Der arme Jakob und die kranke Lise

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Textdaten
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Autor: Georg Herwegh
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Titel: Der arme Jakob und die kranke Lise.
Untertitel:
aus: Vorwärts
Herausgeber: Rudolf Lavant
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Verlag der Volksbuchhandlung in Hottingen
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Erscheinungsort: Zürich
Übersetzer:
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Quelle: Commons,
S. 107–109
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[107]

Der arme Jakob und die kranke Lise.
Der arme Jakob.
Der alte Jakob starb heut nacht –
Da haben sie am frühen Morgen
Sechs Brettchen ihm zurechtgemacht
Und drin den Schatz geborgen.

5
Ein schmucklos Haus! Man gibt in’s Grab

Dem Feldherrn doch den Feldherrndegen –
Warum nicht auch den Bettelstab
Auf diese Bahre legen?

Den Degen, den er treu geführt,

10
Der in die Scheide nie gekommen,

Bis ihn der letzte Schlag gerührt
Und von der Welt genommen.

Er war der Welt, sie seiner satt –
Zu zwölfen in der engen Stube! –

15
Weh’ ihm! ein überflüssig Blatt,

O Lenz, in seine Grube!

[108]
Als hätt’ er Großes nie gethan,

Ist rasch der Glückliche vergessen,
Kein Dichter stimmt ihm Psalmen an,

20
Kein Pfaffe liest ihm Messen.


Die Heller, die man in den Sand
Ihm warf aus schimmernden Karossen,
Sind Alles, was vom Vaterland
Der arme Mann genossen.

25
Just die vom Himmel ihm geprahlt,

Sah’n diese Erde zwiefach gerne:
So wird die Schuld an’s Volk bezahlt
Mit Wechseln auf die Sterne.

Und kaum ist uns genug am Joch

30
Der Armuth auf gekrümmten Rücken:

Man will der Knechtschaft Stempel noch
Ihr auf die Stirne drücken.

Schlaf wohl in deinem Sarkophag,
Drin sie dich ohne Hemd begraben,

35
Es wird kein Fürst am jüngsten Tag

Noch reine Wäsche haben!

Die kranke Lise.
Weihnacht! die kranke Lise schreitet
     Durch’s Faubourg hin in banger Flucht,
Sie hat zu Haus’ kein Bett bereitet
     Für ihres Leibes erste Frucht.

5
Wohl manches prunkt im Fürstensaale,

     Den stolzer Kerzen Glanz erhellt –
Marsch, Lise, weiter, zum Spitale,
     Dort kommt das Volk zur Welt.

„Mein armer Weber mag nur zetteln,

10
     Sein Fleiß und Schweiß – was helfen sie?

Das Volk muß Sarg und Wiege betteln:
     „Allons, enfants de la patrie!
Kind, dem sie unter meinem Herzen
     Die Lust am Leben schon vergällt,

15
Geduld, bis wir im Haus der Schmerzen!

     Dort kommt das Volk zur Welt.

[109]
„Sie feiern heut dem Gott der Armen,

     Die reichen Herrn ein Freudenfest:
Doch glaubt nicht, daß sich das Erbarmen

20
     An ihrem Tische sehen läßt,

Daß je in ihre Festpokale
     Der Schimmer einer Thräne fällt –
Marsch, Lise, weiter, zum Spitale!
     Dort kommt das Volk zur Welt.

25
„Du machst mir wahrlich viel Beschwerden,

     Der Liebe Kind, ich dacht’ es nie;
Das wird ein wilder Junge werden:
     Allons, enfants de la patrie!
Für eurer Prinzen zarte Nerven

30
     Ist Daun auf Daune hoch geschwellt:

Ich muß in einer Grube werfen –
     So kommt das Volk zur Welt.

„Kläng noch die Trommel unserm Ohre
     Und wär’ noch eine Fahne rein:

35
Der Lappen einer Trikolore,

     Er sollte deine Windel sein;
Du wärst getauft, eh’ seine Schaale
     Ein Pfaffe dir zu Haupten hält –
Marsch, Lise, weiter, zum Spitale!

40
     Dort kommt das Volk zur Welt.


„Wer wird so ungestüm sich melden?
     Mein kleines Herz, was suchst du hie?
Nur noch zum Grabe jener Helden!
     Allons, enfants de la patrie!

45
Dort seh’ ich in des Frühroths Helle

     Die Julisäule aufgestellt –“
Und nieder sank sie auf der Schwelle –
     So kommt das Volk zur Welt!