber es ist noch nicht so weit.“

     „Ich weiß nicht, Lorenzen, ob Sie recht haben. Jedenfalls aber befind’ ich mich in meinem derzeitig erträglichen Zustande nur mit Hilfe der Buschen, und ob mich das nach obenhin besonders empfehlen kann, ist mir zweifelhaft. Aber lassen wir die heikle Frage. Erzählen Sie mir lieber etwas recht Hübsches und Heiteres, auch wenn es nebenher etwas ganz Altes ist, etwa das, was man früher Miscellen nannte. Das ist mir immer das liebste gewesen und ist es noch. Was ich da so in den Zeitungen lese, voran das Politische, das weiß ich schon immer alles, und was ich von Engelke höre, das weiß ich auch. Beiläufig – natürlich nur vom alleregoistischsten Zeitungsleserstandpunkt aus – ein wahres Glück, daß es Unglücksfälle giebt, sonst hätte man von der Zeitungslektüre so gut wie gar nichts. Aber Sie, Sie lesen auch sonst noch allerlei, mitunter sogar Gutes (freilich nur selten), und haben ein wundervolles Gedächtnis für Räubergeschichten und Anekdoten aus allen fünf Weltteilen. Außerdem sind Sie Friederikus-Rex-Mann, [451] was ich Ihnen eigentlich am höchsten anrechne, denn die Friederikus-Rex-Leute, die haben alle Herz und Verstand auf dem rechten Fleck. Also suchen Sie nach irgend was der Art, nach einer alten Zieten- oder Blücheranekdote, kann meinetwegen auch Wrangel sein – ich bin dankbar für alles. Je schlechter es einem geht je schöner kommt einem so was kavalleristisch Frisches und Übermütiges vor. Ich spiele mich persönlich nicht auf Heldentum aus, Renommieren ist ein elendes Handwerk; aber das darf ich sagen: ich liebe das Heldische. Und Gott sei Dank kommt dergleichen immer noch vor.“

     „Gewiß kommt so was immer noch vor. Aber, Herr von Stechlin, all dies Heldische…“

     „Nun aber Lorenzen, Sie werden doch nicht gegen das Heldische sein? So weit sind Sie doch noch nicht! Und wenn es wäre, da würd’ ich ernstlich böse.“

     „Das läßt Ihre Güte nicht zu.“

     „Sie wollen mich einfangen. Aber diesmal glückt es nicht. Was haben Sie gegen das Heldische?“

     „Nichts, Herr von Stechlin, gar nichts. Im Gegenteil. Heldentum ist gut und groß. Und unter Umständen ist es das allergrößte. Lasse mir also den Heroenkultus durchaus gefallen, das heißt, den echten und rechten. Aber was sie da von mir hören wollen, das ist, Verzeihung für das Wort, ein Heldentum zweiter Güte. Mein Heldentum – soll heißen, was ich für Heldentum halte – das ist nicht auf dem Schlachtfelde zu Hause, das hat keine Zeugen oder doch immer nur solche, die mit zu Grunde gehn. Alles vollzieht sich stumm, einsam, weltabgewandt. Wenigstens als Regel. Aber freilich, wenn die Welt dann ausnahmsweise davon hört, dann horch’ ich mit auf, und mit gespitzterem Ohr, wie ein Kavalleriepferd, das die Trompete hört.“

     „Gut. Meinetwegen. Aber Beispiele.“

[452]      „Kann ich geben. Da sind zunächst die fanatischen Erfinder, die nicht ablassen von ihrem Ziel, unbekümmert darum, ob ein Blitz sie niederschlägt oder eine Explosion sie in die Luft schleudert; da sind des weiteren die großen Kletterer und Steiger, sei’s in die Höh’, sei’s in die Tiefe, da sind zum dritten, die, die den Meeresgrund absuchen wie ’ne Wiese, und da sind endlich die Weltteildurchquerer und die Nordpolfahrer.“

     „Ach, der ewige Nansen. Nansen, der, weil er die diesseits verlorene Hose jenseits in Grönland wiederfand, auf den Gedanken kam: ‚Was die Hose kann, kann ich auch.‘ Und daraufhin fuhr er über den Pol. Oder wollte wenigstens.“

     Lorenzen nickte.

     „Nun ja, das war klug gedacht. Und daß dieser Nansen sich an die Sache ’ran machte, das respektier’ ich, auch wenn schließlich nichts draus wurde. Bleibt immer noch ein Bravourstück. Gewiß, da sitzt nu so wer im Eise, sieht nichts, hört nichts, und wenn wer kommt, ist es höchstens ein Eisbär. Indessen, er freut sich doch, weil es wenigstens was Lebendiges ist. Ich darf sagen, ich hab’ einen Sinn für dergleichen. Aber trotzdem, Lorenzen, die Garde bei St. Privat ist doch mehr.“

     „Ich weiß nicht, Herr von Stechlin. Echtes Heldentum, oder um’s noch einmal einzuschränken, ein solches, das mich persönlich hinreißen soll, steht immer im Dienst einer Eigenidee, eines allereigensten Entschlusses. Auch dann noch (ja mitunter dann erst recht), wenn dieser Entschluß schon das Verbrechen streift. Oder, was fast noch schlimmer, das Häßliche. Kennen Sie den Cooperschen ‚Spy‘? Da haben Sie den Spion als Helden. Mit andern Worten, ein Niedrigstes als Höchstes. Die Gesinnung entscheidet. Das steht mir fest. Aber es giebt der Beispiele noch andere, noch bessere!“

     „Da bin ich neugierig,“ sagte Dubslav. „Also wenn’s sein kann: Name.“

[453]      „Name: Greeley, Leutnant Greeley; Yankee pur sang. Und im übrigen auch einer aus der Nordpolfahrergruppe.“

     „Will also sagen: Nansen der Zweite.“

     „Nein, nicht der Zweite. Was er that, war viele Jahre vor Nansen.“

     „Und er kam höher hinauf? Weiter nach dem Pol zu. Oder waren seine Eisbär-Rencontres von noch ernsthafterer Natur?“

     „All das würde mir nicht viel besagen. Das herkömmlich Heldische fehlt in seiner Geschichte völlig. Was an seine Stelle tritt, ist ein ganz andres. Aber dies andre, das gerade macht es.“

     „Und das war?“

     „Nun denn, – ich erzähle nach dem Gedächtnis und im Einzelnen und Nebensächlichen irr’ ich vielleicht.. Aber in der Hauptsache stimmt es… Also zuletzt, nach langer Irrfahrt, waren’s noch ihrer fünf: Greeley selbst und vier seiner Leute. Das Schiff hatten sie verlassen, und so zogen sie hin über Eis und Schnee. Sie wußten den Weg, soweit sich da von Weg sprechen läßt, und die Sorge war nur, ob das bißchen Proviant, das sie mit sich führten, Schiffszwieback und gesalzenes Fleisch, bis an die nächste menschenbewohnte Stelle reichen würde. Jedem war ein höchstes und doch zugleich auch wieder geringstes Maß als tägliche Provision zubewilligt, und wenn man dies Maß einhielt und kein Zwischenfall kam, so mußt’ es reichen. Und einer, der noch am meisten bei Kräften war, schleppte den gesamten Proviant. Das ging so durch Tage. Da nahm Leutnant Greeley wahr, daß der Proviant schneller hinschmolz als berechnet, und nahm auch wahr, daß der Proviantträger selbst, wenn er sich nicht beobachtet glaubte, von den Rationen nahm. Das war eine schreckliche Wahrnehmung. Denn ging es so fort, so waren sie samt und sonders verloren. [454] Da nahm Greeley die drei andern beiseit und beriet mit ihnen. Eine Möglichkeit gewöhnlicher Bestrafung gab es nicht, und auf einen Kampf sich einzulassen, ging auch nicht. Sie hatten dazu die Kräfte nicht mehr. Und so hieß es denn zuletzt, und es war Greeley der es sagte: ‚Wir müssen ihn hinterrücks erschießen.‘ Und als sie bald nach dieser Kriegsgerichtsscene wieder aufbrachen, der heimlich Verurtheilte vorn an der Tete, trat Greeley von hintenher an ihn heran und schoß ihn nieder. Und die That war nicht umsonst gethan; ihre Rationen reichten aus, und an dem Tage, wo sie den letzten Bissen verzehrten, kamen sie bis an eine Station.“

     „Und was wurde weiter?“

     „Ich weiß nicht mehr, ob Greeley selbst bei seiner Rückkehr nach New-York als Ankläger gegen sich auftrat; aber das weiß ich, daß es zu einer großen Verhandlung kam.“

     „Und in dieser…“

     „…In dieser wurd’ er freigesprochen und im Triumph nach Hause getragen.“

     „Und Sie sind einverstanden damit?“

     „Mehr; ich bin voll Bewunderung. Greeley, statt zu thun, was er that, hätte zu den Gefährten sagen können: ‚Unser Exempel wird falsch, und wir gehen an des einen Schuld zu Grunde; töten mag ich ihn nicht, – sterben wir also alle.‘ Für seine Person hätt’ er so sprechen und handeln können. Aber es handelte sich nicht bloß um ihn; er hatte die Führer- und die Befehlshaberrolle, zugleich die Richter-Pflicht und hatte die Majorität von drei gegen eine Minorität von einem zu schützen. Was dieser eine gethan, an und für sich ein Nichts, war unter den Umständen, unter denen es geschah, ein fluchwürdiges Verbrechen. Und so nahm er denn gegen die geschehene schwere That die schwere Gegenthat auf sich. In solchem Augenblicke richtig fühlen und in der Überzeugung [455] des Richtigen fest und unbeirrt ein furchtbares Etwas thun, ein Etwas, das, aus seinem Zusammenhange gerissen, allem göttlichen Gebot, allem Gesetz und aller Ehre widerspricht, das imponiert mir ganz ungeheuer und ist in meinen Augen der wirkliche, der wahre Mut. Schmach und Schimpf, oder doch der Vorwurf des Schimpflichen, haben sich von jeher an alles Höchste geknüpft. Der Bataillonsmut, der Mut in der Masse (bei allem Respekt davor), ist nur ein Herdenmut.“

     Dubslav sah vor sich hin. Er war augenscheinlich in einem Schwankezustand. Dann aber nahm er die Hand Lorenzens und sagte: „Sie sollen recht haben.“


Anmerkungen (Wikisource)[Bearbeiten]

  1. Vorlage: Guisti
  2. Vorlage: Städt