Deutschlands Colonialbestrebungen: Ruine Groß-Friedrichsburg

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Titel: Deutschlands Colonialbestrebungen. Ruine Groß-Friedrichsburg
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aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 349–351
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Rückblick auf die kurbrandenburgische Kolonie Groß Friedrichsburg und Intervention deutscher Soldaten 1884
s. auch Deutschlands Colonialbestrebungen: Deutsche an der Westküste von Afrika, Deutschlands Kolonialbestrebungen: Ein Besuch in einem Papuadorfe auf Neu-Guinea und Deutschlands Kolonialbestrebungen: Sansibar
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Deutschlands Colonialbestrebungen.
Ruine Groß-Friedrichsburg.
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Groß-Friedrichsburg.

Eine geheimnißvolle Macht waltet über Ruinen. Jahrhunderte vermögen nicht ihren Einfluß zu schwächen, denn eifersüchtig wird sie von der Sage und der Geschichte beschützt, die aus Schutt und Staub das Edelste zu retten wissen. In den Erinnerungen an große Thaten vergangener Zeiten ruht diese Zaubermacht, und mehr als einmal hat sie Wunder gewirkt. So drang in den Zeiten der nationalen Zersplitterung ihr Ruf von den Trümmern des Kyffhäuser in die deutschen Gaue, bald zornig mahnend, bald bessere Zukunft verheißend; in den Vorbereitungen zum Kampfe sprach sie herausfordernd aus den Ruinen des Heidelberger Schlosses, und auf der Höhe der Wartburg ließ sie einst die Jugend aus dem unvergänglichen Born der Erinnerung an den siegreichen Streit eines gewaltigen Mannes frischen Muth für die Tage der Bedrückung schöpfen. So griffen oft in entscheidendem Augenblick die alten Zeugen der Vergangenheit in’s volle frische Völkerleben und drängten die Massen auf die Bahn des Ruhmes.

Darum haben wir auch heute eine denkwürdige Ruine gewählt zum Ausgungspunkte unserer Betrachtungen über eine Frage, welche als die brennendste der Gegenwart bezeichnet werden muß und von deren Lösung zum großen Theil die künftige Macht und Weltstellung Deutschlands abhängt. Fern von der Heimath, am afrikanischen Strande wollen wir die verfallenen Reste einer deutschen Burg aufsuchen und ein Bild schauen, wie es kein Dichter besungen. Hier grüßen uns keine wilden Rosen an dem zerklüfteten Gemäuer, der Schatten deutscher Eichen breitet sich nicht über den versunkenen Wällen, und der immergrüne Tannenbaum, der treue Begleiter deutscher Burgen, fehlt an den Abhängen der Hügel. Ueber der Ruine, zu der wir heute wandern, leuchtet ein südlicher Himmel, tropische Lianen wuchern an dem verlassenen Wachtthurm empor, und schlanke Palmen umrahmen das seltsame Strandbild, auf dessen Vordergrund uns die Reste von Groß-Friedrichsburg entgegenschauen. Mehr als zweihundert Jahre sind verflossen seit ihrer Gründung, seit jenem Augenblick, da auf ihren Zinnen die brandenburgische Flagge zum ersten Mal wehte, und von ihren Wällen die brandenburgischen Feldschlangen zur Taufe der Burg im langdonnernden Jubel ihre eisernen Zungen lösten.

Damals schaute Groß-Friedrichsburg schmuck und stolz in den weiten Ocean hinaus, damals war ja die Burg die Wiege hochfliegender, vielverheißender Pläne. Heute liegen die eisernen Kanonen, die Schwestern der Siegerinnen von Fehrbellin, tief im Schutt vergraben, vom Rost zerfressen, und während die jugendfrische Macht der Hohenzollern vom Fels zum Meer reicht, ist dieses Werk des großen Kurfürsten längst fremdes Eigenthum.

Erzählen wir die Geschichte dieses südlichsten Postens der ehemaligen deutschen See- und Handelsmacht, sie ist zugleich die Geschichte der ältesten deutschen Colonialbestrebungen.

Vor nunmehr zweihundert Jahren, Anno 1684, erschien in Berlin eine Deputation schwarzer Eingeborener von der Guineaküste, um dem großen Kurfürsten ihre Huldigung darzubringen. In ganz Europa erweckte die Reise dieser Deputation nach der brandenburgischen Hauptstadt großes Aufsehen. Der längst erwachte Neid der seefahrenden Nationen, vornehmlich der Holländer, erhielt neue Nahrung durch die Thatsache, daß es des großen Kurfürsten rasch emporgeblühter Macht zur See nun auch gelungen war, an der westafrikanischen Küste festen Fuß zu fassen und die Colonien zu Groß-Friedrichsburg, Accada und Takarari sowie die Factorei Arguin nördlich vom Cap Verde in brandenburgischen Besitz zu bringen.

Nachdem nämlich die unter des Marinedirectors Raule sachkundiger Leitung errichtete brandenburgische Marine sich in den Kriegsjahren 1676 bis 1679 so glänzend bewährt, ließ es sich der große Kurfürst angelegen sein, nunmehr seine Schiffe zur Lösung friedlicher Aufgaben zu verwenden, wie es schon im großen Artikulsbrief Friederici Wilhelmi gesagt war: „daß sie – (die Marine) – fähig sei zur Führung unserer Kriege zu Wasser, zum Widerstande der allgemeinen Feinde und Seeräuber, auch zur Beschirmung unserer Lande und dero guten Unterthanen, so zur See negociren und handeln.“

Im Verfolg seines Lieblingsplanes, außereuropäische Colonien zu erwerben, sandte der Kurfürst im Januar 1681 unter Führung des Capitain Blank eine brandenburgische Fregatte von der damaligen Marinestation Pillau nach der Guineaküste ab. Blank brachte im Mai einen Vertrag mit drei Häuptlingen eines Negerstammes am Cap Tres Puntas zu Stande, nach welchem sich dieser Stamm, die Kabozeros, unter die Schutzherrlichkeit des Kurfürsten von Brandenburg begaben und gestatten wollten, daß ein festes Castell an ihrer Küste errichtet werde.

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Little Popo. Nach einer Originalskizze von Dr. Pechuel-Loesche.

Zur Gründung einer afrikanischen Handelsgesellschaft, deren Stiftungsurkunde der große Kurfürst am 7. März 1682 unterzeichnete, hatten viele bedeutende Firmen ihren Beitritt erklärt, sodaß der Kurfürst, ermuthigt durch den guten Anfang, dem Entdeckungsreisenden [350] Major Otto Friedrich von der Gröben die Leitung der Guinea-Expedition übertrug und ihn im Anfang des Jahres 1682 mit den Kriegsfregatten „Kurprintz“, Capitain Voß, und „Moriau“, Capitain Philipp, von Hamburg aus auf die Reise nach der Goldküste sandte. In einem 1694 herausgegebenen Werke hat „der adeliche Pilger Otto Friedrich von der Gröben“ die Expedition nach Guinea sehr eingehend und drastisch beschrieben. Er war mit seinen Schiffen, welche 300 Matrosen und 100 Landsoldaten als Besatzung zählten, nach guter Fahrt bis zur Mündung des Senegal gelangt und machte an der Sierra-Leone-Küste die erste Bekanntschaft der pechschwarzen „Nägers“. Westlich vom Cap Tres Puntas, beim kleinen Ort Axim, der Hauptniederlassung der Kabozeros, stieg von der Gröben an Land und kundschaftete auf dem direct am Wasser belegenen Berge Mamsro ein sehr geeignetes Terrain zur Anlage eines die Umgegend beherrschenden Castells aus. Durch reiche Geschenke an Waffen und Spielwaaren wurden die Eingeborenen veranlaßt, am Bau der kleinen Festung nach Kräften durch Herbeischaffen des benöthigten Materials mitzuarbeiten. Der Bau, von den deutschen Ingenieuren Walter und Leugeben geleitet, ward Ende December 1682 glücklich zu Ende geführt. Der in eine immerhin respectable Festung verwandelte Berg Mamsro wurde dann mit sechs Kanonen armirt und 40 Mann der Landtruppen erklärten sich bereit, als Besatzung für die Dauer einiger Jahre zurückzubleiben. Die Zahl der Geschütze wurde später auf 40 erhöht.

Unter besonderen Feierlichkeiten ließ von der Gröben am 1. Januar 1683 die Taufe der deutschen Feste auf schwarzer Erde vornehmen.

„Den folgenden Tag,“ so berichtet er selbst, „als den ersten Januarii Anno 1683 brachte Capitän Voß die große Churfürstlich Braudenburgische Flagge vom Schiff, die ich mit Pauken und Schallmayen auffgeholet, mit allen im Gewehr stehenden Soldaten empfangen und an einem hohen Flaggenstock habe auffziehen lassen; dabei mit fünff scharff geladenen Stücken das neue Jahr geschossen, denen jedes Schiff mit fünff geantwortet, und ich wieder mit drei bedanket. Und weil Sr. Churf. Durchlaucht Nahme in aller Welt groß ist, also nennete ich auch den Berg den Großen Friedrichsberg!“

Die kleine, später Groß-Friedrichsburg genannte Factorei bildete bald den Ausgangspunkt weiterer Unternehmungen. Benachbarte Negerstämme suchten den Schutz des großen Kurfürsten auf, und diese Erwerbung neuer Gebiete hatte noch die Errichtung des mit zwölf Geschützen armirten Forts „Dorothea“ und eines kleineren Forts bei Takarari zur Folge.

Leider blieb dieser neuen Handelsniederlassung der Segen des friedlichen Gedeihens nicht lange erhalten. Schon im Jahre 1688 brachen Conflicte mit den benachbarten eifersüchtigen holländischen Factoreien aus, welche bald zum kriegerischen Zusammenstoß führten. Die holländisch-ostindische Compagnie ließ die deutschen Forts auf eigene Faust, ohne die Zustimmung ihrer Regierung, angreifen und plünderte einen Theil der deutschen Waarenlager. Groß-Friedrichsburg allein widerstand tapfer den holländischen Angriffen.

Die Nachfolger des großen Kurfürsten hatten ihr Auge auf andere Ziele gerichtet. Namentlich aber hatte König Friedrich Wilhelm I. gar kein Interesse an der Entwickelung der preußischen Seemacht, und so faßte er den Beschluß, die Besitzungen der brandenburgischen Handelsgesellschaft in Westafrika einfach zu verkaufen. Man bot dieselben zunächst für 600,000 Gulden aus, als aber Niemand diesen Preis zahlen wollte, wurde die Colonie schließlich an die holländische Compagnie für 6000 Ducaten und – 12 junge Mohren, die als Trommler und Pfeifer in der preußischen Armee verwendet werden sollten, verkauft.

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Mulatte Gomez.
Nach einer Photographie von A. Walther in Wilhelmshaven.

Zweihundertundzwei Jahre nach vollzogener Besitzergreifung und Taufe des Castells Groß-Friedrichsburg – am 27. Januar 1884 – warf wiederum ein deutsches Kriegsschiff, S. M. Corvette „Sophie“ vor Groß-Friedrichsburg Anker. Dasselbe ist von der tropischen Vegetation gänzlich überwuchert, sodaß von der See her nur der 11 Meter hohe Signalthurm und eine Frontmauer zu sehen waren. Im tropischen Grün liegt in der Nähe des Forts ein kleines Negerdorf.

In Begleitung mehrerer Officiere fuhr der Commandant der „Sophie“ in einer Jolle an Land, wobei ein von 12 Negern bemanntes Canoe – welche den Fremdlingen nur friedliche Absichten zutrauten – die am wenigsten durch die Brandung gefährdete Landungsstelle durch Vorausfahren angab. Zweck der Landung war, einige Aufnahmen von diesem für Preußen historischen Fleckchen Erde zu machen. In einer der Bastionen fanden die Officiere sechs alte brandenburgische Geschützrohre, welche, unter Trümmern und Erde begraben, unbemerkt schon mehrere Menschenalter hindurch gelegen haben mögen. Gern gab der Häuptling der Neger, der sich selbstbewußt „king“ nennt, seine Einwilligung zum Fortschaffen eines Rohres, und freudig legten die Schwarzen Hand mit an, dasselbe vom Berge bis zum Strande zu schaffen, wofür ihnen ein jubelnd aufgenommenes Gegengeschenk von vier Flaschen Rum und ein Pfund Sterling an Geld gemacht wurde. An Deck gebracht, erwies sich das Geschützrohr, welches 2,05 Meter lang ist und ein Caliber von acht bis neun Centimeter zeigt, derart von Rost zerfressen, daß von einer Gravirung nichts mehr zu sehen war. Unzweifehaft aber ist es, daß das Rohr von der ursprünglichen Armirung des Castells herstammt.

So ist die brandenburgische Festung Groß-Friedrichsburg heute ein leerer Trümmerhaufen, mit dem ein elender Negerhäuptling, wie es scheint, nach Belieben schalten und walten kann. Die deutsche Staatsmacht ist von der Küste Westafrikas zurückgedrängt, die preußische Flagge wurde hier freiwillig eingezogen. Die Fehler der Staatsmänner entmuthigten jedoch keineswegs die deutschen Kaufleute, die anfangs ohne jede staatliche Unterstützung, ohne jeden Schutz hier auf eigene Faust Factoreien gründeten und, dem unermüdlichen deutschen Afrikaforscher auf der Spnr folgend, das Innere des Landes dem Welthandel erschlossen. Längs der afrikanischen Küste weht mitten unter den englischen, französischen und holländischen Farben auch die schwarz-weiß-rothe Fahne. Für die muthige Schaar deutscher Unternehmer, die sie hier aufgehißt, scheinen jetzt nach der Aufrichtung des Reiches bessere Zeiten anzubrechen. Die deutsche Flotte ist stark genug, um den deutschen Handel zu schützen, und die Kriegscorvette „Sophie“, Capitain von Stubenranch, hatte Gelegenheit unmittelbar nach ihrem Aufenthalt vor Groß-Friedrichsbnrg den Beweis zu liefern, daß die Zeiten der deutschen Schwäche vorüber sind.

Am 28. Januar nahm die „Sophie“ ihre Fahrt längs der Küste wieder auf und legte am 30. desselben Monats auf der Rhede von Little Popo an. Vom Strande aus begrüßten mehrere schwarz-weiß-rothe Flaggen deutscher Factoreien das deutsche Kriegsschiff. Etwa 36 Angehörige des in seinem Besitzthum von England anerkannten freien Negerkönigs Lawson erschienen bald an Bord, um gegen Früchte Kleidungsstücke einzutauschen, aber auch vier junge deutsche Kaufleute ließen sich zum Schiff bringen, um dem Commandanten Klagen über einige Negerhäuptlinge wegen Verletzung der mit letzteren abgeschlossenen Verträge vorzutragen und ihn um seine Intervention zu ersuchen. In unvertragsmäßiger Weise [351] forderten nämlich die Negerhäuptlinge von den schwarzen Waarentransporteuren der Factoreien einen Tribut, wenn sie, mit Waaren aus dem Innern des Landes kommend, ihre Dörfer passirten. Dem energischen Einschreiten des Commandanten, welcher sich in Begleitung einiger Officiere an’s Land begab, gelang es, drei Häuptlinge zur Raison zu bringen, während der King Lawson renitent verblieb und den schriftlich erneuerten Vertrag nicht unterzeichnen wollte.

Am 2. Februar lichtete die „Sophie“ wieder die Anker, um die fünf Meilen von Little Popo entfernte Ansiedelung Grand Popo zu besuchen. Hier erwartete die Deutschen eine Ueberraschung, welche die „Sophie“ zur schleunigen Rückkehr nach Little Popo zwang. Nach ihrer Abfahrt von letzterem Ort hatten die Neger des King Lawson das Leben und Eigenthum der Deutschen bedroht; sie hatten den Verkehr zwischen dem deutschen Dampfer „Carl Woermann“ und den Ansiedlern gehindert und letztere selbst gezwungen, in ihre am Strand belegenen Factoreien zu flüchten. Einem Deutschen, Herrn Randad, war es gelungen, noch ein Pferd zu besteigen und im Galopp nach Grand Popo zu reiten, um dem Commandanten der „Sophie“ Meldung von der Revolte zu machen und um Beistand zu bitten. Schon während der Rückfahrt wurden an Bord Vorbereitungen zur Landnug eines Expeditionscorps getroffen. Die Mannschaften wurden mit Nackenschleiern, mit Limonade gefüllten Feldflaschen und mit je 40 scharfen Patronen versehen. Am frühen Morgen des nächsten Tages wurde das aus 120 Mann inclusive den Unterofficieren und Officieren bestehende Expeditionscorps auf den vom Dampfer „Carl Woermann“ bereitwilligst zur Verfügung gestellten Brandungsbooten glücklich durch die hohe Brandung bei der Hamburger Factorei gelandet.

Unter dem Commando des ersten Officiers der Corvette, Capitainlieutenant Trützschler von Falkenstein, begannen nach vorher festgesetztem Kriegsplan die Manöver. Aufgabe des Corps war es, den König Lawson mit seinem Premierminister gefangen zu nehmen, hierbei so viel wie möglich Blut zu schonen und nur im Nothfall zu feuern. Eine Abtheilung unter Führung des Lieutenants z. S. von Usedom bestieg einige den Deutschen gehörende Lagunenboote, um den Bewohnern des von zwei Seiten von Wasser umgebenen Hauptdorfes Bagi, woselbst der König in einem großen bereits baufälligen, jedoch mit überraschendem Luxus ausgestatteten Lehmwandgebäude residirte, den Wasserweg zur Flucht abzuschneiden.

Ein andres Detachement unter Capitainlieutenant von Trützschler marschirte um das am Strand liegende Dorf Little Popo herum und umstellte in Bagi von allen Seiten des Königs Palais. Von verschiedenen Richtungen waren einige Schüsse gefallen, jedoch ohne zu treffen. Der Premierminister und die Diener des Königs versuchten vergeblich zu entfliehen. Das Wohngebäude des letzteren mußte gewaltsam geöffnet werden und nun erst verstand sich der König nach kurzem Parlamentiren dazu, den Weg zum Landungsplatz anzutreten, um dort zu hören, was ihm der Commandant zu sagen habe. Der König stieg alsbald in eine Sänfte, und gefolgt von seinen Ministern und zahlreichen Negern ging es in pomphaftem Zug zum Landungsplatz. Als jedoch der Zug die Grenze zwischen dem Negerdorf und den deutschen Ansiedelungen erreicht hatte, wollten die zahlreich herbeigeeilten Eingeborenen beiderlei Geschlechts ihren König verhindern, weiter zu ziehen.

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Neger Albert Wilson.
Nach einer Photographie von A. Walther in Wilhelmshaven.

Besonders ungeberdig zeigten sich die heulenden und schreienden Negerweiber, sie wurden aber durch Marinesoldaten, welche mit aufgepflanztem Bajonett den Zug umgaben, am Durchbrechen desselben verhindert. Ein Leibdiener des Königs, der sich nahe herandrängte und den Revolver zog, um ihn auf einen Unterlieutenant abzufeuern, wurde noch im rechten Augenblick durch die Kugel eines Matrosen niedergestreckt. Die Kugel hatte des Negers linke Brust durchbohrt und ihn sofort getödtet. Nun räumten die Schwarzen unter Mitnahme ihres Todten sehr eilig den Platz.

Ohne weitere Schwierigkeiten fand nun das Einschiffen der afrikanischen Majestät mit seinen Ministern statt. Andern Tages wurden die übrigen Negerhäuptlinge an Bord berufen und in Gegenwart der deutschen Colonisten die Verträge einer nochmaligen Revision unterzogen, worauf dem König Lawson eröffnet wurde, daß man ihn freilassen werde, falls er einen passenden Ersatzmann zu stellen vermöchte. Hierzu erbot sich ein Verwandter von ihm, Namens Albert Wilson, dessen achtzehnjähriger Sohn den Vater nicht verlassen und mit ihm die Gefangenschaft theilen wollte. Außerdem wurde noch ein Mulatte Namens Gomez, ein einflußreicher und begüterter Anhänger des Königs, als Geisel zurück behalten, während letzterer wieder an’s Land gesetzt und dort von den Seinen mit Freuden empfangen wurde. Mit einigen anderen Negerfürsten, insbesondere dem König Jamble aus Abanaque, gab es in den darauffolgenden Tagen noch Verhandlungen, die bei der entwickelten Energie der Deutschen zu befriedigendem Ende geführt wurden.

So hatte die Besatzung des deutschen Kriegsschiffes im Augenblick hoher Gefahr für die dortigen Deutschen noch rechtzeitig eingreifen können. Die Geiseln wurden nicht etwa als Bürgschaft für eine Contributionssumme mit nach Deutschland genommen, sondern als Bürgschaft für das Wohlverhalten der Schwarzen von Little Popo und für das Einhalten der Verträge während der Zeit, da an der dortigen Küste kein deutsches Kriegsschiff weilt. Das Kanonenboot „Möve“ hat nunmehr in Kiel die Geiseln wieder an Bord genommen, um sie in ihre Heimath zurückzubringen. Genanntes Schiff wird an der westafrikanischen Küste längere Zeit Station machen, um die Deutschen und ihr Besitzthum gegen jeglichen Uebergriff zu schützen.

Hinzuzufügen bleibt noch, daß die Geiseln, übrigens die intelligentesten Leute ihres Stammes, in Wilhelmshaven, Berlin, Hamburg und Kiel Gelegenheit genug gehabt haben, sich von der Macht des deutschen Reiches, welche sie so geringschätzig beurtheilt, zu überzeugen. Es ist anzunehmen, daß sie mit anderen Gesinnungen erfüllt in ihre tropische Heimath zurückkehren und ihre Landsleute darüber aufklären, daß nicht nur Englands Einfluß groß ist.

Für die deutsche Colonialbewegung dürfte die oben skizzirte Reise der Kriegscorvette „Sophie“ von großer Bedeutung sein. Der schlichte Bericht wirkt mehr als hundert Reden und Flugschriften. Die Geschichte spricht deutlich aus den Ruinen von Groß-Friedrichsburg und weckt in allen Herzen die Frage, ob nicht endlich die Zeit gekommen ist, wo ein kühner Staatsmann das Vermächtniß des großen Kurfürsten antreten muß. Wir sehen in Deutschland eine mächtige Agitation und hören den lauten Ruf nach endlicher Lösung der Colonialfrage! Hier öffnet sich ein großes Wirkungsfeld für Alle ohne Rücksicht auf Parteistellung, und das hohe Ziel dünkt uns erreichbar ohne kriegerische Verwickelungen und Opfer an Menschenleben. Man darf nur diejenigen nicht im Stiche lassen, die bereits zu handeln begonnen haben. Mit dieser Zuversicht scheiden wir heute von dem alten brandenburgischen Fort, um neue lebenskräftige Schöpfungen aufzusuchen.