Der erste Phalaris

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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Der erste Phalaris
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Siebtes Bändchen, Seite 801–812
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1827
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Φάλαρις Α
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[801]
Der erste Phalaris.[1]

1. Wir erscheinen, ihr Delphier, aus Auftrag unsers Beherrschers Phalaris, um dem Gotte diesen (ehernen) Stier zu überbringen, und das Nöthige sowohl über seine Person, als über dieses Weihgeschenk, euch vorzutragen. Dieß ist der Grund unserer Hierherkunft. Die Worte des Phalaris aber, die wir euch hinterbringen sollen, sind folgende:

„Ich wollte Alles in der Welt darum geben, ihr Männer von Delphi, wenn es mir gelänge, der ganzen Griechischen Nation als Der zu erscheinen, der ich wirklich bin, und nicht als Den mich das Gerede meiner Feinde und Neider Denen abgeschildert hat, die mich nicht näher kennen. Besonders wichtig aber muß mir die Meinung seyn, die Ihr von mir habt, die ihr die Priester des Pythischen Gottes, die Anwohner seines Heiligthums, ja ich möchte sagen, seine vertrauten Hausgenossen seyd. Denn ich bin der Meinung, wenn ich mich vor Euch gerechtfertigt, und Euch überzeugt haben werde, wie ich so ganz ohne Grund im Rufe eines grausamen Tyrannen stehe, so werde ich durch Euch vor dem ganzen übrigen Griechenland mich gerechtfertigt haben. Für jedes meiner Worte will ich den Gott zum Zeugen anrufen, der sich nicht durch Trugschlüsse berücken, nicht durch lügenhafte [802] Angaben sich hintergehen läßt. Sterbliche möchte ich etwa leichtlich trügen können: einer Gottheit aber, und vor allen Dieser vermöchte Niemand die Wahrheit zu verbergen.“

2. „Ich behauptete unter den Bürgern Agrigent’s von jeher eine ausgezeichnete Stelle, genoß, wie Wenige, den Vorzug hoher Geburt, angemessener Erziehung und wissenschaftlicher Bildung, bewies mich jederzeit als einen Freund der Republik, und betrug mich rechtlich und anspruchlos gegen alle meine Mitbürger. Keiner derselben kann mich aus meiner frühern Lebensperiode einer gewaltthätigen, brutalen, übermüthigen oder herrischen Handlung anklagen. Gleich wohl sah ich, daß ich der Gegenstand der Nachstellungen einer der Faktionen war, in welche sich damals unser Freistaat theilte: und weil diese meine Feinde auf alle Weise trachteten, mich aus dem Wege zu räumen, so glaubte ich, das einzige Mittel, ihnen zu entgehen und mich zu sichern, so wie zugleich die gesammte Republik zu retten, wäre Dieß, wenn ich mich der obersten Gewalt bemächtigte, jene Faktion von Meuterern unterdrückte, und die aufgeregten Gemüther der Bürger zur Besinnung zurückbrächte. Und, in der That, nicht wenige wackere, leidenschaftlose Männer, wahre Bürgerfreunde, schenkten meinem Entschluß ihren vollen Beifall: sie kannten meinen Charakter, und sahen ein, wie unumgänglich nothwendig diese Maßregel war. Solche Männer waren auf meiner Seite, und mit ihrer Hülfe war es mir ein Leichtes, meine Unternehmung auszuführen.“

3. „Von jetzt an hielten sich jene Menschen ruhig und gehorchten: ich regierte, und die Bürger insgesammt lebten einträchtig und friedlich. Hinrichtungen, Aechtungen, Vermögensconfiscationen [803] verhängte ich nicht einmal über Diejenigen, welche mir nach dem Leben getrachtet hatten, wiewohl es, zumal im Anfang einer Regierung, sogar nothwendig seyn kann, dergleichen Schritte zu wagen. Allein ich hoffte, durch Milde, Sanftmuth, Freundlichkeit und unparteiische Behandlung meine Gegner auf eine um so rühmlichere Weise für mich zu gewinnen. Ich beeilte mich also, mit ihnen mich auszusöhnen, und die Meisten von ihnen zu meinen Rathgebern und Gesellschaftern zu machen. Die Stadt selbst war in einem sehr zerrütteten Zustande: ihre frühern Vorsteher hatten eine sehr nachläßige Verwaltung geführt, und das gemeinsame Vermögen bestohlen, oder vielmehr öffentlich und ohne alle Scheu beraubt. Ich stellte ihre Wasserleitungen wieder her, verschönerte sie durch öffentliche Bauten, sorgte durch feste Ringmauern für ihre Sicherheit, vermehrte ihre öffentlichen Einkünfte, indem ich eine sorgfältige Verwaltung anordnete, richtete mein Augenmerk auf die Erziehung der Jugend und die Verpflegung dürftiger Greise, und vergnügte das Volk mit Schauspielen, Austheilungen, Festen und öffentlichen Gastmählern. Dagegen – Jungfrauen entehren, Jünglinge mißbrauchen, Gattinnen entführen, meine Trabanten als Diener der Gewalt aussenden, und als drohender Tyrann auftreten, alles Dieß war mir ein Gräuel, wovon ich nicht einmal reden hören mochte.“

4. „Schon dachte ich darauf, meine Herrschaft wieder niederzulegen, und überlegte nur, wie sich Das mit Sicherheit thun ließe. Denn dieses Alleinherrschen ward mir nachgerade zur Last, und ich fand es eben so gehässig als mühselig, Alles [804] blos durch meine Hände gehen zu lassen. Mein ganzes Trachten war nun, es dahin zu bringen, daß der Staat eine solche Vormundschaft gänzlich möchte entbehren können. Allein, während ich gutherzig genug war, mit diesem Plane mich zu beschäftigen, faßten meine Feinde den Anschlag, mir den Gehorsam aufzukündigen, und einen Aufstand wider mich zu erregen: sie sammelten sich Mitverschworne, besorgten einen Vorrath an Waffen und Geld, bewarben sich um den Beistand der benachbarten Städte, und wandten sich mit Gesandtschaften sogar nach Sparta und Athen. Was diese Menschen mir zugedacht hatten, auf den Fall, daß sie mich in ihre Gewalt bekämen, wie sie gedroht hatten, mich mit ihren eigenen Händen in Stücken zu zerreißen, kurz, welche Qualen sie schon für mich ausgesonnen hatten, das haben sie nachmals in dem peinlichen Verhör selbst bekannt. Daß es aber nicht so weit kam, habe ich den Göttern zu danken, welche die Meuterei an den Tag brachten; vor Allen aber war es der Pythische Apoll, der mir in Traumbildern die Gefahr zeigte, und Leute zu mir kommen ließ, von welchen ich genau über alle Umstände unterrichtet wurde.“

5. „Und nun bitte ich euch, ihr Delphier, denkt euch in meine damalige so bange Lage und überleget selbst, was ich hätte thun sollen, als ich so nahe daran war, aus Mangel an Vorsicht in die Hände meiner Feinde zu gerathen, und nur darauf denken mußte, wie ich mich nun aus der Gefahr ziehen möchte. Begebet euch im Geiste auf einige Augenblicke nach Agrigent, betrachtet ihre Vorbereitungen, höret ihre Drohungen, und sagt dann, was zu thun ist. Soll ich noch [805] immer milde Güte, Schonung und Langmuth gegen sie beweisen, ich, der ich mit jedem Augenblicke das Aeußerste von ihnen zu gewarten habe? Soll ich ihnen die bloße Kehle darbieten, und was mir das Liebste ist, vor meinen Augen vernichtet werden sehen? Oder findet ihr nicht, daß nur ein thörichter Feigling so handeln könnte? Sollte ich nicht vielmehr als verständiger Mann von ehrenhafter und männlicher Denkart, und in gerechter Entrüstung über eine so schwere Beleidigung, Rache an den Frevlern nehmen, und mir dadurch Ruhe und Sicherheit für künftige Zeiten verschaffen? Ich weiß gewiß, ihr selbst würdet mir diesen Rath geben.“

6. „So höret denn, was ich hierauf gethan. Ich ließ die Schuldigen vor Gericht führen, erlaubte Jedem, sich zu verantworten; und erst nachdem ich sie durch klare Beweise von jedem ihrer Schritte überführt und dadurch zum Bekenntnisse ihrer Schuld genöthigt hatte, ließ ich die Vergeltung eintreten, weniger darüber zürnend, daß sie mir nach dem Leben getrachtet, als weil sie mich hinderten, bei den Regierungs-Grundsätzen zu beharren, die ich anfangs zu befolgen entschlossen gewesen war. Denn von nun an mußte ich nur darauf bedacht seyn, meine Person sicher zu stellen, und meine Gegner zu züchtigen, die unaufhörlich Plane zu meinem Untergange schmieden. Und nun machen die Leute mir den Vorwurf der Grausamkeit, ohne zu bedenken, Wer von beiden Theilen den ersten Anlaß dazu gegeben hat. Sie nehmen durchaus keine Rücksicht auf das Vorhergegangene und auf die Ursache der Strafen, sondern schreien blos über die Strafen selbst und über die vermeintliche Härte derselben. Ist es [806] nicht gerade, als ob ein Mensch, der mit angesehen, wie ein Tempelräuber bei euch von dem Felsen herabgestürzt ward, statt die Größe des Verbrechens in Betrachtung zu ziehen, das der Frevler wagte, indem er nächtlicher Weile das Heiligthum betrat, die Weihgeschenke herabnahm, und an dem Bilde des Gottes selbst sich vergriff, statt Dessen euch unmenschlicher Barbarei beschuldigen wollte, weil ihr, die ihr doch Griechen seyd und euch gottgeweihte Leute nennt, fähig waret, einen Bürger Griechenlands so nahe an dem Tempel (denn dieser Felsen soll sich ja ganz nahe an eurer Stadt befinden) mit einer so gräßlichen Strafe zu belegen? Ich glaube, ihr würdet eine solche Aeußerung in eben dem Grade lächerlich finden, als jeder Andere die äußerste Strenge gegen einen solchen Verbrecher billigen würde.“

7. „Ueberhaupt pflegt das Volk in Republiken nicht zu untersuchen, ob der Mann, der sich an die Spitze seiner Angelegenheiten gestellt hat, gut oder schlimm ist, gerecht oder ungerecht regiert; es haßt ihn schon um des bloßen Namens der Alleinherrschaft willen. Ja, wenn er ein zweiter Aeacus, Minos oder Rhadamanth wäre, man würde nichts desto weniger ernstlich trachten, ihn aus dem Wege zu räumen, indem man nur immer die Beispiele von bösen Herrschern vor Augen hat, und den Guten, die man mit Jenen unter dem gemeinsamen Namen Tyrannen begreift, somit auch den Haß entgelten läßt, der Jenen gebührt. Ich weiß aber, daß es auch unter euch Griechen mehrere weise Alleinherrscher gegeben, die unter jenem gehässigen Namen sich als Männer von edlem und sanftem Charakter gezeigt haben, wie denn von Einigen Derselben gewisse kurze Denksprüche als heilige, dem [807] Pythischen Gotte geweihte Denkmale in eurem Tempel aufbewahrt werden.[2]

8. „Ihr sehet, welche Wichtigkeit die Ordner der Staaten auf denjenigen Theil der Gesetzgebung gelegt haben, welcher die Strafen zum Gegenstande hat, indem sie wohl wußten, wie wenig alle übrigen Verordnungen fruchten würden, wenn nicht Furcht und gewisse Erwartung der Strafe sich an ihre Uebertretung knüpfte. Um so unentbehrlicher aber sind diese Strafen uns Alleinherrschern, da wir nur durch Gewalt und Zwang uns an der Spitze behaupten können, und es mit Menschen zu thun haben, die uns hassen und auf unsern Untergang bedacht sind, und gegen welche mit bloßen Popanzen nichts ausgerichtet ist. Das Uebel, mit welchem wir kämpfen, ist eine Hyder; je mehr gefährliche Häupter wir abhauen, desto mehrere wachsen nach, und desto mehr Gelegenheit zum Strafen bekommen wir. Darum ist es unumgänglich nothwendig, zu vertilgen und abzuhauen, was nachwächst, und, wie Iolaus, die Wunde auszubrennen, wenn wir des Ungeheuers Meister werden wollen. Denn Wer einmal von den Umständen genöthigt ist, den Tyrannen zu spielen, muß entweder seiner Rolle getreu bleiben, oder das Opfer seiner schonenden Gelindigkeit werden. Außerdem wäre es nicht denkbar, wie ein Mensch aus bloßer roher Grausamkeit seine Freude daran finden könnte, Andere geißeln zu lassen, ihr Angstgeschrei zu vernehmen, ihr Blut fließen zu sehen, wenn ihn nicht wichtige Ursachen nöthigten, solche Strafen zu verhängen. O wie [808] viele Thränen vergoß ich nicht schon, wenn ich Andere unter Geißelhieben seufzen hörte! Wie schmerzlich beweinte und bejammerte ich mein Geschick, das mich zwingt, durch solche Strafen mir selbst herbere und anhaltendere Qualen, als den Gestraften, zu bereiten! Denn einem gutgearteten Gemüthe, das nur aus Noth hart ist, fällt es weit schmerzlicher, Andere leiden zu lassen, als selbst zu leiden.“

9. „Und um euch freimüthig die Wahrheit zu bekennen, so glaubet mir, daß ich, wenn ich wählen müßte, ob ich einen Unschuldigen zum Tode verurtheilen oder selbst sterben wollte, ohne Bedenken lieber den Tod wählen, als ungerechterweise einem Andern das Leben nehmen würde. Fragte mich aber Jemand, ob ich lieber mir selbst widerrechtlich das Leben nehmen lassen, als Denen, die mich aus dem Wege schaffen wollten, die gerechte Strafe zuerkennen wollte, so zöge ich allerdings das Letztere vor. Und nun rufe ich euch, ihr Männer von Delphi, abermals zur Entscheidung auf, ob es besser sey, unverdient zu sterben, oder seinen Meuchelmörder unverdient am Leben zu erhalten? Wer in aller Welt ist wohl so thöricht, daß er sich nicht lieber entschlöße, sein Leben sich zu wahren, als das seiner Feinde durch seinen Untergang zu sichern? Und gleichwohl – wie vielen von Denen, die Hand an mich legen wollten und Dessen auf’s klarste überwiesen waren, habe ich nicht die Todesstrafe erlassen? wie z. B. dem Acanthus, dem Timocrates, dem Leogoras seinem Bruder, in Betracht der alten Freundschaft, mit welcher ich ihnen sonst zugethan gewesen war.“

10. „Wollet ihr übrigens näher von mir unterrichtet seyn, so befragt die Fremden, welche Agrigent besuchten, wie ich [809] mich gegen sie benommen, und ob ich nicht recht leutselig Allen entgegen zu kommen pflege, welche in meine Häfen einlaufen. Ich unterhalte eine besondere Wache und Kundschafter in denselben, einzig zu dem Zwecke, um zu erfahren, Wer die Ankömmlinge sind, und um Jeden nach Gebühr in Ehren halten zu können. Einige Fremde, und zwar Griechen von ausgezeichneter Bildung, waren so weit entfernt, meinen Umgang zu vermeiden, daß sie sogar absichtlich nach Agrigent reisten, um mich kennen zu lernen. So hat mich noch ganz kürzlich Pythagoras besucht, und aus eigener Erfahrung eine ganz andere Vorstellung von mir erhalten, als ihm früher das Gerücht beigebracht hatte. Er verließ mich unter unzweideutigen Aeußerungen des Beifalls, den er meiner Gerechtigkeitsliebe schenkte, und des Bedauerns über die harten Maßregeln, zu welchen mich die Umstände nöthigten. Und könnt ihr nun glauben, daß ein Mann, der sich so menschenfreundlich gegen Auswärtige beweist, seine eigenen Bürger mit solcher Strenge behandeln würde, wenn er nicht durch die äußersten Beleidigungen dazu gezwungen wäre?“

11. „Das ist es denn, ihr Delphier, was ich mit Grund der Wahrheit und des Rechtes zu meiner Reinigung zu sagen hatte, und weßwegen ich nach meiner Ueberzeugung vielmehr Lob als Haß verdiene. Lasset mich nun noch mit Wenigem des Weihgeschenkes gedenken, und euch sagen, wie ich in den Besitz dieses Stieres kam, dessen Anfertigung ich weit entfernt war bei dem Künstler zu bestellen. Denn ferne sey von mir der Wahnsinn, je ein Verlangen nach einem Kleinode dieser Art zu tragen! Perilaus, Bürger von Agrigent, ein Erzgießer, und eben so geschickt in seiner Kunst, als schlecht [810] von Charakter, irrte sich so sehr in der Beurtheilung meiner Gesinnung, daß er sich mir gefällig zu machen meinte, wenn er eine neue Art von Marter erfände, als ob ich der Mann wäre, dessen ganzes Dichten und Trachten nur auf Martern gerichtet ist! Er brachte mir also einen Stier, den er gegossen, zum Geschenk, in der That ein herrliches Kunstwerk und von so vollkommener Aehnlichkeit, daß ihm nur Bewegung und Stimme fehlte, um für ein lebendes Thier gehalten zu werden. Mein Erstes, als ich ihn sah, war, daß ich ausrief: „Wahrlich, ein würdiges Geschenk für den Pythischen Gott! der Stier muß nach Delphi geschickt werden!“ Da entgegnete Perilaus, der dabei stand: „Was wirst du erst sagen, wenn du seine künstliche Einrichtung und den Gebrauch kennen wirst, der von ihm gemacht werden kann?“ Und indem er den Rücken des Stieres aufhob, fuhr er fort, „Wenn du Jemand mit dem Tode bestrafen willst, so lasse ihn in diese Maschine einschließen, hier diese Flöten an die Nüstern des Stieres befestigen, und unter dem Bauche desselben Feuer anmachen. Wenn nun der Mensch, von grenzenlosen Qualen gepeinigt, gräßliche Jammertöne ausstößt, wird sein Schreien und Brüllen vermittelst jener Flöten sich in helltönende, melodische Klageweisen verwandeln, so daß, während Jener seine Pein leidet, du unterdessen an der angenehmen Musik dich ergötzen kannst.“

12. „Ich schauderte zurück, wie ich den Mann sein heilloses Kunststück so anpreisen hörte, und empört über den erfinderischen Scharfsinn des Künstlers, beschloß ich, ihn durch sein eigenes Werk zu strafen. „Nun wohlan, Perilaus,“ sprach ich zu ihm, „wenn das kein leeres Vorgeben ist, so beweise selbst die Probehaltigkeit [811] deines Kunstwerkes, steige hinein und gib solche Töne von dir, damit wir uns überzeugen, daß wirklich die Melodieen, von denen du sagst, aus diesen Flöten tönen.“ Perilaus gehorcht. So wie er aber drinnen ist, lasse ich die Oeffnung verschließen und Feuer unterlegen, indem ich ihm zurief: „Empfange nun für dein bewundernswerthes Kunststück den verdienten Lohn, und sey, als der Erfinder dieser Musik, auch der Erste, der sie uns vorflöte!“ Und so erntete dieser Mensch die gebührende Frucht seiner sinnreichen Vorrichtung. Ehe er den Geist aufgab, ließ ich ihn herausziehen, damit das Kunstwerk durch seinen Tod nicht verunreinigt würde, und hierauf, ohne ihn beerdigen zu lassen, über jähe Felsen hinabstürzen. Nachdem ich eine Reinigungsweihe mit dem Stier vorgenommen, schicke ich ihn euch als ein Tempelgeschenk für Apollo, mit dem Befehl, diesen ganzen Hergang, meinen und des Künstlers Namen, und eine Beschreibung der erfinderischen Einrichtung, meiner gerechten Verfügung, der gebührenden Strafe, die der schlaue Meister erlitten, seiner Melodieen und der ersten Probe, die mit dieser Art von Musik angestellt wurde, darauf einzugraben.“

13. „Ihr aber, Männer von Delphi, werdet gerecht handeln, wenn ihr nebst meinen Gesandten dem Gott ein Opfer für mich darbringen und den Stier an einem passenden Orte des Tempels aufstellen werdet, damit alle Welt daran erkenne, wie ich gegen böswillige Menschen gesinnt bin, und für ihre unmäßige Neigung zu Uebelthaten Rache nehme. Ich glaube, daß, um meinen Charakter zu offenbaren, schon dieses Einzige hinreicht, die Strafe des Perilaus und die Weihung dieses Stiers, den ich nicht für die Jammertöne [812] weiterer Unglücklichen aufbewahren, sondern für’s erste und letztemal das Brüllen seines Verfertigers in Melodieen umwandeln lassen wollte. Der Künstler selbst war der Erste und Einzige, an welchem ich das Kunstwerk prüfte, und hinfort sollte auf immer eine Musik verstummen, die den Musen wie den Sterblichen gleich gräuelvoll seyn mußte. – Diese Gabe sey denn für dießmal dem Gotte dargebracht. Noch viele andere Geschenke werde ich ihm weihen, wenn er mir verleihen wird, daß ich nie wieder zu strafen genöthigt seyn werde.“

14. Dieß sind die Worte, ihr Delphier, welche Phalaris euch von ihm zu bringen befohlen. Sie sind sämmtlich wahr, und geben die Sache, wie sie wirklich ist. Dieses unser Zeugniß aber verdient um so mehr euern Glauben, als wir genau unterrichtet sind, und keinen Grund haben, die Unwahrheit zu sagen. Sollte es jedoch nöthig seyn, für einen Mann, der unverdient im Rufe der Grausamkeit steht, und gegen seinen Willen genöthigt war, schwere Strafurtheile auszusprechen, eine förmliche Bitte einzulegen, so bitten wir Agrigentiner, als Griechen, und unserer Abstammung nach, gleichfalls als Dorier, nehmet einen Mann in eure Freundschaft auf, der sie so eifrig wünscht, und von dem Bestreben beseelt ist, euch Allen insgesammt und jedem Einzelnen möglichst viel Gutes zu erzeigen. Nehmet diesen Stier an, stellet ihn in eurem Tempel auf, und betet zu dem Gotte für Agrigent’s und unsers Phalaris Wohl. Entlasset uns nicht unerhört, beschimpfet nicht Den, der uns sandte (durch Verschmähung seines Geschenkes), und entziehet nicht der Gottheit ein Weihgeschenk, das eben so herrlich als ihrer würdig ist.



  1. Eine Apologie des berüchtigten Tyrannen von Agrigent, in Gestalt einer Rede der Abgesandten des Phalaris im Namen Desselben an die Priester und das Volk zu Delphi.
  2. Von den unter die sieben Weisen gerechneten Tyrannen Cleobul von Lindus und Periander von Corinth.