Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch

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Textdaten
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Autor: Ernst Meier
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Titel: Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch
Untertitel:
aus: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, S. 188-194
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: C. P. Scheitlin
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Google und Scans auf Commons
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[188]
54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch.

Es war einmal ein Soldat, der war immer lustig und guter Dinge, obwohl er nur wenig zu beißen hatte; denn die Groschen und Kreuzer wollten nie lange in seiner Tasche bleiben, so daß oft Schmalhans bei ihm Koch war. Doch [189] ließ er sich das nicht verdrießen; er blieb immer der lustige Ferdinand; so nannten ihn nämlich seine Kameraden.

Als er nun eines Tages vor der Thür des Königs die Wache hatte und sich das schöne Schloß mit seinen Kostbarkeiten recht betrachtete und all die vornehmen Herrn sah, die da aus und eingiengen und dem König zu Diensten waren: da dachte er, so ein König hat es doch gut; der hat Geld genug und für Geld kann man ja Alles haben in der Welt. Hätt’ ich nur Geld, ich wüßte wohl was ich thäte.

Wie dem lustigen Ferdinand diese Gedanken so im Kopfe herum giengen und er Niemand hatte, dem er sie hätte mittheilen können, so nahm er ein Stück Kreide und schrieb an die Thür, die zum Zimmer des Königs führte:

Das Geld
Bezwingt die ganze Welt.

Als später der König ausgieng und diese Worte las, ließ er eine strenge Untersuchung anstellen, wer das geschrieben. Da gestand es der lustige Ferdinand sogleich ein, und weil der König ein guter gnädiger Herr war, ließ er ihn selbst vor sich kommen und stellte ihn darüber zur Rede, verzieh es aber dem Soldaten leicht, weil dieser sagte: er habe das nur so hingeschrieben, weil er auf dem Posten nicht habe reden dürfen und doch den Gedanken nicht habe los werden können. Dann aber wollte der König ihm beweisen, daß jener Gedanke unrichtig sei. Allein der lustige Ferdinand wußte den König immer zu widerlegen und sagte endlich sogar: „Herr König, wenn ich nur Geld genug hätte, so wollte ich Alles erreichen, es möchte sein, was es wollte; [190] ja ich glaube fest, ich wollte Eure Tochter zur Frau kriegen und selbst noch ein König werden.“

Diese Rede von einem gemeinen Soldaten verdroß zwar den König ein wenig, doch ließ er sich’s nicht merken und sagte vielmehr: „um Dich zu widerlegen, will ich eine Wette mit Dir eingehen. Du sollst ein ganzes Jahr lang so viel Geld haben, als Du verlangst; kannst Du während dieser Zeit die Liebe meiner Tochter gewinnen, so ist es gut, Du sollst sie haben; will sie Dich dann aber nicht, so kostet Dir’s den Kopf. Jetzt besinn Dich wohl!“ Der lustige Ferdinand besann sich aber nicht lange und sagte sogleich, er wolle die Wette wohl eingehen, erhielt dann vom König den Schlüßel zur Schatzkammer und nahm sich für’s erste so viel Geld, als er nur heimtragen konnte. Dann ließ er Eßen und Trinken sich schmecken, lud seine Kameraden zu sich ein, fuhr spazieren und gieng auf Reisen und sah und genoß für sein Geld Alles, was das Herz nur begehrte. Um die schöne Prinzessin aber kümmerte er sich gar nicht. Die war indes nicht so vergnügt wie Ferdinand. Um sie nämlich vor allen Nachstellungen und Bewerbungen zu hüten, hatte der König sie auf eine kleine Insel, die in der Nähe des Schloßes lag, bringen laßen und hatte streng verboten, daß ja kein Mannsbild zum Besuch zu ihr gelaßen würde. Da lebte sie nun wie in einem Gefängnis und hatte oft Langeweile.

Als der lustige Ferdinand eines Tages wieder in die Schatzkammer kam und seine leeren Taschen mit Gold füllte, fragte ihn der König, wie es gehe und mahnte ihn zugleich, daß er nur noch ein halbes Jahr übrig habe und wohl sehen [191] möge, wie er in dieser Zeit das Herz seiner Tochter gewinne; denn sonst werde es ihm unfehlbar das Leben kosten, sagte er. –

Ferdinand blieb gutes Muthes und dachte, es ist wahr, Du mußt Dich jetzt wohl nach der Prinzessin umsehen, und gieng zu einem Goldschmid, der war so geschickt wie kein anderer Meister in der ganzen Welt, und bestellte bei ihm einen goldenen Hirsch, ganz so groß wie ein rechter Hirsch, mit großem, zackigem Geweih; im Innern aber sollte der Hirsch hohl sein, so daß ein ausgewachsener Mann sich darin verbergen könne. Das Gold dazu holte Ferdinand aus der Schatzkammer des Königs, und da dauerte es nicht lange, da war der Hirsch fertig und war so überaus schön geworden, daß man gar nichts Herrlicheres sehen konnte.

Durch eine geheime Thür, die Niemand fand, wer es nicht wußte, kroch der lustige Ferdinand in den Bauch des Hirsches und nahm zugleich seine Zither mit, die er ganz ordentlich zu spielen verstand. Dann hatte er dem Goldschmid Alles entdeckt und hatte ihn für vieles Geld dazu bewogen, daß er den Goldhirsch auf’s Schloß brachte und ihn dem König vorstellte. Der konnte sich gar nicht genug darüber verwundern. Als nun aber der Goldschmid ein bestimmtes Zeichen gab und im Bauche des Hirsches eine Zither anfieng zu spielen, da wußte der König nicht, was er vor Entzücken sagen sollte. Auch die Königin war ganz außer sich und bat den König, er solle den Hirsch doch kaufen und seiner Tochter auf die Insel schicken, daß sie sich damit unterhalten möchte. – Der König sagte ja, das wolle er gern [192] thun, und kaufte den Goldhirsch und ließ ihn sogleich der Tochter bringen. Die freute sich nicht wenig darüber und ließ den Hirsch beständig die Zither schlagen und konnte das Spiel nicht satt hören, bis sie endlich müde wurde und einschlief.

Da machte der lustige Ferdinand leise die Thür auf und schlüpfte heraus und besah sich die Prinzessin, die in ihrem Bett lag und ruhig schlief. Sie war aber so wunderschön, daß er seine Augen nicht von ihr wegwenden mochte und es endlich nicht laßen konnte, ihr einen recht langen und herzhaften Kuß auf die Lippen zu drücken, also, daß die Prinzessin davon erwachte und schier erschrack, als sie einen Mann vor ihrem Bett stehen sah. Ferdinand aber sagte ihr sogleich, wer er sei und bat sie so dringend und rührend, sie möge ihn doch nicht verrathen, er wolle ihr auch alle Tage was vorspielen, so lange sie’s nur hören möge, daß die Prinzessin es endlich ihm versprach, wenn er hübsch still in seinem Versteck bleiben wollte. Ja, das wollte er ja herzlich gern, sagte er, und verkroch sich alsbald wieder in den Bauch des Hirsches.

Am andern Morgen konnte die Prinzessin es gar nicht erwarten, bis sie den Hirsch wieder spielen hörte. Auch der König kam, um es zu hören und freute sich ganz besonders, weil seine Tochter so vergnügt war; ja sie meinte, daß sie jetzt gewiß keine Langeweile auf der Insel mehr haben werde.

Als es nun Abend war und die Prinzessin wieder ganz allein war und zu Nacht aß, da machte der lustige Ferdinand die Thür auf und rief leise: „Prinzessin, ach liebe Prinzessin, [193] darf ich nicht ein wenig herauskommen? Ich habe so arg Hunger! seit gestern habe ich nichts mehr gegeßen und heut so viel spielen müßen!“ Ja, da erlaubte es ihm die Prinzessin, daß er heraussteigen und mit ihr eßen durfte. Und wie sie ihn nun recht betrachtete und sich mit ihm unterhielt, da gefiel er ihr recht gut und immer beßer, also, daß sie es gern geschehen ließ, als er zu guter letzt sie in den Arm nahm und recht tüchtig abküßte. Und wie sie nun zu Bett gieng und der lustige Ferdinand ihr klagte, wie ihm der Rücken gar so weh thäte, weil er in dem Hirschbauche immer krumm liegen müße und wie ganz erbärmlich er in der letzten Nacht habe frieren müßen, da ließ die Prinzessin ihn mit unter ihre Bettdecke schlüpfen und beide hatten sich dann recht herzlich lieb und versprachen sich, daß sie nicht von einander laßen, sondern immer so beisammen bleiben wollten.

So gieng das nun vier oder fünf Monate lang fort und die beiden waren überaus glücklich. Den lustigen Ferdinand sah man nirgends, und der König meinte, er werde wohl wieder auf Reisen sein. Da wurde plötzlich die Prinzessin bleich und krank, so daß der König ihr seinen Leibarzt schickte, der sie untersuchen und ihr was verordnen sollte. Der Doktor aber schüttelte den Kopf, gieng zum König und sprach: „der Prinzessin kann ich nicht helfen; die wird in einigen Monaten, wenn sie ein kleines Kind bekommen hat, von selbst schon wieder wohl werden.“ Darüber ward der König so ungehalten und aufgebracht, daß er den Arzt in’s Gefängnis werfen ließ. Dann schickte er einen andern Doktor zu der Prinzessin; der sagte aber dasselbe wie der [194] erste und wurde ebenfalls dafür eingesperrt. Und ebenso gieng es noch einigen andern, bis der König endlich selbst zu seiner Tochter gieng und sie fragte, ob sie denn heirathen wolle. Sie sagte, sie habe schon geheirathet. Und als der König fragte, wer denn ihr Gemahl sei, sagte sie: „der lustige Ferdinand, den Du ja selbst in dem goldenen Hirsche mir geschenkt hast,“ und öffnete die Thür und ließ ihn aussteigen. Da ärgerte sich der König zwar, konnte aber doch sein Wort nicht brechen, weil die Prinzessin erklärte, daß sie nie einen andern lieben und heirathen möge; und so hat der lustige Ferdinand, noch ehe das Jahr herum war, seine Wette gewonnen, hat die Prinzessin behalten und ist nach dem Tode ihres Vaters auch noch König geworden.

Anmerkung des Herausgebers

[311] 54. Der lustige Ferdinand, oder der Goldhirsch. Mündlich aus Bühl. In Wolf’s deutschen Hausmärchen stimmt damit überein „der goldene Hirsch.“ Wahrscheinlich liegt ein alter Göttermythus zu Grunde, dessen Deutung ich im Folgenden kurz versuchen will.

Der goldene Hirsch wäre wohl mit dem goldborstigen Eber zu vergleichen, den der nordische Freir, der deutsche Fro, besitzt, zumal auch sonst der Hirsch, wie es scheint, dem Freir als dem Gott der Jagd heilig war. Dieser Gott, heißt es in der Edda: „herrscht über Regen und Sonnenschein und über das Wachsthum der Erde; ihn soll man anrufen um Fruchtbarkeit und Frieden.“ Freir ist nicht eigentlich Sonnengott, obwohl er in inniger Beziehung zur Sonne steht. Er ist vielmehr die in den Erdschooß herabstrahlende, die Winterriesen besiegende und die Erde befruchtende Sonnenkraft; oder, er ist die die Erde durchdringende Zeugungskraft der Sonne, eine Anschauung, welche der goldborstige, erdwühlende Eber trefflich symbolisirt. Seine Gemahlin Gerda, deren [312] Bruder Beli er erschlagen, erscheint als eines Riesen Tochter, die von ihren Verwandten zurückgehalten wird (vgl. Skirnirs Fahrt Str. 12) und nur gezwungen dem übermächtigen Gotte sich verspricht und dann in dem Hain Barri, d. i. dem grünenden (also im Frühling) ihre Vermählung mit ihm feiert. Vgl. die Edda, übersetzt von Simrock, S. 348 ff. Gerda ist wohl nur eine andre Form der mütterlichen Erde überhaupt, der Nerthus bei Tacitus, die schon ihrem Namen nach mit Freir’s Vater, Niördr, identisch ist. – (Niördr beherrscht den Gang des Windes, stillt Meer und Feuer. Schiffer und Fischer rufen ihn besonders an. Das Wort entspricht genau dem sanskritischen Nritu, Tänzer, Stürmer, in den Veda’s ein häufiges Beiwort Indra’s und der Maruts, der verheerenden Winde. Auch Nritû (Nominativ Nritûs) als Erde kommt im Wörterbuch bei Wilson vor und stimmt vollkommen zu Nerthus, obwohl das Wort als männlich bezeichnet ist.) – Zu beachten ist für die Deutung jenes Mythus die schwedische Sitte, daß Freir’s verhüllter Wagen (hier wohl sein Hochzeitswagen) im Frühjahr durch das Land gezogen wurde, ganz wie es Tacitus von der terra mater erzählt. So erklärt sich nun die große Schönheit der Geliebten des Freir, indem die Luft und alle Waßer vom Scheine ihrer weißen Arme widerstrahlen, wobei wir gewiß nicht an den „Nordschein,“ sondern eher an den glänzenden Blüthenschmuck des Frühlings zu denken haben. – Das schöne Eddalied, Skirnisför, stellt die glückliche Werbung Freir’s um die schöne Riesentochter durch seinen Diener Skîrnir dar. Dasselbe Thema enthält wahrscheinlich auch das räthselhafte Lied von Fiölswidr. Ein Fremdling, Swipdagr, (d. i. Schnelltag) der Sohn Solbiarts (des Sonnenglänzenden) kommt unter dem Namen Windkaldr (der Windkalte) zu der hohen, von zwei Hunden gehüteten festen Burg, wo in einem von Flammen (d. i. von Gold vgl. Str. 5) umschlungenen Saale seine Verlobte Menglada (die Schmuckfrohe) wohnt (vgl. Skirnirs Fahrt Str. 8. 9. 11.). – Der Wächter der Burg, Fiölswidr (Vielwißer) beantwortet all seine Fragen und meldet ihn dann bei seiner Herrin. Er entspricht Freir’s Diener Skirnir. – Die Hunde schmeicheln dem Gaste, die Thüren thun sich ihm auf und die Geliebte, die lang seine Rückkehr erwartet hat, erkennt und empfängt ihn mit offenen Armen. Während das andre Lied Freir’s erste Verbindung mit Gerda feiert, scheint dieß zweite seine Rückkehr und erneute Vermählung mit der im Winter verlaßenen Gattin darzustellen, wobei die einzelnen Nebenzüge minder wesentlich sind und [313] wohl nur eine entfernte Beziehung zu dem ursprünglichen Naturmythus haben.

Hier sei nur noch kurz angemerkt, daß unser Märchen die Elemente des eddischen Mythus, wie es scheint, vollständig enthält. Der goldborstige Eber wie der goldene Hirsch mit seinem Geweih werden die strahlende Sonnenkraft des Freir oder überhaupt den Gott der Fruchtbarkeit vorstellen. Die Königstochter wird gehütet und abgesperrt wie Gerda in ihren umflammten, umzäunten und von wüthenden Hunden bewachten Saale; aber der in dem Goldhirsch verborgene fröhliche Soldat findet den Weg zu ihrem Herzen und Schooße und befruchtet sie. Zu beachten ist, daß der lustige Ferdinand gerade ein ganzes Jahr gebraucht, aber 6 Monate lang sich um die Prinzessin nicht kümmert, was vielleicht eine Beziehung auf den natürlichen Verlauf der beiden großen Jahreshälften hat. Auch der Zug, daß der Goldhirsch Musik macht, ist wohl bedeutsam und würde, wenn die obige Deutung richtig ist, an uralte Sagen von dem Klang der auf- und untergehenden Sonne erinnern. Tacitus Germ. 45. Grimm’s Mythologie 703.

Einen andern Zug aus dem Eddaliede über Freir’s Brautwerbung enthält, wie Wolf (Beiträge zur deutschen Mythologie S. 102 f.) richtig hervorgehoben das Märchen vom getreuen Johannes, bei Grimm Nr. 6. Hier erblickt der Königssohn in einem verbotenen Zimmer das Bild „der Königstochter vom goldenen Dache“ und wird von heftiger Liebe zu ihr ergriffen, ganz wie Freir von Odhins Hochsitze aus die schöne Jungfrau in dem Riesenlande erblickt und in leidenschaftlicher Liebe zu ihr entbrennt. – Wir sind zu diesen Erklärungen jener Märchen um so mehr berechtigt, da sich auch sonst bestimmte Erinnerungen an Freir oder Fro erhalten haben. Namentlich ist in schwäbischen Sagen von weißen Schweinen, die zu Weihnachten umgehen, Freir’s Eber nicht zu verkennen. Vgl. auch Nr. 31, das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht, und die Anmerkung dazu.