Deutsche Wohlthätigkeits-Gesellschaften im Auslande

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Titel: Deutsche Wohlthätigkeits-Gesellschaften im Auslande
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 720–724
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Deutsche Wohlthätigkeits-Gesellschaften im Auslande.

Die Deutschen sind von jeher Träger und Pioniere der Cultur im Auslande gewesen, leider aber ging früher ihre culturelle Thätigkeit oft der Nation verloren und gereichte nicht selten ausschließlich fremden Völkern zum Vortheil; denn so lange es noch kein deutsches Reich gab, war Deutschland in seiner Zerrissenheit dem Auslande gegenüber machtlos und entbehrte in der Fremde des so nöthigen Schutzes durch die heimathlichen Regierungsbehörden. Zahllose Deutsche im Auslande haben daher im großen Völkermeer jedes Vaterlandsgefühl abgethan, sodaß vollends ihre Nachkommen sich innerlich und äußerlich ganz mit der Nationalität vermischten, in deren Mitte sie ihre neue Heimath begründet. Manche legten schon bald nach der Uebersiedelung ihre deutschen Namen ab und romanisirten, englisirten oder slavisirten dieselben sogar. Man werfe aber darum keinen Stein auf diese Abtrünnigen! In ihrer Schutz- und Hülflosigkeit waren sie vielleicht zu schwach, um dem auf sie geübten Drucke zu widerstehen. Heute, nach Aufrichtung des mächtigen deutschen Reiches, ist die Sache freilich ganz anders und viel besser geworden.

Aber schon lange, bevor dieses heißersehnte Ziel erreicht worden, trat die erfreuliche Erscheinung zu Tage, daß thatkräftige Deutsche mit vereinten Kräften durchsetzten, was der Einzelne nicht zu erreichen vermochte, indem sie durch Privatthätigkeit in’s Leben riefen, was ihnen von obenher gebrach. Dieser Tendenz verdanken wir die deutschen Schutz- und Hülfsgesellschaften im Auslande.

Die ersten derselben entstanden in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in den Hafenstädten Philadelphia, New-York und Baltimore; ihnen folgten solche in den Hauptstädten der alten Welt, in London, St. Petersburg, Constantinopel, Paris und in einer zweiten englischen Stadt, in Dalston, worauf wiederum der Gründungseifer nach Nordamerika zurückkehrte, wo in St. Louis, New-Orleans, San Francisco und Chicago Hülfsvereine gegründet wurden. Bald darauf folgten den zur Linderung materieller Noth gegründeten Zufluchtsstätten solche zur Abwehr politischer Verfolgung: die Schweiz und Belgien.

Nach dem Jahre 1870, welches dem deutschen Reiche seine frühere Machtstellung wieder gab und somit auch die Deutschen im Auslande mit dem Gefühle junger Kraft erfüllte, schossen dann die deutschen Hülfs- und Schutzvereine überall wie Pilze aus der Erde, und kaum irgend eine bedeutende Stadt Amerikas und Europas entbehrt heute eines solchen Vereins. Die Zahl der deutschen Hülfsvereine, soweit sie uns nach den uns ziemlich vollständig vorliegenden Statuten und Jahresberichten bekannt wurden, beläuft sich heute auf 64, deren Entstehen zu fast dreiviertel ihrer Zahl auf die Zeit nach dem Jahre 1871 fällt.

Der erste und älteste aller deutschen Hülfsvereine im Auslande ist die „Deutsche Gesellschaft von Pennsylvanien“. Die Gründung derselben hat ihre eigene Geschichte. Die Gesellschaft verdankt ihren Ursprung der deutschen Einwanderung. Diese nahm ihren Anfang im Jahre 1683; denn die früheren Einwanderer in die englischen Colonien Nordamerikas dürfen nur als versprengte Vorläufer betrachtet werden. Die Anregung aber zu eigentlichen Wanderzügen aus Deutschland gab kein Anderer als Wm. Penn selbst, der dreimal – und zwar die ersten beiden Male vor der Gründung Pennsylvaniens (1671 und 1677) – selbst in Deutschland war, um für seine Secte, die Quäker, Propaganda zu machen und das zu Ehren seines Vaters benannte Land zu bevölkern. Penn predigte in Krißheim bei Worms und erließ ein Manifest (1681), in welchem er die Ansiedelung plausibel machte; alsbald entstanden denn auch in Frankfurt und Crefeld unter den Gläubigen Auswanderungs-Gesellschaften.

Am 6. October 1683 gingen die ersten Auswanderer ab, welche sechs Meilen von Philadelphia, das damals nur einige Häuser zählte, die Stadt Germantown gründeten, und ihnen folgten, dank den damaligen unseligen Zuständen in Deutschland, bald andere Auswanderungszüge nach.[1]

Die großen Zuzüge aus Deutschland beunruhigten die angesiedelten Engländer und drückten wie ein Alp auf ängstliche Gemüther, sodaß James Logan, der berühmte Secretär W. Penn’s, die Befürchtung aussprach, es könne den dortigen Angelsachsen dasselbe Schicksal widerfahren, wie im fünften Jahrhundert den britischen Kelten durch die Angelsachsen. Auch in der englischen Gesetzgebung der Colonie sprach sich durch zum Theil später wieder zurückgezogene Repressivmaßregeln dieselbe Befürchtung aus.

Da nun die meisten Auswanderer zu arm waren, um die gegen 200 Mark betragenden Kosten der Ueberfahrt zu zahlen, so trafen sie mit den Schiffseigenthümern ein Uebereinkommen, wonach sie sich verpflichteten, nach ihrer Ankunft in Amerika ein Arbeitsäquivalent für die Fahrt zu leisten. Ein solcher Dienstcontract war, wie ein lettre au porteur, übertragbar. Ein guter Arbeiter mochte mit drei bis vier Jahren abkommen, die Dauer der Arbeitsknechtschaft konnte aber auch bis zu sieben Jahren sich

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Die Gartenlaube (1882) b 721.jpg

Deutsche Hospitäler im Auslande.
Originalzeichnung von Fritz Stoltenberg.
1. Die Halle der „Deutschen Gesellschaft“ in Philadelphia. – 2. Das „Deutsche Krankenhaus“ in Constantinopel. – 3. Das „Neue deutsche Hospital“ in San Francisco. – 4. Das „German-Hospital“ in Dalston. – 5. Das „Asyl des Wohlthätigkeits-Vereines“ in St. Petersburg.

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ausdehnen, und Kinder blieben bis zur Großjährigkeit Arbeits- feluveu. Der Arbeiter wurde eiufach ^ert, Knecht“ genauut.

Iu den frühesten Zeiten der deutscheu Eiuwauderung kamen derartige Fälle felten vor, zum ersten Male urkundlich lt^, und erst in den vierziger Jahreu des vorigen Jahrhunderts gelangte das System zur volleu Ausbildung und allgemeinen Anwendung. Die Agenten, welche große Provisionen bezogen, hießen „Neu- läuder“, wurdeu aber auch mit dem miuder schmeichelhafteu Namen „ Seeleuverkäufer“ bezeichnet. Wir befitzen von Zeitgenoffen und Augenzeugen so gettane und lebeusvolle Schilderungen dieser Zu- ftäude, daß uns bei der Leetüre derfelbeu geradezu ein Graueu befällt.

Wenn die Schiffe in Philadelphia nach der langen Seefahrt landeten, durfteu nur die Zahleudeu oder durch Bürgen Geschützten das Land betreten. Alle Anderen mußten warteu, bis man sie kaufte, was oft, wenn sie nicht jung und gefuud wareu, wocheu- lang dauerte, foferu sie nicht inzwischen Krankheiten erlagen. Männer mit kranken Fraueu und Fraueu mit kranken Männern mußteu, wenn sie die Ihrigen mit sich zugleich auslöfeu wolltest, für diese durch eine läugere Arbeitsdauer eiuftehen und oft wurdeu gauze Faualieu getrenut, iudem Mann, Weib und Kinder an verschiedeue Käufer gelangteu und Mütter von ihren Kiuderu auf Nimmerwiederfeheu lasten mußteu, weil Letztere, wenn sie das Alter von fünf Jahren noch nicht erreicht hatten, nicht gekauft, fouderu umfouft ausgegebeu wurdeu und dauu bis zum eiuuud- zwauzigsteu Jahre dieuen mnßten. Das Schiff war der Markt des Menschenhandels. dorthin kamen, in Folge der Anzeigen im Philadelphiaer „ Staatsboten“, welcher die Ankunft „frischer, ge- fuuder Waare“ meldete, in großer Zahl, oft zwanzig bis dreißig Wegstunden weit her, die Käufer und handelten um Meuscheu - um unsere deutscheu Landsleute! Es ist iudeffeu zu bemerken daß die Deutscheu in Pennfylvanien sich niemals an diefem Menschen- schucher betheiligt haben.

Zn alledem kam noch ein weiterer abscheulicher Mißbrauch der Rheder . Bei der Abfahrt von Europa wurde zwar das Gepäck der Auswauderer vor deren Augen mit verladen, heimlich aber wieder an's Land gebracht, um entweder gar nicht oder auf später abgeheudeu Frachtlisten uachbefördert zu werden. Es geschah dies, um für die Menschenwaare mehr Raum zu gewiuueu. Die armeu Auswanderer fanden sich dann bei ihrer Aukuuft an den „gastlichen“ Gestaden der ueueu Welt uackt und hülflos, und kamen die Kisten dann endlich an, so wareu sie geöffnet und ihres besten Iuhalts beraubt, häufiger aber bliebeu sie gauz aus.

Man wird fragen wie es gekommen, daß so himmelschreiende Mißbräuche nicht gehörig uuterfucht und durch Bestrafung der Schuldigen abgestellt wurden? Die Antwort giebt Christoph Saur, der unermüdliche Freund und Schützer des Answauderers. „Es war keine Maus“ - fagt er - „die der Katze wollte die Schellen anhängen Die Leute, welche von der Ausbeuwug der Paffagiere ihren Rutzeu zogen, hatten beim Gouverneur mehr Einfluß, als eutrüftete Meuscheufreuude.“

Die gefetzgebeude Behörde erließ zwar im Jahre l'.'i.^ ein Gefetz zum Schutze der Einwanderer, aber es blieb Alles beim Alteu , denn die eingefetzten Infpeewren waren käuflich und drückten ein oder beide Augen zu, foduß, wie Saur fagt, „die Leute zu. weilen nicht mehr als zwölf Zoll Raum und nicht halb genug Brod und Waffer hatten.“

So lagen die Dinge, als sich im Herbste l'^ das jamuter- volle Schauspiel ereiguete, daß gleichzeitig mehrere Emigrautett- schiste in Philadelphia aulaugteu, welche mit Krauken und Ster- b enden befetzt wareu - ein Fall, der sich früher nur auf eiuzelue Schiste beschräukt hatte. Ueber die Zahl der uuterwegs Gestorbeuen wurde nichts berichtet. Iu Folge desseu brachte der „ Staatsbote“ am lg. November eine anonyme Einfendung, welche zur Unter- stützung der Ankömmlinge das öffentliche Mitleid in Aufbruch nahm. Der Herausgeber der Zeitung begleitete das Iuferat mit einer warmen Fürfprache, und dadurch augeregt, trat eine Auzahl deutscher Mäuuer, anfangs ohne alle gesellschaftliche Einigung, zur Linderung der augenblickliche Noch chrer Laudsleute zusammen Da aber voraussichtlich der Aulaß zu ähnlichem Einschreiten öfters wiederkehren mußte, so eutschloffeu sie sich bald darauf, durch die Stiftung einer deutscheu Gefellschaft ihre wohlthätige Wirksamkeit zu einer bleibenden und plaumäßigen zu macheu . . Am zweiten Chrifttage l.'^ Rachmittags vier Uhr eousattarte fich^mit l.^ Mit-

gliedern im Schulchaus der Cherryftraße zu Philadelphia die oben erwähnte erste deutsche Hülfsgefellschaft der Welt unter dem noch heute bestehenden Ramen „Deutsche Gefellschaft von Peunfylvanien“.

Es würde zu weit führeu, hier eine fpeeielle Geschichte der Thätigkeit dieser Gesellschaft zu liefern, und so mag die Bemerkung genügen, daß der Berein zu.ächft ein Gefetz zum Schutze der deutscheu Einwanderer durchfetzte, daß er dauu den Schuluuter- richt, die Krankenpstege und die Armeuuuterftützung unter fesne Fittiche uahm und eine deuache Bibliothek gründete.

Eine Periode der Erschlaffung der Gefellschaft trat während der Jahre l^l^ bis l.^s.t ein, in welcher Zeit die Bereins- verhandlungen fogar in englischer Sprache geführt wurdeu und die Mitgliederzahl erheblich abuahm. Bei der geringen Fürforge der Gesellschast für die Intereffeu der Eiuwauderer eutftaud um jene Zeit eine andere „ Eiuwanderungsgefellschaft“ uebeu der Deutscheu (l!^), alleiu zu Begiuu der sechsziger Jahre hob sich der Bereiu fichtlich und dräugte fomit das Gedächtuiß an jeue uurühmliche Zeit ntehr und mehr in den Hintergrund. - - -

Die zweitältefte deutsche Hülfsgefellschaft im Auslande ist die „Deutsche Gefellschaft der Stadt New-^ork“,“' sie wurden im Jahre l.'^ gegründet und wird fomit in zwei Jahren das Erinnerungsfest ihres huudertjährigen Bestehens feiern, wozu bereits großartige Borbereitungen getrosten werden.

Die „Deutsche Gesellschaft von New-^ork“ verdieut unsere befoudere Beachtung, denn sie steht in ihrer Organifation und Gliederung als ein rühmliches Beifpiel einzig da, und ihre Jahres- berichte find deshalb wahre Fundgruben für alle Auswauderer und Diejeuigen, welche sich für die Auswauderung praktisch oder theoretisch interessiren, sie überragen an Ehrlichkeit, Freimuth und guteu Rath- schlägen alle anderen Monographien über Auswauderung. Die Gesell- schast hat eine vollkommen organisirte Armen- und Krankeupstege, ferner ein Arbeitsnachweifungsbureau , ein Baukdepartemeut und ein Auskunftsbureau, auch steht sie mit einem vor fechs Jahren gegründeten, von der Gesellschaft fuventionirteu Rechtsschutzverein in Verbindung. Das im Jahre l^l.^ begründete Bankdepartement leistet nicht blos den Einwanderern die bedeuteudften Dienste, iu- dem es sich mit Auszahlungen nach Europa, mit Wechfelvermit- telung mit der neueu Welt, mit dem Arraugement von Paffagen über den Oeean und mit Eiulöfung europäischer Anweifungen und Paketbeförderung befaßt, fouderu verschafft auch durch die dafür gezahlten Gebühren und Provifionen der Gefellschaft einen sehr beträchtlichen Theil ihrer Einnahmen.

Die wichtigsten Stützpunkte der Gefellschaft fiud Wards Islaud und gauz befouders Castle Gardeu. Erfterer Ort dieut als vorübergeheude Zustuchtsftätte für kranke und mittellofe Ein- wanderer, wenn nicht, was felten vorkommt, deren Rückfendung in die Heimath geboten erscheint. In den letzten Jahren machten weuig Einwanderer von den Wohlthaten dieses Institutes Gebrauch, was an Allgemeiueu auf den Bermögensftand und die Gefundheit ^ der angekommene Einwanderer einen günstigen Rückschlnß ge- stattet. In Eaftle Garden dagegen müssen alle Zwischendecks- paffagiere gelandet werden. Iedem von ihnen wird hier auf vieruudzwauzig Stnnden ein Unterkommen gewährt, wobei, auch feitens derjeuigen, welche nicht von diefem Unterkommen Gebrauch ' macheu, Name, Herkuuft und Reifeziel augegebeu werden muß. Die Aukömmlinge erhalteu dort bereitwillig für ihr weiteres Fort- kommeu die umfaffeudfteu Iuformatsonen und Nachschlage.

Castle Gardeu wird eiuzig und alleiu von der Dentschen Gesellschast uuterhalten, welche dazu seit l^'^ eine von der Staats- regierung von New-^ork von Jahr zu Jahr' uett bewilligte, ziem- lich geringe Subveutiou erhält. Früher durfteu die Eiuwauderungs- Commiffäre von jedem in Castle Gardeu gelandeten Einwanderer

Zttr Vildung der Wetschen Gesellschast in Rew-'^orl“ traten am ^. August t'.^l dreizehn Männer zusammen, darnnter zwei ehemalige Mitglieder der „Dentschen Gesellschaft von pennshlvanien“. - 0b dte „ 'Deutsche etnwauderungsgesellschast“ in Philadelphia noch besteht, konnte der Verfaffer dieses Artikels nicht tn Crfahrung bringen. Cbenfo wenig ist aus den Onelten der amerikanischen Hülfsgefellschaften zu.ersehen, ob die im Jahre t'^ in Charlestown gegründete „'Dentsche Gesellschaft von Süd-earoliua“ sich noch erhalten hat, welche demnach älter wäre, als ^diejenige von Rew-^ork, oder ob sie sich anfgelöst hat. eine Anfrage des Verfassers an die Adreffe dieser Gesellschaft, deren tn dem Seiden- stricker'scheu Werke „Geschichte der 'Dentschen Gefellschaft von pennfpl-

vanien“ erwähnung geschieht, blieb ohne Antwort, und die Berichte der

Hülssgesellschaften von Nordamerika erwähnen zwar aller anderen Hülfs- gefellschaften welche setzt bestehen, nicht aber derjenigen von Charlestowm [723] ein Kopfgeld erheben, aber das Vuudesgericht hat dieses Gefäcke im Jahre l..^ für uueouftitntioneck erklärt, und so ist die Ge- feckschaft bezüglich der Erhaltung des Itatitutes , so lange nicht die Einwanderungsfrage von Congreßwegen geregelt wird, was schon mehrmals angeregt, aber noch nicht zum Austrag gebracht ist, auf ihre eigeueu Kräfte augewiefen.

Die Attswanderungs-Contmiffäre üben ihr mühevockes Amt mit anfopferungsvocker Hingebung uuentgeltlich , und nur dadurch ist es bisher möglich gewefeu, das für die Sicherheit und den Schutz der Eiuwanderer so nothwendige Infatnt am Leben zu erhalten. Wer alfo nach den Vereinigten Staaten über Rew-^ork einwandert, ist hentigen Dages gottlob! nicht rath- und schntzlos. Riemand verfänme im Loeal der „Dentschen Gefeckschast“, Vroadway .l^, vorzu.prechen , wo er bis in die Details hinein jedenfacks mit gewiffenhastem Rache, wenn nöthig aber auch mit materiecker Unterstützung ansgerüftet werden wird.

Ein vvckes Menschenalter dauerte es, bis mit gleicheu Dendenzett, wie die beideu vorigen, die „Deutsche Gesellschaft von Maryland in Valtimore“ entstand (l^l'.'), und wieder ein weiteres Vierteljahrhundert, bis, diesmal fpeeieck in dem Siune, in welchem zu. Zeit acke europäischen Hülfsgeseckschaften thätig find, der „Dentsche Wohlthätigkeitsvereiu in St. Petersbttrg“ in's Leben gerufen wurde (l. Deeember l...^), zu deffeu Gründung der inzwischen verstorbene l^r. Spieß die erste Idee gab. Wer die Schwieagkeiteu kennt, welche sich der Gründung von ausländischen Vereiueu und Gefeckschafteu in Rußland nnabweisbar entgegen- stecken, der muß die bei der Schöpfung dieses Verbandes entwickelte Energie bewnndern, zu.al das Gründungsjahr in die Zeit der Machtfücke des gewaltsamen und rücksichtslosen Kaisers Rieolans sällt. Der Verein besitzt ein Asyl (Armem und Erziehungshans) sowie ein Arbeitsmagazin und zeichnet sich durch eine mnsterhaste Wirksamkeit aus , die sogar vor Opfern an der Snbftanz des Gefeckschaftsvermögens nicht zuräckscheut, wenn es gilt, wahrhaft nützlich zu wirken. Es gab eine Zeit, wo auch die Kraft dieses Vereins erschlaffte - in den letzten der fechsziger Jahre - und die Mitgliedschaft im Verwaltungsausschuß nur als eine Vrücke für eine Ordensgewährung betrachtet wurde, währeud die Sorge für die Dhätigkeit und für die Mehrung der Kräfte des Vereins wettig galt. Herrn Friedrich von Stein gebührt das Verdienst, die Reorganifation der Geseckschaft angeregt zu haben,' freilich wurde diefelbe dann von Anderen mit Umgehung seiner Perfon durchgeführt. Seitdem haben sich die Einnahmen des Vereins vervierfacht, und das Grund- und Referveeapital hat sich um das Anderthalbsache vermehrt.

Zwei Jahre später (l.^^.l) wnrden in Paris mit allgemeinen denen des Petersbnrger Vereins entsprechenden Dendenzen und in Constantinopel fpeeieck für Hospital- und Krankenzwecke Hülfsvereine gegründet. Subventionen genießt der letztere Verein nicht, hat aber die freie Venutzu.g des vom Reiche erbauteu Krankenhanfes, in welchem Diakoniffen wirken.

Die beiden folgenden Gründungen entstanden auf englischem Voden . das „Gerntan-Hospitak in Dalston“ (lt.^) und die „Deutsche Gefellschaft der Wohlthätigkeit in London“. Erfteres, in gefnnder, anntnthiger Gegend und in der Rähe des großen Platzes ant Westend von London belegen, ward auf Grnnd einer unter Proteetion der verstorbenen Königin Elifabeth von Prenßen, Gemahlin des Königs Faedach Wilhelm des Vierten, weiter verfolgten Idee am l.^. Oetober l..^.', dem Gebnrtstage des Königs, dem Verkehr übergeben. Das Provinzialkotnite, welches den ersten Vau und die Verwaltung geleitet, erkannte im Jahre l.^l) die Rvthwendigkeit einer Vergrößerung deffelben und beschloß einen Renbau, der auch im großen Garten des alten Hospitals unter Leitung des Herrn Architekten Grüning und Profeffor Donaldfon im Jahre begonnen und .l'^t.i vockendet wurde. Das

nene Hospital wurde genau ^t.. Jahre uach der Eröfnmug des alten mit .ll.^ Vetten dem Verkehr übergeben, denen später !^ Vetten hittzugefügt wurdeu. Das Hospital kostet mit ackem Zubehör ^ao,aaa Mark.

Die Deutsche Gefeckschaft der Wohlthätigkeit in London“ ist zwar schon .l'^l'^ gegründet, beschränkte aber ihre Wirkfantkeit bis zu. Statntenäüderung t^'i.' lediglich auf Mitglieder der Ge- feckschaft selbst. Diefes Institnt fowohl wie das zu.Dalston ist so bedentend und großartig, wie die vorerwähnten Schöpfungen, und die Wirksttmkeit des Präfidenten des Londoner Vereins, H. Charles f

Duchntann, muß, nach den ackgemein rühmeudeu Erwähnungen seiner Person, eine ungemein erfolgreiche gewesen sein.

Von den weiteren Vereinsbildungen in St. Lo nis und Rew- Orleans st^'. sowie in San Franeiseo ^b..!.) wocken wir nur noch der letzteren speeieck gedenken, . weil die „Ackgemeitte deutsche Unterstützu.gsgefeckschaft von San Framisko“ neben dem „German-Hospital von Dalston“ an Mitgliederzahl und Jahres- bndget die größte der Welt ist. Die Gefeckschaft zählt doppelt so viel Mitglieder, wie der nach ihr größte Verein von Dalston, be- zieht keine Snbventionen wie dieser und hat gleichwohl aus sich heraus, trotz ungestörter Wirksamkeit in ihrer statntenmäßigen Dhätigkeit, im Jahre l^l die enorme Snmme von ..^,^ Mark für die Kriegsverwnndeten nach Deutschlaud seudeu köuueu. Das Jahresbudget der Geseckschast erreicht fast dassenige von Dalston.

Sämmtliche amerikanische und der St. Petersbnrger Hülss- verein dehnen ihre Wohlthätigkeit aus acke Personen dentscher Zünge, also auch DentschOesterracher und Dentsch-Schweizer aus, die Krankenhänser in Dalston und Constananopel und der Loudouer Hülfsverein auch nöthigenfacks auf Angehörige anderer Rationen. Daffelbe geschieht Seitens der „Dentschen Gefeckschaft in Rew-^ork“.

Außer den gedachten Hülfsgefeckschaften bestehen noch folgende^ in Chieago (.l^, .Züach (l^^, Vrüffel, Vera, Vafel (lt^, Genf, Aaran (.l^, Livorno (l^^, Malaga, Mai- land, Trieft (l^l), Chnr, Lanfattne (l^), Renenbnrg, Chanr.defouds, Rizza, Voston, Madrid (l^, Stockholm (l..^, Wien (l..^), Chieago, Winterthttr, St. Gacken (l^), Havre (l^g), Kairo, Milwankee (l^), Florenz (t^l'U.., Cineinnati, Pittsburg', Cannes, Vnenos Ahres, Lima, Rio de Ianeiro, Santiago , Porto Alegre , Antwerpen , Lüttich , . Aneona , Rom, Genna, Reapel, Liffabon, Bukarest, Iaffh, Moskau, Odeffa und Vareeloua. Hierau schließeu sich, feit das deutsche Rationalgefühl auch auf englischem Voden lebendig geworden, d. h. feit dem Jahre lt^l.. , folgende Londotter Instante an. die „Dentsche Herberge in Finsbnrh-Sgnare.“, eine wahre Wohlthat für acke Renankömmlinge aus Dentschland, das „ Detttsche Waifenhans“, das über eine Jahreseinnahme von .lk^l.tl.“ Mark und an Statttnt- vermögen von tl^,l.^ Mark gebietet, fowie die im vorigen Jahre gegründeten „ Daheim der dentschen Gouvernanten“ (....^bmm eck '.^rmt.rn (.i^rtt^^^) und ..'.^orckon llm.mo“, in welchem deutsche Dieuftmädchen bickige Uuterkuuft, Schutz und uueutgeltlicheu Arbeits- nachweis erhalteu.

Um einen Ueberblick über die Wirksamkeit acker dieser Hülfs- vereine zu.gewähren, lasten wir hier eine knrze Znfammeusteckung folgett .

Die Zahl der Mitglieder acker dieser Vereine zu.ammen be- trug im Jahre l.^.Vl) l.^t^t.t, und auf jedeu Vereiu katnett deren dnrchschnittlich ^ll. Der Jahresbeitrag schwankt zwischen ^l Mark (einige schweizeasche und einige italienische Vereitte) und ^.l.' Mark (Rew-^ork und San Franasko). Es betrugen im Jahre t.^l.' die Gefammteinnahmen dieser Vereitte l,.^,t^ Mark, die Ge- fammtansgaben .l,lb^,g^l.l Mark, während das Grnndeapital und die Realitäten der Vereine einen Gefämmtwerth von ^l.^.'^l.B Mark darftecken.

Unter den dentschen Hülfsvereinen im Auslaude befiuden sich einige, welche noch der Statntett entbehren und nur eonstdentieck unter Leituttg der Coufulate verwaltet werden, wie diefenigen in Aler.andaa und Havre, während attdere sich nur noch Unterftützu.gs- raffen nennen und noch andere Filialvereine find. Dagegen haben ^ wieder die größeren Vereitte Zweig- und Frauenvereiue zur Seite, wie Chieago. Sämmtliche Statuten und Jahresbeachte fiud in deutscher Sprache abgefaßt, und nur der Verein von Dalston macht eine kauttt zu.rechtfertigende Ausnahme, zumal das Hospital aus- schließlich deutsche Ofstaantett hat und von deutschen Diakonissinnen bedient wirb wie auch .das Hospital in Constantinopel.

Mehrere Vereine haben Vertrauensmänner eingefetzt , welche gewählt werden und die Aufgabe habeu, durch Erkundigungen ^ möglichst an Ort und Stecke die Verechtigung der Vittgefuche und die Würdigung der Peteuten zu.prüfen, eine vortreffliche Einachtung, die befonders in St. Petersburg gut orgauistrt ist und ihre Früchte trägt. Die anteakanischen Gefeckschaften haben dagegen angesteckte und bezahlte Agenten und Generalagenten für diese Zwecke.

Fast acke Vereine, auch die in den entserntesten Ländern, klagen in ihren Verichten über die Veläftigungett des internationalen [724] Bummlerthums, welches allenthalben unter dem Deckmantel des „armen Reisenden“ an die Wohlthätigkeit appellirt, und vielen Ortes, z. B. in der Schweiz, Odessa, Constantinopel und Barcelona, haben die Vereine beschlossen, sich der Unterstützung solcher Individuen möglichst zu entschlagen und den Nothstand der angesessenen Deutschen in erster Reihe zu berücksichtigen.

Zu den Vereinen, die, abgesehen von der Verfolgung ihrer nächsten statutenmäßigen Zwecke, auch sonst des deutschen Vaterlandes in der Noth mit Wärme sich erinnern, gehört der von Mailand, wo die deutsche Colonie 1871 reiche Sammlungen für die Verwundeten (gegen 14,000 Franken) veranstaltete.

Wir können unseren Bericht nicht schließen, ohne außer den schon erwähnten noch einige Männer zu nennen, die sich um die Vereinsthätigkeit besonders verdient gemacht haben. Zu ihnen gehören – es soll durch diese Namen die Tüchtigkeit vieler Anderer nicht in Schatten gestellt werden – der Botschaftsprediger Fuhle in Constantinopel, Heinrich Blind in Genf und Pfarrer Greber in Kairo, welcher letztere nicht allein den dortigen Verein gegründet, sondern auch zur Erbauung eines deutschen Hospitals im vorigen Jahre durch Sammlungen ein Capital von fast 50,000 Mark aufgebracht und von der ägyptischen Regierung die unentgeltiche Hergabe eines geräumigen Bauplatzes erwirkt hat.

Mögen die deutschen Wohlthätigkeits-Gesellschaften im Auslande zur Ehre des Vaterlandes und zum Heile unserer bedrängten Landsleute in der Fremde nach wie vor kräftig blühen und wachsen, und so auch die aufopferungsvolle Mühe und Treue Derer lohnen, welche dem Ausbau und der Verwaltung dieser humanitären Vereine ihre besten Kräfte widmen!



  1. Besonders stark waren die Bedrückungen auch in Württemberg, und aus diesem Lande gingen Massenzüge von Auswanderern nach Amerika ab, das erste Mal 1709, dann wieder 1717. In einzelnen Jahren, wie 1711 und 1716, war die Auswanderung sehr stark; im Herbste 1749 langten 25 Schiffe mit deutschen Einwanderern in Philadelphia an, und der Reisende Kalm veranschlagt die damalige Zahl derselben auf 12,000. Auch 1750 und 1755 kamen wieder viele Schiffe mit Auswanderern und im Jahre 1752 waren unter den 190,000 Bewohnern des Landes 90,000, im Jahre 1755 unter 220,000 fast die Hälfte Deutsche.