Der letzte Lieutenant der Großen Armee

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Autor: Paul Holzhausen
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Titel: Der letzte Lieutenant der Großen Armee
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aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 714–716
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Lebensbeschreibung Nicolas Savins während der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege
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Der letzte Lieutenant der Großen Armee.
Von Paul Holzhausen.


Vor einigen Monaten durchlief heimische und ausländische Blätter die überraschende Kunde, daß in der an der unteren Wolga gelegenen russischen Gouvernementsstadt Saratow ein 126jähriger Greis Namens Nikolai Andrejewitsch Sawin lebe, welcher noch als Offizier an den napoleonischen Feldzügen teilgenommen habe. Dieser Mann sollte am 17. April 1768 geboren sein und am 21. Mai d. J. seinen 126. Namenstag gefeiert haben. Die Sache kam mir zu fabelhaft vor, um ohne weiteres geglaubt zu werden. Ich wandte mich daher, in einer jener Stimmungen, die uns für das Fremde, Ungewöhnliche und Romantische ganz besonders empfänglich machen, an den alten Herrn selber, um festzustellen, ob er denn wirklich noch existiere oder vielmehr unter die mythologischen Persönlichkeiten gerechnet werden müsse. Für den ersteren Fall ersuchte ich ihn recht freundlich, mir durch eine ihm nahestehende Person über sein, wie ich voraussetzen zu dürfen glaubte, jedenfalls recht interessantes Leben einige nähere Auskunft erteilen zu wollen. Eine kurze Zeit verging, da erhielt ich auf meinen – ich gestehe es selber – recht sonderbaren Brief eine ausführliche Autwort. Der Schreiber derselben, ein ebenfalls in jener fernen Stadt Saratow lebender russischer Gelehrter, Mitglied der dortigen archäologischen Gesellschaft, Herr Constantin Woensky, hatte seinem Briefe ein umfangreiches, an vortrefflichem Deutsch geschriebenes Manuskript beigefügt, welches einen nach den eigenen Erzählungen jenes merkwürdigen Greises abgefaßten Lebenslauf des 126jährigen Kriegers enthielt. Mein liebenswürdiger russischer Korrespondent bat mich, was inzwischen geschehen, einen kurzen Auszug aus dem Manuskripte an eine verbreitete Tageszeitung zu übersenden, dagegen den ausführlichen Lebenslauf des uralten Soldaten einer gediegenen deutschen Zeitschrift zur Verfügung zu stellen. Sind auch die Mitteilungen des Alten über verschiedene hervorragende und längst bekannte Ereignisse der Vergangenheit begreiflicherweise verhältnismäßig dürftig, enthalten sie auch geschichtlich wenig Neues, so wird es doch für den heutigen Leser einen eigentümlichen Reiz gewähren, dieselben von einem Manne erzählen zu hören, der das hundert Jahre und länger Zurückliegende noch selbst erlebt hat. Ich komme deshalb dem Wunsche meines russischen Gewährsmannes nach, wobei ich nur bemerken möchte, daß ich die Erzählung des alten Kriegers etwa zwei oder dreimal unterbrochen habe, um einige notwendig erscheinende historische Bemerkungen einzuflechten. Zur vorläufigen Orientierung des Lesers mag dann noch gesagt werden, daß Nikolai Sawin richtig Nicolas Savin heißt, kein Russe, sondern ein geborener Franzose ist, und daß dieser Zeitgenosse der Königin Marie Antoinette und der großen Revolution als Offizier Napoleons I. im Jahre 1812 an der Beresina gefangen genommen worden und seither in Rußland geblieben ist.

Aber hören wir ihn jetzt selber, den wunderbaren Greis von der Wolga:

„Ich bin geboren in Paris den 17. April 1768; mein Vater André Savin war Oberst im Regiment der Gardes Françaises zur [715] Zeit Ludwigs XV. Meiner Eltern kann ich mich fast gar nicht erinnern, da ich als ganz kleines Kind nach Tours geschickt wurde, wo damals ein Bruder meiner Mutter wohnte. Anfangs zu Hause unter der Aufsicht meines Oheims unterrichtet, wurde ich später in das Collège académique der Jesuiten zu Tours gebracht, in welchem die Kinder der Edelleute, überhaupt der wohlhabenden Stände, erzogen wurden. Soviel ich mich erinnere, war es gegen das Ende des Jahres 1792, als ich mich nach Paris begab, um meine Eltern und meinen jüngeren Bruder wiederzusehen, welche bis dahin in Versailles gelebt hatten. In Paris floß das Blut schon in Strömen. Es war zu der schrecklichen Zeit, wo niemand seines Lebens bis zum nächsten Tage sicher war. Es sind seit dieser Zeit mehr als hundert Jahre vergangen; ich habe vieles gesehen und erlebt; ich habe in Aegypten die Pest mitgemacht; ich habe die Schrecknisse des Krieges in Spanien ausgestanden, ich war Augenzeuge und Teilnehmer des Dramas, welches in der Geschichte unter dem Namen des ‚Rückzuges der großen Armee‘ bekannt ist – das ist aber alles nichts im Vergleich zu den blutigen Tagen der Schreckenszeit.

Der erste Kummer, welcher mich in Paris traf, war die Nachricht vom Tode meines Vaters, der, wie man glaubt, am 10. August umkam.“ – Beiläufig bemerkt, der 10. August 1792 war der Tag des zweiten Volkssturms auf die Tuilerien, infolgedessen die königliche Familie in die Nationalversammlung flüchtete, welch’ letztere bekanntlich die Königsgewalt suspendierte und Ludwig XVI. mit seiner Familie als Gefangene in den Temple abführen ließ.

Aber lassen wir dem Greise wiederum das Wort! „Wo meine Mutter geblieben, ist mir unbekannt. Ich fand eine Zuflucht bei den Freunden meines Vaters und blieb bis zum Jahre 1794 in der Hauptstadt. Am 21. Januar 1793, dem Tage der Hinrichtung Ludwigs XVI., wollte ich, zusammen mit einigen Freunden, zum letztenmal den unglücklichen König sehen. Gemäß einer Verordnung der Municipalität wurde aber niemand, mit Ausnahme des Militärs, auf die Straße gelassen. Da ich weder zur Nationalgarde gehörte, noch Bekannte im Sicherheitskomitee besaß, auch nicht ständiger Bewohner von Paris war, so wurde meine Lage mit jedem Tage gefährlicher. Der einzige Ausweg wäre der Eintritt in die Armee gewesen. Um diese Zeit erhielt ich einen Brief von meinem Bruder, der in Rouen lebte und mich zu sich einlud. Ich verließ Paris im Jahre 1794 und lebte in Rouen bis 1798. Da erfuhr ich, daß General Bonaparte in Havre für eine Expedition gegen England Freiwillige annehme. Ich entschloß mich ohne Zögern, in die Reihen der Armee einzutreten, und begab mich nach Havre. Da ich als Kavallerist zu dienen wünschte, wurde ich dem 2. Husarenregimente zugeteilt, mit welchem ich in der Folge die Hauptfeldzüge des Konsulats und Kaiserreichs mitmachte. Wir Freiwilligen wurden nach Toulon befördert, wo sich das Regiment bereits befand. In Toulon stand auch unser Geschwader. Der Zweck der Expedition wurde vorläufig noch geheim gehalten, und erst nach der Einnahme von Malta erfuhren wir, daß Aegypten unser Ziel sei. Nach drei Wochen waren wir unter den Mauern Alexandrias, welches wir mit stürmender Hand nahmen. Auf dem Marsche nach Kairo hatten wir zum erstenmal Gelegenheit, mit den Mamelucken zusammenzutreffen, welche unser Carré angriffen, aber nach kurzem Kampfe von uns vernichtet wurden. Unsere Kavallerie litt übrigens recht stark durch die fortwährenden Ueberfälle der Mamelucken, von denen namentlich die Nachzügler und die Kranken unbarmherzig niedergemetzelt wurden. In der Schlacht bei den Pyramiden stand ich in der Eskorte des Hauptkommandierenden (Bonapartes). Hier befand sich, bei der Einnahme des ägyptischen Lagers, unter der Menge der Trophäen auch der prächtige Säbel Murad Beys, welchen Napoleon seit dieser Zeit als Ehrenwaffe mit sich zu führen pflegte, bis zu seiner Erhebung zum Kaiser der Franzosen.“

Zur Geschichte dieses merkwürdigen Säbels kann ich aus meinen eigenen Reiseerlebnissen einen kleinen Beitrag liefern. Napoleon schenkte ihn dem bekannten General und späteren Generalpostdirektor Grafen Lavalette. Aus dessen Familie kam er in den Besitz des Barons Larrey, eines Sohnes von dem noch später zu erwähnenden Generalarzte Napoleons I.; Baron Larrey, der Sohn, war gleichfalls Generalarzt in der französischen Armee, Leibarzt Napoleons III. und ärztlicher Leiter des großen Pariser Militärhospitals Val de Grâce. Ein hoher Achtziger, lebt der Baron noch heute in Paris; er ist Besitzer einer äußerst wertvollen Sammlung von Erinnerungen aus der Zeit des ersten Kaiserreichs, die der alte Herr mit liebenswürdiger Zuvorkommenheit seinen Besuchern zeigt. In dem Salon des alten Barons sah ich auch jenen berühmten Säbel Murad Beys.

„Von den Generälen,“ erzählt der alte Savin weiter, „welche an diesem Zuge teilnahmen, erinnere ich mich sehr genau Berthiers (des späteren Fürsten von Neuchâtel, Herzogs von Wagram, Generalstabchefs des Kaisers) und Lannes’ (des Herzogs von Montebello, der bei Aspern tödlich verwundet wurde), unter dessen Kommando ich im Jahre 1808 in Spanien diente. 1801 kehrten wir nach Frankreich zurück. Ungeachtet der glänzenden Siege, welche wir über die ägyptische Armee davongetragen hatten, war ja der Ausgang der Expedition nicht glücklich. Wir sahen das alle ein, vom General bis zum gemeinen Manne, und kehrten daher in einer nicht übermäßig freudigen Stimmung in die Heimat zurück. Hier aber erwartete uns ein Triumph. In Lyon bereitete der erste Konsul der ägyptischen Armee einen so glänzenden Empfang, daß wir in den Augen ganz Frankreichs als Helden dastanden. Bei dieser Gelegenheit zeigte Napoleon so recht jene Eigenschaften eines Heerführers, durch die er sich die Herzen der Soldaten zu gewinnen wußte. Zwanzig Jahre lang gingen diese mit dem Rufe „Vive l’Empereur“ in den sichern Tod, nur um einen zufriedenen Blick von dem Kaiser, ihrem „Petit Caporal“, wie er scherzweise genannt wurde, zu ernten.

Im Jahre 1805 war ich bei Austerlitz, im folgenden Jahre machte ich die Schlacht bei Jena mit, welche das damalige Schicksal Preußens entschied. Auf dem Marsche nach Berlin gehörte ich wiederum zu der Eskorte, welche den Kaiser begleitete. In Potsdam, bei dem Besuche des Grabes von Friedrich dem Großen, sprach der Kaiser, wie man damals sagte, folgende Worte, nachdem er den Degen des Königs genommen und seinen eigenen an dessen Stelle gelegt hatte: „Ich nehme den Degen Friedrichs und lasse Preußen den meinen; der eine ist so viel wert wie der andere.“ Ich weiß nicht, inwieweit dieses wahr ist; persönlich habe ich die Worte nicht gehört, aber in der Armee war diese Aeußerung in aller Munde.

Im Jahre 1808 befand sich das 2. Husarenregiment unter der Zahl derjenigen Regimenter, welche unter dem Kommando Lannes’ in Spanien kämpften. Unter allen Kriegen des Kaiserreichs war der spanische durch besondere Härte und Grausamkeit ausgezeichnet. Von der Geistlichkeit angestachelt, erhob sich das ganze Volk. Einem solchen Widerstande begegneten wir später nur noch einmal – in Rußland, auf dem Rückzuge von Moskau. Die Belagerung von Saragossa, bei dessen Einnahme ich verwundet wurde, ist mir besonders im Gedächtnisse geblieben. Der Heldenmut der Spanier erreichte hier seinen höchsten Grad; an der Verteidigung beteiligte sich die gesamte Bevölkerung, vor allem die Frauen. Jede Straße, jedes Haus war eine fast unüberwindliche Festung, welche nur mit ungeheurem Verluste erstürmt werden konnte. Für die Teilnahme an diesem Kampfe wurde ich mit dem Orden der Ehrenlegion belohnt.

Bald stieß mir ein Unglück zu, welches sich gleichfalls meinem Gedächtnisse tief eingeprägt hat. Dies ist meine Gefangenschaft in einem spanischen Inquisitionskerker. Mit zehn anderen Gefährten wurde ich damals in eine ziemlich große Kasematte gesperrt, welche wahrscheinlich noch zu jener Zeit als Folterkammer diente und in der wir einige Eisengeräte vorfanden, die wir zur Bewerkstelligung unserer Flucht benutzten. Es gelang uns, eine Höhlung in die Wand unseres Gefängnisses zu machen, durch die wir, unter dem Schutze der Nacht, entflohen. Ungefähr vier Wochen lang irrten wir in den Bergen umher, wo wir uns fast ausschließlich von Salat und Apfelsinen nährten, bis wir endlich wieder unser Regiment erreichten. Von jenen elf Genossen sahen aber nur drei die Heimat wieder; die übrigen waren dem Hunger und den Strapazen erlegen.“

Hier kommt eine Lücke in dem Berichte, die aber Herr Woensky in liebenswürdiger Weise in dem seine Mitteilungen begleitenden Briefe ergänzt hat. Savins Regiment gehörte zu jenen, welche im Jahre 1809 Spanien verließen, um in dem Feldzuge gegen Oesterreich verwendet zu werden. So kämpfte Savin auch auf den Schlachtfeldern von Aspern und Wagram, um dann im Jahre 1812 gegen Rußland geschickt zu werden. Hier setzt der Bericht des Alten wieder ein:

„Im russischen Feldzuge von 1812 gehörte unser Regiment zum dritten Corps der Großen Armee und stand unter dem Kommando des Marschalls Ney. Mit ihm machte ich den ganzen Feldzug mit vom Niemen bis zur Moskwa und wieder zurück bis zur Beresina. In der Schlacht bei Krasnoi, wo mir mehrere Pferde unter dem Leibe [716] erschossen wurden, ward unser Corps vollständig vernichtet. Zur Beresina kamen nur einige hundert Mann, ohne Artillerie, ohne Pferde, dazu vollständig ermattet und gequält von Hunger und Kälte.“

Aus dieser Stelle geht unzweifelhaft hervor, daß Savin auch jenen in der Kriegsgeschichte geradezu einzig dastehenden Marsch Neys über den Dniepr mitgemacht hat. Der Sachverhalt war kurz folgender: Bei Krasnoi am 17. November fast vollständig aufgerieben und von der „Großen Armee“ abgeschnitten, war Ney mit den Ueberbleibseln seines Corps zur Nachtzeit mit unerhörter Kühnheit über den halbzugefrorenne Dniepr marschiert und auf langem Umwege und nach Aufopferung seiner sämtlichen Bagage, Artillerie und Pferde mit noch 600 Mann wieder zu dem Hauptheere gelangt. Napoleon hatte ihn verloren gegeben und war in äußerst niedergeschlagener Stimmung nach Orscha weitermarschiert. Der kaiserliche Geheimsekretär Baron Fain schildert uns in seinem „Manuscrit de 1812“ die ungemein dramatische Scene, wie die Rettung Neys zu den Ohren des Kaisers gelangte. Dieser saß gerade in dem Oertchen Baranoui mit den Marschällen Berthier und Lefebvre zu Tische, als sein Generaladjutant Gourgand (sein späterer Gefährte in der Verbannung von St. Helena) mit der Meldung hereinstürzte, der Marschall Ney wäre da. Der Kaiser sprang vom Tische auf, faßte den Arm des Generals und stieß in tiefer Bewegung nur die Worte hervor: „Ist das auch wirklich wahr?“ Gourgand antwortete, polnische Offiziere, die dem Marschall vorausgeritten, seien soeben in Orscha eingetroffen und der Vicekönig Eugen sei dem Neyschen Corps entgegengerückt. Da rief der Kaiser aus: „Ich habe zweihundert Millionen in den Kellern der Tuilerien, ich hätte sie hingegeben, um den Marschall Ney zu retten.“ Der General Gourgand hat diese Einzelheiten in seiner kritischen Besprechung des bekannten Ségurschen Werkes über den Feldzug von 1812 selbst mitgeteilt.

Der alte Savin gedenkt in seinen Erzählungen mit besonderer Rührung eines Mannes, der in jener entsetzlichen Zeit Unendliches geleistet, der durch seine unausgesetzten Bemühungen Tausende vor dem schrecklichen Tode des Erfrierens gerettet habe. Es war dies der bereits genannte Larrey, der erste Doktor der „Großen Armee“, dem auch Nicolas Savin selbst in jenen Tagen das Leben verdankte.

Die Gartenlaube (1894) b 716.jpg

Nicolas Savin,
der letzte Lieutenant der Großen Armee.
Nach einer Zeichnung von J. Grothe.

Sehr interessant sind des Alten Erinnerungen an den Uebergang über die Beresina. Noch einmal wollen wir dem Erzähler selber das Wort geben: „An der Beresina angekommen, versammelten sich die verschiedenen Corps bei dem kleinen Dörfchen Studianka, wo sich schon der Kaiser mit dem Reste der Garde befand. Mit fieberhafter Hast schritt man zum Bau zweier Brücken, die eine für die Infanterie und Reiterei, die andere für die Artillerie und das Fuhrwerk. Da man keine Pontons hatte (ein mitgenommener Brückentrain war, wie so vieles andere, auf dem Rückzuge vernichtet worden), so baute man die Brücken auf Pfählen, welche unsere braven Pioniere, bis unter die Arme zwischen treibenden Eisschollen im Wasser stehend, einrammten. Man mußte sich beeilen, da der Feind uns auf den Fersen folgte. Vor seinem Uebergange auf das jenseitige Ufer vertraute mir der Marschall Ney die Aufsicht über das Fuhrwerk mit der Kasse des Hauptstabes an. In der Kasse befanden sich mehr als vier Millionen Franken. Dabei befahl er, die Fuhren über die Brücke zu führen welche für die Geschütze und das schwere Fuhrwerk bestimmt war. Ungeachtet meiner Vorstellungen über die Gefährlichkeit eines solchen Unternehmens, blieb der Marschall bei seinem Befehle, und ich mußte gehorchen. Ich sollte mit der Arrieregarde des Marschalls Victor die Brücke passieren. Das Hauptkommando und die Marschälle befanden sich schon auf der anderen Seite des Flusses. Die Ordnung schwand zusehends. Befehle wurden nicht mehr beachtet. Gerade hatte die Artillerie mit dem schweren Geschütze, mit uns zusammen, den Uebergang begonnen, als man von weitem die Piken der Kosaken auftauchen sah. Nunmehr wurde das Gedränge entsetzlich. Unser Fuhrwerk kam nicht einmal mehr bis zu der Mitte der Brücke, als diese unter der Last der Kanonen und Munitionswagen zusammenbrach und alles, was auf ihr war, Menschen, Pferde, Geschütz und Fuhrwerk, im Wasser versank. Vom Pferde abgeworfen, mit knapper Not dem Tode entgangen, wurde ich von dem übriggebliebenen, rückwärts flutenden Teile der Menge wieder mit auf das diesseitige Ufer gezogen, wo die Unsrigen bald von einem Kosakenhaufen umringt waren. Wir wären verloren gewesen, wenn nicht ein Mann in Generalsuniform die Kosaken aufgehalten und uns zur Ergebung aufgefordert hätte. Das war Platow selbst, der Hetman (Führer) der Kosaken, welchem auf diese Weise viele von uns die Rettung ihres Lebens verdanken.“

Mit dieser Erwähnung Platows, des berühmten Reiterführers der Jahre 1812 bis 1814, schließen, nach dem Berichte meines russischen Korrespondenten, die Erzählungen Savins. Als Gefangener an die Ufer der Wolga gebracht, ist dieser seit dem Feldzuge in Saratow verblieben, hat sich dem Lehrfache gewidmet und ist in diesem noch über 60 Jahre thätig gewesen. Er hat sich auch in Rußland verheiratet und lebt gegenwärtig mit seiner Tochter, einem gleichfalls schon recht alten Fräulein – Oedipus und Antigone – in einem bescheidenen Häuschen in einer der Nebenstraßen jenes halbasiatischen Ortes. In dem engen Stübchen, das der Greis bewohnt, hängen an der Wand zwei Aquarellbilder, die er selber gezeichnet, kostbare Erinnerungen aus den längst entschwundenen Tagen von 1812. Das eine hat er einst in Moskau gefertigt; es stellt ihn selbst dar als schneidigen Reiteroffizier in der Uniform des 2. Husarenregiments. Das andere ist der Kaiser Napoleon in der historischen Tracht, dem grauen Ueberrocke und dem dreieckigen Hütchen, den Blick sinnend in die Ferne gerichtet. So war er im Jahre 1812, und so hat ihn Savin fünfundzwanzig Jahre später nach dem Gedächtnisse gezeichnet, „sprechend ähnlich“, wie Herr Woensky mir mitteilt. Dieser besucht den uralten Krieger sehr gerne, und wir vermögen ihm nachzufühlen, wenn er versichert, daß er bei dem Eintritte unter das Dach des ehrwürdigen, von den großen Tagen der Vergangenheit gern plaudernden Alten „ein unerklärliches Gefühl empfinde, jenes geheimnisvolle Erzittern, welches der Wanderer empfindet, wenn er in die Gewölbe des Pantheons oder unter die Säulen des Kolosseums tritt, nur mit dem Unterschiede, daß hier nicht ein schweigendes Grab steht, sondern ein lebender Mensch weilt, der von der Geschichte eines ganzen Jahrhunderts zu berichten weiß“.

Unter dem Volke an der Wolga genießt der alte Savin jene Art schwärmerischer Verehrung, welche die Phantasie des Slaven dem Märchenhaften, Unbekannten in so reichem Maße entgegenzubringen pflegt. Der „Lieutenant der Großen Armee“ heißt er in dem Lande seiner einstigen Gegner, das ihm seit mehr als achtzig Jahren eine zweite Heimat geworden. Auch der Zar, der von der dürftigen Lage des Greises erfahren, hat ihn vor einiger Zeit mit einem Geschenke bedacht.

Aber im eigenen Valerlande blieb Savins Name vergessen, vergessen, wie so mancher von dem raschlebigen Volke vergessen wurde, der die „große Nation“ in den Tagen der Väter hat groß machen helfen. Die Franzosen, wenigstens die heutigen Republikaner, haben sich überhaupt verzweifelt wenig um die Veteranen des „großen Heeres“, die „ruhmvollen Trümmer“, wie man sie freilich nannte, gekümmert. Erst im verflogenen Jahre sind zwei hundertjährige Kriegskameraden des alten Savin, Louis André Manuel Cartigny, der Letzte von Trafalgar, und Constantin Denis, ein Mitkämpfer von Ligny und Walerloo, beide in großer Armut in ihrem eigenen Vaterlande gestorben. Wenn neuerdings der Pariser „Figaro“, von Herrn Woensky auf dessen Schützling aufmerksam gemacht, für den greisen Krieger eine Sammlung veranstaltet hat, so ändert das daran wenig. Der ganze Ertrag belief sich auf hundert Rubel, die man dem alten Veteranen zugesandt hat, der noch heute von der großen Revolution, von Jena und Eylau, von dem mörderischen Kriege in Spanien und den eisbedeckten Fluten der Beresina als Augenzeuge erzählen kann!