Des Menschen Fleisch und Bein

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Des Menschen Fleisch und Bein
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14/18, S. 184–185;241–242
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[184]
Vom Baue des menschlichen Körpers.
Des Menschen Fleisch und Bein.


Die Knochen (Beine, Gebeine) und Muskeln (Fleisch) sind die Bestandtheile unseres Körpers, welche demselben mehr als alle übrigen Organe seine menschliche Gestalt verleihen und mit Hülfe der Sinne und des Verstandes, zum menschlichen Thun und Treiben geschickt machen. Darum sollte man aber auch diesen Theilen von Jugend auf weit mehr Aufmerksamkeit und Pflege widmen, als dies zur Zeit geschieht, wo. man es größtentheils dem Zufalle überläßt, ob der Körper wohlgestaltet und kräftig, oder mager, mißgestaltet und affenähnlich wird, trotzdem daß es in unserer Macht steht, großen Einfluß auf seine Gestaltung und durch diese auf sein Wohlergehen in der Zukunft auszuüben. Wie jammern nicht die Mütter, wenn ihre Fräulein Töchter schief und bucklig werden und zwar zu einer Zeit, wo sie gern Parade mit ihnen machen möchten; aber auf vernünftige und leichte Weise einem solchen Schief- und Buckligwerden vorzubauen, das ist nicht ihre Sache. .

Die Knochen, deren Gewebe neben dem der Zähne das härteste im menschlichen Körper ist und deren Anzahl 213 (oder 245 mit den 32 Zähnen) beträgt, bilden durch ihre wechselseitige, mit Hülfe der Knochenbänder bewirkte Vereinigung ein Gerüste (Gerippe, Skelet) von beweglichen Balken und Hebeln, welches den sämmtlichen Weichtheilen, vorzugsweise dem Fleische, zur Befestigung und Unterlage dient, ihnen Halt und Stütze bietet, und Höhlen zur sichern Aufbewahrung edler Eingeweide aufbaut.– Nach dem verschiedenen Zwecke, welchem die einzelnen Knochen dienen, ist der Bau und die Form derselben verschieden. So finden sich lange oder Röhrenknochen, mit einem dickern walzenartigen Mittelstücke, dessen Inneres eine mit Knochenmark erfüllte Röhre darstellt, und mit dicken, schwammigen, kugligen Enden (auch schlechthin Kugeln genannt), vorzugsweise da, wo Theile (wie die Arme und Beine) große und schnelle Bewegungen auszuführen und den Körper zu stützen haben. Dagegen werden platte und breite Knochen zur Bildung von Höhlen und da verwendet, wo eine größere Anzahl von Muskeln zusammen eine Befestigung brauchen. Die dicken und kurzen Knochen von unregelmäßiger Gestalt trifft man aber an Stellen, wo eine auf viele kleine Knochenstücke vertheilte Bewegung hervorgebracht werden soll. – Die Verbindung der Knochen unter einander findet entweder in einer solchen Weise statt, daß die verbundenen Knochen ganz fest und unbeweglich zusammenhängen (durch Bänder, Knorpel, nahtartige zackige An- und Ineinanderfügung (Einkeilung), oder daß sie sich mit größerer oder geringerer Freiheit an einander hin- und herbewegen Die letztere oder bewegliche Knochenverbindung, die auch Gelenkverbindung heißt, entsteht dadurch, daß das glatte, mit einem elastischen Knorpelüberzuge bekleidete, meist kuglige Ende des einen Knochens mit Hülfe von festen, aber biegsamen Bändern (von denen das wichtigste kapselartig die sich verbindenden Knochenenden umgibt) an eine entsprechende, glatte, überknorpelte, gewöhnlich ausgehöhlte Gelenkfläche eines andern Knochens befestigt ist. Zwischen den beiden so verbundenen Knochen befindet sich, in der sogenannten Gelenkhöhle, zur Erleichterung der Bewegung durch Schlüpfrigmachen der Gelenkflächen, eine dickflüssige eiweißähnliche Flüssigkeit, die Gelenkschmiere (Synovia); in manchen Gelenken trifft man auch noch Fettklümpchen und Knorpelscheiben. Nach dem Grade und der Art der Beweglichkeit bezeichnet man: das straffe Gelenk, in welchem eine nur geringe Beweglichkeit, blos ein sanftes Hin- und Herschieben stattfindet (wie zwischen den Wirbeln); das Scharnier- oder Winkelgelenk, wo sich die Knochen nur in einer Richtung, winkelartig an einander bewegen, wie ein Taschenmesser (wie im Knie- und Ellenbogengelenk); das Roll- oder Drehgelenk, bei welchem sich ein Knochen in einem halben Kreise um sich oder einen andern dreht (wie der Kopf auf dem Halse); das freie oder Kugelgelenk, bei welchem dem kugelförmigen Ende des einen Knochens in der Aushöhlung eines andern Bewegung nach allen Richtungen hin gestattet ist (wie im Achsel- und Hüftgelenke).

Das Gewebe der Knochen, von dessen richtigem Verhalten, zumal von der richtigen chemischen Zusammensetzung, des Knochens Härte und Gestalt, also seine Bestimmung für unsern Körper abhängig ist, zeigt sich dem unbewaffneten Auge als eine harte, feste, weißliche, theils ganz solide (compacte), theils poröse, schwammige Masse, welche als leichtes Ausfüllungsmittel in ihren kleineren und größeren Zwischenräumen (Markzellen und Markröhren) ein weiches, gelbes oder röthliches Fett (das Knochenmark), sowie im Mark eingebettete Blutgefäße und Ernährungsflüssigkeit enthält. Durch das Mikroscop erkennt man in der Knochenmasse eine größere oder geringere Anzahl um einander herum liegender Schichten, sowie eine große Menge enger, fett- und gefäßhaltiger Kanälchen (Mark- oder Gefäßkanälchen und mit Ernährungsflüssigkeit erfüllter Höhlen (Knochenkörperchen) mit kanalartigen Ausläufern (Knochenkanälchen), welche die Höhlen und Kanälchen unter einander verbinden. – Die chemische Untersuchung ergibt die Knochenmasse zu 2 Dritteln als aus Knochenerde und zu einem Drittel aus Knochenknorpel zusammengesetzt; die erstere besteht hauptsächlich aus phosphorsaurem Kalk, dem etwas kohlensaurer Kalk, Fluorcalcium, phosphorsaure Talkerde und Kieselerde beigegeben ist; der letztere lößt sich beim Kochen zu Leim auf. Von der Knochenerde hängt die Härte, Dichtigkeit und Festigkeit des Knochens, vom Knorpel seine geringe Biegsamkeit und Elasticität ab. Ein Mißverhältniß zwischen diesen beiden Knochenmaterien ertheilt dem Knochen solche Eigenschaften, die ihn für seine Bestimmung untauglich machen; denn eine zu große Menge von Knorpel macht ihn weich und biegsam, wie dies bei der sogenannten englischen Krankheit (Rhachitis) der Fall ist; zu viel Erde bedingt dagegen eine größere Sprödigkeit oder Mürbigkeit und sonach leichtere Brüchigkeit desselben. Die Ursache eines solchen Mißverhältnisses zwischen Knorpel und Erde•(organischer und unorganischer Substanz) liegt gewöhnlich in einer falschen Nahrung, welche den Stoffwechsel im Knochengewebe nicht ordentlich zu unterhalten vermag und demselben entweder zu viel von der einen, oder zu wenig von der andern Substanz zuführt. In der Jugend, wo der Knorpel in größerer Menge vorhanden ist, sind die Knochen auch leichten Verkrümmungen ausgesetzt, während [185] sie im Alter, wo die Menge der Erde größer ist, weit leichter zerbrechen. Die Verbrennlichkeit (Calcination) der Knochen rührt von ihrer knorpligen Grundlage her, ihre Undurchsichtigkeit, weiße Farbe, Schwere und die Fähigkeit der Fäulniß zu widerstehen, von den erdigen Bestandtheilen. – Die äußere Oberfläche der Knochen ist von einer festen, sehnigen Haut, der Knochenhaut oder dem Periost, überzogen, welches insofern die Ernährerin (Matrix) des Knochens ist, als seine zahlreichen Blutgefäße Aestchen in das Knochengewebe hineinschicken. Diese Haut ist ebenso wie das Knochengewebe äußerst arm an Nerven und deshalb wie dieses im gesunden Zustande empfindungslos; durch Krankheit können aber beide sehr schmerzhaft werden. Da die Ernährung (der Stoffwechsel) im Knochengewebe ziemlich langsam vor sich geht, so kommen auch Krankheiten in demselben, sowie deren Heilungsprocesse, nur sehr allmälig zu Stande.

Das knöcherne Gerüste des menschlichen Körpers wird, wie dieser selbst, in folgende Abtheilungen gebracht: in den Kopf (mit 28 Knochen), den Rumpf (mit 53 Knochen) und in die Gliedmaaßen (mit 132 Knochen), von denen es zwei obere oder Arme (mit 68) und zwei untere oder Beine (mit 64 Knochen) gibt.

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a) Schädel. b) Gesicht. c) Halswirbel. d) Brustwirbel. e) Lendenwirbel. f) Kreuzbein. g) Schwanzbein. h) Beckenknochen. i) Brustbein. k) Rippen. l) Schlüsselbein. m) Schulterblatt. n) Oberarm. o) Speiche. p) Ellenbogenbein. q) Handwurzel und Mittelhand. r) Finger. s) Oberschenkelknochen. t) Kniescheibe. u) Schienbein. v) Wadenbein. w) Fußwurzel und Mittelfuß. x) Ferse. z) Zehen.

– Das Knochengerüste des Kopfes bildet mit seinem obersten Theile, d. i. der Schädel (a) aus 8 Knochen (das Stirn-, Hinterhaupts-, Keil- und Siebbein, die Schädel- und Schläfenbeine mit dem innern Gehörorgane), eine schützende Kapsel für das Gehirn, während seine untere Abtheilung oder das Gesicht (b), welches von 14 Knochen (den Wangen-, Nasen-, Oberkiefer-, Thränen-, Gaumen- und Nasenmuschelbeinen, dem Unterkiefer und Pflugschar) gebildet wird, Höhlen für die Sinne enthält, wie die Augen-, Nasen- und Mundhöhle (mit dem Zungenbeine am Halse). – Das Knochengerüst des Rumpfes, an welchem man Hals, Brust, Bauch und Becken unterscheidet, besitzt als Grundlage an seiner hintern Fläche oder am Rücken die Sförmig gekrümmte Wirbelsäule oder das Rückgrat, welches aus 26 einzelnen Knochen zusammengesetzt ist, nämlich aus 24 Wirbeln: 7 Hals- (c), 12 Brust(d) und 5 Lendenwirbeln (e); aus dem Kreuz- (f) und Schwanzbeine (g). Mit den Brustwirbeln stehen auf jeder Seite 12 Rippen (k) in Verbindung, welche sich vorn in die Rippenknorpel verlängern und sich mit diesen zum Theil an das Brustbein (i) anlegen, so den Brustkasten, Thorax, bildend, in dessen zu erweiternder und verengernder Höhle sich die Lungen und das Herz befinden. An die Seitenfläche des Kreuzbeins legt sich rechts und links ein, aus dem Hüft-, Sitzund Schambeine zusammengesetzter Beckenknochen (h) an, und auf diese Weise wird als unterster Theil des Rumpfes durch die beiden Beckenknochen, das Kreuz- und Schwanzbein, das Becken aufgebaut, dessen Höhle Därme, Harn- und Sexualorgane aufnimmt. – Am Knochengerüste des Armes oder der obern Gliedmaaße heißt das oberste, vom Schlüsselbeine (l) und Schulterblatte (m) gebildete Stück, die Schulter; an diese stößt der Oberarm mit einem einzigen Knochen, dem Oberarmbeine (n), dessen unteres Ende sich am Ellenbogen mit dem Vorderarme verbindet, welcher 2 Knochen besitzt, von denen der eine die Speiche (o), am äußern oder Daumenrande, der andere das Ellenbogenbein (p) genannt wird. An den Vorderarm heftet sich unten die Hand mit ihren 3 Abtheilungen, deren oberste die Handwurzel (q) (aus dem Kahn-, Mond-, dreieckigen, Erbsen-, Haken-, Kopf-, großen und kleinen vieleckigen Beine), die mittlere die Mittelhand (aus 5 Mittelhandknochen) und die unterste die Finger (r) sind. – Das Knochengerüste des Beines oder der untern Gliedmaaße ist an das Becken durch den Oberschenkel befestigt, dessen Oberschenkelbein (s) sich oben mit seinem Kopfe in der Pfanne des Beckenknochens bewegt, unten am Kniee (mit der Kniescheibe t) an den Unterschenkel stößt, welcher aus dem dicken Schienbeine (u) und dem dünnen Wadenbeine (v) besteht. Beide Unterschenkelbeine schwellen an ihrem untern Ende zu den Knöcheln an und verbinden sich mit dem Fuße, dessen hintere Abtheilung Fußwurzel (w) (aus Sprung-, Fersen- (x), Kahn-, Würfel- und 3 Keilbeinen), die mittlere der Mittelfuß (aus 5 Mittelfußknochen), und die vordern die Zehen (z) heißen.

(Ueber die Muskeln, die naturgemäße Pflege und Ausbildung des Knochen- und Muskelsystems, sowie über den Ursprung und die Behandlung von Krankheiten der Knochen und Muskeln nächstens.)
Bock.

[241] Die Muskeln, welche vermöge ihrer Struktur mit Beihülfe der Nerven fast alle Bewegungen veranlassen und diese entweder nach unserem Willen oder unabhängig von unserem Willen ausführen können, stellen solide, weiche, feuchte, rothe, verschieden geformte Organe dar, deren Gewebe, die Muskelsubstanz oder das Fleisch, hauptsächlich aus feinen, weichen, rothen Fasern (aus Faserstoff) besteht, zwischen denen sich zahlreiche Blutgefäße und Nerven, sowie lockeres Zell- oder Bindegewebe und der Fleischsaft befindet, welcher letztere einer dünnen sauren Milch nicht unähnlich zusammengesetzt, reich an Eiweiß, Salzen, Fett und Milchsäure ist. Die mit bloßem Auge deutlich wahrnehmbare Fleischfaser, welcher die Fähigkeit zukommt, sich zusammenzuziehen und zu verkürzen (die Contractilität), und dies hauptsächlich in Folge der Einwirkung von Nervenreizung, läßt sich durch das Mikroskop als aus einer größern oder geringern Anzahl von feinen Fäserchen zusammengesetzt erkennen, die, wie die dickern Fasern selbst, bei den sogen. willkürlichen und unwillkürlichen Muskeln von verschiedenem Baue sind. Die ersteren nämlich, welche auch weit röther und saftiger als die unwillkürlichen Muskeln sind, bestehen aus Bündeln von quergestreiften Fasern (Knötchenfibrillen), während die letzteren aus glatten Fasern (Faserzellen) zusammengesetzt sind. Außer der Contractilität kommt den Muskelfasern aber auch noch Elasticität zu und von dieser hängt die Starre ab, von welcher bald nach dem Tode viele Muskeln befallen werden.

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a) Schädelmuskeln. b) Gesichtsmuskeln. c) Halsmuskeln. d) Nackenmuskeln. e) Brustmuskeln. f) Rückenmuskeln. g) Bauchmuskeln. h) Becken- (Gesäß-) Muskeln. i) Schulterblattmuskeln. k) Deltamuskel. l) Oberarmmuskeln. m) Vorderarmmuskeln. n) Handmuskeln, o) Oberschenkelmuskeln. p) Unterschenkelmuskeln. q) Wadenmuskeln. r) Achillessehne. s) Fußmuskeln.

Nach der Form, in welcher die Muskeln vorkommen, bezeichnet man sie als Längen-, Flächen-, Ring- und Hohlmuskeln. Die langen Muskeln finden sich an den Gliedmaaßen und der Wirbelsäule, sind dem Willen am meisten untergeordnet und besitzen einen Kopf (das an einem festen Punkte befestigte Ursprungsende), einen rundlichen Bauch (das Mittelstück) und einen Schwanz (das mit einem beweglichen Theile verbundene Ansatzende). Kopf und Schwanz laufen gewöhnlich in eine kürzere oder längere Flechse aus. Die breiten oder Flächenmuskeln sind dünn und platt; mehrere derselben entspringen mit Zacken und endigen in breite Sehnenhäute. Sie kommen vorzugsweise am Rumpfe vor und begränzen hier die großen Körperhöhlen. Die Ring-oder Schließmuskeln bilden Fleischringe um gewisse Leibesöffnungen (Mund, Auge) herum und können diese verengern und schließen. Die Hohlmuskeln bilden entweder für sich hohle Organe (Herz, Gebärmutter) oder befinden sich als Muskelhäute in der Wand von Höhlen und Kanälen (am Magen, Darmkanal, Harnblase).

Nach den Bewegungen, welche die willkürlichen Muskeln, von denen es über 500 giebt, ausführen können, benennt man dieselben: Beuger und Strecker, Abzieher und Anzieher, (Einwärts- und Auswärts-) Roller, zusammenwirkende und gegenwirkende Muskeln (Genossen und Gegner oder Antagonisten). Die Beuger trifft man besonders an Scharniergelenken; sie nähern zwei Theile in der Längenrichtung des Körpers unter einem Winkel einander, wie z. B. den Vorderarm dem Oberarme. Ihre Gegner sind die Strecker, welche die gebeugten Theile wieder von einander entfernen. Die Anzieher ziehen die Theile nach der Mittellinie, von einer Seite des Körpers zur andern hin. Die Abzieher bewirken die entgegengesetzte Bewegung eines Theiles, nämlich von der Mittellinie des Körpers ab und nach der Seite hin. Die Roller drehen einen Theil entweder um seine eigene Achse oder um einen andern Theil in einem Halbkreise, nach außen oder innen, nach vorwärts oder rückwärts herum. Antagonisten nennt man die Muskeln eines Theiles dann, wenn sie Bewegungen ausführen, welche denen anderer Muskeln desselben Theiles gerade entgegengesetzt sind; so sind z. B. die Strecker des Vorderarmes, Knies u. s. w. die Antagonisten von den Beugern dieser Theile.

Die einzelnen willkürlichen Muskeln, von welchen die Muskellehre (Myologie) handelt, sind zum allergrößten Theile, dem Ebenmaaß der Körperhälften folgend, paarig vorhanden und die wenigen unpaarigen, welche in der Mittellinie des Körpers ihre Lage haben, sind aus zwei gleichen Hälften zusammengesetzt. Die Anordnung der Muskeln hinsichtlich ihrer Lagerung ist übrigens so getroffen, daß sie an der vordern und hintern Körperfläche in zwei-, in drei- und noch mehrfachen Schichten über einander liegen, durch sehnige Muskelbinden ebensowohl von einander getrennt, wie mit einander vereinigt sind, daß sie rings die Gelenke mit ihren Sehnen umgeben und schließlich sämmtlich nach der Oberfläche des Körpers hin von einer allgemeinen Sehnenhaut überkleidet werden.

A Die am Kopfe liegenden Muskeln scheidet man in die des Schädels und des Gesichtes. Die Schädelmuskeln (a) dienen theils zur Bewegung der Kopfhaut (wie Stirn- und Hinterhauptsmuskeln), theils gehören sie dem äußern Ohre und einer derselben (der Schläfemuskel) dem Unterkiefer an. Die Gesichtsmuskeln (b), [242] welche mehr oder weniger in Polstern von Fett eingehüllt liegen, sind für die äußern Theile der Sinnesorgane, besonders zum Schließen und Oeffnen der Sinneshöhlen, bestimmt und zerfallen deshalb in Augen-, Ohr-, Nasen-, Backen-, Mund- und Kaumuskeln. Innerhalb der Augen- und Mundhöhle trifft man dann noch: in ersterer auf Muskeln des Augapfels, in letzterer auf die des Gaumens. Die Kaumuskeln können den Unterkiefer herauf und herunter, nach rechts und links bewegen, sowie kreisen.

B. Die Rumpfmuskeln zerfallen in die des Halses und Nackens, der Brust und des Rückens, des Bauches und Beckens. – Am Halse und Nacken finden sich zuvörderst Muskeln, welche den ganzen Kopf und Hals bewegen, nämlich vorwärts und seitwärts beugen, strecken, drehen und kreisen. An der vordern Fläche des Halses, an welcher vor den Halswirbeln zunächst unter der Haut und dem breiten Halsmuskel das Zungenbein mit der Zunge, der Kehlkopf und die Luftröhre mit der Schilddrüse, und hinter diesen Organen der Schlundkopf und die Speiseröhre angetroffen werden, liegen Muskeln (c), welche diese genannten Theile verschiedentlich bewegen können und seitlich von den deutlich vorspringenden Kopfnickern eingegränzt werden. Einige der vordern seitlichen Halsmuskeln ziehen beim tiefen Einathmen das Brustbein und die obersten Rippen aufwärts; einige andere bewirken das Herabziehen des Unterkiefers (das Oeffnen des Mundes). Von den Nackenmuskeln (d) dienen mehrere zum Bewegen (Rück- und Aufwärtsziehen) der Schulter. – Die Brustmuskeln (e) bedecken den vordern und seitlichen Umfang des Brustkastens und lassen nur die Mitte des Brustbeins frei; sie liegen theils schichtenweise über einander, theils füllen sie die Räume zwischen den Rippen aus. Diese Muskeln bewegen theils den Brustkasten selbst (besonders beim Einathmen), theils dienen sie zum Bewegen (Herab- und Anziehen) der Schulter und des Armes. Der Gränzmuskel zwischen Brust- und Bauchhöhle ist das Zwergfell (Diaphragma), welches die wichtigste Rolle beim Athmen spielt und zugleich zur Verengerung (Entleerung) der Bauchhöhle beiträgt. – Die Rückenmuskeln (f) liegen in 5 Schichten über einander und dienen theils zum Aufrechterhalten, Strecken und Seitwärtsbeugen der Wirbelsäule (also des ganzen Rumpfes), theils beim Ein- und Ausathmen, sowie zum Bewegen der Schulter und des Oberarmes. – Die Bauchmuskeln (g) bilden den vordern und seitlichen Theil der Bauchwand und ziehen sich vom untern Theile des Brustkastens zum Becken herab, hinterwärts aber bis zu den Lendenwirbeln. Dieser Muskelapparat bildet eine theils fleischige, theils sehnige Decke zum Schutze und zur Unterstützung der Unterleibsorgane, auf die diese durch ihre Zusammenziehung (Bauchpresse), wodurch die Bauchhöhle verengert wird, drückt und so theils ihrer Funktion förderlich ist, theils dieselben bei heftigen Körperbewegungen oder wo der Körper in einer anstrengenden Stellung eine bedeutende Kraft ausüben oder Widerstand leisten soll, in ihrer Lage sichert. Außer zum Umhüllen, Stützen, Bewegen und Drücken der Baucheingeweide, dienen die Bauchmuskeln auch noch zum Ausathmen, sowie zum Vor- und Seitwärtsbeugen des Oberkörpers. – Die am Becken lagernden Muskeln (h) äußern zum größten Theile ihre Wirkung auf die Beine, besonders die am hintern Theile des Beckens befindlichen und das Sitzfleisch (die Hinterbacken) bildenden Strecker und Roller des Oberschenkels.

C. Die Muskeln der obern Gliedmaaßen theilt man hinsichtlich ihrer Lage in die der Schulter, des Oberarms, des Vorderarms und der Hand. Die Schultermuskeln (i) erstrecken sich vom Schulterblatte oder Schlüsselbein zum Oberarme und dienen theils zum Heben, theils zum Ein- und Auswärtsrollen desselben. Der das Schultergelenk bedeckende starke Muskel heißt der Deltamuskel (k); er zeigt sich bei Verrenkungen des Oberarms abgeflacht oder auch vertieft. Die von Muskeln begränzte Höhle unter der Schulter nennt man die Achselgrube und diese birgt die großen Gefäß- und Nervenstämme für den Arm. – Die Oberarmmuskeln (l) sind entweder Beuger oder Strecker des Vorderarms; erstere liegen an der innern (vordern) Fläche des Oberarms und schwellen (besonders der dicht unter der Haut liegende zweiköpfige Armmuskel) beim kräftigen Beugen des Ellenbogengelenkes deutlich an; letztere haben ihre Lage an der äußern (hintern) Fläche des Oberarms und heften sich an den Ellenbogen. – Die Vorderarmmuskeln (m) bewegen entweder die Speiche als Ein- oder Auswärtsdreher, oder die Hand und die Finger als Beuger, Strecker, An- und Abzieher. An der innern (vordern) Fläche des Vorderarmes lagern die Einwärtsdreher, die Beuger und Anzieher, an der äußern (hintern) Fläche die Auswärtsdreher, Strecker und Anzieher. Die große Mehrzahl dieser Muskeln geht in lange dünne Sehnen über, welche am Handgelenke durch ringförmige mit Schleimscheiden ausgekleidete Kanäle hindurch zu den Fingern treten. – An der Hand (n) finden sich Muskeln zur Bewegung der Finger, und von diesen liegen die meisten in der Hohlhand, vorzugsweise am 1. und 5. Mittelhandknochen, hier den fleischigen Ballen des Daumens und kleinen Fingers bildend.

D. Die Muskeln der untern Gliedmaaßen werden in die des Oberschenkels, Unterschenkels und Fußes getrennt. – Die Oberschenkelmuskeln (o) dienen theils zum An- und Abziehen des Schenkels, theils zum Beugen und Strecken im Kniegelenke. An der vordern Fläche des Oberschenkels befinden sich die Strecker des Unterschenkels und diese heften sich an die Kniescheibe an; ihre Antagonisten, die Beuger des Unterschenkels, liegen an der hintern Fläche und begränzen mit ihren Sehnen seitlich die von großen Gefäßen und starken Nerven durchsetzte Kniekehle. Das Fleisch an der innern Fläche des Oberschenkels wird von den Anziehemuskeln des Schenkels gebildet. – Am Unterschenkel (p) trifft man auf Beuger und Strecker des Fußes und der Zehen. Die Strecker des Fußes, welche beim Gehen und Tanzen hauptsächlich in Thätigkeit gesetzt werden, haben ihre Lage an der hintern Fläche des Unterschenkels und bilden die Wade (Wadenmuskeln q), welche nach unten in eine starke, durch die Haut hervortretende Flechse, die Achillessehne (r) ausläuft und sich an die Ferse befestigt. Die übrigen Unterschenkelmuskeln treten mit langen Sehnen entweder um die Knöchel herum oder vor dem Fußgelenke hinweg zum Fuße und zu den Zehen herab. – Am Fuße (s) liegen einige kleine und dünne Streckmuskeln der Zehen auf dem Rücken des Fußes, während in der Fußsohle, von einer dicken und festen Sehnenhaut bedeckt und geschützt, die Beuger, An- und Abzieher der Zehen zu finden sind.

Der Name Achillessehne (deren Verwundungen die Aerzte des Alterthums für tödtlich hielten) schreibt sich höchst wahrscheinlich davon her, daß der griechische Held Achilles, den die Mythe nur an dieser Stelle verwundbar sein ließ, an den Folgen eines Pfeilschusses (von Paris) in die Ferse starb. Achill’s Mutter Thetis hatte nämlich, in Folge eines Orakelspruches, ihren Sohn, um ihn unverwundbar zu machen, in den Styx getaucht und dabei an der Ferse gehalten, so daß diese nicht mit eingetaucht wurde. Man könnte aber auch den Namen daher leiten, daß Achill die Leiche des Hector mit Riemen, die er um diese Sehne zog, an seinen Triumphwagen befestigte.

(Ueber die naturgemäße Pflege und Ausbildung, sowie über, die Behandlung der Krankheiten der Knochen und Muskeln später.)
Bock.