Ferdinand Freiligrath (Die Gartenlaube 1867/32)

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Titel: Ferdinand Freiligrath
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 511–512
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Ferdinand Freiligrath
Blätter und Blüthen
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[511] Ferdinand Freiligrath. Fern vom Getümmel des eigentlichen London – doch vermittels der den Nordosten der Stadt umspannenden Eisenbahn nicht allzuweit von der City – liegt die Vorstadt Hackney Wick, seit Jahren der Wohnort des Dichters, dessen Name in diesem Augenblick wieder durch Deutschland hallt. Zwei Mal schon – vor 1848, als er sein Glaubensbekenntniß geschrieben hatte, und dann wieder nach dem Sturze der Revolution, ist Ferdinand Freiligrath auf englischen Boden verschlagen worden. Auf englischem Boden sind einige seiner kraftvollsten politischen Lieder, einige seiner gewaltigsten Gesänge entstanden. Hier aber hat er auch mit eisernem Fleiß durch kaufmännische Thätigkeit, durch jahrelange rastlose Arbeit auf der „Schweizer Bank“, der er als Verwalter vorstand, für die aufblühende Familie eine schöne Häuslichkeit geschaffen, bis mit der Schließung jenes Finanzinstituts sein Posten einging und an die Nation die Pflicht herantrat, dem bisher in’s Joch gespannten Dichter den vollen „Flügelschlag der freien Seele“[WS 1] wieder möglich zu machen.

Von der Hackney-Station bis zu Freiligrath’s Hause sind es einige Minuten. Der Weg führt über einen ländlichen Kirchhof, in dessen Mitte ein altersgrauer Thurm ragt. Enge, winkelige, doch saubere Straßen bilden die Umgebung. Weiter hinaus dehnt sich eine freundliche Landschaft und fließt der stets mit zahlreichen Booten belebte Fluß Lea. Das Haus des Poeten, an dem wir nun angekommen sind, ist nach englischer Weise am Eingang mit zwei Stucco-Säulen geziert. Vor- und Hintergarten mit Busch und Bäumen verleihen der behaglichen Wohnung ein ländliches Aussehen. Tritt man hinein, so fühlt man sich sogleich vom Geiste des Kunstsinns angeweht. Die Zimmer sind vielfach mit den besten Kupferstichen geziert, und auch in zahlreichen Mappen findet der harrende Gast manchen Anhaltspunkt des Kunstgenusses.

Ich habe Freiligrath zum letzten Male vor etwa sechs Monaten gesehen. Trotz seiner sechs- oder siebenundfünfzig Jahre fand ich ihn von kräftigster Haltung, einen starkgebauten Mann; noch ganz volles langes Haar, nur erst mit Grau durchmischt; die Gesichtszüge von jener eichenhaften Festigkeit, die den Söhnen der „rothen Erde“, seiner Heimath, aufgeprägt ist. Im Auge gelegentlich einen Blitz, der den Dichter unverkennbar verkündet. Sein Auftreten erinnert sofort an das Burns’sche „Trotz alledem“, das Freiligrath so schön übertragen hat.

Seine treue, vielseitig gebildete Gattin, seine schön aufgewachsenen Töchter und Söhne bilden einen angenehmen Kreis um ihn her. Eine einfache, aber herzliche Gastlichkeit charakterisirt das Haus sofort als ein deutsches, während in Folge langjährigen Aufenthaltes auf britischem Boden das englische Sprachelement sich im Kinderkreise stark eingebürgert hat.

Eine milde Festigkeit, gepaart mit Zurückhaltung: das ist der erste Eindruck, den man von dem Dichter empfängt, der einst den Pegasus der Revolutionspoesie so wild tummelte. Bei öffentlichen Gelegenheiten ist Freiligrath in London nicht aufgetreten; die Gabe des gesprochenen Wortes, der freien Anrede vor einem „Meer von auswärts gewendeten Menschenantlitzen“ geht ihm ab. Auch beim ersten Begegnen thut sich sein eigenstes Wesen nicht leicht auf. Er hat darin etwas von Uhland. Doch im engeren Freundeskreis, wo er sich gehen lassen kann, fließt ihm die Rede leicht, und dann verwandelt sich die sinnige Scheu in Offenheit und der Sohn Apoll’s giebt sich ungezwungen in Ernst und Scherz. Freiligrath ist eine tiefe und ernste Natur. Es wohnt ihm dabei eine reiche Ader des Humors inne – oft so neckischer Natur, daß es fast als ein Räthsel erscheint, daß sich diese Seite seines Geistes in seinen Dichtungen kaum wiederspiegelt. Erinnert man sich, wie schwere und für einen Dichter doppelt anstrengende, weil seinem Charakter so wenig entsprechende Arbeitslast auf Freiligrath seit Jahren gelegen, so frappirt diese Neigung zu heiterem Frohsinn um so mehr und verleiht seiner Unterhaltung einen erhöhten Reiz.

Nach dem Sturz der Freiheitshoffnungen wollte Freiligrath bekanntlich nach Amerika übersiedeln. Das Gedicht: „Ein Weihnachtslied für meine Kinder (vor meiner Ausweisung 1850)“ giebt darüber poetische Meldung:

„Ade, ade! Das alte Weh!
Wer weiß, an was für Wellen
Wir über’s Jahr, Rauhfrost im Haar,
Die Weihnachtstanne fällen!
Vielleicht auf’s Neu umfängt sie treu
Alt-Englands werther Boden;
Doch sichrer ist, sie steht zur Frist
Am Hudson in den Loden.“

Bitterer ist einer der Schlußverse:

„Drum muß es sein, und stößt der Rhein,
Euch aus, ihr Vagabunden:
Der neue Heerd, der feste Heerd,
Er wird euch doch gefunden!
Dran wurzelt ihr, und lacht, das hier
Uns hudelt, des Gelichters: –
Die Heimath blos macht heimathlos
Die Kinder ihres Dichters!“

Schließlich verblieb Freiligrath in der Weltstadt an der Themse. Sein Leben ist ihm daselbst seit sechszehn Jahren in ziemlicher Einförmigkeit verflossen [512] Die abstumpfende Arbeit in der City hat zwar seinen gestählten Geist nicht niederzudrücken vermocht, doch ist sie dem dichterischen Schaffen nicht günstig gewesen.

Freiligrath’s politische Gesinnungen sind bekannt; er hat sie in zahlreichen scharfen Gedichten niedergelegt – die schärfsten, welche Deutschland auf diesem Felde besitzt – und er macht auch jetzt aus seinen Gesinnungen kein Hehl. Unter den Londoner Deutschen sind er und Karl Blind die entschiedensten Repräsentanten der Freiheitspartei; die beiden Männer, durch persönliche Freundschaft eng verbunden, halten treu und fest zusammen. Des demokratischen Agitators mit klugem Sinn gepaarte Kühnheit, sein tiefes, umfassendes Wissen, seine eindrucksvolle, aus überzeugtem Geist strömende, stets durchschlagende Rede, wie auch seine gefühlswarme Neigung zu Poesie und Kunst, die bei aller schneidenden Principschärfe in ihm waltet, hat zwischen ihm, der in der Frische der Manneskraft steht, und Freiligrath seit Jahren ein immer enger werdendes Band geflochten. Ebenso freundschaftlich nahe stehen sich Freiligrath’s literaturkundige Gattin und die von philosophischem Geist getränkte Gemahlin Karl Blind’s, beides Frauen, die in Würde und Anmuth einer anziehenden Häuslichkeit walten.

Es ist Freiligrath während der Exiljahre nicht vergönnt gewesen, den Musen viel zu opfern; nur gelegentlich brach der mächtige Lyraklang bei ihm wieder durch – so in seinem episch-großartigen Gesang: „Die Revolution“ – in seinem Gedicht auf den Tod der Frau Johanna Kinkel – in seiner Schiller-Cantate, die er bei dem Nationalfeste im Jahre 1859 schrieb und die, von Pauer componirt, im Krystallpalast zu Sydenham, wie auch bei den deutschen Festen in den Vereinigten Staaten vorgetragen wurde. Laßt uns hoffen, daß der Dichter, sich selbst wiedergegeben, nochmals am Abend seines Lebens in die Laute greifen und den Saiten mächtige Töne entlocken wird!

     R–g, im Juli.
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Anmerkungen (Wikisource)

  1. aus „Aus den Bergen“ von Georg Herwegh.