Der amerikanische Spottvogel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der amerikanische Spottvogel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 44
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[44] Der amerikanische Spottvogel ist sowohl durch die Mannichfaltigkeit seiner Töne, wie durch den außerordentlichen Umfang und die Zartheit seiner Stimme, vorzüglich aber durch seine hervorstechende Gabe, die Töne und das Geschrei anderer Vögel und vierfüßiger Thiere nachzuahmen, berühmt. Dieser Vogel soll zugleich seinen Gesang mit einem dazu passenden Gebehrdenspiel begleiten. Wenn er zu singen anfängt, erhebt er sich langsam mit ausgebreiteten Flügeln, und sinkt dann mit herabhängendem Kopfe auf dieselbe Stelle wieder zurück, wie dies die Lerche bisweilen auch thut. Ist er in seinem Gesange weiter fortgeschritten, so schwebt er in schraubenförmigen Windungen auf und nieder, und wenn seine Töne munter und lebhaft sind, beschreibt er in der Luft Kreise, die sich in allen Richtungen durchkreuzen. Werden die Töne laut und folgen sie sehr schnell auf einander, so schlägt er die Flügel mit verhältnißmäßiger Schnelligkeit zusammen. Wenn aber die Töne ungleich sind, so schwingt und flattert er, jener Ungleichheit entsprechend, hin und her. Da er aber in seinen Anstrengungen endlich ermüdet, so werden seine Töne nach und nach sanfter, verschmelzen in sanfte Accorde und enden mit einer Pause, die eine besonders schöne Wirkung hervorbringt, während zu gleicher Zeit seine Bewegungen langsamer werden. Langsam und sanft gleitet er über den Baum, worauf er seinen Sitz hat, bis die Schwingungen seiner Flügel unmerklich werden und zuletzt ganz aufhören, und der kleine Musikus regungslos in der Luft schwebt, gleich dem Thurmfalken, wenn er auf Beute lauert. Man erstaunt, in einem so kleinen Vogel den König aller derjenigen Singvögel zu sehen, die nur einer Stimme oder eines Tones mächtig sind. Er ist nicht stärker als ein Staar, unten weiß, oben braun, mit einigen untermischten schwarzen und weißen Federn, vorzüglich zunächst dem Schwanze und um den Kopf herum, welcher letztere mit einer Art silberner Krone umgeben ist. Als sehr große Seltenheit oder vielmehr als eins der reizenden Wunder der Natur wird er in Europa im Käfig gehalten, wo er durch seine herrliche Stimme Herz und Ohr ergötzt. Er übertrifft alle Vögel an Anmuth und Mannichfaltigkeit des Gesanges und in vollkommener Beherrschung der Stimme; er ahmt die Töne eines jeden andern Vogels nach, und sticht den, welchen er nachahmt, sogar aus; selbst unsere europäische Nachtigall läßt er weit hinter sich zurück.

Im Ganzen genommen scheint dieser Vogel ein Vergnügen daran zu finden, wenn er seine befiederten Freunde irre führen kann. Bisweilen lockt er die kleinen Vögel mit dem Lockruf ihrer Gatten zu sich und erschreckt sie, wenn sie sich ihm genähert haben, mit dem Geschrei des Adlers. Sein natürlicher Gesang ist und bleibt jedoch der beste. Gewöhnlich besucht er die Dächer der Pflanzerhäuser, von wo er die ganze Nacht hindurch, auf einem Schornsteine sitzend, die süßesten mannichfaltigsten Töne aller mir denkbaren Vögel erschallen läßt. Sein Gesang macht ihn nicht müde, vielmehr begleitet er denselben noch mit Tanzen, und da er ohne Unterschied bei Tag und Nacht zwischen eigenem Lied und der Nachahmung Anderer abwechselnd singt, so sollen ihn auch die Amerikaner für heilig und übernatürlich halten.

Es ist ein Lieblingsthema der amerikanischen Schriftsteller, den Gesang des Spottvogels mit dem der Nachtigall, den viele Amerikaner gar nicht kennen, zu vergleichen. Audubon vergleicht die Nachtigall mit einer Soubrette, die, wenn sie sich unter einem Mozart ausbilden könnte, vielleicht mit der Zeit sehr anziehend werden dürfte. Dem Spottvogel hingegen erkennt er vollendete Virtuosität zu.

Merkwürdig bleibt, daß der Spottvogel die menschliche Stimme nicht nachahmen lernt.