Deutsche Wissenschaft auf Spitzbergen

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Titel: Deutsche Wissenschaft auf Spitzbergen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 31–32
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: gescheiterte Ansiedlungsversuche auf Spitzbergen
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[31] Deutsche Wissenschaft auf Spitzbergen. Auf Spitzbergen überwintern? Zwar ist dieser kühne Plan, zu dessen Ausführung ungewöhnliche Vorbereitungen, das bedeutendste Kriegsmaterial gegen die dort unbarmherzig herrschende Macht des Winterkönigs und wahrhafte Helden gehören, vorläufig durch die Ungunst der Verhältnisse wieder aufgegeben worden, allein doch wohl nur vertagt, denn das wissenschaftliche Interesse, das sich an ihn knüpft, ist ja kein blos momentanes. Darum dürfte es am Orte sein, Einiges von den früheren Ueberwinterungsversuchen auf Spitzbergen zu berichten. Ein Winter auf Spitzbergen bleibt immer ein gar gewagtes Unternehmen, welchem schon viele Menschenopfer gebracht worden sind, so daß man es nach den verschiedensten und hartnäckig fortgesetzten, doch vergeblichen Versuchen, dort während des Winters mit der Macht des Feuers und der Civilisation gegen die absolute Herrschaft des Eises und des Schnees zu kämpfen, lange Zeit für ganz unmöglich hielt, daß irgend ein menschliches Wesen auf Spitzbergen überwintern könne. Gleichwohl erschienen die Vortheile einer bleibenden Niederlassung so groß, daß eine englische Compagnie sich von der Regierung die Erlaubniß auswirkte, zum Tode verurtheilte Verbrecher dort anzusiedeln und sie für einen Winter mit allen möglichen Mitteln gegen die Macht desselben auszurüsten. Sie wurden denn auch wirklich hinübergebracht und mit Haus, Lebensmitteln und Brennmaterial reichlich versehen. Aber als der Capitain sich zur Abreise rüstete und die armen Sünder im heulenden Sturme auf die furchtbaren Eisberge hinter ihnen blickten, umklammerten sie die Kniee des Schiffsbefehlshabers und jammerten mit herzzerreißenden Tönen, daß sie lieber in England am Galgen, statt hier vor Kälte sterben wollten. Der Capitän ließ sich erweichen und die Compagnie erwirkte für sie Begnadigung.

Kurz darauf machten vier deshalb berühmt gewordene Russen den unfreiwilligen Versuch, auf Spitzbergen zu überwintern. Sie hatten sich hierher gerettet und besaßen außer ihren Kleidern nur ein Gewehr und Pulvervorrath für etwaige Schüsse. Doch entschlossen sie sich, es mit dem Winter aufzunehmen. Sie bauten eine Hütte, schossen einige Rennthiere mit ihrem Gewehr und dann anderes Wild mit Pfeil und Bogen, die sie sich aus Treibholz und Harpunen gemacht hatten. Vögel und Füchse wurden in Fallen und mit Netzen gefangen. Auf diese Weise gewannen sie nicht nur Lebensmittel und warme Felle zur Kleidung, sondern auch Waffen gegen die Angriffe unzähliger Eisbären. So gelang es ihnen, sich sechs Jahre lang nicht nur am Leben, sondern auch gesund zu erhalten und zwar auf dem verlassensten und trostlosesten Theile der Insel. Im sechsten Jahre starb einer von ihnen und die anderen Drei verfielen endlich in Verzweifelung, aus welcher sie noch zu rechter Zeit durch ein zufällig nahendes Schiff erlöst wurden. Während ihrer langen Verbannung hatten diese armen Robinsons so viele Bären, Rennthiere, Seehunde und kostbare Füchse getödtet, daß der Ertrag von Fellen und Thran sie zu wohlhabenden Leuten erhob. Diese reiche Ausbeute bewog eine Anzahl von Speculanten, in Archangel eine Compagnie zu bilden, um Reichthümer der Insel durch Erlegung von Seehunden, Walrossen, Rennthieren und Polarbären zu Gelde zu machen. Zu diesem Zwecke rüsteten sie eine Anzahl von unternehmenden Männern und Jägern aus und colonisirten sie in Gruppen von zwei bis fünf Mann auf verschiedenen Küsten und Nebeninseln Spitzbergens. Diese Colonisten standen unter einem Oberaufseher mit dem Hauptquartiere auf der Spitze von Hvalfiske, wo die verschiedenen Jäger jährlich die von ihnen erbeuteten Felle und Thranvorräthe abliefern mußten. Im Mai jedes Jahres schickte die Compagnie ein Schiff mit neuen Vorräthen und Mannschaften hinüber und löste die dort überwinterten Colonisten ab, denn zwei Winter hinter einander hielt es Niemand so leicht aus, so daß sie immer nur einen um den andern dort zu verleben vermochten. Im Jahre 1858 lebte noch zu Kola in Lappland ein weißbärtiger Russe, der nicht weniger als fünfunddreißig Winter auf diese Weise zugebracht hatte. Freilich waren während dieser Zeit viele Hunderte seiner Cameraden von den stechenden Waffen des arktischen Winterkönigs niedergemordet worden, so daß der Engländer Lamont, der Spitzbergen vor einigen Jahren auf Hunderte von Meilen an der Küste durchforschte, nicht selten in diesen furchtbaren Einöden [32] Ruinen von kleinen Holzhütten mit verschiedenen Gräbern davor, auch offen im Schnee bleichende Menschen- und Thiergebeine fand. Aber trotz dieser Menschenopfer erhielt sich die Compagnie über vierzig Jahre lang, da der Gewinn aus den erlegten Pelz- und Fettthieren ein sehr beträchtlicher war, bis endlich doch das ganze Unternehmen im Winter 1851 bis 1852 mit einem furchtbaren Trauerspiele schloß.

Während des Sommers vorher hatte sich eine ungeheure Masse von schwerem Treibeise um die ganze Hvalfiskespitze und die südliche Küste in Ostspitzbergen festgestaut. Die Leute der russischen Compagnie hatten sich von ihren verschiedenen Posten her im Hauptquartiere gesammelt und warteten vergebens auf das jährliche Erlösungsschiff von Archangel. Dieses war auf dem Wege spurlos verschwunden. Das Eis weit umher hielt alle anderen Schiffe während des Sommers ab, nahe zu kommen. Erst zu Ende des August strandeten Norweger hier und suchten an den Gestaden entlang nach russischen Colonisten. Sie entdeckten wohl eine Hütte nach der andern, allein alle ehemaligen Einwohner derselben fanden sie todt und vor ihren Hütten begraben. Vor dem Hauptquartiere sahen sie vierzehn frische Gräber in einer Reihe vor dem Holzhause, und die anderen Männer lagen innerhalb ebenfalls todt, einige auf dem Flure, einer noch im Bett. Letzterer war der Vorsteher gewesen, wie sich aus dem neben ihm liegenden Tagebuche ergab. Es enthielt in furchtbarer nüchterner Prosa die Tragödie ihrer Leiden und ihres Endes.

Schon mit Anfange des Jahres hatte sich ein ansteckender Scorbut unter den Leuten eingefunden, woran viele in ihren verschiedenen Stationen gestorben waren. Die Ueberlebenden hatten sich endlich nach dem Hauptquartier geschleppt und gehofft, durch das Schiff von Archangel bald erlöst und befreit zu werden. Da sich diese Hoffnung von Tag zu Tag, von Woche auf Woche als vergebens erwies, wurden ihre Lebensvorräthe bald erschöpft, so daß sie zum Theil vom Scorbut, zum Theil von den Qualen des Hungers allmählich hinstarben und so lange begraben wurden, wie die Ueberlebenden Kraft dazu besaßen. Endlich blieben nur noch vier übrig. Die ersten Zwei davon, welche starben, konnten von den anderen Beiden schon nicht mehr begraben werden; sie blieben, vor die Hütte geschleppt, offen liegen[.] Die beiden Letzten legten sich zusammen in’s Bett und erwarteten hier ihr Schicksal; der Eine war nach seinem Tode von dem Letzten, dem Vorsteher und Schreiber des Tagebuches, eben nur noch aus dem Bett gedrängt worden, worauf auch dieser bald seinen Geist aus dem ausgehungerten Körper aufgab. Dies war wenige Tage vor Ankunft der Norweger geschehen.

Die Russen besaßen ein großes Galeeren- und mehrere kleine Boote am Ufer im Hafen, aber das Eis hatte jeden Gebrauch derselben nach dem Meere verhindert, und als es gebrochen war, fanden sich die Ueberlebenden bereits zu schwach und ohne Mittel, auf den Fahrzeugen ihre Rettung zu versuchen. Die schiffbrüchigen Norweger benutzten nun das Galeerenschiff, um nach Hammerfest, der nördlichsten Stadt in Europa, zu entkommen. Sie brachten das Tagebuch des letzten Russen auf Spitzbergen mit, das vom russischen Consul in Empfang genommen und nach Archangel geschickt ward. Von da erfuhr die Welt nach und nach von dem schrecklichen Schicksale und Ende der russischen Jäger auf Spitzbergen.

Seit der Zeit hat Niemand wieder den Muth gehabt, einen Winter in dieser furchtbaren Eiswildniß zuzubringen, oder nur Anderen zugemuthet, es zu versuchen. Die deutschen Helden der Wissenschaft, welche sich jetzt zutrauen, es wieder mit diesem Feinde aufzunehmen, werden daher, kommt die von Petermann angeregte Nordpolexpedition später wirklich noch zu Stande, Ursache haben, sich nicht nur gegen alle unvermeidlichen und sicher neun Monate ausharrenden tödtlichsten Gewalten des arktischen Winters doppelt und dreifach auszurüsten, sondern auch daran zu denken, daß ein Heer von Eisbergen die Küsten ringsum den ganzen Sommer hindurch gegen jede Annäherung eines befreienden Segel hartnäckig verschließen könne.