Der gespenstige Freier auf Hartenstein

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Der gespenstige Freier auf Hartenstein
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 494-495
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Quelle: Google-USA* und Commons
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556) Der gespenstige Freier auf Hartenstein.
Mündlich. Poet. beh. v. Wiese b. J. Günther, Großes poet. Sagenbuch der Deutschen. Jena 1846. Bd. I. S. 123.

Auf dem Schlosse Hartenstein, dem Stammschlosse der Schönburge, fand sich einst jeden Tag ein Schattenritter ein. Man nannte ihn König Vollmer den Geisterkönig. Er hatte, [495] man weiß nicht wie, die Liebe der schönen Kunigunde von Schönburg, als sie noch Kind war, gewonnen und dieselbe erklärt, ihn und keinen Andern wolle sie ehelichen. So ritt er denn jeden Tag auf unsichtbarem Rosse in’s Burgthor ein, zog dasselbe, ohne daß Jemand es sah, nur hören konnte man seinen Tritt, in den Stall und stieg dann selbst unsichtbar und nur am Schall seines Trittes kenntlich, die Schloßtreppe hinan. Dort kam ihm seine Braut entgegen, der reichte er seine Hand – das war der einzige fühlbare Theil seines Körpers, weich und glatt, aber eiskalt – und nun sprachen und koseten sie zusammen wie zwei Liebende es thun. Dann schritten sie in den Speisesaal, wo ihrer schon der Bruder des Fräuleins harrte, und alle drei setzten sich zu Tische und aßen und tranken nach Herzenslust, die dem Schattenritter vorgelegten Speisen und der Wein in seinem Becher verschwand, und doch sah Niemand, wo es hinkam. Man hörte nur des Schattenbräutigams Stimme und der Graf, dem früher vor seinem geisterhaften Schwager gegraut, faßte immer mehr Neigung zu ihm, denn er hatte an ihm einen steten treuen Berather und Warner bei bevorstehendem Unglück. Wenn das Mahl vorüber war, verließ der Graf die beiden Brautleute, und so saßen sie bis kurz vor Ein Uhr, da nahm der gespenstige Gast eilig Abschied. So trieb er es viele Jahre, da äußerte einmal das Fräulein, wie sie sich nach einem Kusse von seinem Munde sehne, und siehe ihr geisterhafter Bräutigam antwortete: „lebe wohl auf ewig, weil ich an Deine rein geistige Liebe glaubte, verließ ich mein himmlisches Reich um bei Dir zu sein, jetzt wo Du an irdische Liebe denkst, ist mein Bleibens nicht mehr hier, Du siehst mich nie wieder!“ Damit verschwand er und nie hat das Fräulein wieder seine Nähe empfunden.