Deutschlands erster Improvisator und sein Loos

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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Deutschlands erster Improvisator und sein Loos
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 808–812
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Oskar Ludwig Bernhard Wolff
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[808]
Deutschlands erster Improvisator und sein Loos.
Von Friedrich Hofmann.


Der fünfte März des Jahres 1825 war ein Tag geheimer und darum doppelt schwerer Sorge für eine Mutter in Hamburg. Niemand im Hause durfte ahnen, was sie drückte, Niemand bemerken, wie sie den Reisekoffer des geliebten Sohnes packte, letzterer am wenigsten. Je näher der Abend kam, desto banger wurde ihr um’s Herz, desto gepreßter der Seufzer: „Fort muß er, wenn’s mißlingt! Keinen Tag darf er länger in Hamburg bleiben!“ – Und als die siebente Stunde schlug, sandte sie einen treuen Diener mit einem vertrauten Auftrage ab und schritt nun in unbeschreiblicher Unruhe von Zimmer zu Zimmer, bald zum Koffer und bald wieder zum Fenster, des Dieners Rückkehr erharrend.

Was hat diese Mutter so tief bewegt? Welche Gefahr stand ihrem Sohne bevor?

Eine Gefahr, an welche dieser selbst keinen Augenblick gedacht, als er das in Deutschland Gewagteste unternommen hatte: sich dem öffentlichen Urtheil preiszugeben durch das erste Auftreten in einer für die Deutschen ganz neuen Kunst, für welche ihnen nicht nur die durch sie bisher bevorzugten Nationen, sondern die Deutschen sich selbst von je alle Befähigung abgesprochen hatten. Ein junger, in weiteren Kreisen noch völlig unbekannter Dichter trat heute zum ersten Male öffentlich als Improvisator in deutscher Sprache auf, und dieser Dichter war jener Mutter Sohn.

Es wird nicht überflüssig sein, ehe wir die Leistungen des ersten deutschen Improvisators darstellen, über das Wesen der improvisatorischen Kunst selbst das Nothwendigste vorauszuschicken. Jeder Improvisator muß Dichter sein; während aber der Dichter sein Gebilde, einerlei, ob er den Stoff dazu aus sich geschöpft oder ob er ihm von außen geboten ist, in möglichster Ruhe ausbaut, die rechte Stimmung abwartet, sich volle Zeit nimmt, mit Schwierigkeiten des Rhythmus und des Reims zu kämpfen, streicht, ändert und feilt nach Gefallen und erst das vollkommen fertige Gedicht an die Oeffentlichkeit bringt, kann der Improvisator, welcher sein Talent öffentlich verwerthet, sich die Stunde nicht wählen, wo er für seine Augenblicksschöpfungen „disponirt“ ist; die Zeit ist vorher bestimmt, der Saal gefüllt, die Aufgabe wird gegeben und hundert Augen sind auf das Antlitz gerichtet, hinter dessen Stirn sofort der Geist Das poetisch gestaltet, was der Mund in fertiger Form ausspricht. Gerade dies Einheitliche des Schaffens und Preisgebens ist das Wesentliche der Improvisation. Es giebt wohl Dichter, welchen ein gutes Gedächtniß gestattet, bei irgend welchen gesellschaftlichen Gelegenheiten sich ein Gedicht im Kopfe fertig zu machen und dann vorzutragen: dies ist nicht improvisirt, es ist die gewöhnliche, nur raschere und die Niederschrift der Arbeit entbehrende poetische Production; der Improvisator läßt seine Dichtung vor unseren Augen und Ohren entstehen, er denkt gleich in Rhythmus und Reim, und das Publicum lebt sein Dichten mit.

Hohe Würdigung haben die Improvisatoren da längst gefunden, wo ihre eigentliche Heimath ist, in Italien und Spanien; dort sind die berühmtesten Improvisatoren sogar auf dem Capitol gekrönt und an Fürstenhöfe gezogen, hier von ihren Vaterstädten hochgeehrt worden. Nur den nordischen Völkern schien eine solche Geistesfähigkeit versagt zu sein. Denn die Leber- und andere gesellschaftlichen Reimspielereien wird man nicht hierher ziehen wollen; weit eher hätte der freie Schnaderhüpflgesang bei unseren Alpenvölkern darauf hindeuten können, daß die Kunst der freien Dichtung den Deutschen nicht ganz versagt sei. Indeß wagte, wenigstens öffentlich, Niemand gegen das herrschende Vorurtheil aufzutreten. Um so erfreulicher ist es, daß gleich der Erste, der dies unternahm, sich und uns den Ruhm erwarb, daß er als einer der größten Improvisatoren aller Zeiten und Völker anerkannt ist, und eben darum werden unsere Leser mir um so bereitwilliger zu einer näheren Betrachtung dieser denkwürdigen Erscheinung und des Mannes selbst und seines späteren Schicksals folgen, als die Tage seines höchsten Glanzes in eine für das Nationalehrgefühl der Deutschen so traurige Zeit fielen, daß eine Würdigung seines Verdienstes von diesem Standpunkt aus gar nicht möglich war, ja es vielmehr möglich wurde, daß die ganze gegenwärtige Generation von den großartigen Erfolgen einer so seltenen deutschen Geisteskraft nichts mehr weiß.

Was ich hier über ihn mittheile, ist nicht blos aus fremdem Material, sondern zum größten Theil aus eigener Erinnerung an den persönlichen Umgang mit ihm geschöpft, dessen ich mich Jahre lang zu erfreuen hatte.

Oskar Ludwig Bernhard Wolff ist der Name dieses Mannes. Wir suchen ihn gleich in Hamburg auf, wo wir ihn, den Sohn wohlhabender Eltern des Kaufmannsstandes (er ist am 26. Juli 1799 zu Altona geboren), nach in Berlin und Kiel vollendeten natur-, schönwissenschaftlichen und Sprachstudien als Lehrer bei zwei verschiedenen Erziehungsanstalten finden. Ein neckisches Spiel hatte ihn dort in gesellschaftlichem Kreise zum ersten Versuch geführt, als Capuziner den Anwesenden eine gereimte Bußpredigt zu halten; das Gelingen derselben regte in ihm die Ueberzeugung an, daß er die Gabe der freien Dichtung in weit höherem Grade besitze, als er selbst geglaubt hatte. Als er dies in vertrauterem Kreise einmal äußerte, sagte ihm eine Dame, die durch ihr musikalisches Talent in der Gesellschaft glänzte: „Versuchen Sie es doch, Sie können es gewiß.“ Diese Herausforderung nahm Wolff sofort unter der Bedingung an, daß sie ihn in freier Phantasie auf dem Flügel begleite und Niemand als eine Freundin von ihr dem Versuche beiwohne. So geschah es. Wolff erzählt (in der autobiographischen Vorrede zur Gesammtausgabe seiner Schriften[1]) diesen für die improvisatorische Kunst in Deutschland entscheidenden Augenblick so:

„Wir versammelten uns dazu an einem der nächsten Nachmittage; das aufgegebene Thema war das Lob deutscher Dichtkunst; sie präludirte, und durch ihr herrliches Spiel aufgeregt und fortgerissen, fiel ich ihr in die Töne und sprach ohne Anstoß fort, gedrängt von den Bildern und Anschauungen, die in mir aufstiegen, die poetische Form unbewußt gestaltend, wobei sie mich [809] nun in Accorden, gleichsam nur tragend, begleitete. – Durch diese ungewohnte geistige Aeußerung wurde ich jedoch so exaltirt, daß ich mich plötzlich außerhalb aller Ruhe befand und, um diesen mir selbst fremden Zustand zu enden, in der Mitte abbrach und vom Stuhle aufsprang, auf welchem ich bisher, äußerlich unbeweglich, neben ihr gesessen hatte. Die beiden Frauen schwiegen lange, wie ich, theils erstaunt, theils ergriffen; endlich bemerkte die geistig gleichfalls hochstehende Freundin: ob ich wohl wisse, daß ich namentlich die letzte Hälfte in durchaus regelmäßigen Stanzen gesprochen habe? Das war mir völlig neu, denn während des Improvisirens ruht überhaupt mein sonst so starkes Gedächtniß, hinsichtlich des eben Geschaffenen, gänzlich, und ich erinnere mich nur des Inhalts und der Wendung des Hauptgedankens, nie aber, oder höchstens in ganz seltenen Fällen, wo ich von dem plötzlich Entstandenen selbst überrascht werde, der Form und der Worte. Es gab mir also um desto mehr zu denken, wie überhaupt die ganze Erscheinung mich seltsam bedrängte und mir viele Fragen erzeugte, deren Lösung mich nicht ruhen ließ. Ich eilte in das Freie, um mit mir selbst etwas in’s Klare zu kommen, nachdem ich beiden Freundinnen gelobt hatte, die Sache sehr ernst zu behandeln und das Talent, als ein mir vom Himmel zugefallenes Geschenk, mit dankbarer Liebe zu pflegen.“

So würdig eines neuen Triumphes des deutschen Geistes begrüßten diese edlen Menschen die neue Erscheinung. Für Wolff selbst wurde sie zur Quelle peinigender Unruhe, die ihn zu strenger Selbsterforschung trieb und zu rastlosen Studien über Alles, was er über Improvisation und Improvisatoren auftreiben konnte. Dabei erweiterte sich der Kreis der Eingeweihten mit den fortgesetzten Versuchen; namentlich wurden die Tonkünstler Clasing und Albert Methfessel, der damals in Hamburg lebte, beigezogen; beide begleiteten fortan, abwechselnd mit der genannten Dame, die Improvisationen auf dem Pianoforte. Clasing ist längst todt, aber Methfessel, der Dreiundachtzigjährige, flammt noch heute in Begeisterung auf, so oft Wolff und jene Hamburger Tage vor seinem geistigen Auge aufsteigen. „Ich glühe, wenn ich daran denke, wie selig am Pianoforte ich in Hamburg neben ihm saß und wie wir Gedanken, Rhythmen, Strophen, ganze Lieder in ganz consequenter Formbildung einander, er mir von den Tasten und Klängen, ich ihm von den Lippen, ablauschten. Ein einziges Zeichen oder zwei Worte, und ganze Scenen traten in oft wunderbarem Zusammenhange vor dem Zuhörer auf. Noch jetzt denke ich mit Entzücken der ihm gestellten Aufgabe: ‚Ein Morgen vor dem Ausbruch des Vesuv‘. Hier bildete er eine Barcarole von sechs bis sieben Strophen mit immer wechselnden Rhythmen, die er streng durchführte. Es war zu merkwürdig, zu wunderbar! Seine Geistesbildung, seine Phantasie, seine Sicherheit, Alles wirkte zusammen. Seine musikalische Auffassungskraft war ganz geeignet, meine Andeutungen sogleich zu verstehen. Ja, wir haben in der That köstliche Feierstunden mit einander verlebt!“ So schreibt mir Methfessel, die ehrwürdige Thüringer Nachtigall in Braunschweig. Manches herrliche Lied Beider entstand damals im Moment, das sich später über ganz Deutschland verbreitete. Wer kennt nicht das in Wort und Ton so herzensfrische „Wo möcht’ ich sein?“

Trotz dieser großartigen Erfolge trieb doch nur fremdes Unglück Wolff in die Oeffentlichkeit. Fürchterliche Sturmfluthen hatten im Winter von 1824 auf 1825 an den Küsten der Niederelbe und Schleswig-Holsteins oft Hab’ und Gut von Tausenden in einer Nacht verschlungen und das Elend war groß. Da eilte Alles in jenem niedersächsischen Volke mit seinen Gaben herbei, Jedes nach seinem Vermögen, und Wolff weigerte sich auf den Wink der Freunde keinen Augenblick, zum Besten der Verunglückten mit Clasing und Methfessel die erste öffentliche improvisatorische Soirée zu geben.

Das war jener Abend des fünften März 1825, und unsere Leser werden nun die Besorgniß jener edlen Mutter in Hamburg an jenem Tage gerechtfertigt finden. Wolff, der liebevolle, bis zum letzten Hauche für die Mutter begeisterte Sohn, eilte gleich nach der Soirée zu ihr, um ihr den glücklichen Ausgang zu verkünden. Sie hatte ihn bereits (durch den Diener) erfahren, ging ihm mit jubelndem, von der Angst befreitem Herzen entgegen – und entdeckte ihm ihre Fürsorge, zeigte ihm den gepackten Reisekoffer. – „Wie tief dies mich rührte – wie könnte ich das beschreiben, wie es nur beschreiben wollen!“ ruft Wolff in jener Autobiographie aus, die Niemand ungelesen lassen sollte, dem das Bild eines reinen Geistes ein Seelenlabsal ist.

Selbst der rauschende Beifall, welchen Wolffs höchst gelungene Improvisationen über die beiden Aufgaben „Dante im Exil“ und „Byron’s Tod“ in dieser Soirée fanden, konnte ihn nicht über den wahren Werth seines Talentes beruhigen, und er beschloß deshalb, in Berlin sich die Entscheidung darüber zu holen. Er trat dort zuerst in der sogenannten Mittwochsgesellschaft, dann noch in zwei öffentlichen Soiréen auf, deren letzter die ganze königliche Familie beiwohnte. Diese und Männer wie Chamisso, Hitzig, Karl Seidel, Friedrich Förster, Wilhelm Müller ehrten das neue Talent mit warmer Anerkennung; „die größte Freude,“ erzählt Wolff, „machte mir Devrient, der, als ich bei der liebenswürdigen Caroline Bauer, und von ihr musikalisch begleitet, ein von ihm gegebenes Thema zu lösen versuchte, plötzlich aufsprang und mir, da ich kaum die Hälfte erreicht, in die Rede fiel, mit den Worten: ‚Hören Sie auf, um Gotteswillen, ich halte es nicht länger aus; es macht mich wahnsinnig, daß Jemand im Stande ist, so rasch zu denken, während ich kaum vermag, seinen Worten zu folgen, und so unfähig zu allem Produciren bin ohne langes Besinnen!‘“

Diese Anerkennungen bestärkten ihn in der Ueberzeugung, daß es seine Pflicht sei, sein Talent nach Kräften auszubilden und in die Oeffentlichkeit zu tragen. Immer rasch in der Ausführung seiner Entschlüsse, löste er sein Verhältniß als Lehrer auf, zog sich in die Einsamkeit des Landlebens zurück und arbeitete und übte sich rastlos bis zum Herbst, wo er, gegen Ende Octobers, seine erste Improvisatorfahrt antrat. Diese führte ihn über Bremen, Hannover und Celle nach Braunschweig und Wolfenbüttel. Ueberall erntete er rauschenden Beifall, seine Reise glich einem Triumphzuge, aber trotz alledem konnte er zu keiner Selbstzufriedenheit mit seinen Leistungen kommen; es fehlte ihm etwas, das er nicht zu ergründen vermochte, und eben deshalb stand sein Sehnen fortwährend nach dem Altmeister deutscher Dichtkunst, von dem allein er das rechte Urtheil erwarten konnte, nach Goethe.

Diesem Drange folgend, eilte er von Braunschweig unaufhaltsam in der strengen Winterkälte nach Weimar.

„Andächtig, wie ein Grieche, der in ein Pantheon trat, bin ich hier eingefahren,“ erzählt Wolff. Kaum aus dem Wagen gestiegen, bat er in einigen Zeilen Goethe um die Erlaubniß eines Besuchs. Er wurde auf den folgenden Mittag bestellt – und so jung war er noch, trotz seiner sechsundzwanzig Jahre, daß er zur bestimmten Stunde vor Herzpochen kaum die Treppe zu Goethe’s Zimmer ersteigen konnte und vor der Thür sich erst sammeln mußte. Goethe empfing ihn „mit förmlicher Freundlichkeit“, erwiderte aber auf Wolff’s Bitte, ihm eine Probe geben zu dürfen, um endlich das von ihm so sehr ersehnte Urtheil zu hören: „Es würde mich zu sehr zerstreuen.“ Tief betrübt über eine so ganz verfehlte Hoffnung, stieg Wolff die Treppe wieder herunter, fand aber bald Trost bei der Hofräthin Schopenhauer, die, mit Goethe’s Wesen besser vertraut, meinte: „Haben Sie nur Geduld, er wird Sie schon von selbst auffordern.“ So geschah es. Nachdem Wolff mehrmals in engerem Kreise, vor der großherzoglichen Familie und öffentlich aufgetreten war und namentlich durch die dramatische Behandlung des Sujets „der Sturz des Montezuma“ ungewöhnliche Sensation hervorgerufen hatte, lud ihn Goethe’s Schwiegertochter ein, bei ihr am folgenden Tage zu speisen, aber vorher sie präcise um zwölf Uhr zu besuchen. Wolff stellte sich pünktlich ein, irrte sich jedoch in der Localität und trat, als auf sein Anklopfen „Herein“ gerufen worden, in ein Zimmer, in welchem er zu seiner großen Verlegenheit Goethe allein antraf. Und nun wollen wir diesen wichtigen Vorgang Wolff selbst erzählen lassen:

„Als ich mich entschuldigte, nicht zu ihm gewollt zu haben, sagte er sehr mild: ‚Nun, Sie können aber doch etwas bei mir altem Manne bleiben und später zu den jungen Damen hinausgehen.‘ Dann sprach er sogleich über mein Talent und fragte mich: ‚Wollten Sie mir nicht auch etwas sprechen?‘ Ich bezeigte meine Bereitwilligkeit, bemerkte jedoch, daß ich vor ihm allein ängstlich sein würde. Er ging nicht darauf ein, sondern entgegnete: ‚Setzen Sie sich dort an den Flügel; nehmen Sie aber die Brille ab, sie sticht mich.‘ Ich that nach seinem Wunsche, und nun sagte er: ‚Schildern Sie mir einmal Ihre Rückkehr nach Hamburg und zugleich Hamburg selbst.‘ Die Aufgabe kam mir allerdings seltsam [810] vor, doch wagte ich, aus zu großer Ehrfurcht, nicht, etwas zu bemerken, und begann auf der Stelle. Nie in meinem ganzen Leben bin ich so befangen gewesen: die Gedanken drängten sich zwar in Masse herzu, die Reime waren, wie immer, zur Hand, aber die Sprache wurde mir so schwer, als müßte ich die Worte wie mit einem Schöpfrade aus der tiefsten Brust herausholen. Allmählich besiegte ich diese Befangenheit, die mir physisch allein hinderlich war, etwas; ich führte nun meine Empfindung bei dem Wiedersehen der Meinigen in einer zwar einfachen, aber strengen Form, mit gekreuzten Reimen und daran sich schließenden Doppelreimen, durch und wollte nun zu dem objectiven Theil übergehen und die Schilderung mit der Beschreibung eines Abends auf dem Jungfernstiege beginnen und dann im Gegensatz einen Morgen im Hafen und einen Mittag an der Börse zubringen; da traten mir aber plötzlich Erinnerungen an allerlei komische, in Hamburg wohlbekannte Personen, welche stereotype Besucher obiger Promenade waren, vor die Sinne und drangen sich mir so nachdrücklich auf, daß ich sie gar nicht von mir schütteln konnte. Dies verwirrte mich, ich fühlte, daß ich aus dieser wunderlichen humoristischen Stimmung nicht heraus könne, und fürchtete, er werde es übel empfinden, wenn ich ihr freien Lauf ließe. Unwillkürlich hielt ich mitten in der Rede inne, sprang vom Stuhl auf, trat zu ihm und sagte, ohne recht zu wissen, was ich that: ‚Excellenz, ich kann nicht weiter, ich habe mich lange nach diesem Augenblick gesehnt und jetzt, wo er eingetreten ist, lähmt mir die Angst die Herrschaft über mich selbst, ich will lieber vor tausend Zuhörern improvisiren, als vor Ew. Excellenz allein.‘

‚Nun, nun,‘ erwiderte Goethe, ‚beruhigen Sie sich. Was mir mein gnädigster Herr, die Kinder und der Kanzler über Sie gesagt haben, ist wahr; Sie besitzen ein schönes und seltenes Talent und wissen es mit Geschick und Bescheidenheit zu behandeln; aber Sie leiden an einem Fehler, an dem die jetzige ganze Jugend krankt und der Sie zurückbringt, statt Sie zu fördern, weil er Sie über das, was Sie geben, täuscht. Was Sie mir da geschildert haben, sollte Hamburg sein, aber es konnte ebensogut Naumburg oder Merseburg oder jedes andere Burg sein; Hamburg war das nicht, und Hamburg ist doch so eigenthümlich, daß man es mit zwei Strichen zeichnen kann.‘

Ich verstand ihn sogleich und erzählte ihm, wie es mir eben wunderlich ergangen sei.

‚Ei,‘ versetzte er, ‚da hätten Sie sich nicht sollen irren lassen.‘

Als ich nun bemerkte, daß ich gern, wo ich es nöthig fände, vorherrschend objectiv verfahre, und ihm als Beispiel meine dramatische Improvisation vom gestrigen Abend anführte, in die ich eine detaillirte, im Augenblick erfundene Beschreibung der mexicanischen Götzenbilder verflochten, versetzte Goethe:

‚Das war recht gut, man hat mir davon gesagt, aber das ist es noch nicht, solche Beschreibungen haben immer etwas Subjectives; ich meine noch etwas Anderes. Denken Sie darüber nach, wenn Sie meinen, daß Ihnen mein Rath nützen könne, und nun gehen Sie zu meinen Kindern hinauf, wo Sie erwartet werden.‘“

Goethe und Eckermann setzten am folgenden Abend die Verhandlung über den Gegenstand, der ganz Weimar bewegte, fort. Goethe sagte unter Anderem: „Ich bin aufrichtig gegen ihn (Wolff) gewesen, und wenn meine Worte auf ihn gewirkt und ihn angeregt haben, so ist das ein sehr gutes Zeichen. Er ist ein entschiedenes Talent, daran ist kein Zweifel, allein er leidet an der allgemeinen Krankheit der jetzigen Zeit, an der Subjectivität, und davon möchte ich ihn heilen. Ich gab ihm eine Aufgabe, um ihn zu versuchen. ‚Schildern Sie mir,‘ sagte ich, ‚Ihre Rückkehr nach Hamburg.‘ Dazu war er nun sogleich bereit und fing auf der Stelle in wohlklingenden Versen an zu sprechen. Ich mußte ihn bewundern, allein ich konnte ihn nicht loben. –“ Goethe wiederholt, was wir bereits wissen, von der Hamburger Eigenartigkeit etc., und fügt im Verlauf des Gesprächs hinzu: „Ich bin gewiß, wenn es einem improvisatorischen Talent, wie Wolff, gelänge, das Leben großer Städte, wie Rom, Neapel, Wien, Hamburg, London, mit aller treffenden Wahrheit zu schildern und so lebendig, daß sie (das Publicum) glaubten, es mit eigenen Augen zu sehen, er würde Alles entzücken und hinreißen. Wenn er zum Objectiven durchbricht, so ist er geborgen, es liegt in ihm, denn er ist nicht ohne Phantasie. Nur muß er sich schnell entschließen und es zu ergreifen wagen.“

Wolff hatte den Muth zu dem Griffe und that ihn mit der Gründlichkeit und Energie, die ihn immer bei seinen Studien leiteten. Er hatte die Wahrheit in Goethe’s Fingerzeig erkannt und säumte keinen Augenblick, die neue Bahn einzuschlagen, so schwer sie ihm auch anfangs wurde. Formell hatte er ja längst sein Talent nach allen Richtungen hin gebildet und nicht allein es dahin gebracht, lyrisch, episch und dramatisch zu improvisiren, sondern auch sich jede Beschränkung, wie z. B. eigenthümliche Strophenbildung, bestimmte Wörter und Reime, mit denen angefangen oder geendet werden sollte, und dergleichen Spielereien mehr, zugleich mit dem Thema vorschreiben zu lassen, ohne daß ihn dies im Mindesten störte.

So hatte denn der erste deutsche Improvisator alles Mögliche gethan, um vom größten deutschen Dichter nicht blos bewundert, sondern auch gelobt zu werden. Was würde in jedem andern Lande, als Deutschland, jetzt dieses Mannes Loos gewesen sein? Würden die Medicäer Italiens ihm eine Lehrerstelle angeboten haben, aber unter der ausdrücklichen Bedingung, daß er von dem nun des höchsten Glanzes würdigen Talente durchaus keinen öffentlichen Gebrauch mehr mache?

In Deutschland ist dies möglich gewesen, mit dem ersten deutschen Improvisator ist es geschehen. Daß er selbst in dieses Zusammenbinden seiner Flügel gewilligt, ist nicht ihm als Schuld anzurechnen. Eine Schuld fällt überhaupt auf keine der betheiligten Personen, sondern auf die deutschen Verhältnisse. Einen Improvisator hatte endlich Deutschland, aber für diesen fehlte das unbefangen empfangende Volk oder ein ihn sogleich in seine rechte Ehre einsetzender Hof. Karl August und Goethe waren alte Herren geworden, von einer großen, reichen Vergangenheit gesättigt, von Verehrung übersättigt, zogen sie in ihren Gewohnheitskreis nicht mehr Neues, namentlich, wenn es sie zu sehr zu „zerstreuen“ drohte. Und trotz der Erlauchtheit ihrer Geister waren sie doch nicht frei von dem allherrschenden Vorurtheil, welches in der öffentlichen und öffentlich bezahlten Ausübung einer so rein persönlichen Kunst, wie das Improvisiren es ist, etwas mit der Ehrsamkeit der bürgerlichen und der Würde einer amtlichen Stellung Unvereinbares erblickte. Wäre Wolff ein reicher Mann gewesen, wie gern würde er ganz Deutschland mit seinem Talent um keinen andern Lohn erfreut haben, als den der Anerkennung, wie er denn später noch oft äußerte, daß nie ein verdienter Lohn ihn höher entzückt habe, als der jenes Augenblicks in Wolfenbüttel, wo seine Improvisation schönen Augen Thränen entlockt hatte. Aus einer tüchtigen bürgerlichen Familie entsprossen und gewöhnt an den Erwerb als Lehrer und Schriftsteller, erfüllte ihn, trotz aller öffentlichen Lobeserhebungen, mehr und mehr ein Widerwille gegen die Nothwendigkeit, seine hohe Begabung zu Markte zu tragen. Darum nahm er die ihm angetragene Professur am Gymnasium in Weimar sofort an; mußte er doch bei der damals noch allgemeinen zunftstolzen Abgeschlossenheit des Gelehrtenthums vom bürgerlichen und öffentlichen Leben befürchten, bei einer späteren Rückkehr von den Brettern der Oeffentlichkeit zu demselben nicht mehr als vollgültig angenommen zu werden! – Der Arme! Er ahnte nicht, daß dieses Unglück bereits fertig war.

Wolff improvisirte nur noch in Leipzig und Dresden, nahm dann in Hamburg, wo er den ersten Lorbeer errungen, in einer letzten Soirée von der öffentlichen Ausübung seines Talentes Abschied[2] und trat am 9. Mai 1826 sein Amt in Weimar an. Im Jahre 1832 siedelte er als Professor der neuern Sprachen und Literaturen nach Jena über.

Als akademischer Lehrer war Wolff eine geradezu epochemachende Erscheinung. Die Mehrzahl der Professoren huldigte [811] damals noch der Unsitte des Dictirens, als lebten sie noch vor den Zeiten der Buchdruckerkunst; die meisten übrigen lasen – wie ihre Thätigkeit amtlich auch genannt wird – aus ausgearbeiteten Heften vor; nur wenige begleiteten ihr Compendium mit frei vorgetragenen Erklärungen. Der philosophische Geist, der früher die akademische Jugend Jenas erhoben, war verschwunden, der politische gewaltsam niedergedrückt, das Brodstudium nahm Alles fast ausschließlich in Anspruch. Da kam Wolff – und öffnete uns in der Fülle der Facultätswissenschaften verschmachtenden jungen Leuten die frische belebende Quelle der schönen Literatur. Ich war von 1834 an Wolff’s Schüler und muß jedes Wort unterschreiben, was einer meiner Commilitonen aus jener Zeit über Wolff sagt: „Wer es, wie wir, gesehen hat, wie damals selbst die weitesten Räume die anströmende Menge seiner Zuhörer nicht fassen konnten und mit welcher Ausdauer und Begeisterung die Vorlesungen über Literatur, die Erklärungen der shakespearischen und goethe’schen Dramen unter dem fast noch ungekannten Zauber der freien blühenden Rede entgegengenommen wurden, der wird es nicht bestreiten, daß eine Reihe von Jahren hindurch von Wolff die kräftigsten Impulse ausgegangen sind, den Kreis der akademischen Studien über das Maß des Nothwendigen und Nothdürftigen hinaus zu erweitern.“ Ihn unterstützte dazu Alles: die Vorzüge der Jugend, einer edlen, schönen Männlichkeit, der wohlthuende Reiz der nordischen Zunge, ein volltönendes Organ, die feinste Bildung und Umgangsform und eine in seinem Fache außerordentliche Gelehrsamkeit. Die slavischen ausgenommen verstand er alle europäischen Sprachen und deren Hauptdialecte, mit besonderer Vorliebe hatte er das Holländische, Vlämische, Schwedische, Spanische und Portugiesische getrieben, im Englischen, Italienischen und Französischen improvisirte er die längsten Dichtungen.

Aber all’ dieses Wissen und Können war für ihn in dem kleinen Jena ein unfruchtbares Gut. Dazu reichte seine geringe Besoldung kaum zur Deckung der Bedürfnisse seiner Bibliothek hin, die sehr bedeutend waren, wenn er auf dem weiten Gebiete seines Berufs, für den die ärmlich dotirte Universitätsbibliothek ihn nicht unterstützen konnte, mit allen neuen Erzeugnissen vertraut sein wollte. Da nun Gesetz und Vorurtheil ihm den Erwerb mit Hülfe seines improvisatorischen Talents untersagten, so mußte er rastlos zur Feder greifen: er war der treueste, fleißigste „Pflüger mit dem Geiste“. Ich weiß, daß er selten weniger als zwölf Stunden täglich am Schreibtisch saß, studirend und producirend mit der großen Selbstbeherrschung und Ausdauer und der Macht über seine Stimmung, die ihn als Improvisator ausgezeichnet hatte.

Diesem Fleiß Wolff’s und seiner vollendeten Formgewandtheit verdanken wir eine Reihe lyrischer, epischer, dramatischer und erzählender Werke, die wohl verdienten, in einer Auswahl und zum Besten seiner Hinterbliebenen dem deutschen Volke von Neuem vorgeführt zu werden. Dazu gehören sein „Abälard und Heloise“, „Einhundert Bilder und Lieder“, „Träume und Schäume des Lebens“, „Dämmerstunden“ und vor Allem sein „Cid“, das vollendetste Werk seiner Dichterkunst und Gelehrsamkeit. Sein Roman „Mirabeau und Sophie“ erlebte in kurzer Zeit zwei Auflagen. Seine „Briefe auf einer Reise nach Paris“ sind noch jetzt geistreiche Muster für jeden Feuilletonisten. Von seinen literarhistorischen und Sammelwerken, für die ihn seine außerordentliche Belesenheit und sein Sammeleifer ganz besonders befähigten, sei hier nur sein berühmter „Poetischer Hausschatz des deutschen Volks“ erwähnt, der unter seiner Hand dreiundzwanzig Auflagen erlebte und dem Verleger sicherlich eine hundertfältige Ernte eintrug. Und wie sinnig und ächt dichterisch ging Wolff dabei zu Wege! Nicht galt es ihm die leichte Arbeit, die Heroen der Literatur in breiten Auszügen vorzuführen, sondern die versteckten, vergessenen und begrabenen Perlen hervorzuholen, auch wenn sie von armen, namenlos gebliebenen Dichtern herrührten. „Wem auch nur ein gutes Lied gelungen ist, der verdient mit ihm im Volke fortzuleben,“ das rief er uns, seinen Schülern und jungen akademischen Freunden zu, die wir alle für ihn und sein Werk mit suchten in den reichen Schätzen seiner Bibliothek. So ist das Buch entstanden, und das daran mitarbeitende Herz fühlte das Volk heraus und machte es zu seinem Liebling. „Ihm verdankt die deutsche Literatur eine außerordentliche Verbreitung auch im Ausland, und nur Wenige wissen seine Verdienste durch diese Thätigkeit würdig zu schätzen“ – ruft die „Weserzeitung“ unserm Wolff nach. Nicht geringeren Werth haben seine Volksliedersammlungen, vor Allem seine „Halle der Völker“, denn als Volksliederübersetzer wird er nur schwer erreicht werden.

Was war nun der Erfolg so großartiger Thätigkeit? Welche Früchte trug so rastloses Schaffen[,] so hohe Begabung, so umfassendes Wissen? – Keine andern, als daß die Wogen aus dem Meere der Sorgen und Bedrängniß immer höher an ihm emporschlugen, und ohne seine oder der Seinen Schuld, denn ein so fleißiger Mann konnte nur ein eingezogenes nüchternes Leben führen, und einer Familie, in welcher der Geist der edelsten Bildung waltete, war die Gefahr nutzloser Vergeudung fremd. Vielleicht in der Hoffnung, daß sein improvisatorisches Talent sich dankbarer verwerthe, als seine Feder, erwarb er sich im Herbste 1843 die Erlaubniß, noch einmal als Improvisator aufzutreten. Sein Weg führte ihn diesmal nach Süddeutschland und bis Wien, und wie bei seinem ersten Adlerflug in Berlin die Königsfamilie, so ertheilte ihm hier, achtzehn Jahre später, das Kaiserhaus den Lorbeer. Aber seinen gedrückten Verhältnissen war damit nicht aufgeholfen; man sah ihn ringen und ließ ihn im Meer der Sorgen untergehen.

Er starb am 16. September 1851. – Und was hat die Gegenwart auf seinen Grabstein geschrieben?

So traurig sein Gang zum Grabe war, – noch viel trauriger ist’s auf seinem Grabe. – Undank und Beschränktheit suchen ihn der Vergessenheit zu überliefern. Was Wolff als Improvisator geleistet, – wer spricht noch davon? – Aber daß er Improvisator gewesen, hat sein literarisches Wirken wie ein Fluch verfolgt. Es schien förmlicher Beschluß der damals regierenden Kritik zu sein, Wolff’s poetische Schöpfungen todt zu schweigen und seine gelehrten Arbeiten mit Achselzucken zu behandeln, – er producirte ja so rasch und viel, der Improvisator, wie konnte da etwas Gutes an den Sachen sein? Wohl nie haben Vorurtheil und Neid in häßlicherem Bunde gegen einen Mann gestanden, als gegen Wolff!

So ist denn der Lorbeer des Improvisators verdorrt und der des Dichters ihm kaum gegönnt worden. Seine Volksliedersammlungen, seine reizenden Uebersetzungen werden von allen späteren Sammlern benutzt, aber man nennt seinen Namen nicht. Die neueste Auflage des „Hausschatzes“ führt zwar noch Wolff’s Namen, aber ihn selbst hat der neue Herausgeber aus der Reihe der Dichter desselben gestrichen, – er ist somit aus seinem eigenen Hause hinausgeworfen. – Und ganz im Geiste dieser Behandlung seines Andenkens ist die Schillerstiftung mit demselben verfahren: der Wiener Vorstand hatte – nachdem er sich erst brieflich in Deutschland erkundigt, wer denn eigentlich dieser etc. Wolff gewesen und was er geschrieben – der Wittwe desselben für drei Jahre je hundert Thaler ausgesetzt. Diesen Ehrensold hat man gewissenhaft nach Ablauf der drei Jahre der siebenzigjährigen halb erblindeten Greisin wieder entzogen, denn man mußte „eine Reihe von bisher Betheiligten streichen, um einer noch größeren Reihe von neuen Petenten Platz zu machen,“ d. h. man mußte einem Lebenden fünfhundert Thaler aufdrängen, und dazu mußten die armen Wittwengroschen geopfert werden! – –

Nimmt man endlich noch hinzu, daß der einst so gefeierte Lehrer und viel umworbene Gelehrte in dem akademischen Jena ein so stilles, schmuckloses Begräbniß fand, wie es keinem noch so obscuren Studenten zu Theil wird, so steht wohl das Bild der trauernden, verlassenen Familie des Mannes, in dessen Mißhandlung solche Harmonie herrscht, in der richtigen Färbung vor unseren Augen. Wolff war einer der edelsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe, und seine Familie war sein einziges Glück. Die innigste Liebe umschloß Alle in dem prächtigen Kreise, welchen stets die schönsten Blüthen der Dichtkunst vieler Nationen erhoben. Ja, welch’ ein Leben ist an uns vorüber gegangen! Wie glänzend das Aufsteigen, wie rosen- und dornenreich der Gang, wie düster das Ende! So wäre wirklich für ihn die Dichtkunst ein Fluch gewesen?

Nein! Sie war im Leben sein Trost und wird im Tode seine Ehre bleiben. Das deutsche Volk hat ein so entschiedenes Rechtsgefühl, daß die Sache eines Unterdrückten nur vor sein Forum gebracht zu werden braucht, um der Gerechtigkeit für ihn sicher zu sein. Das haben wir hiermit gethan. Wir haben erwiesen, daß O. L. B. Wolff uns Deutschen die Ehre errungen [812] hat, uns des größten Improvisators aller Zeiten und Völker rühmen zu können, daß er als Dichter Schönes geschaffen, als Gelehrter und Schriftsteller die Perlen der Volkspoesie vieler Länder gesammelt und für die Kunde der deutschen Literatur im Ausland höchst verdienstvoll gewirkt hat. Ich bin überzeugt, daß es nur dieser Nachweisung bedurfte, um das bis jetzt einsam, schmucklos und vergessen gewesene Grab im Gottesacker zu Jena fortan zu einer besuchten und geschmückten Stätte zu erheben. Heute ist’s noch so traurig bei dem dreifachen Grabe, unter welchem Wolff neben seiner Mutter und einem Töchterlein schlummert; die Abendschatten von den hohen Denkmälern der alten Fechtmeister von Jena und die Blätter der Thränenweide eines Nachbargrabs fallen auf dasselbe; kein Stein nennt den Namen des Dichters, nur der treue Epheu schlingt seinen Rahmen um das öde Bild. Aber wir werden es erleben, daß die Gartenlaube sich abermals als das Blatt der That bewährt. Ihre Leser, die schon einen stattlichen Theil der deutschen Nation bilden – und zwar rings um die Erde, – werden die Leiden der Verkennung eines reichen und edlen Geistes nachempfinden und es sich zur Herzenssache machen, durch die Erneuerung seines Andenkens ihm sein Recht und seinen Lieben die höchste Wohlthat zu erweisen.

Mir aber erlaube man ein Geständniß. So oft mir die Ehre zu Theil wird, einen Artikel für die Gartenlaube zu schreiben, greife ich mit dem Bewußtsein zur Feder, daß dies für Millionen Leser geschieht. Dieser Gedanke ist, wie kein anderer, geeignet, bei der Wahl des Stoffs wie der Form an Ernst und Gewissenhaftigkeit zu mahnen: die weite, fast unabsehbare Wirkungssphäre des Blattes verpflichtet dazu. Nie aber bin ich ernster und doch freudiger an eine Arbeit gegangen, als an die vorliegende: erfüllte sie mich doch mit dem Gefühl der Genugthuung, im Namen Tausender von dankbaren Schülern des geliebten Lehrers zu sprechen, einem verkannten deutschen Mann die ihm versagte wohlverdiente Würdigung, einem Dichter den ihm vorenthaltenen Lorbeer wahren zu helfen und damit beizutragen, daß die Gartenlaube sich von Neuem bewähre als das, was sie schon so vielen vom Unrecht Unterdrückten und Verfolgten gewesen ist: eine Herberge der Gerechtigkeit.


  1. Jena, Fr. Mauke, 1841.
  2. Nach Wolff haben sich als öffentliche Improvisatoren in Deutschland hervorgethan: Maximilian Langenschwarz, der bei großer Begabung und Gewandtheit leider sich vom Hang zum Humbug nicht frei erhielt und dadurch der Würde der seltenen Kunst schadete; Eduard Beermann, der in glücklichen Stunden Gutes leistete; Eduard Volkert, dessen treffliches Talent von Armuth und Sorge erdrückt wurde und der (1865) zu Schwabach im Armenhause starb. Der ausgezeichnetste deutsche Improvisator der Gegenwart ist Wilhelm Herrmann aus Braunschweig, der würdigste Nachfolger und dankbarste Verehrer seines großen Vorgängers Wolff. Er hat sich bis jetzt auf das lyrische und epische Fach beschränkt, leistet im Ernsten wie im Komischen Vortreffliches und erfreut namentlich im Sonnet und im Akrostichon oft durch überraschende Geistesblitze und reine, anziehende Sprache.