Der Traum des Churfürsten Friedrich III. oder des Weisen

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Der Traum des Churfürsten Friedrich III. oder des Weisen
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 3-7
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Erscheinungsort: Dresden
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Quelle: Google-USA* und Commons
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[3]
5) Der Traum des Churfürsten Friedrich III. oder des Weisen.
Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz des Meißnischen Obererzgebirges. Lpzg. 1699. 4. S. 809. sq. S. A. Heumann. Poecile T. III. L. II. p. 88. sq.

Im Jahre 1591 lebte zu Joachimsthal Magister Bartholomäus Schönbach, ein Geistlicher, von Rochlitz gebürtig, der eine eigenhändige Handschrift des dasigen Superintendenten Antonius Musa besaß, in welcher Folgendes von Wort zu Wort enthalten war:

„Der ehrwürdige Herr Georg Spalatinus hat mir, Antonio Musae, glaubwürdig erzehlet einen Traum, welchen Herzog Friedrich, Churfürst zu Sachsen, gehabt hat zu Schweidnitz, die Nacht zuvor, ehe D. Martin Luther seine erste Propositiones wider den Papst und beyde Johann Tezels Predigten, von der Röm. Gnade und Ablaß, zu Wittenberg öffentlich zu vertheidigen hat angeschlagen, welchen Traum auch Seine Churfürstl. Gnaden bald frühe morgens ihnen zum Gedächtniß hat auffgezeichnet, auch denselben ihrem Herrn Bruder Herzog Hansen zu Sachsen, in Beyseyn des Canzlers, referiret und gesaget hat: Herr Bruder, Euer Liebe muß ich erzehlen, was mir diese Nacht geträumet hat, und möchte ich gerne seine Bedeutung wissen, denn ich ihn so eigentlich und wohl gemerket und mir so tief eingebildet, daß mich dünket, ich könne ihn nicht vergessen, wenn ich auch 1000 Jahre leben sollte, weil er mir dreimal nach einander vorkommen, doch immer verbessert. Herzog Johannes fragte: War es denn ein guter oder böser Traum? Wir wissen es nicht, Gott weiß es, sagte der Churfürst. Herzog Johannes fragte weiter: Herr Bruder, E. L. setzen nicht viel darauff: Wenn mir etwas träumet, so bitte ich allezeit unsern HErrn GOtt, er wolle es zum Besten [4] wenden, oder schlag mir’s aus dem Sinn, wiewohl ich auch dies bekennen muß, daß mir viele Träume, beyde gut und böse sind fürkommen, welche ich hernach allererst verstanden habe, aber gemeiniglich in schlechten Sachen, E. L. sagen doch, was war denn der Traum? Churfürst Friedrich sagte: Ich will’s E. L. sagen: Als ich mich auff dem Abend zu Bette legte, ziemlich matt und müde, war ich balb über dem Gebet eingeschlaffen, und hatte bey dritthalb Stunden fein sanffte geruhet. Als ich nun erwachte und ziemlich munter worden, lag ich und hatte allerley Gedanken biß nach 12 Uhr: Gedachte unter andern, wie ich allen lieben Heiligen, und neben mir mein Hoffgesinde, zu Ehren bringen wollte, betete auch für die lieben Seelen im Fegfeuer, und beschloß bei mir, ihnen auch zu Hülffe in ihrer Gluth zu kommen, bat daher Gott um seine Gnade, daß er doch mich und meine Räthe und Landschafft in rechter Wahrheit wolle leiten und zur Seligkeit helffen, auch alle bösen Buben, die uns unser Regiment sauer machen, nach seiner Allmacht wehren. Nach Mitternacht war ich bald auff solche Gedanken wieder eingeschlaffen, da träumet mir, wie der Allmächtige Gott einen Mönch, eines feinen erbarn Angesichtes zu mir schickte, der war. S. Pauli des lieben Apostels natürlicher Sohn, der hatte bey sich zum Gefährten auf GOttes Befehl alle liebe Heiligen, die solten den Mönch vor mir Zeugniß geben, daß es kein Betrug mit ihm wäre, sondern es sey wahrhafftig ein gesandter GOttes, und ließ mir GOtt gebieten, ich sollte dem Mönch gestatten, daß er mir etwas an mein Schloß Capell zu Wittenberg schreiben dürffte, es würde mich nicht gereuen. Ich ließ ihm durch den Canzler sagen: Weil mich GOtt solches heist, und er auch sein gewaltig Zeugniß hat, so möchte er schreiben, was ihm befohlen. Darauff fähet der Mönch an zu schreiben, und machte so grobe Schrifft, daß ich sie hier zu Schweinitz erkennen kunte; er führete auch eine so lange Feder, daß sie auch bis gen Rom mit ihrem Hintertheil reichte, und einem Löwen, der zu Rom lag, mit dem Sturtz in ein Ohr stach, daß der Sturtz zum andern Ohr wieder heraus ging, und [5] strackte sich die Feder ferner biß an der Päbstlichen Heiligkeit dreyfache Krone und stieß so hart daran, daß sie begunte zu wackeln und wolte ihrer Heiligkeit vom Haupte fallen. Wie sie nun also im Fall ist, däucht mich, ich und E. L. stunden nicht weit davon, strackte auch meine Hand aus, und wolte sie helffen halten: in denselben geschwinden zugreiffen erwachte ich und hielt meinen Arm noch in die Höhe, war ganz erschrocken und auch zornig mit auff den Mönch, daß er seine Feder im Schreiben nicht bescheidener führete. Als ich mich aber recht besann, da war es ein Traum, ich aber war noch voll Schlaffs, gingen mir die Augen bald wieder zu, und ich war wieder fest eingeschlaffen, ehe ichs recht gewahr worden, da ist mir dieser Traum wieder vorkommen, denn ich hatte wider mit den Mönch zu thun, und sahe ihm zu, wie er immer fortschriebe und mit dem Sturtz der Feder stach er immer weiter auff den Löwen zu Rom, und durch den Löwen auff den Pabst, darüber der Löwe so greulich brüllete, daß die gantze Stadt Rom und alle Stände des H. Reichs zulieffen, zu erfahren, was da wäre, und da begehrte Päbstl. Heiligkeit an die Stände, man solte doch den Mönch wehren, und sonderlich mich dieses Frevels berichten. Darüber erwachte ich zum andern mahl, verwunderte mich, daß der Traum wiederkommen war, ließ mich doch so gar nichts anfechten, bat aber, GOtt wolle Päbstl. Heiligkeit für alle Uebel behüten und schlieff also zum dritten mahl wieder ein. Da kam mir der Mönch wider zum dritten mahl vor, und wir bemüheten uns sehr, dieses Mönches Feder zu zerbrechen, und den Pabst hinwegzuleiten, aber je mehr wir uns an der Feder versuchten, je mehr sie starrete und knarrete, daß mir’s im Ohren wehe thät; endlich wurden wir alle so verdrossen und müde darüber, daß wir abließen, und verlohr sich einer nach dem andern, und besorgten uns, der Mönch möchte mehr können, als Brod essen, er möchte uns irgend einen Schaden zufügen. Nichtsdestoweniger ließ ich den Mönch fragen (denn jetzt war ich zu Rom, bald zu Wittenberg), wo er doch zu solcher Feder kommen wäre? und wie es zugehe, [6] daß sie so zehe und fest sey? ließ er mir sagen: sie wäre von einer alten Böhmischen 100jährigen Ganß[1], einer seiner alten Schulmeister hätte ihn damit verehret, und gebeten, weil sie sehr gut wäre, er wolte sie zu seinem Gedächtniß behalten und brauchen. Er hätte sie auch selbst temperiret: daß sie aber so lang wehret und so fest wäre, käme daher, weil man ihr den Geist nicht nehmen, noch die Seele, wie mit andern Federn geschicht, herausziehen konte, darüber er auch sich selbst nicht genug verwundern könne. Bald darnach kommt ein ander Geschrey aus, es wären aus der langen Mönchsfeder unzehlig viel andere Schreibfedern hier zu Wittenberg gewachsen, und es sey mit Lust anzusehen, wie sich viel gelehrte Leute darum reissen, und meynen einestheils, diese neue junge Federn würden mittler Zeit auch so groß und lang werden, wie dieses Mönchs Feder, und es würde gewiß etwas sonderliches auff diesen Mönch und seine lange Feder erfolgen. Da ich nun gäntzlich im Traum bey mir beschloß, mich je eher je besser mit dem Mönch in eigner Person zu unterreden, da wachte ich endlich zum dritten mahl auf, und war jetzo Morgen worden, wunderte mich sehr über den Traum, gedacht ihm nach und bildete mir wohl ein, wie er mir nach einander vorkommen und zeichnete mir bald die vornehmsten Stücke zum Gedächtniß auf, bei gäntzlicher Meinung, dieser Traum sey nicht ohne Bedeutung, weil er mir so oft ist vorkommen, und bin bald willens, ihn meinem Beichtvater zu offenbaren, doch habe ich E. L. vorhin auch etwas wissen lassen, E. L. und Cantzler sagen mir ihr Gutdünken davon. Herzog Johann sagte: Herr Cantzler, was dünket euch? von Träumen ist nicht viel allemal zu halten, doch sind sie auch nicht gar zu verwerffen! Wenn wir hier einen verständigen, frommen Joseph oder Daniel hätten, der könte es treffen. Der Cantzler spricht: E. Churf. Gnaden [7] wissen, daß man pflegt zu sagen: Jungfrauen, gelehrter Leuten und großer Herren Träume haben gemeiniglich etwas hinter sich. Allein, was es sey, wird man allererst gewahren, wenn sie sich nach etlicher Zeit, da sich etwa Händel zutragen, daraus man alsdann Vermuthungen nimmet, entdecken, da man spricht: Siehe, darauff hat gewißlich jener Traum gewiesen, wie E. Churf. Gnaden viel solcher Exempel werden bekand sein. So spricht Joseph: Träume auslegen, stehet GOTT allein zu, und Daniel sagt: GOTT im Himmel allein kan verborgene Dinge offenbaren. Darum befehlen E. L. und E. Churfürstl. Gnaden nur diesen Traum den lieben GOtt, die Mönche haben offt bey großen Herrn viel Unglück gestifftet. An diesem Traum vom Mönche ist diß das beste, daß er von GOTT gesand ist, es wäre dann, daß der Teuffel unter einen guten Schein sein Spiel haben wolte. E. Churfürstl. Gnaden wird am besten wissen, den Sachen neben andächtigen Gebet, Christlich nachzudencken. Herzog Johann sagte: Ich halte es mit euch, Herr Cantzler, denn daß wir uns lange darüber grämen und martern sollen, ist nicht zu achten, GOTT wird alles, so dieser Traum von ihm herkommt, wissen zum besten zu wenden, und uns zu seiner Zeit die rechte Bedeutung mitzutheilen, oder, so es ein böses bedeutet, abzuschaffen. Der Churfürst sagte: Das thue der getreue GOTT, allein daß ich des Traumes indessen nicht vergesse, ich habe auch wohl bey mir meine Gedanken und Auslegung, aber die behalt ich noch zur Zeit bey mir allein, doch will ich sie auffzeichnen, es wird’s vielleicht die Zeit hernach geben, ob ichs recht getroffen habe, und wir wollen uns diese Tage wieder miteinander unterreden.“


  1. Damit ist unbezweifelt Huß gemeint, von dem erzählt wird, er habe auf dem Scheiterhaufen gesagt: Jetzt bratet Ihr eine Gans (Huß, böhmisch = Gans), doch in 100 Jahren wird ein Schwan (Luther, böhmisch = Schwan) kommen, den werdet Ihr ungebraten lahn.