Der nordamerikanische Eisenbahn-Buchhandel

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Autor: Lokia
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Titel: Der nordamerikanische Eisenbahn-Buchhandel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 797–799
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[797]
Amerikanische Special-Mittheilungen der „Gartenlaube“.
Nr. 2. Der nordamerikanische Eisenbahn-Buchhandel.

Als ich nach Amerika kam, schien mir hier eine in der That neue und bessere Welt vorhanden; allein dies lag nur in der Unbekanntschaft, und das Essen vom Baume der Erkenntniß hatte seine leidige Wirkung. Mit frischer Empfänglichkeit nahm ich alle Erscheinungen im Babel am Hudson, in New-York, in mich auf, und als dieses weite Revier einigermaßen geläufig geworden war, kam mir die Einladung zum Besuch nach Philadelphia überaus gelegen. Dort sollte dem Vernehmen nach ein viel gemüthlicheres Leben herrschen, als in New-York, und Niemand machte mich aufmerksam, daß die Bezeichnung durch „Stadt der Bruderliebe“ nur ironisch aufzufassen sei. Niemand führte an, wie auch dort die grobe Selbstsucht ihr Unwesen treibe und arme Menschen wegen Nichtzahlung des Hauszinses dem unbarmherzigen „Help yourself“ (hilf dir selbst) in die Arme geworfen würden, indem man sie einfach an die Luft setzt. Kurzum, ich trat die kurze Reise in bester Stimmung an, ohne der herkömmlichen Eisenbahnunfälle zu gedenken, wodurch die Zeitungen ein Hauptinteresse erhalten. In allen „Cars“, oder Karren, wie man die eleganten Eisenbahnwagen nennt, glitzerten die prächtigsten Ladiesaugen und überstrahlten vielfach recht elende Schminkungen, so wie meistens sehr gute Toiletten. Durch die Vermittelung eines Conducteurs bekam ich einen Rücksitz ohne Nachbarschaft, von wo aus sich die gesammten Wagengenossen von Angesicht zu Angesicht überschauen ließen. Da in der Regel nur Herren in Begleitung von Ladies Zutritt erhalten, wo besondere Ladies-Cars eingerichtet sind, so zog ich Vereinzelter natürlich die Augen besonders auf mich, und Neugierde sprach entschieden durchweg aus denselben. Welch eine schöne Gelegenheit, sich in das Studium leuchtender Augensterne zu vertiefen! Allein trotz aller Bereitwilligkeit, dies zu thun, konnte ich doch zu keiner rechten Andacht dabei gelangen, denn fortwährend erschien im Wagen ein etwa vierzehnjähriger Bursche, hinter sich stets die Thür unfläthig zukrachend, um – Buchhändlergeschäfte zu treiben. Dergleichen sind auf allen Eisenbahnlinien stationär etablirt und scheinen unter Concession der Direktionen, speciell aber der Schaffner zu stehen.

In Deutschland würde solch ein kleiner Geschäftsmann, wenn er existiren dürfte, sicher so sanft und bescheiden wie möglich auftreten, dabei sich der sprachgewandtesten Ausführlichkeit bedienend. Es würde dort etwa klingen: „Ist Ihnen vielleicht ein Eisenbahnwegweiser gefällig, mein Herr?“ während hier zu Lande republikanischer Lakonismus freiheitsfleglerisch waltet. Nach dem Eintritt in einen Wagen mit obligatem Thürgekrach, schreit so ein Bursch gellend blos die Namen der Zeitungen aus und geht dabei links und rechts frech um sich blickend durch die Mitte des Wagens, hinter sich darauf dessen entgegengesetzte Thür wieder barbarisch zuschmeißend. Wer ein Blatt zu haben wünscht, muß dasselbe verlangen und es wird ihm gegen Bezahlung protzig dargereicht, wobei der Bengel sich wohl auf die Lehne eines der Sitze hinlümmelt, seinen Fuß irgendwo hoch aufstemmt und gewöhnlich einen Gassenhauer pfeift, wenn er nicht etwa Tabak kaut und dabei widerwärtig spuckt. Das Publicum zeigt sich dieser Art des Auftretens keineswegs abgeneigt, es hat sich daran gewöhnt, und Viele freuen sich im Gegentheil noch darüber, indem sie darin Zeichen lobenswerther, freiheitsfreundlicher Gesinnung erblicken, worauf der Fortbestand der großen republikanischen Union basirt sein soll. Nur Einzelne fangen jetzt an, das Nachtheilige solcher Zuchtlosigkeit zu begreifen, und es wird noch geraume Zeit erfordern, bis man allgemein bessere Sitten einführt.

Kaum hat der junge Geschäftsmann seine Tour durch alle Wagen des Zuges vollendet und ist in einen der hintersten, oder auch gelegentlich der vordersten, zurückgekehrt, wo er sein Depot hat, so kommt er auch schon wieder mit einer neuen Literaturtracht herangelärmt. Diesmal erscheint der Betriebsame bücherbelastet und findet mich eben beschäftigt, die klebrigen Finger eines etwa fünfjährigen, buntspechtartig herausgeputzten, candisnaschenden Mädchens von mir abzuwehren. Dergestalt in Anspruch genommen, kann ich dem literarischen Vermittler keine besondere Aufmerksamkeit widmen, die er mir dafür schenkt; denn es schallt in mein Ohr der gellende Ruf: „United States Railroad Guide, Sirrrrr!“ (der Vereinigte Staaten-Eisenbahnführer, Herr!) das Trommelfell bedenklich erschütternd. Emporfahrend halte ich meine beiden Ohren zu, mache ein grimmiges Gesicht und brumme dazu lakonisch: „No!“ worauf der Schlingel höhnisch hell auflacht. Er hat vermuthlich die Wagengesellschaft irgendwie von seiner witzigen Absicht unterrichtet; denn ich sehe auf allen Gesichtern beifälliges Lächeln oder Lachen. Man gönnt ersichtlich dem „old Dutchman“ (altem Deutschen), wofür mich sicher Alle erkennen, die Verhöhnung und genügt damit einem Widerwillen gegen unsere Landsmannschaft, der an ein gewisses Schülerverhältniß Lehrern gegenüber erinnert, an denen man schwache Seiten findet.

[798] Jetzt hält der Zug auf irgend einer Station zwischen Amboy und Camden. Die Wagen sind umringt von kleinen Knaben, unter denen nur zwei schon etwa zwölfjährige sich befinden. Der ganze Knirpschorus schreit aus vollen Hälsen: „No papers, Gentlemen? No papers, papers, papers?“ („Keine Zeitungen, meine Herren?“) Das heißt so viel als: die Passagiere sollen ihre gekauften und gelesenen Zeitungen der mehr verlangenden als bettelnden, in keinem Falle aber bittenden Brut schenken. Kein echter amerikanischer Junge wird sich überhaupt zur Bitte herablassen. Das Kind in Amerika ist von klein auf gewöhnt, in allen Dingen seinen Willen auf bloßen Begehr hin erfüllt zu bekommen, ohne zur Bitte oder zum Dank angehalten zu werden. Aber die Amerikaner sind trotzdem auf ihre Weise gutmüthig und besonders gegen Schwache überaus hingebend, so daß sich von Schwäche dabei reden läßt. Dies thut sich eben wieder kund, denn die meisten Zeitungen erhält der allerkleinste Knabe, ein Kerlchen von gewiß nicht mehr als drei Jahren, „weil er so klein und hülflos ist,“ sagt ein in meiner Nähe sitzender robuster Herr, anscheinend aus dem Lande der menschlichen Alligatoren, aus Kentucky stammend, dabei seinen Kautabak von einer Seite des Mundes zur andern wälzend und darauf einen braunen Strahl nach der Gegend hinspuckend, wo der ihm zunächst befindliche Spucknapf im Wagen aufgestellt war. Die größern Knaben erhielten selten von Jemandem ein Blatt, denn es hieß auf meine Nachfrage deshalb: „Ach, sie können irgend ein anderes Geschäft ergreifen,“ worunter natürlich Gelderwerb verstanden wird, der das eigentliche Betteln ausschließt. Mir kam dabei in’s Gedächtniß, daß hier zu Lande die Knaben fast ausnahmslos schon mit dem zwölften oder dreizehnten Jahre von den Eltern auf eigenen Broderwerb angewiesen werden, wobei bis zur Grenze des Criminellen gehende Uebervortheilung in der Regel als lobenswerthe Gewandtheit gilt. Wenn nicht geradezu die altspartanische Sitte angenommen wird, geschickte Dieberei als Vorzug anzuerkennen, so kann man sich darüber nur wundern. Von den kleinen Zeitungsbettlern, die uns mit echten Straßenräubermanieren anfallen und deren Verlangen durchaus in keine wirkliche Bitte eingekleidet wird, ist die Bettelei sicher nur als Geschäft angesehen, und entweder verkaufen sie die erhaltenen Blätter im Orte, oder stehen mit den Eisenbahn-Buchhändlern im Rückkaufshandel; denn ihr Aussehen verräth durchaus keine Armuth.

Der Zug geht weiter, und während der Fahrt zur nächsten Station zeigt sich unser stationäres Exemplar, der Literaturverkäufer, in einer neuen Verwandlungsphase. Er bringt unter seinem Arm einen gewaltigen Stoß Broschüren, nebst zwei eingebundenen Büchern und schreit gellend: „Harper’ Monthly Magazine, Sirrrrr!“ (Harper’s Monatshefte, Herr!) in mein Ohr, indem er mir das neueste Heft dieser schönwissenschaftlichen Monatsschrift dicht unter die Nase hält. Um mich zu amüsiren, frage ich: „Was kostet’s?“ Warum bin ich kein geschickter Zeichner! Hier müßte durchaus das Schelmengesicht meines Buchhändlers dargestellt werden, denn mit Worten läßt sich nicht einmal annäherungsweise der pikante Ausdruck desselben wiedergeben. Ein Paar feurig-braune Augen verschlingen meine ganze Figur gleich Schlangen, die blitzschnell zuschnappen; der Mund ist energisch zusammengepreßt; auf der hohen Stirn, die eine knappe Reisemütze von Glanzleder stark hervortreten läßt, zeigt sich ein Zusammenziehen der Haut, wie solches bei scharfen Denkern häufig zum Vorschein zu kommen pflegt, und außerdem zucken die Finger der rechten Hand. Ach, der junge Schelm hat es noch nicht weit gebracht im Leben; man kann noch Eindrücke auf sein Inneres äußerlich an ihm bemerken. Ich lese seinen Gedanken mit unverkennbarer Deutlichkeit: „Dies scheint mir ein Neuangekommener zu sein; mag er dafür bezahlen!“. Und mit gedämpfter Stimme, so daß es den Umsitzenken nicht auffallen möge, erfolgt fast schüchtern die Antwort: „Nur vier Schillinge, mein Herr.“ Das Bürschlein brach aber in helles Gelächter aus, als ich ihm trocken erklärte: „So, mein Herr? ich kaufte gestern ein Exemplar für zwei Schillinge.“ Der kleine Mann meinte, nun müsse ich ihm Etwas abkaufen, nachdem er von mir so angeführt worden sei. Er bot mir noch etliche andere „Monthlies“ an, und als ich darauf nicht einging, kamen Novellen an die Reihe, das Stück zwei Schillinge. Als auch diese Romanlockspeise verschmäht wurde, zog der Unermüdliche aus der Mitte seines Bündels etliche Hefte, die er vor meinen Augen rasch aufblätterte, um die darin enthaltenen Bilderchen sehen zu lassen, welche Nuditäten zeigten. „Belieben Sie diese Sorte?“ hieß es dabei unter verschmitztem Augenblinzeln. Aber auch damit war bei mir nichts zu machen, denn der amerikanische Verlegerwitz war nichts Neues mehr für mich: allerlei Abklatsche von Holzschnitten mit lüsternen Darstelluugen aufzukaufen und sie dann irgend einer trivialen Novelle beizudrucken, ohne Rücksicht darauf, ob sie zum Texte passen oder nicht.

Während einer spätern Reise aus der Erie-Eisenbahn lernte ich das Geheimniß kennen, wie es den Eisenbahnbuchhändlern möglich wird, ihr Publicum so mannigfaltig zu versehen. Der vorletzte Wagen unseres Zuges war für die Dienerschaft bestimmt, und es trugen dessen Eingangsthüren entsprechende Ueberschriften. Hier war es erlaubt zu rauchen; man fand da Gelegenheit sich zu waschen und konnte sonst noch Mancherlei abmachen, was nicht für andere Wagen paßte. In diesem Kosmopoliten-Wagen hatte der stationäre Händler sein Literatur-Depot in ein paar Koffern. Als wir – ich weiß nicht mehr auf welcher Station – zu Mittag speisten, war unser Eisenbahnbuchhändler mein Tischnachbar und in Dunkirk bewohnten wir zusammen das nämliche Hotel. Es war mir darum zu thun, von ihm Einzelnheiten über die Bedingungen bei seinen Büchereinkäufen zu erfahren, allein der Mensch wich allen meinen desfallsigen Fragen aus, so wie ich denn seither – trotz mannigfacher Buchhändlerbekanntschaften in mehreren Städten der Union – niemals genau Rabattverhältnisse und dergleichen erfahren konnte. Ich mußte mich damit trösten, daß auch im lieben Deutschland nur direct Eingeweihte, als da sind Buchbinder und Marktbudenbuchhändler, hinter den Isisschleier der Literaturverhältnisse zu blicken Gelegenheit haben, bei denen das „gedruckt in diesem Jahr“ eine sehr bedeutsame Rolle spielt. Allen Vermuthungen nach finden in Amerika ähnliche Mysterien den Laien und Profanen gegenüber statt, deren Enthüllung so verpönt ist, wie einst jene der Ceres-Mysterien und jetzt die der Freimaurer-Geheimnisse, an deren Vorhandensein sogar gezweifelt wird. Die populärste Literatur steht auch zum Publicum in viel zu intimen Verhältnissen, als daß nicht gewisse Verhüllungen dabei vom Decorum dictirt sein sollten; zumal in einem Lande, wo das Volk als Souverän ausgeschrieen wird, am Lebhaftesten von Leuten, die während ihres Schreiens ein verschmitztes Lächeln kaum unterdrücken. Souveräne aller Art finden wir am Häufigsten geneigt, zur Aufrechterhaltung ihrer „Gewalt und Autorität“ kleine, zärtliche Umgangsverhältnisse mit dem Schleier der Heimlichkeit zu überdecken; ich sehe also keinen Grund, weshalb nicht auch über obenerwähnte Zustände der Mantel christlicher Liebe gebreitet sein und bleiben sollte.

Auf zahlreichen anderen Ausflügen, die ich mit Eisenbahnzügen nach verschiedenen Richtungen hier zu Lande unternahm, bot sich mir noch öfter Gelegenheit dar, allerlei Beobachtungen nach literarischen Richtungen hin anzustellen, wovon nur Folgendes herausgehoben werden möge. Auf einer meiner Touren nach dem Westen handelten die stationären Eisenbahn-Buchhändler auch noch mit Aepfeln, Kuchen und namentlich mit dem landesüblichen, unerläßlichen Zuckerwerk, worin die Näscherei bei Alt und Jung epidemisch zu nennen ist, wogegen Literaturspeise – Zeitungen ausgenommen – nur sporadisch vorkommt.

Bei Gelegenheit einer Fahrt in westlicher Richtung wurde mir von einer Person, die eilig durch alle Wagen unseres Zuges streifte, eine rosafarbene Ankündigung, auf starkem Kartenpapier abgedruckt, in die Hand geschoben, mit den Worten: „Miß Burnham wird gleich selbst erscheinen.“ Ich hatte eben nur Zeit die empfangene Karte zu besehen; sie enthielt die ziemlich plump in Holz geschnittene Abbildung eines Schiffes mit vollen Segeln, auf dessen Flagge zu lesen war: „Gebt das Schiff nicht auf.“ Nebenbei und darunter stand: „Eben veröffentlicht: die schauerliche und erstaunliche Geschichte der Fostina Woodman. Geschrieben und herausgegeben von Miß A. A. Burnham.“ Aus kleinerer Schrift war dann noch ein Salm darunter gedruckt, der deutsch etwa wie folgt lautete: „Der Gegenstand dieser wahrhaft interessanten Erzählung stammte aus S. in Massachusetts, wo sie bis zum Alter von neunzehn Jahren wohnte. Zu dieser Zeit wurde sie eine Waise, worauf ihre abenteuerliche Laufbahn begann, begleitet von so sehr befremdenden und mysteriösen Begebenheiten, wie sie nur jemals aufgezeichnet wurden. Nach dem Tode ihrer Eltern wurde sie der Sorgfalt von Fremden überlassen, welche kurz nachher mit dem Schiffe Essex (welches Schiff, wie die meisten unserer Leser sich erinnern werden, den Hafen von Boston im Juni 1849 verließ) nach Californien unter Segel ging; unsere Heldin folgte bald in der Verkleidung ihres Bruders, und ihre kühnen Heldenthaten, [799] beispiellos in den Annalen weiblicher Abenteuerer, sind vollständig in diesem Werke dargestellt, welches von der Verfasserin zu erhalten ist, die bald diese Karte abverlangen wird.“ Dann kam wieder mit fetter Schrift gedruckt: „Verkauft von der Verfasserin für den Preis von fünfundzwanzig Cents“ und darunter in Petit-Schrift hinter einer Hand: „Bitte, bewahren Sie die Karte, bis sie abverlangt wird.“ Man sollte also gefälligst die Karte aufbewahren, bis die beblaustrumpfte Verfasserin dieselbe abforderte.

Besagte Kartenabforderung ließ auch nicht lange auf sich warten, denn kaum hatte ich die erfinderische Ankündigung durchflogen, so präsentirte sich in unserem Wagen eine ziemlich phantastisch gekleidete, nicht hübsch, nicht häßlich zu nennende und weder zu jung noch zu alt erscheinende „Lady“, was bekanntlich alle Amerikanerinnen sein wollen, deren Gesichtszüge jene verschmitzte Einfalt oder dreiste Geradheit ausdrückten, die dem Yankeecharakter eigenthümlich ist. Miß Burnham reichte mir eine in rosafarbenen Umschlag geheftete Broschüre ungefähr wie eine Sache dar, die sich nur von der Hand weisen läßt, wenn man völlig darüber hinweg ist, was die Nachbarn von uns denken; ob sie uns für einen „Gentleman“ halten oder nicht; ob wir für einen Knauser, armen Schelm und dergleichen angesehen werden, oder für freigebig, galant, bemittelt u. s. w. Ist man vollends in gewissen verhängnißvollen Jahren, werden die Kopfhaare überhandnehmend grau, dann bleibt uns vollends nichts übrig, als freigebig zu erscheinen, wenn es irgend möglich ist, denn wir können dann eben nicht mehr mit der Jugend bezahlen, die es allenfalls verzeihlich macht, daß man knapp an Gelde ist. Von den Umständen eines deutschen Schriftstellers in Amerika hat nur dessen nächster Bekanntenkreis eine annähernd richtige Vorstellung, und mir war ungefähr so zu Muthe wie in meiner Jugendzeit, wenn der Klingelbeutel in der Kirche herumgetragen wurde und ich aus ärmlicher Tasche den Säckel der Geistlichkeit füllen helfen sollte. Ich zinste also mit Gedankensäure vermischt die fünfundzwanzig Cents für sechzig gedruckte Seiten in groß Octav, obgleich mir einleuchtete, es sei viel zu viel weißes Papier durch den Druck hier verdorben worden. Wer in fremden Ländern reist, muß nun einmal auf Anzapfungen gefaßt sein, und es bleibt immerhin vorzüglicher, wenn es durch Mitglieder des schönen Geschlechts geschieht, als wenn ein Buschklepper unter dem rohen Rufe: „Den Beutel oder das Leben!“ uns die Pistole auf die Brust setzt. Uebrigens muß ich der Miß Burnham alle Gerechtigkeit widerfahren lassen; sie begnügte sich damit, mir nur die Ankündigung eines zweiten ihrer geistreichen Werke zu überreichen, anstatt dieses selbst zu präsentiren. Für nur einen Schilling wurde da sehr Merkwürdiges geboten, unter der bescheidenen, lakonischen Ueberschrift: „Reich, genial und selten. Die Geheimnisse von Fort Hamilton, geschrieben von Miß A. A. Burnham, während ihrer Passage am Bord des Dampfers Chingarora.“

Bei einer andern Reisegelegenheit empfing ich aus der Hand eines schwarzgekleideten Herrn mit weißer Halsbinde ein Circular folgenden Inhalts: „Das Closet, oder die Morgen- & Abendgebetstunde. Jede Seite mit einem neuen Thema beginnend. Vom ehrwürdigen David Sly.“ Mir fiel hier das angebrachte kaufmännische & zuerst auf und machte mich Wissensfreundlichen stutzig; denn der Verdacht einer beabsichtigten Speculation auf Kopfumnebelung und Taschenerleichterung drängte sich mir unwillkürlich auf. Zudem hatte der Name Sly sein etymologisch Bedenkliches, und so erkundigte ich mich denn beim Conducteur näher über den Austheiler des Circulars, wodurch herauskam, daß es der ehrwürdige Verfasser in eigner Person sei, mithin an keine Mystifikation zu denken wäre. Durch meinen Kopf war gefahren, was Flügel in seinem Wörterbuch Erklärendes über „sly“ sagt, das mit: schlau, verschlagen, listig und sogar hinterlistig verdeutscht wird.

Getröstet durch des Conducteurs Bescheid, las ich im „Circular“ weiter: „Eine Appellation an das reisende Publicum,“ die in deutscher Übersetzung folgendermaßen lautete: „Menschen und Brüder, unsere beste Vertheidigung dieser Appellation ist: 1) Zum Besten einer andern Art von Lectüre, als die gewöhnlich auf unsern öffentlichen Durchfahrten (längern Reisen) umlaufende. 2) Während die Tendenz des Lesens von Romanen und Novellen auf Faulheit und Unkeuschheit hinausläuft, führt die Closet-Lectüre zur Tugend, zum Fleiß, Glück und Himmel. 3) Weil Closet-Andacht göttlicher Anordnung ist und den Keim zur ersichtlichen Gottesverehrung enthält. 4) Weil alle wahren Wiedererweckungen im Closet beginnen. Kurzum, es ist, um im Wesen dies süße System christlicher Thätigkeit in Hoffnung zu erwecken, besonders zur Sicherung der Generalausgießung des heiligen Geistes auf alles Volk, daß alle reisenden Bürger achtungsvoll eingeladen werden, ein Exemplar vom Closet zu nehmen und dadurch das Werk in ihren respectiven Familien und Kirchen einzuführen. Preis 121/2 Cents. Bitte, dies Circular zu behalten, bis es abgefordert wird.“

Mag man deshalb über mich noch so schlimm urtheilen, ich muß dennoch gestehen, daß von mir das „Closet“ nicht gekauft wurde und ich beim Erscheinen des Klingelbeutelträgers Sly den moralischen Muth hatte, mit dem Kopfe zu schütteln, was mir gegen Miß Burnham nicht gelang. Der ehrwürdige Eisenbahn-Buchhändler machte ersichtlich keine guten Geschäfte, vielleicht weil es in den Wagen unseres Zuges an entsprechenden Closets gänzlich mangelte und nur in etlichen derselben Water-Closets vorhanden waren, deren Frequenz zum Ueberfluß Closet-Einsamkeit ausschloß. Vielen Spaß machte es mir, der Unterhaltung zuzuhören, die ein unfern von mir sitzender alter Yankee mit dem ehrwürdigen Sly pflog und welche am Ende mit der runden Erklärung schloß: „Ich gehöre zu einer Gesellschaft, die sich Verbreitung von Wahrheit und Aufklärung zur Aufgabe gemacht hat. Wir sind übereingekommen, den Dunkelmännern allerwärts entschieden entgegenzutreten, weil sie unsere Republik in’s Verderben bringen können.“
Lokia.