Der erhörte Liebhaber

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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Der erhörte Liebhaber
Untertitel:
aus: Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 76–79
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1769
Verlag: M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck 1746/48
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[76]
Der erhörte Liebhaber.


Der größte Fehler in der Liebe,
O! Jüngling, ist die Furchtsamkeit;
Was helfen dir die süßen Triebe
Bey einer stummen Schüchternheit?

5
Du liebst, und willst es doch nicht wagen,

Es deiner Schönen zu gestehn;
Was deine Lippen ihr nicht sagen,
Soll sie in deinen Augen sehn.
Im Stillen trägst du deinem Kinde

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Das Herz mit Ehrerbietung an,

Und wünschest, daß sie das empfinde,
Was doch dein Mund nicht sagen kann.
Du hörst nicht auf, sie hoch zu achten,
Und ehrst sie durch Bescheidenheit;

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Sie fühlt, und läßt dich dennoch schmachten,

Und wartet auf Beständigkeit.
Sie läßt dich in den Augen lesen,
Wie viel dir dieser Vorzug nützt;
Erst liebt sie dein bescheidnes Wesen,

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Und endlich den, der es besitzt.

Ein Jahr verfliegt; O! lacht des Blöden,
Was hat er denn für seine Müh?
Er darf mit ihr von Liebe reden,
Und wagt den ersten Kuß auf Sie.

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Ein Jahr! Und noch kein größres Glücke?

In Wahrheit, das ist lächerlich.
Warum rief er, beym ersten Blicke,
Nicht gleich: Mein Kind, ich liebe dich!

[77]
Da lob ich euch, ihr jungen Helden,
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Ihr wißt von keiner langen Pein;

Ihr laßt euch bey der Schönen melden,
Ihr kommt, und seht, und nehmt sie ein.
Und euern Muth recht zu beseelen,
Den ihr bey eurer Liebe fühlt;

35
So will ich euch den Sieg erzählen,

Den einst Jesmin sehr schnell erhielt.



Ein junger Mensch, der gütigst wollte,
Daß jedes schöne Kind die Ehre haben sollte,
Von ihm geliebt, von ihm geküßt zu seyn;

40
Jesmin, sah Sylvien, das heißt, sie nahm ihn ein.

Er sah sie in dem Fenster liegen,
Ward schnell besiegt, und schwur, sie wieder zu besiegen.
Die halbe Nacht verstrich, daß mein Jesmin nicht schlief;
Er sann auf einen Liebesbrief,

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Schlug die Romane nach, und trug die hellsten Flammen

In Einen Brief aus zwanzigen zusammen.
Der Brief ward fortgeschickt, und für sein baares Geld
Ward auch der Brief getreu bestellt.
Allein die Antwort will nicht kommen.

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Jesmin, vom Kummer eingenommen,

Ergreift das Briefpapier, und schreibet noch einmal.
Er klagt der Schönen seine Quaal,

[78]
Er redt von strengen Liebeskerzen,

Von Augensonnen, heiß an Pein,

50
Von Tygermilch, von diamantnen Herzen,

Und von der Hoffnung Nordlichtschein;
Und schwört, weil Sylvia durch nichts erweicht geworden,
Sich, bey Gelegenheit, aus Liebe zu ermorden.

Getrost, Jesmin, versiegle deinen Brief!

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So wie das Siegelwachs am Lichte niederlief;

So wird der Schönen Herz, eh Nacht und Tag verfliessen,
Von deines Briefes Glut erweicht, zerschmelzen müssen,
Der Brief wird fortgeschickt, und richtig überbracht.
Jesmin thut manch Gebet an Venus kleinen Knaben;

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Doch folgt die Antwort nicht. Wer hätte das gedacht!

Das Mädchen muß ein Herz von Stahl und Eisen haben;
Doch welcher Baum fällt auf den ersten Hieb?
Ich zweifle nicht, die Schöne hat ihn lieb;
Und ihre Sprödigkeit ist ein verstelltes Wesen,

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Um nur von ihm mehr Briefe noch zu lesen.

Wie könnte sie dem heißen Flehn,
Und, da sie ihn ohnlängst geputzt gesehn,
Der reichen Weste widerstehn?

Ich weis noch Einen Rath, und dieser Rath wird glücken,

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Durch Verse kann man sehr entzücken:
[79]
In Versen, mein Jesmin, in Versen schreib an Sie;

Siegst du durch Verse nicht, Jesmin! so siegst du nie.
Er folgt. O wünscht mit mir, daß ihm die Reime fließen!
Seht, welch ein feurig Lied Jesmin zur Welt gebahr!

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Was konnte man auch anders schließen.

Da seine Prosa schon so hoch und feurig war?

Kaum hatte Sylvia das Heldenlied gelesen,
So kam auch schon ein Gegenbrief.
Man stellte sich nur vor, wie froh Jesmin gewesen,

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Wie froh Jesmin der Magd entgegen lief!

Die schlaue Magd grüßt ihn galant.
Er steht und hält den Brief entzückt in seiner Hand,
Und brennet vor Begier, den Innhalt bald zu wissen,
Und kann vor Zärtlichkeit sich dennoch nicht entschliessen,

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Das kleine Siegel abzuziehn;

Er drückt den Brief an sich, er drückt und küsset ihn.
Die Magd kriegt ein Pistol, und schwört, ihm treu zu bleiben.
Allein was stund in diesem Schreiben,
Als es Jesmin froh auseinander schlug?

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Kein Wörtchen mehr, als dieß: Mein Herr, Sie sind nicht klug!