Die Bienenschlacht

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Autor: Theodor Fontane
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Titel: Die Bienenschlacht
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 190–197
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1851
Verlag: Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst.
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: UB Bielefeld und Commons
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[190]
Die Bienenschlacht.


                    Nur kein Gegrübel,
                    Was es sei;
                    Wohl oder übel –
                    Der Scherz ist frei


Die Wespen und die Bienen
     Sie haben sich entzweit,
Wie Guelphen und Ghibellinen
     Stehen sie im Streit,

5
Parthei nimmt Hummel und Käfer,

     Und selbst der Blumen-Elf,
Es flüstern die Lilienschläfer:
     „Hie Waibling und hie Welf!“

[191]
Die Bienen halten sich wacker,
10
     Doch ach, trotz Wall und Thurm,

Den Schoten- und Bohnen-Acker
     Nahm der Feind im Sturm;
Schon um die heimische Linde,
     Wie um Herd und Haus,

15
Sammelt das Bienen-Gesinde

     Sich zum letzten Strauß.

Eine (sie stund auf Wache,
     Und das Weinen war ihr nah)
Schwur: „eine herrliche Sache

20
     Sei dies mori pro patria![1]

Daß ihr Stand so ein harter
     Freue sie nur zu sehn,
Wie die dreihundert Sparter[2]
     Würden sie untergehn.“

25
[192]
Sprach da eine Zweite:

     „Wohl, sie stimme dem bei,
Daß zu fallen im Streite
     Ein Vergnügen sei;
Nur sie wäre verwundert,

30
     Daß man auf Sparta säh’,

Pforzheim und seine Vierhundert
     Hätte man ja in der Näh’“.

Sprach es. Die Anderen alle,
     Immer gesinnungsvoll,

35
Klatschten in diesem Falle

     Geradezu wie toll; –
Siehe! da schwarz am Himmel,
     Wie Heuschreckenzug,
Nahet das Wespengewimmel

40
     Sich im Siegesflug.


[193]
Solche Schwärme und Flüge

     Nimmer der Garten sah,
Wahre Hunnenzüge
     Sind es des Attila.

45
Gierig nach Blut und Morden

     Stürmen sie heran,
Wie die Mongolenhorden
     Unter Dschingiskhan.

Bald in gebogenem Horne,

50
     Bald in gespitztem Keil,

Aber immer nach vorne
     Stachel und Hintertheil:
So, nach reifer Betrachtung,
     Stürmen sie herbei,

55
Weil es der Verachtung

     Sprechendster Ausdruck sei.

[194]
Auch die Bienen, in Demuth

     Werden sich deß bewußt,
Schier unendliche Wehmuth

60
     Schleicht in ihre Brust,

Stimmen statt Schlachtgesanges,
     Klagelieder an,
Und vor allem ein banges:
     „Zeige dich braver Mann!“

65
Siehe, da schnell ein Sasse

     Tritt hervor aus den Reih’n:
„Mach’ Euch eine Gasse
     Liebe Genossen mein!“
Und als ob es ihm wäre

70
     Nichtiger Zeitvertreib,

Drückt er dreizehn Speere
     Tief sich in den Leib.

[195]
Wüthend die Bienen klammern

     Da an den Feind sich an,

75
Alle Wespen jammern:

     „Rette sich wer kann!“
Aber mit Waffen, schartig,
     Hummeln und andere mehr,
Fallen jetzt landsturmartig

80
     Ueber die Flüchtigen her.




Abend kommt; es schattet;
     Letzte Röthe schied;
Siehe, da wird bestattet
     Bienen-Winkelried.

85
Solch ein Gäste-Gedränge,

     Alle mußten’s gestehn,
Und solch Leichengepränge
     Hatten sie nie gesehn.

[196]
Rings auf Spitzen und Thürmchen
90
     An dem Hecken-Zaun,

Glühten Johanniswürmchen
     Hell wie Fackeln traun;
Taghell so beleuchtet,
     Kam der Zug daher,

95
Jedes Auge gefeuchtet,

     Jedes Herze schwer.

Vorne, drei Hummelbrummer
     Schritten ernst und barsch,
Trommelten in Kummer

100
     Ihren Trauermarsch;

Dann mit Ruhm zu melden
     Kam der wächserne Sarg,
Der des Helden der Helden
     Irdische Hülle barg.

105
[197]
Vier kohlschwarze Käfer,

     – Allen wohlbekannt –
Waren, als Rappen, dem Schläfer
     Drinnen vorgespannt;
Auf dem Deckel oben

110
     Lagen, Schaft an Schaft,

Alle die dreizehn Proben
     Seiner Ritterkraft.

Still des Zuges Spitze
     Hat jetzt eingelenkt:

115
In eine Mauerritze

     Wird der Sarg gesenkt.
Dann – wie Kriegsgesinde
     Rasch den Gram vertauscht –
Haben im Duft der Linde

120
     Alle sich berauscht.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. lat., Sterben für das Vaterland., nach einem Zitat von Horaz.
  2. In der Schlacht an den Thermopylen im Jahre 480 v. Chr. sterben 300 Spartaner unter König Leonidas I. bei dem Versuch, das riesige persische Heer aufzuhalten.