Der Tower-Brand

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Theodor Fontane
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Tower-Brand
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 198–202
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1851
Verlag: Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst.
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld und Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


[198]
Der Tower-Brand.


Wenn’s im Tower[1] Nacht geworden, wenn die Höfe leer und stumm,
Gehn die Geister der Erschlagnen in den Corridoren um,
Durch die Lüfte bebt Geflüster klagend dann, wie Herbsteswehn,
Mancher hat im Mondenschimmer schon die Schatten schreiten sehn.

5
[199]
Vor dem Zug, im Purpurmantel, silberweiß von Bart umwallt,

Schwebt des sechsten Heinrichs[2] greise, gramverwitterte Gestalt,
Lady Gray[3] dann, mit den Söhnen König Edwards[4] an der Hand; – –
Leise rauscht der Anna Bulen[5] langes seidenes Gewand.

Zahllos ist das Heer der Geister, das hinauf – hinunter schwebt,

10
Das da murmelt: „Fluch Dir Tower, dran das Blut der Unschuld klebt;

Schutt und Trümmer sollst Du werden!“ aber machtlos ist ihr Fluch,
Ehern hält den Bau zusammen böser Mächte Zauberspruch.

[200]
Wieder nachtet’s, wieder ziehn sie durch die Räume still und weit,

Plötzlich stockt der Zug und schaart sich um ein glimmend Tannenscheit,

15
Dann geschäftig, wie die Bienen, tragen Schnitzwerk sie herzu,

Und zur hellen Flamme schüren sie die matte Gluth im Nu.

Wie das prasselt, wie das flackert! einen sprühnden Feuerbrand
Nehmen sie zum nächtgen Umzug jetzt als Fackel in die Hand,
Weithin wird die Saat der Funken in den Zimmern ausgestreut,

20
Flammen sollen draus erwachsen; hei, der Fluch erfüllt sich heut!


[201]
Alles schläft; doch auf vom Lager springt im Nu der rasche Sturm,

Und er wirft sich in das Feuer, und das Feuer in den Thurm,
An des Towers Felsenwände peitscht er schon das Flammenmeer,
Und den Segen drüber sprechend, wogt auf ihm das Geisterheer.

25
Doch, als ob das Salz der Thränen feuerfest die Wände macht,

Wie wenn Blut der beste Mörtel, den ein Meister je erdacht, –
Seht, wie durstig auch die Flamme sich von Thurm zu Thurme wirft,
Hat sie doch, als wären's Becher, nur den Inhalt ausgeschlürft.

[202]
Wieder, wenn es Nacht geworden, wenn’s im Tower leer und stumm,
30
Gehn die Geister der Erschlagnen in den Corridoren um,

Durch die Lüfte bebt Geflüster klagend dann, wie Herbsteswehn,
Mancher wird im Mondenschimmer noch die Schatten schreiten sehn.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Der Tower von London diente auch als Gefängnis und Hinrichtungsstätte.
  2. Heinrich VI., am 20. Mai 1471 im Tower ermordet.
  3. Johanna / Lady Jane Grey, am 12. Februar 1554 im Tower hingerichtet.
  4. Die Prinzen im Tower: Eduard V. von England (* 1470; † 1483?) und Richard of Shrewsbury, erster Herzog von York (* 1473; † 1483?) 1483 in den Tower gebracht und dort vermutlich ermordet.
  5. Anne Boleyn, die zweite Frau von Heinrich VIII., am 19. Mai 1536 im Tower enthauptet.