Der kluge Martin

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Textdaten
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Autor: Ernst Meier
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Titel: Der kluge Martin
Untertitel:
aus: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, S. 194-200
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: C. P. Scheitlin
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[194]
55. Der kluge Martin.

Ein armer Vater hatte drei Söhne, davon war der eine ein Schuster und hieß nur: der kluge Martin; der andere war ein Weber, der dritte ein Schneider. Nachdem sie alle mit einander ausgelernt hatten, schickte der Vater sie auf Reisen in die Fremde und gab einem jeden ein hübsches Besteck, damit sie nicht unterwegs, wenn man ihnen etwas zu eßen gebe, mit fremden Löffeln und mit fremden Meßern und Gabeln eßen dürften, sondern ihre eigenen hätten. Weiter konnte er ihnen, außer seinem Segen, nichts mitgeben.

[195] In einem Wirthshause, wo die Brüder unterwegs einkehrten, beschloßen sie, daß von hier ein jeder einen verschiedenen Weg einschlagen sollte, daß sie aber nach fünf Jahren an demselben Tage und in demselben Wirthshause sich wieder zusammen finden wollten. Nun, das war gut. Nachdem sie diese Verabredung getroffen hatten, trennten sie sich und ein jeder zog seiner Straße nach.

Da kam denn der kluge Martin alsbald an eine Brücke und hörte daselbst ein Glöcklein läuten und dachte: wie mag eine Glocke so für sich läuten? denn er sah keinen Menschen dort. Als er aber genauer sich überall umsah und eben die Brücke von unten näher betrachten wollte, trat ihm ein Mann entgegen und sagte: „was suchst Du hier, und wo willst Du hin?“ Sprach der kluge Martin: „ich bin ein Schuhmacher und suche Arbeit und habe mich hier über das Läuten der Glocke verwundert; aber nun sag mir auch, wer Du bist und was Du hier machst?“ Da sprach der andere: „ich bin ein Räuber.“ – „O, sagte der kluge Martin, dieß Handwerk habe ich zwar nicht gelernt, aber ich denke mir, ich verständ es doch; weißt Du was? behalt mich hier! ich will auch ein Räuber werden!“ Der andre meinte, er wolle ihn wohl einstweilen da behalten; allein unter die Räuber dürfe er Niemand für sich aufnehmen, das könne nur sein Meister thun und der sei nicht zu Haus. Da wartete der kluge Martin drei Tage lang, da kam der Räuberhauptmann zurück, und nachdem ihm Martin seinen Wunsch eröffnet hatte, sagte er: ja, er wolle ihn wohl aufnehmen, aber er müße vorher erst eine Probe ablegen und seine Geschicklichkeit zeigen. [196] Da sagte der kluge Martin, ja, das wolle er sogleich thun, und gieng fort und hatte nichts bei sich als das Besteck, das ihm sein Vater geschenkt hatte.

Wie er nun in einen Wald kam, sah er einen Metzger dahin ziehen, der führte ein Kalb bei sich. Der kluge Martin schlich sich sogleich durch den Wald und gewann durch einen Seitenweg einen Vorsprung und kam dem Metzger vor, zog sein Besteck aus der Tasche, nahm Löffel, Meßer und Gabel heraus und warf die Scheide mitten auf den Weg. Ueber eine Weile, nachdem er eine gute Strecke weiter gegangen war, ließ er die Gabel fallen, und wieder nach einer Weile, in einer ziemlichen Entfernung, das Meßer und den Löffel zusammen auf einen Platz, und dann versteckte er sich im Gebüsch.

Sobald der Metzger die Scheide fand, besah er sie zwar, dachte aber, was sollst du mit der leeren Scheide machen und ließ sie liegen, denn sie war ohnehin ganz schlecht. Ebenso gefiel ihm auch die Gabel nicht und er mochte sie nicht aufheben. Als er aber weiter zog und zuletzt das Meßer und den Löffel da liegen sah, die beide sehr schön waren, nahm er sie auf und dachte: „ei, jetzt solltest du doch auch das ganze Besteck beisammen haben! hättest du nur gleich Alles mitgenommen!“ und band flink sein Kalb an einen Baum und lief zurück, um die andern Sachen zu holen. – Während er nun fort war, sprang der kluge Martin geschwind hervor, band das Kalb los und trieb es in den Wald hinein, indem er beständig blöckte. Als der Metzger zurückkam und mit seinem Kalbe weiter wollte, war es fort, und [197] er dachte, es muß sich losgerißen und verlaufen haben und gieng dem Blöcken nach, das er immer noch im Walde hörte.

Der kluge Martin aber war an einen Teich gekommen und hatte dort schnell das Kalb geschlachtet und den abgeschnittenen Kopf mitten in den Teich geworfen und blöckte nun in Einem fort ganz erbärmlich, also, daß der Metzger, wie er an den Teich kam, nicht anders glaubte, als sein Kalb sei in das Waßer gelaufen und könne nur noch den Kopf daraus hervorstrecken. Deshalb zog er flink sich aus und sprang in den Teich, um es herauszuziehen. Während er nun im Waßer war, kam der kluge Martin, nahm alles Zeug und Geld des Metzgers und auch das Besteck, das er ihm hingeworfen hatte, und war wie der Wind damit fort und brachte es dem Räuberhauptmann und erzählte ihm, wie er es bekommen. Da war der Räuberhauptmann mit dem Probestück zufrieden und nahm den klugen Martin auf unter seine übrigen Gesellen. Der kluge Martin aber wurde bald ein so geschickter und kühner Räuber, daß man ihn weit und breit fürchtete und die Obrigkeit ihm eifrig nachstellte; allein er war viel zu vorsichtig, als daß er sich hätte fangen laßen.

Als nun gerade die fünf Jahre herum waren, gedachte er seine Brüder einmal zu besuchen, wie sie’s mit einander verabredet hatten und bekam von seinem Hauptmann Wagen und Pferde dazu und fuhr in das Wirthshaus. Da saßen seine zwei Brüder schon da, erkannten ihn aber nicht wieder bis er selbst sich ihnen entdeckte. Da waren sie vergnügt, und Martin gab ihnen so viel zu eßen und zu trinken als sie nur mochten.

[198] Da trug sich’s zu, daß der Räuberhauptmann mit der ganzen Räuberbande gefangen wurde; bloß den klugen Martin hatten sie nicht bekommen; die Obrigkeit ließ aber bekannt machen, daß der, welcher den klugen Martin lebendig oder todt bringen könnte, eine Belohnung von tausend Gulden haben sollte. Das las der kluge Martin selbst eines Morgens in der Zeitung, als er noch bei seinen Brüdern in dem Wirthshause war. Da verkaufte er sogleich seinen Wagen mit den schönen Pferden und kaufte sich einen ganz schlechten Krämer-Wagen, lud ein Faß voll Branntewein darauf, zog schlechte Kleider an und fuhr so zu dem Orte hinaus, ohne daß ihn Jemand erkannte. – Es dauerte aber nicht lange, so kam er an eine Brücke, da standen fünf und zwanzig Husaren und sollten auf den klugen Martin passen. Sobald er aber die Soldaten erblickte, fieng er an, sich betrunken zu stellen und taumelte von einer Seite zur andern und sang und schrie und schlug sein Pferd, und das setzte er fort, bis er in die Nähe der Husaren kam, da trieb er das Pferd so heftig auf die eine Seite des Wegs, daß das Rad mit einem Male in den Graben lief und der Wagen umfiel. Da jammerte er nun laut und versuchte es, den Wagen wieder aufzurichten; aber er konnte es nicht allein und bat deshalb die Husaren, daß sie ihm helfen möchten. Die halfen ihm denn auch und brachten Alles wieder in Ordnung. Zum Dank dafür schenkte er einem jeden ein groß Glas Branntewein ein und dann noch eins, und endlich so viel sie nur wollten, bis Alle ganz betrunken waren und sich nicht mehr regen konnten. Darauf holte Martin aus seiner [199] Höhle, die in der Nähe war, fünf und zwanzig Kapuzinerkutten und zog die den Husaren an und fuhr sie dann in der Nacht bis dicht vor die Schloßwache des Kaisers. Als der am andern Morgen die Kapuziner auf der Wache sah und die ganze Geschichte erfuhr, fragte er den Räuberhauptmann, wer ihm wohl den Streich gespielt habe? Sprach der: „das hat gewiß Niemand anders als mein Martin gethan, das ist ein Blitzkerl.“

Dann fragte der Kaiser den Hauptmann weiter: wie man den klugen Martin wohl fangen könne? Da sagte er: der Kaiser möge einmal einen öffentlichen Ball ausschreiben und den Fußboden des Tanzsaals mit Goldstücken belegen laßen; da werde der Martin gewiß nicht fehlen, und wenn er das Gold sehe, so könne er’s nicht liegen laßen und werde sich bücken und es aufheben; daran werde man ihn dann leicht erkennen und ihn festnehmen können. Der Rath gefiel dem Kaiser und er ließ sogleich den Ball ausschreiben und machte Alles so, wie der Räuberhauptmann es ihm gerathen hatte. Der kluge Martin aber hörte auch von dem Balle und gedachte hinzugehn, und begab sich auch wirklich mit einem Bedienten in den Tanzsaal des Kaisers. Wie er da nun die Goldstücke am Boden liegen sah, meinte er: die lägen in meiner Tasche viel beßer. Und wie der nächste Tanz aus war, gieng er hinaus zu seinem Bedienten, und der mußte ihm Pech holen, das machte er warm und klebte es unter seine Schuhsohlen und gieng wieder in den Saal und tanzte, daß es eine Art hatte. So oft aber ein Tanz zu Ende war, gieng er aus dem Saal und ließ von seinem [200] Diener die Goldstücke abnehmen, die an dem Pech hängen geblieben waren, und so trug er manches Stück hinaus, ohne sich zu verrathen und ohne gefangen zu werden.

Als dem Kaiser dieß mißlungen war und er den Hauptmann um einen andern Vorschlag angieng, wie er den klugen Martin fangen könnte, so sagte der Hauptmann: der Kaiser möge ein Turnier ausschreiben und einen recht hohen Preis für den Sieger bestimmen; da werde der kluge Martin ganz gewiß den Preis gewinnen und der Kaiser könne ihn dann nur gefangen nehmen laßen.

Nun ließ der Kaiser ein Turnier ausschreiben und ließ bekannt machen, daß er dem Sieger seine einzige Tochter zur Gemahlin geben wolle. Da kamen nun viele Fürsten und Grafen und Ritter zusammen und turnierten und gar Mancher hätte die schöne Kaiserstochter gern gewonnen; aber was meinst Du, wer wohl der Sieger wurde? Der alte Räuberhauptmann hatte Recht; der kluge Martin besiegte alle Fürsten und Grafen und Ritter und wurde darauf mit der Kaiserstochter verlobt. Der Kaiser aber und seine Räthe merkten bald, daß es der kluge Martin wirklich war, der den Preis gewonnen hatte. Da wurde er auf Befehl des Kaisers festgesetzt und sollte hingerichtet werden. Allein der Tochter des Kaisers hatte er so gut gefallen, daß sie ihrem Vater erklärte: „den will ich heirathen und keinen andern!“ Da mußte der Kaiser wohl nachgeben und der kluge Martin bekam seine Tochter und ist zuletzt auch noch Kaiser geworden.

Anmerkung des Herausgebers

[313] 55. Der kluge Martin. Mündlich aus Owen. Verwandt ist der Meisterdieb in den norwegischen Volksmärchen von Asbjörnsen und Moe, Bd. 2. Nr. 4; und in Wolf’s Hausmärchen der Räuberhauptmann Hans Kühstock S. 397.