Deutsch (Tucholsky)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Ignaz Wrobel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Deutsch
Untertitel:
aus: Die Weltbühne. Jg. 20, Nr. 30 vom 24. Juli 1924, S. 155
Herausgeber: Siegfried Jacobsohn
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 24. Juli 1924
Verlag: Verlag der Weltbühne
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Die Weltbühne. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. 20. Jahrgang 1924. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978. Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]

[155]
„Deutsch“

Wenn heute Einer in Glauchau geboren und in Insterburg gestorben ist, dann rühmen ihm die Nekrologe nach, er sei ein „echt deutscher Mann“ gewesen. Was soll er denn sonst gewesen sein? Ein Neger? Ein Kalulu-Indianer? Ein Eskimo? Natürlich war er echt deutsch. Aber man trägt das jetzt so.

Die ganze Borniertheit des Nationalismus spricht aus diesem Adjektiv. Es genügt, irgendeinem Krümel das Epitethon „deutsch“ anzuhängen, und Kaffeemaschine, Universitätsprofessor und Abführmittel haben ihr Lob weg. Der Ursprungsort, der in den meisten Fällen selbstverständlich ist, wird in eine positive Bewertung umgelogen, und das ganze Land kriegt mit der Zeit den Größenwahn. Man kann keine Zeitschrift mehr aufschlagen, ohne daß einem auf jeder Seite dreimal versichert wird, Dieses sei deutsch, Jener habe deutsch gehandelt, und der Dritte habe nach deutscher Art Konkurs oder sonstwas gemacht.

Darin liegt nun nicht nur: Lob des Deutschtums – was noch erträglich und verständlich wäre, sondern der Ausschluß der gesamten übrigen Welt von obgesagten guten Eigenschaften. Das Kinderlied ‚Deutschland, Deutschland über Alles‘ mit seinem Sammelsurium von deutschen Weinen, deutschen Zigarrenkisten und deutschen Fehlfarben hat da viel Unheil angerichtet. „In echt deutscher Treue ...“ Gibt es südamerikanische Treue? Malaiische? Hinterborneosche? Vielleicht gibt es sie, aber sie ist nicht so schön, nicht so garantiert regenfest, nicht so „echt-deutsch“. Ford kann für seine Wagen keine marktschreierischere Reklame machen als diese Echt-Deutschen.

Rührend ist an den Kirchturmnationalisten, dass sie alle wähnen, die gesamte Welt sei mit ihnen einig, bewundere, liebe und fürchte sie. Der Lieblingspoet meines Reichspräsidenten (ich weiß nie, ob er auch noch andre deutsche Dichter kennt), der echtdeutsche Hoffmann von Deutsch-Fallersleben hat es ja schriftlich: jene von ihm benannten Substantive „sollen in der Welt behalten ihren alten guten Klang“. „Moi je prends une erangeade-mais une allemande!“ sagen die pariser Chauffeure.

Aber es gibt ein altes Gesetz: je kleiner die Stationen sind, desto lauter werden die Namen ausgerufen. „Lippoldswerder!“ brüllen die Schaffner, acht Mal. In Berlin ruft keiner. Es versteht sich von selbst.

Ignaz Wrobel