Der Sultan im Theater

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Textdaten
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Autor: Kurt Tucholsky
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Titel: Der Sultan im Theater
Untertitel:
aus: Das Lächeln der Mona Lisa, S. 235–237
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1929
Verlag: Rowohlt
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Erscheinungsort: Berlin
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Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck in: Vossische Zeitung, 1. August 1926
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Der Sultan im Theater

Ich und der Sultan von Marokko waren neulich abend im Théâtre de la Madeleine – ich heiße Peter, er heißt Moulay-Youssef. Wir waren da, um uns eine Galavorstellung von „Manneslist“ anzusehen, ein arabisches Stück von Herrn Theaterautor Si Kaddour Ben-Ghabrit. Der Stückeverfasser war auch da und wimmelte aufgeregt im Turban, im Burnus und im Theater umher: ein älterer Mann mit harten, schlauen Augen und einem Spitzbärtchen.

Unten, am Eingang, standen die Statisten der Garde Républicaine, mit Roßhaaren auf dem Kopf und je einem Säbel in der Hand. Auch eine arabische Kapelle war vorhanden, in bunten Röcken. Und die beste Gesellschaft von Paris im Sommer, und das ist nicht die beste.

Um neun Uhr zehn erschien der Sultan, der nach seinem Triumph über Abd el Krim besonders angeregt aussah, und begab sich elastischen Schrittes. Hinter ihm eine arabische Suite, aber auch europäische Männer im schwarzen Rock, mit bedeutenden Glatzen und Röllchen mit großen, goldnen Knöpfen. Auch sah ich mit meinen eigenen Augen ein menschliches Wesen, das trug zum Smoking einen weißen Schlips. Es war furchtbar, meine Begleiterin mußte gelabt werden.

In der ersten Reihe des ersten Ranges nahm der Sultan Platz, er hatte einen wundervollen Diamantring am Finger. Neben ihm saß der Gouverneur, Herr Steeg, und als die [236] kleinen Prinzen gereicht wurden, zog der Gouverneur seine goldne Uhr mit Schnappdeckel und hielt sie dem prinzlichen Kleinen ans Ohr, einem ältern Sanitätsrat nicht unähnlich; das ganze so recht ein herziges Bild von der Versöhnung der Völker.

In der Suite ausgezeichnete Köpfe; reiche Araber erinnern stets an erfolgreiche Bankdirektoren voll außerordentlicher Gewitztheit. Auch ein ebenholzschwarzer Mohr saß im Gefolge, eingesunken in seine weißen Gewänder wie ein schwammiger Pilz. Keine Frauen – mit Ausnahme eines Admirals, der, gehalten von riesigen Schwalbennestern auf seinen Schultern, neben dem Sultan saß, eine herrlich anzusehende Figur aus einem Roman Claude Farrères: Sinneslust und Admiral in einem. Unten im Foyer war er durch die Massen geschritten, ehrfurchtsvoll hatten sie ihm Platz gemacht, und ein fetter Kaufmann hatte ihm so bejahend und bewundernd nachgesehen, wie fette Kaufleute überall Admiralen nachzusehen pflegen. Inzwischen fing das Stück an.

Der reiche und vornehme Händler Seif-Eddin aus Bagdad, der seit sechs Monaten in Fez Handel treibt, ist an Frauenerfolge gewohnt und bildet sich ein, Männerlist stehe über Frauenlist. Er hat sogar in arabischen Lettern diese seine Überzeugung in seinem Laden anschlagen lassen. Hei! das läßt den Dichter nicht ruhen. Er schickte viele verkleidete französische Schauspieler und Schauspielerinnen aus den Kulissen heraus, die den Tollkühnen durch Belehrung, durch List und durch die Nase von dieser seiner Überzeugung abzubringen hatten. Aber vergebens! Das Stück hört nicht auf und hört nicht auf, und wenn sie nicht gestorben sind, dann spielen sie heute noch.

Der Sultan bekam Eiswasser zu trinken, die bunte Kapelle spielte so falsch, daß sie mich an die Sterndampfer meiner Heimat erinnerte, und drei empörend schöne Frauen aus dem [237] Orient schritten durchs Publikum und ließen die Geblüter aufkochen. Und dann fing es wieder an, und bei den besonders lehrreichen Stellen klatschten die Leute, und am Schluß des achten Bildes begannen die Araber, in hohen Kehlkopftönen zu trillern: „Ulululululululu–!“ Die anwesenden Europäer kamen sich maßlos europäisch vor, denn sie tun so etwas bei Premieren nicht.

Was es mit dem Besuch des Sultans in Paris auf sich hat, mögen die Politiker entscheiden. Ich für mein Panterteil hatte den Eindruck, einer Kindervorstellung beizuwohnen, die man einem wohlgelittenen, weil artigen Knaben, gegeben hatte. Und aber in dreihundert Jahren will ich desselben Weges fahren – und dann wird vielleicht ein weißer Sultan zu einem gelben Volk huldvollst eingeladen, darf dort ein Museum einweihen, bekommt ein Festessen, und abends sitzt er im Theater, und ein freundlicher Japaner hält einem kleinen weißen Prinzen aus dem Abendlande einen Apparat ans Ohr. Kolonialvölker soll man nett behandeln.