Deutsches Lied (Die Gartenlaube 1867/32)

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Deutsches Lied
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 512
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: „Re Bomba“ und ein deutsches Lied
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[512] Deutsches Lied. Wo ich auch Deutsche traf, da fand ich, daß in einer Beziehung sicher bei allen das Vaterland noch immer an den Sohlen haftete, so weit sie auch gewandert sein mochten, nämlich in der Liebe zum – deutschen Lied. Sogar dort, wo die politischen Zustände jeglichem Vereinswesen mehr als ungünstig waren, wie z. B. unter dem eisernen Scepter eines autokratischen Nikolaus und eines bourbonischen Ferdinand’s von Neapel – unter dessen Bombenregierung sogar lithographirte Visitenkarten die Censur passiren mußten – auch dort fand ich blühende deutsche Vereine und hörte die zündenden Freiheitslieder unserer besten Dichter erschallen. Bei den Eingebornen genossen diese Vereine stets die größte Achtung, und gar manche hochgestellte Persönlichkeit rechnete es sich zur Ehre, zu einem „gemüthlich-vergnügten“ deutschen Gesellschaftsabend oder sonst einer Vereinsfestlichkeit geladen zu werden.

Zu einer Zeit, wo in den meisten Monarchien Europas das „Ordnungsmachen“ an der Tagesordnung war und wo namentlich Rè Bomba seine chers frères et cousins in diesem Geschäfte zu überflügeln trachtete, im Jahre 1851, fand ich in Catanzaro in Calabrien das Erhebendste, was mir je von deutschem Vereinswesen bekannt wurde. König Ferdinand durchzog damals an der Spitze des größten Theils seines Heeres – an der Tête desselben die Söldnerschaaren der republikanischen Schweizer – gleichsam im Triumphzug seine Provinzen diesseits des Faro, dessen Hauptzweck indeß eine Generalrazzia auf die noch restirenden „Unzufriedenen“ war.

Sein Weg führte ihn natürlich auch nach Catanzaro, dieser Stadt auf hohem Bergrücken, und er mochte wohl nicht wenig staunen, dort an einem Sonntag-Nachmittag auf einem seiner Ausflüge, die er gewöhnlich blos in Begleitung seines ersten Favoriten, des Schweizer-Obersten Steiger, machte, in seiner Nähe: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“ im gelungensten vierstimmigen deutschen Männerchor singen zu hören. Da der König im Felde gewöhnlich die einfache Uniform eines Infanterieobersten trug und, wie gesagt, ohne alles Gefolge war, so vermutheten die deutschen Sänger natürlich in dem sie freundlich grüßenden Militär durchaus nicht den „Schrecken“ des ganzen Landes und sangen auf sein Verlangen gern dasselbe Lied da capo und nachher noch mehrere andere.

Der König, der deutschen Sprache vollkommen mächtig, unterhielt sich über zwei Stunden mit unseren Landsleuten auf’s Angenehmste und bekam in seinem Incognito gar manche bittere Wahrheit zu hören, ohne deshalb aus demselben herauszutreten. Als jedoch Herr Wild, ein feingebildeter Elsässer, vom feurigen Wein der Gegend begeistert, sich etwas zu hoch in die politischen Tagesfragen zu versteigen begann, da nahm der König Abschied von den deutschen Sängern und zwar mit folgenden Worten: „Meine Herren, es waren die schönsten Stunden, die ich auf diesem Zuge verlebte; ich danke Ihnen von Herzen dafür und wünsche, daß Sie hier, wenn auch ohne mich, noch recht viele Jahre zu Ihrem und des Landes Nutzen stabil bleiben möchten. Singen und sprechen Sie deutsch, was Ihnen beliebt, nur hüten Sie sich, Ihre Reden und Lieder in der Sprache der Landeskinder verlauten zu lassen, denn wenn dies der König erführe, könnten Sie leicht ‚fern von Madrid‘ – Sie sehen, ich kenne Ihren Schiller auch – ‚Zeit zum Nachdenken über die heutigen Stunden erhalten‘. Leben Sie wohl, meine Herren!“

Des andern Tags bezog eine Brigade in Catanzaro Quartier. Die Stadt war im obligaten Festschmuck. Die gewöhnlichen Empfangsfeierlichkeiten fanden statt, denn Ferdinand zog heute officiell in die Stadt ein. Selbstverständlich war die ganze Stadt auf den Füßen, um ihren „lieben“ Landesvater zu bewillkommnen, und wer beschreibt den Schrecken unserer vierzehn deutschen Sänger, als sie in ihrem Gast von gestern den gefürchteten König erkannten! Herr Wild und zwei Preußen reisten sofort nach Messina ab, um so schnell als möglich nach Marseille abdampfen zu können, und die Uebrigen mochten wohl lange Zeit Damoklesqualen geduldet haben.

Diese vierzehn Deutschen, die trotz bourbonischer Galeeren- und Henkerregierung hoch über der Bucht von Squillace deutsches Lied und deutsche Sitte gepflegt hatten, verdienen sicherlich das höchste Lob, und um so mehr, als nur sechs von ihnen in Catanzaro selbst wohnten, die übrigen acht aber jeden Sonntag von Monteleone, Squillace und andern Ortschaften über Berg und Thal oft mehrere Stunden weit herbeipilgerten, um den heimathlichen Laren zu opfern. Es war dies jedenfalls eine größere Aufopferung, als die der Deutschen in der Weltstadt an der Themse, die mitunter auch meilenweit vom Vereinslocale entfernt wohnen, dafür aber die guten und billigen Communicationswege zur Verfügung haben, welche in Calabrien heute noch zu den unbekannten Dingen gehören.