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Deutsches Schauspiel zu Venedig (Fliegende Blätter Nr. 2)

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Textdaten
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Autor: August Gottlieb Meißner
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Titel: Deutsches Schauspiel zu Venedig
Untertitel:
aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 2, S. 9–12
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
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Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: MDZ München, Commons
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Deutsches Schauspiel zu Venedig.


Alexander, Erbprinz von W., hatte den Einfall, den schon mancher deutsche Prinz gehabt, Italien zu durchreisen; ob aus Begierde sich umzusehn, oder gesehen zu werden, das weiß ich nicht. Genug! er reiste, und zwar in der Gesellschaft eines der einsichtsvollsten Deutschen, des Kammerherrn von E.

Man erräth leicht, daß auch Venedig auf dieser Reise nicht unbesehn blieb; und diese prächtige, in mancherlei Betracht einzige Stadt gefiel dem Prinzen so wohl, daß er weit über die bestimmte Zeit in ihr verweilte. Freigebigkeit und Sanftmuth machten ihn überall beliebt, und bald befand er sich mit den vornehmsten Familien in einem gesellschaftlichen Zirkel, der von mancher Annehmlichkeit begleitet ward.

Nur etwas war kränkend für ihn! So oft er sich zu einem der ersten Nobili eingeladen sah, so oft ward auch das Fest durch ein kleines italienisches Schauspiel beschlossen und in solchem dieser oder jener deutschen Sitte gespottet.

Der Prinz, der sich hier nicht der Gewalt, wie in seinem Vaterlande, erfreuen konnte, ertrug es unwillig, aber doch stillschweigend, und alle seine Begleiter, bis auf den einzigen Kammerherrn, folgten dem Beispiele.

Dieser hingegen, bewußt seiner inneren Würde und der Erhabenheit seines Volkes, betheuerte oft gegen seine Freunde, daß er diesen Schimpf zu rächen gedenke, und daß blos der Gedanke an die rachsüchtige Gemüthsart der Landesbewohner, ihn bis jetzt von einem Anschlage, der schon zur Reife gediehen, zurückhalte.



Indessen nahete sich der Augenblick des Abschiedes, und der Prinz lud noch den Tag vor seiner Abreise all die bisherigen Gesellschafter zu sich, um ihnen den Dank für ihre Gastfreiheit abzustatten. – Sie fanden sich zahlreich ein; der ganze Tag floß in Wohlleben dahin; die Abendtafel war schon geendet, und man war eben im Begriffe, sich an [10] die Spieltische zu lagern, als der Kammerherr von E. die ganze Gesellschaft auf’s höflichste anredete.

„Sie hätten, sprach er, so oft das Auge und Ohr des Prinzen, seines Herrn, durch Schauspiele ergötzt, die nicht anders als gut ausfallen können, da sie italienisch gewesen wären. Zwar sei es ihm unmöglich, mit gleich guter Münze Zahlung zu leisten; doch würde es ihm schmeicheln, wenn sie heut ein deutsches Stück, so gut es hier möglich zu machen, auf einige Augenblicke ihrer Aufmerksamkeit würdigten.“

Alle, selbst der Prinz, staunten. Zwar errieth dieser etwas von dem, was folgen könnte; aber wenigstens folgte er, mit nicht minderer Neugier, seinem Kammerherrn nach, der die Gesellschaft in den Hof des Hauses herunter führte.

Ganz in der Vertiefung desselben sahen sie eine Art elender Bretterbude zusammengefügt, vor welcher rings umher Stühle standen. Man ließ sich höhnisch lächelnd nieder, der Vorhang ging auf, und das spöttische Flüstern mehrte sich, denn der Schauplatz stellte eine ziemlich enge Straße vor, in welcher einige hin und wieder zerstreute Lampen das Düstere der Nacht schier noch vermehrten, als erleuchteten.

Endlich erschien ein deutscher Reisender, einfach, doch gut gekleidet, mit einem Gurt umschnallt, in welchem zwei Pistolen steckten; er sah sich überall neugiervoll, wie ein Mann, der sich an einem fremden Ort befindet, um, und ein kleiner Monolog bewies es bald unumstößlich.

„Er komme, sagte er, in tiefer Nacht hier zu Siena an, und sei ungewiß, ob er noch irgendwo Einlaß finden würde. Müde von der weiten Reise verlange er freilich nach Ruhe, aber kaum würde sie ihm dießmal zu Theil werden. Je nun! besser sei freilich besser: doch ein kleines Uebel ließe sich leicht erdulden, zumal wenn man ein Deutscher sei. – Denn was sei wohl diesem Volke unerträglich!“

„Ha! geirrt! (strafte er sich selbst:) Es ist wahr, wir ertragen ziemlich viel: Hunger und Durst, Hitze und Kälte, Gefährlichkeiten des Krieges und der Reise; nur etwas nicht, was doch sonst die Wollust mancher weichlichen Völkerschaft ausmacht; – ein Leben ohne Beschäftigung! – Möchte doch diese Nacht noch einmal so lange seyn! – Möchte doch der Schlaf mein Auge noch einmal so schwer drücken! Beschäftigung her! und ich wache gern. – – – Aber hätte ich denn gar keine? Ist hier nicht Licht? Habe ich nicht ein Buch? Freilich ist der Ort nicht der bequemste; doch was thut der zur Sache!“

Sogleich zog er ein Buch aus der Tasche, trat unter die nächste Laterne, und las. – Er hatte kaum angefangen, so zog ein andres aus einem Quergäßchen hervorkommendes Wesen die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich. Es war eine lange, weiße, gleichsam schwebende Figur, die den Deutschen sorgfältig von allen Seiten betrachtete, noch sorgfältiger von ihm gesehen zu werden vermied, sich endlich, da sie ihn emsig im Lesen vertieft sah, so nahe als möglich zu ihm wagte, über seine Schultern mit ins Buch schaute, und ihr Erstaunen über solches durch Mienen deutlich an den Tag legte.



Der Deutsche hingegen fand bald, daß Lesen eine Beschäftigung sei, die unter freiem Himmel, in so schwüler Nacht, und nach so weiter Reise nur noch mehr ermüde; seine Augen wurden immer schlaftrunkner, und er steckte mißvergnügt sein Buch wieder ein.

„Ist es denn aber wirklich so spät, daß Niemand mehr zu ermuntern seyn sollte!“ brach er etwas ungeduldig heraus, zog seine Repitiruhr hervor, ließ sie schlagen, und es schlug zwölf Uhr.



[11] Mit jedem Schlage wuchs das Erstaunen des dahinter stehenden Geschöpfes, und aus seinem Blick sprach die dringenste Neubegier.

„Zwölf Uhr erst? murmelte der Deutsche; das ist so spät eben nicht in einem Lande, wo man nur allzugern die Nacht zum Tage macht. – Vielleicht erwecke ich noch irgendwo eine eigennützige oder mitleidige Seele!“ Er schlug an alle Hausthüren; aber vergebens!

„Nun denn! rief er zornig, weckt Klopfen euch nicht, vielleicht thut’s dieß! – Hier zog er eine Pistole heraus, und drückte sie ab. Die Todtenstille der Nacht verstärkte den Schall; das arme weiße Ding bebte zurück, und sein lauter Schrei machte, daß der Reisende sich umsah.



Zwar zeigte seine erste Miene, daß eine Figur, wie diese, ihm kein ganz alltäglicher Anblick sei; aber doch faßte er sich bald, winkte ihr, näher zu kommen, und fragte: Wer sie sei?

„Laß das jetzt noch! erwiederte sie, und nahte sich: du sollst es bald hören; genug, daß ich dir nichts thun werde.“

„Und wer befürchtet das? antwortete der Deutsche lächelnd. Dein Ausruf hat deine Zaghaftigkeit deutlich genug charakterisirt, und ich wette, du bist nicht weit von hier zu Hause.“

„Getroffen, wenn du von ehemals, und gefehlt, wenn du von jetzt sprichst! – Aber wenn du anders mit mir reden, und erfahren willst, wer ich sei, so beantworte zuvor mir einige Fragen.“

„Warum das nicht? Sag’ an!“

„Du lasest vorhin ein Heft, voll so krauser, sonderbarer Figuren, als ich noch nie sie sah; geschrieben konnte das doch nicht seyn?“

„Das war’s auch nicht. – Du wirst doch Gedrucktes kennen? “

„Gedrucktes? – Gedrucktes? – Nein! der Begriff ist mir ganz fremd. Sage mir doch, wodurch unterscheidet es sich denn vom Geschriebenen?“

„Dadurch, daß 150 Menschen kaum die Hälfte von dem schreiben, was ein einziger in gleicher Zeit druckt; daß der Druck schöner, gleicher und dauerhafter, als jenes, und doch der Preis von ihm kaum den sechsten Theil des Erstern beträgt.“

„Wichtige Vortheile! in der That sehr wichtige! rief das fragende Ding, und legte bedächtig den Spitzfinger der linken Hand über die gebogene Nase. – Eine Erfindung, durch welche Literatur und Kunst an Mittheilbarkeit mächtig gewonnen haben müssen!“

„ Allerdings!“

„Und der Erfinder dieser nützlichen Sache – ich habe die möglichste Hochachtung für ihn – wer war er?“

„Ein Landsmann von mir, ein Deutscher.“

„Du ein Deutscher? Er dein Landsmann? Fürwahr! er macht dir Ehre; es muß ein trefflicher Kopf gewesen sein! Ich wollte viel darum schuldig sein, daß er der meinige gewesen. – Doch hiermit ist meine Neugier noch nicht gestillt. – Du hattest da auch ein anderes Ding, das zum Erstaunen richtig die Stunde angab; was ist denn das?“

„Was sonst, als eine Taschenuhr!“

„Taschenuhr? Hm! zu meiner Zeit kannte man nur Sonnen-, Sand- und Wasseruhren; aber trotz ihrer Größe, Unbequemlichkeit und Kostbarkeit waren sie noch höchst wandelbar und ungewiß. – Ich dächte, ein Ding so in der Tasche bei sich zu führen, und so zuverlässig in seiner Anzeige müßte ein herrliches Hilfsmittel auf weiten Reisen abgeben, und dem Wanderer und Handelsmann gleich nützlich sein.“

„Es freut mich, daß du so schnell den Nutzen von Dingen erräthst, die dir zu meinem Erstaunen ganz fremd sind. – Wer bist du denn? Du sagtest vorhin: zu deiner Zeit; was ist denn das für eine Zeit?“

„Ei, was! Neugier steht einem Manne übel an! – Sage mir lieber, wer erfand das?“

„Auch ein Deutscher.“

„Das brave Volk! Es verdient mein Lob. – Wer sollte dieß in diesen blauäugigen Barbaren gesucht haben? – [12] Doch es sei! – Nun da ich einmal nachzuforschen begonnen, besinne ich mich auf meinen alten Wahlspruch: Nie in halbem Wege wieder umzukehren. – Beantworte mir daher noch eine Frage, und ich gebe dir mein Wort, es ist die letzte vorjetzt. Du hattest da auch ein drittes Ding, das den Donner und Blitz im Kleinen nachmachte, und der Himmel weiß, wie? sogar in jene Thür, trotz der weiten Entfernung, eingeschlagen hat; wie nennt ihr denn das?“

„Eine Pistole.“

„Und seine Natur? Die Art, wie es so heftige Wirkungen hervorbringt?“

Der Deutsche, der einmal ins Reden gekommen, nahm hier die zweite Pistole hervor, wieß sie ihm, drückte sie wie die erste ab, erklärte ihre Struktur, die Bestandtheile des Pulvers, seine Macht im Großen und Kleinen, und kurz – er verschaffte ihm, so viel sich’s mit wenigen Worten thun ließ, einen hinlänglichen Begriff davon.

Das Erstaunen des forschenden Wesens stieg hier aufs höchste.

„Wie nützlich, rief es aus, dieß im Kriege sein muß! Wie dienlich zu Eroberung fester Städte! Wie schnell entscheidend in Schlachten! – O, ich beschwöre dich: wer erfand das?“

„Wer sonst als ein Deutscher?“

Der Geist – denn was verschweigen wir es länger, daß es ein Geist war? – bebte hier drei Schritte zurück.

„Immer Deutscher, und wieder Deutscher! Woher in aller Welt ist euch die Weisheit zu Theil worden? Wisse, so wie ich hier vor dir stehe, war ich einst, ohne Eigenliebe gesprochen, der Geist des Cicero, des weisesten Mannes seiner Zeit, des Vaters seines Vaterlandes, des Besiegers der Parthen, des Beredtesten unter den Sterblichen, des – doch wer kennte mich nicht? Erlaube lieber, daß ich auch als Geist noch die Bescheidenheit beibehalte, die mich im Leben zierte. – Aber zu meiner Zeit waren, aufrichtig zu reden, deine Landsleute eines der dümmsten Völker, das je die Sonne beschienen: rauh, wild, ohne Ackerbau und Viehzucht, ganz den Wissenschaften und Künsten fremd, ewige Jäger, ewige Krieger, in Thierhäute eingenäht, und selbst beinah unbezähmbare Thiere. – Doch allem Ansehen nach müßt ihr euch indeß trefflich geändert haben. – Wenn ich mir nun vollends meine damaligen Mitbürger denke, nach dem großen Vorsprunge, den sie vor euch hatten: im Krieg und Frieden unerreichbar, Redner, Dichter, Geschichtschreiber, Herren der halben Welt, das erste Volk unter der Sonne! – O gewiß! sie müssen jetzt nah an die Gottheit grenzen! – Daß ich sie sehen könnte! Wenige Minuten noch, und das Dasein der ersten Stunde nöthigt mich wieder zur Unterwelt hinab, von der ich vielleicht in den nächsten 1800 Jahren mich nicht entfernen, und nur in weiten Einöden mit mir selbst schwatzen darf, weil es dem Murrkopf Minos scheint, als hätte ich hier oben ehemals dann und wann zu viel gesprochen. “

Der Deutsche lächelte; „So, sagte er, wie ich bin, sind alle meine Landsleute, oder könnten’s wenigstens sein; – Gefallen wir dir doch also, so wie wir zu euch kommen?“

„Allerdings.“

„Und du möchtest gern sehen, wie die deinigen, oder wenigstens deren größter Theil zu uns kömmt?“

„O für mein Leben gern!“

„Nun so warte einige Augenblicke! Ich verstehe ein wenig Magie. Dir zu gefallen, will ich sie nützen.“

Er winkte, und sogleich erschien auf jeder Seite der Gasse ein Savoyard:



„Kauft Hecheln, kauft!“ – „Schön Schattenspiel an der Wand, schöne Margaritha! Wer schaut!“ – so schallte es aus beider Munde.

„Sieh! fuhr der Deutsche fort: Sieh, Cicero, so kommen deine Nachkommen, die ehmaligen Herrscher der Welt, die ersten unter den Menschen, das Volk mit dem mächtigen Vorsprunge, so kommen sie größtentheils zu uns. – Gefallen sie dir?“

Der Geist verstummte. Denn eben schlug es ein Uhr, und er schien mit Unwillen von dannen zu fliehen.

Aber mit noch größerm standen die edlen Venetianer auf; beurlaubten sich mit kalten Lächeln, und hätten vielleicht bald sich thätig gerochen, wäre nicht Prinz und Kammerherr schon des nächsten Tages verschwunden.

(Nach Meißner.)